Freitag, 29. März 2019

Frieden. Seminar im Kloster Heiligkreuztal


Vorgestern im Supermarkt in der Gemüse-Abteilung. Zwei Frauen in meinem Alter unterhalten sich. Tonlage: Kirchenmoll. Gesangsstil: Schleppend. (Fehlt ein Dirigent.)

Frau 1:  Jaa, wie geht's Ihnen denn so?
Frau 2:  Na jaa, wie soll's schon gehn?
Frau 1:  Ach, ich sag ja immer: Man muss zufrieden sein.
Frau 2:  Jaa, was soll man machen. Man muss halt zufrieden sein.

In meinen Zwanzigern war mein Lieblingssänger Konstantin Wecker. Mein Lieblingslied - mein Lebenslied, mein Lebensgesang! - sein "Genug ist nicht genug". So viel war noch zu entdecken, zu sehen, zu hören, zu besingen! Es hatte doch alles erst angefangen! Ich wollte alles - frei sein, lebendig sein, glücklich sein, notfalls auch herzzerreißend unglücklich. Aber auf keinen Fall zufrieden!

Ich brauchte zwanzig weitere Jahre, um zu begreifen, dass ich die ganze Zeit Zufriedenheit mit Resignation verwechselt hatte.

Thich Nhat Hanh sagt: "Nur wenn du selbst friedvoll bist, kannst du Frieden erschaffen." Was also heißt das: Voller Frieden sein? Wozu zwingend gehört: "Zu FRIEDEN sein". Dieser Zustand, der in die Welt hineinfließt und sie "be FRIEDE t"?

Wollen wir uns gemeinsam diesem Thema widmen? Hier:

3. – 5. Mai 2019, Kloster Heiligkreuztal
Innerer Frieden – äußerer Frieden

Mehr Informationen und Online-Anmeldung: 

Dieser Blog macht eine kleine Frühlingspause. Muss mal Atem holen. Wir sehen uns wieder.


Dienstag, 26. März 2019

Frühlings-Feuerwerk


Die Trauerweide schiebt das Trauern auf

Jetzt ist Zeit für
sprühende Lichter
goldene Regen
Flirren Flüstern Fächeln

Am Abend probt der Amselchor Koloraturen


Donnerstag, 21. März 2019

Plum Village, damals

Photo: Plum Village


Als ich das erste Mal nach Plum Village kam, war ich beeindruckt von den freundlichen und fröhlichen vietnamesischen Nonnen und Mönchen. Das Zentrum war Anfang der 1990er Jahre alles andere als perfekt. Die Klöster Upper und Lower Hamlet bestanden mehr oder weniger aus ein paar in karger Landschaft stehenden verlassenen französischen Bauernhäuschen aus locker zusammengefügten Steinen, im Winter notdürftig beheizt von alten Holzöfchen. Weil die Abzüge nie funktionierten, war der Raum schnell voller Rauch. Ich erinnere mich an ein paar provisorisch aufgestellte Toilettenwagen, die wenige Duschen mit kaltem Wasser boten, und Plumpsklos, vor denen  sich lange Schlangen bildeten. An Nächte auf dünnen Schaumstoffmatratzen neben dem Eimer, in den das Regenwasser durch das lecke Dach tropfte. Aber die Vietnamesen strahlten, als hätten sie das große Los gezogen, und aus ihrer Sicht hatten sie das auch. Als ein paar Europäer  und Amerikaner sich über die hygienischen Bedingungen beschwerten, empörte sich Sr. Chan Khong, die engste Mitarbeiterin von Thay, mit den Worten: „Wir sind dankbar dafür, hier in Frieden leben zu können, und sogar die Toiletten sind besser als in Vietnam auf dem Land.“

Vielleicht sollten wir mal dankbar sein für all das Gute, das uns selbstverständlich ist, in unserem Land, in der Welt und im persönlichen Leben.


Dies ist der etwas gekürzte Text meines Frühjahrsbriefes 2019. Wer meine Jahreszeitenbriefe noch nicht hat und bekommen  möchte, schreibe eine Mail an info (at) margrit-irgang.de. Er/sie erhält dann vier Mal im Jahr von mir Post. 


Donnerstag, 14. März 2019

Herr Litfass. Entblößt.



Das ist Herr Litfass, Nachbar in meiner Straße. 

Herr Litfass plaudert gern. Erzählte mir immer von den Vorträgen in der Uniklinik ("Kokosöl und andere Ernährungsirrtümer"; später war's auf youtube, wo es einen Shitstorm hervorrief. "Wir lassen uns unser Kokosöl nicht nehmen!").

Erzählte auch von den Konzerten des Freiburger Barockorchesters (Karten ein Jahr im voraus ausverkauft und teuer).

Und ausgiebig vom Weihnachtsmarkt (ist eh vorbei).

Auf einmal ist Herr Litfass verstummt. Bis auf die Unterwäsche entblößt.

Herr Litfass hat endlich den Mut, er selbst zu sein. Bekleidet erschien er schon mal in den sozialen Netzwerken; so ganz und gar ungeschminkt will ihn da keiner haben. Das verstehe ich überhaupt nicht. Denn was ist, zu meiner Überraschung, Herr Litfass, wenn er den Mut hat, er selbst zu sein?

Ein Kunstwerk von Lucio Fontana.

Herr Litfass mitsamt seiner Frau (ja, die kannte ich nicht) erregt die Gemüter. Diskussion über die Großfamilie in den Kommentaren.

