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Sonntag, 5. April 2026

Ostern

 

In einem Brief aus dem Jahr 1908 schreibt Rainer Maria Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin über die großen Liebenden der Weltliteratur. Da streift er durch die Straßen von Paris, ein einsamer Passant, der erfüllt ist von seiner Lektüre, und die Pariser eilen vorüber und haben andere Dinge im Kopf. Und dann schreibt er den schönen Satz:

"Und manchmal ist das so heftig in meinem Herzen, dass ich meine, der Engel in mir bricht aus mir aus und Müh habe, ihn zu verhalten, damit er nicht plötzlich unter den Leuten zu leuchten beginnt."

Zu Ostern wünsche ich uns, dass all die Engel in unser aller Herzen ausbrechen und mitten in der Welt zu leuchten beginnen. 

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Dienstag, 30. Dezember 2025

Gute Vorsätze

 


Wie wäre es, für das nächste Jahr ein paar sehr gute Vorsätze zu fassen und sie tatsächlich einzuhalten? Zum Beispiel diese:

* Ich möchte weniger über die Zukunft grübeln und stattdessen mehr im Augenblick leben.

* Ich möchte meine innere Stille kennenlernen und sie im Alltag jederzeit wiederfinden können.

* Ich möchte herausfinden, wie ich meinen inneren Frieden herstellen und aufrechterhalten kann in einer Welt, die alles andere als friedvoll ist, ohne mich von der Welt zurückzuziehen. 

* Ich möchte für mich selbst mehr Mitgefühl und Verständnis entwickeln, damit ich auch anderen Mitgefühl und Verständnis schenken kann.

* Ich möchte akzeptieren, dass alles unvollkommen ist und deshalb nie perfekt sein kann. Und mit Gelassenheit sehen, wie unvollkommen und nicht-perfekt ich selbst bin.

* Ich möchte die Tatsache, dass sich alles unablässig verändert, als aufregende Möglichkeit sehen, vor der ich keine Angst zu haben brauche.

Damit diese guten Vorsätze nicht schon in der ersten Januarwoche im Alltag untergehen, könntest du dir eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten suchen und dich zum Beispiel jetzt schon anmelden für mein nächstes Seminar in Freiburg:


13. bis 15. Februar 2026, Waldhof Freiburg

Wunderbare Unvollkommenheit

Anmeldung hier (klick)


Ja, das ist das Fasnet-Karneval-Faschings-Wochenende, an dem unten in der Stadt getrötet und gegrölt wird. Aber wir sind drei Tage lang geborgen oben am Waldrand in der schönen alten Villa. Es ist dort so still, dass auch wir ganz von selbst still werden. In dieser Stille sitzen wir (auf dem Kissen oder dem Stuhl), speisen miteinander, hören Vorträge (meine) und tauschen uns einmal am Tag miteinander aus. Und weil wir aus unserer inneren Stille heraus sprechen, wird das Gespräch tief und für alle wertvoll sein.

Machst du mit? Ich freue mich auf dich.

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Dienstag, 23. Dezember 2025

Sternzeit


Morgen Abend wird sich etwas Anderes, Neues über das Land senken wie ein leichtes, weiches Tuch, das alles einhüllt. Die Menschen werden sich um einen erleuchteten Baum setzen, um einen gedeckten Tisch versammeln. Die Tiere der Häuser und Ställe werden zur Ruhe kommen und ganz bei sich sein. Die Tiere des Waldes werden an den Waldrand treten und lauschend die Köpfe heben:
 
Stille. Hört ihr sie, die Stille?
 
Ich möchte euch allen danken, die ihr in diesem Jahr meine Arbeit mit euren Spenden unterstützt habt. Ob sie klein waren oder größer, sie alle haben mir große Freude gemacht und mir gezeigt, dass wir - ich, die Schreibende, und ihr, die Lesenden - eine Gemeinschaft erschaffen haben von Menschen, die im selben Geist leben. Menschen, die bewusst wahrnehmen, was in ihnen und um sie herum geschieht. Menschen, die davon überzeugt sind, dass ihr Bemühen um den eigenen inneren Frieden, um Mitfühlen und Geistesklarheit nicht privat, egoistisch und sinnlos ist, sondern in das große Ganze hinein wirkt. Leise, nachhaltig und unwiderruflich.
 
