Mittwoch, 29. Dezember 2021

Wir dürfen!


Gestern im Supermarkt an der Kühltruhe. Sie ist gefüllt mit Plastikschalen voll Himbeeren aus Marokko, Heidelbeeren aus Gewächshausanbau und drei dreilagigen Stapeln Käsekuchen in der Pappschachtel. 20 Stück, mindestens. Ein Ehepaar im fortgeschrittenen Alter studiert das Haltbarkeitsdatum und ruft den Mitarbeiter herbei, der gerade Orangen einsortiert. Die sind nicht frisch, sagt die Frau. Die laufen am 2. Januar ab. Der Mitarbeiter sagt, die seien heute früh geliefert worden, also seien sie frisch. Aber wir brauchen ihn erst am 1. Januar, sagt die Frau, und wir essen an so einem Kuchen schon eine Woche. Der Mitarbeiter ruft einen Kollegen herbei. Der sagt, das sei ja nur das Mindesthaltbarkeitsdatum, den Käsekuchen könne man auch im neuen Jahr noch essen. Das ist uns zu heikel, sagt die Frau, und ihr Mann nickt und bestätigt: Zu heikel. Na ja, sagt der erste Mitarbeiter, der zurück will zu seinem Orangen-Job, vielleicht könne man ja einen kleinen Nachlass geben, das Ablaufdatum sei schon recht nahe. Das wäre verführerisch, murmelt die Frau, und ihr Mann sagt: Ja, das wäre doch schön. Mitarbeiter Nummer zwei eilt, um den Filialleiter zu holen.

Und ich, die weitergeht durch die Regalreihen, weil ich mich in diesen Zeiten ja nicht länger als nötig möglichen Virenspreadern aussetzen will, bin total glücklich. Ich stelle mir vor, wie sich das Ehepaar jetzt erlaubt, berechtigt von einem unerwarteten Preisnachlass, die ersten ihrer winzigen Stücke vom Festtagskuchen schon am Mittwoch zu verspeisen. Und die nächsten an einem ganz gewöhnlichen Donnerstag. Die sind so müde wie eigentlich wir alle nach zwei Jahren Pandemie, bei den beiden ist sicher die Luft raus, wie bei vielen von uns, aber jetzt gönnen sie sich etwas, was sie sich noch nie gegönnt haben. Weil sie es dürfen (es kostet nicht viel)!

Euphorisch kaufe ich meine Lieblingsschokolade, die mit den Salzmandeln, und denke, das darf ich jetzt! Ich darf auch auf dem Sofa liegen um 11 Uhr vormittags und vor mich hin träumen, ich darf schon morgens (eigentlich heilige Arbeitszeit) einen Zitronenkuchen backen und in der Arte-Mediathek die Serie über italienische Seen anschauen, am Nachmittag um drei zum Beispiel, bei einem Becher Tee.

Wir dürfen müde sein und keine Lust mehr haben. Wir dürfen den Wohnungsputz verschieben und uns trotzdem Besuch einladen oder im Gegenteil die eingeladenen Besucher wieder ausladen, wir dürfen beschließen, in diesem Jahr keine Nachrichten mehr zu hören/zu lesen/anzuschauen, wir dürfen rumhängen, rumbummeln, chillen und es uns gut gehen lassen, denn wir haben es verdient. 

Ja, das haben wir uns jetzt verdient. 

 

Freitag, 24. Dezember 2021

Weißer Weihnachts-Wald


 Von draußen vom Walde komme ich her.

 


 

Von oben rieselten Nebelflocken-Kristalle, und das einzige Geräusch war das Knirschen der gefrorenen Blätter unter meinen Stiefeln.



An den Zweigen hing Feen-Haar. 

 


Die Schönheit der Welt. Die herzzerreißende Schönheit dort draußen. Verschenkt sich einfach so. An uns.


 

Mit Voces8 und ihrer Interpretation von "Ave Maria, Virgo Serena" von Josquin des Prez wünsche ich meinen treuen Leserinnen und Lesern, Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner Retreats und allen mir unbekannten Freundinnen und Freunden dort draußen im großen weltweiten Netz ein Weihnachtsfest der Stille, Wärme und Schönheit.


Dienstag, 21. Dezember 2021

Ein Sonnenwend-Segen

 

Heute, in der längsten und dunkelsten Nacht des Jahres, wendet sich die Sonne und steigt empor. Noch sehen wir das nicht. Aber es ist so, seit jeher. In einer Zeit, in der Vertrauen schwer fällt, dürfen wir immerhin auf dies vertrauen: Das Licht steigt auf.

 

Ein Sonnenwend-Segen

Während hier die Nacht sich ausdehnt,
verkürzt sich anderswo der Tag.
Und in der Nacht der anderen
sind wir in Licht gebadet. In allen Nächten
ist Licht; an langen Tagen
kann es auch Schmerz geben.

Für dich bitten wir die Sonne,
eine Weile stillzustehen, und
auch den Mond und die Sterne,
und die Gewässer und die Himmel.
Auch die Höllen - nur für eine Sekunde,
einen Atemzug lang.

