Mittwoch, 18. Juli 2018

Summertime, and the livin' is easy


Früher Morgen. Nur ich und Blässhuhn-Mama. Blässhuhn-Mann besorgt Insektenfrühstück. Blässhuhn-Kinder schlafen im Schilf.

Summertime, and the livin' is easy
Fish are jumpin' and the cotton is high
Oh, your daddy's rich and your ma is good-lookin'
So hush, little baby, don't you cry. 


Ach nee, da fliegt ja noch einer.

One of these mornings you're gonna rise up singing
And you'll spread your wings and you'll take to the sky
But till that morning there ain't nothin' can harm you
With daddy and mammy standin' by. 

An Hochsommertagen wie diesem ist das Leben noch einmal so leicht, wie es war, als wir glaubten, dass wir unverletzbar sind.

Genießt Euren Sommer! 

Samstag, 14. Juli 2018

Die Eremitin und der Mönch



Die Verwandten der alten Frau

Einmal begegnete ein Mönch auf Pilgerschaft einer alten Frau, die allein in einer Hütte lebte. Der Mönch fragte: "Hast du irgendwelche Verwandten?" Sie sagte: "Ja." Der Mönch fragte: "Wo sind sie?" Sie antwortete: "Die Berge, die Flüsse und die ganze Erde, die Pflanzen und Bäume, sie alle sind meine Verwandten."

China, 9. Jahrhundert

***
Ein Mönch trifft auf eine Frau, die alleine im Wald lebt. Welch eine unerhörte Lebensform im 9. Jahrhundert. Selbst heute noch nicht selbstverständlich. Eine Frau, die alleine lebt, ruft bei gewissen Menschen Misstrauen hervor. Männer sind genetisch dafür ausgerüstet, heroisch und einsam auf die Jagd zu gehen und die widerborstige Natur mit ihren Löwen, Hirschen und all dem Grünzeug ihrem Willen zu unterwerfen. Frauen dagegen, ans Häusliche gewöhnt, brauchen Nähe und Wärme in Form von Herd und Mensch. Die Frage des jungen Mönches (er ist mit Sicherheit jung) trieft vor Misstrauen. Jemand muss sich doch kümmern um die arme Alte, muss ihr einen Tee kochen, Feuerholz sammeln. (Er wird dieser Jemand nicht sein, er ist auf Pilgerschaft, um erleuchtet zu werden). Nun muss er die Alte bei ihrer Sippe abgeben, damit er in dem Gefühl, eine gute Tat getan zu haben, weiterziehen kann.

Dumm nur, dass er nicht sieht, wie sehr sie bereits inmitten ihrer Verwandten lebt. Sie sagt nicht: Die Berge, die Flüsse, die Pflanzen sind meine Freunde. Nein, sie sind ihre Familie. Die Familie ist, wie jede gute Familie, fürsorglich. Sie versorgt ihre Großmutter mit allem, was sie braucht: mit Luft, Licht, Nahrung und Wärme. Diese Eremitin hat erkannt, dass sie nicht getrennt ist vom großen Ganzen; sie lebt im beständigen respektvollen Austausch mit allem, was ist, in einem unablässigen Geben und Nehmen, das sich nie erschöpft. Im Kreislauf des Wachsens und Sterbens. Und sie weiß natürlich, dass auch sie ein absterbender Baum ist, der bald in den großen Kreislauf des Vergehens eingehen wird. Ein Baum, der irgendwann zu Humus zerfallen wird, aus dem ein neues Bäumchen wächst.

Leider ist uns die Antwort des Mönchs nicht überliefert. Ich nehme an, er rannnte bis an sein Lebensende der Erleuchtung hinterher und merkte nicht, dass er schon immer mitten in ihr war.



Die Geschichte ist aus diesem schönen Buch, auf das ich gern noch einmal hinweise: Florence Caplow, Susan Moon (Hg.) "Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren, betrachtet von (Zen-)Frauen heute. edition steinrich.

Hier mehr darüber.  

Sonntag, 8. Juli 2018

"Annehmen" und "loslassen"



Gestern habe ich einen Satz des von mir  geschätzten Adyashanti gelesen: "Wenn du dich in deiner eigenen Schwäche, deiner eigenen Fehlbarkeit annimmst, tust du das gleichzeitig für jeden anderen." Er sagt nicht, wie man das machen soll: annehmen. Denn er weiß natürlich, dass es, spirituell gesehen, niemanden gibt, der etwas annehmen kann. Aber manchmal verlangt der Kontext eben, die spirituelle Ebene zu verlassen und sich auf die psychologische zu begeben. Das hat etwas sehr Liebevolles.

Meine Hortensie zeigt zur Zeit alle möglichen Stadien ihrer Hortensienhaftigkeit gleichzeitig: voll ausgewachsene Blüten, ein paar winzige Knospen, die vielleicht sogar noch aufgehen werden, und dann schon die ersten verwelkten Dolden. So ungefähr sieht es auch mit meinen Möglichkeiten aus: Manches blüht, manches könnte noch entstehen, vieles ist bereits am Sterben. Einiges ist mir widerfahren, anderes habe ich selbst erschaffen. So ist es. 

"Annehmen" heißt nicht, dass wir uns zum Akzeptieren des Unvermeidlichen zwingen, mit Wut oder Trauer im Herzen, weil wir es doch so gern anders hätten. "Annehmen" heißt: Sein lassen. Die Dinge und Umstände in ihrem Sosein klar wahrnehmen und würdigen. Dasselbe gilt für das in buddhistischen Kreisen so beliebte "loslassen". Wenn wir überhaupt etwas loslassen, dann unsere Vorstellungen davon, wie die Dinge zu sein haben. Wir können weder etwas annehmen noch etwas loslassen, aber wenn wir keinen Widerstand in uns mehr haben, sehen wir mit großer Klarheit das ganze Bild: das Blühende, das Knospende, das Sterbende. Vielleicht wollen wir dann Schritte unternehmen, um etwas - in uns, um uns herum - zu verändern. Vielleicht aber auch nicht.

Es könnte sein, dass wir die Schönheit in dem Bild erkennen. Es ist lebendig. Es hat Licht und Schatten. Viele Farben, viele Nicht-Farben. 

Es ist schön, weil es ein Ausdruck des Seins in diesem unwiederbringlichen Augenblick ist.


Samstag, 30. Juni 2018

Du darfst mit Engeln rechnen


Ein Sommernachmittag in den Gärten von Kloster St. Lioba. Bienen, Hummeln, Schmetterlinge. 


Und ganz oben links - sieht man's? -, da sind doch Flügelchen am Fenster. Das schauen wir uns mal genauer an:


Man sollte wirklich immer darauf gefasst sein, einem Engel zu begegnen.

