Mittwoch, 30. Oktober 2019

Attimi. Momente.


 Non si ridordano i giorni,
si ricordano gli attimi.

Cesare Pavese

Man erinnert sich nicht an die Tage,
man erinnert sich an die Momente.



Wenn ich mich wieder einmal von meinen Pflichten überwältigt fühle und der alte Wunsch aus Kindertagen zwingend wird, auf und davon zu gehen, in die aufgehende Sonne hinein zu fahren und frei zu sein, ungebunden, ohne jemanden im Hintergrund, der etwas von mir verlangt und erwartet - dann besinne ich mich auf den einzigen Ort, den es gibt, für den ich nicht reisen muss, der mich immer erwartet, weil er immer schon da ist: das Hier.



Ich besinne mich auf die einzige Zeit, die es gibt: das Jetzt, das auch dort, wo die Sonne aufgeht, wo meine Sehnsucht mich hinführen möchte, immer nur das Jetzt wäre. 



Ich besinne mich auf die eine Fähigkeit, die mich in das Hier und Jetzt zurückführt und mir immer und überall zur Verfügung steht: Mein Sehen, mein Hören, mein Fühlen, mein Schmecken. Meine Wahrnehmung dieses Augenblicks und seiner Einzigartigkeit. Und ich bin da, in diesem genau richtigen Moment, um wahrzunehmen, was im nächsten Moment verschwunden sein wird. Bewegung, Zuneigung, Geheimnis, Licht.

Ich bin in die Welt zurückgekehrt.


Mittwoch, 23. Oktober 2019

Ein Morgen im Supermarkt



"Am Zeitungsstand im Supermarkt stehen die Leser bei ihrer kostenlosen Morgenlektüre. Auch der kleine dunkelhäutige Junge ist da, dem ich seit Kurzem öfter begegne; er blättert in einem Comicheft. Die Frau, die zu ihm gehört, liest eine der bunten Illustrierten. Sie ist etwa Ende sechzig und trägt an diesem Morgen Schnürschuhe mit Profilsohlen, eine dicke braune Hose, darüber ein dickes graues Kleid und einen schwarzbraunen Mantel. Der Junge ist ein Sonnenschein, der durch das Viertel läuft und den Menschen zulächelt, als habe er nicht einmal die Hälfte der deutschen Mentalität geerbt. Ich lungere in der Kosmetikabteilung herum, um mich von dem Kind noch ein wenig bescheinen zu lassen.

Jetzt sieht der Kleine, der auf dem Boden kniet, hinauf zu der Frau. Von seinem Blickwinkel aus sieht er zweifellos kein Gesicht, sondern eine Illustrierte mit Beinen. Das scheint ihm nicht zu genügen, schmeichelnd fragt er: "Oma?" Die Frau überfliegt mit gierigen Augen die Affären der Prominenz; mehr als zehn Minuten kann sie das anständigerweise nicht tun, sonst muss sie die Zeitschrift kaufen. "Oma", sagt der Junge, "ich möchte dir was sagen." Die Frau blättert. "Oma", sagt das Kind, "ich hab dich lieb."

Die Frau gibt einen routiniert klingenden Laut von sich, ein seit Jahrhunderten bewährtes Hmm, das aufdringliche Kinder abwimmelt, ohne dass man sich ihnen widmen müsste. Etwas aber muss durch das Papier gesickert sein, eine Energie, die sich zwischen Scheidungsgerüchten, Seitensprüngen und Todesfällen hindurchschlängelt und bemerkt werden will. Verwirrt hält sie im Lesen inne und schaut sich um auf der Suche nach dem, was da in ihr Leben gekommen ist. Unter ihr wendet das Kind sich befriedigt wieder dem Comic zu. Es hat gesagt, was es zu sagen hatte. Die Frau sieht ratlos die Illustrierte an, als könne sie des Rätsels Lösung in den Seiten finden. Dann schlägt sie enttäuscht die Zeitschrift zu und stellt sie ins Regal.

Die Welt ist voll von nicht empfangenen Liebeserklärungen."

Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille, Herder Verlag

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Mono no aware: die Schönheit des Vergänglichen


Japan im April: Unter den Kirschbäumen in allen Parks, an allen Flussufern sitzen Japaner auf ausgebreiteten Decken, umgeben von Schüsselchen mit Speisen, und feiern die Kirschblüten. Es regnet? Kein Problem, man spannt den durchsichtigen Plastikschirm auf, der die Blüten dem Blick nicht entzieht. Die Kirschblüte ist so kurz; sie ist vergänglich, und alles Vergängliche ist kostbar. Es will wahrgenommen, angestaunt, gefeiert und im Herzen bewahrt werden, wenn  man von ihm Abschied nehmen muss.