Ich sende meine Worte nicht in den leeren Raum. Sie werden empfangen, in Ohren, Geist und Herzen. Danke.
 
Möge das Licht der vielen Sterne euch leuchten und die Stille dieser Zeit euch erfüllen. 
 
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Montag, 30. Juni 2025

Abends am Teich

 

Es ist Abend, der Tag erwacht.

Es war, als hätte er seit dem Morgen den Atem angehalten. Ermattet ließ er sich von den Stunden durchziehen und schenkte uns keinen Hauch. 

Jetzt atmet er aus. 



Kleine vielbeinige Wesen erwachen im Gras. Ein Fisch springt aus dem Wasser. Etwas gestreift Geflügeltes summt, etwas samtig Dunkelbraunes brummt.  

Am Ufersaum steht unbeweglich eine Taube, die roten Füße im Wasser. Sie bückt sich und trinkt. Blickt sich um. Trinkt. Sie hat die Oase gefunden, spät am Tag, aber rechtzeitig vor dem Schlafengehen. Endlich herrlich kühle Füße. Hier wird sie so schnell nicht weggehen. Sie blickt. Sie trinkt.

Die Libellen üben Tiefflüge. 


 

In den Bäumen erwachen die Wesen der Nacht. Ein Ruf weht über das Tal, als blase jemand in ein Holzrohr, das keine Klanglöcher hat. Ein trockener, hohler Ton ohne Nachschwingen. Von der anderen Seite des Tales kommt die Antwort. Trocken, hohl. 

All dies Rufen, Brummen und Summen ist die Stimme der Stille in den Dingen der Natur. Wenn sie ganz bei sich sind, am Abend und frühen Morgen, kann man sie hören, wenn man im Schweigen geübt ist. 

Die Erde rollt sich in eine weitere heiße Nacht. 

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Freitag, 13. Juni 2025

Morgens im Wald

 


An Pfingsten scheint halb Freiburg in den Süden gefahren zu sein (kluge Leute waren da bereits und sind längst wieder zu Hause ...), also ist jetzt die schönste Zeit, in den Wald zu gehen. Das Grün ist nach dem tagelangen Regen geradezu überfordernd für die Augen, und meine Lungen erschrecken fast, so viel reine Luft angeboten zu bekommen. Können sie die überhaupt noch bewältigen?

Lange nicht mehr hier gewesen. Wurde Zeit.



Dieses herrliche Alleinsein. Im Wald hat es eine andere Qualität als in der Wohnung. Es wird größer, umfassender, bekommt räumliche Qualität und übersteigt das Persönliche. Die Dinge des Waldes sind bei sich, und ich betrete ihren Seinsraum behutsam und respektvoll. Sie lassen mich gewähren (ich bin ihnen egal), und das ist mehr, als ich in irgendeiner Straße irgendeines Ortes je erlebe. Kein fremder Blick stört mich beim Schauen, ich darf einfach hier sein, ohne mich vorstellen oder meine Anwesenheit erklären zu müssen.





Aber Paradiese gibt es nur in der Literatur. Etwas bricht krachend aus dem hüfthohen Gebüsch. Ein Reh, ein Hase, wütendes Wildschwein, muss man wachsam sein? Ja, man muss: Ein Paar mit Stöcken stapft vorbei und mustert mich und mein Smartphone befremdet. Er wähnt sich außer Hörweite, als er zu ihr sagt: "Hier gibt`s doch nix zu fotografieren!"






Wieder allein in der Stille. Oben in den Wipfeln zarte Vogelrufe. Ein Junimorgen um halb neun. Ich möchte jetzt an keinem anderen Ort in der Welt sein.

