Sonntag, 11. November 2018

Liebesbrief



Love Letters

Every day, priests minutely examine the Law
And endlessly chant complicated sutras.
Before doing that, though, they should learn
How to read the love letters sent by the wind
and rain, the snow and moon.

Ikkyu
Buddhist priest, 1334 - 1481 


*** 

Liebesbriefe

Jeden Tag studieren die Priester akribisch die Lehre
und rezitieren endlos komplizierte Sutras.
Zuvor sollten sie jedoch lernen
die Liebesbriefe zu lesen, geschickt
von Wind und Regen, Schnee und Mond.

Ikkyu
Buddhistischer Priester, 1334 - 1481


 

Mittwoch, 7. November 2018

Frau Irgang kocht: Kürbis-Grünkohl-Bowl



Allmählich kriecht winterliche Kälte in die Abende, Frau Irgang heizt und stellt sich wieder an den Herd. Freundin zum Thema Kochen: "Ich koche doch nicht für mich allein, das lohnt sich nicht." Bekannte: "Ich hole mir was beim Vietnamesen an der Ecke." Kollegin: "Ich mach mir ein Brot, Zeit zum Kochen habe ich nicht."

Aber wie gesagt, Frau Irgang kocht. Und probiert, weil sie nicht dauernd dasselbe essen will, gern neue Gerichte aus. Dies hier fand ich kürzlich sehr fein. Es ist ein leicht abgewandeltes Rezept aus dem Buch der Ärztin Susan Blum "Autiommunerkrankungen erfolgreich behandeln", Mosaik Verlag, in dem sich auch andere gute Speise-Ideen finden.

Und so geht's:

Einen halben kleinen Butternuss-Kürbis (Hokkaido ist auch fein) würfeln; schälen ist nicht nötig. Auf einem Backblech verteilen, mit Olivenöl beträufeln, mit Mohnsamen bestreuen und mit Salz und Pfeffer würzen. Ca. 20 Minuten bei 190 Grad garen. Wenn eine Gabel hineingeht, ist er fertig.

Währenddessen eine Tasse Quinoa oder Vollreis zum Kochen bringen.

Eine Gemüsezwiebel in feine Ringe schneiden und in Öl langsam dünsten und bräunen, bis sie süß ist. Herusfischen. Gewaschenen und kleingeschnittenen Grünkohl - Menge nach Wunsch - in dieselbe Pfanne tun, andünsten, bis er zusammenfällt und weich wird (geht sehr schnell). Inzwischen sind hoffentlich Quinoa und Kürbis fertig. Quinoa in eine Schale schöpen, darauf ein Löffelchen Zwiebel, Kürbis und Grünkohl darüber und mit einer Sauce begießen, die ich schon vorher gemacht habe, nämlich so:

2 - 3 EL Tahin mit Zitronensaft, Salz, geriebenem Ingwer und Honig nach Wunsch verrühren. Mit heißem Wasser zu gießfähiger Konsistenz verrühren. Als Abschluss über die Sauce in der Bowl geröstete Walnüsse oder andere Nüsse streuen.

Susan Blum fügt gewürfelte Avocado hinzu, mir war die aber zu kalt auf dem herrlich wärmenden Gericht.

Möge es schmecken!


Samstag, 3. November 2018

Lieblingsbaum der Woche


Der steht hier vor dem Feuerwehr-Gerätehaus.

Wie gut, dass sie ihn nicht versehentlich gelöscht haben.

Ein sonniges Wochenende allerseits!

Verlinkt beim Naturdonnerstag von Ghislana

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Oh Oktober


Oh Oktober, du älterer Herr; die Art deines Auftritts im Jahr ist immer ungewiss, schwankend, abhängig von deiner Tagesform, wie es bei älteren Herren eben so ist. An einem Tag rennen sie zwanzig Kilometer, am nächsten liegen sie mit Rückenschmerz im Bett. Aber du hast dieses Jahr alle Kraft zusammengerafft und einen strahlenden Auftritt hingelegt. Wir wurden sorglos und heiter, holten noch einmal die Sandalen aus dem Schrank, spannten die Sonnenschirme auf und verspeisten letzte Eisbecher im Freien. Und erst, als du keine Kraft mehr hattest, sonnig und fröhlich zu sein, und Regen und Sturm erlaubtest, uns in die Häuser zu treiben, fiel uns wieder ein, dass du ja gar nicht der September bist. Und wir erinnerten uns wieder an den älteren Herrn, dem Blätterfall, Regenböen und erster Nachtfrost zustehen, ob uns das gefällt oder nicht.

Du warst ein Vorbild für uns. Das wollen wir älteren Damen und Herren uns merken: Das Sonnige, Leuchtende muss nicht zu Ende sein, nur weil es so im Kalender steht.

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Diese leise sanfte Kraft


Ich gehe durch die Stadt, Stein rechts, Stein links, Stein unter mir, und überall lugt durch das Grau etwas zart Lebendiges. Etwas, das sich unbeirrt seinen Weg ins Licht bahnt und, dort angekommen, sofort zu blühen und zu wachsen beginnt. Diese leise sanfte Kraft unter dem Harten und Starren.

Vor ein paar Wochen fuhr ich meinen gewohnten Weg vom Biomarkt nach Hause, durch altvertraute Straßen. Alles bekannt, nichts Neues, nichts, was Begeisterung auslösen würde. Alltag eben. Am Zebrastreifen vor der Bushaltestelle musste ich anhalten, ein Mann überquerte die Fahrbahn, und auf einmal sah ich, was das für ein wunderbarer Mensch ist: Dieses Gesicht, in das sich das Leben eingeschrieben hat; diese Hände, die fest und zuverlässig die Einkaufstasche packten und ihren Inhalt sicher nach Hause bringen würden; dieser ganz und gar aus der Mode gekommene Anorak, der vielleicht von Körper zu Körper weitergereicht worden war, von jemandem einst in eine Kleidersammlung gegeben wurde, von einem anderen dort herausgefischt und der jetzt dort, genau vor mir, an einem Körper hing, der wie für den Anorak geschaffen war und mit diesem Körper den Zebrastreifen querte. Genau vor mir, die ich diesen großartigen Augenblick der Anoraküberquerung aus der ersten Reihe heraus miterleben durfte. Ich fuhr wieder an, und in den Scheiben der Autos, die mir entgegenkamen, spiegelte sich der Himmel, an dem ein paar Wölkchen lungerten, genau die richtige Anzahl pudriger Wölkchen, die einem blauen Himmel gut tut, aus einem offenen Fenster wehte "Brothers in Arms" von Dire Straits, ich parkte vor meinem Haus und konnte vor lauter Glück nicht aussteigen. Meine Füße hätten die Fülle einfach nicht tragen können.

Diese leise sanfte Kraft unter dem Harten und Starren.

Sonntag, 14. Oktober 2018

Gräsergedicht, an die Hauswand geschrieben


"Können wir ein Gedicht über das Innehalten, die Absichtslosigkeit, das einfache Sein schreiben?

Können wir etwas dazu malen?

Alles, was wir tun, ist ein Akt des Dichtens oder eine Malerei, sofern wir es mit Achtsamkeit tun.

Salatpflanzen ist Dichten. Der Besuch im Einkaufszentrum kann eine Malerei sein."

Thich Nhat Hanh

... und dann gibt es ja immer auch Gräser und Sonne, die ein Gedicht an eine Hauswand schreiben.

Muss man nur lesen können.

Montag, 8. Oktober 2018

Sommers Ende


Sommers Ende

Und wieder den Sommer nicht bestanden.
Schneller als wir wuchs das Korn.
Zur Feier des Juli starb das Gras
den Himmel lobte die Lerche.
Die Nacht schlug uns mit Duft und Sternen.
Wir schliefen nie. Wir schliefen immer.

Es war die Rose die sich entfaltete
es war die Kapsel des Mohns die brach.
Wieder vor der Wärme geflohen
Schatten aufgestellt
und in der hohen Stille des Mittags
die Ewigkeit unverändert überlebt.

Margrit Irgang

(Dieses und weitere 11 Gedichte in: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)

Montag, 1. Oktober 2018

Auf Wiedersehen, September


Ich hätte nichts dagegen, dich wiederzusehen, genau so, wie du warst. Du bist ja immer ein Monat zwischen Noch und Schon, zwischen Sommer und Herbst. Das Noch war diesmal größer. Du hattest Sommerwärme und Farben zwischen Aprikose, Kürbisorange, Ocker, Waldgrün und Sattblau im Angebot. Die Straßenstände bogen sich unter dem Angebot, die Bauern wussten kaum, wohin mit der Überfülle, und ich kam von jeder Fotowanderung beladen mit Säcken voller Äpfel, Trauben, Pfirsiche, Kürbisse und Walnüsse nach Hause.   

