Donnerstag, 13. Juni 2019

Thich Nhat Hanh: Unterstützende Bedingungen


 ... auch wenn's stürmisch wird im Leben: es ist eine unterstützende Bedingung ...


"Unterstützende Bedingungen sind von zweierlei Art: in dieselbe Richtung und in die entgegengesetzte Richtung. Wenn alles problemlos und glatt läuft, dann ist es in dieselbe Richtung. Doch manchmal sind die Bedingungen auch dergestalt, dass sie die Situation schwieriger gestalten. Manchmal begegnen Sie auf Ihrem Pfad auch Hindernissen. Vielleicht werden Sie krank, und ein Kollege macht Ihnen das Leben schwer. Doch dank der Schwierigkeiten können Sie transformiert und stärker werden. So sind auch diese letztlich unterstützende Bedingungen, auch wenn sie zunächst als Hindernisse erscheinen.

Es gibt Kiefern, die in den Bergen in sehr nährstoffarmer Erde wachsen. Die Samen haben nur sehr wenige Nährstoffe, um zu sprießen und zu wachsen. Doch aufgrund dieser Schwierigkeit hat die Kiefer die Chance, sich tief im Boden zu verwurzeln und sehr stark zu werden, sodass ein Sturm sie nicht so leicht entwurzeln kann. Hätte die Kiefer es nur mit für sie einfachen Bedingungen zu tun, dann hätte sie nicht so tief Wurzeln getrieben und sich im Boden verankert, und ein starker Wind könnte sie leichter umstürzen. Manchmal helfen uns Hindernisse und Schwierigkeiten dabei, erfolgreich zu sein.

Einen Kollegen, mit dem Sie Probleme haben, können Sie als unterstützende Bedingung ansehen, selbst wenn er Ihnen eher als Hindernis erscheint. Er lehrt Sie etwas über Ihre eigene Stärke. Praktizierende sollten stark genug sein, um beide Arten unterstützender Ursachen annehmen zu können: die, die in dieselbe Richtung, und die, die in die entgegengesetzte Richtung weist."

Thich Nhat Hanh

(Aus: Thich Nhat Hanh "Die Heilkraft buddhistischer Psychologie", aus dem Englischen von Ursula Richard, Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-22015-1)



Freitag, 7. Juni 2019

Alle Wesen sind erleuchtet


Alle Wesen sind erleuchtet.

Meine Auslegung von "Pfingsten".

Ich wünsche Euch leuchtende Feiertage.


Sonntag, 2. Juni 2019

Sehen



Ein junger Mann kam einmal zu einem Zen-Meister und sagte beeindruckt: „Ich bin einem großen heiligen Mann begegnet. Er kann in die Zukunft sehen und bringt seinen Schülern bei, dasselbe zu tun.“ „Das kann jeder“, sagte der Zen-Meister gelangweilt. „Mein Weg ist viel schwieriger. Ich bringe die Menschen dazu, die Gegenwart zu sehen.“


Mittwoch, 29. Mai 2019

Himmels-Fahrt mit Monteverdi



Weil der Mai hienieden auf Erden so kalt ist.

Weil es ein schönes Lied ist.

Weil mein Chor es gerade für das nächste Konzert probt.
 (Emmendingerinnen, schon mal notieren: Konzert-Matinee am Sonntag, 13. Oktober!)

Kommt gut in den Himmel morgen.


Donnerstag, 23. Mai 2019

Familienunternehmen


Einer muss den Job ja machen.

Früher, als Opa noch lebte, war's leichter. Der machte das gern. Für den Sessel extra ein Podest, damit er rausschauen konnte. War sehr genau, muss man ihm lassen. Brüllte auch eindrucksvoll.

Aber heute. Alle sind ständig unterwegs. Arbeiten. Schule. Shoppen. Friseur.

Und extra jemanden einstellen dafür? Können wir uns nicht leisten.

Einer muss den Job halt machen.

Freitag, 17. Mai 2019

"Fridays for Future" und "Wochenende der Freude"


Der Snowmonkey ist noch nicht ausgestorben ...

Ich bin von einer Leserin ein wenig gerügt worden wegen meiner Posts, die so viel "heile Welt" enthielten. Ob ich mich nicht mal mit der Klimaerwärmung befassen wolle, ob mir die Initiative "Fridays for Future" bekannt sei?

Dann befasse ich mich also mal. Und ergänze, dass es inzwischen auch Parents for Future, Teachers for Future, Artists for Future, Writers for Future und vermutlich weitere gibt. Über die ich informiert bin, weil ich täglich die Online-Ausgaben von Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und Guardian lese (bester Journalismus, große Empfehlung). Deshalb bewegen mich noch ganz andere Themen, und alle empfinde ich als persönliche Fragen an mich und meinen Lebensstil.

Als Näherin und Strickerin bin ich mir zum Beispiel der Qual der Angorakaninchen beim Scheren und der Schmerzen der Kaschmirziegen bewusst, wenn ihnen brutal die Haare ausgerissen werden, um die Welt mit billigen Kaschmirpullovern zu versorgen. Um 1 kg Baumwolle zu ernten, werden weltweit 11.000 l Wasser benötigt. Um Seide zu gewinnen, werden die Kokons mit den lebenden Raupen in kochendes Wasser geworfen. Für Viskose wird in Indonesien der Regenwald abgeholzt, und das neuerdings gepriesene Modal, aus Buchenholz gewonnen, könnte zu einem massiven Raubbau an unseren Buchenwäldern beitragen. Es gibt Antworten darauf, und je nach Situation wähle ich eine davon. Einen Biostoff kaufen, Altes umarbeiten, Secondhand kaufen, gar nichts mehr kaufen.

Ich ernähre mich biologisch, weil ich die Bienen, Wespen und Käfer und meine Gesundheit erhalten will. Aber ich muss mich fragen, ob ich die Umwelt mit einer Autofahrt schädigen soll, um im 9 km entfernten Bioladen Kartoffeln, Karotten und einen Salat zu kaufen, oder zum Supermarkt um die Ecke gehe, wo das Biogemüse nur in Plastik eingeschweißt verkauft wird. Ein Lebensstil, der kein Leiden erschaffen und Schaden verhindern will, ist voller Fragen, die täglich neu beantwortet werden wollen. Soll ich mein Buch bei meinem Buchhändler in der Stadt kaufen (mit der Bahn kostet das 4,30 EUR und einen ganzen Nachmittag, mit dem Auto verschmutze ich die Luft) oder es lieber online bestellen und den Arbeitstag des schlecht bezahlten Hermes-Boten mit meinem Paketchen verlängern? Was wiegt mehr: die Umweltbelastung durch den Langstreckenflug oder die Erweiterung meines geistigen Horizonts durch die Erfahrung einer anderen Kultur?




