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Montag, 27. April 2026

Gehen als Meditation


Wenn das erste Foto morgens in der Online-Ausgabe der Zeitung zerbombte Häuser zeigt ...

... wenn die neueste Statistik einen schnelleren Anstieg der Klimaerhitzung voraussagt ... 

... wenn die Inflation wieder gestiegen ist, die Tafel Lieblings-Schokolade unfassbare 3,20 Euro kostet und im Bundestag Kürzungen bei den Erstattungen der Krankenkassen, höhere Zuzahlungen für Arzneimittel und generell geringere Leistungen für dies und das diskutiert werden ...

... wenn irgendwas irgendwo im Körper sich nicht in Ordnung anfühlt ...

... wenn eine weitere Freundin ernsthaft erkrankt ist ...

... dann mache ich erst einmal eine Gehmeditation. An einem Lieblingsplatz im Grünen. Schritt für Schritt, ganz langsam, ohne zu denken. Nur schauen (das Weiß und Rosa, das da am Strauch hängt. Keine Ahnung, wie der heißt, muss ich auch gerade nicht wissen), nur hören (die Natur trillert, kollert, klopft, plätschert), nur riechen (ooh, hmmm).

Als seine Freunde im Krieg in Vietnam verhaftet wurden und Tausende Boat People im Meer ertranken, war Thich Nhat Hanh kurz vor dem Verzweifeln. Aber Verzweiflung nützt niemandem, sie verwirrt den Geist und raubt Kraft. Also machte er Gehmeditation. Jeden Tag, viele Stunden. Bis er so ruhig war, dass er wieder denken und planen konnte. Bis ihm die Idee kam, ein eigenes Schiff zu chartern und sich mit Freunden auf das Meer zu wagen, wo sie Dutzende Boat People aufsammelten und retteten.

Mach eine Gehmeditation. Sie hilft, sie wirkt, sie öffnet Räume im Geist.

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Dienstag, 14. April 2026

Alle Menschen wollen glücklich sein



 

Sieben Uhr abends, Winter. Ich fahre mit der S-Bahn nach Hause. In den Häusern entlang der Strecke sind die Wohnungen erleuchtet. Eine Frau deckt gerade den Abendbrottisch. Ein Kind tanzt mit seinem Teddy im Arm durch den Raum. Ein altes Ehepaar sitzt vor dem Fernseher. Im Rotlicht einer Bar prosten zwei junge Frauen auf Barhockern einander zu.

Momentaufnahmen fremder Leben. Und ich denke: All diese Menschen tun all dies, weil sie hoffen, dass es sie glücklich macht.

Die alte Frau, die seit fünfzig Jahren Lotto spielt. Der Junge, der seinen Joint raucht. Das Mädchen, das die Schule schwänzt. Der Roulette-Spieler im Casino. Die junge Frau, die nach Dienstschluss shoppen geht. Der Mann, der sich wegen einer Jüngeren scheiden lässt. So unterschiedlich, so individuell. Und doch sind sie bewegt von derselben Sehnsucht, die ihnen oft nicht bewusst ist: Ihre Handlungen sollen sie glücklich machen. 

Reservierungen in Zügen sind Glückssache. Da werden Wagen umgehängt, und plötzlich sitzt man gegen die Fahrtrichtung. Eine Frau mir gegenüber konnte sich mit ihrer Lage nicht abfinden. Sie regte sich sehr laut auf und sagte, auf diesem Platz könne sie nicht sitzenbleiben, sie müsse unbedingt und sofort in Fahrtrichtung sitzen. Ich beugte mich zu ihr hinüber und sagte: "Wenn es Sie glücklich macht, tausche ich mit Ihnen." 
 
In ihren Augen blitzte Triumph und unverhohlene Gier auf. Sie reagierte im Bruchteil einer Sekunde, raffte ihre Sachen zusammen und ließ sich auf meinen Sitz fallen. Kein Wort des Dankes. Dann starrte sie zum Fenster hinaus, die ganze restliche Stunde bis zu ihrem Ziel. Saß da mit ihrer Tasche auf dem Schoß in ihrem ungestillten Unbehagen. 

Der Buddhismus kennt den Begriff dukkha. Er wird oft fälschlicherweise mit Leiden übersetzt, aber er meint etwas viel Alltäglicheres, das wir alle kennen. Dukkha ist das, wovon die Frau an jenem Tag im ICE zwischen Stuttgart und München so sichtbar erfüllt war: Das alles durchdringende Gefühl eines ungeheuren Mangels. Etwas in Körper, Geist und Herz ist nicht so, wie es sein sollte. Etwas fehlt. 

Es fehlt das Gefühl, in sich selbst zu Hause zu sein, sich bei sich selbst wohlzufühlen. Sich selbst wertzuschätzen. 

Um dieses Gefühl wiederzufinden, müssen wir tief in unsere innere Stille hinabtauchen. Dukkha ist an der Oberfläche, ein im wahrsten Sinn des Wortes oberflächliches Gefühl. Das, was uns erfüllt, liegt viel tiefer, und es ist nicht leicht, im Alltag mitten in dieser Welt und dieser Zeit in diese Tiefe zu tauchen. Aber es ist möglich, und vor allem ist es notwendig.  

Ist dort unten also das Glück zu finden? Nein, Glück ist eine Kategorie der Oberfläche, der Welt und der Zeit. Was wir dort unten finden, ist die Glückseligkeit. Das Leuchten ohne Anlass, das Gefühl der Geborgenheit und des Aufgehobenseins. Die Gewissheit: Ich bin zu Hause. 

Ich bin.

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Dienstag, 24. März 2026

Liebe Schwester auf dem spirituellen Weg ...

 


 

Als die Epstein Files veröffentlicht wurden, entdeckte man eine intensive Korrespondenz zwischen dem damals bereits als Sexualstraftäter verurteilten Epstein und dem bekannten Meditationslehrer und Arzt Deepak Chopra. Jetzt diskutiert die weltweite spirituelle Szene aufgeregt, was Sätze wie "God is a concept, girls are real" und die Einladung an Epstein zu einem Besuch in Israel mit dem Zusatz "bring your girls" (und andere, drastischere Bemerkungen) zu bedeuten haben. Ich diskutiere nicht mit, denn ich habe vor vielen Jahren ein Video mit Chopra gesehen und wusste, dass ich ihm als Mann und deshalb als Lehrer nicht über den Weg trauen würde. 

Liebe Schwester auf dem spirituellen Weg, ich möchte dir sagen: Laufe keinen Gurus hinterher. Du hast alles, was du brauchst, um ein erwachtes, freudiges, liebevolles Leben zu führen. Du findest es in dir selbst.

Das hat dir aber nie jemand gesagt. Und gerade die Gurus werden das nicht tun, denn es würde ihr Geschäft verderben. Und so gehst du auf die Suche nach jemandem, der dir das geben kann, was du ersehnst. Und dann ist da so ein faszinierender, berühmter Mann, der interessante Dinge sagt (doch, die Gedanken sind meistens klug, lass dich ruhig inspirieren), und der lädt dich ein, seinem Tempel oder seiner Gruppe oder weltweiten Bewegung beizutreten, dich ganz persönlich, als spezielle Auszeichnung, und du fühlst dich geehrt, gesehen, gewürdigt. Und irgendwann kommt eine noch persönlichere Einladung, nur an dich. Und im Grunde ahnst du es: Dies ist der Moment, der mein Leben entscheiden wird. Ja oder nein. 

Aber die Gefahr ist groß, dass nicht du - die junge, kluge, sensible Frau auf dem spirituellen Weg - die Entscheidung trifft, sondern etwas in dir, das du noch nicht bemerkt und begriffen hast: die tiefe Sehnsucht nach dem Gesehenwerden, dem Umarmtwerden, dem Geliebtwerden. Hier scheint die Erfüllung dieser Sehnsucht zum Greifen nah zu sein.

