Freitag, 21. Juni 2024

Die Sonne wendet sich

 

Ein Feuerchen, das den Feen den Weg zu uns weist ...


Heute feiern wir den längsten Tag, also den höchsten Stand der Sonne. Und wenn wir noch eine klitzekleine innere Verbindung zu den alten Bräuchen unserer Vorfahren haben, entzünden wir ein großes Feuer und springen mutig darüber. Denn unsere Ahnen, die Kelten, glaubten, dass am Tag des höchsten Sonnenstandes die Feen der Menschenwelt ganz nahe kommen. Und damit sie sich den Menschen furchtlos nähern und von ihnen bemerkt werden konnten, mussten vorher die bösen Geister in der Aura der Menschen im Feuer verbrannt werden. 

Für unsere Vorfahren war die Sommersonnwende ein Fest der Freude und des Dankes an die Natur, die sie so üppig beschenkt hat. Sie sammelten die Sommerkräuter, die jetzt ihre höchste Kraft haben: Holunder, Johanniskraut, Arnika, Beifuß, Ringelblume und Schafgarbe. Auch das Kräuterbüschel wurde kurz ins Feuer gehalten, um ihm die Feuerkraft mitzugeben. Dann wurde es im Haus an den Balken gehängt und getrocknet, um im Winter zu heilendem Tee aufgegossen zu werden.

Und wir? Leider haben wir vergessen, das Licht zu feiern, als es seinem Höhepunkt zustrebte. Wir hätten genügend Zeit gehabt, immerhin sechs Monate lang. Aber wir waren zu beschäftigt mit Dingen allerhöchster Dringlichkeit, und außerdem hat es ja dauernd geregnet. Und jetzt - ja, heute Nacht, man fasst es nicht - beginnt sie schon, die dunkle Zeit. Ach was, eigentlich ist sie schon da, jedenfalls in unserem Gefühl und unseren mürrischen Mienen: diese schreckliche Düsternis, die Kälte, die uns in die Knochen kriecht. Wir frieren uns schon mal ein.

Aber es ist nicht zu spät, sie alle zu feiern, die wir zu lange als selbstverständlich hingenommen haben: die Himbeeren, Erdbeeren, den Spargel und Rhabarber, den Schnittlauch und die Petersilie, die Mohnblumen, Ringelblumen, Margeriten, die Gräser und Bäume, die Bienen und Wespen und Schmetterlinge. Wir feiern die Fülle, mit der die Natur uns beschenkt, einfach so, und unser Einsatz war nicht mehr als ein wenig Gießen, Düngen und Umgraben (oder ein paar Euro für den Bauern im Hofladen).

Übrigens: Erst in dem Moment, in dem die Sonne im Jahreslauf am Niedersinken ist, beginnt das große Reifen in der Natur. Erst in den kommenden Wochen röten sich die Himbeeren, werden die Johannisbeeren süß, duftet betörend der Jasmin. Die Rosensträucher biegen sich unter der Last der Blüten, wie es bald auch die Apfel- und Birnbäume tun werden, von den Rebstöcken ganz zu schweigen.

Vielleicht sollte man sich das mal merken: Erst wenn die Lebensbahn sich dem Ende zuneigt, beginnt die eigentliche Ernte.

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Mittwoch, 19. Juni 2024

Wie Hochsensible die Welt wahrnehmen


Das Thema Hochsensibilität wird von den Medien immer öfter aufgegriffen, und ich bin jedes Mal glücklich, wenn diese Persönlichkeits-Eigenschaft, mit der ich selbst lebe, auf seriöse Weise dargestellt wird. Hochsensible - ich bevorzuge allerdings den Begriff Hochsensitive - haben ein hoch erregbares Nervensystem, das auf Reize schneller und intensiver reagiert als das von Nicht-Hochsensitiven. Wir vertragen im Allgemeinen keinen Lärm und andere grelle Sinnesreize, und ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt oder der Hauptbahnhof in der Ferienzeit ist für uns eine Herausforderung. Weil Hochsensitive viel allein sein müssen, um ihre Energien wieder aufzuladen, werden sie leider oft mit Autisten verwechselt. Wir sind aber geradezu das Gegenteil. Während ein Autist Mühe hat, die Gefühlsregungen anderer Menschen nachzuvollziehen, lesen wir jede Regung im anderen, reagieren auf jede kleinste Geste und schwingen uns empathisch in unsere Mitmenschen ein. Wobei wir leider oft vergessen, unsere Grenzen zu wahren, und uns damit heillos überfordern.