... und die sind auch nicht ausgestorben ...


Für eine bewusste Lebenshaltung gibt es keine einfachen Antworten. Es gibt kein Handbuch, in dem man nachschlagen könnte, keine Regeln und keine Gebote. Es gibt nur uns selbst mit unserer genauen Wahrnehmung dessen, was die Situation in diesem Moment erfordert, und unserem Mut, Verantwortung für unsere Entscheidungen zu übernehmen.

Ich weiß aber auch, dass bei uns Depressionen, Zukunftsangst und Resignation zunehmen. Und dass Menschen, die ihre Freude am Leben verloren haben, ihrer Umwelt genauso viel Schaden zufügen wie die Firma Monsanto. Deshalb möchte ich hier ein kleines Gegengewicht bieten zu all den Problemen, von denen die Medien ohnehin ständig reden. Auch das ist eine Haltung "zum Wohle aller Wesen", wie es der Buddhismus so schön ausdrückt. Und auch dies ist buddhistisch: Das Heilsame ist im Unheilsamen bereits enthalten.

Deshalb rufe ich auf zu einem Wochenende der Freude über all das, was noch nicht ausgestorben ist, noch da ist, lebt, atmet, duftet, summt und brummt. Die Meisen, Rotkehlchen, Amseln und Spatzen, die Katzen, Hunde, Pferde, Wespen, Glühwürmchen, Fliegen, Bienen (auf dem Balkon die "Bienenmischung" pflanzen!), die Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Pilze, die Mohnblumen, Akeleien, wilden Orchideen, Narzissen, Tulpen, Maiglöckchen, Rosen, Hortensien ...

Die Liste darf unendlich ergänzt werden.


Sonntag, 12. Mai 2019

Leuchtender Tag


"Wenn Tag und Nacht so sind, dass man sie freudig begrüßt, und das Leben nach Blumen und frischen Kräutern duftet, wenn es federt, strahlt, unsterblich ist - das ist der Erfolg. Die ganze Natur beglückwünscht dich, und du hast guten Grund, dich für diesen Augenblick glücklich zu preisen. Die größten Reichtümer und Werte werden am wenigsten geschätzt. Wir sind nur zu leicht bereit, an ihrer Existenz zu zweifeln, und vergessen sie schnell. Sie aber sind die höchste, die eigentliche Wirklichkeit. Die verblüffendsten Tatsachen werden in ihrer ganzen Realität kaum jemals von Mensch zu Mensch mitgeteilt. Die wahre Ernte meines täglichen Lebens ist etwas so Unberührbares, so Unbeschreibliches wie die Himmelsfarben am Morgen oder Abend; sie ist eine Handvoll eingefangenen Sternenstaubs, ein Stückchen Regenbogen."

Henry David Thoreau
"Walden" 

Mittwoch, 8. Mai 2019

Regentag

 

Auch als Wasserpflanze überlegt man sich an solchen Tagen, ob man nicht lieber den hauseigenen Schirm hochklappt und drinnen bleibt. Wasser von oben ist ja etwas anderes als Wasser von unten. Vor allem, was von oben kommt, muss man sich als Wasserpflanze hüten. Scheren, Fußbälle, Hagelkörner und pflückende Hände haben schon ganze Ahnenreihen vernichtet. Kürzlich geriet die Familie einer Kusine ins Blickfeld einer rudernden Geburtstagsgesellschaft, die schon ausgiebig gefeiert hatte. Die arglos auf dem Wasserspiegel Treibenden wurden als Geburtstagsstrauß unter Johlen aus dem Schlamm gerissen, in den Bug geworfen und verstarben auf dem Weg zum Ufer. Besser den Schirm heute fest geschlossen halten.

Dienstag, 30. April 2019

Die Tempelkatze. Zum 'Tag der Arbeit'.


Ein Mann hatte einst eine Maus im Haus. Die Maus zerlegte systematisch das halbe Haus, nagte Kissen und Pantoffeln an, fraß die Vorräte in der Speisekammer. Der Mann stellte eine Falle auf, legte Käse hinein, aber die Maus war klug und mied die Falle. Der Mann kaufte eine Lebendfalle. Die Maus machte einen großen Bogen um das Ding. Der Mann streute Gift. Die Maus ließ es unberührt. 

Ein Freund lieh dem Mann seine Katze aus. Die Katze erblickte die Maus, die gerade blitzschnell in einem Loch verschwand, und raste los. Sie wirbelte durch das Haus, kratzte an den Möbeln herum, bis sich Splitter lösten, schlug ihre Krallen in die Kissen, dass die Federn flogen, und warf in der Speisekammer die Vorratsgläser vom Bord. Der Mann sagte verärgert zu seinem Freund: "Diese Katze macht mir mehr Ärger als die Maus", und gab die Katze zurück.

Da empfahl ihm ein anderer Freund, die Katze aus dem nahe gelegenen Zen-Tempel zu holen. Der Mann glaubte nicht an die Tempelkatze, aber einen letzten Versuch wollte er noch wagen. Ein Mönch brachte die Katze. Es war ein riesiges Tier, ziemlich dick, das sich gleich auf einem Kissen niederließ. Dort blieb die Katze mehr oder weniger in den nächsten Tagen liegen. Döste vor sich hin, aß ein wenig, döste weiter. Der Mann beschloss, die nutzlose Katze so schnell wie möglich loszuwerden. 

Die Maus hatte währenddessen bemerkt, dass von dieser Katze keine Gefahr ausging. Sie begann frech und vergnügt, wieder herumzustöbern und tanzte der Katze vor der Nase herum. Die blinzelte gelangweilt und döste weiter vor ihrem Napf mit Huhn in Gelee. Die Maus schlich sich heran. Huhn mit Gelee, das war doch besser als Pantoffeln und Federkissen. Verwegen tauchte die Maus ihre Schnauze in den Napf. Da sauste blitzschnell die Pranke der Katze herab. Ein Hieb genügte. 