Wir alle sind so bedürftig. Auch die wunderbarsten Eltern und die liebevollsten Partner können diese Bedürftigkeit nicht stillen. Sie kommt aus einer anderen Ebene des Seins und muss auf dieser beantwortet werden. 

Spirituelle Arbeit heißt vor allem und über lange Zeit, sich selbst und seine Regungen und Wünsche vollkommen kennenzulernen. In einer guten Meditations-Schulung gehen wir tief in die Schmerzen hinein, die wir vor uns immer versteckt haben. Wir lassen diese Schmerzen zu und halten sie aus, und dann geschieht etwas. Wir stellen fest, dass sie gar keine feste, unveränderliche Masse sind, wie ein Stein, den wir mit uns herumschleppen müssen. Nein, sie sind organisch, beweglich, verflüssigen sich geradezu, und plötzlich bemerken wir: Sie haben sich aufgelöst. Jetzt öffnet sich etwas in uns und lässt uns eine Weite und Tiefe spüren, die wir nie zuvor bemerkt haben. Und in dieser Tiefe finden wir das, was wir so lange auf der persönlichen Ebene gesucht haben. Etwas Warmes, Liebevolles, etwas, das uns wiegt und trägt. Und weil wir von anderen nichts mehr bekommen wollen, fühlen sie sich von uns angezogen. Menschen, die in sich ruhen, sind unwiderstehlich. 

Das ist es, was die Gurus dir verschweigen, liebe Schwester: Sie können dir nichts geben, denn das, was du suchst, ist auf der relativen Ebene des Seins und in persönlichen Beziehungen nicht zu finden. Und es wäre gerade die Aufgabe des spirituellen Lehrers und der Lehrerin, dich dabei zu unterstützen, diese Tiefe in dir zu finden. Der Wunsch guter Lehrerinnen und Lehrer ist es, sich überflüssig zu machen.

Die meisten Gurus tragen klangvolle Titel. Sind in ihrer Schule oder ihrem Tempel anerkannte Meister, und es ist durchaus möglich, dass sie tiefe Erwachens-Erfahrungen gemacht haben. Aber wenn sie es versäumt haben, die innere Arbeit - sich kennenlernen, sich unablässig weiter beobachten - fortzuführen (oder sogar erst mal anzufangen), weil sie doch so unglaublich erleuchtet sind, dann wird es gefährlich für ihre Schüler. Und vor allem ihre Schülerinnen. 

Ich war Mitte dreißig, als ein bekannter Zen-Meister aus Japan in München zu Besuch war. Mein damaliger Lehrer lud ihn zu einem zazen-kai in unsere Zen-Gruppe ein. Der Mann hatte eine beeindruckende Leibesfülle und gewaltige Stimme. So hatte ich mir immer einen Zen-Meister vorgestellt. Aber die gierigen Blicke, mit denen er mich abtastete, passten nicht in meine Vorstellung. Unser Lehrer dankte dem Meister und wollte gerade die Glocke läuten, da beugte sich der Mann vor und zwinkerte mir zu: "Du und ich - Hofbräuhaus?" 

Entscheidender Moment. Und wenn du, liebe Schwester, jetzt ein paar Atemzüge innehältst und in deinen Körper hineinspürst, wirst du wissen, was du tun musst. Du wirst das leise Ziehen im Solarplexus spüren oder ein Zusammenziehen des Magens. Vielleicht krampft sich dein Bauch zusammen, ballt sich unbewusst eine Faust, wird dein Atem flach. Dein Körper weiß die Antwort, immer. Du musst ihm nur zuhören und gehorchen.

Ich habe mich damals nicht einmal von dem Mann verabschiedet.  

Liebe Freundin, höre auf deine Intuition. Sie leitet dich auf deinem Weg. Es wird ein guter Weg sein. 

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Mittwoch, 11. März 2026

Weitblick

 


Manchmal ist es gut, sich über die Welt der Nachrichten zu erheben, 

 um den Weitblick wiederzufinden.

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Samstag, 28. Februar 2026

Thich Nhat Hanh über Krieg

 

 

Ich hatte einen hübschen Beitrag vorbereitet. Aber dann sah ich vorhin in der Online-Zeitung die Rauchsäulen der Bomben über Teheran und Tel Aviv und fand etwas Hübsches nicht mehr angemessen. Ich spürte eine tiefe Müdigkeit in mir. Was würde Thich Nhat Hanh, lebte er noch, zu diesem erneuten Krieg sagen?

"Wir halten Frieden oft für die Abwesenheit von Krieg und glauben, wenn die mächtigen Staaten der Welt ihre Kriegswaffen abschaffen würden, hätten wir Frieden. Aber wenn wir genau hinschauen, sehen wir in den Waffen unseren eigenen Geist - unsere Vorurteile, Ängste und unsere Ignoranz. Selbst wenn wir alle Bomben auf den Mond schicken würden, wären die Wurzeln der Bomben und des Krieges noch hier, in unseren Herzen und in unserem Geist, und früher oder später würden wir neue Bomben herstellen. Für den Frieden zu arbeiten heißt, die Wurzeln des Krieges in uns und in den Herzen der Menschen auszureißen. Kriege werden vorbereitet, wenn Millionen Männer und Frauen Tag und Nacht in ihren Herzen töten. So werden Millionen Samen der Gewalt, der Wut, Frustration und Angst gesät, die an viele zukünftige Generationen weitergereicht werden."

"Ja, der Krieg ist hier, und wenn wir uns umschauen, erkennen wir seine vielen Gesichter: Religiöse Intoleranz, Hass auf Ethnien und Rassen, Kindesmissbrauch, die Ausbeutung der Ressourcen unserer Erde. Aber wir wissen auch, dass die Samen von Frieden, Verständnis und Liebe da sind und wachsen werden, wenn wir sie kultivieren."

(Thich Nhat Hanh, aus "Living Buddha, Living Christ" und "Creating True Peace". Übersetzung Margrit Irgang) 

Wer das Video nicht angezeigt bekommt, findet es hier (klick). 

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Freitag, 6. Februar 2026

Stille ist mein Zuhause


 

"Ich begegnete der Stille vor vierzig Jahren auf einem überfüllten Bahnhof in irgendeiner Stadt in der indischen Tiefebene. Seit ein paar Wochen reiste ich mit dem Rucksack durch das Land des Buddha. Es war heiß, ich hatte mir ein Virus eingefangen, das mir Bauchschmerzen bereitete, und durch meine Träume krochen Leprakranke ohne Arme und Beine. Ich hockte auf einem Bahnsteig zwischen Hunderten Menschen, gackernden Hühnern in Käfigen und einer Ziege mit zusammengebundenen Beinen und wartete auf meinen Zug, der mich irgendwohin bringen sollte. Da sah ich die Stille.

Sie saß auf einem der gegenüberliegenden Bahnsteige im Lotossitz, völlig entspannt inmitten von Lärm und Dreck. Sie war ungefähr so alt wie ich, Amerikanerin, schätzte ich, und ich erriet an der nicht ganz sauberen Kleidung, dass sie schon lange unterwegs war. Sie ruhte auf diesem Bahnsteig in ihrer Stille wie im Auge des Zyklons. Mit leisem Lächeln beobachtete sie den Kampf an den geöffneten Zugtüren, wo die Ankommenden hinaus- und gleichzeitig die Abreisenden hineindrängten. Irgendwann würde auch ihr Zug einlaufen, sie würde sich erheben, den Rucksack schultern und auf ihre gelassene Weise irgendwie ins Abteil gelangen.

