Montag, 22. April 2024

Das Unbehagen einladen (ja, unbedingt)

 

 Das kennen wir doch alle, oder?

"Etwas stimmt nicht, etwas scheint zu fehlen. Leider haben wir von Kindheit an gelernt, dieses Gefühl im Keim zu ersticken. Neulich im Supermarkt begann ein Kind in seinem Buggy zu weinen. Die Mutter griff ins Regal, holte ein Quetschie heraus und schob dem Kind die Saugöffnung in den Mund. Die Stillung des Unbehagens durch Essen und Trinken funktioniert in späteren Jahren dann zuverlässig. Wir brauchen unbedingt unser Feierabendbier oder die Lieblingsschokolade und zum Einschlafen ein Glas Rotwein. Auch das Shoppen oder das Konsumieren von Netflix-Serien kann das Unbehagen für kurze Zeit in Schach halten. Krishnamurti schreibt: 'Die meisten von uns finden sehr leicht Befriedigung: in der Küche, in einem religiösen Kreis oder in der Politik. Auf diese Weise wird der Geist allmählich und unausweichlich immer enger und kleiner, während er doch eine riesengroße Kapazität hat.'

Da hilft nur eins: Wir müssen uns still in den Sessel oder auf ein Meditationskissen setzen und das Unbehagen einladen, sich zu zeigen. Es hat vor der verschlossenen Tür unseres Geistes gestanden und unablässig angeklopft; jetzt stürmt es herein wie alle Gäste, die man zu lange hat warten lassen. Das müssen wir aushalten, das haben wir uns schließlich selbst eingebrockt. Wir hoffen auf ein nettes kleines Unbehagen, mit dem wir auf zivilisierte Weise verhandeln können. Aber nichts zu machen. Das einmal entfesselte Unbehagen ist erschreckend riesig, es lässt sich mit keiner Süßigkeit, keinem Vorschlag für eine hübsche Unternehmung bestechen. Es ist, wir erkennen es mit Entsetzen, eine bodenlos tiefe, uns ganz und gar ausfüllende Unzufriedenheit mit allem, was ist."

 


Warum das so hilfreich ist, könnt ihr lesen in meinem Essay "Den Geist öffnen" in der Ursache\Wirkung Nr. 118. Jetzt in ganzer Länge online hier (klick).

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Freitag, 12. April 2024

Guten Morgen, du Schöne

 

Guten Morgen, du Schöne.

Ich weiß nicht, wie du heißt. Das ist ja auch egal. Ein Name ist nur ein Ordnungs-System, das anderen (der Gesellschaft mit ihren Kontroll-Organen) hilft, etwas in eine kleine Box zu stecken und bei Bedarf zuverlässig wiederzufinden. Wir beide aber haben eine erste Begegnung. Wir haben uns, soweit ich weiß, noch nie gesehen. Wofür also brauche ich deinen Namen. Er würde mich nur davon abhalten, die erstaunliche Transparenz deiner Flügel wahrzunehmen, das Muster auf ihnen, die dezente Farbgebung, deinen plüschigen Korpus und die Mühelosigkeit, mit der sich deine dünnen Beinchen an einer Blüte halten, ohne sie zu bewegen.

Ist das die Botschaft, die du für mich hast (denn jeder von euch Geflügelten, Befellten, Bepfoteten hat eine Botschaft für den Menschen, den ihr aufsucht, nicht zufällig aufsucht, nein, den ihr mit eurer klugen Intuition bewusst wählt): die Leichtigkeit? Die Mühelosigkeit? Möchtest du mir zeigen, dass Nahrung überall zu finden ist, also auch jene Nahrung, die Menschen brauchen und die über das Essen hinausgeht? Die Nahrung der Schönheit, der Düfte, der Farben? 

Vielleicht soll ich von dir lernen, dass ein Nehmen gleichzeitig ein Geben sein muss, um die Welt in Balance zu halten. Dass Pollen gesammelt werden, um sie weiterzureichen an die Empfängerin, die sie braucht, um ihrerseits neue Pollen wachsen zu lassen. In meiner Welt fragt man sich da: Und was habe ich davon? Man fragt: Warum soll ich etwas sammeln, mit dem ich selbst nichts anfangen kann? Wie dumm ist das denn?

