Dienstag, 28. Januar 2020

Thich Nhat Hanh: Nichtstun



"We think that when we are not doing anything we are wasting our time. That is not true. Our time is first of all for us to be. To be, to be what? To be alive, to be peace, to be joy, to be loving. And that is what the world needs the most. So we train ourselves in order to be. And if you know the art of being peace, of being solid, then you have the ground for every action, because the ground for action is to be. And the quality of being determines the quality of doing. Action must be based on non-action."

Thich Nhat Hanh

"Wir glauben, wir würden unsere Zeit vergeuden, wenn wir nichts tun. Das stimmt nicht. Unsere Zeit gibt uns in erster Linie die Möglichkeit, zu sein. Zu sein, was zu sein? Lebendig zu sein, Frieden zu sein, Freude zu sein, liebevoll zu sein. Das ist es, was die Welt am meisten braucht. Deshalb schulen wir uns - um zu sein. Und wenn du die Kunst beherrschst, friedvoll zu sein, stabil zu sein, hast du den Boden bereitet für jede Handlung. Denn die Basis der Handlung ist das Sein. Und die Qualität des Seins bestimmt die Qualität des Tuns. Handlung muss auf Nicht-Handlung gegründet sein."

Thich Nhat Hanh

Mittwoch, 22. Januar 2020

Für Hochsensible: Wohin mit den Blumen?


Manchmal hat man nur ein bescheidenes Blümchen im Herzen, aber was für ein schönes!

Im September habe ich einen Text über Hochsensibilität gepostet - hier (klick) kann man ihn lesen. In ihm habe ich geschrieben: 

"Niemand ist so leidenschaftlich an Menschen interessiert wie ein Hochsensibler oder Introvertierter.
Da stehen wir mit riesigen Blumensträußen in unseren Herzen, bereit, sie zu verschenken. Aber das werden wir - ich weiß, wie vielen es genauso geht - niemals zu erkennen geben."

Jetzt hat Simon einen Kommentar dazu gepostet, der so schön ist, dass ich ihn hier mit seiner Erlaubnis wiedergebe.

***

"Da stehen wir mit riesigen Blumensträußen..." daraus habe ich eine kleine Übung gemacht. Aber was mache ich mit all den Blumen? Abends wären sie vielleicht schon verwelkt. Ich überlegte mir, sie zu verschenken. Jede Blume könnte ein „Ich mag dich“ bedeuten.

Ich probierte es aus, sie tagsüber zu verschenken. Was sich aber leicht anhört, empfand ich als schwierig. Am Abend wurde mir klar, dass der Tag anstrengend gewesen ist. Ich habe im Geiste nur ein paar Blumen verschenkt, an Leute, die ich mag. Alle anderen gingen leer aus, ohne Blumen.

Ein paar Tage später stand ein Besuch im Altersheim an, Demenzabteilung. Da gingen meine Blumen weg wie warme Semmeln. So viele erwartungsvolle Gesichter, die sich über ein Lächeln und eine Begrüßung freuten. So beglückt bin ich noch nie aus dem Altenheim gekommen. (Vielleicht ein Rückzugsort?)

Ein paar Tage später merkte ich, dass ich mit dem falschen Fuß aufgestanden bin. Was für eine miese Laune. Also beschloss ich, mir für jeden negativen Gedanken eine Blume zu schenken. Mittags waren fast alle Blumen weg und die Laune hatte sich gebessert. Die restlichen Blumen schenkte ich den negativen Gedanken der anderen.

Wenn ich darüber schreibe, wird mir klar, wie stark solche Visualisierungsübungen wirken können. Diese Übung machte mir bewußt, wie wichtig es ist, unseren Alltag mit so einer Übung phantasievoll zu gestalten, kreativ zu sein und auf die Intuition zu hören."

Simon
 

Samstag, 18. Januar 2020

Henning Ziebritzki "Vogelwerk"


Die Gedichte von Henning Ziebritzki sind beglückend und verstörend und gehören für mich zum Besten, was in der deutschsprachigen Lyrik zur Zeit zu lesen ist. Am 3. April wird Henning Ziebritzki der vom SWR und dem Land Baden-Württemberg gestiftete Peter-Huchel-Preis verliehen.

Hier (klick) meine Rezension seines Bandes "Vogelwerk" in SWR 2 vom November 2019.

Habicht

Im Wald ist er unsichtbar. Er ist eine Hohlform.
Er fängt dort an, wo du aufhörst. Er schreit
im Verborgenen und schreckt Teile von dir auf, die sagen:
Wir schmecken bitter, verbrannt wie deine Opfer.
Er ist dafür geschaffen, mit einem einzigen tödlichen Griff
ein flüchtendes Gewissen festzunageln, daß es splittert.
Im Herz des Habichts lodern keine Vergleiche.
Plötzlich fällt er lautlos aus der Blätterwand
und wölbt, zwischen zwei Verstecken gleitend, über dir
das Wunderwerk von Schrift auf seiner Brust,
unfaßbar wie ein Evangelium.


Aus: Henning Ziebritzki "Vogelwerk", Wallstein Verlag, ISBN 978-3-8353-3554-7