Möge der Atemzug dir Ruhe geben.
Möge jeder Atemzug dir Ruhe geben,
wie er es bis jetzt getan hat, und jetzt,
und jetzt. Dieser eine nach jenem einen,
nach jenem einen,
nach jenem.

 

Pádraig Ó Tuama
(Irischer Poet und Priester)

(Übersetzung: Margrit Irgang)

 

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Baumtrost

 


Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume? (Günter Eich)

... ohne die Gelassenheit, in der die Bäume jetzt ruhen, weil die neue Kraft sich schon in ihnen sammelt, zuverlässig wie seit Jahrtausenden, die uralte Kraft, die weiß, wann ihre Zeit gekommen ist, sich zu zeigen ...

... ohne die herrliche Ereignislosigkeit in ihren stillen Gemeinschaften, die Lautlosigkeit, in der sie da stehen und sich jedem Urteil, jeder Meinung und jedem Feindbild entziehen, sodass niemand sich gezwungen fühlen muss, gegen sie zu demonstrieren, zu protestieren und sich mit ihnen zu prügeln, egal, ob er denkt oder nicht denkt, geradeaus oder sonstwohin ...

... ohne die kleinen Baum-Gnome, die zwar frisurenmäßig eine gewisse Ähnlichkeit mit Karl Lauterbach haben, aber keine katastrophalen Nachrichten in alarmierendem Ton verkünden ...

... wer, der/die noch den Mut hat, täglich Zeitung zu lesen, möchte jetzt leben ohne den Trost der Bäume? Also, ich nicht.

 

Samstag, 11. Dezember 2021

Sensibel im Schwebezustand


"Meine Grundschullehrerin war für mich eine furchterregende Person. Frau Andersch redete so laut, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Unter ihren Schritten ächzten die Holzdielen, und wenn sie meine Buchstaben auf der Schiefertafel nicht schön genug fand, war ich tagelang verstört. Eines Tages befahl Frau Andersch meine Mutter zu sich und eröffnete ihr, dass ihr Kind zu sensibel sei. „Das Kind“, verkündete Frau Andersch, „muss sich dringend ein dickes Fell zulegen.“ Meine Mutter fand den Vorschlag im Prinzip nicht schlecht, war aber ehrlich genug, um zuzugeben, dass sie eine ebenso dünne Haut hatte. Am Abend saßen Mutter und Tochter am Tisch und fragten sich, wie man das macht: sich ein dickes Fell zulegen."

So beginnt mein Beitrag "Sensibel im Schwebezustand" aus der Ursache\Wirkung Nr. 114. In ganzer Länge jetzt zu lesen  hier (klick) 

 

Freitag, 26. November 2021

Unwahrscheinlich. Möglich. Erwartet.

 

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, einem Fischreiher im tiefsten Wald zu begegnen? Und wie groß die, dass die Fotografin ihre gute Kamera dabei hat genau in dem Moment, in dem ein Fischreiher sich auf einem Baum im tiefsten Wald niederlässt? Beides tendiert gegen null, würde ich sagen. Also gibt es von dem seltenen Ereignis nur ein Handy-Foto. Und ich denke über das Unwahrscheinliche nach, das eben dennoch hin und wieder eintritt und unserer Weltsicht ein neues Detail hinzufügt. Woraufhin es künftig vielleicht nicht zu den Wahrscheinlichkeiten, aber immerhin zu den Möglichkeiten zählt.

Also ging ich am nächsten Tag wieder in den Wald (mit der guten Kamera!) in der Hoffnung, den unwahrscheinlichen, aber jetzt eben doch möglichen Anflug des Fischreihers (mit der guten Kamera!) zu erwischen, um ein noch besseres, noch spektakuläreres Foto für den Blog zu machen. Der Kerl kam aber nicht.
 
Und ich sah vor lauter Hoffnung den Wald nicht mehr.
 
Wem predigt die Meditationslehrerin eigentlich immer: Keine Erwartungen haben! Keine Erwartungen haben! Keine Erwartungen .... 
 
Ich sollte der Frau mal zuhören.
 
 

Samstag, 20. November 2021

Schenkt Bücher!

 

Das gibt es: eine Weihnachtsgeschichte, die nicht kitschig ist. Zwei Freundinnen betreiben ein Café. Die eine ist alleinerziehende Mutter, die andere, Mutter von zwei Kindern, hat vor Jahren ihren Mann verloren. Jede kann sich auf die andere verlassen. Ich kenne wenige Bücher, die eine Frauenfreundschaft so selbstverständlich und einfach erscheinen lassen. Vor Jahren haben sie ein marodes Haus im Odenwald gekauft, das vorerst unbewohnbar ist. Es braucht ein neues Dach, und innen fehlt es ohnehin an allem. Das Haus ist ihr Traum von gemeinsamen Sommern mit den Kindern in der Natur, aber sie haben kein Geld für die Renovierung. Da taucht kurz vor Weihnachten ein Fremder im Café auf, der im Moment nicht weiß, wo er hingehört oder wohin er gehen will. Der Fremde sieht aus, als sei er es gewohnt, kräftig anzupacken ... Zsuzsa Bánk "Weihnachtshaus", S. Fischer Verlag