Dann brachtest du die ersten Bodenfröste (schon!!!) und einen Gewittersturm, der die Zwetschgen vom Baum fegte, was uns nicht erfreute, aber okay, wir haben es dir nachgesehen. Du bist eben nicht der Juli; du musst der Zweibeinige sein, der du bist, mit einem Bein im Noch, mit dem anderen im Schon.

Wie gesagt: jederzeit gerne wieder, September.

Samstag, 29. September 2018

Bei der Feenkönigin


Sie wohnt tief unten; dort berät sie sich mit ihren Wassergeistern.

Es geht um vieles. Um das Wasser, die Bäume, die Vögel, die Luft.
Es geht um die Menschen.
Wie man ihnen beibringen kann, dass Schönheit fragil ist und geschützt werden muss.
Dass das Blau des Sees, das Grün des Waldes, die Klarheit des Himmels nicht selbstverständlich sind.
Es geht um die Endlichkeit alles Seienden, mit dem die Menschen sich nicht befassen wollen.
Weil sie dann zugeben müssten, dass auch sie selbst endlich sind.

So ernst und schwerwiegend sind die Gespräche tief unten.
 
Manchmal, am sehr frühen Morgen, steigt der Schleier der Feenkönigin aus dem See.
Dann ist sie ganz nah an der Menschenwelt, fast sichtbar. (Wenn man nur sehen könnte.)
Ein feines Klingen liegt über dem Wasser.
Ein Bläschen steigt auf, nur eins. (Viele Blasen = Fisch.)

Sie zeigt sich nie. 
Aber sie ist da.
Solange sie da ist, könnte noch alles gut werden. 

Verlinkt beim Naturdonnerstag.


Dienstag, 25. September 2018

Schmerz. Verlust. Enttäuschung.


"Normalerweise haben wir das Gefühl, dass unser Leben glattgehen soll, und wenn wir beginnen, uns deprimiert, einsam oder unzulänglich zu fühlen, glauben wir, einen Fehler gemacht oder das gute Gefühl verloren zu haben. Aber wenn wir unerwünschten Gefühlen begegnen, ist das ein wichtiger Moment auf dem spirituellen Weg. Genau dann kann Transformation stattfinden.

Solange wir darin gefangen sind, ständig Sicherheit und Glück zu suchen, anstatt den Geschmack, den Geruch und die Qualität genau dessen, was gerade geschieht, zu ehren - solange wir ständig vor dem Unbehagen davonrennen, sind wir in einem Zyklus von Unglücklichsein und Enttäuschung gefangen und fühlen uns immer schwächer.

Es ist ermutigend zu sehen, dass innere Stärke uns in eben dem Moment zur Verfügung steht, in dem wir das Gefühl haben, am Boden zu liegen; dann, wenn die Umstände am schlimmsten sind. Anstatt uns zu fragen: "Wie kann ich Sicherheit und Glück finden?", könnten wir fragen: "Kann ich das Zentrum meines Schmerzes berühren? Kann ich sitzen mit dem Leiden, sowohl deinem wie auch meinem, ohne zu versuchen, es loszuwerden? Kann ich dem Schmerz des Verlusts oder der Schmach - Enttäuschung in jeder Form - wach und präsent begegnen und ihm erlauben, mich zu öffnen?" Das ist der Trick.

Hilfreich ist auch, den Fokus zu verändern und zu sehen, wie wir Widerstände aufbauen. In diesen Momenten können wir beobachten, wie wir uns zurückziehen und selbstzentriert werden. Wir werden trocken, sauer, ängstlich; wir grummeln oder verhärten uns aus Angst vor weiterem Schmerz. Auf altvertraute Weise errichten wir automatisch ein Schutzschild, und unsere Selbstbezogenheit verstärkt sich.

Aber genau in diesem Moment könnten wir etwas anders tun. Mit Hilfe unserer Praxis können wir die Mauern sehen, die wir um unser Herz und unser ganzes Wesen herum aufgerichtet haben. Wir können erfahren, wie wir uns verstecken, einlullen, wie wir einfrieren. Wenn wir unsere Widerstände zutiefst erfahren und ihnen unsere ganze Aufmerksamkeit geben, beginnen sie erstaunlicherweise sich aufzulösen.

Lasst euch von euren Schwierigkeiten transfomieren. Es wird geschehen. Nach meiner Erfahrung brauchen wir nur ein wenig Unterstützung, um zu lernen, nicht davonzulaufen."

 Pema Chödrön, 
amerikanische Nonne in der tibetischen Shambhala-Tradition


Montag, 17. September 2018

Wahrnehmen


Das althochdeutsche Wort "Wahr" bedeutet "Aufmerksamkeit, Acht, Obhut". Was ich wahrnehme, nehme ich also in die Obhut meines Blicks. Ich schaue es nicht einfach an mit einem Blick, der von der Oberfläche abprallen würde. Ich umfasse es mit Wärme. Mein Blick ist zärtlich, gewaltlos, er will das Wahrgenommene nicht ändern, es nicht nach den Vorstellungen meines Egos manipulieren. Meine Wahrnehmung will nichts von dem, was sie umfängt; es muss ihr nichts geben, sie nicht bestätigen. Das Foto oben habe ich gemacht, als ich durch ein ganz gewöhnliches Neubauviertel in meiner Nähe gegangen bin. Reihenhäuschen, Vorgärten, Autos am Straßenrand. Und dann nahm ich die Blüte wahr, die vor einem Garagentor hing.


Chögyam Trungpa sagt: "Die Kunst der meditativen Erfahrung kann man authentische Kunst nennen. Solche Kunst wird nicht für Ausstellungen gemacht. Sie ist vielmehr der beständig wachsende Prozess, in dem wir die Umgebung unseres Lebens wertzuschätzen beginnen, was immer diese auch sei - sie muss überhaupt nicht gut, schön oder angenehm sein. Diese Definition von Kunst ist es, die Einzigartigkeit der alltäglichen Erfahrung zu sehen."

In jedem meiner Seminare gehe ich mit meinen Teilnehmern ins Freie für eine Gehmeditation. Im Lauf der Jahrzehnte meiner Arbeit habe ich dabei Schnee, Regen, Gewitter, Stürme, Frühlingswärme und Sommerhitze erlebt. Nichts stört uns, wir gehen. Und nehmen wahr, was uns begegnet. Bleiben stehen, wenn wir Resonanz spüren zu einem Baum, einem Zweig, einer Mauer. Halten inne, atmen. Wir benennen nicht, was wir sehen, wir denken nicht darüber nach, wir machen uns leer von allem, was wir vielleicht über es wussten oder gerne wissen würden. Wir nehmen es in die Obhut unseres Blicks, wo es sich entfalten und seine Tiefe zeigen kann.


Ist das nicht eine wunderbare Alltagsübung für Menschen, die wenig Geduld und Zeit haben für das lange Sitzen auf dem Kissen? Plant doch einfach zwanzig Minuten mehr ein für den Gang zum Bus oder den Supermarkt, verlangsamt Euren Schritt und haltet inne, wenn etwas Euren Blick fängt. Farbe, Form, das Spiel des Lichts. Vielleicht hängt da ein ganz gewöhnlicher Gartenschlauch, und ich sehe ihn zum ersten Mal, mit allen Sinnen. 

Die Poesie des Augenblicks.
 

Montag, 10. September 2018

Das Licht. Die Stille. Die Schönheit.


Eine Kirche. Zufällig gefunden auf einem meiner täglichen Foto-Spaziergänge. Sie ist offen, ich gehe hinein. Die Kirche ist unspektakulär, keine bunten Glasfenster, keine großartigen Jesus-Skulpturen. Eine Kirche für den Kleinstadt-Alltag, für Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen. Immer dieselben alten Menschen werden sonntags das Mittelschiff schütter besetzen; an Heiligabend wird es brechend voll sein, da gehört ein Kirchgang einfach dazu. Wie das so ist mit der Religion heute.

