Montag, 12. April 2021

Geistersuppe


Landregen

Weiße Geister kochen Sauerampfersuppen an den Teichen.
Überm Feld bleibt lang ein Flüstern stehn,
die Minuten zögern zu vergehn,
und aus Ziegeldächern ist ein Wunsch zu lesen wie aus Zeichen.
 
Träge lehnt der Wald am Himmel, beide tauschen Dunkelheiten,
es versinkt im Grab ein Namensstein,
eine Botschaft schreibt im Kies sich ein,
in den langen Blick der Katze tritt ein Traum aus frühen Zeiten.
 
Leise splittern blinde alte Spiegel auf den Wassergraben,
aus dem Grund steigt die versunkne Stadt,
vom Kalender fällt ein Juniblatt,
wer jetzt Glocken läuter hört, der wird bald viel zu denken haben.
 
Margrit Irgang
 


Aus: Margrit Irgang "Die erste und einzige Geschichte vom Gedankenland", Oetinger Verlag.

Nur noch erhältlich antiquarisch oder bei der Autorin.

Dienstag, 6. April 2021

"Was uns heilig ist" auf Arte


 

"Was uns heilig ist" - eine schöne Serie in 5 Folgen auf Arte. Alle entweder in der Arte Mediathek oder auf youtube zu sehen.

In dieser Folge 2 geht es um die Suche nach Weisheit, in Kyoto, in Dharamsala, Varanasi, Griechenland und den USA. 

Schaut Euch auch die erste Folge an, über die Natur, die unseren Vorfahren heilig war.

Wie schön, dass es solche Filme heute ganz selbstverständlich im Fernsehen gibt, ohne dass ein Redakteur sich Sorgen macht um geringe Einschaltquoten oder um seinen "guten Ruf" oder den seines Senders. Der Suche nach Spiritualität in ihren diversen Formen wird hier der Respekt erwiesen, den sie verdient hat.

 

Samstag, 3. April 2021

Frohe Ostern

 

Wir glauben immer, nur das sei real, was unsere Augen sehen. Aber das, was unsere Augen nicht sehen, ist unendlich größer.

Auf diesem Bild sehen wir 90 Eier. Doch, doch. Eins (1!) ist kaputt. Neunundachtzig (89!) sind verkauft. Aus ihnen ist inzwischen so richtig was geworden. Wenn wir genau hinschauen, sehen wir auf diesem Bild auch die Endstadien der neunundachtzig Eier: Osterlämmer aus Biskuit, Osterhasen aus Mürbteig, Nusskuchen, Mandeltörtchen, Biskuitrollen, Käsekuchen, Himbeermuffins, Rüblitorte, Ostersonntagsbrunchpfannkuchen, Ostermontagsbrunchquiche, Rosinenbrötchen, Rührei, Spiegelei ...

Da seht ihr mal, wie unbedeutend das eine (1!) kaputte Ei in drei Eierkartons mit je dreißig Eiern am Ende eines Markttags ist. Vielleicht ist das ja eine Metapher. Für unser Leben und unser Lebensgefühl. Das sich sehr lange mit dem Zerbrochenen aufhalten kann und das riesengroße Unsichtbare übersieht. Den Kontext. Also: den überreich gedeckten Tisch.

Mit diesen 90 Eiern wünsche ich Euch ein frohes Osterfest voller allerfeinster Köstlichkeiten.

 

Donnerstag, 25. März 2021

Was nährt uns?

 Noch nährt sie nicht meinen Bauch - meine Balkon-Himbeere -, aber wie sie meine Sinne und meine Freude nährt!


Unsere Online-Meditation am vergangenen Sonntag hatte das Thema "Was nährt uns?" Wir haben uns darüber ausgetauscht, was uns hilft in dieser schwierigen Zeit. Jede und jeder hat mit uns geteilt, wo sie oder er jetzt Kraft findet. Und alle Kraftquellen hatten in irgendeiner Weise mit den Sinnen zu tun.