Die Katze gähnte und schlief wieder ein.

(Ich wünsche Euch allen einen entspannten 'Tag der Arbeit'. Und einen stets klaren Blick, der erkennt, wann es an der Zeit ist, eine Maus zu töten. Eine reale oder eine symbolische.)

Sonntag, 21. April 2019

Japan #3: die Aufmerksamkeit


Ich stehe in einer öffentlichen Toilette in Tokio, habe mir die Hände gewaschen und finde weder ein Handtuch noch einen Lufttrockner. Noch weiß ich, die Touristin, nicht, dass die kleinen Handtücher, die überall verkauft werden, genau dieser Situation dienen. Neben mir eine Japanerin, die meine hilflosen Blicke bemerkt, in ihre Tasche greift und mir lächelnd und mit einer Verbeugung ihr blütenreines gefaltetes kleines Handtuch reicht.

Eine Frau aus meiner Gruppe vergaß ihren Schirm im Taxi. Als wir Stunden später zum Mittagessen in unserem Restaurant eintrafen, wurde ihr der Schirm überreicht. Eine Bekannte von mir verlor vor ein paar Jahren auf ihrer Rundreise die Handtasche. Als sie auf der Polzeistation gerade dabei war, den Schaden zu melden, kam ein Japaner zur Tür herein mit ihrer Handtasche. Nicht ein Yen fehlte.

Ich bin in Japan einer einzigartigen Kultur der Aufmerksamkeit und Fürsorge begegnet, die ich in keinem anderen Land der Welt erlebt habe.


Traditionelles Dinner in der Tempelherberge Fukishi-in

Im Shinkansen verbeugt sich die Schaffnerin, bevor sie ein Abteil betritt. Wenn sie es verlässt, dreht sie sich um und verbeugt sich erneut. Die Taxifahrer tragen weiße Handschuhe und haben ihre Sitze mit weißen Spitzenbezügen bespannt. Die Speisen werden so ästhetisch angerichtet, dass man sie kaum anrühren mag. Für den Hotelgast liegt der Yukata mit den Pantoffeln bereit, der Wasserkocher mit Teebeuteln und Kaffee. Die Toilettensitze sind beheizt (ich gebe zu: die japanischen Toiletten vermisse ich). Es ist die Genauigkeit und Schönheit im Allerkleinsten, die mich immer wieder begeistert. Und geradezu glücklich machen mich die Menschen, die leise, höflich und liebenswürdig sind. Man nimmt wahr, was gebraucht wird, und bezieht den anderen in seine Wahrnehmung mit ein. 

Bevor ich fuhr, las ich ein Buch über das zeitgenössische Japan. Der Verfasser machte sich gleich auf den ersten Seiten über westliche Menschen lustig, die nach Japan fahren, um das Zen zu suchen, denn das Zen spiele keinerlei Rolle im japanischen Alltag. Ich sehe das anders. Das formale Zen mit seiner stundenlangen Meditation im Zendo mag für die meisten Japaner unwichtig sein. Sie brauchen es auch nicht, denn der Zen-Geist ist überall im Land lebendig. 

Die klare Wahrnehmung, das Handeln aus der Erfordernissen des Augenblicks heraus. Die Wertschätzung alles Lebendigen und Schönen. Die Präzision und Genauigkeit. All dies belegen wir in westlichen Ländern mit dem Begriff "Zen" und bemühen uns darum, machen eine "Praxis" daraus und stellen fest, wie schwer es doch ist, unsere sozialen und emotionalen Prägungen zu transformieren.


Ich weiß um die Probleme des Landes. Die stets präsente Erdbebengefahr, die dazu führt, dass jedes Haus alle 30 Jahre abgerissen wird, um nach den neuesten Erdbeben-Standards wieder aufgebaut zu werden. Die Überalterung, der gnadenlose Konkurrenzdruck. Der Zwang, weit ins Pensionsalter hinein zu arbeiten, um die karge Pension aufzubessern (unsere Taxifahrer waren fast ausnahmslos alte weißhaarige Herren). Ich weiß, dass ich mir meine Pakete in einem präzisen Zeitfenster bis 22 Uhr liefern lassen kann, und dass der Paketbote dafür nur den Mindestlohn von 800 Yen erhält, was etwa 6 EUR entspricht. Ich habe gesehen, wie die makellos sauberen Hotelzimmer geputzt werden: Von fünf Mitarbeitern gleichzeitig, die in Windeseile auf dem Boden herumrutschen, jede Ecke polieren und vermutlich sehr dankbar sind, diesen Job überhaupt zu haben. Und ich weiß, was es mit den Gesichtsmasken auf sich hat: Ein japanischer Arbeitnehmer kann es sich nicht leisten, banale Krankheiten wie eine Erkältung zu bekommen, denn jeder Fehltag wegen leichter Krankheit wird ihm vom ohnehin nur 10 Tage dauernden Urlaub abgezogen.

Ich weiß das alles und liebe dieses Land dennoch.

Mein Herz ist nach Hause gekommen.

Ich hoffe, es hat Euch Freude gemacht, mir mir ein wenig durch Japan zu reisen.

Donnerstag, 18. April 2019

Japan #2: die Religion


 Bettelmönch in Ginza, Tokyo

Der Shintoismus - im Westen wird er als "Naturreligion" bezeichnet - ist allgegenwärtig in Japan. Ein roter Schrein an besonders schöner landschaftlicher Stelle ist fast immer ein Shinto-Schrein. An den Shinto-Schreinen geht es lebhaft zu. Viele Jugendliche tummeln sich dort, ziehen sich gegen eine Spende ein Orakel und lesen einander aufgeregt kichernd die Antwort vor. Verheißt das Orakel Positives, wird es mitgenommen. Ist man nicht einverstanden mit der Verheißung, hängt man den Zettel an den dafür vorgesehenen Ständer und übergibt das Orakel den Göttern. Diese sind zahlreich, freundlich und ausgesprochen lebensbejahend. Keine Lehre, die den Gläubigen zu etwas verpflichtet, keine strengen Rituale - kein Wunder, dass fast jeder Japaner ein unbeschwertes Verhältnis zum Shintoismus hat.



