Freitag, 27. September 2019

Naomi Shihab Nye: Kindness. Güte.


Güte 

Naomi Shihab Nye


Bevor du weißt, was Güte wirklich ist,
musst du Dinge verlieren,
musst spüren, wie die Zukunft sich auflöst
in einem Moment,
wie Salz in einer schwachen Brühe.
Was du in deiner Hand gehalten,
gezählt und sorgsam bewahrt hast,
muss gehen, sodass du weißt,
wie verdorrt die Landschaft sein kann
zwischen den Regionen der Güte.
Wie du fährst und fährst und meinst,
der Bus wird nie anhalten,
die Passagiere essen Mais und Huhn
und werden für immer aus dem Fenster starren.

Bevor du den sanften Ernst der Güte erlernst,
musst du reisen, wo der Indianer im weißen Poncho
tot am Straßenrand liegt.
Du musst erkennen, dass dies du sein könntest,
dass auch er jemand war,
der durch die Nacht reiste mit Plänen
und nichts als seinem Atem, der ihn am Leben hielt.

Bevor du Güte erkennst als den tiefsten inneren Grund,
musst du den Kummer erkennen als den anderen tiefsten Grund.
Du musst aufwachen mit Kummer.
Du musst zu ihm sprechen, bis deine Stimme
den Faden allen Kummers erfasst
und du siehst, wie groß der Stoff ist.
Dann macht nur noch Güte Sinn,
nur noch Güte schnürt deine Schuhe
und schickt dich hinaus in den Tag, um Brot anzustaunen,
nur Güte, die ihren Kopf aus der Menge der Welt hebt 
und sagt, ich bin es, die du gesucht hast,
und dann mit dir überallhin geht,
wie ein Schatten oder ein Freund.


Übersetzung aus dem Amerikanischen: Margrit Irgang


Samstag, 21. September 2019

Seminar im Kloster St. Trudpert


An diesem schönen Ort findet demnächst wieder ein Seminar mit mir statt:

5. - 8. November 2019
Kloster St. Trudpert, Münstertal bei Freiburg

Die Kostbarkeit des Augenblicks

mit Margrit Irgang 


In der Bibel heißt es, alles habe seine Zeit: „Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen". Der unablässige Wechsel ist das Wesen des Lebens, in der Natur wie im Menschen. Schöne und schreckliche Erlebnisse, Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Menschen und Tiere verlassen uns oder sterben. Wenn wir uns mit der Vergänglichkeit auseinandersetzen, wird die Gegenwart auf einmal kostbar. Jede Begegnung, jedes Gespräch, dieser Morgen, dieser Tag: Alles ist wichtig und feiert das Leben. Wir wollen in den Tagen des Seminars jeden Augenblick bewusst leben und in seiner Fülle würdigen.

Das Seminar wird angeboten vom Herder Verlag.  Hier (klick) kann man das Programm von Herder-Reisen mit der ausführlichen Seminar-Beschreibung herunterladen. Auf Wunsch schicke ich auch gern das pdf für mein Seminar. Formlose Anmeldungen sind möglich per Mail bei Meike Röder roeder@herder.de

Sehen wir uns? Ich würde mich freuen.

Freitag, 13. September 2019

Nachmittage im Spätsommer


Sie erscheinen lautlos zwischen den Zweigen. Im Bug ein Picknickkorb, ein Hund. Der Schatten ist kühler jetzt, die Farben sind gedämpfter. Die Seitenarme des Rheins sind leer und still. Die lärmenden Sommermenschen sind gegangen, jetzt kommen die leisen Herbstmenschen. In wortlosem Gleichmaß tauchen die beiden die Ruder ins Wasser. Der Hund, der ein Herbsthund ist, kontempliert die Landschaft. Sie gleiten grußlos vorüber. Zurück bleibt ein Bild in den Farben alter flämischer Meister.
 