Auf dem schmucklosen Altar steht ein Blumenstrauß, daneben liegt aufgeschlagen die Bibel. Es ist ein trüber Tag, eigentlich kein Tag zum Fotografieren. Zwischen den dicken Mauern ist es still, ich bin die einzige Besucherin. Während ich auf den Altar zugehe, fällt jäh von oben durch eins der trüb verschmutzten Fenster ein Sonnenstrahl auf die Blumen und die Bibel. Nur dort hin. Auf die Blumen. Auf die Bibel.

Ich sehe nicht: "Religion". Nicht: "Christentum". Nicht: "Kirche". Ich sehe das, woraus Religion und Kirche einst entstanden sind, vor all den Dogmen, Fehlinterpretationen, Kriegen.

Das Licht. Die Stille. Die Schönheit.


Dienstag, 4. September 2018

Das Singen der Dinge



Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke

Ich empfinde das genauso ...
 

Donnerstag, 30. August 2018

Adieu, August


Du hast dich noch nicht ganz von der Wärme verabschiedet, aber erste Kälte hattest du auch dabei. Dazu ein wenig Regen und den ersten Morgennebel. Du hast Früchte reifen und verfaulen und verdurstende Kastanien von den Bäumen fallen lassen. Es war viel Ende in dir - und ein wenig Anfang. Und doch warst du bei aller Bewegtheit tief und still, ein Monat, der sich ausruht. Deine Tage schienen sich mit sich wohlzufühlen; sie schlenderten behaglich vom Morgen in den Abend hinein, ließen sich nieder auf Terrassen und in Gartenwirtschaften und wichen nur ungern der Nacht. Beim zögerlichen Abschiednehmen zogen sie einen langen Schweif an Sommerwärme hinter sich her, der noch lange über den Gärten und Feldern hing. 

Danke, August, für deine Gelassenheit.

Sonntag, 26. August 2018

Kastanien, Sommer 2018


Sie sind verdurstet vom Baum gefallen, der sie nicht mehr halten konnte. Kastanien-Frühchen, noch ganz weich, ganz zart. Blind, die Augen noch nicht ausgebildet.

Ein Moment der Trauer auf dem Spaziergang mit der Kamera.

Verlinkt beim Naturdonnerstag

Donnerstag, 23. August 2018

Frei sein


Wo ich lebe, ist viel Himmel. In diesen weiten Himmel steigen morgens jetzt wieder die Ballons. Ich sitze beim Frühstück auf der Terrasse, sie fliegen direkt über meinen Kopf, ich sehe sie über mir kleiner und kleiner werden. Und auf einmal steigt das schmerzhafte Gefühl des Gefangenseins aus Jugendtagen auf, der brennende Wunsch, frei zu sein. Steigt auf in mir, scheinbar out of the blue, wie der Ballon aus dem Feld hinter meinem Haus.

Denn ich bin ja frei. Spirituell ohnehin, aber auch konkret. Frei, ein Flugzeug oder einen Zug zu besteigen, frei, morgen früh beispielsweise lieber ein Marmeladenbrot zu essen als Porridge, frei, niemanden um irgendeine Erlaubnis bitten zu müssen.

Gefühle dieser Art kommen nie aus dem Nichts. Sie waren irgendwann einmal die Antwort auf eine reale Situation. Damals waren sie angemessen, eine Botschaft unseres Herzens: Hier stimmt etwas nicht, hier muss etwas geändert werden. Aber dann wurden wir unaufmerksam. Vielleicht wollten oder konnten wir das zu Ändernde nicht ändern; das Gefühl blieb uns erhalten, es hängte sich an weitere, ähnliche Anlässe, und dann haben wir es sorgsam gepflegt, mit Aufmerksamkeit gefüttert, haben darüber nachgegrübelt und es, oft ohne es zu wollen oder auch nur zu bemerken, eingeladen, sich in unserem Geist und Herzen niederzulassen. Und mit jedem dieser Momente ist das Gefühl ein wenig stärker geworden und hat sich in uns breit gemacht, bis wir den Eindruck hatten, dieses Gefühl gehöre zu unserer Identität, ja wir seien geradezu das Gefühl. Ohne diese Angst, diesen Schmerz, diese Befürchtung kommen wir uns irgendwie unvollständig vor.

Der Buddhismus nennt das eine Gewohnheits-Energie. Solche mit Aufmerksamkeit genährten Energien übernehmen irgendwann das Kommando, und wir sind ihnen ausgeliefert.

Freiheit sieht anders aus.

Deshalb frage ich  mich bei jedem aufsteigenden Gefühl: Worauf bezieht es sich? Ist es eine Antwort auf eine in diesem Moment bestehende Situation, um die ich mich kümmern muss, oder ist es eine Energie, die aus der Vergangenheit stammt und jetzt und hier überhaupt nicht relevant ist? Körper, Herz und Geist erinnern sich noch, das Gefühl hat sich tief eingegraben, aber das Ereignis, auf das es sich bezieht, besteht schon lange nicht mehr.

Ich sehe dem Ballon nach, der hoch oben ins Blau eintaucht, halte einen Moment inne vor dem nächsten Schluck Tee und beschließe, auf keinen Fall jemals in einen solch winzigen Korb unter einer solch riesigen Plastikhülle zu steigen. Viel zu teuer, und dann, habe ich gehört, ist es dort oben auch im Hochsommer so kalt, dass die Fahrgäste gebeten werden, Wintermäntel anzuziehen.


Samstag, 18. August 2018

Stacheln und Glanz




Stacheln und Glanz.

Wie das Leben eben.


Montag, 13. August 2018

Saure Äpfel


Da hat also wieder einer einen Apfel angebissen und festgestellt, dass er sauer ist. Geschieht ja stündlich, minütlich überall auf der Welt. Saure Äpfel, wohin man sieht. Auf dem Balkon in diesem Jahr wieder ein Wespennest, nur doppelt so groß wie im letzten. Also bitte, wollen Sie Ihren Kuchen nicht selber essen? Die Mülltonnen bleiben wieder mal nur in unserer Straße ungeleert stehen, weil das Unternehmen Personalknappheit hat. Das Paket, für Samstag angekündigt, wurde auch heute nicht geliefert. Vom Zustand unseres Bankkontos reden wir besser erst gar nicht. Wenn man nur ein bisschen auf die Suche geht, zeigt sich die Mangelhaftigkeit der Welt an allen Ecken und Enden.

Und der ganze große Rest ist voll mit süßen Erdbeeren, Trauben und Bäumen, die sich unter reifenden Äpfeln biegen, voll mit planschenden, schaukelnden, seilhüpfenden Kindern, mit Katzen, die im Häuserschatten dösen, Hunden, die Bällen nachjagen, Musik aus offenen Fenstern, Menschen, die uns zum Essen einladen, und Fremden, die uns, einfach so, auf der Straße nachrufen: "Sie haben ein schönes Kleid an!" Und das Kleid ist dann auch noch acht Jahre alt.

Ach, diese runde bunte volle Welt. Alles da, alles passt rein, alles hat seinen Platz. Das Saure, das Süße, unser Beleidigtsein, unsere Blindheit, unsere Sehnsucht seit Kindertagen nach dem ganz Anderen, das endlich rund und bunt und süß wäre und uns glücklich machen würde. Hat alles Platz in der vollständigen Welt.


Donnerstag, 9. August 2018

Nichts geschieht


Die Welt hält Siesta.

Die Enten lagern im Schilf, Köpfe im Gefieder. Alle Vögel halten Mittagsschlaf. Ein kleiner Käfer sitzt auf meinem großen Zeh; dort gefällt es ihm wohl, dort bleibt er erst mal. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. In der heißen Stille des Hochsommermittags am Waldteich geschieht nichts. Muss nichts geschehen. Soll nichts geschehen. Die Welt ruht sich aus von den Kämpfen, Empörungen, Aufregungen, die ihr von den Menschen zugemutet werden. Auch eine Welt wird ja irgendwann müde.

Der Wirbel hat sich gelegt.

Die Gegenwart leuchtet.

Verlinkt beim Naturdonnerstag 

Samstag, 4. August 2018

Kurze Buddhas, lange Buddhas


Seht Ihr, wie da einer meditiert seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten im Wurzelwerk der Mauer von Burg Landeck? Die geschlossenen Augen, die vorspringende Nase, die Pausbacken? Ich habe mich vor ihm verneigt und durfte ihn fotografieren.