Es heißt, dass für Geburt und Heirat der Shintoismus zuständig ist, für den Tod der Buddhismus. Und da ich die strenge Zen-Ästhetik mit ihren Schwarz- und Naturtönen lieber mag als Rot und Gold, freute ich mich auf den heiligen Berg Koya-san, der über 100 buddhistische Tempel beherbergt und Okunoin, den größten Friedhof Japans.



Was für ein mystischer Ort. Unter uralten Zedern verwittern Grabsteine, mit Moos bepolstert. In absoluter Stille wandelt die Pilgerin (also ich) zum Heiligtum, dem Mausoleum von Daio Kokushi. Der Begründer des Shingon-Buddhismus soll dort seit 1184 Jahren in ewiger Meditation verweilen. In der atemberaubend schönen Laternenhalle brennen 10.000 Laternen Tag und Nacht und auf Ewigkeit. (Fotografieren leider, aber verständlicherweise verboten.) Und immer wieder leuchten im Waldesdunkel die roten Mützchen und Lätzchen der Jizo-Figuren auf. Jizo (im Zen bekannt als der Bodhisattva Kshitigarbha) gilt als Schutzgott der gestorbenen Kinder (ganz nebenbei auch: der Reisenden). Nach der japanischen Mythologie leben die Seelen gestorbener Kinder in einer Zwischenwelt. Jizo soll sie über den mythologischen Fluss geleiten, und damit Jizo ihr Kind auch findet, binden japanische Eltern den Figuren persönliche Lätzchen der Kinder um.



Was aber ist Shingon-Buddhismus? Da musste ich Wikipedia bemühen. Daio Kokushi, erfuhr ich, lehrte die Möglichkeit der Erleuchtung für jeden in diesem Leben, im Gegensatz zur damals herrschenden Auffassung, nach der man Äonen praktizieren musste. Das klingt zwar sehr nach Zen, ist es aber nicht. Die Erleuchtung im Shingon nämlich kann nur erlangt werden nach einer vorherigen Einweihung in geheime Lehren, die in einem Ritual vollzogen wird. Shingon ist, im Gegensatz zum Zen, eine Religion.



In unserer Tempelherberge bekamen wir ein köstliches veganes Abendessen serviert, und morgens um sechs nahm ich am Ritualgebet der Mönche teil. Die Gästezimmer ganz traditionell mit dem Futon auf Tatami-Matten, dem Yukata (Hausmantel) für den Onsen (das Badebecken mit sehr heißem Wasser) - und einem Fernseher. Nun ja,  auf dem Berg ist abends nichts los, das WLAN höchst unzuverlässig, man will sich seine kostbaren zahlenden Gäste nicht vergraulen ...

Wo aber versteckt sich eigentlich das Zen?


Ich habe acht Jahre im japanischen Zen praktiziert. Eine sehr wichtige Zeit für mich, für die ich immer dankbar sein werde. Ich habe aber auch erlebt, dass dem Titel Roshi, der einst eine hohe Stufe der Verwirklichung bezeichnete, die in langer mühsamer Praxis erworben und bestätigt werden musste, nicht immer zu trauen ist. In japanischen Tempeln wird der Titel Roshi zumeist vererbt vom Vater auf den Sohn, und die "Einführung in Zen" für Touristengruppen ist eine einträgliche Geldquelle (eine Stunde mit anschließender Tasse Tee für 5000 Yen pro Person, hörte ich - Irrtum vorbehalten, aber unwahrscheinlich). Ganz sicher gibt es noch Tempel, in denen ernsthaft Zen praktiziert wird. Ich habe sie nicht gesucht. Auch aus erwähnten Gründen habe ich mich einst entschlossen, mich Thich Nhat Hanh anzuschließen, diesem tief aufrichtigen Mönch und Meister.

Aber all dies ist im Grunde völlig unwichtig. Denn im Zen geht es um etwas anderes, und dieses Andere ist in Japan lebendig. Ein wenig mehr dazu im dritten und letzten Teil meiner Japan-Serie.


Dienstag, 16. April 2019

Japan #1: die Natur


In dem Film "Hanami" von Doris Dörrie sehnt sich Rudis Frau Trudi lebenslang danach, einmal den Fuji zu sehen. Als sie überraschend gestorben ist, fährt Rudi nach Japan, um stellvertretend für Trudi den Fuji anzuschauen. Aber Fuji-san, der Eigenwillige, verbirgt sich viele Tage im Nebel.

Ich habe mich fünfzig Jahre danach gesehnt, das Japan des Zen zu sehen. Als ich ankam, zeigte sich Fuji-san in ganzer Schönheit.


Ein sanfter Frühlingsregen in den Gärten des Heian-Schreins in Kyoto. Kleine Wege eröffnen immer neue Ausblicke, Teiche spiegeln den Himmel, Kirschblütenzweige neigen sich zum Boden, beladen mit winzigen rosafarbenen Blüten. Jede Blüte ein kunstvoll gefaltetes Origami. Leise Klänge zwischen den Bäumen: der "Frühling" aus den "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi. Die Kirschblüten sind überall das Ziel einer Pilgerreise. Ich sah Japaner in Kyoto auf Decken unter Bäumen sitzen und mit glücklichem Lächeln Reiskuchen verspeisen, während der Regen über ihre großen durchsichtigen Plastikschirme perlte. Jetzt habe ich auch den Sinn dieser allgegenwärtigen Schirme verstanden: Sie erlauben den Blick auf die Natur.


Garten im Tempel Taizo-in

Ach, die Zengärten. Ich hätte stundenlang sitzen und sie betrachten können. Der Geist beginnt zu fließen mit dem in Wellenbewegung gerechten Kies, er gleitet an Steinen vorbei, die groß erscheinen wie Felsen, umrundet sanft geschwungene Inseln aus Moos. Der Blick kann sich nirgendwo festhalten, kann sich nicht niederlassen zu irgendeiner Endgültigkeit, denn der Garten ist ein Abbild der Lehre Buddhas: Alles fließt, alles verändert sich unablässig. Glaube nicht an etwas Festes, Immerwährendes. Halte dich selbst nicht fest - auch du veränderst dich in jedem Augenblick. Irgendwo im Tempel erklingt eine tiefe Glocke, eine von den riesigen, die mit einem baumstammartigen Schlegel angestoßen werden, wozu man, wie ich aus Plum Village weiß, zwei Mönche braucht. Kräftige Mönche.