Ich warf einen Blick auf sie, und meine Reise nahm eine Wendung. Diese unbekannte Amerikanerin erinnerte mich an den Ort der Stille in mir, den ich sehr wohl kannte, aber in diesem überwältigend fremden Land verloren hatte. Wohin wollte ich denn in Wirklichkeit, wenn ich durch die Welt reiste, wie ich das seit einigen Jahren tat? An einem glühend heißen Tag irgendwo in Indien belehrte mich eine Frau, die ich nur fünf Minuten zu Gesicht bekam und nie wiedergesehen habe, darüber, dass es nichts zu finden gibt, weil ich bereits zu Hause bin. In jedem Augenblick. In jedem Land der Erde." 

Dies ist der Beginn meines Essays "Stille ist mein Zuhause" in der Ursache\Wirkung 129. Den ganzen Text könnt ihr lesen hier (klick).


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Mittwoch, 10. Dezember 2025

Das Zuwenig

 

Meine Balkonbepflanzung. Hat sich selbst dort hingesetzt. (Bisschen wenig für vierzehn Quadratmeter.)

 

Ich denke in der Zeit der Gaben und üppigen Büfetts über das Zuwenig nach. Nicht über den Mangel auf irgendeinem Gebiet, der dringend behoben werden muss. Sondern über das Zuwenig, das in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen ist.

Vor ein paar Jahren kam ich in den Keller und sah, dass allen Mietern unaufgefordert digitale Stromzähler eingebaut worden waren. Nur mir nicht. Ich rief den örtlichen Netzbetreiber an und erkundigte mich nach dem Grund. Ich erfuhr, dass die Zähler nach dem Stromverbrauch eingebaut werden, in der Reihenfolge von viel nach wenig. Die Letzten werden so ungefähr 2032 drankommen. Die Mitarbeiterin am Telefon kühl: "Sie verbrauchen zu wenig Strom."

Bei der Inspektion vor dem TÜV entdeckte meine Werkstatt, dass meine Bremsen durchgerostet waren. Es wurde sehr teuer. Ich fragte, wie das passieren konnte. Die Mitarbeiterin bedauernd: "Bremsen müssen gebremst werden. Und Sie fahren zu wenig."

Ich habe mir einen Füllfederhalter gekauft. Ich mag seine Sensibilität, das feine Gleiten auf dem Papier, und man muss sehr viel aufmerksamer und langsamer schreiben als mit einem Filzstift. Aber mein Füller verstopfte dauernd und kratzte, anstatt zu gleiten. Ich brachte ihn in den Laden zurück und sagte, ich sei mit ihm nicht glücklich. Die Verkäuferin probierte ihn aus und fand, er sei noch gar nicht richtig eingeschrieben: "Sie schreiben zu wenig."

Im Supermarkt stehe ich ratlos vor den Riesenpackungen, die relativ gesehen viel billiger sind als die kleinen. Im Kühlschrank welkt und schrumpelt regelmäßig etwas vor sich hin, das ich notgedrungen mitnehmen musste, weil es in kleinerer Form nicht zu haben war. Ich bin dankbar für die Erfindung, Reste durch Einfrieren in einem halbwegs essbaren Zustand zu erhalten, zur späteren Verwendung. Mein Tiefkühlfach aber ist voll. Neulich verlangte ich an der Käsetheke drei Schreiben Emmentaler. Die Verkäuferin sah mich an und wiederholte ungläubig: "Drei?" (Ich esse zu wenig.)

Vor ein paar Monaten brauchte ich kurzzeitig Ibuprofen. Ich bat den Orthopäden um die Verschreibung einer kleinen Packung der geringsten Dosis, so 20 Stück. Er sagte, er würde mir die Großpackung mit 60 Stück aufschreiben, denn die sei billiger als die kleine. Nicht relativ, sondern ganz konkret. Ich brauchte fünf Stück, die ich auch noch halbierte. Der Rest altert im Schrank vor sich hin.  

Unsere Gesellschaft ist auf das Viel eingerichtet, und mein Zuwenig ragt in die allgemeine Überfülle wie ein Hindernis, wird selten begriffen und kaum unterstützt. Die Dinge müssen permanent gebraucht und die Lebensmittel schnell verbraucht werden. 

Der Buddhismus kennt die "hungrigen Geister", die einen aufgeblähten Kopf und einen ganz schmalen Hals haben, der kaum Nahrung hindurchlässt. Deshalb schreien sie pausenlos nach dem Mehr, und das Zuwenig ist ein solch hungriger Geist. Es sitzt, unsichtbar, klein und (denke ich mir) grau in unseren Köpfen und flüstert heiser: Nimm die XXL-Packung, sicher ist sicher. Sei eine gute Verbraucherin, nimm das Sonderangebot mit, es ist extra für dich dort aufgebaut. Und gebrauche die so zahlreich, weil günstig, erworbenen Dinge unablässig, halte sie an dein Ohr, nimm sie in die Hand, schiebe sie vor dir her. Schneller! Öfter! Mehr!

Im Weihnachtsstress stolpern die Menschen an mir vorbei, pralle Tüten in den Händen. Vielleicht sind die Tüten so voll, weil sie automatisch und aus Gewohnheit die Doppel- und Dreifachpackungen genommen und sich ausgerechnet haben, wie viel man da doch spart gegenüber der Einzelpackung, die sie eigentlich brauchen. Ich stehe an der Straßenecke und greife besinnlich in meine Tüte mit den gebrannten Mandeln (100 Gramm, die klassischen). Ein Mehr an Konsum will mir zur Zeit nicht gelingen.

(Ich darf nur in keine Buchhandlung gehen.) 

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Montag, 24. November 2025

Yellow Week


 

Bei mir gibt es keine "Black Week". Ich habe nichts zu verkaufen, es gibt keine Sonderangebote und deshalb auch nichts zu sparen, denn alles hier ist kostenlos. 

Bei mir gibt es die "Yellow Week". Gelb ist die Farbe des Lichts, das wir gerade jetzt dringend brauchen - in der Novemberdüsternis, in der Gesellschaft, in der Politik, in uns selbst.

Gelb ist die Farbe des Löwenzahns. Gelb ist auch die Farbe des Podcast "Let's Talk Why", für den ich meine Geschichte "Überblick" gelesen habe. Sie ist in meinem kleinen Foto-Geschichten-Band "secret moments" enthalten und dauert 2 Minuten. Eine Geschichte, in der nicht schwarz gesehen wird. Sondern ein wenig Licht strahlt, in einer kleinen Spalte im Gestein.

Wer die Videos nicht angezeigt bekommt, klickt hier: https://www.youtube.com/watch?v=ULtwYsQ67ZQ 

Wie gesagt: Niemand muss dafür was zahlen. Aber jede/r darf! 😊

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Sonntag, 16. November 2025

Die Problem-Sammlerin


 

Es gibt Menschen, die Tiffany-Lampen und Gemälde sammeln. Ich sammle auch, aber mein Sammel-Gebiet ist banal, und neue Stücke für meine Sammlung finde ich an jeder Straßenecke.

Ich sammle Probleme.

Um sie zu ordnen, habe ich sie in Kategorien unterteilt. Sehr umfangreich ist die Kategorie "Wesen". Es begann mit dem "Problem-Bär Bruno", ihr erinnert euch? Im Mai 2006 tauchte zum ersten Mal seit 170 Jahren wieder ein Braunbär in Bayern auf. Große Aufregung. Er wurde sogar in der Nähe von Siedlungen gesichtet und nahm in Grainau einen Hühnerstall auseinander. Als "Problem-Bär" beherrschte er wochenlang die Schlagzeilen, bis er auf Weisung des bayerischen Umwelt-Ministeriums erschossen wurde.