Samstag, 9. März 2019

Zeit ist eine Illusion


Zeit ist das, was das Licht von uns fernhält.
Es gibt kein größeres Hindernis auf dem Weg zu Gott als die Zeit.

Meister Eckhart

Sie steht seit August auf meinem Balkon. Meine letzte Erdbeere, die jetzt die erste ist. Unverändert schön, zarte Blüte, saftige Frucht (die im Hintergrund). Da drängen sich Fragen auf: Wie hat sie das Überleben geschafft? Warum ist die Blüte nicht verwelkt, die Frucht nicht vertrocknet? Wird sie im Mai (wieder) blühen, (noch einmal) Frucht tragen? Wird aus der Blüte gar noch eine Frucht werden, mit einem Jahr Verspätung?

All diese Fragen handeln von Vergangenheit und Zukunft. Legen wir sie einfach mal als unwesentlich ab und sehen uns an, was da ist: Erdbeerblüte, Erdbeerfrucht. Weiß und Rot. Ein wenig Grün.

Was ist "Zeit"?

Wir behaupten, wir könnten sie "haben", "verlieren" und "gewinnen". Sie kann uns angeblich "davonlaufen", deshalb rennen wir ihr "hinterher", und vor allem "fehlt" sie uns an allen Ecken und Enden. Manchmal scheint sie auch "stehenzubleiben", das sind die außergewöhnlichen Momente. Extrem schön - oder ziemlich grauenhaft. Meist ereilt uns das Stehenbleiben als Schock. In einer Liebesbegegnung, einem Konzert, einem Blick vom Berggipfel, den wir soeben erstiegen haben - oder im Moment eines Unfalls, beim Anblick einer Grausamkeit. Solche Schocks sind zwar unnötig, aber wegen unserer alltäglichen Unbewusstheit dennoch wichtig. Denn was in ihnen tatsächlich "stehenbleibt", ist unser Geist. Er hört auf, einer imaginären Zeit hinterherzurennen und macht nicht mehr den Versuch, sie zu gewinnen und zu füllen. Er befindet sich ganz und gar in der einzigen "Zeit", die es gibt: dem Augenblick.

Eckhart Tolle spricht von "Uhr-Zeit", die gebraucht wird für alle praktischen Belange des Lebens. Und von der wertlosen "psychologischen Zeit", die unser Geist erschafft, indem er Ängste und Hoffnungen in eine imaginäre Zukunft projiziert oder in der nicht mehr existierenden Vergangenheit herumwühlt. Wann immer wir gerade nicht mit der notwendigen Uhr-Zeit und den in ihr stattfindenden Verpflichtungen befasst sind, können wir in den Augenblick zurückkehren, ohne psychologische Zeit einzusetzen.

Zen, Vipassana, tibetische Praxis und christliche Kontemplation schalten die psychologische Zeit aus und führen uns direkt in die Gegenwart. Wie Meister Eckhart sagt: Nur dort können wir das erkennen, was wir Gott oder das Absolute oder die Wahrheit nennen.

Es geht aber noch einfacher. Ohne Tempel, ohne stundenlanges Sitzen, Üben, Rezitieren. Wir sehen uns einfach an, was jetzt da ist. Zum Beispiel eine Erdbeerblüte, eine Erdbeere. Weiß und Rot. Ein wenig Grün. Im März. Eine ganz und gar unzeitgemäße Sache.

Und schon befinden wir uns in der Zeitlosigkeit. Denn der Augenblick ist immer jenseits der Zeit, er vergeht nicht, man kann ihn nicht erreichen. Er ist.

Jetzt.

Und jetzt.


Montag, 4. März 2019

Nobelpreisträgerinnen und andere gute Autorinnen


Zum Internationalen Tag der Frau am 8. März hat die Literatur-Redaktion des SWR fünf Rezensentinnen gebeten, je eine Literatur-Nobelpreisträgerin  eigener Wahl vorzustellen. Von Selma Lagerlöf bis Doris Lessing, eine Besprechung pro Tag. Hier der Link zu den fünf Beiträgen (klick).

Meine Wahl fiel auf  Wisława Szymborska und ihren Band "Hundert Freuden". Wer ihre Gedichte nicht kennt - unbedingt lesen! Zum Beispiel "Jahrmarkt der Wunder": "Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. / Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern." Alle Gedichte einfühlsam übersetzt von Karl Dedecius. Meine Hommage an diese große Humanistin und Dichterin wird gesendet am Donnerstag, 7. März, um 15.55 Uhr und 19.55 Uhr, auf SWR 2. Die Manuskripte stehen später auf der Homepage.

Die kleine Auswahl aus meiner Schriftstellerinnen-Bibliothek auf dem Foto soll zeigen, dass auch Autorinnen, die nie den Nobelpreis bekamen oder bekommen werden, gute Literatur schreiben.

Freitag, 1. März 2019

Ein Morgen


Ein Morgen

Einfach auf der Couch liegen und glücklich sein.
Ein wenig Summen nur, der ruhige Klang im Kopf.
Probleme sind gerade anderswo beschäftigt, sie haben
so viel zu tun in der Welt.

Kritische Leute schlafen zumeist; sie können dich nicht
ständig im Auge behalten, und manchmal vergessen sie es.
Wenn die Dämmerung über die Hecke fließt,
kannst du aufstehn und etwas tun.

Kleine Winkel wie dieser, herumliegende Himmelsstücke,
können aufgesammelt und aufgehoben werden.
Niemand wird sehen, dass du sie hast,
so leicht sind sie und gut zu verstecken.

William Stafford
(Übersetzung: Margrit Irgang)