Montag, 27. April 2026

Gehen als Meditation


Wenn das erste Foto morgens in der Online-Ausgabe der Zeitung zerbombte Häuser zeigt ...

... wenn die neueste Statistik einen schnelleren Anstieg der Klimaerhitzung voraussagt ... 

... wenn die Inflation wieder gestiegen ist, die Tafel Lieblings-Schokolade unfassbare 3,20 Euro kostet und im Bundestag Kürzungen bei den Erstattungen der Krankenkassen, höhere Zuzahlungen für Arzneimittel und generell geringere Leistungen für dies und das diskutiert werden ...

... wenn irgendwas irgendwo im Körper sich nicht in Ordnung anfühlt ...

... wenn eine weitere Freundin ernsthaft erkrankt ist ...

... dann mache ich erst einmal eine Gehmeditation. An einem Lieblingsplatz im Grünen. Schritt für Schritt, ganz langsam, ohne zu denken. Nur schauen (das Weiß und Rosa, das da am Strauch hängt. Keine Ahnung, wie der heißt, muss ich auch gerade nicht wissen), nur hören (die Natur trillert, kollert, klopft, plätschert), nur riechen (ooh, hmmm).

Als seine Freunde im Krieg in Vietnam verhaftet wurden und Tausende Boat People im Meer ertranken, war Thich Nhat Hanh kurz vor dem Verzweifeln. Aber Verzweiflung nützt niemandem, sie verwirrt den Geist und raubt Kraft. Also machte er Gehmeditation. Jeden Tag, viele Stunden. Bis er so ruhig war, dass er wieder denken und planen konnte. Bis ihm die Idee kam, ein eigenes Schiff zu chartern und sich mit Freunden auf das Meer zu wagen, wo sie Dutzende Boat People aufsammelten und retteten.

Mach eine Gehmeditation. Sie hilft, sie wirkt, sie öffnet Räume im Geist.

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Dienstag, 14. April 2026

Alle Menschen wollen glücklich sein



 

Sieben Uhr abends, Winter. Ich fahre mit der S-Bahn nach Hause. In den Häusern entlang der Strecke sind die Wohnungen erleuchtet. Eine Frau deckt gerade den Abendbrottisch. Ein Kind tanzt mit seinem Teddy im Arm durch den Raum. Ein altes Ehepaar sitzt vor dem Fernseher. Im Rotlicht einer Bar prosten zwei junge Frauen auf Barhockern einander zu.

Momentaufnahmen fremder Leben. Und ich denke: All diese Menschen tun all dies, weil sie hoffen, dass es sie glücklich macht.

Die alte Frau, die seit fünfzig Jahren Lotto spielt. Der Junge, der seinen Joint raucht. Das Mädchen, das die Schule schwänzt. Der Roulette-Spieler im Casino. Die junge Frau, die nach Dienstschluss shoppen geht. Der Mann, der sich wegen einer Jüngeren scheiden lässt. So unterschiedlich, so individuell. Und doch sind sie bewegt von derselben Sehnsucht, die ihnen oft nicht bewusst ist: Ihre Handlungen sollen sie glücklich machen. 

Reservierungen in Zügen sind Glückssache. Da werden Wagen umgehängt, und plötzlich sitzt man gegen die Fahrtrichtung. Eine Frau mir gegenüber konnte sich mit ihrer Lage nicht abfinden. Sie regte sich sehr laut auf und sagte, auf diesem Platz könne sie nicht sitzenbleiben, sie müsse unbedingt und sofort in Fahrtrichtung sitzen. Ich beugte mich zu ihr hinüber und sagte: "Wenn es Sie glücklich macht, tausche ich mit Ihnen." 
 
In ihren Augen blitzte Triumph und unverhohlene Gier auf. Sie reagierte im Bruchteil einer Sekunde, raffte ihre Sachen zusammen und ließ sich auf meinen Sitz fallen. Kein Wort des Dankes. Dann starrte sie zum Fenster hinaus, die ganze restliche Stunde bis zu ihrem Ziel. Saß da mit ihrer Tasche auf dem Schoß in ihrem ungestillten Unbehagen. 

Der Buddhismus kennt den Begriff dukkha. Er wird oft fälschlicherweise mit Leiden übersetzt, aber er meint etwas viel Alltäglicheres, das wir alle kennen. Dukkha ist das, wovon die Frau an jenem Tag im ICE zwischen Stuttgart und München so sichtbar erfüllt war: Das alles durchdringende Gefühl eines ungeheuren Mangels. Etwas in Körper, Geist und Herz ist nicht so, wie es sein sollte. Etwas fehlt. 

Es fehlt das Gefühl, in sich selbst zu Hause zu sein, sich bei sich selbst wohlzufühlen. Sich selbst wertzuschätzen. 

Um dieses Gefühl wiederzufinden, müssen wir tief in unsere innere Stille hinabtauchen. Dukkha ist an der Oberfläche, ein im wahrsten Sinn des Wortes oberflächliches Gefühl. Das, was uns erfüllt, liegt viel tiefer, und es ist nicht leicht, im Alltag mitten in dieser Welt und dieser Zeit in diese Tiefe zu tauchen. Aber es ist möglich, und vor allem ist es notwendig.  

Ist dort unten also das Glück zu finden? Nein, Glück ist eine Kategorie der Oberfläche, der Welt und der Zeit. Was wir dort unten finden, ist die Glückseligkeit. Das Leuchten ohne Anlass, das Gefühl der Geborgenheit und des Aufgehobenseins. Die Gewissheit: Ich bin zu Hause. 

Ich bin.

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Sonntag, 5. April 2026

Ostern

 

In einem Brief aus dem Jahr 1908 schreibt Rainer Maria Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin über die großen Liebenden der Weltliteratur. Da streift er durch die Straßen von Paris, ein einsamer Passant, der erfüllt ist von seiner Lektüre, und die Pariser eilen vorüber und haben andere Dinge im Kopf. Und dann schreibt er den schönen Satz:

"Und manchmal ist das so heftig in meinem Herzen, dass ich meine, der Engel in mir bricht aus mir aus und Müh habe, ihn zu verhalten, damit er nicht plötzlich unter den Leuten zu leuchten beginnt."

Zu Ostern wünsche ich uns, dass all die Engel in unser aller Herzen ausbrechen und mitten in der Welt zu leuchten beginnen. 

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