3sat hat jetzt einen besonders guten und fundierten Film vom ORF übernommen: "Wie Hochsensible die Welt wahrnehmen".

Interviewt werden Hochsensible aus allen Lebensbereichen: Eine Managerin, eine Beraterin, eine Musikerin, ein Künstler, eine Lehrerin, eine Schauspielerin und sogar ein Polizeidirektor. Wie nehmen sie die Welt wahr, wie leben sie? Philipp Yorck Herzberg, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, bringt das Wesentliche auf den Punkt: "Die Kunst ist, die Nische zu suchen, die zur eigenen Persönlichkeit passt."

Jede und jeder zeigt in diesem Film das Symbol, das für ihn oder sie Hochsensibilität an besten repräsentiert. Wir sehen etliche Schmetterlinge, Muschel, Mimose, Meeres-Schildkröte, Bonsai und sogar einen Drachen. Ich verrate euch mein Symbol: Es ist die Katze. Wer je mit einer Katze gelebt hat, weiß: Sie sieht und hört alles, auch wenn sie scheinbar schläft. Sie hat ungeheuer feine Antennen für die Gedanken und Gefühle des Menschen, der ihr begegnet, und lässt sich durch keine netten Worte und kein Lächeln täuschen. Als Symbol für meine Hochsensibilität habe ich sie vor allem deshalb ausgewählt, weil sie wie ich eine Einzelgängerin ist, die Menschenmassen meidet, sich anderen nur sporadisch anschließt und am liebsten alleine und in der Stille auf leisen Pfoten ihrer Wege geht.

Der Film ist bis Mitte August in der 3sat-Mediathek zu sehen und lohnt das Anschauen (auch für Nicht-Hochsensible!): Hier (klick)

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Mittwoch, 12. Juni 2024

Die Liebeserklärung


 

"Am Zeitungsstand im Supermarkt standen die Leser bei ihrer kostenlosen Morgenlektüre. Auch der kleine Junge war da, der damals in meinem Viertel wohnte. Er blätterte in einem Comic-Heft. Die Frau, die zu ihm gehörte, las eine der bunten Illustrierten. Der Junge war ein Sonnenschein, der allen Menschen zulächelte. Ich lungerte in der Kosmetikabteilung herum, um mich von dem Kind noch ein wenig bescheinen zu lassen.

Der Kleine, der auf dem Boden kniete, sah zu der Frau auf. Von seinem Blickwinkel aus sah er zweifellos kein Gesicht, sondern eine Illustrierte mit Beinen. Schmeichelnd fragte er: 'Oma?' Die Frau überflog die Affären der Prominenz. Länger als zehn Minuten konnte sie das kaum tun, sonst hätte sie die Zeitschrift kaufen müssen. 'Oma', sagte der Junge, 'ich möchte dir was sagen.' Die Frau blätterte. 'Oma', sagte das Kind, 'ich hab dich lieb.'

Die Frau gab einen routiniert klingenden Laut von sich, ein seit Jahrhunderten bewährtes „Hmm“, das aufdringliche Kinder abwimmelt. Etwas aber musste durch das Papier gesickert sein, eine Energie, die sich zwischen Seitensprüngen und Scheidungsgerüchten hindurchgeschlängelt hatte. Verwirrt hielt die Frau im Lesen inne und schaute sich um auf der Suche nach dem, was da in ihr Leben gekommen war. Unter ihr wendete sich der Junge befriedigt wieder dem Comic zu. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte. Die Frau sah ratlos die Illustrierte an, schlug sie enttäuscht zu und stellte sie zurück ins Regal."

Die Welt ist voll von nicht empfangenen Liebeserklärungen. Pass auf, dass Du die an Dich gerichteten nicht verpasst.




Dies ist der Beginn meines Essays "Schönheit liegt im Detail" aus der Ursache\Wirkung 116. Wie geht die Geschichte weiter? Das liest Du hier (klick)

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Donnerstag, 6. Juni 2024

Die Natur ist beseelt

 


Als ich das erste Mal in Plum Village war, sah ich mit Überraschung, dass die Nonnen Bäume umarmten. Auf diese Idee war ich bis dahin nicht gekommen, aber da es als eine Praxis betrachtet wurde, suchte auch ich mir einen Baum aus, der mich ansprach. Er hatte eine glatte Rinde und war so schlank, dass meine Arme ihn umfassen konnten. Welch eine Überraschung: Ich umarmte ein lebendes Wesen. Es pulsierte, es atmete, und ich atmete mit ihm.

