Sonntag, 31. Januar 2021

Zeit der Möglichkeiten

... zum Beispiel ist es zur Zeit möglich, trotz strenger Kontaktbeschränkungen interessanten Besuch zu bekommen.

 

Als wir in den ersten Lockdown geschickt wurden, sprach die Bundeskanzlerin von einer „neuen Normalität“, die uns in der Zukunft erwarten würde. Aber die Zukunft trödelt herum und will sich nicht einstellen. Jens Spahn hält sich deshalb lieber an die Vergangenheit und hofft auf eine „Rückkehr zur Normalität“ im Sommer dieses Jahres. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller glaubt dagegen „vorerst nicht“ an eine Rückkehr zur Normalität, während der Chef der Stiko, der Ständigen Impfkommission, mit einer Rückkehr zur Normalität Ende des Jahres 2021 rechnet, wenn die Herdenimmunität erreicht sein soll.

Corona hat zahllose Menschenleben gekostet, Gesundheitsschäden und Konkurse verursacht und tut es immer noch. Ist es wirklich möglich, in das zurückzukehren, was wir als Normalität empfinden - also das behaglich Vertraute, seit jeher Gewohnte? Oder eröffnet uns diese Zeit neue Möglichkeiten?

Darüber habe ich mir auf dem Portal "Netzwerk Ethik heute" Gedanken gemacht. Der Link zum Artikel ist hier (klick).


Dienstag, 26. Januar 2021

Diese Zeit des wabi sabi


Ich habe hier schon öfter über wabi sabi geschrieben, diese zutiefst japanische Ästhetik des Einfachen, Unperfekten und Unvollkommenen. Wabi sabi ist die verborgene Schönheit, die sich nicht aufdrängt und sich nur dem aufmerksamen Auge enthüllt. Die japanische Tee-Zeremonie, chado, ist ein Ausdruck dieser Kultur. Der Teeraum enthält nur das Allernötigste (das aber in höchster Qualität), die Teeschalen sind rau, uneben geformt und von zurückhaltender Farbe. Nichts glänzt und prunkt.

Wabi sabi wird zumeist als Stil verstanden, ausgedrückt in Design, Architektur und Gartengestaltung. Aber wabi sabi ist im Grunde eine Lebenshaltung. Menschen, die wabi sabi leben, schätzen gerade die Abwesenheit alles Überflüssigen und Lauten. Wo vorher Enge herrschte, entsteht Raum, zuerst im Äußeren, aber dadurch - denn das Äußere wirkt immer auf den Geist zurück - in ihnen selbst. Produkte, die im Sinn von wabi sabi hergestellt werden, sind übrigens nicht billig. Wer einmal eine japanische Teeschale, von einem Töpfer im Holzofen gebrannt, erstehen wollte, weiß, was ich meine. Eine solche Teeschale ist eine Anschaffung fürs Leben und wird weitervererbt durch Generationen.

Und nun ist etwas Außerordentliches geschehen. 



 
Alles Üppige, Laute und Bunte, das uns in Atem gehalten hatte, wurde geschlossen und zum Verstummen gebracht. Es ist still geworden in unserem Alltag, der aus einfachen Freuden besteht: dem Zubereiten einer köstlichen Mahlzeit, dem Besuch des einen Freundes, den wir noch empfangen dürfen, dem Gang durch den kahlen Winterwald. Die Farben um uns herum sind gedämpft, nichts leuchtet, nichts glänzt. Das Leben fühlt sich unvollkommen und unperfekt an; an manchen Tagen ist es rau, holpert und knirscht.