Eine starke Geschichte über zwei Außenseiterinnen. Sally, die Abiturientin, ist aus der Psychiatrie davongelaufen; sie hat die Lügen und Kompromisse in der Welt der Erwachsenen satt und stellt sämtliche Regeln in Frage. Sie landet auf dem Hof von Lissi, die anders ist als ihre Eltern und Lehrer. Lissi beurteilt sie nicht, stellt keine Fragen, sondern bindet sie ein in den täglichen Ablauf ihres Hofes. Sally erntet Kartoffeln, hilft bei der Traubenlese und lernt im Obstgarten die alten Sorten schätzen, die Lissi anbaut. Ehrliche körperliche Arbeit, die ihr guttut. Langsam und nicht ohne Schwierigkeiten nähern sich die beiden Frauen einander an; zwei zutiefst Verletzte, die auf der Suche sind nach einem Leben, in dem sie die sein dürfen, die sie sind. Ewald Arenz ist Lehrer, und mit Sally ist ihm eine großartige Protagonistin gelungen: eine Siebzehnjährige voller Widersprüche, Wut, Stärke und Liebe zum Leben. Ewald Arenz "Alte Sorten", Dumont Verlag 

 


 

Im Pfarrhaus im Banat leben Hannes, der deutsche Pfarrer, seine Frau Florentine und Sohn Samuel. In Rumänien herrscht Ceausescu. Inmitten von Verrat, Gewalt und Angst sind diese drei Menschen eine Insel der Ruhe und Stille. Wie Freund Bene sehr viel später über Samuel sagen wird: „Es war eine Schweigsamkeit, die aus langer Einsamkeit herrührte, und nur jemand, der mit dem Alleinsein vertraut war, erkannte sie.“ Iris Wolff findet wunderbare Bilder für Jahreszeiten und Landschaften; über das Banat sagt sie „diese Landschaft lässt dich, wie du bist“. In dem Buch „geschieht“ nicht viel, obwohl es Jahrzehnte einer Familie umfasst. Es ist vielmehr ein Lied über Weite und Stille, über Einsamkeit und Zärtlichkeit und die Notwendigkeit, Raum zwischen Menschen und Dinge zu legen, um sie besser sehen zu können. Große Lese-Empfehlung! Iris Wolff "Die Unschärfe der Welt", Klett Cotta

Einmal steht das Kind Edgar im Flur, späht durch ein Schlüsselloch und beobachtet seinen Vater im Musikzimmer, wie er sich vor einem imaginären Publikum verneigt. Das ist eine Schlüsselszene: Zwischen weit älteren Brüdern und einem kleineren Bruder ist Edgar ein Dazwischen-Kind. Edgar Selge schreibt über seine Kindheit in den 1960er Jahren aus der Perspektive der Gefühlswelt eines einsamen, die anderen gnadenlos genau beobachtenden Kindes. Der Vater ist Gefängnis-Direktor, ein verhinderter Konzert-Pianist, und alle in der Familie spielen ein Instrument. Gelegentlich werden ausgewählte Strafgefangene zu einem Hauskonzert eingeladen, dessen Langeweile sie nur mühsam überstehen. Edgar macht seinen Eltern keine Freude. Er stiehlt Geld, klettert nachts aus dem Fenster, um ins Kino zu gehen, und wird vom Vater systematisch verprügelt. Dieser dennoch geliebte Vater scheut auch nicht vor sexuellen Übergriffen zurück, und der erwachsene Sohn ringt noch immer mit dem Gefühlschaos, das in ihm angerichtet wurde: "Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt." Großartig wird die Atmosphäre der Nachkriegszeit gezeichnet, in der die alten Nazis immer noch das Sagen haben und der anerzogene Hass auf die Juden in beiläufigen Sätzen immer wieder hochkommt: "Wie soll er damit umgehen, dass er mehr gewusst hat, als er zugibt?" Edgar Selge ist einer meiner Lieblings-Schauspieler; ich freue mich, dass er auch richtig gut schreiben kann.  Edgar Selge "Hast du uns endlich gefunden", Rowohlt Verlag.

 


 

Erst mal die Nobelpreisträgerin: Olga Tokarczuk mit einem leichtfüßigen, klugen und eigenwilligen Roman über die alte Janina Duzsejko, die auf dem Berg im Winter die verlassenen Sommerhäuser der Städter betreut. Eine kratzbürstige, aber sehr sympathische Dame, die den Dichter William Blake verehrt, sich der Astrologie widmet (von der die Autorin einiges versteht) und Tiere mehr liebt als Menschen. Tokarczuk findet sehr schöne Bilder für Rehe, Hirsche, Hunde und Füchse. Dann geschieht ein Mord, und leider dann noch einer. Zwar weiß ich nicht, ob das nun wirklich nobelpreiswürdig ist, aber ich habe es gern gelesen. "Gesang der Fledermäuse",  aus dem Polnischen von Doreen Daume, Kampa Verlag