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Samstag, 24. Mai 2025

Regenjazz



In der schwülen Stille zuerst ein leises Wisch-Wisch. Als würde ein Jazz-Percussionist mit den Besen über ein Becken streichen. Was für eine Musik soll das werden? Ein schwermütiger Blues, etwas Dunkles, das aus der Tiefe kommt und einen in die Tiefe lockt? Will man da hin, so antriebslos, wie einen die Hitze gemacht hat? Die Besen wischen schneller, ein Stick klopft auf etwas Tönernes (ein Instrument aus Afrika? der Südsee?), dann setzt eine gezupfte Saite ein, im Klang so etwas zwischen Gitarre und Cello. Eine straff gespannte Saite, sie wird doch hoffentlich nicht reißen? 

Der Percussionist legt Tempo zu, die anderen ziehen mit. Als Akzent schleicht sich leise im Hintergrund ein Patschen ein, als werde nasse Wäsche auf einem Stein ausgeschlagen. Ein Geräusch aus einer sehr fernen Zeit in einem sehr fernen Land. Der Wäscher prescht vor. Er patscht, der andere wischt, der dritte plingt. Aufregende Polyrhythmik entsteht, sie grooven sich ein, probieren ein Call and Response, einigen sich kurz auf eine Basis, aus der sie aber gleich wieder ausbrechen.

Und dann setzt endlich die Trommel ein wie eine Erlösung. Alles Bisherige war nur das Präludium, eine Vorbereitung auf das Eigentliche: den donnernden rasenden Wirbel. 

Das ist bester Free Jazz, von Könnern ausgeführt, und von den Menschen fällt im Handumdrehen die Trägheit der schwülen Tage ab. Sie eilen, sie rennen (regen: sich, Verb trans.; rege: sein, werden, Adj., Adv.). Bunte Schirme erblühen auf der Straße. Hunde zerren ihre Menschen hinter sich her, Radfahrer stülpen sich Plastiktüten auf den Kopf, Kinder hüpfen durch Pfützen. 

Der Wäscher aus dem fernen Land verabschiedet sich als Erster und sammelt seine Tücher ein. Der Trommler wischt zum Abschied noch mal lässig über das Becken. Und während die beiden davonbummeln, zupft und plingt der Saitenmusiker in allmählich versiegendem Rhythmus leise nach.

Stille.

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Mittwoch, 2. April 2025

Der Duft von Pflaumenblüten




Ohne eine lange Zeit grimmiger Kälte,
die dir in die Knochen fährt -

wie könnten die Pflaumenblüten
dich erfüllen mit ihrem durchdringenden Duft?

Huangbo

 

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Sonntag, 2. Februar 2025

Die weiße Göttin ist wieder da

 

In diesen Wochen politischer Turbulenzen und gesellschaftlicher Umbrüche muss ich mich vergewissern, dass es immer noch das Verlässliche, Wiederkehrende und Vertrauenerweckende gibt. Ich finde es in den Vorgärten und an den Rainen der Wiesen und weiß, dass auch in diesem Jahr die weiße Göttin gekommen ist.
 
Im katholischen Kalender heißt der heutige Tag Maria Lichtmess, aber die Göttin ist uralt, weit älter als die Gestalt der Maria. Schon im Megalith-Zeitalter wurde das Wachsen, Blühen, Reifen und Versamen der Vegetation als Tanz der Pflanzengöttin durch das Jahr hindurch gesehen. 

Der 2. Februar war bei den Kelten das Fest der Brigid oder Birgit, deren Namen sich von der Birke ableitet. Die Birke hat reinigende Kraft, und wer sich mit Birkenwasser gewaschen hatte, konnte rein und leicht ins Frühjahr gehen. Auch die katholische Kirche verbindet Maria Lichtmess mit dem Begriff der Reinigung, was vermutlich mit der jüdischen Auffassung zu tun hat, nach der Frauen vierzig Tage nach der Geburt eines Kindes unrein seien. Die Vierzig hat in der Bibel die Bedeutung von Besinnung, Buße und Neuorientierung. Die Fastenzeit beträgt vierzig Tage, die Sintflut wütete vierzig Tage und Nächte, Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste und Jesus zog sich vierzig Tage in die Wüste zurück. Erst danach war ein Neubeginn möglich. 