Das Leben hat uns kollektiv in eine Welt des wabi sabi geworfen, und wir haben jetzt die einzigartige Gelegenheit, Eigenschaften zu üben, die wir vielleicht lange nicht mehr eingesetzt haben. Wer die Schönheit von wabi sabi erkennen will, braucht Aufmerksamkeit auf die subtilen Nuancen. Dafür muss er oder sie innehalten, das Tempo aus dem Alltag nehmen, geduldig sein und lange und genau hinsehen und hinhören. Welche Schattierungen hat der Nebel? Sind die Adern des Blattes nicht ein Echo auf die Maserung des Holzes? Welche vorher verborgenen Seiten zeigt der eine Freund, auf den wir uns jetzt konzentrieren, weil kein anderer da ist? 
 



Wabi sabi schafft Raum, im Äußeren und im Geist. Wir müssen nur bereit sein, unsere Vorstellungen von dem, was ein "gutes", "richtiges" und "interessantes" Leben ist, loszulassen. Diese Vorstellungen waren seit jeher ein Ballast, den wir mit uns herumgeschleppt haben. Jetzt zieht die Leichtigkeit ein. Wir vergeuden keine Kraft mehr mit der Suche nach dem Aufregenden, Großartigen, Überwältigenden. Wir erwerben radikal neue Sichtweisen, und wie jeder Lerninhalt ist auch dieser eine Investition ins Leben. Vielleicht entsteht dabei etwas in uns, das wir weitergeben können - wie die kostbare Teeschale aus dem Ofen des Töpfers. 

Diese Zeit könnte eine der wertvollsten sein, die wir je erlebt haben.
 

Donnerstag, 21. Januar 2021

Ein Baum geht seinen Weg


Ich entdeckte ihn im Schlosspark meines kleinen Ortes im Frühjahr, als ihn das Laub seiner Kollegen noch nicht verdeckt  hatte. Ich war beeindruckt: Ein Baum mit Lebensgeschichte. Etwas oder jemand hatte sich ihm vor Jahrzehnten - oder waren es Jahrhunderte? - in den Weg gestellt. Man kennt das aus dysfunktionalen Familien: Einem Familienmitglied wird aus Neid und Eifersucht die Entfaltung verwehrt. Ein schwacher Charakter wird dann resignieren und verkümmern. Ein starker lässt sich nicht unterkriegen, dem fällt eine Lösung ein.

Ich stelle mir die vor Kraft strotzenden Riesen vor, die dem Bäumchen nicht das Licht für seine Photosynthese gönnten. Der Wald ist voll von solchen selbstherrlichen Diktatoren (habe ich von Deutschlands Lieblingsförster Peter Wohlleben gelernt). Null Chance also für den Nachwuchs, aber hey, der Kleine ist klug. Dort links von ihm hat der Blitz einen der Egozentriker gefällt, und Bäumchen nutzt seine Chance. Wächst beharrlich in Richtung Lücke, was zwar ein paar Jahrzehnte in Anspruch nimmt, aber als Baum hat er ein anderes Verständnis von Zeit. Leider ist es nach oben hin auch dort ziemlich voll. Geduld ist angesagt, die hat er zur Genüge, und dann kommt seine Chance: Ein Sturm lässt den Nachbarn ächzend zu Boden sinken, und der Weg nach oben ist frei.

 

 

Im Sommer besuchte ich meinen Baum erneut und erkannte ihn kaum wieder. Er stand im Kreis seiner Geschwister, Cousins und Cousinen, die ihn vollkommen mit Grün umlaubt hatten. Ein Gerüsche und Gewoge von Blättern umgab seine Einzigartigkeit und löschte sie aus. Auch das kennen wir aus Menschenfamilien: Wehe dem, der herausragt aus der allgemeinen Mittelmäßigkeit - der wird die Macht des Kollektivs kennenlernen.

Im Oktober war ich wieder da. Ich hatte es schon geahnt: Die kleinen Geschwister waren nichts als Blender gewesen. Die ganze grüne Prachtentfaltung hatte nur dazu gedient, ihre Mickrigkeit zu kaschieren. Aber er, mein Baum, schwang sich in seinem eleganten Bogen weit über sie hinaus. Vor Jahren schon hatte er Nachwuchs gezeugt (der Begriff passte nie besser als hier), ein stolz aus der Biegung seines Körpers aufragendes Bäumchen. Vielleicht wollte er zeigen, dass er auch das Gerade hinbekommt, nicht nur das Krumme. Aber ich sehe das anders: Mein Baum hat ein Einhorn zur Welt gebracht. 