Ja, ich lese auch Krimis. Unter einer Bedingung: Die Bösewichter dürfen auf keinen Fall siegen. Und es muss eine Hauptfigur geben wie den kultivierten und unbestechlichen Chief Superinspector Armand Gamache von Louise Penny, der so altmodisch ist, an das Gute im Menschen zu glauben. Im Allgemeinen spielen die Romane von Louise Penny im kanadischen Dörfchen Three Pines, in dem eine hinreißende Truppe eigenwilliger Protagonisten zu finden ist, auf die ich hier nicht eingehen kann. Denn ich empfehle heute den 8. Fall von Gamache "Unter dem Ahorn", und der spielt im Kloster bei den schweigenden Mönchen, die gregorianische Choräle wie die Engel singen können, aber der Prior musste vielleicht genau deshalb sein Leben lassen. Die Mönche haben mit einer CD Ruhm geerntet und ihre Beschaulichkeit verloren, und jetzt steht die Frage im Raum: Sollen sie eine zweite CD aufnehmen, in die Welt hinaus gehen und dafür ihr Schweigegelübde brechen? Der kluge, nachdenkliche Armand Gamache ist der richtige Gesprächspartner für den Abt und die Mönche. Im Grunde ist dies kein Krimi, sondern ein philosophischer Roman über Musik, das Schweigen, das Seelenheil und die Frage, was wirklich zählt. "Unter dem Ahorn", aus dem kanadischen Englisch von Sepp Leeb, Kampa Verlag

Das Buch "Abendflüge" von Helen Macdonald habe ich bereits empfohlen. Wer meine Rezension im SWR hören will: hier (klick) 

Ich würde mich freuen, wenn ihr hier in den Kommentaren schreibt, was ihr vielleicht von meinen Vorschlägen gelesen habt und wie es euch gefallen hat. Und auch, welche Buchtipps ihr weitergeben möchtet. Eröffnen wir doch ein kleines Büchergespräch.

 

Dienstag, 16. November 2021

Die sanften Augen


"Denn es erstaunt sie, wie die anderen Menschen das jeden Tag aushalten, was sie sehen und mit ansehen müssen. Oder leiden die andren nicht so sehr darunter, weil sie kein anderes System haben, die Welt zu sehen?" Denkt Miranda in der Geschichte "Ihr glücklichen Augen" von Ingeborg Bachmann, die selbst kurzsichtig war und sich lebenslang weigerte, eine Brille zu tragen. In meinem Seminar in Salzburg sagte ein Teilnehmer (herzliche Grüße, A., wenn Du hier mitliest), dass er dank seiner eingeschränkten Sehfähigkeit nicht immer alles so genau und scharf sehen müsse, was ja manchmal gar nicht so schlecht sei. 

Das habe ich sofort verstanden, bin ich doch von Geburt an hochgradig kurzsichtig. Ich hatte damit kein Problem, aber meine Umwelt. In der Schule fiel ich gleich unangenehm auf, weil ich der Aufforderung, den Satz an der Tafel laut vorzulesen, nicht nachkam. Die Lehrerin wurde energisch und bestellte meine Mutter ein mit der alarmierenden Mitteilung: "Ihre Tochter hat schlechte Augen." Ich hatte gelernt, dass ein schlechtes Kind (die gab es damals zuhauf) ein böses Kind ist, also hatte ich wohl böse Augen, was mich sehr bedrückte. Ein Augenarzt wurde aufgesucht, und eine Woche später hatte ich eine Brille mit dicken Gläsern und blauem Gestell, obwohl mir das rote besser gefallen hätte. Meine Mutter war untröstlich; unvergessen ihre Bemerkung zu einer Nachbarin, während das bebrillte Kind daneben stand: "Womit habe ich es verdient, eine Brillenschlange zu haben?" Die Jungs in der Klasse johlten mir hinterher "Mein letzter Wille, ne Frau mit Brille!".

Solcherart sozialisiert, legte ich den Makel ab, als es endlich halbwegs vertrauenswürdige Kontaktlinsen gab. Auf einmal schaute die Umwelt auf mich mit Wohlwollen. Ich sah anscheinend endlich so aus, wie man es von einer jungen Frau erwartete. Für mich aber war es ein Schock. Ich fand mich in einer Welt der messerscharfen Kanten wieder, jedes Ding war klar vom anderen abgegrenzt, und ich war dieser Schärfe gnadenlos ausgesetzt, denn ich konnte nicht eben mal die Linsen absetzen wie früher die Brille. Die Brille war also ein Schatz gewesen, den ich nie gewürdigt hatte.

 


Seit ein paar Jahren trage ich die Kontaktlinsen nicht mehr. Jetzt habe ich wieder zwei Möglichkeiten, die Welt zu sehen. Scharf oder unscharf. Die Teile oder das Ganze. Ich kann mich jederzeit nach Belieben von der Schärfe der kantigen Welt erholen, wenn ich als Scharfblickende in ihr gerade nicht gebraucht werde. Kann die weichen Übergänge, die Verbundenheit, die Vieldeutigkeit der Formen wahrnehmen. Nicht einmal die Farben sind in meiner anderen Welt egoman. Sie behaupten nicht unbeugsam ihr Terrain, sondern fließen ineinander, vermischen sich zu neuen Farbtönen, zu Gemeinschaftsnuancen, die sie als Einzelne nie hervorgebracht hätten.

