Freitag, 28. Januar 2022

Warten

 ... wobleibtsiedennwobleibtsiedennwobleibtsiedenn ...


Die Zeit ist mal wieder in der Warteschleife hängengeblieben. Dort vergeht sie einfach nicht. Es ist zum Verrücktwerden. Die Ampel ist Rot, bleibt Rot, wird immer roter. Der Freund kommt nicht, kommt nicht, wird nie kommen. Das Frauchen steht an der Metzgertheke, steht wie angenagelt, steht, steht. Die Zeit hängt fest, bewegt sich nicht, und wir mit ihr: hängengeblieben für immer und ewig im Zeitloch.

Wo bleibt das Ampelgrün? Wo bleibt der Freund? Wo bleibt die Wurst?

Warten heißt: Ich verpasse mal wieder den Augenblick. Das Ruhen in meinem angenehm temperierten Auto vor der Ampel, diesen Moment der wunderbaren Ereignislosigkeit, in dem ich weder kuppeln noch schalten muss, sondern müßig und gelassen aus dem Fenster schaue (schönen Mantel hat die Passantin da drüben an, und ach, die ersten Knospen springen an den Alleebäumen auf). 

Die Minuten der Stille und des Alleinseins, die mich mit Kraft versorgen, bevor die Türklingel ertönt und der sehr liebe, aber doch etwas anstrengende Mensch auf der Matte steht und mich mit seinen Neuigkeiten überfällt.

Die aufregend neue Straßenecke, das warme Pflaster unter dem Po, diese fantastischen Gerüche aus den verführerisch geöffneten Ladentüren in der Stadt, ganz anders als zuhause auf dem Land, und die Sonne auf dem Fell, die warme Sonne.  

Ich schlage vor, das Wort "warten" aus unserem Wortschatz zu streichen und es durch "sein" zu ersetzen.


Samstag, 22. Januar 2022

Thich Nhat Hanh 1926-2022


My teacher has passed away peacefully in his root temple in Hue on January 22, 2022.
 
Ihm begegnet zu sein im Jahr 1992 ist einer der großen Glücksfälle meines Lebens. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich so viele Jahre bei ihm und von ihm lernen durfte. Thay hat mir gezeigt, dass die Praxis des Zen kein Meditationskissen braucht, sondern kraftvoll mitten im Alltag gelebt werden kann. Erwachen ist jederzeit möglich.
 
Heute, an seinem Todestag, denke ich an die heißen Sommerwochen in Plum Village, seinem Zentrum in Südfrankreich, an diese unglaubliche internationale Gemeinschaft, die in späteren Jahren, als Thay berühmt geworden war, fünfzig verschiedene Nationen umfasste. Ich denke an unseren schweigenden Gang vom Lower Hamlet zum Upper Hamlet oder umgekehrt, jeden Morgen um fünf Uhr, zu Thays Vortrag, der nicht selten drei Stunden dauerte und nur beendet wurde, wenn es eine Nonne wagte, ihn diskret darauf hinzuweisen, dass die Studierenden noch kein Frühstück gegessen hatten. Und nie werde ich jene magische Nacht vergessen, in der uns Thay auf die Wiese vor seiner Hütte eingeladen hatte, um den August-Vollmond aufgehen zu sehen, denn: "Mondbetrachtung ist unsere Praxis". Da lagerten wir in der warmen Nacht, still und schweigend, Thay mitten unter uns im Gras, die Zikaden sägten, jemand spielte leise auf einer Shakuhachi, und dann stieg er über den Hügeln auf, der riesige silberne Erntemond.
 
An diese Nacht werde ich mich erinnern, wenn ich irgendwann ein letztes Mal auf mein Leben zurückblicke. An eine Stunde der Vollkommenheit und Schönheit, des Friedens, der Stille und der wahren Gemeinschaft. 
 

Thay's hut in Upper Hamlet with the garden where we were waiting for the moonrise.

 

"Ich werde immer da sein, aber du musst sehr achtsam sein, um mich zu sehen. Ich werde eine Blume sein oder ein Blatt. In solchen Formen werde ich da sein und dich grüßen. Wenn du aufmerksam bist, wirst du mich erkennen und mir zulächeln."

Plum Village wird mehrere Memorial Services live übertragen; der nächste wird Montag um 9.30 Uhr MEZ sein, hier:

https://plumvillage.org/memorial/

Auf youtube könnt ihr ein Video sehen aus Hue und Plum Village France von heute, Samstag, dem Todestag von Thich Nhat Hanh: 


Ein großer Mensch und Lehrer hat uns verlassen. Uns, seinen Schülerinnen und Schülern, pflegte er immer zu sagen: "Your are my continuation". Nein, er ist unersetzbar. Allenfalls - vielleicht, hoffentlich - können wir ein wenig von dem weitertragen, was er in uns bewirkt hat.

We will do our best.

 

Freitag, 14. Januar 2022

Krähenzeit


Eine Krähe war mit mir
aus der Stadt gezogen,
ist bis heute für und für
um mein Haupt geflogen.