Dienstag, 26. Juni 2018

Sehen


"Der Zweck des Anschauens ist es, zu überleben, etwas zu bewältigen, zu manipulieren.
Vom ersten Tag an wird uns beigebracht, das zu tun.

Wenn ich aber sehe, bin ich auf einmal nur noch Auge.
Ich vergesse dieses Ich, ich bin von ihm befreit
und versenke mich in die Wirklichkeit, die mir begegnet."

Frederick Franck

Donnerstag, 21. Juni 2018

Die Sonne wendet sich


Der längste Tag, die kürzeste Nacht. Eine Feier des Lichts - heller wird es nicht mehr in diesem Jahr. Die Sommersonnenwende wurde schon bei den Kelten, Germanen und Slawen mit zahlreichen Ritualen gefeiert, die alle mit Feuer und Blüten zu tun hatten. Leider hat sich bei uns für die Sonnwendfeiern der 24. Juni als Johannistag etabliert, der (angebliche) Geburtstag von Johannes dem Täufer. Wir ahnen, dass die Kirche hier die Hand im Spiel hatte. Aber am 24. Juni steht die Sonne eben nicht mehr im höchsten Punkt, sie ist schon am Niedersinken; über diese Symbolik kann man auch mal nachdenken.

Die Sommersonnenwende zeigt uns, dass Höhepunkte ihrem Wesen nach kurz sind und gefeiert werden wollen. Denn jedem Aufstieg folgt der Abstieg, auch wenn wir das ungern wahrhaben wollen. Andererseits, auch das lehrt die Sommersonnenwende, ist die Zeit der größten Fülle die Erntezeit, wenn die Feldfrüchte reif sind - und das ist im Herbst, wenn die Tage sehr viel kürzer sind, die Nächte länger und der Winter vor der Tür steht. Das Licht allein ist eben nicht alles, zur Reife braucht es auch die Dunkelheit.


Die Blüten haben an diesem Tag die größte Kraft. Seit jeher haben weise Frauen am Tag der Sommersonnenwende ihre Blüten und Kräuter gesammelt, als Kraftvorrat für den langen Winter. Ich habe von solch weisen Frauen, die es nach wie vor gibt (zum Beispiel in den Küchen guter Zenhäuser), die Blütenküche gelernt, und so gibt es heute einen Salat mit Blüten aus meinem eigenen Bio-Balkon-Anbau. Leider fehlt meine Lieblingsblüte, die Nachtkerze mit ihrer samtenen Süße, und auch das liebliche Gänseblümchen. Ich werde sie im nächsten Jahr fragen, ob sie sich auf meinem Balkon wohlfühlen würden.

Ich verlinke dies beim Naturdonnerstag von Jahreszeitenbriefe 

Donnerstag, 14. Juni 2018

Julius Bissier "Aber die Stille ist größer als der Sturm"


Eine große Ausstellung in Freiburg über einen meiner Lieblings-Künstler: 

"Julius Bissier und Ostasien"
19. Mai bis 23. September 2018 im Augustinermuseum Freiburg

Für Julius Bissier (1893 - 1965) waren Kunst und Kultur Japans und Chinas seit den 1930er Jahren zunehmend wichtig. Er befasste sich mit Kalligrafie und Keramik, vereinfachte seine Formen immer mehr, experimentierte mit zartesten Tuschen und Tempera, um Transparenz und Vielschichtigkeit zu erreichen. Die Ausstellung zeigt seine Werke zusammen mit japanischen Holzschnitten und Kalligrafien, und die Verwandtschaft zwischen ihnen ist offensichtlich. Hier beginnen Kunstwerke ein Gespräch miteinander, über Länder und Zeiten hinweg. Ich liebe die Einfachheit und Klarheit seiner Arbeit, den unbedingten Ernst des Künstlers und die Stille in seinen Bildern. Seit zwanzig Jahren hängt bei mir einer seiner Drucke; ein Bild, das nie aufgehört hat, zu mir zu sprechen.

 
Aus dem Tagebuch von Julius Bissier, 2. Juli 1947:

"Und ich? Was habe ich mein Leben lang getan? Nichts, nichts als das unscheinbare Ideal der Stille versucht zu verwirklichen in Bildern und Blättern, in Zeichenblättern, die niemanden beißen. Die Größe des Dings, die Größe der Stille, des Unkämpferischen, des A-Dramatischen - das ist alles. Und manche regen sich über einen dargestellten Tuschefleck, Tuschelinie, Tuscheform mehr auf als über das Bombardement Hamburgs. Oh Welt! Aber die Stille ist größer als der Sturm."
 

Mittwoch, 6. Juni 2018

Thich Nhat Hanh: "Zurückkehren zur Insel des Selbst"


Thays Hütte im Upper Hamlet in Plum Village

"Der Buddha hat gesagt: 'Kehrt auf der Insel in eurem Inneren ein. Dieses wahre Zuhause kann euch niemand wegnehmen.' Es gibt Tage, an denen einfach alles schief geht. Wenn etwas schief geht, geben wir uns mehr Mühe, und trotz oder gerade wegen unserer Bemühungen geht es weiterhin schief. Am besten hört man dann auf, sich abzumühen und kehrt bei sich selbst ein, um sich zu erholen. Man kann sich nicht einfach auf seine Begabung verlassen und weitermachen. Man muss einkehren und sich wieder aufbauen, um mehr Festigkeit, Freiheit, Frieden und Ruhe zu gewinnen, ehe man sich von neuem an die Aufgabe macht.

Vor vielen Jahren hatte ich eine Einsiedelei in einem Wald, der etwa zwei Autostunden von Paris entfernt lag. Eines Morgens verließ ich meine Klause, um im Wald spazieren zu gehen. Ich verbrachte den ganzen Tag dort, übte Sitzmeditation und schrieb Gedichte. Am Morgen war wunderschönes Wetter, aber am späten Nachmittag merkte ich, dass Wolken aufzogen und der Wind auffrischte. Also machte ich mich auf den Heimweg. Als ich bei meiner Klause eintraf, herrschte dort ein wildes Durcheinander. Am Morgen hatte ich nämlich alle Fenster und Türen geöffnet, damit der Sonnenschein hineinkommen und alles austrocknen konnte. Der Wind hatte alles Papier vom Schreibtisch geweht und überall verteilt. In der Einsiedelei war es kalt und ungemütlich. Als Erstes machte ich Fenster und Türen zu. Dann zündete ich ein Feuer an. Als die Glut entfacht war, hörte ich den Wind pfeifen, und es ging mir schon viel besser. Als Drittes sammelte ich die verstreuten Blätter ein, legte sie auf den Tisch und beschwerte sie mit einem Stein. Das dauerte etwa zwanzig Minuten. Schließlich ließ ich mich neben dem Holzofen nieder und fühlte mich pudelwohl, und die Einsiedelei wurde warm und gemütlich.