Vielleicht ist das die Botschaft, die du heute für mich hast: die fraglose Großzügigkeit. 

Bleib doch noch ein wenig. Ich bin so gern in der Gesellschaft von Wesen, die von mir nichts erwarten, nicht einmal meine Bewunderung. 

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Sonntag, 7. April 2024

Mitgefühl - oder Mitleid?

 Steht uns bald das Wasser bis zum Hals? Das muss nicht sein ...

 

Zerbombte Häuser in der Ukraine, Massengräber, Leichenfunde, durch eine Drohne "versehentlich" getötete Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, amoklaufende Schüler, in meiner unmittelbaren Nähe eine Familientragödie mit drei Toten und einer Schwerverletzten, dazu das Erdbeben in Taiwan, die schmelzenden Gletscher. Ich überfliege die Schlagzeilen und fühle mich überfordert. Es ist zu viel. Müssen wir eigentlich immer "auf dem Laufenden" bleiben, müssen wir uns wirklich jedes Detail einer jeden neuen Katastrophe zumuten?

In diesen Tagen muss ich manchmal an jenen tibetischen Abt denken, der lange in chinesischer Gefangenschaft war. Nach seiner Befreiung erzählte er, er sei einige Male in großer Gefahr gewesen. Seine Zuhörer nickten verständnisvoll: Natürlich hätte er jederzeit ermordet werden können. Nein, sagte der Abt, seine Gefahr sei eine andere gewesen: Er sei in Gefahr gewesen, das Mitgefühl mit seinen Wärtern zu verlieren.

Vor einiger Zeit habe ich eine kleine Serie begonnen über das buddhistische Konzept der "Nahen Feinde". Wir haben uns bereits "Gleichmut oder Gleichgültigkeit" angeschaut hier (klick). Genauso wichtig finde ich gerade jetzt die Unterscheidung zwischen Mitgefühl und Mitleid.

Was empfinden wir, wenn wir sagen "Ich habe Mitleid mit dir"? Wir denken: Der Arme, es geht ihm ja so schlecht, da will ich mal großmütig helfen (oder auch nicht). Mitleid fühlt nicht mit dem Schmerz des anderen, es bleibt von ihm getrennt und denkt, urteilt oder handelt aus dem Getrenntsein heraus. Der andere ist dort, ich bin hier, und weil es ihm schlechter geht als mir, bin ich in einer überlegenen Position. Es ist ganz subtil, und wir müssen hier wirklich ehrlich sein: Mitleid enthält einen feinen Hauch Herablassung.

Mitgefühl dagegen begegnet dem anderen auf derselben Ebene. Ich sehe den Schmerz des anderen und spüre ihn in mir, denn er berührt meinen eigenen Schmerz, den ich wie alle Menschen erfahren habe und immer wieder erfahre. Im Schmerz sind wir eins, wenn auch die Auslöser der Schmerzen ganz unterschiedlich sind.

Die Gefahr, in der wir uns gerade befinden, ist die, uns in Mitleids-Bekundungen zu flüchten.

Ich werde seit einiger Zeit immer stiller. Ich habe keine druckfertigen Meinungen zu Weltproblemen. Ich will nicht aus meiner privilegierten, sicheren Position heraus Urteile abgeben über Richtig und Falsch, auch nicht zur Politik dieses oder jenes Landes. Ich sitze auf meinem Kissen, morgens und abends, und lausche auf meinen eigenen Schmerz. Ich sage zu meinem Schmerz: Du darfst sein. Du bringst mir bei, dass Schmerz universell ist, er findet nicht dort draußen in Gaza oder der Ukraine statt, sondern im Herzen jedes Einzelnen von uns. Ich weiß, wie sich die Mutter fühlt, deren Tochter umgebracht wurde, ich weiß, was der Vater des getöteten Soldaten fühlt. Dafür brauche ich nicht die neueste Katastrophen-Meldung zum Frühstück.

Vielleicht geht es in diesen Monaten für jeden von uns um etwas sehr Bescheidenes. Vielleicht geht es einfach darum, den eigenen Schmerz in seiner ganzen Größe anzunehmen. Weil er es ist, der uns alle miteinander verbindet.

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