In Freiburg gibt es den Mundenhof, ein hübsches Tiergehege mit Dromedaren, Affen und allerlei Kleintier. Dort tauchte vor ein paar Monaten ein "Problem-Bussard" auf. Er stürzte sich immer wieder auf Mitarbeiter, die in den Gehegen und an den Futterstellen arbeiteten, sodass sie sich mit aufgespannten Regenschirmen schützen mussten. Er wurde eingefangen und in die Greifvogelwarte nach Rösrath gebracht. Der lapidare Kommentar aus Rösrath: "Er war sehr hungrig."

Den meisten Platz in meiner Abteilung "Wesen" nehmen die "Problem-Kinder" ein. Sie schaffen es einfach nicht, Mami und Papi glücklich zu machen. Irgendwie sind sie immer falsch. Wahlweise zu laut oder zu leise, zu unruhig oder zu still, zu wenig hübsch/ehrgeizig/erfolgreich/liebenswert. Autoritätspersonen arbeiten sich reihenweise an ihnen ab und kriegen sie einfach nicht hin. Ich kenne mich aus. Meine Mutter musste sich leider öfter aufregen mit den Worten: "Siehst du, jetzt hast du es wieder geschafft, mich wütend zu machen!" 

Wenn ich meine Kategorie "Wesen" so anschaue, frage ich mich: Haben die nicht im Grunde alle Hunger? Die wollen gefüttert werden, aber niemand gibt ihnen, was sie brauchen: Hühner, Mäuse, Inspirationen, anregende Lektüre, Anerkennung, ein Familienleben voller Freude. All diese Wesen werden nicht artgerecht gehalten, nicht aufmerksam beobachtet, nicht in ihren Bedürfnissen erkannt. 

Gestern kam ein "Problem-Hund" in meine Sammlung. Sie wächst.



Dann gibt es die Abteilung "Dinge". Ein Freund von mir hat einen "Problem-Computer". Er hat irgendwann eine Tasse heißen Kaffee auf die Tastatur gekippt, und das hat dem Computer nicht gefallen. Jetzt ist er - der Computer - in Abständen beleidigt und will nicht mehr so recht. Der Freund flucht dann und hämmert auf dem Keyboard herum und findet, dass das Modell nichts taugt.

Mein neuestes Lieblings-Stück in der Abteilung ist der "Problem-Pfeil von Bad Säckingen" (Zitat Badische Zeitung). Da hat eine Ampel einen grünen Rechts-Abbieger-Pfeil, der den Rechtsabbiegern erlaubt, eben rechts abzubiegen, während die Geradeausfahrer und Linksabbieger ihnen verärgert hinterherschauen müssen, weil sie selbst noch Rot haben. Nun liegt Bad Säckingen an der Schweizer Grenze. In dem kleinen Ort kaufen viele Schweizer ein, weil es in Deutschland billiger ist, was der Gemeinde ganz hübsche Einnahmen beschert. Den Schweizern aber, lese ich in der Zeitung, sei der Pfeil unbekannt, weshalb es immer wieder zu ärgerlichen Staus gekommen sei. Nun wurde "der Problem-Pfeil nach heftigen emotionalen Diskussionen" (Zitat) abgebaut. 

Es ein Kreuz mit den Dingen. Sie schaffen es einfach immer wieder, uns wütend zu machen. 

Wollt ihr meine Sammlung vergrößern? Schreibt gern in die Kommentare, wenn ihr ein Problem hinzufügen wollt. Ich freue mich über jedes.

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Sonntag, 9. November 2025

Lotus & Schlamm

 

Kalligrafie von Thich Nhat Hanh


Heute ist der Jahrestag der Reichsprogromnacht 1938 und des Mauerfalls 1989. Der Schatten und das Licht teilen sich dasselbe Datum. Das ist für mich eine Metapher, über die wir nachdenken sollten.

Vor über zwanzig Jahren bin ich in den von Thich Nhat Hanh gegründeten Order of Interbeing eingetreten. Das ist keine religiöse oder gar monastische Vereinigung. Es ist eine Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, im Sinne des Interseins zu praktizieren und die Praxiselemente, die Thay entwickelt hat, weiterzugeben. Dennoch bekommt jedes neue Mitglied wie in monastischen Traditionen einen Namen, der zur Person passen und ein Kompass auf dem weiteren Weg sein soll. Ich bekam von Thay den Namen "True Lotus of Virtue".

Wir übersetzen ja das englische "virtue" meist mit "Tugend", und bei Tugend assoziieren wir Bravheit und Gehorsam, also war ich spontan nicht begeistert von meinem Namen. Aber vietnamesische Nonnen erklärten mir, dass Tugend in diesem Kontext so etwas wie "Erwachen", "Erleuchtung" bedeute. Damit konnte ich mich versöhnen, und als ich die Symbolik des Lotus ergründete, wusste ich: der Name passt zu mir.

Denn der Lotus wurzelt im Schlamm und muss sich durch die Dunkelheit des Teichs hindurcharbeiten, bevor er das Licht erblickt und sich zu seiner Schönheit entfalten kann. All das Dunkle in unserem Leben, dem wir uns nicht gerne stellen wollen, ist der Nährboden für unsere Schönheit - die Verluste, Enttäuschungen, Entbehrungen, die Schmerzen aller Art. Geliebte Menschen sind gestorben, vielleicht sogar unter grausamen Umständen; wir haben unsere Arbeit verloren, unser Haus, unser Land, unsere Ehe ist zerbrochen, wir oder Nahestehende sind krank geworden. 

Die sehr schwierigen Umstände, unter denen ich aufgewachsen bin, haben mich geprägt. Ohne sie wäre ich eine andere, ohne sie wären meine Bücher und meine Retreats andere. Mir geht es nicht um ein bisschen mehr "Achtsamkeit" im Leben, sondern um das Berühren der Tiefe in uns, die unser Wahres Wesen ist. Das ist der Ort, an dem der Same des Lotus wurzelt.



Wenn Du mit mir auf diese Reise gehen willst, lade ich Dich herzlich ein zu einem meiner Retreats. Ich werde im nächsten Jahr nur noch vier Termine anbieten, zwei in Freiburg, einen in Salzburg, einen im Bayerischen Wald. Die Termine sind jetzt auf meiner Homepage, Du kannst Dich für Freiburg bereits anmelden: hier (klick).

Ich würde mich sehr freuen, Dir im nächsten Jahr irgendwo zu begegnen.

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Mittwoch, 22. Oktober 2025

Zug wo? Ich mach!


 
Mai 2025, Fahrt nach Salzburg zum Retreat. Ich habe einen schönen Zug ausgesucht, 9.30 Uhr ab Freiburg, umsteigen in Stuttgart, dann gemütlich bis Salzburg. Nach dem geruhsamen Frühstück schaue ich mal vorsichtshalber auf meine DB-App und erfahre "Ihr Zug fällt aus." Gesendet um 2 Uhr nachts. Da schläft die Seminarleiterin, sie muss ja um 18 Uhr ausgeschlafen am Zielort sein.
 
Ich sause zur S-Bahn und steige am Hauptbahnhof in den nächstbesten Zug in Richtung Norden. Es ist ein ICE nach Hamburg; meine App empfiehlt mir, in Frankfurt in den Zug nach München umzusteigen. Der Zugbegleiter sieht das anders und empfiehlt den Umstieg in Mannheim: "Es könnte sein, dass Sie Ihren Anschlusszug in München sonst nicht erreichen". Es ist fünf Minuten vor dem Einlaufen in den Mannheimer Bahnhof und die Umstiegszeit beträgt vier Minuten von Gleis 2 auf, soweit ich mich erinnere, Gleis 6. Der junge Zugbegleiter findet das völlig ausreichend: "Das schaffen Sie!"
 
Soll ich? Soll ich nicht?
 