Wenn Sie feststellen, dass es Ihnen schlecht geht, weil Ihre Augenfenster offen sind, weil Ihre Ohrenfenster offen sind, weil der Wind hineinbläst und Ihnen Schlimmes zugestoßen ist, was bei Ihnen zu einem Chaos in den Gefühlen, dem Körper und den Wahrnehmungen geführt hat, dann sollten Sie sich nicht zu sehr abmühen. Kehren Sie in Ihre Einsiedelei in Ihrem Inneren ein. Schließen Sie die Türen, machen Sie den Ofen an und machen Sie es sich gemütlich. Das verstehe ich unter 'Zufluchtnehmen zur Insel des Selbst'. Wenn Sie nicht in sich selbst einkehren, dann verlieren Sie sich. Sie zerstören sich selbst und die Menschen um Sie, auch wenn Sie es gut meinen und helfen wollen. Darum ist die Praxis des Einkehrens auf der Insel des Selbst so wichtig. Dieses wahre Zuhause kann Ihnen niemand nehmen."

Thich Nhat Hanh

(Aus: Thich Nhat Hanh "Versöhnung beginnt im Herzen", aus dem Amerikanischen von Renate FitzRoy und Thomas Schmidt, Herder Verlag, ISBN 3451-28825-7)


Dienstag, 29. Mai 2018

Kollege Erdmännchen



Die Erdmännchen haben's auch nicht leicht. Kratzen sich ihr bisschen Essen zusammen, ein paar Käfer mit harten Panzern, Reste von Vögeln, die Räuber höherer Ordnung verschmäht haben. An Tagen wie diesem hege ich große kollegiale Sympathie für die Gestreiften.


Freitag, 25. Mai 2018

Über das Flüchten und Ankommen

Kalligrafie von Thich Nhat Hanh

In der Schule von Thich Nhat Hanh gibt es zahlreiche Gathas, was gern mit "Merksätze" übersetzt wird. Während ein Mantra von der Wiederholung lebt, bei der man, wenn man nicht aufpasst, schnell einschläft, soll ein Merksatz dem Aufmerken dienen, wach machen. Eins meiner Lieblings-Gathas ist "Ich bin angekommen, ich bin zu Hause". Wer jetzt meint, hier werde die beschwerliche Rückreise von Stau zu Stau aus den Pfingstferien beschrieben, nach der man aufatmend die eigene Wohnung betritt und sich schwört, sich nie wieder den Stress einer Ferienreise anzutun, liegt sehr daneben. Es geht nicht um einen Ort. Es geht um Zeit, vielmehr: Um die einzige Zeit, die es gibt, und deshalb um die Zeitlosigkeit.

Das Gatha weist uns darauf hin, dass es nur diesen Augenblick gibt, weil Vergangenheit und Zukunft nichts als Konstrukte unseres Geistes sind. Wo sonst sollen wir ankommen, wenn nicht in diesem Augenblick? Genauer gesagt: Wir sind bereits dort. Wir sind immer schon im Hier und Jetzt, nur entgeht uns das leider meistens. Jetzt aber, vom Merksatz wach gerüttelt, sehen wir es: Ja, jetzt fühlt sich mein Leben richtig an, hier gehöre ich hin, hier bin ich zu Hause. Hier, im Augenblick, entfalten sich die Dinge der Welt nach ihren eigenen Gesetzen, und weil ich frei bin vom Nachgrübeln über die Vergangenheit und Erhoffen einer imaginären Zukunft, bin ich wach, die Gesetze zu erkennen und nach ihnen zu handeln. Hier, im Augenblick, findet Begegnung statt, in diesem Blick, diesem Satz.

Ich wohne am Anfang einer ziemlich langen Straße, an deren Ende eine Unterkunft für Flüchtlinge steht. Auf dem Weg zum Bus, zur Bahn, zur Stadt müssen sie an meinem Haus vorbei. Wir haben hier Syrer, Afghanen und Afrikaner aus diversen Ländern. Sie kommen an mir, die ich gerade aus dem Wagen steige oder den Vorplatz fege, vorbei - allein, zu zweit, zu fünft oder auf dem Rad - und alle, wirklich alle grüßen. Sie rufen mir ihr Hallo! zu mit einem herzzerreißenden Eifer, in dem Land, in dem sie angekommen sind, alles richtig zu machen. Ich bin noch nie so viel gegrüßt worden in meinem Vorort, es ist fast zu viel, aber ich grüße zurück, weil ich möchte, dass sie nicht nur hier angekommen sind, sondern sich zu Hause fühlen können. Und wenn es nur für diesen Augenblick ist, dem Augenblick der Begegnung.

Sonntag, 20. Mai 2018

Ein Gospel zu Pfingsten


Mit dem Gospel "Steal away", hier gesungen von der fabelhaften englischen Gruppe Voces8, wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein warmes, sonniges, friedvolles Pfingst-Wochenende.


Mittwoch, 16. Mai 2018

Ruhe


Stillness
is not the absence of motion
but
the absence of resistance



Ruhe
ist nicht Bewegungslosigkeit
sondern
das Fehlen von Widerstand

Adyashanti

 

Sonntag, 13. Mai 2018

Mein Jomo

Das gehört in die Kategorie Fomo

Schon mal den Begriff "Fomo" gehört? Bedeutet fear of missing out und bezeichnet das Verhalten jener Smartphone-Benutzer, die ihr Gerät nicht ausschalten können aus Angst, in einem ihrer Netzwerke was zu verpassen. Alle sind sich irgendwie einig: Das ist schädlich und sollte nicht sein. Google nun in seiner scheinbaren Menschenfreundlichkeit hat ein Smartphone auf den Markt gebracht, bei dem sich der Aufenthalt in den Apps zeitlich begrenzen lässt; danach schalten sie sich von alleine ab. Der innovative neue Begriff, der die Käufer zu Begeisterung hinreißen (und zum neuen Modell greifen lassen) soll: Jomo, joy of missing out.

Das kann ich, dafür brauche ich kein neues Smartphone. In dieser Woche habe ich mit Freuden verpasst: einen Seniorennachmittag in meiner Gemeinde, zu dem ich hartnäckig eingeladen werde; eine Radtour, weil ich leider zum Glück nicht Rad fahre; sechs weitere Male das Anhören von Astor Piazollas "Adios Nonino" als Pflichtwerk beim Deutschen Chorwettbewerb in Freiburg, das ich dort schon drei Mal (gern und sehr gut) gehört habe; alle Folgen von "Tatort", "Mord am Meer", "Mord mit Aussicht", "Soko Dingsbums", weil ich gut schlafen will.

Womit füllt man nun die erschreckend viele Zeit, die man gewonnen hat durch Jomo? Mein besonderer Tipp, weil Sonntag ist: mit dem Film "Kedi" über die Katzen von Istanbul, den es sicher in Ihrer Bibliothek als DVD gibt. Ach, diese Katzen ...! Diese Schönheit ...!