Mono no aware ist ein Begriff aus der Literatur der Heian-Zeit und wurde im 18. Jahrhundert vom Gelehrten Motoori Norinaga als Teil seiner Lehre bekannt. Der Begriff ist vielschichtig und für westliche Menschen nicht leicht zu verstehen. Kurz gesagt bedeutet er das Bewusstsein der Vergänglichkeit alles Lebendigen und die Fähigkeit, seine Schönheit zu feiern, bevor sie stirbt.

Wir haben im westlichen Empfinden und deshalb in unserer Kultur nichts Vergleichbares. Unsere Melancholie ist eindimensional: sie ist dunkel, das Gemüt beschwerend, ist Traurigkeit und Trauern ohne das Leuchten, das in mono no aware aufscheint. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit ist in beiden Zuständen enthalten, aber in mono no aware schwingt immer die Freude mit, das so bald schon Sterbende auf dem Höhepunkt seiner Lebendigkeit sehen und wertschätzen zu dürfen.

Für Japaner ist Schönheit und die Freude an ihr untrennbar an die Vergänglichkeit gebunden. Gerade weil etwas nicht unsterblich ist, wird es für den Japaner kostbar. Noch trägt der Baum sein volles Laub, noch überzieht der Winter nicht das Land mit Kälte. Noch ist die Mutter nicht gestorben, noch habe ich, obwohl schon alt, die Kraft, einen Berg zu besteigen.

mono no aware ruft uns zu: Sei aufmerksam, verpasse das Leben nicht - die Bäume in voller Blüte, die verspielte Kindheit deiner bald schon erwachsenen Kinder, die kostbaren letzten Gespräche mit dem alten Vater. Und vergiss nicht: die Flüchtigkeit alles Seienden ist kein Grund für dunkle Schwere des Gemüts. mono no aware trägt bei aller Wehmut eine leise Freude in sich, in mono no aware leuchtet ein kleines Licht.

Und leuchtet weiter, wenn all das, was du gefeiert hast, vergangen ist.


Freitag, 11. Oktober 2019

Grals-Suche



... auf der Suche nach der eigenen Erfahrung ...

"Das, glaube ich, ist die große westliche Wahrheit: dass jeder von uns ein gänzlich einmaliges Geschöpf ist und dass, wenn wir der Welt je ein Geschenk zu machen hätten, es aus unserer eigenen Erfahrung kommen muss und aus der Verwirklichung unserer eigenen Möglichkeiten, nicht der irgendeines anderen. Im traditionellen Orient dagegen und allgemein in allen traditionsgegründeten Gesellschaften kommt der Einzelne in eine Backform. Seine Pflichten werden ihm exakt und haarklein auferlegt, und es gibt keine Möglichkeit, aus ihnen auszubrechen. Wenn Sie zu einem Guru gehen, um auf dem geistigen Weg Führung zu erhalten, weiß er, wo genau Sie sich auf dem traditionellen Pfad befinden, wo genau Sie als nächstes hingehen müssen, was genau Sie tun müssen, um dorthin zu gelangen. Er gibt Ihnen sein Bild zum Umhängen, damit Sie so sein können wie er. Das wäre keine rechte westliche Art, jemanden pädagogisch anzuleiten. Wir müssen unsere Schüler dazu anleiten, ihre eigenen Bilder von sich zu entwickeln. Was ein jeder in seinem Leben suchen muss, das gab es nie, nicht an Land und nicht auf See. Es muss etwas aus seinem ureigenen Erfahrungspotential sein, etwas, was niemals von irgendeinem anderen erlebt wurde oder erlebt werden könnte."

Joseph Campbell über die Bedeutung der Suche nach dem Heiligen Gral

(Anmerkung von mir: Vielleicht wird das Geschenk, das wir der Welt anbieten können, noch größer, wenn wir uns kein Bild von uns selbst machen?)

  

Freitag, 4. Oktober 2019

Hinter Gittern



Hinter Gittern. Dornspitzen oben, kein Abflug möglich.
Ohnehin schon erstarrt, zu anderer Materie verfestigt,
ein Abbild von Lebendigkeit.
Der Himmel als Spiegelbild, unerreichbar.

Ein Zufallsfund in einem Dorf, irgendwo.
Mein Auge nahm Farben und Formen wahr,
Schattenspiele. Ein sonniger Tag.

Später, die Teetasse auf dem Schreibtisch,
das Bild auf siebzehn Zoll vergrößert,
entdeckte ich die Frage, die ich übersehen hatte:

Hockt hier mein Geist, gefangen in
Irrtum, Meinung, Urteil,
in allem, was er zu wissen glaubt,
verstanden zu haben meint?