Ich wage es, stürze aus dem Zug und renne auf die Treppe zu. Dort steht ein etwa dreißigjähriger, nicht-deutsch aussehender Mann, der in Windeseile begreift, was hier auf dem Spiel steht. Er packt meinen Koffer und ruft: "Zug wo? Ich mach!", und gemeinsam rasen wir die eine Treppe hinunter, durch den unterirdischen Gang hindurch zur anderen Treppe und hinauf auf Gleis 6, wo der Zugbegleiter des ICE gerade seinen linken Fuß einziehen will, um den Knopf zu drücken, der die Türen schließen wird. Und jetzt geschieht das Wunder, dass dieser Mann die Konstellation junger rennender Araber mit Koffer und alte hinterherrennende Frau sofort korrekt interpretiert und - ein Bein auf dem Bahnsteig, eins auf der Zugtreppe - die Abfahrt so lange verzögert, bis der Koffer samt Frau im Zug ist.  

Juli 2025, Busfahrt vom Intersein-Zentrum nach Passau. Ziemlich großer Koffer, zwei hohe Stufen in den Bus, man kennt das. Zwischen den anderen zusteigenden Passagieren, die gelangweilt auf ihren Handys herumtippen, steht ein junger, nicht-deutsch aussehender Mann. Er greift, ohne nachzufragen, nach meinem Koffer und wuchtet ihn hinein.

Ankunft Passau Hauptbahnhof. Ich habe eine Stunde Aufenthalt, bis mein Zug nach Frankfurt abfährt, und will irgendwo an der Straße einen Kaffee trinken. Das gelingt mir aber nicht, denn die Kombination alte Frau und Koffer erregt die Aufmerksamkeit eines älteren, nicht-deutsch aussehenden Mannes, der sofort den Koffer packt und auf die Treppe zurast. Ich rufe, nein!, nein! und merke, wie fatal missverständlich sich das anhört. Jetzt glaubt er sicher, ich misstraue ihm und habe Angst um meinen Koffer, aber er denkt nicht ängstlich um Ecken herum, sondern hat nur die arme Alte mit dem großen Koffer im Sinn, den sie, da doch jetzt er da ist, nicht mehr die sehr gemeinen Stufen zum Bahnhof hochschleppen muss. Enthusiastisch ruft er: "Ja, ja, ich mach!", und so finde ich mich in der Bahnhofshalle wieder, mit meinem sorgfältig vor mir abgestellten Koffer. Der Retter verschwindet in der Menge.

Ich vertraue ihnen bedingungslos. Seit sie bei uns sind, reise ich bequemer. Sie kommen aus Kulturen, in denen das Alter geehrt wird. Sie wurden zur Aufmerksamkeit erzogen; sie sehen, wenn jemand Hilfe braucht. Herr Merz, die meisten dieser Menschen sind kein Problem, sondern eine Bereicherung.  

 


Übrigens: das ist die neue Rolltreppe auf Gleis 1 im Hauptbahnhof in Freiburg. Ja, es ist ein Statement. Die Bundestagspräsidentin verbietet die Regenbogenflagge auf dem Dach des Reichstags in Berlin, Freiburg pinselt seine Rolltreppe an. Ich wohne gerne hier.

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Dienstag, 14. Oktober 2025

Scobel und der Perspektivwechsel

 


Habt ihr es schon bemerkt: Scobel ist zurück auf youtube. 3sat hatte seine fabelhaften Beiträge im Frühjahr eingestellt, aber er hat Sponsoren gefunden (ein Hoch auf alle Sponsoren ... 😉), und seine Beiträge erscheinen mir freier und frecher als früher. Was allerdings gleich geblieben ist, sind seine herrlich schrillen Hemden. Wie gut, ich hätte sie sehr vermisst.

Ganz hervorragend finde ich dieses Video über den Perspektivwechsel, in dem er uns mit Hilfe des Bildes vom Fliegenglas und der Philosophie von Wittgenstein (den man sofort lesen möchte) erklärt, wie wir uns in unsere Probleme verrennen, weil wir unsere Interpretationen der Welt für die einzig richtigen halten. Für uns Meditierende ist der Perspektivwechsel natürlich nichts Neues, das praktizieren wir ständig, und auch Gert Scobel verweist als Zen-Praktizierender ganz nebenbei auf die Meditation als Werkzeug zur Erkenntnis (wobei er einen eigenen Beitrag dazu ankündigt, wir sind gespannt). Aber es meditiert ja nicht jeder, deshalb lasst euch von Scobel erklären:

"Unsere Perspektive ist weder fest noch hat sie einen festen Boden. Was wir machen, ist, lose Fäden aufzunehmen, die weit über uns als Individuen herausreichen, die werden uns von anderen zugereicht. Und dann verknüpfen wir diese Fäden neu. Und diese Verknüpfung, das neue Muster, das wir dann sehen, hat keinen Grund in den Dingen selbst. Was sich ändert, sind wir."

Ja, Freundinnen und Freunde, so ist es.

Alle, bei denen das Video nicht angezeigt wird, finden es hier (klick). 

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Donnerstag, 25. September 2025

Wie Meditation Räume eröffnet


 

"In der Meditationsschulung lernen wir, die Gedanken zu beobachten und uns nicht mit ihnen zu identifizieren. Von Gefühlen ist seltener die Rede, obwohl sie eine tiefgreifende Wirkung haben. Die Neurowissenschaft weiß, dass sich alles, was Menschen denken und fühlen, in körperlichen Strukturen abbildet. 'Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie', schreibt der Wissenschaftler, Facharzt und Psychotherapeut Professor Dr. Joachim Bauer in 'Das Gedächtnis des Körpers'.

Gene formen die grobe Struktur des Gehirns, aber es sind die Lebenserfahrungen, die die Nervenverbindungen fein regulieren, und auf die Erfahrungen reagieren wir mit Gefühlen.

'Die neuro-anatomischen Feinstrukturen im Gehirn werden durch seelische Aktivität festgelegt. Nervenzellverbindungen entstehen durch sozial vermittelte Erfahrungen in der Umwelt, Nervenzellverbindungen geben diese Erfahrungen wieder bzw. enthalten sie', so Professor Bauer.

Beziehungserfahrungen also steuern unsere Gene. Und das geht weit über die Frage hinaus, in was für einer Familie wir leben. Da im Universum alles miteinander vernetzt ist, verändert jede Begegnung, jedes Gespräch, jeder Film und jede Lektüre auf subtile Weise das Gehirn."

Dies ist ein Ausschnitt aus meinem Beitrag "Wie Meditation Räume eröffnet" in der Ursache\Wirkung Nr. 128. Den ganzen Artikel kannst Du jetzt online lesen hier (klick).

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Mittwoch, 3. September 2025

Zu Gast im Podcast "Let's Talk Why"

"Symbolbild": Diesmal saß ich nicht im Studio, aber das Equipment war ähnlich aufwendig.


Vor einem Jahr waren die Hosts des Podcasts "Let's Talk Why" - Alessandro Limentani und Christoph Engel - bei mir in Freiburg und haben mich zu meinem Schreiben und dem Zen befragt. Es war ein extrem heißer Augusttag in meiner Dachwohnung; nicht die erfrischendsten Bedingungen also. Ich bin ja keine Plauderin, und Schweigen ist meine liebste Daseinsform, aber dann habe ich doch mehr als eine Stunde lang so allerlei gesagt.

Vielleicht magst Du es Dir anhören? Es gibt vorher zwanzig Minuten eine Art Warm Up unter dem Titel "Behind the Mic", in dem wir uns in das Gespräch hineintasten. Auf youtube findest Du diesen Teil des Podcasts hier (klick).    Auf Spotify hier (klick).




Das Video führt Dich zu dem Gespräch selbst auf youtube. "Zwischen Sprache und Schweigen" haben es die beiden Hosts genannt. Für alle, bei denen die youtube-Videos nicht angezeigt werden: hier entlang (klick). Und auf Spotify findest Du das Gespräch hier (klick).