Sonntag, 6. Mai 2018

Seil


Die Arbeit eines Seils ist anstrengend. Immer im Stall, immer bereit sein, und dann die Viecher, die an ihm zerren. Ein zerreißendes Leben. Aber im Mai sind Kuh und Esel auf der Weide, da schaut sich so ein Seil gern mal an, was draußen los ist. Manchmal hat es davon geträumt, sich abzuseilen in eine große Ferne, wo es sich in einen Baum schlingen und mit dem Wind schaukeln darf. In dem kuhlosen, esellosen Leben, der großen Freiheit, die doch auch für ein Seil irgendwann kommen muss.

Da hängt es also, schaut und findet das Ganze eher enttäuschend. Eine schmale Gasse, gegenüber eine Mauer, und der einzige Mensch, der vorbeikommt, macht ein Foto von ihm. Das Seil vermisst jetzt ganz leise sein Leben als Seil, in dem es immerhin eine Aufgabe hatte. Es möchte gern wieder an eine warme Kuh gebunden sein, sogar ein Esel in seiner Unruhe wäre in Ordnung. Der Mensch geht weiter mit dem Foto in seinem Kästchen, das Seil sieht ihm nach und findet den Menschen armselig. Er hat keine Aufgabe und keine Ahnung, wie es sich anfühlt, sich in das Halsfell einer Kuh zu legen, und wie friedlich es nachts im Stall ist. Er hat ein Foto, aber keine Ahnung. 

Donnerstag, 3. Mai 2018

Esther Kinsky "Am Fluß"


Für ihr Buch "Hain" hat sie kürzlich den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen. Ich aber empfehle bewusst hier das großartige Buch "Am Fluß", auch dies ein "Gelände-Roman", wie Esther Kinsky ihr Buch "Hain" bezeichnet. Eine Ich-Erzählerin zieht nach einer zerbrochenen Beziehung in einen ärmlichen Randbezirk von London. Dort lebt sie zwischen orthodoxen Juden, osteuropäischen Händlern, Afrikanern und Menschen, die, wie sie selbst, nicht zur bürgerlichen Gesellschaft gehören. In langen Spaziergängen erschließt sie sich die Gegend, folgt vor allem dem River Lea und erinnert sich an andere Flüsse in anderen Ländern, an denen sie gelebt hat.

Warnung: Wer Geschichten liebt mit viel Personal und Spannung und einer eindeutigen Handlung, wird das Buch nach wenigen Seiten weglegen. Aber wenn Sie der Meinung sind, Literatur entstehe aus der Sprache und nicht aus einem "Thema", dann ist das Ihr Buch. Die Sprachbilder von Esther Kinsky sind ungewöhnlich und doch höchst präzise. Genau so hängt das Geräusch fahrender altmodischer Vorort-Bähnchen in der Luft: " ... wie ausgeschnittene Girlanden müder Hammerschläge auf sehr trockenes Holz, so zitterte dieses Klackern der kleinen Züge am Rand der Dreiecksinsel, manchmal nahm der Wind eine solche Girlande und zog sie über dem stillen Gelände hin und her."

Ich habe das Buch ganz langsam gelesen, oft nur drei Seiten pro Tag. Dann habe ich es zugeklappt und mich auf den nächsten Tag gefreut, an dem ich es wieder aufschlagen kann. Mit anderen Worten: Die Ausgabe lohnt sich.

Esther Kinsky "Am Fluß", Matthes & Seitz, Berlin, 387 Seiten, ISBN 978-3-95757-056-7

Donnerstag, 26. April 2018

Wer bin ich?



Jahrzehnte an der Frage geknabbert: "Wer bin ich?"

An einem Dienstagmorgen um 8.30 Uhr im Hauptbahnhof Freiburg vom örtlichen Großbäcker die Antwort bekommen.

(Bei dem Bäcker gibt's Liebesknochen, Schweinsöhrchen, Granatsplitter, Schnecken ...)

Ich selbst mach gerne Arme Ritter und Kalten Hund.


Samstag, 21. April 2018

Natur, verwirrt


Die Natur, gerade aufgewacht, reibt sich verwirrt die Augen. Sie befindet sich in der falschen Jahreszeit. Es sind dreißig Grad, wir erwarten bei dieser Temperatur von ihr blühende duftende Rosen, bienensummende Wiesen, erntereife Kirschen, eine Überfülle an Himbeeren und Tomaten. Sie würde unsere Erwartungen gern erfüllen, aber das Wetter ist ihr davongelaufen, und jetzt stolpert sie ihm hinterher. Wirft hastig Blüten von den Bäumen, lässt Samen aufplatzen, entfaltet Blättchen. Dann treiben sie auch noch die Vögel in vorzeitiger Torschlusspanik zur Eile an; bei Sommerhitze wird unter normalen Umständen schon der Nachwuchs gefüttert, jetzt ist noch nicht mal der Partner da.

Am Teich im Liliental, gleich bei mir um die Ecke, ist so viel los, da kommt kein Fernsehkrimi mit.


Sonntag, 15. April 2018

Die Woche der wundersamen Kräfte


 Die wundersamen Kräfte der alten Frau
(China, 8. bis 9. Jahrhundert)

Magu, Nanquan und ein weiterer Mönch machten eine Pilgerreise. Auf dem Weg trafen sie eine alte Frau, die einen Teeladen hatte. Die Frau bereitete eine Kanne Tee und brachte drei Tassen. Sie sagte zu ihnen: "O Mönche, lasst diejenigen unter euch, die wundersame Kräfte besitzen, Tee trinken." Die drei blickten einander an, und die Frau sagte: "Schaut, wie diese hinfällige alte Frau ihre wundersamen Kräfte zeigt." Dann griff sie nach den Teetassen, schenkte den Tee ein und ging.

(Aus: Caplow/Moon "Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren. edition steinrich)

***

O Leserinnen und Leser, schaut, wie diese alte Frau ihre wundersamen Kräfte zeigt, indem sie ihre kleine Dachterrasse für den Sommer vorbereitet. Sie trägt einen 20-Liter-Sack Bio-Erde in den zweiten Stock, stellt ihn ab, geht hinunter. Trägt den zweiten Sack hinauf, stellt ihn ab, geht hinunter. Trägt den dritten Sack hinauf. Stellt kleine und größere Gefässe auf den Boden, schaufelt in jedes die Erde. Setzt in das eine Gefäß eine Tomatenpflanze. In das andere Gefäß zwei Erdbeerpflanzen. Sät in das dritte Gefäß Schnittsalat, in das vierte essbare Blumen. Dann kocht die alte Frau sich einen Tee und sieht dem Himmel dabei zu, wie er das soeben Gepflanzte begießt. Sind das nicht wahre Wunder? Das Tragen, das Schaufeln, das Einsetzen, das Teetrinken? Lebenskraft durch und durch! Wer sagt, dass das alles selbstverständlich ist?