Ich habe nichts davon gehört, dass es bei den Kelten um Buße ging. Ihr Neubeginn war jedenfalls hell und luftig. Brigid reitet auf einem weißen Hirsch über das Land, weckt die Samen im Boden auf und schüttelt die Bäume, sodass die Säfte zu steigen beginnen. Und wo ihr Fuß die Erde berührt, sprießen kleine weiße Glocken. (Bei meiner Nachbarin im Vorgarten!)

Im Buddhismus wird ja viel von der unablässigen Veränderung alles Seienden gesprochen und davon, dass wir uns selbst Leid erschaffen, wenn wir uns an das, was wesensmäßig vergehen muss, anklammern. Das ist natürlich völlig richtig, aber vielleicht wird zu selten betont, dass dem Vergehen ein Werden vorausgegangen ist und folgen wird. Der Gedanke wird allenfalls im Begriff Reinkarnation zusammengefasst, und die wird, um die Angst vor dem Tod zu bannen, zu oft als rein persönliche Wiederkehr gedeutet. Aber Reinkarnation findet in der Natur unablässig statt. Alles in der Natur erstirbt und bricht auf, faltet sich ein und richtet sich auf, verwelkt und sprießt, verblasst und leuchtet auf.
 
In dieser Umbruchzeit der Weltgeschichte ist es für unsere geistige Gesundheit wichtig, in Zyklen zu denken. Nichts von dem, was uns vielleicht gerade umtreibt, wird für immer bleiben. Es wird sich mit absoluter Sicherheit verwandeln. Und ja, auch wir werden bald nicht mehr die sein, die wir waren und gerade noch sind. Ob uns das Ergebnis gefällt oder nicht - wir sind auf subtile Weise schon morgen anders. Neu. Frisch. Uns selbst unbekannt.
 
Und in jedem Frühjahr wird die weiße Göttin wieder über das Land reiten und die Bäume schütteln und ihre Glöckchen erblühen lassen. Und wir werden in die Sonne blinzeln, uns dehnen und strecken, tief durchatmen und in einen weiteren unserer Sommer gehen.
 
Immer wieder. Immer noch.

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Dienstag, 14. Januar 2025

Es knospt

 

Am Wochenende hat die Gemeindeverwaltung die vor den Türen liegenden Weihnachtsbäume abgeholt. Auf dem Gehsteig sind kleine Zweige zurückgeblieben, an denen zwei Wochen lang Licht und Freude hing: Kerzen, Kugeln, Schleifen, Süßigkeiten. Das Fest, das voller Gesang und Glocken war, verabschiedet sich mit dem Klang des Knirschens meiner Schuhe auf trockenen Nadeln.

Die Zeit der Kälte und Stille ist da. Auf den Feldern liegen noch ein paar Kürbisse und Maiskolben, die nicht schnell genug geerntet wurden und jetzt in der Faust des Frosts sind. Er wird sie so schnell nicht mehr hergeben, aber wer wollte sie überhaupt noch essen. Die Dachpfannen und Gartenzäune sind weiß, ohne beschneit zu sein. Nicht flockig und pulvrig weiß, sondern froststarr weiß. Auf den Straßen hin und wieder ein paar dick vermummte Menschen, die an den Leinen ihrer Hunde zerren in der Hoffnung, das Tier möge sich ihrer erbarmen und zurück ins warme Haus streben.

Aber - schau mal: Die Büsche und Bäume tragen den Frühling in fest verschlossenen kleinen Paketen. Schatzkästchen, in denen sie ihre Kräfte und Säfte sammeln, und irgendwann Ende Februar oder Anfang März werden die Kästchen so prall voll sein, dass sie von selbst aufplatzen. 