Im Puttamamsa Sutta erläutert der Buddha die Sinneseindrücke als "Nahrung". Wir wissen ja, dass Nahrung nicht notwendigerweise gut und gesund ist. Unsere Sinne können nicht zwischen giftiger und wertvoller Nahrung unterscheiden; sie nehmen unterschiedslos auf, was wir ihnen anbieten. Das erklärt der Buddha im Sutra mit einem Beispiel:

"Nehmen wir an, da ist eine Kuh, die den größten Teil ihrer Haut verloren hat. Wenn die Kuh sich an eine Lehmmauer lehnt, werden all die kleinen Wesen, die in der Mauer leben, kommen und das Fleisch der Kuh fressen. Dasselbe geschieht, wenn die Kuh sich an einen Baum lehnt. Ginge die Kuh ins Wasser, würden all die kleinen Wesen, die im Wasser leben, kommen und das Blut der Kuh aussaugen. Und wenn die Kuh der Luft ausgesetzt wäre, würden all die Wesen, die in der Luft leben, kommen und sich von der Kuh ernähren."

Wir alle sind in gewisser Weise Kühe ohne Haut. Wir sollten die Gewalt, mit der Sinneseindrücke sich auf uns stürzen, nicht unterschätzen. Wenn wir nicht aufpassen, fressen sie uns auf. Was also schauen und hören wir uns den ganzen Tag lang so an? Was von den gerade in Zeiten der Lockdowns so zahlreichen Online-Angeboten nehmen wir wahr, was ist für uns wirklich wichtig und hilfreich? Ich finde es hilfreich, darüber genau nachzudenken, damit ich mich, wo immer das möglich ist, bewusst entscheiden kann anhand meiner Erkenntnis: für einen Eindruck oder dagegen.

Auf dem Foto seht ihr, was mich gerade nährt: die Natur, die Waldgänge und mein Balkon, den ich in diesem Jahr umstellen werde auf einen wildbienenfreundlichen Wildblumenbalkon. Ich werde euch zweifellos in den nächsten Monaten mit Neuigkeiten von der Wildblumen- und Bienenfront nerven.

Und was nährt euch?


Samstag, 20. März 2021

Heute ist Weltglückstag

 

May your choices

reflect your hopes,

not your fears.

 

Nelson Mandela 

 

Heute ist "Weltglückstag". Er wird am 20. März jeden Jahres seit 2013 gefeiert. "Mit dem Internationalen Tag des Glücks will die UN Anerkennung gegenüber Staaten zum Ausdruck bringen, die Wohlstand auf eine Art und Weise messen, die über den materiellen Wohlstand hinausgeht", sagt Wikipedia. Und was ist mit uns, den einzelnen Menschen, mir dir und mir? Wie definieren wir Glück? Wie messen wir Wohlstand? ("Messen" wir ihn? Ist er eine Quantität - oder nicht doch eine Qualität? Unmessbar?)

Mein Beitrag zum Weltglückstag ist ein schlichter Satz von Nelson Mandela. Der ist nicht Rosafarben, kein "positives Denken"; er anerkennt die dunkle Seite des Lebens, er weiß, dass wir alle unsere Ängste haben, er sagt nicht, dass diese Ängste überflüssig sind, dumm, oder dass wir sie - sehr beliebt bei "positiven Denkern" - "loslassen" sollen. Der Satz sagt: Es gibt deine Ängste, und es gibt noch etwas anderes. Hoffnung, Zuversicht, das Licht auf dem Teich, das erste Veilchen im Wald. Er sagt: Du hast die Wahl, denn du hast immer mehrere Möglichkeiten.

Wer meinen Beitrag "Corona - Zeit der Möglichkeiten" im Netzwerk ethik heute noch nicht gelesen hat: hier (klick) ist er zu finden.

 

Sonntag, 14. März 2021

Der ultimative Familien-Lockdown-Song

 

Konzerthallen zu, Festivals abgesagt, Freunde treffen nicht erlaubt - da macht man doch sein eigenes Konzert, wenn man schon zu sechst ist. Und nichts Vorgefertigtes, nichts mit langweiligen Noten, von denen man mühsam abliest. Sondern selbst getextet zu Popsongs, die man sich mal eben ausleiht (das britische Urheberrecht ist, by the way, da nicht so pingelig wie das deutsche).

Ladies and Gentlemen, welcome the Marsh family: Ben, Danielle, Alfie, Thomas, Ella und Tess. Eine coole Familie, in der wäre ich gern groß geworden.

Habt einen fröhlichen Sonntag.