Ich hoffe, es macht Dir Spaß, uns zuzuhören. 

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Donnerstag, 28. August 2025

Jiddu Krishnamurti "Einbruch in die Freiheit"

 



Im Speisesaal des Intersein-Zentrums hängt seit Jahren an einer Säule ein handschriftlicher Zettel mit einem Zitat von Jiddu Krishnamurti: "Mein Geheimnis ist: Ich habe nichts gegen das, was geschieht." Das ist ein Lieblings-Satz von Helga Riedl. Bei meiner letzten Retreat-Gruppe erregte der Zettel auf einmal Aufmerksamkeit und wurde lebhaft diskutiert. Wie, ich soll nichts dagegen haben, dass Russland die Ukraine bombardiert, dass im Gaza-Streifen die Menschen verhungern? Das ist doch komplette Ignoranz, esoterisches Geschwafel, das ist Gleichgültigkeit gegenüber den brennenden Problemen in der Welt, gegen die wir etwas unternehmen müssen.

Nun führt ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat ja oft zu Missverständnissen. Ich weiß auch nicht, in welchem Kontext Krishnamurti das gesagt hat; allerdings habe ich zwei Jahre seine Sommerschule in Saanen in der Schweiz besucht und kenne ihn gut genug, um ein wenig Klarheit in die Aussage zu bringen. Krishnamurti war der revolutionärste, kompromissloseste Geist, dem ich je begegnet bin. Ich halte ihn bis heute für meinen wichtigsten, meinen eigentlichen Lehrer.

In allen spirituellen Schulungen - auch in der von Thich Nhat Hanh - steht vor dem Tun das Sein. Denn solange unsere Handlungen von einem aufgewühlten, unbefriedeten und konditionierten Geist gesteuert werden, der blind auf äußere Reize reagiert, tragen sie nicht zu Lösungen und zum Frieden des Ganzen bei. Da lesen wir morgens die Zeitung, schauen abends die Tagesschau, sehen Gewalt, Ungerechtigkeit, Katastrophen in jeder Form und auf jedem Gebiet und suchen empört dafür die Schuldigen im Außen. So bleibt das Geschehen auf der intellektuellen Ebene hängen, wo wir es in sicherer Distanz halten, und erreicht nicht unser Gefühl.

Krishnamurti machte dazu schon in den 1970er Jahren eine klare Aussage: "Jeder von uns ist für jeden Krieg verantwortlich, denn unser Leben ist voller Aggressivität; wir haben unseren Nationalismus, wir sind voller Selbstsucht, haben unsere Götter, unsere Vorurteile, unsere Ideale - und das alles trennt uns voneinander. Und nur, wenn wir klar erkennen - nicht intellektuell, sondern so wirklich, wie wir unseren Hunger oder unsere Schmerzen empfinden -, dass Sie und ich für das bestehende Chaos verantwortlich sind, für das Elend in der ganzen Welt - denn wir haben durch unser tägliches Leben dazu beigetragen und sind Teil dieser monströsen Gesellschaft mit ihren Kriegen, Einteilungen, ihrer Hässlichkeit, Brutalität und Gier -, nur dann werden wir wirklich handeln."

Erst wenn wir mit Bestürzung erkennen, wie gewalttätig wir selbst in Gedanken und Worten sind - am Küchentisch mit unseren Familien, im Kollegenkreis, in der Nachbarschaft -, erst dann beginnen wir zu ahnen, dass wir das Ganze falsch angegangen sind. Wir ziehen unsere Vorwürfe gegen "die da oben, das da draußen" total zurück. Wir sagen: "Ich habe nichts gegen das, was geschieht", weil wir wissen: Das wahre Problem ist mein eigener verwirrter und konditionierter Geist. Ich mache das Äußere nicht mehr verantwortlich für meine Wut, meine Aggression, meine Resignation - und auch nicht für mein Gefühl der Hilflosigkeit. Das ist der Sinn jeder spirituellen Schulung und alles andere als esoterisches Geschwafel: Es ist anspruchsvollste innere Arbeit, die nicht immer angenehm ist. 

Jiddu Krishnamurti sagte: "Jeden Tag sehen oder lesen wir von schrecklichen Dingen, die in der Welt als Auswirkungen menschlicher Gewalttätigkeit geschehen. Sie mögen sagen, 'Ich kann dagegen nichts tun' oder 'Wie kann ich die Welt beeinflussen'. Ich glaube, dass Sie die Welt ungeheuer beeinflussen können, wenn Sie innerlich nicht gewalttätig sind, wenn Sie täglich wirklich ein friedvolles Leben führen, ein Leben, das ohne Wettkampf, Ehrgeiz, Neid ist, ein Leben, das keine Feindschaft erzeugt. Kleine Flammen können zum lodernden Feuer werden."

Es ging Krishnamurti nie um ein bisschen "Achtsamkeit". Es ging ihm um das Erwachen zu unserem Wahren Wesen, um ein Leben, das radikal frei ist von allen Konditionierungen, Überzeugungen und Vorstellungen. Das Buch, aus dem ich zitiert habe, heißt "Einbruch in die Freiheit", und ich empfehle es allen, die das Denken von Krishnamurti kennenlernen wollen. Ein dünnes Taschenbuch, nicht teuer - und eigentlich braucht man nach dem Lesen kein weiteres Buch über Spiritualität. 


(Werbung) Wenn ihr online bestellen wollt, empfehle ich euch den gemeinwohlbilanzierten sozialen Buchversand Buch7, der soziale, kulturelle und ökologische Projekte unterstützt. Ihr werdet schnell und versandkostenfrei beliefert, und ich erhalte eine (sehr kleine) Provision dafür. "Einbruch in die Freiheit" - ein Taschenbuch für 11 EUR - bestellen hier (klick). 

 
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Freitag, 8. August 2025

Die Snack Bar der DB




Im Juli war ich wieder im Intersein-Zentrum. Die Fahrt ist immer, sagen wir mal: interessant. In diesen elf Stunden von Haus zu Haus begegnet mir so einiges, was mich dann längere Zeit bewegt.

Ich hatte eine neue Verbindung, die gut klang. S-Bahn bis Freiburg, ICE von Freiburg nach Karlsruhe, von dort im IC bis Nürnberg, dann ICE bis Passau, dann Bus. In Karlsruhe suchte ich den IC auf dem angegebenen Gleis, fand aber nur die Art Zug, mit der ich von meinem Vorort nach Freiburg gefahren war. Doch, doch, das sei der IC nach Nürnberg, sagte ein Bahnmitarbeiter am Gleis. Regionalverkehr eben. Er wunderte sich, dass ich mich wunderte.

Ich hatte einen Platz gebucht, der mir in dem Wagen reserviert worden war, in dem eine komplette Schulklasse von etwa Achtjährigen auf den Sitzen tobte. Der Rest des Zuges war nahezu leer. Meine erste Aktion war die Flucht. Ich machte es mir in Wagen zwei, hmm, gemütlich. Die Sitzabstände waren beklemmend und die Sitze nicht verstellbar. Die deutsche Bahn stärkt im Regionalverkehr ihren Reisenden das Rückgrat. In diesen Sitzen wird nicht gelümmelt, da zeigt man Haltung.

Abfahrt in Karlsruhe um 9.06 Uhr, Ankunft in Nürnberg um 12.30 Uhr. Dreieinhalb Stunden S-Bahn-Fahrt.

Ich hatte zwei gute Bücher dabei. Die erste Stunde verging, die Sitzabstände legen die Redewendung nahe, wie im Fluge. Dann knackte der Lautsprecher und verkündete Erstaunliches: "Liebe Fahrgäste, eine Erfrischung gefällig? Unsere Mitarbeiter erwarten Sie gerne in unserer Snack Bar in Wagen sechs."