Wir frieren, es ist kalt, die Feste sind vorbei, die Plätzchen sind aufgegessen. Öde Zeit. Aber in uns sammelt sich still und leise die Kraft an, die uns durch den Rest des Jahres tragen wird. Wir dürfen sie nur nicht beim Wachsen stören.

Es ist ganz einfach, es geht so: 



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Dienstag, 31. Dezember 2024

Willkommen, Jahr.


 Feuerwerk 2025. Spar-Version.  


Da bist du also. Unspektakulär über die Schwelle getreten, wie es deine Art ist. Das Spektakel über deine Ankunft haben wir ja selbst veranstaltet. Frisch siehst du aus. Die Jugend ist immer so verheißungsvoll. Alles ist noch möglich. (Genau: Alles! Weiß und Schwarz und alle Töne dazwischen.)

Noch kennen wir einander nicht, aber das wird sich ändern. Du und ich sind Kollegen in diesem weltumspannenden Unternehmen namens Leben, und Kollegen (ich gendere brav: Kolleg:innen) haben einander nicht ausgesucht. Wir müssen zusammenarbeiten, ob uns das passt oder nicht. Ob wir beide zusammenpassen, wird sich erst im Lauf der Zeit herausstellen. Habe ich je mit einem deiner Vorgänger zusammengepasst? War es nicht immer ein eher mühsames Zusammenraufen, ein Verhandeln und Diskutieren, ein emotionales Auf und Ab bei mir? (Hat Deinesgleichen Emotionen?)

Mir ist klar, dass wir ein Machtgefälle haben: Du hast weitgehend die Befehlsgewalt. Du legst mir das Zeug auf den Tisch, das ich abzuarbeiten habe in unserer befristeten Zusammenarbeit. Ihr mit euren Dreihundertfünfundsechzig-Tages-Verträgen verschwindet programmgemäß, während ich diese Firma nicht verlassen kann. Das heißt, ich könnte schon, aber ich will nicht. Ich gehöre zu den Altgedienten, die noch immer an ihrem Sessel kleben, und habe so viele von euch kommen und gehen sehen, dass ich vergleichen kann. Ihr seid ja praktischerweise durchnummeriert, und ich habe für gewisse Dinge ein gutes Gedächtnis. Deshalb behaupte ich, dass deine Kollegen mit den niedrigeren Nummern irgendwie freundlicher waren als dein Vorgänger, den wir gestern verabschiedet haben. Nicht so gestresst. Wir hatten mehr Spaß miteinander, scheint mir. Dein Kollege mit der Nummer 1975 zum Beispiel hat mich auf meine erste Auslandsreise nach Südfrankreich geschickt. Ein anderer, die Nummer 1981, hat mir meinen ersten Verlagsvertrag für ein Buch besorgt und Nummer 1988 hat mir ein einjähriges Sabbatical in Rom gewährt. 

Wie konnte es passieren, dass ihr solch eine Herausforderung geworden seid? Ihr knallt uns Riesenthemen hin, für deren Bewältigung wir alle gar nicht ausgebildet sind. Krieg, Klimaerwärmung, Ressourcenknappheit, Terrorismus, Armut. Wir sitzen in unseren kleinen Büros und sind hektisch am Recherchieren, wie wir denn was und wo und wie auf einigermaßen sinnvolle und möglichst heilsame Weise nicht einmal lösen, nein, sondern einfach nur in Schach halten können. Gibt es eigentlich eine Konzern-Zentrale, die euch all das mit auf den Weg gibt? Und wenn ja, wo sitzt die und wie kann ich mich dort beschweren?

Du stehst in der Hierarchie höher als ich. Klare Sache. Einerseits.

Andererseits bin ich nicht mehr sechzehn.