Mittwoch, 10. März 2021

Fragile Schönheit

 

Dies entdeckte ich zwischen den Bodenplatten meines Balkons, dort, wo der Regen nicht hinkommt. Ich schaute mir das Gewächs an und fragte mich, was das gewesen war. Im nächsten Moment bemerkte ich beschämt, was ich da gedacht hatte. Ich hatte fraglos angenommen, dass diese namenlose Pflanze als verdorrte nicht mehr existierte. Ihre Blüh-Zeit war abgelaufen, also gab es sie für mich nicht mehr. Aber sie ist hier, zwischen meinen Bodenplatten, zart und zerbrechlich, eine pergamentene Schönheit, von der ich den botanischen Namen nicht weiß und jetzt auch nicht mehr wissen will.

Wie für uns Ältere empfohlen, kaufe ich zu ruhigen Zeiten im Supermarkt ein, so zwischen zwei und drei. Dann kommen die alten Damen und Herren aus dem benachbarten, sehr feinen Seniorenheim, und schieben ihre Rollatoren durch die Gänge. Seit ich mein unbekanntes Gewächs hüte, indem ich es vor den gelegentlichen Frühlingsorkanen mit einem großen Blumentopf schütze, schaue ich den Damen und Herren in die Gesichter. Ich sehe Zartes und Zerbrechliches und manchmal eine durchsichtige Schönheit, die nur entsteht, wenn die Blüh-Zeit zuende ist.

Manchmal schaue ich in den Spiegel und frage mich, ob mein Gesicht in zehn Jahren eine solch fragile Schönheit haben wird wie meine unbekannte Pflanze. Vielleicht muss man voll und ganz geblüht haben, um solch ein Pergament zu erschaffen. Und ich weiß nicht, ob ich das für mich in Anspruch nehmen kann.

Wir werden sehen.


Montag, 1. März 2021

Nichts Besonderes

 

Nichts Besonderes. Nur ein Nachmittag voller Glück im Vorfrühling. Nur der sonnenüberflutete Waldrand, die neugierigen Meisen, der hämmernde Specht (oder war es ein Kleiber?). Nur das erste Scharbockskraut im Unterholz, die winzigen Blüten vom Ehrenpreis am Feldrain. Die Büschel von Schneeglöckchen.



Nur die Weite des umgepflügten Feldes, das saftige Grün der Weide, das spätnachmittagliche Licht auf einem Pferderücken. Nur der Hahn mit seinen Hennen, die Zuneigung zweier Kühe, Kopf an Kopf ruhend, und die Gelassenheit der Gänse. Und nur die Handy-Kamera dabei.

 


Wie gesagt: Nicht mehr als das. Und doch alles da für das Glück.


Dienstag, 23. Februar 2021

Frau Irgang kocht: Risotto mit Birne und Radicchio

Am Sonntag haben die Menschen das gute alte Picknick wieder entdeckt. Saßen auf allen verfügbaren Bänken, Thermoskannen und Brotdosen zwischen sich. Sogar Decken waren am Bach ausgelegt. Ich fühle durchaus mit den Café- und Restaurantbesitzern, die ihre spärlichen Abholkarten ins Internet stellen, aber unser Lieblingsrestaurant hat auf alle Preise zwei bis drei Euro aufgeschlagen. Und weil der armen Meditationslehrerin coronabedingt ein Seminar nach dem anderen abgesagt wird (fünf bis jetzt, die sechste Absage droht), tut sie, was sie immer getan hat: kochen!

Heute mal wieder ein Rezept in der für mich typischen Geschmacksmischung pikant-fruchtig.

Wie macht man's? Mengen ganz nach Wunsch. Hier zum Beispiel für eine Person:

Eine Schalotte fein würfeln, in Olivenöl sanft glasig braten. Risotto-Reis (Carnaroli oder Arborio) dazugeben, mit der Zwiebel verrühren. Dann mit Gemüsebrühe gerade so bedecken, die Brühe regelmäßig nachfüllen und unter ständigem Rühren sämig kochen. Zum Schluss einen Schuss Weisswein dazugeben.

Währenddessen eine Birne schälen und in ca. 1,5 cm breite Stücke schneiden. Eine große Handvoll Radicchio in schmale Streifen schneiden (fällt zusammen, also eher mehr). In einer Pfanne ca. 1 EL Olivenöl mit ca. 1 EL Butter schmelzen lassen, 1 TL Puderzucker hineingeben und karamellisieren lassen. (Den Reis nicht vergessen! RÜHREN!)