Oha. Eine S-Bahn mit Luxus. Meine Wasserflasche war leer, und ich machte mich auf den Weg zu Wagen sechs. Passierte diverse Kofferrampen, es ging auf und ab, ich wurde hin und her geworfen. In den Wagen, die ich durchquerte, waren ein paar Reisende in großen Abständen hingetupft. Sie sahen mir erstaunt nach. Offenbar hatten sie keinen Wunsch nach Luxus, sie wollten einfach nur ankommen. 

Die letzte Kofferrampe hinauf, Wagen sechs öffnete sich vor mir. An der Wand lehnte eine Mitarbeiterin der Bahn und wischte auf ihrem Handy herum. Als sie mich sah, steckte sie es hastig ein und strahlte mich an. Eine Kundin! Tatsächlich, eine Kundin. Zu ihren Füßen stand einer jener kleinen Einkaufskörbe aus dem Supermarkt, die man sich schnappt, wenn man kurz vor Ladenschluss noch etwas zum Abendessen einkaufen will. In dem Korb befanden sich ein paar Müsliriegel, Chipstüten, ein Apfel und eine winzige Packung Pralinen. Gemeinsam sahen wir auf das Angebot hinab.

"Das ist die Snack Bar?" fragte ich.

"Ja, heute haben wir leider nur eine kleine Auswahl", sagte die Frau hastig und versuchte ein erneutes Strahlen. "Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?"

Im Hintergrund, auf einer Art Wandbord, stand eine Warmhaltekanne mit einem mindestens zwei Stunden alten Kaffee.

"Haben Sie auch etwas Kühles zu trinken?" fragte ich.

"Oh, ja!" rief sie. "Was wollen Sie? Alkoholisch? Nicht alkoholisch?"

Sie schloss eine Wandtäfelung auf, und dort, wo ich in Zügen immer irgendwelche Technik vermutet hatte, kam ein Kühlschrank zum Vorschein. Sie pries mir jede Flasche einzeln an, wahrscheinlich war mein Besuch die einzige Abwechslung, die sie bis Nürnberg erwartete. 

Mit meiner Apfelschorle taumelte ich zurück in Wagen zwei. Die Frau hatte mir noch einen umweltschädigenden Pappbecher aufgedrängt, den ich genommen hatte, weil ich ihr eine Freude machen wollte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahn haben keinen leichten Job. Diese tat mir besonders leid.

Ich versenkte mich erneut in mein Buch. Kurz vor Crailsheim knackte der Lautsprecher. "Liebe Fahrgäste, eine Erfrischung gefällig? Unsere Mitarbeiter erwarten Sie gerne in unserer Snack Bar in Wagen sechs."

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Samstag, 7. Juni 2025

Der geschmeidige Geist

 

Quelle: Wikipedia


Ich habe gelesen, dass bestimmte Spinnen-Arten ihre Netze grundsätzlich nur zwischen Gräser und leichte Äste hängen. Ihr Instinkt sagt ihnen, dass ein zwischen feste Objekte gespanntes Netz im Wind leicht zerreißen kann, während ihre Netze im Wind elastisch mit den Gräsern schwingen. 

Auch unser Leben ist immer wieder einem manchmal heftigen Wind ausgesetzt. Wenn unser Geist sich dann an das Feste klammert in der Hoffnung, es würde ihm Sicherheit geben, kann er irritiert und auch tief gestört werden. Das Feste ist das Gewohnte, in dem wir uns eingerichtet haben, das, was uns vertraut ist. Die täglichen Abläufe im Alltag, die Handgriffe, die wir blind ausführen, die Menschen, an die wir gewöhnt sind. Aber auch unsere Meinungen, Überzeugungen und Urteile, die mindestens so starr sind wie eine Mauer, die kluge Spinnen meiden. Die Zeiten des großen Windes sind die gefährlichsten in unserem Leben. Nichts scheint mehr so zu sein, wie es war. Wir müssen einsehen: Mein Urteil über dies und jenes erweist sich als völlig falsch. Der Mensch, dem ich vertraut habe, hat mich betrogen. Die Diagnose, die mein Arzt mir mitteilt, stellt mein Leben auf den Kopf. 

Unsere alten Strategien funktionieren nicht mehr. Jetzt ist es für unsere körperliche und psychische Gesundheit wichtig, dass unser Geist geschmeidig mitschwingt mit dem Sturm. Auch wenn unser Netz, anders als das der Spinne, nie zerreißen kann.

Das Netz der Spinne ist ihr Zuhause, sie hat kein anderes. Es ist sichtbar für alle aufgespannt und deshalb so gefährdet. Unser Zuhause ist in uns selbst verborgen; so verborgen, dass viele Menschen es noch nie betreten haben. Wir können nur dann vertrauensvoll mit den Stürmen umgehen, wenn wir in uns zu Hause sind. Gerade in Zeiten des Umbruchs, in denen wir das Gefühl haben, uns werde der Boden unter den Füßen weggezogen, können wir die Lehre des Buddha konkret erfahren. Im "Sutra über die Unterweisungen für Kranke", das in buddhistischen Klöstern oft rezitiert wird, heißt es:

"Dieser Körper bin nicht ich. Ich bin nicht gebunden an diesen Körper.
Dieser Geist ist nicht ich. Ich bin nicht gebunden an diesen Geist."

In dem Sutra ist mit "Geist" der persönliche Geist gemeint, mit den Gedanken, die Gefühle auslösen, die wiederum Gedanken erzeugen. In Krisen-Situationen erkennen wir, dass er zwar ein großartiges Instrument ist, mit dem wir das Leben erfahren, es aber in uns eine tiefere, größere Weite gibt, die weder Geist noch Körper ist. Diese Tiefe nannte Thich Nhat Hanh "dein Wahres Selbst". 

Wir können uns immer wieder mit unserem Wahren Selbst verbinden, indem wir mitten im Alltag innehalten und bewusst ein- und ausatmen, ohne den Gedanken zu erlauben, sich einzumischen. In dieser Tiefe begegnen wir einer wunderbar warmen, heilsamen und beruhigenden Stille. Es ist, als würden wir heimkehren; wir haben das Gefühl: Ach, da bist du ja, wer oder was immer du bist. Dich habe ich so lange gesucht, und dabei warst du doch immer bei mir. So nah.

Während der Sturm uns durchschüttelt, bewegt sich unser Geist geschmeidig mit. Lässt los, was nicht zu halten ist, nimmt an, was immer da kommt. Wir aber sind geborgen in unserem Netz, das nie zerreißen kann. Unserem Wahren Selbst.

In meinem Retreat "Erwachend leben" im Juli im Intersein-Zentrum kannst Du mit mir das Thema vertiefen. Alle Informationen findest Du hier (klick).

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Sonntag, 11. Mai 2025

Wann endet ein Krieg?

 


 
Am 8. Mai hat die Welt das Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert. Aber ein Krieg endet nicht, indem offizielle Dokumente unterzeichnet werden, keine Panzer mehr fahren und keine Bomben mehr fallen. 

Als Russland in die Ukraine einmarschierte, las ich zu meiner Verwunderung etliche Kommentare von Schriftstellern im Alter so um die Fünfzig, die ratlos vor der Tatsache standen, dass während ihrer Lebenszeit quasi vor ihrer Haustür ein Krieg stattfand. Der Autor Daniel Schreiber sprach für viele, als er sagte, mit so etwas hätte seine Generation doch nicht gerechnet. Sie seien im Frieden aufgewachsen und jetzt wüssten sie nicht, wie sie gefühlsmäßig mit diesem Krieg umgehen sollten. 