Wenn ich müde bin vom erneuten Lockdown, den Kontaktbeschränkungen, dem Maskenzwang, besuche ich meinen Baum und das kleine Einhorn. Ich tue das vorschriftsmäßig im Einklang mit den Corona-Regeln, als die eine Person, die einen Haushalt besuchen darf. Bei den beiden atme ich auf. Sie leben in einer weiträumigen Zeit. Was sind schon Monate? Die beiden rechnen in Jahrzehnten.

Und meinen im Moment angeblich so gefährlichen Atem verwandeln sie in heilsame Terpene, die sie mir mit der für die Gattung Baum bekannten Güte zurücksenden. 

Geht zu den Bäumen, meine Lieben.


Samstag, 16. Januar 2021

Aufmerksamkeit schenken

 

In der Nacht zum Freitag fiel bei uns im Südwesten eine seit Jahren nicht mehr erlebte Menge Schnee. Gestern ging ich mit meiner Kamera über die Hügel und schaute mir die verwandelte Landschaft an. Viele Menschen waren unterwegs, Kinder rodelten, Hunde tobten. Dreimal begegnete ich dem Traktor vom Bauernhof, der an einer langen Leine (im vorgeschriebenen Abstand von einem Meter fünfzig!) drei Schlitten mit johlenden jungen Männern über die Hügel schleppte. Der letzte fiel, kurz bevor ich den Auslöser betätigte, in den Schnee und musste rennen.

 

 

Ich war - mitten im Lockdown - in eine Gemeinschaft glücklicher Menschen geraten. Und da begriff ich, warum es so schwer ist, zu erklären, was Achtsamsein bedeutet. Das hatte nur indirekt zu tun mit dem so plötzlich und unfreiwillig von der Leine gelassenen Schlittenfahrer (ich glaube, da waren vorher ein paar Flaschen Bier geleert worden). Ich begriff, dass wir ein Sprachproblem haben. Wenn ich sage, dass "ich" achtsam "bin", fehlt in dem Satz etwas - nämlich der gesamte Rest der Welt. Das ist ziemlich viel. Und weil Sprache unser Denken formt, überprüfe ich für mich jetzt eine andere Formulierung: Ich schenke Aufmerksamkeit. 

Wem? Was? Der Satz erfordert zwingend ein Reflexivpronomen. Und schon ist die Welt mit drin in der Aussage, wird einbezogen. Der Satz ist unvollständig ohne das "Gegenüber", ohne etwas, das nicht ich bin, das aber dadurch, dass ich ihm etwas schenke, hineingenommen wird in den gemeinsamen Raum, der jetzt entstanden ist.

 

 

Wäre das nicht eine Übung für den Lockdown, der, wie das Gerücht es will, verlängert und verschärft werden soll? Aufmerksamkeit schenken - vielleicht einfach nur dem Restchen Schnee am Zaun. Schon ist man nicht mehr allein, sondern mindestens zu zweit. Und wenn man es schafft, noch länger Aufmerksamkeit zu schenken, wird vielleicht auf einmal der Satz ganz klar: das Universum ist in einem Sandkorn zu finden.

Warum dann nicht in einem Bällchen Schnee?