Ich habe zwei scharfe und zwei sanfte Augen. Beide brauche ich. Keines der Paare könnte mir allein die Wahrheit über die Welt präsentieren. Die aus beidem besteht, dem Ganzen und seinen Teilen.



Miranda bei Ingeborg Bachmann: "... und im Wienerwald sieht sie nicht die Bäume, aber den Wald, atmet tief ..."


Samstag, 13. November 2021

Restgold

 

Wir tasten uns hier seit Tagen durch fetten Nebel, verkrochen in Mantelkrägen und Wollmützen. Die Heizung hat die Entwicklung verschlafen und döst im Sommermodus vor sich hin. Wie gut, dass ich diese fingerlosen Handschuhe habe wie die Marktfrauen auf dem Münchner Viktualien-Markt; eigentlich zum Fotografieren, aber sie bewähren sich auch beim Tippen.

Mein Lieblingsbaum im Park franst in Windeseile aus. Die kahle Stelle oben umkränzt er mit güldenem Laub. Er erinnert mich an jene Männer mit der vorzeitigen Glatze, die dann am unteren Rand, wo noch was wächst, besonders viel stehenlassen in der Hoffnung, vom oberen Nichts abzulenken. 

Was man so denkt im Novembernebel.

Und dann bin ich nach Hause gegangen und habe weitergelesen. Für euch natürlich, denn in Kürze gibt es hier meine Weihnachtsausgabe der Buchtipps zum Verschenken und Selberlesen. Die wird üppig!


Dienstag, 9. November 2021

Oben und unten


Ein junger Mann hat Muße. Ein Student vielleicht, ein Freiberufler, der sich seine Zeit einteilen kann, ein Angestellter in der Mittagspause. Es ist einer der letzten warmen Herbsttage; er ist besonders warm in dieser so südlichen Stadt, und die Menschen sitzen auf den Plätzen und vor den Cafés, trinken Kaffee, essen Eis. Dieser Mann hat sich einen ungewöhnlichen Platz für seine Mußestunde ausgesucht; er wollte eher liegen als sitzen, und dort oben liegt er ungestört. Niemand wird ihm diesen Platz streitig machen. Er hat sich eine Zeitung gekauft und liest in all der Ruhe, die er hat oder sich einfach mal genommen hat, den Kopf auf seinen Rucksack gebettet. 

Auf halber Höhe der großen Treppe steht die Fotografin und findet das Bild interessant. Dieses auf dem Knie liegende Bein genau zwischen den beiden Lampenmasten, die nach oben ansteigende Treppe, die von der Mauer aufgefangen wird und nicht im Nichts endet. Der Mann dort oben ist perfekt gerahmt, er fällt nicht aus dem Bild und sicher auch nicht von der Brücke. Diese grafisch so schön ausgewogene Komposition, die ihr der Augenblick beschert, ohne dass sie hier irgendetwas manipulieren müsste, gefällt ihr. Sie drückt auf den Auslöser.

Dann dreht sie sich um und schaut nach unten, und in diesem Augenblick geht sie vorbei:


 

Ihr Rucksack wird nicht als Kopfkissen dienen; in ihrer Kultur und der prekären Stellung, die sie in dieser südlichen Stadt hat, empfiehlt es sich nicht, sich auf einem Brückengeländer in der Sonne zu aalen. Sie ist auf dem Weg zum Markt, um heimisches Gemüse zu finden, oder etwas, das ähnlich aussieht wie die Farben und Formen auf den Märkten zuhause und mit den gewohnten Gewürzen zu etwas annähernd Vertrautem zusammengemischt werden kann. Oder sie ist auf dem Weg in eine Unterkunft, die der Mann auf der Brücke nie gesehen hat, nie betreten wird, von der er allenfalls gelesen hat, mit Mitgefühl vielleicht, ja, ganz sicher mit Mitgefühl.  

Zwei Lebenswelten, die sich nicht begegnen können, weil der eine oben ist und die andere unten. Verbunden nur durch den Blick der Fotografin. Die in der Mitte zwischen beiden steht.

Vielleicht sollte man da öfter stehen, in der Mitte. Man sieht mehr.


Donnerstag, 4. November 2021

Voces8 "May it Be"

 

 

... may it be you journey on

when the night is overcome

you may rise to find the sun ...


Voces8 singen "May it be" von Enya

Für euch zum Wochenende. Vielleicht findet ihr die Sonne.


Sonntag, 31. Oktober 2021

Geister

 

Sie sind überall: die Geister, die der Geist erschafft. Ich finde sie, wenn ich will, mühelos an jeder Straßenecke. Düstere Gestalten tauchen an Hauswänden auf und drohen mir. Beim Gang durch die Gewächshäuser der Stadtgärtnerei könnte ich in Panik verfallen: Neandertaleralte Fratzen starren aus Palmen. Und was zum Teufel kriecht da langsam am Balkontisch hoch? Uaaah!

Und dann all das, was noch nicht manifestiert ist, das Bilderlose, das die lebhaftesten Filme erzeugt. Wovon soll ich meine Miete bezahlen, wenn ich meinen Job verliere? Was wird aus mir, wenn mein Partner mich verlässt? Wer wird mich pflegen, wenn ich alt und krank bin? Uaaah!