Wo ist diese Generation - um jetzt mal pauschal von einer ganzen Generation zu sprechen - denn aufgewachsen? Auf einer Südsee-Insel? Und was haben ihre Eltern - die in meinem Alter sein dürften - ihnen über den Zweiten Weltkrieg erzählt? Gar nichts? Alles totgeschwiegen? Weil sie bei Kriegsende oder kurz danach geboren wurden, meinten sie, der Krieg ginge sie nichts an? Da irren sich diese Eltern, falls sie so denken sollten, gewaltig. Denn meine Generation trägt den Krieg in sich.

In gewisser Weise bin ich privilegiert: Ich konnte mich nie der Illusion hingeben, mit diesem Krieg nichts zu tun zu haben. Ich bin mit den Erzählungen meiner Mutter aufgewachsen, die bis zu ihrem letzten Augenblick mit dem, was sie erlebt hatte, nicht umgehen konnte. Sie brauchte eine Adressatin für ihre Verzweiflung, die Adressatin war ihre Tochter. Durch meine Mutter weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn die liebevoll eingerichtete Eigentumswohnung in Flammen aufgeht, der Lieblingsbruder auf der Krim "fällt" und was es heißt, im Straßengraben zu kauern, während über einem die Tiefflieger jaulen. Jedes Gewitter löste bei meiner Mutter eine helle Panik aus. Wir durchlebten zu zweit erneut einen Kampf auf Leben und Tod, während vor den Fenstern die Blitze zuckten und der Donner krachte. 

Wir Nachkriegskinder sind eine besondere Generation. Stille und tapfere Überlebende eines Krieges, den wir selbst gar nicht erlebt haben und der uns doch bis heute prägt. Wir tragen ein schweres Erbe, das uns von unseren Vorfahren aufgebürdet wurde, und das wir, Schritt für Schritt, langsam in und durch uns selbst lösen müssen. 
 
Thich Nhat Hanh, von dem die obige Kalligrafie stammt und der selbst Freunde und Angehörige im Vietnam-Krieg verloren hat, sagte, jeder Krieg habe Auswirkungen auf sieben folgende Generationen. Das steht übrigens auch in der Bibel. Vielleicht gehörst du zur zweiten oder dritten Generation, vielleicht sogar zur vierten. Wie wäre es, wenn du dich dem Gedanken öffnen würdest, dass du nichts "falsch gemacht" oder gar im Leben versagt hast, wenn du manchmal von unerklärlichen Ängsten überfallen wirst, einen tiefen Kummer ohne Anlass spürst oder Aggressionen in dir entdeckst, deren Ursprung du dir nicht erklären kannst? Wir alle haben teil an dem dunklen Urgrund eines kollektiven Unbewussten, in dem so viel Schmerz und Gewalt brodeln, die nach dem Krieg hastig mit wilder und falscher Lebenslust zugedeckt wurden.
 
Es ist an uns, die Verantwortung zu übernehmen und all diese Dunkelheit in uns und durch uns stellvertretend für die Gesellschaft zu lösen. Thich Nhat Hanh sprach immer davon, wir sollten unsere Gefühle "umarmen". Das ist ein weiser und liebevoller Rat.
 
Wir umarmen unsere Gefühle, damit die Welt ein wenig heller wird. Das macht uns sanft gegenüber uns selbst und gibt uns Mitgefühl für all jene, die mit ihrem eigenen Erbe, aus ihrem eigenen Land des Krieges zu uns kommen. Aus den Straßengräben, den Flammen, mit den gefallenen Brüdern im Herzen.
 
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Mittwoch, 2. April 2025

Der Duft von Pflaumenblüten




Ohne eine lange Zeit grimmiger Kälte,
die dir in die Knochen fährt -

wie könnten die Pflaumenblüten
dich erfüllen mit ihrem durchdringenden Duft?

Huangbo

 

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Freitag, 21. März 2025

Mein Geist, dein Geist

 

Neulich sah ich in einer Parkanlage ein Schild, das ich aus meiner Kindheit kenne und seit bestimmt vierzig Jahren nicht mehr gesehen habe: "Eltern haften für ihre Kinder!" Mit Ausrufezeichen. (Leider hatte ich die Kamera nicht dabei.)

Eigentlich eine klare Sache. Wenn so ein Vierjähriger im Zuckerschock durch die Gegend düst und herumbrüllt, muss jemand da sein, der ihn auch zu seinem Besten an die Hand nimmt und energisch sagt: "Jetzt reicht's!"

Das hat mich auf eine Idee gebracht. Ich würde auch gern ein Schild aufstellen, und das nicht nur in einem Park. Sondern zum Beispiel vor den Eingängen von Supermärkten, Behörden und Schulen, an Bahnhöfen, in Zügen und Bussen, ach, warum nicht an jeder Straßenkreuzung. Auf meinem Schild stünde: "Du haftest für deinen Geist!" (Mit Ausrufezeichen.)

Gegen das, was ein Geist anrichten kann, ist ein Vierjähriger im Zuckerschock ein Lämmchen. Der Geist (mein Geist, dein Geist) gibt pausenlos Kommentare und Bewertungen ab, urteilt über Menschen und Ereignisse, regt sich auf über Hinz und Kunz und hat natürlich immer recht, denn an allem, was ihm nicht passt, sind "die anderen" schuld.

Es ist so viel los da oben im Kopf, dass es uns selbst oft erschöpft und wir einfach mal nur unsere Ruhe haben wollen. Wenn doch nur jemand käme, der den Geist energisch zur Ordnung ruft. Wo ist diese Person, die so viel Autorität und Macht hat, dass unser Geist sich widerspruchslos fügt?

Du bist diese Person, und zwar die einzige, die über deinen Geist bestimmen kann. Da du deinen Geist und alle seine Kapriolen beobachten kannst, bist du ja wohl nicht deine Gedanken, Meinungen, Urteile und Bewertungen. Du bist vielmehr die Instanz, die das alles wahrnimmt. Du bist Gewahrsein, du bist Bewusstsein. Deine Gedanken ereignen sich innerhalb dieses weiten Bewusstseins-Raums, und du kannst dich ganz ruhig zurücklehnen und interessiert das Schauspiel verfolgen, das sie aufführen. Du musst das Schauspiel nicht beenden, du kannst das auch gar nicht tun. Es endet nämlich von selbst, wenn du die Gedanken nicht nährst durch weitere Gedanken, ihnen nicht folgst auf ihren verschlungenen Wegen und keine Geschichte um sie herum erzählst.

Kein Mensch auf der Welt kann dich zwingen, bestimmte Gedanken zu denken und bestimmte Gefühle zu fühlen. Du bist die Königin und der König im Reich deines Geistes, du hast dort uneingeschränkte Macht. Du entscheidest, bewusst zu bleiben. Du bleibst gewahr. Das ist alles. So einfach. So wirkungsvoll.

Noch ein Schild, gesehen an der Tür eines Yoga-Raums, in dem ich mal war: "Bitte übernimm Verantwortung für die Energie, die du in diesen Raum trägst." Darum geht es. Wir nehmen den Inhalt unseres Geistes überallhin mit und strahlen ihn aus. Wenn wir uns nicht um ihn kümmern, verschmutzen wir mit unserer Unbewusstheit die Umwelt. Aber wie wunderbar fühlt es sich an, einem Menschen zu begegnen, der Verantwortung für seinen Geist übernommen hat. Dieser Mensch hat kein vorgefasstes Urteil über uns. Er ist interessiert an der Person, die ihm da gegenübertritt, er will sie kennenlernen. Er braucht keine Negativität, um sich von anderen abzugrenzen; er kann es sich leisten, schlicht und einfach freundlich zu sein, weil er Freundlichkeit nicht mit Schwäche verwechselt. Er weiß ja um seine Macht, er muss sie nicht demonstrieren.

Ich zumindest möchte solch ein Mensch sein.

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