Montag, 29. Juni 2020

Es geht weiter: Mein nächstes Retreat


Die Zeit des Lockdowns war für die meisten von uns - egal, was im eigenen Leben an Schönem oder Dramatischem geschehen ist - eine Zeit der Achtsamkeitsübung. Soll dieses wache Gewahrsein auf das, was in uns und um uns herum geschieht, wirklich zu Ende sein? Oder haben wir aus dieser Zeit etwas gelernt, das ab jetzt unserem Alltag eine neue Qualität verleiht?

In meinem Retreat im Intersein-Zentrum befassen wir uns mit diesen aktuellen und wichtigen Fragen.

18. - 22. Juli 2020

Die Kostbarkeit des Augenblicks

Retreat mit Margrit Irgang im Intersein-Zentrum, Hohenau

Informationen und Anmeldung hier (klick) 

Achtung: Das Retreat findet wegen der Abstandsregelungen mit reduzierter Teilnehmerzahl statt.

Ich freue mich auf Euch.

Freitag, 26. Juni 2020

Konstantin Wecker: Gefror'nes Licht



Vor ein paar Jahren sprach ich für ein SWR-Feature zum Thema Willensfreiheit in München mit dem Quantenphysiker Hans-Peter Dürr. Zwei faszinierende Stunden verbrachte ich im Werner-Heisenberg-Institut mit einem Physiker, der mir die Quantenphysik mit poetischen Bildern nahebrachte - die einzige Form für mich, abstrakte Inhalte zu verstehen. Professor Dürr sagte: "Es gibt nichts Seiendes, nichts, was existiert. Es gibt nur Wandel, Veränderung, Prozesse." Eine halbe Stunde sprachen wir über den Satz, der mich in seinem Werk am meisten beschäftigte: "Materie ist nicht aus Materie aufgebaut. Sie ist eine Verknotung von Verbindungen."

Der von mir geschätzte Musiker Konstantin Wecker ist bis heute von seiner Begegnung mit Hans-Peter Dürr fasziniert. "Materie ist nichts als gefrorenes Licht", sagte der poetische Physiker damals, und der Musiker-Poet schrieb daraufhin eins seiner, wie ich finde, schönsten Lieder: "Gefror'nes Licht". 

"Da ahnst du, dass
was scheinbar fest gefügt
und uns sich als die Wirklichkeit erschließt,
nichts als ein Bild ist, das sich selbst genügt,
durch das verträumt ein großer Atem fließt.
Du magst es greifen, du begreifst es nicht,
was du auch siehst, ist nur gefror'nes Licht."

Konstantin Wecker

Was wieder einmal beweist: Wir brauchen die Sprache der alten Schriften und Meister nicht, die uns oft den Weg zum Verständnis der Wirklichkeit eher verstellen. Wir brauchen die Poeten. Sie erfassen mit ihrer feinen Wahrnehmung die Tiefe hinter dem Sichtbaren und haben die Gabe, sie in Bilder zu kleiden.

Mehr über mein Gespräch mit Professor Dürr in meinem Buch "Leuchtende Stille".


Freitag, 19. Juni 2020

Mein Teich. Abstrakt.


„Der kleinste Punkt erzeugt eine Spannung mit etwas anderem. Jede Markierung, jedes Motiv befindet sich in einer natürlichen Position. Ich sehe also nichts, was daran willkürlich oder künstlich wäre. Für mich wirkt es so, als sei es ganz natürlich zustande gekommen, und genau das versuche ich auch zu erreichen.“

Der amerikanische Künstler Cy Twombly (1928 - 2011)
 

Sonntag, 14. Juni 2020

Stephen Batchelor "Die Kunst, mit sich allein zu sein"


Stephen Batchelor ist Meditationslehrer, ehemaliger Mönch und ein wenig das "Enfant terrible" des Buddhismus. Seine Bücher tragen so schön aufmüpfige Titel wie "Bekenntnisse eines ungläubigen Buddhisten", und in gewissen sehr ernsthaften buddhistischen Kreisen gilt er eher als lockerer Vogel. Dieses Urteil nährt er - wie ich vermute, mit großem Vergnügen - mit seinem Buch "The Art of Solitude", das jetzt auf Deutsch vorliegt.

Seit einiger Zeit fertigt er Collagen an (das Titelbild zeigt eine davon), und in Form einer Collage ist das Buch auch geschrieben. Er erkundet in 32 kurzen Kapiteln das Thema Mit-sich-Alleinsein in Meditation, Kunst und Literatur. Viel befasst er sich mit Montaigne und - mein persönliches Highlight des Buches - mit den Bildern von Vermeer, denen er schöne Betrachtungen widmet.