Das war Anfang der 1990er Jahre, und ich traute mich nicht, über diese Erfahrung zu schreiben. Ich galt sowieso als eine Romantikerin, die eine "animistische Weltsicht" vertrat. Aber wie schnell haben sich doch die Ansichten geändert. Man darf heute sagen, dass die Natur beseelt ist, ohne seine Reputation in der akademischen Welt zu verlieren. Einer, der das auf sympathische und kluge Weise tut, ist der Biologe und Philosoph Andreas Weber.

In diesem Interview mit Olivia Röllin in der Sendung des Schweizer Fernsehens "Sternstunde Religion" spricht er davon, dass das Weltbild der Dualität an sein Ende gekommen ist. Den Begriff "Natur", der die Vorstellung eines Gegenübers erzeugt, ersetzt er durch "lebendige Wirklichkeit". Unsere Interaktion mit dieser Wirklichkeit ist ein "Prozess der gegenseitigen Durchdringung, die Individuen gebiert, die sich nach Entfaltung sehnen und dadurch auf andere Individuen angewiesen sind".

"Wir müssen wieder lernen, zu denken wie ein Berg", sagt er. Immer wieder radelt er in den Grunewald zu "seiner" Eiche, die er als eine Mentorin bezeichnet. Ich wünsche mir, dass viele Menschen dieses halbstündige Interview anschauen und vielleicht einen ganz neuen Zugang finden zu der lebendigen Wirklichkeit, von der wir alle ein Teil sind. Weber fasst seine Weltsicht in dem schönen Satz zusammen: "Gaia - die lebende Welt - ist ein Akteur geworden und hat eine politische Stimme. Sie antwortet uns, und wir können mit ihr Bündnisse schließen."

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Samstag, 1. Juni 2024

Werkbegegnung: Zur Sprache bringen



 "Werkbegegnung Pusteblume". 😊 Links: A.B., Zeichnung. Rechts: M.I., Fotografie.

 

Wenn Du zufällig in der Nähe von Schwäbisch Gmünd/Aalen lebst, sei herzlich eingeladen zu einem besonderen Event: einer Werkbegegnung von Kunst und Literatur mit meinem Künstler-Freund Alfred Bast und mir. 

 

"Zur Sprache bringen" - Dichtung, Kunst und Bilder
Lesung und Gespräch

16. Juni 2024, 14.30 Uhr
Kunstraum Hohenstadt


Abtsgmünder Straße 5
73453 Abtsgmünd-Hohenstadt

 

Was Dich erwartet? Wir wissen es selbst noch nicht. Alfred und ich sind neugierig und folgen weder in unserer Arbeit noch in unserem Leben festen Vorstellungen, Erwartungen oder Überzeugungen. Wir sind mehr daran interessiert, mit offenen Sinnen wahrzunehmen, was um uns herum geschieht. Uns von der sich unablässig verändernden Natur und den Begegnungen mit Menschen inspirieren und berühren zu lassen. Und das Empfangene setzen wir dann um - in Bilder, in Skulpturen, in Sprache, in Sprach-Bilder.

Es wird also um Wahrnehmung gehen, um Farben und Formen und Rhythmus und Klang, um Sehen und Lauschen, um Begegnung und Austausch. Wie Alfred sagt: "Kommunikation ist das Herz der Kunst".

Alfred und ich haben schon etliche Projekte miteinander realisiert. Sein Werk finde ich sehr inspirierend. Schau mal hier auf seine Website (klick).

Ich würde mich freuen, Dich in Hohenstadt zu sehen.