Ich erkläre die kommende Woche zur Woche der wundersamen Kräfte. Welche Kräfte werden wir entfalten und zeigen? Das Kartoffelschälen, Kaffeekochen, Wäschewaschen, Haarefönen, Katzenklosäubern? Werden wir das Wunder praktizieren, einen Besen zu schwingen, einen Nagel einzuschlagen, zu schrauben, zu schreiben, zu telefonieren, einen ganz besonderen Käse zu kaufen? Werden wir genau hinsehen und hinhören, überlegt sprechen, einladend schweigen?

Ich freue mich auf Berichte über den Einsatz der wundersamen Kräfte. Einfach auf "Kommentare" klicken, dann öffnet sich eine Eingabemaske. Mein Blog wird gerade von Spam überschwemmt, deshalb werden die Kommentare erst an mich geschickt. Aber keine Sorge: Hier wird nicht zensiert. Ich will nur die Werbung rauspflücken.

Mittwoch, 11. April 2018

Wolken, himmelwärts


 So ein Tag heute, an dem die Wolken himmelwärts steigen, hoch, noch höher. Vielleicht wollen sie ja irgendwo ankommen, aber sie finden nur Unendlichkeit, keinen Ort. Schon wirken sie etwas zerstreut, ihre Konzentration lässt nach (Wolken haben wenig Ausdauer). Sie fransen nach oben hin aus, ein paar Fäden haben sich gelöst und segeln als Solitäre weiter. Einzeln, einsam, chancenlos (Wolken sind Herdentiere). Fäden, die zu Nebel werden, dann zu Hauch. So ein Tag also heute.



Verlinkt beim Naturdonnerstag von Jahreszeitenbriefe

Montag, 2. April 2018

Osterspaziergang


Osterspaziergang

Ganz unter uns: Noch ist es nicht so weit.
Noch blüht kein Flieder hinterm Heckenzaune.
Doch immerhin: Ich hab ein neues Kleid,
Bürofrei und ein bisschen Frühlingslaune.

Was hilft uns schon das ganze Trübsalblasen -
Da weiß ich mir ein bessres Instrument.
Ich pfeife drauf ... Mich freut selbst kahler Rasen.
Und auf das Frohsein gibt es kein Patent.

Mich fährt die Stadtbahn auch ins freie Feld,
Mir weht der Märzwind gleich den Weitgereisten.
Ich hab mein Sach diesmal auf nichts gestellt.
- Das kann man sich noch leisten.

Blau ist der Himmel wie im Bilderbuch.
Die Vögel zwitschern wie in Frühlingsträumen.
Herb mischt die Waldluft sich mit Erdgeruch
Und frühem Duft von knospig reifen Bäumen.

Die Sonne blickt schon ziemlich intressiert.
Und wärmt beinah. - Doch, während ich sie lobe,
Verschwindet sie, von Wolken wegradiert.
Es scheint, sie scheint nur Probe.

Ganz unter uns: Noch kam der Lenz nicht an.
Obgleich schon Dichter Frühlingslieder schrieben.
- Erst wenn man frei auf Bänken sitzen kann,
Dann wird es Zeit, sich ernstlich zu verlieben.

Mascha Kaléko

Und als Ergänzung zu diesen klugen Erkenntnissen weise ich auf das dazu passende Seminar hin, das natürlich den Titel trägt "Wunderbare Unvollkommenheit", von mir am letzten April-Wochenende geleitet wird, im Kloster Heiligkreuztal stattfindet, und der Anmeldeschluss ist am kommenden Freitag, 6. April.

Ende April kann man schon auf Bänken im Klostergarten sitzen, dass jemand zum Verlieben in der Gruppe sein wird, kann ich nicht garantieren, aber ich versichere: Es wird wunderbar still sein, das Essen wird schmecken, und bis jetzt hat noch keiner die Teilnahme bereut.


 

Donnerstag, 22. März 2018

"The Sound of Silence"



Weil es ein schönes Lied ist ...
weil mein Chor es gerade probt, für unser Sommerkonzert ...
weil es zeigt, was Kunst ist: aus bekannten Versatzstücken etwas aufregend Neues, Ungewöhnliches, Eigenes zu machen ...

"The Sound of Silence" by Paul Simon, in der Fassung der wunderbaren Gruppe Voces8

Have a wonderful weekend!


Donnerstag, 15. März 2018

Seminar im Kloster Heiligkreuztal

Fotos: Inge Hecht und Margrit Irgang

Ich lade Sie und Euch herzlich ein zu meinem alljährlichen Seminar an diesem schönen Ort:

27. - 29. April 2018

Wunderbare Unvollkommenheit 

Meditationskurs mit Margrit Irgang

Mehr Informationen und Online-Anmeldung hier (klick).

Wie immer gilt: Das Thema dient eher als Einstieg und Inspiration. Jeder darf und soll seine/ihre Wünsche und Fragen einbringen. 

Da ich ein paar Mal gefragt wurde, wo das Kloster denn ist und ob man mit öffentlichen Verkehrsmitteln dort hinkommt: Heiligkreuztal liegt in Oberschwaben, südlich von Ulm, und ist gut erreichbar mit Zug nach Riedlingen und von dort (ca. 10 km) mit Bus oder Taxi zum Kloster.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen oder Kennenlernen!


Mittwoch, 7. März 2018

Die Belehrer

Lehrer Lämpel. Quelle: Wikipedia

Ich weiß nicht, ob Ihnen das auch so geht - aber ich werde zunehmend belehrt. Vielleicht liegt das ja an mir und ich lade aus irgendeinem Grund dazu ein. Wie auch immer, ich ziehe die Belehrer an. Ich gehe zur Änderungsschneiderin, um einen (dicken schwarzen) Strickrock aus dem Secondhandladen kürzen zu lassen. Sie kneift die Augen zusammen und entscheidet: "Der Rock ist durchsichtig. So können Sie nicht herumlaufen!"

Ich habe nicht die passenden Briefmarken für meinen etwas schwereren Brief und bitte den Mann in der Postagentur, den Brief zu frankieren und gleich in seinen Ausgangskorb zu werfen. Er dreht ihn um. "Da ist kein Absender drauf!" ruft er und gibt mir den Brief zurück. "Briefe ohne Absender nehme ich grundsätzlich nicht entgegen!" Der Brief muss weg, und ich fahre jetzt nicht zehn Kilometer zum nächsten Postamt. Zähneknirschend nehme ich den Kugelschreiber in die Hand.

Mir wurde in meinem Haus schon gezeigt, wie ich zu putzen habe, wie "man richtig lüftet", sogar, wie "man richtig spült", weil der verstopfte Abfluss des Nachbarn unter mir als meine Schuld geortet wurde. 