Birne und Radicchio mit ein wenig frischem Rosmarin in der Öl-Butter-Mischung schwenken, bis der Salat zusammenfällt. Mit Salz und Pfeffer würzen. Wenn der Risotto fertig ist, ein großzügiges Stück Blauschimmelkäse (ich nehme St. Augur, Rocquefort ist auch nicht schlecht) und die Birne-Radicchio-Mischung unterrühren.

Wer's mag, kann Parmesan darüber reiben.

Guten Appetit.


Sonntag, 14. Februar 2021

Neue Ausstellung im Winterweltmuseum

 

 

Wer mein Lieblingsmuseum in Corona-Zeiten noch nicht kennt: Vor drei Monaten habe ich darüber geschrieben hier (klick). 

Im Moment ist eine temporäre Ausstellung mit Abstrakten zu sehen. Sozusagen eine Pop-up-Ausstellung, also ein modernes Format. Man sollte sich beeilen mit dem Besuch. Ich liebe ja sehr die Abstraktion - sie gibt meinem Geist den Raum, den er braucht, um sich zu entfalten. Wenn dann auch noch die Farben so gedämpft sind wie in diesen Exponaten, bin ich restlos glücklich. Ich kann, wenn ich will, allerlei Konkretes ins Abstrakte hineindenken. Ich kann es aber auch lassen und mich einfach nur erfreuen an Licht, Schatten, Struktur.

 


Genau, Struktur. Das ist das Besondere an dieser neuen Ausstellung: Man weiß eigentlich nicht genau, ob man es mit Bildern oder Objekten zu tun hat. Es wirkt alles so plastisch, aber gleichzeitig auch flächig. Was mich aufs Neue davon überzeugt, dass man Kunst nicht in etikettierte Schubladen sperren darf. (Gespräch mit einer Buchhändlerin vor ein paar Jahren: "Ich weiß nicht, wo ich Ihre Bücher einordnen soll. Das ist weder Bellektristik noch Sachbuch.")

Ich empfehle die neue Ausstellung im Winterweltmuseum nachdrücklich. Aber, wie gesagt: schnell anschauen. Könnte morgen schon vorbei sein.


Freitag, 12. Februar 2021

Warm bleiben

 

Minus acht Grad. Schön. Kalt. Wir alle haben unsere Rezepte fürs Warmbleiben. Wollpullover, Daunenjacke, Suppe, heißer Tee. Täglich mindestens eine Stunde über die Hügel durch den Schnee stapfen. Früh ins Bett. (Ich empfehle neun Uhr, doch doch. Meditierende stehen ja auch um halb sechs oder so auf.)

Wie aber bleiben wir innerlich warm, wenn es zwischenmenschlich abkühlt? Zum Beispiel letzte Woche im Supermarkt, ich bin die Zweite in der Kassenschlange. Der Mann hinter mir schiebt meine Einkäufe auf dem Band zusammen, sodass ich ein paar Dinge vor dem Herunterfallen bewahren muss, packt seine dahinter und prallt bei jeder Bewegung (er hat seinen Einkaufswagen hinter sich, ich meinen vor mir) mit seinem Körper an meinen Körper. Ich bitte ihn, Abstand zu halten, und er explodiert in einen Schwall unflätiger Sätze, von denen "Das ist ja krankhaft, Sie tragen doch eine Maske, ich lasse mir von Ihnen nichts befehlen!" noch der harmloseste war. Irgendwo weiter hinten sagt eine Frauenstimme: "Genau, so ist es." Die Kassiererin zieht ungerührt die Waren der Kundin vor mir über den Scanner.

An solchen Tagen gehe ich nachsehen, was die Schneeglöckchen im Nachbargarten so machen. Sind sie gewachsen, läuten sie vielleicht sogar? An solchen Tagen brate ich Haferflocken in Fett an, gebe eine Extraportion meiner kostbaren biologischen Sonnenblumenkerne dazu und beobachte meine vier Hausspatzen beim Mittagessen. Ich backe ein Blech Shortbread-Cookies mit Schokolade. Ich fülle ätherisches Weisstannenöl in meinen Vernebler und stelle ihn an. Ich stricke an meinen Socken aus edlem Garn der Westhigland Yarn Spinners weiter und höre dabei die aktuelle Literaturlesung in der SWR-Sendung "Fortsetzung folgt".

Aber, wie gesagt, da hat jede und jeder eigene Rezepte. 


Montag, 8. Februar 2021

Herzarbeit

 

Dies habe ich für T. übersetzt.