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Mittwoch, 22. Mai 2024

komorebi 木漏れ日


Ich bin fasziniert davon, dass es in der japanischen Sprache Ausdrücke gibt für ganz bestimmte Stimmungen, Zustände oder Momente, die es in keiner mir bekannten westlichen Sprache gibt. Eins davon ist das Wort komorebi [木漏れ日]. Das Schriftzeichen enthält das Baumzeichen [], das Zeichen für Glanz, Filter, Leck [漏れる] und Sonne [].

komorebi ist das Licht, das durch die Baumkronen fällt, das Spiel von Licht und Schatten der Blätter auf dem Boden. Ich denke dabei an einen Nachmittag im Sommer. Heiße Siesta-Stille, ich liege auf der Wiese am Waldrand im Schatten einer Buche, ein leiser Wind streicht durch die Krone des Baumes, neben mir glitzert der Teich und auf mir und um mich herum wiegen sich die Blätterschatten.

Ist das nicht wunderbar? Mit einem einzigen viersilbigen Wort das Glück eines ganzen Sommernachmittags eingefangen. Jetzt wisst ihr, warum ein Haiku im Grunde unübersetzbar ist. Jedes Wort transportiert eine Fülle an Bedeutungen, Stimmungen, Wahrnehmungen. Manchmal spielt die Tageszeit eine Rolle, immer die Jahreszeit, zumeist das Licht, die Farben. 

Japanische Ausdrücke sind oft mehr Geste als Wort. Drücken Umfassendes und Gleichzeitiges aus, wo Worte mühsam hintereinander herstolpern, gefangen in der Linearität.

Schaut mal nach oben statt nach unten. Überlasst euch komorebi für ein paar Minuten ohne den Zwang, darüber nachzudenken und das Spiel von Licht und Schatten in Worte zu fassen. Für ein paar Minuten des Verweilens im reinen Sein.  

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Mittwoch, 15. Mai 2024

Der Wert der Arbeit


Guten Tag, meine Lieben. Heute möchte ich mit Euch etwas in eigener Sache teilen. Mich bewegt gerade die Frage: Wie viel ist unsere Arbeit wert? Ist es nicht absurd, dass zum Beispiel ein Bundesliga-Spieler sechsstellige Beträge "verdient", während eine Altenpflegerin von ihrem Gehalt kaum die Miete bezahlen kann? Wer also bestimmt den Wert einer Arbeit? Das sind wir selbst, als Gesellschaft und als Einzelne.

Vor elf Jahren habe ich beschlossen, einen Blog zu veröffentlichen. Ich wollte im weltweiten Netz eine Gegenstimme sein zu den Nachrichten über Gewalt, Krieg, Verbrechen und Katastrophen anderer Art. Mein Blog sollte zu einem Raum werden, in dem alles Platz hat, was uns stärkt, ermutigt, inspiriert. In diesen weiten offenen Raum lade ich seitdem Menschen ein, die im selben Geist wie ich leben und nach anderen Lösungen für unsere Probleme suchen. Menschen, die bewusst wahrnehmen, Achtsamkeit und Freundlichkeit schätzen, Klarheit und Poesie. Also Menschen wie Sie und Du.

Inzwischen sind 600 Posts online (einen Teil habe ich, weil nicht mehr aktuell, herausgenommen), die über 1000 Kommentare bekommen haben. Mein Blog wird in mindestens zwölf Ländern gelesen (meine Statistik vermerkt dazu "und etliche weitere") und hat täglich viele Hundert Aufrufe. Darüber freue ich mich sehr. 

All dies macht viel Arbeit. Ich schreibe nicht nur meine Texte, ich recherchiere Texte und Links, ich suche nach Musik und Videos, ich lese Bücher für Euch. Deshalb habe ich in den letzten Monaten darüber nachgedacht, den Blog zu schließen. Aber ich habe gemerkt, wie sehr ich an dieser Form des Schreibens hänge und dass ich die Kontakte mit Euch, die über den Blog entstehen, vermissen würde.

Inzwischen sind viele Blogger dazu übergegangen, eine Paywall einzurichten, sodass man die Texte nur in Form eines regelmäßig gezahlten Abonnements bekommt. Die meisten anderen bitten um Spenden. Und das tue ich nunmehr auch.

Im Buddhismus gibt es Dana, die praktizierte Großzügigkeit; buddhistische Lehrer in Asien arbeiten fast immer auf Spenden-Basis. Aber wir im Westen haben eine Bezahl-Kultur. Wir wollen wissen, "was das kostet", und dann entscheiden wir uns dafür oder dagegen. Damit geht unsere Freiheit und Eigenverantwortung verloren. Ein zu bezahlendes Abo würde weder zu mir noch zur Ausrichtung dieses Blogs passen.