Auf der Online-Ausgabe der Zeitschrift DIE ZEIT gibt es eine Rubrik "Kontoauszug", in der Menschen erzählen, was sie wofür im Monat ausgeben. Ich lese das gern, aber leider kann ich es nicht lassen, auch die Leser-Kommentare dazu zu lesen. Das ist, als würde man mit dem Zahn immer wieder an das schmerzende Loch gehen, um zu gucken, ob das Problem noch da ist. Im Fall der ZEIT ist es zuverlässig da. Ein junger Autor, der einigermaßen von seiner Arbeit leben kann, wurde belehrt: "Junge, du machst da was falsch." Dann wurde ihm dargelegt, was er schreiben solle, um endlich Kohle zu machen. Eine Waldorf-Erzieherin erzählte, sie baue sich mit einer Freundin einen alten Bus aus, die Einzelteile seien nicht ganz billig. Außerdem erwähnte sie, ihre Gesichtscreme hole sie im Bioladen. Ein Mann fiel über sie her, dass sie mit Mitte Dreißig keinen Bus mehr auszubauen, sondern Kinder zu kriegen habe. Ein anderer regte sich auf, wie man nur im Bioladen eine Creme kaufen könne, die bekäme man bei Aldi für 1,90 EUR.

Den Schlüssel zu diesem Geschehen liefert eine Geschichte. Vor etlichen Jahren kaufte ich mir ein winziges, gebrauchtes, ziemlich altes Auto. Nichts Großartiges, aber mir gefiel es. Als ich es einer Freundin zeigte mit den Worten "Ist der nicht hübsch?", sagte sie: "Was soll ich denn mit so einem kleinen Auto?" Die Freundin wollte gar kein Auto kaufen, sie hatte längst ein viel besseres.

Worum geht es in all diesen Fällen? Um das eigene Ich, das alles, was geschieht, automatisch auf sich selbst bezieht. Wenn ich durch mein begrenztes Ich auf die Welt schaue, sehe ich ein Auto oder einen Rock oder einen Brief nicht mehr als das, was sie sind: das Auto, der Rock, der Brief eines anderen. Ich frage mich sofort, ob ich das auch kaufen/tragen/tun würde. Und das, was ich tun würde, ist natürlich das einzig Richtige. Also hat der Andere, den ich inzwischen nicht mehr als einen von mir Verschiedenen in seinem eigenen Sosein sehen kann, unrecht. Das teile ich dem Anderen gern zu seinem eigenen Besten mit.

Das alles geschieht jeden Tag, überall, in uns allen. Ein subtiler Vorgang im Geist, der sich im Bruchteil einer Sekunde ereignet, aufrichtige Begegnungen unmöglich macht und Menschen traurig. Was hilft? Dies zu wissen. Damit zu rechnen. Und den feinen Moment zu erwischen, in dem das Ich anfängt, die Wahrnehmung zu kommentieren. Innezuhalten. Und zurückzukehren zu der Anderen, die nichts weiter will, als ihren Brief abzuschicken, ihren Rock kürzen zu lassen. Und ihren Wunsch zu erfüllen.


Donnerstag, 1. März 2018

Rebecca Solnit "Aus der nahen Ferne"


Ich schätze die Bücher von Rebecca Solnit sehr; sie schreibt Essays, die Wissen vermitteln und gleichzeitig die Welt poetisch erkunden. In diesem, meinem Lieblingsbuch von ihr, erntet sie die Früchte des Aprikosenbaums im Garten ihrer Mutter, die an Demenz erkrankt ist und sich um den Garten nicht mehr kümmern kann. Die Früchte liegen in ihrem Schlafzimmer, ein riesiger, allmählich faulender Haufen; sie kocht Marmelade, isst, verschenkt, wirft weg, und der Haufen Aprikosen wird zum Sinnbild von Trauer und Verlust. Assoziationen stellen sich ein: Ihre schwierige Mutter-Beziehung, ihre Krebserkrankung, ein Aufenthalt in Island. Dazwischen kluge und präzise Gedanken zu Kunst, Literatur, Buddhismus, Frauenbewegung und die Protestbewegung gegen politische Willkür. Das Ganze wird zusammengehalten von der Arbeit, die Aprikosen einer sinnvollen Verwendung zuzuführen.

Und, für mich wichtig: Rebecca Solnit schreibt eine wunderbar bildhafte, ruhige, unaufgeregte Sprache. Ich nehme das Buch immer wieder einmal in die Hand. Es hat für mich bis jetzt nichts von seiner Frische verloren.

Rebecca Solnit "Aus der nahen Ferne", aus dem Amerikanischen von Julia Franck, Hoffmann und Campe Verlag

Mittwoch, 21. Februar 2018

Auf dem Pollenpfad

Noch einmal, nie passender als hier: Wolfgang Laib

Wieder einmal in dem schönen Buch der Gespräche zwischen Joseph Campbell und dem Journalisten Bill Moyers gelesen. Dies hier gefunden:

Campbell: Ich glaube nicht, dass das Leben einen Zweck hat. Das Leben ist ein Haufen Protoplasma mit einem Drang, sich fortzupflanzen und weiterzubestehen.

Moyers: Stimmt nicht - stimmt nicht!

Campbell: Warten Sie. Vom bloßen Leben kann man nicht sagen, es hätte einen Zweck, denn schauen Sie sich doch die ganzen unterschiedlichen Zwecke an, die es überall hat. Aber jede Inkarnation, könnte man sagen, hat eine Entwicklungsmöglichkeit, und die Bestimmung des Lebens ist es, diese Möglichkeit zu leben. Wie man das macht? Meine Antwort lautet: Folgen Sie Ihrer Freude. Es ist etwas in Ihnen, das weiß, wann Sie in der Mitte sind, das weiß, wann Sie auf dem richtigen und wann Sie auf dem falschen Weg sind. Und wenn Sie vom richtigen Weg abgehen, um Geld zu machen, haben Sie Ihr Leben verloren. Und wenn Sie in der Mitte bleiben und kein Geld verdienen, haben Sie immer noch Ihre Freude.

Moyers: Mir gefällt der Gedanke, dass es nicht der Bestimmungsort ist, der zählt, sondern die Fahrt.

Campbell: Ja. Wie Karlfried Graf Dürckheim sagt: "Wenn man auf der Fahrt ist und das Ziel immer weiter entschwindet, dann wird einem klar, dass das wirkliche Ziel die Fahrt ist." Die Navaho haben dieses wunderschöne Bild vom Pollenpfad, wie sie ihn nennen. Pollen ist der Lebensquell. Der Pollenpfad ist der Weg in die Mitte. Die Navaho sagen: "Oh, Schönheit vor mir, Schönheit hinter mir, Schönheit zu meiner Rechten, Schönheit zu meiner Linken, Schönheit über mir, Schönheit unter mir, ich bin auf dem Pollenpfad."