("Die Krähe" aus der Winterreise von Franz Schubert)

Schwarz und scharf wie Scherenschnitte steigen sie in den Himmel, das einzig Klare im diffusen Grauweiß des Nebels. Die Januar-Äcker gehören ihnen, sie plündern die Schollen, pflügen sie um auf der Suche nach vergessenen Früchten, stürzen sich auf die letzten verfaulenden Äpfel am Rain. Corvidae. Die Krähenvögel.

 


Wegelagerer. Sie fleddern leichtsinnig am Straßenrand abgestellte Müllsäcke und leeren in Windeseile die Papierkörbe im Park. Hocken hordenweise in den Bäumen der Vorgärten, ihr heiseres Krächzen begleitet den Tag hier draußen. Januar ist Krähenzeit. Wir finden keine Beziehung zu den schwarzen Riesen und können kaum glauben, dass sie, wie die Raben, die intelligentesten Vögel sind. An der University of Washington haben Forscher, streng experimentell, sich Masken übergezogen und Krähen angegriffen. Nach zwei Wochen hatte die gesamte Großfamilie der Krähen begriffen, dass sich hinter der Maske ein Feind verbarg, und das Wissen wurde gleich über das morphogenetische Feld an die Nachkommenschaft vermittelt, die ebenfalls auf die Maske reagierte, obwohl sie ihr vorher nie begegnet war.



Ich gehe die Wege zwischen den Feldern hindurch, auf denen sie ihre Beute reißen, zu Dutzenden, zu Hunderten, sie lassen mich auf wenige Meter herankommen, und erst, wenn sie es für unumgänglich halten, wenn der genetisch verankerte Alarm ausgelöst wird, Achtung, Bewegung naht, steigen sie auf, kollektiv, alle gleichzeitig, der Nebelhimmel füllt sich mit ihrem schwarzen Geflatter, aber hinter meinem Rücken lassen sie sich sofort erneut auf den Schollen nieder, krächzend, rufend, zupfend, rupfend.

Krähe, wunderliches Tier,
willst mich nicht verlassen?

 

Samstag, 8. Januar 2022

zu Frieden sein

 


"Ein Sommertag in den 1980er Jahren in Saanen im Berner Oberland. Es war heiß, das Zelt war voller Menschen. Auf der Bühne saß auf einem schlichten Küchenstuhl ein weißhaariger Inder in einem weißen Hemd. Die Stille, die von diesem Mann ausging, verbreitete sich in konzentrischen Ringen in dem riesigen Zelt. In diese Stille hinein sagte Jiddu Krishnamurti: "Menschen, die die Flamme der Unzufriedenheit in sich haben, sind selten. Die meisten von uns vernichten die Unzufriedenheit, statt sie zu einer verzehrenden Flamme werden zu lassen."

Als mir die Redaktion der Ursache\Wirkung das Thema "Zufriedenheit" für die neue Ausgabe 118 mitteilte, merkte ich, dass ich ein Problem mit dem Begriff Zufriedenheit habe. Meine Assoziation dazu ist: behäbig, bequem, sich Einrichten im Gegebenen. Also habe ich das Thema umgedreht und mich gefragt: Ist es nicht gerade die "Flamme der Unzufriedenheit", die uns auf den Weg schickt in eine ganz andere Dimension der Erfahrung? Und so habe ich über die grundlegende Unzufriedenheit nachgedacht, die sich nicht mit einem neuen Kleid oder einem neuen Partner beruhigen lässt. Weil sie ein Ruf ist an uns, unser Leben zu ändern.

Den Beitrag findet ihr auf der Homepage der U\W hier (klick).

 

Montag, 3. Januar 2022

Versunken

  

 

Manchmal fahre ich aus der Stadt heraus - eine lebhafte, fröhlich-sonnige Stadt, die wärmste und, wie die neue Zählung ergeben hat, die mit dem jüngsten Altersdurchschnitt in Deutschland -, und hinter dem Ortsschild, das meinen Vorort ankündigt, tauche ich in eine völlig andere Atmosphäre ein. Ich habe da einen Fluss mit etlichen Neben-Bächlein, die unter gewissen Luft-, Wind- und Temperatur-Bedingungen eine eigene Welt erzeugen. Eine weiche, umhüllende Welt, in der die Dinge ihre scharfen Kanten verloren haben und mich nicht bedrängen.



Eine stille Welt in sanften Farben, die ein wenig melancholisch ist. Die zum Innehalten einlädt, zum Lauschen nach innen, denn alle äußeren Laute hat diese Welt verschluckt. Muss ich betonen, dass ich mich in dieser Welt sehr wohl fühle? Dass die äußere Landschaft meiner inneren entspricht und sich ganz von selbst ein Gefühl der behaglichen Stimmigkeit einstellt? 




Und so gleite ich unsichtbar und ungesehen durch diese verwunschene Welt, über die Wiesen und Felder, herrlich allein und dennoch wunderbar umhüllt und geborgen. Niemand spricht mich an, ich bin für die anderen nur ein Schatten, wie sie es für mich sind, denn sie erkennen mich nicht. Und der heikle Irrtum, den anderen, dessen Namen man weiß, auch zu "kennen", zu dem die sonnig-fröhliche Stadt so leicht verleitet, kann gar nicht erst entstehen. Die Schatten gleiten namenlos dahin. 

Für zwei, drei Stunden der Versunkenheit.