Vor allem ist dies ein persönliches Buch, in dem er von seiner spirituellen Reise durch das Leben erzählt. Ausführlich befasst er sich mit seinen Erfahrungen mit Peyote und Ayahuasca. Drogenkonsum ist im Buddhismus untersagt, aber es ist nicht der Verstoß gegen irgendwelche Gebote, der mich hier irritiert. Batchelor mag stabil genug sein, von psychedelischen Drogen nicht hinweggetragen zu werden; ich kenne viele andere, die es nicht sind und nach dem Konsum solcher Substanzen den Boden unter den Füßen verloren haben. Gut finde ich allerdings die Offenheit, mit der er seine Trips beschreibt. Einmal sagt er, er habe sich dabei "seine Anhaftung an den Buddhismus aus dem Leib gekotzt". Mein Eindruck ist in der Tat, dass Stephen Batchelor in all seinen Büchern gegen eine - seine! - Auffassung von Buddhismus und den Institutionen, die ihn vertreten, gekämpft hat wie ein Sohn gegen den übermächtigen Vater. Vielleicht brauchte er tatsächlich die Drogen, um sich von dem Übervater zu befreien.

Aber das Thema dieses Buches ist ja das Mit-sich-Alleinsein, und da gelingen ihm schöne Überlegungen: "Diese Art, mit dir allein zu sein, ist Nirvana: ein klarer Raum der Freiheit, aus dem heraus du auf die Welt reagieren kannst, ohne von reaktiven Begierden, Ängsten, Hass und Meinungen überflutet zu werden."

Ich sehe mit Genugtuung, dass es immer mehr Lehrer/innen und Praktizierende gibt, die den strengen Rahmen der Institutionen und Religionen verlassen, weil ihre Erkenntnisse sie frei gemacht haben, ihrem eigenen Weg zu folgen. Batchelor und seine Bücher gehören dazu. Ohne Zweifel können uns große Geister wie Buddha und Jesus Orientierungshilfe geben. Aber die Institutionen, die sich durch die Jahrhunderte hindurch um die wertvollen Lehren gebildet haben, sind in den meisten Fällen verkrustet.

Bücher wie dieses ermuntern uns, die Lehren klug anzuwenden, eine Praxis zu stabilisieren und mit der so gewonnenen Achtsamkeit, Geistesklarheit und Gelassenheit unseren eigenen Weg zu gehen.

Stephen Batchelor "Die Kunst, mit sich allein zu sein", aus dem Englischen von Saskia Graf, edition steinrich, Berlin ISBN 978-3-942085-73-1

Wer den kleinen engagierten Verlag edition steinrich unterstützen möchte, kann das Buch direkt und ohne Versandgebühr im Online-Shop des Verlags bestellen: https://janando.de/editionsteinrich/liste/


Mittwoch, 3. Juni 2020

Thich Nhat Hanh: Ehrfurcht vor dem Leben


Black and White. They need each other.

Minneapolis. Ein Video. Ein Mann wird, unfassbare zehn Minuten lang, anscheinend vorsätzlich erstickt. Von einem Polizisten, der für die Bürger da sein sollte. Für alle Bürger. Aller Hautfarben.

In einem solchen Moment kann man sehr viele Worte machen. Man kann Antworten suchen auf falsche Fragen ("Welche gesellschaftlichen Bedingungen führen zum Rassismus?"). Man kann in den sozialen Netzwerken schwarze Kacheln posten. 

Man kann auch schweigen. 

Und die Erste Achtsamkeitsübung aus der Schule von Thich Nhat Hanh praktizieren. An jedem Tag, in jeder Minute. Dann beginnt sie zu wurzeln in Geist und Herz. Vielleicht blüht sie sogar.

Ehrfurcht vor dem Leben
Im Bewusstsein des Leidens, das durch die Zerstörung von Leben entsteht, bin ich entschlossen, Mitgefühl und Einsicht in das „Intersein“zu entwickeln und Wege zu erlernen, das Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen und unserer Erde zu schützen. Ich bin entschlossen, nicht zu töten, es nicht zuzulassen, dass andere töten, und keine Form des Tötens zu unterstützen, weder in der Welt noch in meinem Denken oder in meiner Lebensweise. Im Wissen, dass schädliche Handlungen aus Ärger, Angst, Gier und Intoleranz entstehen, die ihrerseits dualistischem und diskriminierendem Denken entspringen, werde ich mich in Unvoreingenommenheit und Nicht-Festhalten an Ansichten üben.