Herzarbeit

von Anita Barrows 

Montag. Bronzenes Sonnenlicht

auf dem verschlissenen grauen Teppich
im Esszimmer, wo Viva sitzt
mit ihrer Blockflöte. Schmerzgereiftes Sonnenlicht,
hätte ich fast geschrieben, wie die riesige
strauchgereifte Tomate,
die meine Freundin gestern
aus ihrem Garten brachte, für unseren Salat:
Sinnbild für das,
was zum Ende kommt in seiner eigenen Zeit;
dann löst es sich leicht und braucht nichts mehr
vom Sommer.

Die Töne
eines mittelalterlichen Tanzes
strömen anmutig von Vivas Atemstrom. Etwas,
das angehalten worden war,

beginnt sich zu regen: ein Blatt,
von der Strömung an einen Felsen getrieben,
befreit sich, findet wieder seinen Weg
durch fließendes Wasser. Der Einfallswinkel
des Lichts

ist schmal, dennoch füllt es
diesen Raum, in dem wir sind. Was mich aufhält,
ist manchmal ein Überfluss. Auch
mein Kummer,
im Sommer umfassend geworden,
erscheint mir heute Morgen,

als würde er –

wenn ich ihn dort berührte,
wo der dicke dunkle Stängel
an die Wurzel gewachsen ist - 

sich selbst herausziehen, im Ganzen;

ich würde ihn nutzen können. 
 
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Margrit Irgang
 
Anita Barrows ist Psychotherapeutin und Dichterin in Berkeley, Ca. 

 

Sonntag, 31. Januar 2021

Zeit der Möglichkeiten

... zum Beispiel ist es zur Zeit möglich, trotz strenger Kontaktbeschränkungen interessanten Besuch zu bekommen.

 

Als wir in den ersten Lockdown geschickt wurden, sprach die Bundeskanzlerin von einer „neuen Normalität“, die uns in der Zukunft erwarten würde. Aber die Zukunft trödelt herum und will sich nicht einstellen. Jens Spahn hält sich deshalb lieber an die Vergangenheit und hofft auf eine „Rückkehr zur Normalität“ im Sommer dieses Jahres. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller glaubt dagegen „vorerst nicht“ an eine Rückkehr zur Normalität, während der Chef der Stiko, der Ständigen Impfkommission, mit einer Rückkehr zur Normalität Ende des Jahres 2021 rechnet, wenn die Herdenimmunität erreicht sein soll.

Corona hat zahllose Menschenleben gekostet, Gesundheitsschäden und Konkurse verursacht und tut es immer noch. Ist es wirklich möglich, in das zurückzukehren, was wir als Normalität empfinden - also das behaglich Vertraute, seit jeher Gewohnte? Oder eröffnet uns diese Zeit neue Möglichkeiten?

Darüber habe ich mir auf dem Portal "Netzwerk Ethik heute" Gedanken gemacht. Der Link zum Artikel ist hier (klick).


Dienstag, 26. Januar 2021

Diese Zeit des wabi sabi


Ich habe hier schon öfter über wabi sabi geschrieben, diese zutiefst japanische Ästhetik des Einfachen, Unperfekten und Unvollkommenen. Wabi sabi ist die verborgene Schönheit, die sich nicht aufdrängt und sich nur dem aufmerksamen Auge enthüllt. Die japanische Tee-Zeremonie, chado, ist ein Ausdruck dieser Kultur. Der Teeraum enthält nur das Allernötigste (das aber in höchster Qualität), die Teeschalen sind rau, uneben geformt und von zurückhaltender Farbe. Nichts glänzt und prunkt.

Wabi sabi wird zumeist als Stil verstanden, ausgedrückt in Design, Architektur und Gartengestaltung. Aber wabi sabi ist im Grunde eine Lebenshaltung. Menschen, die wabi sabi leben, schätzen gerade die Abwesenheit alles Überflüssigen und Lauten. Wo vorher Enge herrschte, entsteht Raum, zuerst im Äußeren, aber dadurch - denn das Äußere wirkt immer auf den Geist zurück - in ihnen selbst. Produkte, die im Sinn von wabi sabi hergestellt werden, sind übrigens nicht billig. Wer einmal eine japanische Teeschale, von einem Töpfer im Holzofen gebrannt, erstehen wollte, weiß, was ich meine. Eine solche Teeschale ist eine Anschaffung fürs Leben und wird weitervererbt durch Generationen.

Und nun ist etwas Außerordentliches geschehen. 