Moyers: Eden ist nicht gewesen. Eden wird sein.

Campbell: Eden ist. "Das Reich des Vaters ist über der Erde ausgebreitet, und die Menschen sehen es nicht."

Moyers: Eden ist - in dieser Welt von Schmerz und Leid und Tod und Gewalt?

Campbell: So meint man, aber dennoch: Dies ist Eden. Wenn Sie das Reich über der Erde ausgebreitet sehen, ist die alte Art, in der Welt zu leben, zunichte. Das ist das Ende der Welt. Das Ende der Welt ist kein künftiges Ereignis, es ist eine seelische Wandlung, eine visionäre Wandlung. Sie sehen nicht die Welt fester Dinge, sondern eine Welt strahlenden Glanzes.

(Aus: Joseph Campbell "Die Kraft der Mythen", Albatros Verlag)
 

Donnerstag, 15. Februar 2018

Zustand mit Aussicht.


Bei mir um die Ecke. Oben Winter, unten Frühling, in der Luft eisiger Wind. Also so etwas Unentschiedenes, zwischen allen Zuständen. Das kenne ich: Leben zwischen zwei Seinsweisen, zwei Entscheidungen, zwei Möglichkeiten. Das eine ist nicht mehr richtig da, das andere noch nicht richtig da. Ich schaue mir also meine Landschaft an (Südbaden), ziehe mir die Mütze über die Ohren, es ist kalt und warm-sonnig gleichzeitig, und denke: Eigentlich schön. Ich sehe beides gleichzeitig, das Nicht-Mehr und das Noch-Nicht.

Ein Zustand mit Aussicht.

Verlinkt beim Naturdonnerstag bei www.jahreszeitenbriefe.blogspot.de


Montag, 12. Februar 2018

Frau Irgang bäckt Brot. Glutenfrei. Maisfrei. Sojafrei.


Wer, wie ich, weder Gluten noch Maisstärke (ein übles Zeug, und versteckt sich in den unglaublichsten Sachen!) noch Soja verträgt, ist auf das pappige glutenfreie Brot angewiesen, das es in Bioläden zu kaufen gibt. Schmeckt leider gar nicht, und das ist höflich ausgedrückt. Deshalb backe ich alle paar Wochen ein Brot, und zwar so:

Zutaten:

135 gr Sonnenblumenkerne
90 gr Leinsamen
65 gr Haselnüsse, gehackt
145 gr Haferflocken, glutenfrei
2 EL Chia-Samen
3 EL Flohsamenpulver (oder 4 EL Flohsamen)
1-2 Tl Salz
1 EL Ahornsirup
3 EL geschmolzenes Kokosöl
350 ml Wasser

Zubereitung:

Alle trockenen Zutaten in einer Schüssel vermischen. Wasser, Öl und Ahornsirup mischen und zu den trockenen Zutaten gießen. In eine mit Backpapier ausgelegte Kastenform füllen, die Oberfläche glattstreichen und mindestens 2 Stunden, gern länger, ruhen lassen. Der Teig ist fertig, wenn man das Backpapier an der Seite etwas abziehen kann, ohne dass der Laib seine Form verliert.

Bei 175 Grad auf mittlerer Schiene 20 Minuten backen. Aus der Form nehmen, auf einen Backrost umstürzen und - jetzt upside down - weitere 40 bis 50 Minuten backen. Es sollte hohl klingen, wenn man draufklopft - also einfach mal probieren. Vor dem Anschneiden vollständig auskühlen lassen.

Die liebe Taija hat mich darauf hingewiesen, dass es dieses Brot als Backmischung gibt: Bauck Life-Changing Wonderbrod nach Pastor Markset. Ich hab's gebacken und versichere: Genau dasselbe Brot, nur leichter zuzubereiten. Auf in den Bioladen!
 
Eine Buchempfehlung für alle, die autoimmunkrank sind. Also Hashimoto Thyreoiditis, Morbus Basedow, Zöliakie, Rheuma, Lupus erythematodes, Sjögren Syndrom oder Multiple Sklerose haben, auch Fibromyalgie und Diabetes - eventuell und wahrscheinlich sogar eine Kombination aus mehreren davon, denn ein gestörtes Immunsystem beschäftigt sich nicht nur mit einem Organ. Susan Blum ist Ärztin, selbst autoimmunkrank und behandelt ihre Patienten mit Hilfe einer radikalen Ernährungsumstellung. Sie erklärt anschaulich, was es bedeutet, chronische Entzündungsprozesse im Körper zu haben. Da gesunde Zeitgenossen dazu neigen, Autoimmunkranke mit ihren Unverträglichkeiten wie Hypochonder zu behandeln ("Alles nur Einbildung, früher gab es sowas ja auch nicht, haha") gefällt mir diese Aussage: "Nur weil die Medizin noch nicht über die richtigen Labortests für Sie verfügt, heißt das nicht, dass Gluten nicht verheerende Folgen für Ihr Immunsystem hat."

Dr. Susan Blum mit Michele Bender "Autoimmunerkrankungen erfolgreich behandeln". VAK Verlags GmbH  

Dienstag, 6. Februar 2018

Künstler der Stille #6: Wolfgang Laib


Ich habe lange gebraucht, meinen Lieblings-Künstler hier in der Serie "Künstler der Stille" vorzustellen. Weil er die stillsten intensivsten Kunstwerke erschafft, die in meiner Seele wohnen, und da wollen sie nicht gestört werden. Weil ich nicht viel über ihn sagen möchte (im Video spricht er ungewöhnlich viel, also überlasse ich das Sprechen ihm). Weil seine Arbeit mir so wichtig ist, dass ich zu seinen Ausstellungen durch halb Europa reise: Wolfgang Laib.

Ich stehe dann eine Stunde vor einem dieser betörenden Teppiche aus Blütenpollen in meiner Lieblingsfarbe Sonnengelb. Ich stelle mich in eine seiner Bienenwachskammern, und der Duft ist so intensiv, dass ich die Kammer verlassen muss, weil mich dort etwas zu überwältigen droht - nicht negativ, auch nicht positiv. Sondern etwas, das sich um mich als kleine Person gar nicht kümmert: Natur, einfach Natur. Ich sehe seine wunderbaren Milchsteine - die Verbindung des ewigen Steins mit der flüchtigen Milch - und finde in diesem kleinen Rechteck den ganzen Kosmos. Und seine "unbesteigbaren Berge" aus indischem Reis zeigen mir, was "klein" und "groß" wirklich bedeuten und was ein wahrhaft heiliger Berg ist: Einer, den ich als Mensch nie besteigen kann. Ein kleiner Berg aus Reis.