Ein langes Ding ist der lange Leib des Buddha.
Ein kurzes Ding ist der kurze Leib des Buddha.
Zenrin Kushu

"Manche Buddhas sind kurz, andere lang, manche Schüler sind Anfänger, andere weit fortgeschritten, aber jeder ist genau so, wie er ist, 'richtig'. Wenn er dagegen begierig darauf aus ist, sich zu verbessern, fällt er in den verhängnisvollen Kreislauf des Egoismus. Für den westlichen Geist mag die Anerkenntnis schwierig sein, dass sich der Mensch eher durch Wachsen als durch Selbst-Verbesserung entwickelt und dass weder der Körper noch der Geist dadurch wächst, dass er sich selbst streckt. So wie aus dem Samenkorn der Baum wird, so wird aus dem kurzen Buddha der lange Buddha. Das ist keine Frage des Sich-Besserns, denn der Baum ist kein verbessertes Samenkorn, und selbst die Tatsache, dass aus vielen Samenkörnern nie Bäume werden, ist in vollkommenem Einklang mit der Natur. Aus Samenkörnern werden Pflanzen, aus Pflanzen werden Samenkörner. Hier geht es nicht um höher oder niedriger, besser oder schlechter, denn in jedem Augenblick seines Wirkens hat der Prozess als solcher die Fülle seines Sinns.

Eine Philosophie des Nicht-Wollens weckt immer die Frage nach dem Ansporn. Wenn nämlich die Menschen, so wie sie sind, schon ganz richtig oder schon Buddhas sind - legt diese Selbstzufriedenheit dann nicht den kreativen Antrieb lahm? Die Antwort lautet: Handlungen, die einem äußeren Ansporn entstammen, haben nichts wirklich Kreatives an sich, denn das sind keine freien oder kreativen Taten, sondern konditionierte Reaktionen. Wahres Schöpferischsein ist immer zweckfrei, ohne Motiv darüber hinaus. Aus diesem Grund sagt man, ein echter Künstler bilde die Natur gemäß ihrer selbst ab und verstehe den wahren Sinn des Ideals einer 'Kunst um der Kunst willen'. Oder, wie Kojisei in seiner Saikontan geschrieben hat: 

'Wenn deine wahre Natur die schöpferische Kraft der Natur selbst hat, dann siehst du, wohin du auch gehst, (alle Dinge als) Fische springen und Gänse fliegen.'"  

Aus: Alan Watts "Leben ist jetzt", aus dem Amerikanischen von Bernardin Schellenberger, Herder Spektrum, ISBN 3-451-04622-9
 

Dienstag, 31. Juli 2018

Goodbye, Juli


Goodbye, Juli. Ich kann nicht gut Auf Wiedersehen sagen; wenn du wiederkommst, wirst du ein anderer sein. Diesmal warst du so heiß und farbig, so summend und leuchtend, wie ich mir einen Juli wünsche. Genau so hätte ich gern auch den August und den September. Die Welt soll weiterhin heiß und bunt und leuchtend sein. Kannst du das bitte dem August und dem September mitteilen? Sie sollen einfach alles von dir übernehmen, ich brauche nichts Neues von ihnen, ich bin wirklich bescheiden: Ich will nur das, was jetzt gerade da ist.

Aber natürlich will der August kein Juli sein und der September schon gar nicht. Sie werden ihr eigenes Ding machen, werden archaische Gewitter über den Berg schicken, die hoffentlich nicht wieder meine Telefonbuchse aus der Wand sprengen. Sie werden masslose Regengüsse über uns schütten (zu spät für Kartoffeln, Getreide und Flussfische, Juli, ich muss zugeben: die Bauern verfluchen dich, und zu Recht). August und September werden einen Temperatursturz inszenieren und ich werde mich wieder in Wolle wickeln müssen und trotzdem frieren, weil Temperaturen unter 20 Grad für mich arktisch sind. So wird es sein. 

Also danke, Juli, für alles.


Freitag, 27. Juli 2018

Montag, 23. Juli 2018

Meditation mit der Kamera: Miksang




Miksang ist tibetisch und bedeutet "das gute Auge". Eine Schule des Sehens, die von Chögyam Trungpa ins Leben gerufen wurde. Fotografie ist für mich die Zen-Kunst schlechthin (nein, Trungpa war kein Zenmeister, aber seine Shambhala-Schule ist nur ein anderer Weg zum Erwachen, das immer in diesem Augenblick geschieht). Ein Augenblick, ein Klick. Ein Foto ist immer nur JETZT! Im nächsten Moment wäre es ein anderes Foto, wird es ein anderes Foto sein.

Können wir einfach nur wahrnehmen, was ist, ohne Vorstellungen, Ideen, ohne Suche nach einem bestimmten Erlebnis? Können wir die Schönheit der Welt, wie sie sich in diesem Moment zeigt, würdigen, ohne sie verändern zu wollen nach unseren Vorstellungen? Können wir jeden Wunsch nach "kreativer Gestaltung" (in diesem Zusammenhang also: Manipulation) vergessen? Wenn unsere Wahrnehmung rein ist, nicht von Gedanken und Gefühlen getrübt, ohne Absichten, Wünsche, Abneigungen - dann sehen wir. Das, was uns bisher entgangen ist: das Kleine, Entlegene. Den Schnipsel Papier im Rinnstein, das Glitzern des Regens auf dem Pflaster, das zufällig auf ein Autodach gewehte Blatt, gelb auf schwarz. Und wir kommen in diesem unwiederbringlichen Augenblick vorbei, nehmen die Schönheit wahr und - klick.

Absichtslosigkeit ist der Schlüssel zur Meditation und zur Miksang-Fotografie. Wie gelingt ein solches Sehen? Der Zenmeister John Daido Loori, selbst Fotograf, sagte es trocken und prägnant: "Get out of the way." Dein Ego ist im Weg, vergiss es. Werde zum Auge, ganz und gar.

Ergänzung: Bitte lest auch die Kommentare, dort ist ein interessantes Gespräch im Gang. Und weil das vielleicht nicht jeder tut, hier ein Zitat des großen Fotografen Minor White, der mich beim Fotografieren leitet: "Spirit always stands still long enough for the photographer It has chosen."


Mittwoch, 18. Juli 2018

Summertime, and the livin' is easy


Früher Morgen. Nur ich und Blässhuhn-Mama. Blässhuhn-Mann besorgt Insektenfrühstück. Blässhuhn-Kinder schlafen im Schilf.

Summertime, and the livin' is easy
Fish are jumpin' and the cotton is high
Oh, your daddy's rich and your ma is good-lookin'
So hush, little baby, don't you cry. 


Ach nee, da fliegt ja noch einer.

One of these mornings you're gonna rise up singing
And you'll spread your wings and you'll take to the sky
But till that morning there ain't nothin' can harm you
With daddy and mammy standin' by. 

An Hochsommertagen wie diesem ist das Leben noch einmal so leicht, wie es war, als wir glaubten, dass wir unverletzbar sind.

Genießt Euren Sommer! 

Samstag, 14. Juli 2018

Die Eremitin und der Mönch



Die Verwandten der alten Frau

Einmal begegnete ein Mönch auf Pilgerschaft einer alten Frau, die allein in einer Hütte lebte. Der Mönch fragte: "Hast du irgendwelche Verwandten?" Sie sagte: "Ja." Der Mönch fragte: "Wo sind sie?" Sie antwortete: "Die Berge, die Flüsse und die ganze Erde, die Pflanzen und Bäume, sie alle sind meine Verwandten."

China, 9. Jahrhundert

***
Ein Mönch trifft auf eine Frau, die alleine im Wald lebt. Welch eine unerhörte Lebensform im 9. Jahrhundert. Selbst heute noch nicht selbstverständlich. Eine Frau, die alleine lebt, ruft bei gewissen Menschen Misstrauen hervor. Männer sind genetisch dafür ausgerüstet, heroisch und einsam auf die Jagd zu gehen und die widerborstige Natur mit ihren Löwen, Hirschen und all dem Grünzeug ihrem Willen zu unterwerfen. Frauen dagegen, ans Häusliche gewöhnt, brauchen Nähe und Wärme in Form von Herd und Mensch. Die Frage des jungen Mönches (er ist mit Sicherheit jung) trieft vor Misstrauen. Jemand muss sich doch kümmern um die arme Alte, muss ihr einen Tee kochen, Feuerholz sammeln. (Er wird dieser Jemand nicht sein, er ist auf Pilgerschaft, um erleuchtet zu werden). Nun muss er die Alte bei ihrer Sippe abgeben, damit er in dem Gefühl, eine gute Tat getan zu haben, weiterziehen kann.