Schnell noch einmal die Schwalben begrüßen. Sie haben viel zu bereden. Müssen prüfen, ob alle Flügel noch funktionieren, so kurz vor der Abreise in den Süden. Aber jetzt bleiben wir noch ein wenig, sagen sie. "Ja, bitte", rufe ich, "bleibt noch ein wenig!"


Noch einmal den schönen Weg durch die Weinberge gehen. Die Reben hängen schwer an den Stöcken; in der Ferne verschwimmen die Vogesen im Spätsommerdunst. Rast auf dem höchsten Punkt, an dem Tisch, der im Sommer um diese Zeit unter der Sonne nach warmem altem Holz geduftet hat. Jetzt liegt Schatten auf ihm. Im Rucksack der Herbst: Weinbergpfirsiche, Trauben, Zwetschgen. 

Spätsommer: gestundete Zeit zwischen Noch und Schon.


Donnerstag, 5. September 2019

Introvertiert und hochsensibel in einer lauten Welt


Ich habe mich hier ja schon öfter als hochsensibel "geoutet", und wie die meisten Hochsensiblen bin ich auch introvertiert. Diese beiden Persönlichkeitsmerkmale fließen ineinander, ähneln einander sehr, und eigentlich muss man sie nicht unbedingt auseinanderhalten. Dennoch eine kurze Klärung der Begriffe. Carl Gustav Jung unterschied zwischen zwei gegensätzlichen Einstellungstypen: Der Extravertierte richtet seine Energie und Lebenskraft nach außen und wirft sich ins Leben; der Introvertierte richtet sie nach innen, auf Gedanken und Gefühle. Es gibt aber nicht "den" typischen Introvertierten oder Extravertierten, denn nach Jung besitzt jede und jeder von uns außerdem vier Funktionstypen: Denken, Fühlen, Empfinden und Intuition. Jeder Funktionstyp kann in unterschiedlichem Maß extravertiert oder introvertiert ausgebildet sein, und so ergeben sich viele individuelle Ausprägungen in jedem Menschen.

Hochsensible dagegen haben ein Nervensystem, das Reize schneller und intensiver überträgt. Sie sind enorm beeinträchtigt von Lärm und Gerüchen, können Menschenmengen schwer ertragen, brauchen viel Alleinsein, Ruhe und Stille, um ihr schnell überreiztes Nervensystem zu beruhigen. Hochsensible haben mehr Autoimmunkrankheiten, Allergien und Nervenleiden als der Durchschnitt, und wenn sie sich beruflich oder privat überfordern, geraten sie schneller als andere in einen Burnout. Und die Grausamkeiten der Welt gehen geht ihnen buchstäblich "unter die Haut".

In der Summe ergibt das also eine Persönlichkeit, die von, sage ich jetzt mal, "normalen" Menschen abwechselnd als Prinzessin auf der Erbse, Eigenbrötlerin, Menschenfeind oder Hypochonder angesehen wird. Und da ich aus vielen Briefen und Gesprächen weiß, wievielen meiner Leserinnen und Lesern (doch, auch Männern!) es genauso geht, schaue ich hier mal drei populäre Missverständnisse näher an. Vielleicht möchte ja der eine oder andere nicht-hochsensible Extravertierte uns daraufhin gern ein wenig näher kennenlernen? Es lohnt sich ...



Missverständnis Nr. 1: Du musst mehr aus dir rausgehen. Ich bin die, die man auf Geburtstagsfesten in der Küche findet. Dort schneide ich das Brot auf, rühre die Suppe um und hoffe, erst dann das Wohnzimmer betreten zu müssen, wenn alle kauen und der Lärmpegel sich gelegt hat. Dann stelle ich mich mit meinem Teller zu den zwei, drei Gästen, die ich kenne (mehr sind es garantiert nicht), und frage vermutlich, ob sie das neue Buch von Autor XY gelesen und diesen fabelhaften Arthouse-Film gesehen haben, der leider nicht mehr läuft. Introvertierte Hochsensible können keinen Smalltalk, er kostet sie mehr Energie, als sie haben. Mit meinem Gesprächsangebot über etwas, das nicht an der Oberfläche bleibt, bin ich schon enorm "aus mir rausgegangen". Wenn dann keine Resonanz kommt, gehe ich mit meinem Teller still wieder rein: In die Küche. Und in mich selbst.