Das Bild ist aus dem Band "Wolfgang Laib", Hatje Cantz Verlag

Wolfgang Laib erschafft Meditationsobjekte, die mich auf eine innere Reise schicken. Eigentlich brauche ich weder einen Zendo noch ein Retreat. Ich brauche die Blütenpollenteppiche, die unbesteigbaren Berge, die Zikkurats und Wachsschiffe. "Art is about not knowing where you are going." (W. L.) 

So ist es.

Sonntag, 28. Januar 2018

Seminar in Salzburg im März

Blick aus dem Zendo in St. Virgil

Ich freue mich darauf, im März wieder Gast in St. Virgil in Salzburg zu sein. Der schöne Zendo - japanisch eingerichtet mit Tatamimatten - wartet auf uns. Herzliche Einladung an alle zum Seminar

Frei sein mit jedem Schritt

St. Virgil in Salzburg, 2. bis 4. März 2018

Informationen und Anmeldung hier (klick) 

Ich glaube, Freiheit bzw. das Gefühl der Unfreiheit ist ein Thema für uns alle. Können wir uns inmitten unserer zahlreichen Verpflichtungen frei fühlen? Frei von etwas oder frei zu etwas? Und was ist das überhaupt, spirituell gesehen: Freiheit? Die Struktur des Seminars ist dieselbe wie immer: Wir üben Präsenz und Wachheit, im Gehen, Essen, Sprechen und Zuhören. Abgesehen von zwei Rundgesprächen findet das Wochenende im Schweigen statt. Und es ist gerade die tiefe Stille, die uns trägt, beruhigt und inspiriert.

Ich freue mich auf Sie und Euch.

Donnerstag, 25. Januar 2018

Geburtstag von Virginia Woolf

Quelle: en.Wikipedia

Heute wäre sie 136 Jahre alt. Nach wie vor für mich eine der größten Schriftstellerinnen der Welt. Ich bewundere ihr Werk und studiere es immer wieder. Wie hat sie das gemacht, die Sprache so ins Fließen zu bringen? Und über allem liegt ein Licht, das nicht ganz von dieser Welt ist. 

Sie hätte sich an der #metoo Debatte beteiligen können. Jahrelang wurde sie von ihrem Halbbruder missbraucht, was offenbar einige in der Familie wussten, aber natürlich leugneten. Ich erinnere mich an eine Biografie, deren Autor ich vergessen habe. In dem Buch wurde die Geschichte des Missbrauchs in Zweifel gezogen; Virginia habe schließlich mit dreizehn schon ihren ersten Suizidversuch unternommen, was ja beweise, dass sie geisteskrank gewesen sei. Und solch eine Geisteskranke, nicht wahr, denke sich eben allerhand Geschichten aus. Dass die Sache genau umgekehrt gewesen sein dürfte, dass der Suizidversuch eine Folge des Missbrauchs war, wurde gar nicht in Erwägung gezogen.

Mein Lieblingsbuch von ihr ist Mrs. Dalloway. Und wer sich für ihr Leben interessiert: Im S. Fischer Verlag sind ihre Tagebücher in 5 Bänden und ihre Briefe in mehreren Bänden erschienen. Wunderbare Prosa, aus dem Handgelenk geschüttelt. Lesen! 

Dienstag, 23. Januar 2018

"Mit Rätseln zur Erleuchtung" - Sendung in Deutschlandfunk Kultur


Eine schöne Sendung über Buddhismus in Deutschlandfunk Kultur vom 21. Januar. Es geht u. a. um Machtstrukturen im Buddhismus und einen deutschen Abt eines japanischen Klosters. In dem Beitrag von Mechthild Klein 

"Mit Rätseln zur Erleuchtung - der Zen-Buddhismus und die Koans"  

spreche ich über die Arbeit mit Koans, über Kinder als Zen-Meister und das Koan "Chens Bergblumen" aus dem schönen Buch "Das verborgene Licht" (mehr über das Buch hier)  

Hier die einzelnen Beiträge der Sendung zum Nachhören: (klick)

Und hier der Link nur für den Beitrag "Mit Rätseln zur Erleuchtung": (klick)

Samstag, 20. Januar 2018

... und wenn der Sturm gerade deine Mülltonne ausleert ...


... und wenn der Sturm gerade deine Mülltonne ausleert; die Katze den Sonntagsbraten gefressen hat; der Hund mit dir an der Leine durch den Matsch getrödelt ist und nicht wollte, was er sollte ...

...wenn das Brot am Samstagabend ausgegangen, der Hefeteig nicht aufgegangen und der Lieblingspullover in der Wäsche eingegangen ist ...

... dann muss man sich aufs Sofa legen und schöne Musik hören.

Bei mir: Voces8 mit "Underneath the stars".

Habt alle ein sturmfreies Wochenende.


Montag, 15. Januar 2018

Sonntagsspaziergang, 14. Januar 2018


Wärmer wird's mit jedem
Ginsterzweig,
der neu erblüht. 

Im Original von Ransetsu steht "Pflaumenzweig".
Aber Ginster kündigt doch dasselbe an, oder?

(Man hat mir gesagt, das sei Winterjasmin. Die Google Bildersuche bestätigt: So ist es.)

Ich verlinke dies mal zum Naturdonnerstag von www.jahreszeitenbriefe.blogspot.de
 

Donnerstag, 11. Januar 2018

"Der lautlose Tanz des Lebens". Film über Ruth Denison.


Dieser schöne Film ist noch bis 15. April in der Arte Mediathek zu sehen, hier ist der Link (klick).  Ein Film, der einfach glücklich macht. Bitte anschauen! Es lohnt sich.

Der lautlose Tanz des Lebens

TV-Dokumentarfilm über Ruth Denison

Aus dem Pressetext von Arte:

"Ruth Denison war eine Pionierin des Buddhismus im Westen und Vorreiterin für die Rechte der Frauen. 1922 in Ostpreußen geboren, erlebte Ruth die Grausamkeiten und Traumata des Zweiten Weltkrieges. 1957 wanderte sie in die USA aus und wurde eine der ersten buddhistischen Lehrerinnen im Westen. Ruths gesamtes Schaffen und Wirken gibt kluge, tiefe Antworten auf die zentralen Fragen und Konflikte der Gegenwart: Wie gehen wir mit Hass und Diskriminierung um? Wie kann es gelingen, aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen, zu einem echten menschlichen Miteinander zu finden?

Die Regisseurin Aleksandra Kumorek bekam die Erlaubnis, Ruth Denison in ihren letzten Lebensjahren bis zu ihrem Tod 2015 zu begleiten."Der lautlose Tanz des Lebens“ ist eine filmische Meditation. Er erlaubt es dem Zuschauer, in die Stille und Langsamkeit der Mojave-Wüste einzutauchen, die Verbundenheit allen Lebens zu entdecken und Teil des lautlosen Tanzes zu werden. Der Dokumentarfilm ist eine Begegnung mit einer außergewöhnlichen Frau, inneren Dämonen, den Schönheiten und Schrecken der Wüste."