 

 

 

In solchen Momenten müssen wir unseren Geist an die Leine nehmen wie einen Jagdhund, der Witterung aufgenommen hat. Der Buddha illustriert die Macht des Geistes mit einer Geschichte: Ein Mann lief schreiend ins Dorf, weil er in seiner Hütte eine riesige Schlange gesehen hatte. Die Dorfbewohner eilten mit Spaten zu Hilfe, aber als der Erste seine Laterne auf das Ding richtete, sahen sie, dass die vermeintliche Schlange ein dickes Seil war.


 

Was ein Geist, der von der Leine gelassen wird, anrichten kann, sehen wir in Ghana: Wenn Krankheiten oder Brände ausbrechen - und zur Zeit ist es besonders Covid -, werden oft die Frauen, vor allem die älteren, der Hexerei beschuldigt. Selbst wenn sie jemandem nur in einem unangenehmen Traum erschienen sind oder einem anderen aus irgendeinem Grund im Weg sind, müssen sie mit Anklage, schlimmstenfalls mit dem Tod rechnen. Deshalb fliehen diese Frauen in sogenannte Hexendörfer, wo sie unter unsäglichen Bedingungen dahinvegetieren, auf dem Boden schlafen und am Verhungern sind. Und jetzt will die Regierung von Ghana sogar diese unzulänglichen, aber immerhin schützenden Dörfer schließen. 

Wie gut, dass ich in einem Land lebe, in dem zumindest heute Abend die Geister nur Spaß machen. Und wenn die Kiddies nicht klingeln sollten, esse ich die ganze Schokolade alleine auf.


Montag, 25. Oktober 2021

Inselstille

  

 

Die Inseln Werd im frühen Morgennebel: Gemälde alter Meister. Es ist eisig kalt. Auf der alten Holzbrücke, die vom Festland auf die einzig bewohnte Insel führt, gehe ich durch ein Spalier von verschlafen blinzelnden Möwen, die erst mal abwarten, ob die Frau, die da naht, wirklich an ihnen vorbeigehen will. Sie will, und Möwe um Möwe erhebt sich lustlos in die Luft, als müsste sie das Programm "auffliegende Möwen beim Nahen von Menschen" erfüllen, nur um sich sofort einen Meter hinter meinem Rücken wieder auf dem Geländer niederzulassen.



Es sind franziskanische Möwen, also geliebte Tiere, und sie fühlen sich hier eindeutig zu Hause, im Schweizerischen Eschenz, genau an der Stelle, wo der Bodensee zum Rhein wird. Im Jahr 759 starb auf der Insel der aus politischen Gründen abgesetzte Abt St. Otmar von St. Gallen. Mönche bauten eine Wallfahrtskirche, und seit 1957 leben in dem kleinen Haus neben der Kapelle Franziskanermönche. Dem heiligen Franziskus, diesem großen Freund der Tiere, hätte es hier gefallen. Ich bin an diesem frühen Herbstmorgen allein mit den Möwen, den Schwänen, Blässhühnern und der Klosterkatze. Es ist inselstill, das Festland nur hundert Meter entfernt, aber weltenweit weg.

 



Die Kapelle ist von franziskanischer Schlichtheit. Weiß geschlämmte Wände, ein paar schöne Stühle aus hellem Holz. An der Wand hängt ein Gerät, das in pandemischen Zeiten draußen in der Welt ein Desinfektionsmittelspender wäre. Um Irrtümer auszuschließen, weist ein Schild darauf hin, dass hier eine andere Art Schutz zu erhalten ist: "Weihwasserspender".



Es ist warm geworden. Ein junges Paar ist gekommen, macht ein paar Photos mit dem Smartphone und verschwindet nach zehn Minuten. Gibt halt nicht viel zu sehen hier, wenn man Stadtaugen mitbringt. Nur eine sich putzende Katze, das träge ans Ufer schwappende Wasser, weit draußen der Kahn mit dem Angler, und hinter dem Haus gibt es ein Labyrinth, aber das haben sie nicht entdeckt, da hatten sie schon genug gesehen.

 


Auf dem Parkplatz vor der Holzbrücke ist ein Platz reserviert für "die Inselbrüder". Sie müssen sehr verinselt leben, ich habe keinen gesehen. Aber mir scheint, sie sind meine Brüder im Geiste, mit ihrer Liebe zu Tieren, zur Einfachheit und Stille. Ich lebe ja mit und von Sprache, der großen Kraft, die unseren Geist formen kann zum Guten und Furchtbaren. An diesem Herbsttag habe ich für mich eine neue Bezeichnung gefunden, die mich seitdem innerlich erwärmt.

Ich bin eine Inselschwester.


Donnerstag, 21. Oktober 2021

Waldgebadet

 


"Wir sind mit der überraschenden Tatsache konfrontiert", schreibt der Psychiatrie-Professor Joel Dimsdale von der University of California, "dass es sich beim Immunsystem um ein Sinnessystem handelt, das fähig ist, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln." An dem Satz überrascht mich nur, dass ein Psychiater über diese Tatsache überrascht ist. 