Dumm nur, dass er nicht sieht, wie sehr sie bereits inmitten ihrer Verwandten lebt. Sie sagt nicht: Die Berge, die Flüsse, die Pflanzen sind meine Freunde. Nein, sie sind ihre Familie. Die Familie ist, wie jede gute Familie, fürsorglich. Sie versorgt ihre Großmutter mit allem, was sie braucht: mit Luft, Licht, Nahrung und Wärme. Diese Eremitin hat erkannt, dass sie nicht getrennt ist vom großen Ganzen; sie lebt im beständigen respektvollen Austausch mit allem, was ist, in einem unablässigen Geben und Nehmen, das sich nie erschöpft. Im Kreislauf des Wachsens und Sterbens. Und sie weiß natürlich, dass auch sie ein absterbender Baum ist, der bald in den großen Kreislauf des Vergehens eingehen wird. Ein Baum, der irgendwann zu Humus zerfallen wird, aus dem ein neues Bäumchen wächst.

Leider ist uns die Antwort des Mönchs nicht überliefert. Ich nehme an, er rannnte bis an sein Lebensende der Erleuchtung hinterher und merkte nicht, dass er schon immer mitten in ihr war.



Die Geschichte ist aus diesem schönen Buch, auf das ich gern noch einmal hinweise: Florence Caplow, Susan Moon (Hg.) "Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren, betrachtet von (Zen-)Frauen heute. edition steinrich.

Hier mehr darüber.  

Sonntag, 8. Juli 2018

"Annehmen" und "loslassen"



Gestern habe ich einen Satz des von mir  geschätzten Adyashanti gelesen: "Wenn du dich in deiner eigenen Schwäche, deiner eigenen Fehlbarkeit annimmst, tust du das gleichzeitig für jeden anderen." Er sagt nicht, wie man das machen soll: annehmen. Denn er weiß natürlich, dass es, spirituell gesehen, niemanden gibt, der etwas annehmen kann. Aber manchmal verlangt der Kontext eben, die spirituelle Ebene zu verlassen und sich auf die psychologische zu begeben. Das hat etwas sehr Liebevolles.

Meine Hortensie zeigt zur Zeit alle möglichen Stadien ihrer Hortensienhaftigkeit gleichzeitig: voll ausgewachsene Blüten, ein paar winzige Knospen, die vielleicht sogar noch aufgehen werden, und dann schon die ersten verwelkten Dolden. So ungefähr sieht es auch mit meinen Möglichkeiten aus: Manches blüht, manches könnte noch entstehen, vieles ist bereits am Sterben. Einiges ist mir widerfahren, anderes habe ich selbst erschaffen. So ist es. 

"Annehmen" heißt nicht, dass wir uns zum Akzeptieren des Unvermeidlichen zwingen, mit Wut oder Trauer im Herzen, weil wir es doch so gern anders hätten. "Annehmen" heißt: Sein lassen. Die Dinge und Umstände in ihrem Sosein klar wahrnehmen und würdigen. Dasselbe gilt für das in buddhistischen Kreisen so beliebte "loslassen". Wenn wir überhaupt etwas loslassen, dann unsere Vorstellungen davon, wie die Dinge zu sein haben. Wir können weder etwas annehmen noch etwas loslassen, aber wenn wir keinen Widerstand in uns mehr haben, sehen wir mit großer Klarheit das ganze Bild: das Blühende, das Knospende, das Sterbende. Vielleicht wollen wir dann Schritte unternehmen, um etwas - in uns, um uns herum - zu verändern. Vielleicht aber auch nicht.

Es könnte sein, dass wir die Schönheit in dem Bild erkennen. Es ist lebendig. Es hat Licht und Schatten. Viele Farben, viele Nicht-Farben. 

Es ist schön, weil es ein Ausdruck des Seins in diesem unwiederbringlichen Augenblick ist.


Samstag, 30. Juni 2018

Du darfst mit Engeln rechnen


Ein Sommernachmittag in den Gärten von Kloster St. Lioba. Bienen, Hummeln, Schmetterlinge. 


Und ganz oben links - sieht man's? -, da sind doch Flügelchen am Fenster. Das schauen wir uns mal genauer an:


Man sollte wirklich immer darauf gefasst sein, einem Engel zu begegnen.

Dienstag, 26. Juni 2018

Sehen


"Der Zweck des Anschauens ist es, zu überleben, etwas zu bewältigen, zu manipulieren.
Vom ersten Tag an wird uns beigebracht, das zu tun.

Wenn ich aber sehe, bin ich auf einmal nur noch Auge.
Ich vergesse dieses Ich, ich bin von ihm befreit
und versenke mich in die Wirklichkeit, die mir begegnet."

Frederick Franck

Donnerstag, 21. Juni 2018

Die Sonne wendet sich


Der längste Tag, die kürzeste Nacht. Eine Feier des Lichts - heller wird es nicht mehr in diesem Jahr. Die Sommersonnenwende wurde schon bei den Kelten, Germanen und Slawen mit zahlreichen Ritualen gefeiert, die alle mit Feuer und Blüten zu tun hatten. Leider hat sich bei uns für die Sonnwendfeiern der 24. Juni als Johannistag etabliert, der (angebliche) Geburtstag von Johannes dem Täufer. Wir ahnen, dass die Kirche hier die Hand im Spiel hatte. Aber am 24. Juni steht die Sonne eben nicht mehr im höchsten Punkt, sie ist schon am Niedersinken; über diese Symbolik kann man auch mal nachdenken.

Die Sommersonnenwende zeigt uns, dass Höhepunkte ihrem Wesen nach kurz sind und gefeiert werden wollen. Denn jedem Aufstieg folgt der Abstieg, auch wenn wir das ungern wahrhaben wollen. Andererseits, auch das lehrt die Sommersonnenwende, ist die Zeit der größten Fülle die Erntezeit, wenn die Feldfrüchte reif sind - und das ist im Herbst, wenn die Tage sehr viel kürzer sind, die Nächte länger und der Winter vor der Tür steht. Das Licht allein ist eben nicht alles, zur Reife braucht es auch die Dunkelheit.


Die Blüten haben an diesem Tag die größte Kraft. Seit jeher haben weise Frauen am Tag der Sommersonnenwende ihre Blüten und Kräuter gesammelt, als Kraftvorrat für den langen Winter. Ich habe von solch weisen Frauen, die es nach wie vor gibt (zum Beispiel in den Küchen guter Zenhäuser), die Blütenküche gelernt, und so gibt es heute einen Salat mit Blüten aus meinem eigenen Bio-Balkon-Anbau. Leider fehlt meine Lieblingsblüte, die Nachtkerze mit ihrer samtenen Süße, und auch das liebliche Gänseblümchen. Ich werde sie im nächsten Jahr fragen, ob sie sich auf meinem Balkon wohlfühlen würden.

Ich verlinke dies beim Naturdonnerstag von Jahreszeitenbriefe 

Donnerstag, 14. Juni 2018

Julius Bissier "Aber die Stille ist größer als der Sturm"


Eine große Ausstellung in Freiburg über einen meiner Lieblings-Künstler: 

"Julius Bissier und Ostasien"
19. Mai bis 23. September 2018 im Augustinermuseum Freiburg

Für Julius Bissier (1893 - 1965) waren Kunst und Kultur Japans und Chinas seit den 1930er Jahren zunehmend wichtig. Er befasste sich mit Kalligrafie und Keramik, vereinfachte seine Formen immer mehr, experimentierte mit zartesten Tuschen und Tempera, um Transparenz und Vielschichtigkeit zu erreichen. Die Ausstellung zeigt seine Werke zusammen mit japanischen Holzschnitten und Kalligrafien, und die Verwandtschaft zwischen ihnen ist offensichtlich. Hier beginnen Kunstwerke ein Gespräch miteinander, über Länder und Zeiten hinweg. Ich liebe die Einfachheit und Klarheit seiner Arbeit, den unbedingten Ernst des Künstlers und die Stille in seinen Bildern. Seit zwanzig Jahren hängt bei mir einer seiner Drucke; ein Bild, das nie aufgehört hat, zu mir zu sprechen.

 
Aus dem Tagebuch von Julius Bissier, 2. Juli 1947:

"Und ich? Was habe ich mein Leben lang getan? Nichts, nichts als das unscheinbare Ideal der Stille versucht zu verwirklichen in Bildern und Blättern, in Zeichenblättern, die niemanden beißen. Die Größe des Dings, die Größe der Stille, des Unkämpferischen, des A-Dramatischen - das ist alles. Und manche regen sich über einen dargestellten Tuschefleck, Tuschelinie, Tuscheform mehr auf als über das Bombardement Hamburgs. Oh Welt! Aber die Stille ist größer als der Sturm."
 