 
Alles Üppige, Laute und Bunte, das uns in Atem gehalten hatte, wurde geschlossen und zum Verstummen gebracht. Es ist still geworden in unserem Alltag, der aus einfachen Freuden besteht: dem Zubereiten einer köstlichen Mahlzeit, dem Besuch des einen Freundes, den wir noch empfangen dürfen, dem Gang durch den kahlen Winterwald. Die Farben um uns herum sind gedämpft, nichts leuchtet, nichts glänzt. Das Leben fühlt sich unvollkommen und unperfekt an; an manchen Tagen ist es rau, holpert und knirscht.

Das Leben hat uns kollektiv in eine Welt des wabi sabi geworfen, und wir haben jetzt die einzigartige Gelegenheit, Eigenschaften zu üben, die wir vielleicht lange nicht mehr eingesetzt haben. Wer die Schönheit von wabi sabi erkennen will, braucht Aufmerksamkeit auf die subtilen Nuancen. Dafür muss er oder sie innehalten, das Tempo aus dem Alltag nehmen, geduldig sein und lange und genau hinsehen und hinhören. Welche Schattierungen hat der Nebel? Sind die Adern des Blattes nicht ein Echo auf die Maserung des Holzes? Welche vorher verborgenen Seiten zeigt der eine Freund, auf den wir uns jetzt konzentrieren, weil kein anderer da ist? 
 



Wabi sabi schafft Raum, im Äußeren und im Geist. Wir müssen nur bereit sein, unsere Vorstellungen von dem, was ein "gutes", "richtiges" und "interessantes" Leben ist, loszulassen. Diese Vorstellungen waren seit jeher ein Ballast, den wir mit uns herumgeschleppt haben. Jetzt zieht die Leichtigkeit ein. Wir vergeuden keine Kraft mehr mit der Suche nach dem Aufregenden, Großartigen, Überwältigenden. Wir erwerben radikal neue Sichtweisen, und wie jeder Lerninhalt ist auch dieser eine Investition ins Leben. Vielleicht entsteht dabei etwas in uns, das wir weitergeben können - wie die kostbare Teeschale aus dem Ofen des Töpfers. 

Diese Zeit könnte eine der wertvollsten sein, die wir je erlebt haben.
 

Donnerstag, 21. Januar 2021

Ein Baum geht seinen Weg


Ich entdeckte ihn im Schlosspark meines kleinen Ortes im Frühjahr, als ihn das Laub seiner Kollegen noch nicht verdeckt  hatte. Ich war beeindruckt: Ein Baum mit Lebensgeschichte. Etwas oder jemand hatte sich ihm vor Jahrzehnten - oder waren es Jahrhunderte? - in den Weg gestellt. Man kennt das aus dysfunktionalen Familien: Einem Familienmitglied wird aus Neid und Eifersucht die Entfaltung verwehrt. Ein schwacher Charakter wird dann resignieren und verkümmern. Ein starker lässt sich nicht unterkriegen, dem fällt eine Lösung ein.

Ich stelle mir die vor Kraft strotzenden Riesen vor, die dem Bäumchen nicht das Licht für seine Photosynthese gönnten. Der Wald ist voll von solchen selbstherrlichen Diktatoren (habe ich von Deutschlands Lieblingsförster Peter Wohlleben gelernt). Null Chance also für den Nachwuchs, aber hey, der Kleine ist klug. Dort links von ihm hat der Blitz einen der Egozentriker gefällt, und Bäumchen nutzt seine Chance. Wächst beharrlich in Richtung Lücke, was zwar ein paar Jahrzehnte in Anspruch nimmt, aber als Baum hat er ein anderes Verständnis von Zeit. Leider ist es nach oben hin auch dort ziemlich voll. Geduld ist angesagt, die hat er zur Genüge, und dann kommt seine Chance: Ein Sturm lässt den Nachbarn ächzend zu Boden sinken, und der Weg nach oben ist frei.

 

 

Im Sommer besuchte ich meinen Baum erneut und erkannte ihn kaum wieder. Er stand im Kreis seiner Geschwister, Cousins und Cousinen, die ihn vollkommen mit Grün umlaubt hatten. Ein Gerüsche und Gewoge von Blättern umgab seine Einzigartigkeit und löschte sie aus. Auch das kennen wir aus Menschenfamilien: Wehe dem, der herausragt aus der allgemeinen Mittelmäßigkeit - der wird die Macht des Kollektivs kennenlernen.