Professor Dimsdale meint das natürlich streng medizinisch-sachlich; ein mit seinem Menschen plauderndes Immunsystem wäre für ihn eine absurde Vorstellung. Aber die Dichter sind ja bekannt für ihre Irrationalität; sie denken nicht nur in Bildern, sie glauben tatsächlich an sie. Metaphern sind für sie Fakten - ich bin ein Graus für die Naturwissenschaftler in meinem Freundeskreis (es gibt einige).

Mein Immunsystem und ich haben in unserer lebenslangen Beziehung das Stadium des wortlosen Verstehens erreicht. Nicht, dass wir früher miteinander gesprochen hätten. Ich wusste gar nicht, dass es  in mir eine Instanz gibt, die mir dauernd etwas mitzuteilen versucht. Sie spricht so leise. Beziehungsweise, sie spricht eigentlich gar nicht, äußert sich also nonverbal. Ihr Vokabular besteht aus Gefühlen, oder eher aus den Vorstufen von Gefühlen. Ein Hauch von Unbehagen wird ausgesandt und formt sich in meinem Geist zu einem vagen Eigentlich möchte ich lieber nicht. Was mich in sozialen Zusammenhängen manchmal zu einer schwierigen Person macht.

Inzwischen sind mein Immunsystem und ich gute Freundinnen (es ist eine Sie), und weil ich ihr seit einigen Jahren widerspruchslos gehorche, schickt sie mir jetzt zunehmend positive Aufforderungen. Sie mag Tiere, Blumen, Düfte, und sie liebt es, unter Bäumen zu sein. Also gehe ich mit ihr in den Wald. 




 

Der Wald, habe ich gelernt, ist ein riesiges Kommunikationssystem, in dem pausenlos Botschaften ausgetauscht werden zwischen Pflanzen und Tieren: den Bäumen, Sträuchern, Farnen, dem Moos und den Würmern, den Mikroorganismen und dem unterirdischen Geflecht der Pilze. Ich gehe da so unter den Bäumen dahin und denke mir: Das nimmt sie, mein mir eingeborenes Sinnessystem, alles wahr. Sie ist hier unter ihresgleichen, sie beherrscht diese nonverbale Kommunikation, hört mit, sammelt die hilfreichen Terpene ein, die von den Pflanzen ausgesandt werden, leitet sie weiter an Orte in meinem Körper, die ich bewusst nie kennenlernen werde, erhöht mit ihnen die Killerzellen in meinem Blut, baut die letzten Reste vom morgendlichen Arbeitsstress ab, und bei mir kommt von dieser ganzen hochsubtilen unablässigen Arbeit meines Immunsystems nichts weiter an als das Gefühl, mich hier pudelwohl zu fühlen.

 


Kein Mensch weit und breit. Unter meinen Füßen raschelt das Laub. Die essbaren Pilze sind längst in Körben und Kochtöpfen verschwunden; was jetzt hier noch steht, ist mehr Skulptur und wundersame Gestalt, darf verrotten zu neuer Nahrung, darf Unterschlupf bieten für zahllose winzige Lebewesen. Von oben rieselt leise Blatt um Blatt. 

Und dann naht etwas Ungeheuerliches auf einem zugewachsenen Nebenweg, mit einem Krachen und Bersten von Ästen, und zugleich schlägt etwas rhythmisch auf den Waldboden ein. Ich rekapituliere rasch, was ich über Wildschweine weiß, und leider fällt mir die Notiz aus der Zeitung von vor ein paar Tagen ein, nach der ein Jäger "versehentlich" zwei Pferde erschossen hat. Mein uraltes System aus der Zeit der Säbelzahntiger springt zuverlässig an und fährt das Adrenalin hoch, um mich in die rettende Flucht zu treiben. Jäger? Mit großen Hunden? Rehe, auf der Flucht vor ihnen?

Sie brechen durchs Unterholz, vier Damen mittleren Alters, die ihre Nordic-Walking-Stöcke in den Boden rammen, absolut synchron, viermal rechts, viermal links, jeder Jazzchor wäre begeistert von so viel präzisem Rhythmusgefühl. Sie nicken mir stumm und, wie mir scheint, etwas verkniffen zu, queren den Hauptweg und werfen sich in weiteres Unterholz.

 

 

In Japan heißt das. was ich hier tue, shinrin yoku. Was bei uns mit "Waldbaden" übersetzt wird, aber eher "Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes" bedeutet und eine offiziell anerkannte therapeutische Maßnahme ist. Japanische Ärzte gehen mit ihren Patienten wie Pilger achtsam, langsam und schweigsam auf uralten Wegen durch den Wald, ermuntern sie (die Patienten), all ihre Sinne weit zu öffnen und ihr Immunsystem einzuladen, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln. Ich glaube, sie haben sogar Wälder, die eigens für shinrin yoku vorgesehen sind. Ach ja, Japan eben.

Aber man muss mit dem arbeiten, was man hat.

Ich lege mich und mein Immunsystem auf einem Baumstamm ab. Sie muss Stresshormone abbauen, das ist Arbeit. Ziemlich früh am Abend sinken wir beide waldgebadet ins Bett. Und die Pilze und bunten Blätter und das goldene Licht waren wirklich sehr schön.