Mittwoch, 6. Juni 2018

Thich Nhat Hanh: "Zurückkehren zur Insel des Selbst"


Thays Hütte im Upper Hamlet in Plum Village

"Der Buddha hat gesagt: 'Kehrt auf der Insel in eurem Inneren ein. Dieses wahre Zuhause kann euch niemand wegnehmen.' Es gibt Tage, an denen einfach alles schief geht. Wenn etwas schief geht, geben wir uns mehr Mühe, und trotz oder gerade wegen unserer Bemühungen geht es weiterhin schief. Am besten hört man dann auf, sich abzumühen und kehrt bei sich selbst ein, um sich zu erholen. Man kann sich nicht einfach auf seine Begabung verlassen und weitermachen. Man muss einkehren und sich wieder aufbauen, um mehr Festigkeit, Freiheit, Frieden und Ruhe zu gewinnen, ehe man sich von neuem an die Aufgabe macht.

Vor vielen Jahren hatte ich eine Einsiedelei in einem Wald, der etwa zwei Autostunden von Paris entfernt lag. Eines Morgens verließ ich meine Klause, um im Wald spazieren zu gehen. Ich verbrachte den ganzen Tag dort, übte Sitzmeditation und schrieb Gedichte. Am Morgen war wunderschönes Wetter, aber am späten Nachmittag merkte ich, dass Wolken aufzogen und der Wind auffrischte. Also machte ich mich auf den Heimweg. Als ich bei meiner Klause eintraf, herrschte dort ein wildes Durcheinander. Am Morgen hatte ich nämlich alle Fenster und Türen geöffnet, damit der Sonnenschein hineinkommen und alles austrocknen konnte. Der Wind hatte alles Papier vom Schreibtisch geweht und überall verteilt. In der Einsiedelei war es kalt und ungemütlich. Als Erstes machte ich Fenster und Türen zu. Dann zündete ich ein Feuer an. Als die Glut entfacht war, hörte ich den Wind pfeifen, und es ging mir schon viel besser. Als Drittes sammelte ich die verstreuten Blätter ein, legte sie auf den Tisch und beschwerte sie mit einem Stein. Das dauerte etwa zwanzig Minuten. Schließlich ließ ich mich neben dem Holzofen nieder und fühlte mich pudelwohl, und die Einsiedelei wurde warm und gemütlich.

Wenn Sie feststellen, dass es Ihnen schlecht geht, weil Ihre Augenfenster offen sind, weil Ihre Ohrenfenster offen sind, weil der Wind hineinbläst und Ihnen Schlimmes zugestoßen ist, was bei Ihnen zu einem Chaos in den Gefühlen, dem Körper und den Wahrnehmungen geführt hat, dann sollten Sie sich nicht zu sehr abmühen. Kehren Sie in Ihre Einsiedelei in Ihrem Inneren ein. Schließen Sie die Türen, machen Sie den Ofen an und machen Sie es sich gemütlich. Das verstehe ich unter 'Zufluchtnehmen zur Insel des Selbst'. Wenn Sie nicht in sich selbst einkehren, dann verlieren Sie sich. Sie zerstören sich selbst und die Menschen um Sie, auch wenn Sie es gut meinen und helfen wollen. Darum ist die Praxis des Einkehrens auf der Insel des Selbst so wichtig. Dieses wahre Zuhause kann Ihnen niemand nehmen."

Thich Nhat Hanh

(Aus: Thich Nhat Hanh "Versöhnung beginnt im Herzen", aus dem Amerikanischen von Renate FitzRoy und Thomas Schmidt, Herder Verlag, ISBN 3451-28825-7)


Dienstag, 29. Mai 2018

Kollege Erdmännchen



Die Erdmännchen haben's auch nicht leicht. Kratzen sich ihr bisschen Essen zusammen, ein paar Käfer mit harten Panzern, Reste von Vögeln, die Räuber höherer Ordnung verschmäht haben. An Tagen wie diesem hege ich große kollegiale Sympathie für die Gestreiften.


Freitag, 25. Mai 2018

Über das Flüchten und Ankommen

Kalligrafie von Thich Nhat Hanh

In der Schule von Thich Nhat Hanh gibt es zahlreiche Gathas, was gern mit "Merksätze" übersetzt wird. Während ein Mantra von der Wiederholung lebt, bei der man, wenn man nicht aufpasst, schnell einschläft, soll ein Merksatz dem Aufmerken dienen, wach machen. Eins meiner Lieblings-Gathas ist "Ich bin angekommen, ich bin zu Hause". Wer jetzt meint, hier werde die beschwerliche Rückreise von Stau zu Stau aus den Pfingstferien beschrieben, nach der man aufatmend die eigene Wohnung betritt und sich schwört, sich nie wieder den Stress einer Ferienreise anzutun, liegt sehr daneben. Es geht nicht um einen Ort. Es geht um Zeit, vielmehr: Um die einzige Zeit, die es gibt, und deshalb um die Zeitlosigkeit.

Das Gatha weist uns darauf hin, dass es nur diesen Augenblick gibt, weil Vergangenheit und Zukunft nichts als Konstrukte unseres Geistes sind. Wo sonst sollen wir ankommen, wenn nicht in diesem Augenblick? Genauer gesagt: Wir sind bereits dort. Wir sind immer schon im Hier und Jetzt, nur entgeht uns das leider meistens. Jetzt aber, vom Merksatz wach gerüttelt, sehen wir es: Ja, jetzt fühlt sich mein Leben richtig an, hier gehöre ich hin, hier bin ich zu Hause. Hier, im Augenblick, entfalten sich die Dinge der Welt nach ihren eigenen Gesetzen, und weil ich frei bin vom Nachgrübeln über die Vergangenheit und Erhoffen einer imaginären Zukunft, bin ich wach, die Gesetze zu erkennen und nach ihnen zu handeln. Hier, im Augenblick, findet Begegnung statt, in diesem Blick, diesem Satz.

Ich wohne am Anfang einer ziemlich langen Straße, an deren Ende eine Unterkunft für Flüchtlinge steht. Auf dem Weg zum Bus, zur Bahn, zur Stadt müssen sie an meinem Haus vorbei. Wir haben hier Syrer, Afghanen und Afrikaner aus diversen Ländern. Sie kommen an mir, die ich gerade aus dem Wagen steige oder den Vorplatz fege, vorbei - allein, zu zweit, zu fünft oder auf dem Rad - und alle, wirklich alle grüßen. Sie rufen mir ihr Hallo! zu mit einem herzzerreißenden Eifer, in dem Land, in dem sie angekommen sind, alles richtig zu machen. Ich bin noch nie so viel gegrüßt worden in meinem Vorort, es ist fast zu viel, aber ich grüße zurück, weil ich möchte, dass sie nicht nur hier angekommen sind, sondern sich zu Hause fühlen können. Und wenn es nur für diesen Augenblick ist, dem Augenblick der Begegnung.

Sonntag, 20. Mai 2018

Ein Gospel zu Pfingsten


Mit dem Gospel "Steal away", hier gesungen von der fabelhaften englischen Gruppe Voces8, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein warmes, sonniges, friedvolles Pfingst-Wochenende.


Mittwoch, 16. Mai 2018

Ruhe


Stillness
is not the absence of motion
but
the absence of resistance



Ruhe
ist nicht Bewegungslosigkeit
sondern
das Fehlen von Widerstand

Adyashanti

 

Sonntag, 13. Mai 2018

Mein Jomo

Das gehört in die Kategorie Fomo

Schon mal den Begriff "Fomo" gehört? Bedeutet fear of missing out und bezeichnet das Verhalten jener Smartphone-Benutzer, die ihr Gerät nicht ausschalten können aus Angst, in einem ihrer Netzwerke was zu verpassen. Alle sind sich irgendwie einig: Das ist schädlich und sollte nicht sein. Google nun in seiner scheinbaren Menschenfreundlichkeit hat ein Smartphone auf den Markt gebracht, bei dem sich der Aufenthalt in den Apps zeitlich begrenzen lässt; danach schalten sie sich von alleine ab. Der innovative neue Begriff, der die Käufer zu Begeisterung hinreißen (und zum neuen Modell greifen lassen) soll: Jomo, joy of missing out.