Mach dich darauf gefasst, dass ich mit fortschreitendem Alter ungehorsamer werde. Das heißt: Ich werde mir genau anschauen, was du mir auf den Tisch legst, und prüfen, ob es in meinen Zuständigkeitsbereich fällt. Kann ich eine Lösung finden für die Konflikte in Gaza? Nein. Aber zum Frieden in meinem Mietshaus kann ich etwas beitragen. Ich werde auch die Dringlichkeit der Forderungen selbst entscheiden. In Ruhe, und langsam. Da bleibt sicher so einiges liegen, aber weißt du was? Das Liegengebliebene hat die Tendenz, sich von selbst aufzulösen, und wenn nicht, ist es auf handliche Größe geschrumpft. Alles, was mal riesig aussah, wird irgendwann zu einer kleinen Figur, mit der man spielen kann. 

Noch etwas. Das Betriebsklima in unserem Welt-Konzern ist schleichend immer schlechter geworden. Wut, Angst, mürrische Mienen überall, Resignation. Ich sehe die Gründe dafür, ich verstehe sie. Aber als Seniorin in diesem Betrieb lasse ich mir von niemandem diktieren, wie ich auf all die Missstände und Defizite - wie gesagt, ich sehe sie - zu reagieren habe. Ich beantworte meine Frage von oben: Deinesgleichen hat keine Gefühle, die kommen von uns. Es wird also nur meine Mitmenschen irritieren und möglicherweise empören, wenn ich bei ihrem Geschrei nicht mitschreie, bei ihrer Wut nicht mitbrülle und ihre Hoffnungslosigkeit mit einem Lied besinge. Ich meine auch nach Jahrzehnten noch, dass meine Antwort für das Betriebsklima einen Unterschied macht. 

Willkommen also, Jahr. Schauen wir mal, wie wir beide zusammenarbeiten werden.

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Dienstag, 24. Dezember 2024

Gaudete!

 


Vor vielen Jahren verbrachte ich einmal das Weihnachtsfest im Intersein-Zentrum. Draußen lag der Schnee einen Meter hoch, drinnen leuchtete der schön geschmückte Weihnachtsbaum. Es war eine magische Atmosphäre, aber einem jungen Mann, der zum ersten Mal dort Gast war, gefiel sie gar nicht. Er sei, empörte er sich, extra in ein buddhistisches Haus gegangen, um der "christlichen Lüge von der Geburt des Kindes in der Krippe" zu entfliehen. Am nächsten Tag reiste er ab.

Das war schade. Denn was wir in der christlichen Kultur an Weihnachten feiern, ist universal und findet sich in allen Religionen: Wir feiern die Geburt des Lichts. Der tibetische Buddhismus spricht von der Grund-Lichtheit, und die Erfahrung dieser Lichtheit nennt das Zen Erleuchtung. 

Das Christentum erzählt dies in einer schönen Geschichte, die wir alle kennen und die im Lukas-Evangelium mit den berühmten Worten beginnt: "Es begab sich aber zu der Zeit ...". Und den Hirten auf dem Felde erschien ein Engel, der sagte: "Füchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird." 

Die Geburt des Lichts fand nicht einmalig vor zweitausendvierundzwanzig Jahren in irgendeinem Stall in einer Stadt namens Bethlehem statt, sondern sie geschieht in uns, immer wieder. Wir selbst sind das Licht, und die Weihnachtsgeschichte erinnert uns daran, uns wieder mit ihm zu verbinden. Wir alle kennen die große Freude, die hier verkündet wird. Sie ist ganz nah, und sobald wir uns vertrauensvoll öffnen und ganz und gar im Augenblick sind, leuchtet sie auf. In einer Liebesbegegnung, bei der Geburt unseres Kindes, am Sterbebett eines geliebten Menschen.

Ich wünsche Dir und Ihnen die Erfahrung dieser Freude. Apollo 5, die wunderbare Gruppe aus England, interpretiert "Gaudete" so mitreißend, dass ich es mit euch teilen möchte. Dieser jubelnde Schluss-Akkord enthält eigentlich alles, was es über Weihnachten zu sagen gibt.

Vergesst meine Worte, hört Gaudete. Freut euch!