Daibutsu, Kamakura

Natürlich stellt man jedem Buddha jeden Tag frische Blumen vor die Füße, aber die Buddhas sitzen ja ohnehin immer in schönster Landschaft, umkränzt von Kirschblüten, im Herbst von flammenden Blättern. Der Japaner liebt die Natur und behandelt sie mit Zartheit. Und wenn er - was vermutlich für 99 % aller Japaner zutrifft - nicht in einem Tempel lebt, sondern so beengt, wie ein Japaner nun mal wohnen muss, dann hängt er sich eben ein paar Töpfchen vor die Tür.


Ich werde Euch mit zwei weiteren Beiträgen über Japan langweilen. Der nächste befasst sich mit Zen und Religion. Stay tuned!

Sonntag, 14. April 2019

Herzens-Heimat



Ryoan-ji im Frühlingsregen.

Mein Herz ist nach Hause gekommen.

(Bald mehr ...)

 

Freitag, 29. März 2019

Frieden. Seminar im Kloster Heiligkreuztal


Vorgestern im Supermarkt in der Gemüse-Abteilung. Zwei Frauen in meinem Alter unterhalten sich. Tonlage: Kirchenmoll. Gesangsstil: Schleppend. (Fehlt ein Dirigent.)

Frau 1:  Jaa, wie geht's Ihnen denn so?
Frau 2:  Na jaa, wie soll's schon gehn?
Frau 1:  Ach, ich sag ja immer: Man muss zufrieden sein.
Frau 2:  Jaa, was soll man machen. Man muss halt zufrieden sein.

In meinen Zwanzigern war mein Lieblingssänger Konstantin Wecker. Mein Lieblingslied - mein Lebenslied, mein Lebensgesang! - sein "Genug ist nicht genug". So viel war noch zu entdecken, zu sehen, zu hören, zu besingen! Es hatte doch alles erst angefangen! Ich wollte alles - frei sein, lebendig sein, glücklich sein, notfalls auch herzzerreißend unglücklich. Aber auf keinen Fall zufrieden!

Ich brauchte zwanzig weitere Jahre, um zu begreifen, dass ich die ganze Zeit Zufriedenheit mit Resignation verwechselt hatte.

Thich Nhat Hanh sagt: "Nur wenn du selbst friedvoll bist, kannst du Frieden erschaffen." Was also heißt das: Voller Frieden sein? Wozu zwingend gehört: "Zu FRIEDEN sein". Dieser Zustand, der in die Welt hineinfließt und sie "be FRIEDE t"?

Wollen wir uns gemeinsam diesem Thema widmen? Hier:

3. – 5. Mai 2019, Kloster Heiligkreuztal
Innerer Frieden – äußerer Frieden

Mehr Informationen und Online-Anmeldung: 

Dieser Blog macht eine kleine Frühlingspause. Muss mal Atem holen. Wir sehen uns wieder.


Dienstag, 26. März 2019

Frühlings-Feuerwerk


Die Trauerweide schiebt das Trauern auf

Jetzt ist Zeit für
sprühende Lichter
goldene Regen
Flirren Flüstern Fächeln

Am Abend probt der Amselchor Koloraturen


Donnerstag, 21. März 2019

Plum Village, damals

Photo: Plum Village


Als ich das erste Mal nach Plum Village kam, war ich beeindruckt von den freundlichen und fröhlichen vietnamesischen Nonnen und Mönchen. Das Zentrum war Anfang der 1990er Jahre alles andere als perfekt. Die Klöster Upper und Lower Hamlet bestanden mehr oder weniger aus ein paar in karger Landschaft stehenden verlassenen französischen Bauernhäuschen aus locker zusammengefügten Steinen, im Winter notdürftig beheizt von alten Holzöfchen. Weil die Abzüge nie funktionierten, war der Raum schnell voller Rauch. Ich erinnere mich an ein paar provisorisch aufgestellte Toilettenwagen, die wenige Duschen mit kaltem Wasser boten, und Plumpsklos, vor denen  sich lange Schlangen bildeten. An Nächte auf dünnen Schaumstoffmatratzen neben dem Eimer, in den das Regenwasser durch das lecke Dach tropfte. Aber die Vietnamesen strahlten, als hätten sie das große Los gezogen, und aus ihrer Sicht hatten sie das auch. Als ein paar Europäer  und Amerikaner sich über die hygienischen Bedingungen beschwerten, empörte sich Sr. Chan Khong, die engste Mitarbeiterin von Thay, mit den Worten: „Wir sind dankbar dafür, hier in Frieden leben zu können, und sogar die Toiletten sind besser als in Vietnam auf dem Land.“

Vielleicht sollten wir mal dankbar sein für all das Gute, das uns selbstverständlich ist, in unserem Land, in der Welt und im persönlichen Leben.


Dies ist der etwas gekürzte Text meines Frühjahrsbriefes 2019. Wer meine Jahreszeitenbriefe noch nicht hat und bekommen  möchte, schreibe eine Mail an info (at) margrit-irgang.de. Er/sie erhält dann vier Mal im Jahr von mir Post. 


Donnerstag, 14. März 2019

Herr Litfass. Entblößt.



Das ist Herr Litfass, Nachbar in meiner Straße. 

Herr Litfass plaudert gern. Erzählte mir immer von den Vorträgen in der Uniklinik ("Kokosöl und andere Ernährungsirrtümer"; später war's auf youtube, wo es einen Shitstorm hervorrief. "Wir lassen uns unser Kokosöl nicht nehmen!").

Erzählte auch von den Konzerten des Freiburger Barockorchesters (Karten ein Jahr im voraus ausverkauft und teuer).

Und ausgiebig vom Weihnachtsmarkt (ist eh vorbei).

Auf einmal ist Herr Litfass verstummt. Bis auf die Unterwäsche entblößt.

Herr Litfass hat endlich den Mut, er selbst zu sein. Bekleidet erschien er schon mal in den sozialen Netzwerken; so ganz und gar ungeschminkt will ihn da keiner haben. Das verstehe ich überhaupt nicht. Denn was ist, zu meiner Überraschung, Herr Litfass, wenn er den Mut hat, er selbst zu sein?

Ein Kunstwerk von Lucio Fontana.

Herr Litfass mitsamt seiner Frau (ja, die kannte ich nicht) erregt die Gemüter. Diskussion über die Großfamilie in den Kommentaren.