Das kann ich, dafür brauche ich kein neues Smartphone. In dieser Woche habe ich mit Freuden verpasst: einen Seniorennachmittag in meiner Gemeinde, zu dem ich hartnäckig eingeladen werde; eine Radtour, weil ich leider zum Glück nicht Rad fahre; sechs weitere Male das Anhören von Astor Piazollas "Adios Nonino" als Pflichtwerk beim Deutschen Chorwettbewerb in Freiburg, das ich dort schon drei Mal (gern und sehr gut) gehört habe; alle Folgen von "Tatort", "Mord am Meer", "Mord mit Aussicht", "Soko Dingsbums", weil ich gut schlafen will.

Womit füllt man nun die erschreckend viele Zeit, die man gewonnen hat durch Jomo? Mein besonderer Tipp, weil Sonntag ist: mit dem Film "Kedi" über die Katzen von Istanbul, den es sicher in Ihrer Bibliothek als DVD gibt. Ach, diese Katzen ...! Diese Schönheit ...!

Sonntag, 6. Mai 2018

Seil


Die Arbeit eines Seils ist anstrengend. Immer im Stall, immer bereit sein, und dann die Viecher, die an ihm zerren. Ein zerreißendes Leben. Aber im Mai sind Kuh und Esel auf der Weide, da schaut sich so ein Seil gern mal an, was draußen los ist. Manchmal hat es davon geträumt, sich abzuseilen in eine große Ferne, wo es sich in einen Baum schlingen und mit dem Wind schaukeln darf. In dem kuhlosen, esellosen Leben, der großen Freiheit, die doch auch für ein Seil irgendwann kommen muss.

Da hängt es also, schaut und findet das Ganze eher enttäuschend. Eine schmale Gasse, gegenüber eine Mauer, und der einzige Mensch, der vorbeikommt, macht ein Foto von ihm. Das Seil vermisst jetzt ganz leise sein Leben als Seil, in dem es immerhin eine Aufgabe hatte. Es möchte gern wieder an eine warme Kuh gebunden sein, sogar ein Esel in seiner Unruhe wäre in Ordnung. Der Mensch geht weiter mit dem Foto in seinem Kästchen, das Seil sieht ihm nach und findet den Menschen armselig. Er hat keine Aufgabe und keine Ahnung, wie es sich anfühlt, sich in das Halsfell einer Kuh zu legen, und wie friedlich es nachts im Stall ist. Er hat ein Foto, aber keine Ahnung. 

Donnerstag, 3. Mai 2018

Esther Kinsky "Am Fluß"


Für ihr Buch "Hain" hat sie kürzlich den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Ich aber empfehle bewusst hier das großartige Buch "Am Fluß", auch dies ein "Gelände-Roman", wie Esther Kinsky ihr Buch "Hain" bezeichnet. Eine Ich-Erzählerin zieht nach einer zerbrochenen Beziehung in einen ärmlichen Randbezirk von London. Dort lebt sie zwischen orthodoxen Juden, osteuropäischen Händlern, Afrikanern und Menschen, die, wie sie selbst, nicht zur bürgerlichen Gesellschaft gehören. In langen Spaziergängen erschließt sie sich die Gegend, folgt vor allem dem River Lea und erinnert sich an andere Flüsse in anderen Ländern, an denen sie gelebt hat.

Warnung: Wer Geschichten liebt mit viel Personal und Spannung und einer eindeutigen Handlung, wird das Buch nach wenigen Seiten weglegen. Aber wenn Sie der Meinung sind, Literatur entstehe aus der Sprache und nicht aus einem "Thema", dann ist das Ihr Buch. Die Sprachbilder von Esther Kinsky sind ungewöhnlich und doch höchst präzise. Genau so hängt das Geräusch fahrender altmodischer Vorort-Bähnchen in der Luft: " ... wie ausgeschnittene Girlanden müder Hammerschläge auf sehr trockenes Holz, so zitterte dieses Klackern der kleinen Züge am Rand der Dreiecksinsel, manchmal nahm der Wind eine solche Girlande und zog sie über dem stillen Gelände hin und her."

Ich habe das Buch ganz langsam gelesen, oft nur drei Seiten pro Tag. Dann habe ich es zugeklappt und mich auf den nächsten Tag gefreut, an dem ich es wieder aufschlagen kann. Mit anderen Worten: Die Ausgabe lohnt sich.

Esther Kinsky "Am Fluß", Matthes & Seitz, Berlin, 387 Seiten, ISBN 978-3-95757-056-7

Donnerstag, 26. April 2018

Wer bin ich?



Jahrzehnte an der Frage geknabbert: "Wer bin ich?"

An einem Dienstagmorgen um 8.30 Uhr im Hauptbahnhof Freiburg vom örtlichen Großbäcker die Antwort bekommen.

(Bei dem Bäcker gibt's Liebesknochen, Schweinsöhrchen, Granatsplitter, Schnecken ...)

Ich selbst mach gerne Arme Ritter und Kalten Hund.


Samstag, 21. April 2018

Natur, verwirrt


Die Natur, gerade aufgewacht, reibt sich verwirrt die Augen. Sie befindet sich in der falschen Jahreszeit. Es sind dreißig Grad, wir erwarten bei dieser Temperatur von ihr blühende duftende Rosen, bienensummende Wiesen, erntereife Kirschen, eine Überfülle an Himbeeren und Tomaten. Sie würde unsere Erwartungen gern erfüllen, aber das Wetter ist ihr davongelaufen, und jetzt stolpert sie ihm hinterher. Wirft hastig Blüten von den Bäumen, lässt Samen aufplatzen, entfaltet Blättchen. Dann treiben sie auch noch die Vögel in vorzeitiger Torschlusspanik zur Eile an; bei Sommerhitze wird unter normalen Umständen schon der Nachwuchs gefüttert, jetzt ist noch nicht mal der Partner da.

Am Teich im Liliental, gleich bei mir um die Ecke, ist so viel los, da kommt kein Fernsehkrimi mit.


Sonntag, 15. April 2018

Die Woche der wundersamen Kräfte


 Die wundersamen Kräfte der alten Frau
(China, 8. bis 9. Jahrhundert)

Magu, Nanquan und ein weiterer Mönch machten eine Pilgerreise. Auf dem Weg trafen sie eine alte Frau, die einen Teeladen hatte. Die Frau bereitete eine Kanne Tee und brachte drei Tassen. Sie sagte zu ihnen: "O Mönche, lasst diejenigen unter euch, die wundersame Kräfte besitzen, Tee trinken." Die drei blickten einander an, und die Frau sagte: "Schaut, wie diese hinfällige alte Frau ihre wundersamen Kräfte zeigt." Dann griff sie nach den Teetassen, schenkte den Tee ein und ging.

(Aus: Caplow/Moon "Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren. edition steinrich)

***

O Leserinnen und Leser, schaut, wie diese alte Frau ihre wundersamen Kräfte zeigt, indem sie ihre kleine Dachterrasse für den Sommer vorbereitet. Sie trägt einen 20-Liter-Sack Bio-Erde in den zweiten Stock, stellt ihn ab, geht hinunter. Trägt den zweiten Sack hinauf, stellt ihn ab, geht hinunter. Trägt den dritten Sack hinauf. Stellt kleine und größere Gefässe auf den Boden, schaufelt in jedes die Erde. Setzt in das eine Gefäß eine Tomatenpflanze. In das andere Gefäß zwei Erdbeerpflanzen. Sät in das dritte Gefäß Schnittsalat, in das vierte essbare Blumen. Dann kocht die alte Frau sich einen Tee und sieht dem Himmel dabei zu, wie er das soeben Gepflanzte begießt. Sind das nicht wahre Wunder? Das Tragen, das Schaufeln, das Einsetzen, das Teetrinken? Lebenskraft durch und durch! Wer sagt, dass das alles selbstverständlich ist?

Ich erkläre die kommende Woche zur Woche der wundersamen Kräfte. Welche Kräfte werden wir entfalten und zeigen? Das Kartoffelschälen, Kaffeekochen, Wäschewaschen, Haarefönen, Katzenklosäubern? Werden wir das Wunder praktizieren, einen Besen zu schwingen, einen Nagel einzuschlagen, zu schrauben, zu schreiben, zu telefonieren, einen ganz besonderen Käse zu kaufen? Werden wir genau hinsehen und hinhören, überlegt sprechen, einladend schweigen?