Eure Margrit

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Freitag, 21. Juni 2024

Die Sonne wendet sich

 

Ein Feuerchen, das den Feen den Weg zu uns weist ...


Heute feiern wir den längsten Tag, also den höchsten Stand der Sonne. Und wenn wir noch eine klitzekleine innere Verbindung zu den alten Bräuchen unserer Vorfahren haben, entzünden wir ein großes Feuer und springen mutig darüber. Denn unsere Ahnen, die Kelten, glaubten, dass am Tag des höchsten Sonnenstandes die Feen der Menschenwelt ganz nahe kommen. Und damit sie sich den Menschen furchtlos nähern und von ihnen bemerkt werden konnten, mussten vorher die bösen Geister in der Aura der Menschen im Feuer verbrannt werden. 

Für unsere Vorfahren war die Sommersonnwende ein Fest der Freude und des Dankes an die Natur, die sie so üppig beschenkt hat. Sie sammelten die Sommerkräuter, die jetzt ihre höchste Kraft haben: Holunder, Johanniskraut, Arnika, Beifuß, Ringelblume und Schafgarbe. Auch das Kräuterbüschel wurde kurz ins Feuer gehalten, um ihm die Feuerkraft mitzugeben. Dann wurde es im Haus an den Balken gehängt und getrocknet, um im Winter zu heilendem Tee aufgegossen zu werden.

Und wir? Leider haben wir vergessen, das Licht zu feiern, als es seinem Höhepunkt zustrebte. Wir hätten genügend Zeit gehabt, immerhin sechs Monate lang. Aber wir waren zu beschäftigt mit Dingen allerhöchster Dringlichkeit, und außerdem hat es ja dauernd geregnet. Und jetzt - ja, heute Nacht, man fasst es nicht - beginnt sie schon, die dunkle Zeit. Ach was, eigentlich ist sie schon da, jedenfalls in unserem Gefühl und unseren mürrischen Mienen: diese schreckliche Düsternis, die Kälte, die uns in die Knochen kriecht. Wir frieren uns schon mal ein.

Aber es ist nicht zu spät, sie alle zu feiern, die wir zu lange als selbstverständlich hingenommen haben: die Himbeeren, Erdbeeren, den Spargel und Rhabarber, den Schnittlauch und die Petersilie, die Mohnblumen, Ringelblumen, Margeriten, die Gräser und Bäume, die Bienen und Wespen und Schmetterlinge. Wir feiern die Fülle, mit der die Natur uns beschenkt, einfach so, und unser Einsatz war nicht mehr als ein wenig Gießen, Düngen und Umgraben (oder ein paar Euro für den Bauern im Hofladen).

Übrigens: Erst in dem Moment, in dem die Sonne im Jahreslauf am Niedersinken ist, beginnt das große Reifen in der Natur. Erst in den kommenden Wochen röten sich die Himbeeren, werden die Johannisbeeren süß, duftet betörend der Jasmin. Die Rosensträucher biegen sich unter der Last der Blüten, wie es bald auch die Apfel- und Birnbäume tun werden, von den Rebstöcken ganz zu schweigen.

Vielleicht sollte man sich das mal merken: Erst wenn die Lebensbahn sich dem Ende zuneigt, beginnt die eigentliche Ernte.

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Mittwoch, 22. Mai 2024

komorebi 木漏れ日


Ich bin fasziniert davon, dass es in der japanischen Sprache Ausdrücke gibt für ganz bestimmte Stimmungen, Zustände oder Momente, die es in keiner mir bekannten westlichen Sprache gibt. Eins davon ist das Wort komorebi [木漏れ日]. Das Schriftzeichen enthält das Baumzeichen [木], das Zeichen für Glanz, Filter, Leck [漏れる] und Sonne [日].

komorebi ist das Licht, das durch die Baumkronen fällt, das Spiel von Licht und Schatten der Blätter auf dem Boden. Ich denke dabei an einen Nachmittag im Sommer. Heiße Siesta-Stille, ich liege auf der Wiese am Waldrand im Schatten einer Buche, ein leiser Wind streicht durch die Krone des Baumes, neben mir glitzert der Teich und auf mir und um mich herum wiegen sich die Blätterschatten.