Im Oktober war ich wieder da. Ich hatte es schon geahnt: Die kleinen Geschwister waren nichts als Blender gewesen. Die ganze grüne Prachtentfaltung hatte nur dazu gedient, ihre Mickrigkeit zu kaschieren. Aber er, mein Baum, schwang sich in seinem eleganten Bogen weit über sie hinaus. Vor Jahren schon hatte er Nachwuchs gezeugt (der Begriff passte nie besser als hier), ein stolz aus der Biegung seines Körpers aufragendes Bäumchen. Vielleicht wollte er zeigen, dass er auch das Gerade hinbekommt, nicht nur das Krumme. Aber ich sehe das anders: Mein Baum hat ein Einhorn zur Welt gebracht. 

Wenn ich müde bin vom erneuten Lockdown, den Kontaktbeschränkungen, dem Maskenzwang, besuche ich meinen Baum und das kleine Einhorn. Ich tue das vorschriftsmäßig im Einklang mit den Corona-Regeln, als die eine Person, die einen Haushalt besuchen darf. Bei den beiden atme ich auf. Sie leben in einer weiträumigen Zeit. Was sind schon Monate? Die beiden rechnen in Jahrzehnten.

Und meinen im Moment angeblich so gefährlichen Atem verwandeln sie in heilsame Terpene, die sie mir mit der für die Gattung Baum bekannten Güte zurücksenden. 

Geht zu den Bäumen, meine Lieben.


Samstag, 16. Januar 2021

Aufmerksamkeit schenken

 

In der Nacht zum Freitag fiel bei uns im Südwesten eine seit Jahren nicht mehr erlebte Menge Schnee. Gestern ging ich mit meiner Kamera über die Hügel und schaute mir die verwandelte Landschaft an. Viele Menschen waren unterwegs, Kinder rodelten, Hunde tobten. Dreimal begegnete ich dem Traktor vom Bauernhof, der an einer langen Leine (im vorgeschriebenen Abstand von einem Meter fünfzig!) drei Schlitten mit johlenden jungen Männern über die Hügel schleppte. Der letzte fiel, kurz bevor ich den Auslöser betätigte, in den Schnee und musste rennen.

 

 

Ich war - mitten im Lockdown - in eine Gemeinschaft glücklicher Menschen geraten. Und da begriff ich, warum es so schwer ist, zu erklären, was Achtsamsein bedeutet. Das hatte nur indirekt zu tun mit dem so plötzlich und unfreiwillig von der Leine gelassenen Schlittenfahrer (ich glaube, da waren vorher ein paar Flaschen Bier geleert worden). Ich begriff, dass wir ein Sprachproblem haben. Wenn ich sage, dass "ich" achtsam "bin", fehlt in dem Satz etwas - nämlich der gesamte Rest der Welt. Das ist ziemlich viel. Und weil Sprache unser Denken formt, überprüfe ich für mich jetzt eine andere Formulierung: Ich schenke Aufmerksamkeit. 

Wem? Was? Der Satz erfordert zwingend ein Reflexivpronomen. Und schon ist die Welt mit drin in der Aussage, wird einbezogen. Der Satz ist unvollständig ohne das "Gegenüber", ohne etwas, das nicht ich bin, das aber dadurch, dass ich ihm etwas schenke, hineingenommen wird in den gemeinsamen Raum, der jetzt entstanden ist.

 

 

Wäre das nicht eine Übung für den Lockdown, der, wie das Gerücht es will, verlängert und verschärft werden soll? Aufmerksamkeit schenken - vielleicht einfach nur dem Restchen Schnee am Zaun. Schon ist man nicht mehr allein, sondern mindestens zu zweit. Und wenn man es schafft, noch länger Aufmerksamkeit zu schenken, wird vielleicht auf einmal der Satz ganz klar: das Universum ist in einem Sandkorn zu finden.

Warum dann nicht in einem Bällchen Schnee?


Dienstag, 12. Januar 2021

Januarnacht

 
Auf fernen Höfen
bellen Hunde
in der Nacht
 
Was wüsste ich
von diesem schwarzen schweigend
sich über die Tannen wölbenden
Nichts dem Raum
in den die Sterne lautlos fallen
was wüsste ich
vom Schlaf der Dinge
zwischen zwei und drei
vom Berg von dem
kein Stein schlägt
 
würden sie nicht die Stille bewachen
die bellenden Hunde
auf den unbekannten
Höfen in der Nacht 

(aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)
 

Samstag, 9. Januar 2021

Arte: "Welt auf Abstand"

 

"Die Welt atmet aus, weil die Menschen zu Hause bleiben." Poesie, Schönheit und Melancholie eines besonderen Jahres.