Samstag, 9. März 2019

Zeit ist eine Illusion


Zeit ist das, was das Licht von uns fernhält.
Es gibt kein größeres Hindernis auf dem Weg zu Gott als die Zeit.

Meister Eckhart

Sie steht seit August auf meinem Balkon. Meine letzte Erdbeere, die jetzt die erste ist. Unverändert schön, zarte Blüte, saftige Frucht (die im Hintergrund). Da drängen sich Fragen auf: Wie hat sie das Überleben geschafft? Warum ist die Blüte nicht verwelkt, die Frucht nicht vertrocknet? Wird sie im Mai (wieder) blühen, (noch einmal) Frucht tragen? Wird aus der Blüte gar noch eine Frucht werden, mit einem Jahr Verspätung?

All diese Fragen handeln von Vergangenheit und Zukunft. Legen wir sie einfach mal als unwesentlich ab und sehen uns an, was da ist: Erdbeerblüte, Erdbeerfrucht. Weiß und Rot. Ein wenig Grün.

Was ist "Zeit"?

Wir behaupten, wir könnten sie "haben", "verlieren" und "gewinnen". Sie kann uns angeblich "davonlaufen", deshalb rennen wir ihr "hinterher", und vor allem "fehlt" sie uns an allen Ecken und Enden. Manchmal scheint sie auch "stehenzubleiben", das sind die außergewöhnlichen Momente. Extrem schön - oder ziemlich grauenhaft. Meist ereilt uns das Stehenbleiben als Schock. In einer Liebesbegegnung, einem Konzert, einem Blick vom Berggipfel, den wir soeben erstiegen haben - oder im Moment eines Unfalls, beim Anblick einer Grausamkeit. Solche Schocks sind zwar unnötig, aber wegen unserer alltäglichen Unbewusstheit dennoch wichtig. Denn was in ihnen tatsächlich "stehenbleibt", ist unser Geist. Er hört auf, einer imaginären Zeit hinterherzurennen und macht nicht mehr den Versuch, sie zu gewinnen und zu füllen. Er befindet sich ganz und gar in der einzigen "Zeit", die es gibt: dem Augenblick.

Eckhart Tolle spricht von "Uhr-Zeit", die gebraucht wird für alle praktischen Belange des Lebens. Und von der wertlosen "psychologischen Zeit", die unser Geist erschafft, indem er Ängste und Hoffnungen in eine imaginäre Zukunft projiziert oder in der nicht mehr existierenden Vergangenheit herumwühlt. Wann immer wir gerade nicht mit der notwendigen Uhr-Zeit und den in ihr stattfindenden Verpflichtungen befasst sind, können wir in den Augenblick zurückkehren, ohne psychologische Zeit einzusetzen.

Zen, Vipassana, tibetische Praxis und christliche Kontemplation schalten die psychologische Zeit aus und führen uns direkt in die Gegenwart. Wie Meister Eckhart sagt: Nur dort können wir das erkennen, was wir Gott oder das Absolute oder die Wahrheit nennen.

Es geht aber noch einfacher. Ohne Tempel, ohne stundenlanges Sitzen, Üben, Rezitieren. Wir sehen uns einfach an, was jetzt da ist. Zum Beispiel eine Erdbeerblüte, eine Erdbeere. Weiß und Rot. Ein wenig Grün. Im März. Eine ganz und gar unzeitgemäße Sache.

Und schon befinden wir uns in der Zeitlosigkeit. Denn der Augenblick ist immer jenseits der Zeit, er vergeht nicht, man kann ihn nicht erreichen. Er ist.

Jetzt.

Und jetzt.


Montag, 4. März 2019

Nobelpreisträgerinnen und andere gute Autorinnen


Zum Internationalen Tag der Frau am 8. März hat die Literatur-Redaktion des SWR fünf Rezensentinnen gebeten, je eine Literatur-Nobelpreisträgerin  eigener Wahl vorzustellen. Von Selma Lagerlöf bis Doris Lessing, eine Besprechung pro Tag. Hier der Link zu den fünf Beiträgen (klick).

Meine Wahl fiel auf  Wisława Szymborska und ihren Band "Hundert Freuden". Wer ihre Gedichte nicht kennt - unbedingt lesen! Zum Beispiel "Jahrmarkt der Wunder": "Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. / Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern." Alle Gedichte einfühlsam übersetzt von Karl Dedecius. Meine Hommage an diese große Humanistin und Dichterin wird gesendet am Donnerstag, 7. März, um 15.55 Uhr und 19.55 Uhr, auf SWR 2. Die Manuskripte stehen später auf der Homepage.

Die kleine Auswahl aus meiner Schriftstellerinnen-Bibliothek auf dem Foto soll zeigen, dass auch Autorinnen, die nie den Nobelpreis bekamen oder bekommen werden, gute Literatur schreiben.

Freitag, 1. März 2019

Ein Morgen


Ein Morgen

Einfach auf der Couch liegen und glücklich sein.
Ein wenig Summen nur, der ruhige Klang im Kopf.
Probleme sind gerade anderswo beschäftigt, sie haben
so viel zu tun in der Welt.

Kritische Leute schlafen zumeist; sie können dich nicht
ständig im Auge behalten, und manchmal vergessen sie es.
Wenn die Dämmerung über die Hecke fließt,
kannst du aufstehn und etwas tun.

Kleine Winkel wie dieser, herumliegende Himmelsstücke,
können aufgesammelt und aufgehoben werden.
Niemand wird sehen, dass du sie hast,
so leicht sind sie und gut zu verstecken.

William Stafford
(Übersetzung: Margrit Irgang)
 

Sonntag, 24. Februar 2019

Geistige Energie ist nicht unerschöpflich

Sehr zu empfehlen: Absichtslos in den Himmel gucken ...


Seit ein paar Wochen besteht aus diversen Gründen mein Leben aus dringenden Terminen und Verpflichtungen. Dazu kam eine fiese, lang andauernde Erkältung. Irgendwann bemerkte ich, dass ich nicht  mehr in meinem Körper lebte, sondern nur noch in meinem Kopf, der zu planen und zu organisieren hatte. Und weil ich nicht mehr in meinem Körper war, hatte ich die Präsenz im Augenblick verloren. Ich nahm nicht mehr wahr, was in mir und um mich herum geschah.