Ich habe mich entschlossen, diesen Blog weiter zu führen, und er wird wie in den letzten elf Jahren frei zugänglich sein für jede und jeden. Aber wenn er Dir gefällt und Dich inspiriert und Du es Dir leisten kannst, freue ich mich sehr über eine Spende. Die Höhe entscheidest alleine Du, auch ein kleiner Betrag ist willkommen. Du wirst in Zukunft unter jedem Post den Spenden-Link sehen, außerdem ist er in der rechten Sidebar ganz oben, versteckt unter dem Sterntaler-Bild. Du findest alle Informationen, wenn Du unverbindlich auf den Link klickst.

Ich danke Dir, dass Du mir bis hierher zugehört hast. Und hier ist der Link (klick).


Donnerstag, 9. Mai 2024

Chapelle Notre-Dame-du-Haut Ronchamp



Ich war sehr jung. Es war Sommer, mein Freund und ich waren unterwegs nach Spanien, und weil ich in irgendeiner Zeitschrift ein Bild von einer atemberaubend schönen Kapelle gesehen hatte, die, wie ich fand, auf dem Weg lag (was ein Irrtum war), suchten wir in der Franche-Comté nach dem Wunder, und als er (nicht ich) schon ungeduldig wurde, sahen wir sie, hoch oben auf einem Hügel. Le Corbusiers Chapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp.

Ich wollte nicht mehr weg. Diese Stille. Das Licht. Die Farben. Das, dachte ich, ist Architektur, in der ich atmen kann. Er aber wollte nach Spanien. Ich kaufte eine Ansichtskarte, die bis heute in meinem Besitz ist, und fasste den Entschluss: Da will ich noch mal hin.

Es dauerte fast fünfzig Jahre. Am Sonntag war ich noch einmal dort. Weil man seine Entschlüsse umsetzen soll, solange man noch Zeit dafür hat.



Auf dem Hügel stand bereits eine unbedeutende Kapelle, die im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Ein fortschrittlicher Dominikaner wollte Le Corbusier gewinnen, eine moderne Kapelle zu bauen, aber der Atheist lehnte ab: Er hatte keine Lust, "für eine tote Institution" zu arbeiten. Irgendwie gelang es, Le Corbusier 1950 auf den Hügel zu locken, und als er dort oben stand und in die Weite blickte, war er gewonnen.

Die Kapelle ist gebaute Poesie. Das Mauerwerk besteht aus den Abbruchsteinen der alten Kapelle, Zement und Stahl. Le Corbusier: "Große Kunst entsteht aus einfachen Mitteln." Das frei schwingende Dach ist dem Panzer einer Krabbe nachgebildet, der Innenraum nach dem Lauf der Sonne ausgerichtet, denn die Kapelle ist ausschließlich mit Tageslicht beleuchtet. Wenn die östliche Kapelle im Tagesverlauf dunkler wird, wird die westliche heller. "Raum, Licht und Ordnung. Das sind die Dinge, die Menschen genauso brauchen wie Brot oder einen Platz zum Schlafen."

Natürlich rief der Bau Empörung hervor, vor allem bei den Vertretern der Kirchen, aber auch bei Kunsthistorikern. Von "neuem Irrationalismus" war die Rede und von der "Abweichung vom richtigen Weg". 



Ich sitze in leuchtenden Farben. Die Glasbausteine hat Le Corbusier selbst bemalt; sie zeigen Motive aus der Natur, immer wieder das Meer und eine Hommage an seine Mutter Marie. Die gewölbte Wand eines Seitenaltars ist in einem so intensiven und gleichzeitig sanften Rot gehalten, dass meine Kamera bei der Wiedergabe versagte. Dieser Altarraum mit seiner bergenden Geste ist für mich ein intimer weiblicher Ort, ein Uterus.



Unterhalb der Kapelle erbaute der Architekt Renzo Piano das Kloster der Clarissen, das 2011 eingeweiht wurde und ebenfalls heftige Kritik auslöste, weil das Neue und vielleicht auch das Schlichte in einer Welt der Übereinkünfte und des So-war-es-schon-Immer eine Provokation ist. Das Kloster schmiegt sich unauffällig in den Berg, ich hätte es fast übersehen. Es gibt ein Nähatelier, eine Bibliothek, das Refektorium, Gästezimmer und zwölf Zellen, die ich natürlich nicht besuchen durfte. Sie alle haben Bett, Schreibtisch und Stuhl aus Zedernholz. Die Böden sind in warmem Orange gehalten. Gibt es irgendwo auf der Welt ein moderneres, ästhetischeres Kloster als dieses? Auch Piano spielt mit Oberlichtern, und ich hatte das Glück, einen Moment aufleuchtender Sonne in der Kapelle zu erleben. 