 

Freitag, 15. Oktober 2021

Das atmende Wort


"Seit ein paar Jahren spüre ich einen Widerwillen gegen die allgegenwärtige Aufforderung zur Kommunikation. 'Wir müssen miteinander reden!' ist der als Imperativ vorgetragene Zauberspruch, der imstande sein soll, jede Art von Spaltung in unserer Gesellschaft und unserem Privatleben zu schließen. In den Medien, der Politik, unter Kollegen und im Freundeskreis wird ständig diskutiert und debattiert. Warum wirkt der Zauberspruch dann nicht? Weil die meisten unserer Gespräche nur ein Austausch von Meinungen sind. Wir 'haben' unsere Meinungen wie Möbelstücke, und so unverrückbar sind sie auch oft. Wir brauchen nicht noch mehr Gerede - wir müssen lernen, einander zuzuhören. Und das ist weit anspruchsvoller, als einfach mal für ein paar Minuten den Mund zu halten."

     

 

Dies ist ein Auszug meines Beitrags "Das atmende Wort" aus der Ursache\Wirkung Nr. 116. Er steht jetzt in ganzer Länge auf meiner Homepage, zu finden hier (klick).


Sonntag, 10. Oktober 2021

Hand in Hand

 

Vielleicht haben sie das vor fünfundsiebzig Jahren getan, damals im Kindergarten, eine euphemistische Bezeichnung für die zugige Baracke, in der zwei überforderte Erzieherinnen, die damals noch Kindergärtnerinnen hießen, versuchten, dreißig tobende Fünfjährige in Schach zu halten. Sie war die Neue, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, Vater drüben geblieben, ein Ausdruck, unter dem sie sich nichts anderes vorstellen konnte als die Welt hinter dem Trümmerhaufen, der die Grenze des ihr erlaubten Bewegungsraumes bildete. Sie stand in der Tür, verständnislos und verstört von dem Lärm, den sie weder gewohnt war noch gewollt hatte, herausgerissen aus der Stille des einen Zimmers, das die Alleinerziehende für sich und das Kind ergattert hatte, für dieses Kind, das die Mutter jetzt hier abgestellt hat, weil es nicht anders ging, auch ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer muss bezahlt werden, und wo soll das Geld herkommen, wenn man den ganzen Tag mit einem Kind auf dem geliehenen Sofa sitzt.

Vielleicht kam er aus einer kinderreichen Familie, und ein einzeln stehendes Kind war für ihn eine Aufforderung, sich zu kümmern, vielleicht auch eine Bedrohung, er war das Beobachtetwerden nicht gewohnt, da musste man sofort einschreiten, vielleicht brauchten sie in dem Augenblick aber auch ein viertes Kind für ein Spiel, das sie sich ausgedacht hatten, aber vielleicht war er doch gerührt von so viel Verlorenheit. Er streckte ihr die Hand entgegen und zog sie hinein.

Vielleicht haben sie sich aneinander festgehalten in den Jahren, die kamen. Und einander losgelassen, als sie merkten, dass sich Wege gabeln können, dass der Umweg des Einen nicht der Umweg des Anderen sein muss, dass man sich sehr lange in einem vorher ungewohnten Gefühl bewegen kann, für das man erst einen Begriff suchen muss und dann einen findet, der sich zu eignen scheint, Einsamkeit. Und dass man sich doch wundersamerweise wiederfinden kann, hinter einer Wegbiegung, im freien Gelände, dort, wo vielleicht jetzt er verstört herumstand und sich fragte, an welchem Punkt seiner Entscheidungen, die ihm so zwingend erschienen waren, er sie aus den Augen verloren hatte. Vielleicht streckte sie ihm die Hand entgegen, und er ergriff sie.

Vielleicht werden sie noch eine Weile so weitergehen, jetzt als eine Einheit, ein nicht mehr zu trennendes Ganzes, denn er hat die besseren Augen und sie hat die besseren Beine. Wie gut, dass sie das Loslassen schon geübt haben, viele Male, von denen sich jedes Mal angefühlt hat, als wäre es das letzte Mal. Und vielleicht wird die Hand, die übrig bleibt - ihre oder seine -, sich erinnern an die andere Hand, deren Abdruck immer da sein wird, in den Klüften und Spalten des Handtellers. 

Sie wird warm sein, diese eine übriggebliebene Hand.


Donnerstag, 7. Oktober 2021

Sarah Lesch "Das mit dem Mond"

 

 

Wieder einmal die fabelhafte Sarah Lesch, die hier lange nicht zu hören war. Nicht neu, aber aktuell. Melancholie und Hoffnung, Bitterkeit und Trotz, Dunkelheit und Licht gleichzeitig auszudrücken, ohne kitschig zu werden - das muss man erst mal können. 

Vielleicht war die Wahrheit erträglich
Vielleicht sind die Schulden egal
Vielleicht sind wir gar nicht so hilflos
Vielleicht haben wir eine Wahl
Vielleicht geht man tanzen
Vielleicht hat man Arbeit
Und versucht, die Angst zu vergessen
Vielleicht hat man heute Nacht jemand verloren
Vielleicht hat man selbst nichts zu Essen.