In der Arte Mediathek noch bis 8. März: "Welt auf Abstand. Reise durch ein besonderes Jahr". Bilder aus einer Welt, die stillsteht. Unbedingte Empfehlung!

Auf youtube oder in der Arte Mediathek:

https://www.arte.tv/de/videos/098771-000-A/welt-auf-abstand/

 

Montag, 4. Januar 2021

Vierzig Jahre - rückwärts und vorwärts

 

In meiner Straße wurde die Litfaßsäule entkleidet. Wie das so ist, wenn man sich lange nicht ausgezogen hat: Es kommt ziemlich viel alte Unterwäsche zum Vorschein. Wie gut doch Udo Lindenberg einst aussah - das würde man heute gar nicht mehr glauben. Von oben linst der junge Peter Alexander (oder Stephan Sulke?) auf mich herab, und ist das dort unten nicht - wie hieß der doch gleich, ach ja, Howard Carpendale (oder Klaus Hoffmann?)? Und diese allgegenwärtigen Plakate, dramatisch rot umrandet, mit denen man eifrig nach Terroristen fahndete - übrigens, das muss man heute extra erwähnen, kam der Terrorismus damals von links. Jedenfalls erzählte man uns das so.

Ich stehe davor und schaue mir meine Vergangenheit an. 

Und stelle mir vor, wie in vierzig Jahren unsere Kindeskinder amüsiert die Jahre 2020 und 2021 anschauen werden, die natürlich nicht auf Herrn Litfaß geklebt sein werden, sondern im Internet konserviert sind für die nächsten tausend Jahre.

 

 

Sie scrollen sich durch die Bilder und denken: Ach ja, damals herrschte diese sogenannte Pandemie, von der alle überrascht und überrumpelt wurden. Da gab es diesen Gesundheitsminister, wie hieß der doch gleich, der später längst nicht die Karriere gemacht hat, die man ihm damals prophezeite. Ging zu viel schief in seinem Management. Die mit Auftrittsverbot belegten Künstler versuchten ohnmächtig aus dem heimischen Wohnzimmer heraus, singend, tanzend und musizierend unvergesslich zu bleiben, während der meistgehypte Typ der Zeit, ein Virologe, auf allen Kanälen zu sehen war, obwohl er das finanziell nicht nötig hatte, er war festangestellt. Die Menschen auf der ganzen Welt sahen auf einmal aus wie Japaner, weil sie Masken tragen mussten, wogegen es maßlos wütende Demonstrationen gab. Sozusagen über Nacht wurde ein Impfstoff auf den Markt geworfen und hektisch in Milliarden Oberarme gerammt, obwohl man nur eine vage Ahnung von möglichen Nebenwirkungen hatte und es nicht einmal klar war, wogegen man da impft: gegen die Ansteckung, gegen das Angestecktwerden oder einfach nur gegen einen dramatischen Verlauf.

Alles in allem peinlich unbedarft und naiv.

Uns, denken unsere Kindeskinder beim Anblick der vierzig Jahre alten Fotos, kann das alles nicht mehr passieren. Die Pandemie-Breitband-Impfung gegen sämtliche damals mutierten Erreger und alle weiteren, die im Lauf der folgenden zwei Jahrzehnte auftraten, wird bereits unseren Einjährigen verabreicht. Weltweit sind die Menschen durchgeimpft. Allerdings ist es reine Spekulation, unsere Anfälligkeit für andere schwere Krankheiten und unser allgemeines Unwohlgefühl auf diese Impfung zurückzuführen. Nein, da gibt es durchaus andere Gründe, die Umweltverschmutzung, das Sterben des Winters, die allgemeine Erhitzung und so weiter. Und überhaupt ist es vermutlich ein Gerücht, dass sich unsere Großeltern vor vierzig Jahren noch heimisch gefühlt haben in ihrem Körper. Ein Gerücht wie jenes, dass es damals noch Schnee gegeben haben soll im Harz und im Schwarzwald und so.

Denken sich unsere Kindeskinder beim Betrachten unserer alten schmutzigen Unterwäsche, die wir ihnen hinterlassen haben.