Ist das nicht wunderbar? Mit einem einzigen viersilbigen Wort das Glück eines ganzen Sommernachmittags eingefangen. Jetzt wisst ihr, warum ein Haiku im Grunde unübersetzbar ist. Jedes Wort transportiert eine Fülle an Bedeutungen, Stimmungen, Wahrnehmungen. Manchmal spielt die Tageszeit eine Rolle, immer die Jahreszeit, zumeist das Licht, die Farben. 

Japanische Ausdrücke sind oft mehr Geste als Wort. Drücken Umfassendes und Gleichzeitiges aus, wo Worte mühsam hintereinander herstolpern, gefangen in der Linearität.

Schaut mal nach oben statt nach unten. Überlasst euch komorebi für ein paar Minuten ohne den Zwang, darüber nachzudenken und das Spiel von Licht und Schatten in Worte zu fassen. Für ein paar Minuten des Verweilens im reinen Sein.  

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Freitag, 3. Mai 2024

Fallende Kirschblüten



Fallende Kirschblüten     散る桜     chiru sakura
auch die blühenden sind  残る桜も nokoru sakura mo
fallende Kirschblüten    散る桜     chiru sakura

Ryôkan

(Aus dem Japanischen von Munish Bernhard Schiekel)

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Ein Haiku über die Vergänglichkeit alles Seienden. Wenn in Japan die Kirschen blühen, versammelt sich die halbe Nation unter den Bäumen, breitet Decken aus und hält Picknick. Japaner wissen, wie schnell die Kirschblüten welken, deshalb müssen sie mit Dankbarkeit gefeiert werden - jetzt, an diesem Tag, in diesem Moment. Denn  nur, wer das Blühen von ganzem Herzen gefeiert hat, kann auch das Verwelken annehmen. 

Und das ist eine Aussage nicht nur über Kirschblüten.

Auf der Homepage meines Dharma-Freundes Munish Schiekel finden sich viele Gedichte, Haikus und andere lesenswerte Texte. Hier mal stöbern (klick).

 

Samstag, 30. März 2024

Wann ist Ostern?

(Ich habe meine Freundin Helga Riedl vom Intersein-Zentrum gebeten, mit euch ihre Gedanken zum Osterfest zu teilen. In diesem Sinn wünsche ich euch ein immerwährendes Ostern.)

 

"Jedes Mal, wenn wir uns und den anderen vergeben, ist Ostern.

Jedes Mal, wenn wir das Beurteilen, Beschuldigen und Vergleichen loslassen, ist Ostern.

Jedes Mal, wenn wir unseren Geist weiten und auf alle Wesen mit Respekt und Wertschätzung schauen, ist Ostern.

Jedes Mal, wenn wir positive Qualitäten kultivieren, die in uns selbst und unseren Beziehungen Wohlbefinden und Harmonie befördern, ist Ostern.

Jedes Mal, wenn wir die Freude der Freiheit erleben, uns nicht in unseren gewohnten emotionalen Verstrickungen zu verhaken, ist Ostern.

Jedes Mal, wenn wir in uns in die Stille kommen und uns von dem Geräusch, das unsere Sinne machen, befreien, ist Ostern.

Jedes Mal, wenn wir mit dem Leben fließen, aufhören zu kämpfen, zu kontrollieren und auszuweichen, ist Ostern.

Denn dann ist geboren die Liebe. Denn dann ist geboren das Verstehen und Mitgefühl. Denn dann erwachen wir aus unserer Unbewusstheit zu unserer Wahren Natur."

Helga Riedl

 

(Es gibt ein Video mit Helga, in dem sie diesen Text vorliest. Ich kann es hier nicht direkt verlinken, aber du findest es hier (klick). Scrolle hinunter bis zu  "Neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden, Dharmavorträge Ostern 2021. Dort ist es der letzte Beitrag.)