Der Buddhismus kennt acht Arten des Bewusstseins, und das "Geistbewusstsein" ist die erste Form. Wir würden diese Form des Bewusstseins Denken nennen; es ist die Tätigkeit des Gehirns. Unser Gehirn, sagt Thich Nhat Hanh, "macht nur zwei Prozent unseres Körpergewichts aus, aber verbraucht zwanzig Prozent der Körperenergie". Unser Planen, Analysieren, Grübeln und Urteilen verbraucht also enorm viel Energie. Mit dieser Energie müssen wir haushalten, sie ist nicht unerschöpflich. Zur Zeit ist ja - und das ist absolut zu begrüßen! - viel die Rede davon, dass die Ressourcen der Erde zur Neige gehen, wenn wir nicht sorgsam mit ihnen umgehen. Aber nirgendwo höre ich, dass dasselbe für unsere geistige Energie gilt.

Wie also gehen wir ökonomisch mit unserem Denken um? Wir setzen Gedanken nur dort ein, wo sie sinnvoll sind und gebraucht werden. Jeder in diesem Moment überflüssige Gedanke lässt Energie aus uns fließen wie aus einem Leck. 

Ich habe mich also besonnen auf meine Grundübung: Innehalten, atmen, Körper und Geist wieder zusammenbringen. Beim Gang zu einem Termin bin ich rechtzeitig aufgebrochen, um Zeit zu haben, die ersten Knospen an den Bäumen zu betrachten. Den Wolken nachzusehen, eine Katze zu streicheln. Kostbare Minuten, in denen mein Geistbewusstsein Urlaub hatte, es wurde beim Schauen und Streicheln nicht gebraucht. Mittags habe ich, die gerne kompliziert kocht, eine einfache Suppe gemacht - das Gemüse aber ganz bewusst geschnippelt, der Suppe beim Köcheln zugesehen, sie bedachtsam abgeschmeckt. Jetzt bewohne ich meinen Körper wieder.

Und was macht Ihr, wenn Ihr merkt, dass Eure Gedanken Euch im Griff haben? Ich bin gespannt auf Eure Kommentare.

... oder mal nach unten schauen. So ein Teich trägt viel zur Geistesruhe bei.

 

Montag, 18. Februar 2019

Früh ...



... ling!


Mittwoch, 13. Februar 2019

Spielen!


Im Herbst begegnete mir ein sehr trauriger Ball. Der Ball wartete auf ein Kind, das mit ihm spielen wollte. Ich schaute mich um, guckte in Hofeinfahrten. Kein Kind weit und breit. Ich nahm den Ball auf und warf ihn ein paar Mal in die Luft. Spielerisch. Leicht. Weil auch ein Ball nicht traurig sein sollte. Das leuchtet doch ein?

Vor ein paar Tagen, beim Abendessen nach der Chorprobe, kam das Gespräch auf das Thema Spielen. Es stellte sich heraus, dass alle Frauen um mich herum als Kinder gerne gespielt hatten. Sie zählten auf: Canasta, Rommé, Fang den Hut, Malefiz, Quizspiele. Ich, das Einzelkind, habe auch gespielt: Mensch ärgere dich nicht, gegen mich selbst. Und Murmelspiele auf dem Küchenboden, gegen mich selbst. Die Frauen riefen: Ach wie traurig! Spielen ist doch Herausforderung, Wettbewerb, Gewinnen, Verlieren! Aber meine Spielsteine, Würfel und Murmeln hatten ein Kind, mit dem sie spielen konnten. Wenn wir zusammen waren, waren wir nicht traurig.

Bis heute spiele ich, eigentlich mit allem, was ich tue. Mein Kochen und Backen ist im Grunde ein Spiel mit Kochlöffeln, Pfannenwendern, Käsereiben, Hobeln und Messern aller Art. Das Pflanzen von Erdbeeren, Tomaten und allerlei Grünzeug auf dem Balkon ist ein Spiel; mein Schreiben ist ein Spiel mit Worten, Rhythmen und Klängen; mein Singen ist ein Spiel mit meiner Stimme und der Luft, die sie zum Klingen bringt; meine Fotografie ist ein Spiel mit dem Licht.

Bis heute weiß ich nicht, was Gewinnen und Verlieren bedeutet. Meine Spiele haben alle einen höchst ungewissen Ausgang. Nie weiß ich vorher, ob das Soufflé nicht zusammenfällt, der Kuchen trocken ist. Ob Erdbeeren, Tomaten und Grünzeug aufgehen oder aus unerfindlichen Gründen in meinen Kübeln still versterben. Nie weiß ich vorher, ob der Text, die Erzählung, das Gedicht gelingen werden, ob ich die richtige Form für einen Gedanken finde, den Rhythmus, der ein Gefühl ausdrückt. Dieses eine einzigartige Gefühl, das mich zum Schreiben veranlasst hat. Ich weiß vor keiner Probe, keinem Konzert, ob meine Konzentration, mein Stimmvermögen und mein musikalisches Verständnis ausreichen, um den Chor mitzutragen. Und wenn ich auf den Auslöser drücke, weiß ich nie, ob das Foto, das ich gerade mache, das kleine Extra aufscheinen lässt, diese Winzigkeit des Unausdrückbaren, die nicht im Materiellen lebt, sondern in den Zwischenräumen. Ich habe es erspürt, deshalb habe ich das Foto gemacht. Aber werden andere es auch spüren, wenn sie das Foto auschauen?

Kann ich sagen, dass ich das Spiel am Herd verloren habe, wenn das Soufflé ein elendes Häufchen ist? Habe ich verloren, wenn das Basilikum verwelkt ist, das Gedicht im Papierkorb landet, meine Stimme heiser ist, das Foto banal? 

Da bin nur ich und ein Käsehäufchen, ein schlappes Grün, ein zusammengeknülltes Papier.

Ich glaube, das ist die Wahrheit hinter dem Sichtbaren: das Universum spielt. Es spielt mit Farben, Klängen, mit Nacht und Tag. Es spielt mit Sonne, Regen und Wind und mischt das Ganze zu dem, was wir Wetter nennen. Es spielt mit Blumen, Bäumen, Tieren und mit uns, mischt uns immer neu zusammen, zu immer neuen Begegnungen, zu immer neuen Trennungen. Das Universum spielt nicht, um zu gewinnen. Es spielt, um zu spielen.