Wie fruchtbar es doch ist, vom "richtigen Weg" abzuweichen und etwas zu erschaffen, das die sogenannten Vernünftigen als "irrational" ansehen. 

Le Corbusier war mehr Künstler als Architekt (ein Metier, das er übrigens nie studiert hatte). Deshalb wusste er etwas, das Ingenieuren möglicherweise entgeht: "Der gegenwärtige Moment ist kreativ, er erschafft mit unerhörter Intensität."

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Freitag, 3. Mai 2024

Fallende Kirschblüten



Fallende Kirschblüten     散る桜     chiru sakura
auch die blühenden sind  残る桜も nokoru sakura mo
fallende Kirschblüten    散る桜     chiru sakura

Ryôkan

(Aus dem Japanischen von Munish Bernhard Schiekel)

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Ein Haiku über die Vergänglichkeit alles Seienden. Wenn in Japan die Kirschen blühen, versammelt sich die halbe Nation unter den Bäumen, breitet Decken aus und hält Picknick. Japaner wissen, wie schnell die Kirschblüten welken, deshalb müssen sie mit Dankbarkeit gefeiert werden - jetzt, an diesem Tag, in diesem Moment. Denn  nur, wer das Blühen von ganzem Herzen gefeiert hat, kann auch das Verwelken annehmen. 

Und das ist eine Aussage nicht nur über Kirschblüten.

Auf der Homepage meines Dharma-Freundes Munish Schiekel finden sich viele Gedichte, Haikus und andere lesenswerte Texte. Hier mal stöbern (klick).

 

Montag, 22. April 2024

Das Unbehagen einladen (ja, unbedingt)

 

 Das kennen wir doch alle, oder?

"Etwas stimmt nicht, etwas scheint zu fehlen. Leider haben wir von Kindheit an gelernt, dieses Gefühl im Keim zu ersticken. Neulich im Supermarkt begann ein Kind in seinem Buggy zu weinen. Die Mutter griff ins Regal, holte ein Quetschie heraus und schob dem Kind die Saugöffnung in den Mund. Die Stillung des Unbehagens durch Essen und Trinken funktioniert in späteren Jahren dann zuverlässig. Wir brauchen unbedingt unser Feierabendbier oder die Lieblingsschokolade und zum Einschlafen ein Glas Rotwein. Auch das Shoppen oder das Konsumieren von Netflix-Serien kann das Unbehagen für kurze Zeit in Schach halten. Krishnamurti schreibt: 'Die meisten von uns finden sehr leicht Befriedigung: in der Küche, in einem religiösen Kreis oder in der Politik. Auf diese Weise wird der Geist allmählich und unausweichlich immer enger und kleiner, während er doch eine riesengroße Kapazität hat.'

Da hilft nur eins: Wir müssen uns still in den Sessel oder auf ein Meditationskissen setzen und das Unbehagen einladen, sich zu zeigen. Es hat vor der verschlossenen Tür unseres Geistes gestanden und unablässig angeklopft; jetzt stürmt es herein wie alle Gäste, die man zu lange hat warten lassen. Das müssen wir aushalten, das haben wir uns schließlich selbst eingebrockt. Wir hoffen auf ein nettes kleines Unbehagen, mit dem wir auf zivilisierte Weise verhandeln können. Aber nichts zu machen. Das einmal entfesselte Unbehagen ist erschreckend riesig, es lässt sich mit keiner Süßigkeit, keinem Vorschlag für eine hübsche Unternehmung bestechen. Es ist, wir erkennen es mit Entsetzen, eine bodenlos tiefe, uns ganz und gar ausfüllende Unzufriedenheit mit allem, was ist."

 


Warum das so hilfreich ist, könnt ihr lesen in meinem Essay "Den Geist öffnen" in der Ursache\Wirkung Nr. 118. Jetzt in ganzer Länge online hier (klick).

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