Missverständnis Nr. 2: Du bist doch einsam. Einsamkeit macht neurotisch. Definition von Einsamkeit einer Introvertierten: Inmitten einer laut miteinander redenden Menschenmenge zu stehen und keinen zu kennen. Definition von Alleinsein: Es ist still, ich darf schweigen, meine Gedanken dürfen schweifen, die Sinne sich öffnen. Ich kenne Hochsensible und Introvertierte, die eine Woche lang schweigen können und dabei restlos glücklich sind. (Solche kommen gern in meine Schweige-Seminare.) Bei den wohldosierten Begegnungen mit der äußeren Welt nehmen sie gleich so viele Details auf, dass sie sich nach kurzer Zeit zurückziehen müssen, um das sinnlich Erlebte zu verarbeiten. Das alles geht dann in die Schatzkammer ihrer inneren Welt ein, die sie, wenn sie allein sind, mit so viel Anregung für ihr Denken, so vielen Gefühlen versorgt, dass für Einsamkeit im Alleinsein gar kein Platz ist.


 
Missverständnis Nr. 3: Dir sind die Menschen anscheinend egal.  Wenn Hochsensible und Introvertierte jemandem zuhören, sind sie ganz Ohr, ganz Auge. Dann entgeht ihnen nicht das kleine Zucken am Augenlid, das kurze Zögern vor einer Bemerkung (ist er sich nicht sicher über sein Urteil, lügt er gerade, will er etwas verbergen?). Sich mit uns zu unterhalten, hat Folgen: Wir hören auch das Ungesagte. Wir wissen mehr über unseren Gesprächspartner, als dieser sich träumen lässt (und enthüllen wollte). Ich bin eigentlich ständig damit befasst, über die Menschen nachzudenken, die mir nahe sind. Ich begleite sie in Gedanken, frage mich, ob ich sie richtig verstanden habe, ob mein Rat - falls ein solcher erfragt wurde - auch hilfreich war. Wenn ich in der Nacht aufwache, ist mein erster Gedanke der an jemanden, den ich kenne. Ich hoffe, dass es ihm oder ihr gutgeht. Dass er oder sie glücklich ist. Niemand ist so leidenschaftlich an Menschen interessiert wie ein Hochsensibler oder Introvertierter.

Da stehen wir mit riesigen Blumensträußen in unseren Herzen, bereit, sie zu verschenken. Aber das werden wir - ich weiß, wie vielen es genauso geht - niemals zu erkennen geben. Eine Zurückweisung würde uns verstören. Wir sind sehr harmoniebedürftig - und sehr höflich. Wir wollen nicht falsch verstanden werden. Niemand soll sich von uns durchschaut fühlen, bedrängt, gar entblößt. Wir wissen so viel über andere - aber das werden die anderen nur erfahren, wenn sie uns ausdrücklich dazu auffordern. Was sie nicht tun werden. Sie sind ja der Meinung, dass uns Menschen egal sind.

Ein paar Tipps zum Hören und Lesen:

Margrit Irgang "Reizüberflutet. Hochsensible und ihr Alltag", SWR 2015, hier der Link zur Sendung:  https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Hochsensible-und-ihr-Alltag-Reizueberflutet,aexavarticle-swr-46860.html

Elaine Aron "Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen", mvg Verlag

Andrea Brackmann "Jenseits der Norm - hochbegabt und hochsensibel?", Klett Cotta Verlag

Susan Cain "Still. Die Kraft der Introvertierten", Goldmann Verlag

Webseite des Informations- und Forschungsverbunds Hochsensibilität:  www.hochsensibel.org