Ich freue mich auf Berichte über den Einsatz der wundersamen Kräfte. Einfach auf "Kommentare" klicken, dann öffnet sich eine Eingabemaske. Mein Blog wird gerade von Spam überschwemmt, deshalb werden die Kommentare erst an mich geschickt. Aber keine Sorge: Hier wird nicht zensiert. Ich will nur die Werbung rauspflücken.

Montag, 2. April 2018

Osterspaziergang


Osterspaziergang

Ganz unter uns: Noch ist es nicht so weit.
Noch blüht kein Flieder hinterm Heckenzaune.
Doch immerhin: Ich hab ein neues Kleid,
Bürofrei und ein bisschen Frühlingslaune.

Was hilft uns schon das ganze Trübsalblasen -
Da weiß ich mir ein bessres Instrument.
Ich pfeife drauf ... Mich freut selbst kahler Rasen.
Und auf das Frohsein gibt es kein Patent.

Mich fährt die Stadtbahn auch ins freie Feld,
Mir weht der Märzwind gleich den Weitgereisten.
Ich hab mein Sach diesmal auf nichts gestellt.
- Das kann man sich noch leisten.

Blau ist der Himmel wie im Bilderbuch.
Die Vögel zwitschern wie in Frühlingsträumen.
Herb mischt die Waldluft sich mit Erdgeruch
Und frühem Duft von knospig reifen Bäumen.

Die Sonne blickt schon ziemlich intressiert.
Und wärmt beinah. - Doch, während ich sie lobe,
Verschwindet sie, von Wolken wegradiert.
Es scheint, sie scheint nur Probe.

Ganz unter uns: Noch kam der Lenz nicht an.
Obgleich schon Dichter Frühlingslieder schrieben.
- Erst wenn man frei auf Bänken sitzen kann,
Dann wird es Zeit, sich ernstlich zu verlieben.

Mascha Kaléko

Und als Ergänzung zu diesen klugen Erkenntnissen weise ich auf das dazu passende Seminar hin, das natürlich den Titel trägt "Wunderbare Unvollkommenheit", von mir am letzten April-Wochenende geleitet wird, im Kloster Heiligkreuztal stattfindet, und der Anmeldeschluss ist am kommenden Freitag, 6. April.

Ende April kann man schon auf Bänken im Klostergarten sitzen, dass jemand zum Verlieben in der Gruppe sein wird, kann ich nicht garantieren, aber ich versichere: Es wird wunderbar still sein, das Essen wird schmecken, und bis jetzt hat noch keiner die Teilnahme bereut.


 

Donnerstag, 22. März 2018

"The Sound of Silence"



Weil es ein schönes Lied ist ...
weil mein Chor es gerade probt, für unser Sommerkonzert ...
weil es zeigt, was Kunst ist: aus bekannten Versatzstücken etwas aufregend Neues, Ungewöhnliches, Eigenes zu machen ...

"The Sound of Silence" by Paul Simon, in der Fassung der wunderbaren Gruppe Voces8

Have a wonderful weekend!


Donnerstag, 15. März 2018

Seminar im Kloster Heiligkreuztal

Fotos: Inge Hecht und Margrit Irgang

Ich lade Sie und Euch herzlich ein zu meinem alljährlichen Seminar an diesem schönen Ort:

27. - 29. April 2018

Wunderbare Unvollkommenheit 

Meditationskurs mit Margrit Irgang

Mehr Informationen und Online-Anmeldung hier (klick).

Wie immer gilt: Das Thema dient eher als Einstieg und Inspiration. Jeder darf und soll seine/ihre Wünsche und Fragen einbringen. 

Da ich ein paar Mal gefragt wurde, wo das Kloster denn ist und ob man mit öffentlichen Verkehrsmitteln dort hinkommt: Heiligkreuztal liegt in Oberschwaben, südlich von Ulm, und ist gut erreichbar mit Zug nach Riedlingen und von dort (ca. 10 km) mit Bus oder Taxi zum Kloster.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen oder Kennenlernen!


Mittwoch, 7. März 2018

Die Belehrer

Lehrer Lämpel. Quelle: Wikipedia

Ich weiß nicht, ob Ihnen das auch so geht - aber ich werde zunehmend belehrt. Vielleicht liegt das ja an mir und ich lade aus irgendeinem Grund dazu ein. Wie auch immer, ich ziehe die Belehrer an. Ich gehe zur Änderungsschneiderin, um einen (dicken schwarzen) Strickrock aus dem Secondhandladen kürzen zu lassen. Sie kneift die Augen zusammen und entscheidet: "Der Rock ist durchsichtig. So können Sie nicht herumlaufen!"

Ich habe nicht die passenden Briefmarken für meinen etwas schwereren Brief und bitte den Mann in der Postagentur, den Brief zu frankieren und gleich in seinen Ausgangskorb zu werfen. Er dreht ihn um. "Da ist kein Absender drauf!" ruft er und gibt mir den Brief zurück. "Briefe ohne Absender nehme ich grundsätzlich nicht entgegen!" Der Brief muss weg, und ich fahre jetzt nicht zehn Kilometer zum nächsten Postamt. Zähneknirschend nehme ich den Kugelschreiber in die Hand.

Mir wurde in meinem Haus schon gezeigt, wie ich zu putzen habe, wie "man richtig lüftet", sogar, wie "man richtig spült", weil der verstopfte Abfluss des Nachbarn unter mir als meine Schuld geortet wurde. 

Auf der Online-Ausgabe der Zeitschrift DIE ZEIT gibt es eine Rubrik "Kontoauszug", in der Menschen erzählen, was sie wofür im Monat ausgeben. Ich lese das gern, aber leider kann ich es nicht lassen, auch die Leser-Kommentare dazu zu lesen. Das ist, als würde man mit dem Zahn immer wieder an das schmerzende Loch gehen, um zu gucken, ob das Problem noch da ist. Im Fall der ZEIT ist es zuverlässig da. Ein junger Autor, der einigermaßen von seiner Arbeit leben kann, wurde belehrt: "Junge, du machst da was falsch." Dann wurde ihm dargelegt, was er schreiben solle, um endlich Kohle zu machen. Eine Waldorf-Erzieherin erzählte, sie baue sich mit einer Freundin einen alten Bus aus, die Einzelteile seien nicht ganz billig. Außerdem erwähnte sie, ihre Gesichtscreme hole sie im Bioladen. Ein Mann fiel über sie her, dass sie mit Mitte Dreißig keinen Bus mehr auszubauen, sondern Kinder zu kriegen habe. Ein anderer regte sich auf, wie man nur im Bioladen eine Creme kaufen könne, die bekäme man bei Aldi für 1,90 EUR.

Den Schlüssel zu diesem Geschehen liefert eine Geschichte. Vor etlichen Jahren kaufte ich mir ein winziges, gebrauchtes, ziemlich altes Auto. Nichts Großartiges, aber mir gefiel es. Als ich es einer Freundin zeigte mit den Worten "Ist der nicht hübsch?", sagte sie: "Was soll ich denn mit so einem kleinen Auto?" Die Freundin wollte gar kein Auto kaufen, sie hatte längst ein viel besseres.

Worum geht es in all diesen Fällen? Um das eigene Ich, das alles, was geschieht, automatisch auf sich selbst bezieht. Wenn ich durch mein begrenztes Ich auf die Welt schaue, sehe ich ein Auto oder einen Rock oder einen Brief nicht mehr als das, was sie sind: das Auto, der Rock, der Brief eines anderen. Ich frage mich sofort, ob ich das auch kaufen/tragen/tun würde. Und das, was ich tun würde, ist natürlich das einzig Richtige. Also hat der Andere, den ich inzwischen nicht mehr als einen von mir Verschiedenen in seinem eigenen Sosein sehen kann, unrecht. Das teile ich dem Anderen gern zu seinem eigenen Besten mit.

Das alles geschieht jeden Tag, überall, in uns allen. Ein subtiler Vorgang im Geist, der sich im Bruchteil einer Sekunde ereignet, aufrichtige Begegnungen unmöglich macht und Menschen traurig. Was hilft? Dies zu wissen. Damit zu rechnen. Und den feinen Moment zu erwischen, in dem das Ich anfängt, die Wahrnehmung zu kommentieren. Innezuhalten. Und zurückzukehren zu der Anderen, die nichts weiter will, als ihren Brief abzuschicken, ihren Rock kürzen zu lassen. Und ihren Wunsch zu erfüllen.