Dienstag, 12. Januar 2021

Januarnacht

 
Auf fernen Höfen
bellen Hunde
in der Nacht
 
Was wüsste ich
von diesem schwarzen schweigend
sich über die Tannen wölbenden
Nichts dem Raum
in den die Sterne lautlos fallen
was wüsste ich
vom Schlaf der Dinge
zwischen zwei und drei
vom Berg von dem
kein Stein schlägt
 
würden sie nicht die Stille bewachen
die bellenden Hunde
auf den unbekannten
Höfen in der Nacht 

(aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)
 

Montag, 4. Januar 2021

Vierzig Jahre - rückwärts und vorwärts

 

In meiner Straße wurde die Litfaßsäule entkleidet. Wie das so ist, wenn man sich lange nicht ausgezogen hat: Es kommt ziemlich viel alte Unterwäsche zum Vorschein. Wie gut doch Udo Lindenberg einst aussah - das würde man heute gar nicht mehr glauben. Von oben linst der junge Peter Alexander (oder Stephan Sulke?) auf mich herab, und ist das dort unten nicht - wie hieß der doch gleich, ach ja, Howard Carpendale (oder Klaus Hoffmann?)? Und diese allgegenwärtigen Plakate, dramatisch rot umrandet, mit denen man eifrig nach Terroristen fahndete - übrigens, das muss man heute extra erwähnen, kam der Terrorismus damals von links. Jedenfalls erzählte man uns das so.

Ich stehe davor und schaue mir meine Vergangenheit an. 

Und stelle mir vor, wie in vierzig Jahren unsere Kindeskinder amüsiert die Jahre 2020 und 2021 anschauen werden, die natürlich nicht auf Herrn Litfaß geklebt sein werden, sondern im Internet konserviert sind für die nächsten tausend Jahre.

 

 

Sie scrollen sich durch die Bilder und denken: Ach ja, damals herrschte diese sogenannte Pandemie, von der alle überrascht und überrumpelt wurden. Da gab es diesen Gesundheitsminister, wie hieß der doch gleich, der später längst nicht die Karriere gemacht hat, die man ihm damals prophezeite. Ging zu viel schief in seinem Management. Die mit Auftrittsverbot belegten Künstler versuchten ohnmächtig aus dem heimischen Wohnzimmer heraus, singend, tanzend und musizierend unvergesslich zu bleiben, während der meistgehypte Typ der Zeit, ein Virologe, auf allen Kanälen zu sehen war, obwohl er das finanziell nicht nötig hatte, er war festangestellt. Die Menschen auf der ganzen Welt sahen auf einmal aus wie Japaner, weil sie Masken tragen mussten, wogegen es maßlos wütende Demonstrationen gab. Sozusagen über Nacht wurde ein Impfstoff auf den Markt geworfen und hektisch in Milliarden Oberarme gerammt, obwohl man nur eine vage Ahnung von möglichen Nebenwirkungen hatte und es nicht einmal klar war, wogegen man da impft: gegen die Ansteckung, gegen das Angestecktwerden oder einfach nur gegen einen dramatischen Verlauf.

Alles in allem peinlich unbedarft und naiv.

Uns, denken unsere Kindeskinder beim Anblick der vierzig Jahre alten Fotos, kann das alles nicht mehr passieren. Die Pandemie-Breitband-Impfung gegen sämtliche damals mutierten Erreger und alle weiteren, die im Lauf der folgenden zwei Jahrzehnte auftraten, wird bereits unseren Einjährigen verabreicht. Weltweit sind die Menschen durchgeimpft. Allerdings ist es reine Spekulation, unsere Anfälligkeit für andere schwere Krankheiten und unser allgemeines Unwohlgefühl auf diese Impfung zurückzuführen. Nein, da gibt es durchaus andere Gründe, die Umweltverschmutzung, das Sterben des Winters, die allgemeine Erhitzung und so weiter. Und überhaupt ist es vermutlich ein Gerücht, dass sich unsere Großeltern vor vierzig Jahren noch heimisch gefühlt haben in ihrem Körper. Ein Gerücht wie jenes, dass es damals noch Schnee gegeben haben soll im Harz und im Schwarzwald und so.

Denken sich unsere Kindeskinder beim Betrachten unserer alten schmutzigen Unterwäsche, die wir ihnen hinterlassen haben.