Und vielleicht - also, ich bin mir da fast sicher - ist das Universum traurig, wenn es niemanden hat, der mit ihm spielen will. Deshalb sollten wir uns hin und wieder ein wenig einmischen. Ganz leicht, ganz spielerisch. Nicht, um zu gewinnen. Um mitzuspielen.


Dienstag, 5. Februar 2019

Das Freudenfeuer anzünden

... für ein großes Freudenfeuer ...

"Um zu verstehen, was Freude ist, stellen wir am besten erst einmal fest, was sie nicht ist. Freude ist weder Spaß noch Vergnügen, noch ist sie Rausch und Ekstase. Spaß und Vergnügen sind von äußeren Objekten abhängig, die uns Vergnügen schenken sollen. Der Rausch wiederum trägt uns  von uns selbst und den gegebenen Umständen fort, und sein besonderes Kennzeichen ist die Ernüchterung, die uns befällt, wenn wir aus ihm erwacht sind. Wenn Spaß und Vergnügen Strohfeuer sind und der Rausch eine Stichflamme, dann könnten wir die Freude mit einer wohlig wärmenden Glut vergleichen. Um solch eine Glut herzustellen, müssen wir in unserem Herd ein solides Feuer anzünden, und das macht man am besten mit sehr gutem  Holz, das schön trocken ist und in handliche Stücke zerkleinert. Mit anderen Worten: Freude erfordert Klugheit und Geschick, sie fällt nicht so einfach vom Himmel. Wir müssen etwas tun, bevor uns die Glut wärmen kann. Wir müssen geschickte Feueranzünder werden.

Es ist ziemlich leicht, Freude zu empfinden, wenn wir ein Geschenk bekommen, verliebt sind oder Erfolg haben. Was aber geschieht, wenn Verliebtheit und Erfolg vergangen sind und das Geschenk den Neuheitswert verloren hat? Dann ist die Freude mitgegangen, als sei sie ein Anhängsel, das zu den Zuständen gehört und von ihnen mitgezogen wurde. Freude aber ist völlig unabhäng von ihrem Auslöser. Sie entsteht und vergeht in uns selbst; Freude ist eine Haltung, die wir kultivieren können.

Der neue Haarschnitt ist eine Katastrophe, der Kuchen verbrannt, draußen regnet es in Strömen, aber ... aah, der Geruch nach frischer Erde, der zum offenen Fenster hereinkommt! Wir werden immer etwas finden, das unser Freudenfeuer nähren kann: die Tasse Kaffee, wenn wir durchfroren vom Markteinkauf kommen, der Anblick des ersten Schneeglöckchens, die Katze, die ihren Kopf an unserem Bein reibt. Wenn das Schneeglöckchen verwelkt, lebt unsere Freude dennoch weiter. Wenn die Katze sich von uns abwendet, bleibt unsere Freude dennoch bei uns."

(Aus: Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit", Herder Verlag.)

Donnerstag, 31. Januar 2019

Federkleid & Federbett


Bekommen Tauben im Schnee taube Füße?

Ersetzt das Federkleid ein Federbett?

Heizen die Nachbarn den Kamin auch taubenwarm genug?

Notizen vom Krankenlager beim Blick aus dem Fenster, wenn man eigentlich Wislawa Szymborska rezensieren sollte, der Kopf aber die Arbeit verweigert und nur einen ihrer klugen Sätze registriert: "Es gibt keine Fragen, die dringlicher wären als die naiven."

 

Dienstag, 22. Januar 2019

Thich Nhat Hanh über Leiden


"Jeder hat den Samen des Leidens in sich. Manchmal schlummert er in den Tiefen unseres Bewusstseins und manchmal manifestiert er sich als deutliche Energie. Wenn sich Leiden manifestiert, ist es schwierig, Freude oder Glück zu empfinden. Die Praxis des bewussten Atmens, des achtsamen Gehens oder achtsamen Sitzens kann uns helfen, mit dem Leiden umzugehen. Unser Leid ist nicht nur unser eigenes Leid. Es trägt in sich das Leiden unseres Vaters, unserer Mutter und der vielen Vorfahren, die es uns übertragen haben.

Unser Leiden spiegelt auch das Leiden unsere Volkes, unseres Landes, unserer Gesellschaft und unserer Welt. Wenn wir die Natur und die Wurzeln unseres Leidens verstehen, können sich Mitgefühl und Liebe entwickeln. Wir kehren zu uns selbst zurück und verbinden uns mit dem inneren Leiden. Wenn wir bewusst atmen, erzeugen wir die Energie von Achtsamkeit und Konzentration. Das sind die Energien, mit denen wir unser Leiden erkennen und annehmen können. Wenn uns die Energie der Achtsamkeit fehlt, kann das Leiden uns überwältigen. Aber wenn wir ein- und ausatmen und unseren Körper entspannen, können wir die Energie von Achtsamkeit und Konzentration erzeugen, und mit dieser Energie können wir unser Leiden in einer sanften Umarmung halten."

Thich Nhat Hanh

Donnerstag, 17. Januar 2019

So was Zartes


So was Zartes.
Möchte man einhüllen.
Wärmen.
Damit's nicht stirbt.
Das Unzeitgemäße.

(Gesehen auf dem Weg zum Supermarkt, 14. Januar 2019.)

Sonntag, 13. Januar 2019

Vier Literaturempfehlungen


Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat seine Jahres-Bestseller-Listen veröffentlicht. Mit einer Ausnahme kenne ich keins dieser meistverkauften Bücher. Da will ich doch gerne hier wieder einmal vier Romane vorstellen, die mich im letzten Jahr beeindruckt haben, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Garantiert keine Bestseller. Aber gute Geschichten und wunderbare Prosa.

Michael Ondaatje gehört zu meinen Lieblings-Schriftstellern. Seine Prosa ist schwebend und hochmusikalisch, seine Protagonisten sind Träumer, Staunende, die sich in keine bürgerlichen Existenzen fügen können und alle menschlichen Abgründe zu verstehen bereit sind. Sein neuer Roman Kriegslicht gehört zu seinen besten Büchern. Nathanael und seine Schwester Rachel werden als Kinder von der Mutter verlassen, auch der Vater taucht nicht mehr auf. Beide werden von zwielichtigen Gestalten liebevoll erzogen. Erst als Erwachsener macht sich Nathanael auf die Suche nach der Mutter und entdeckt, dass sie im Krieg als Spionin gearbeitet hat. (Hanser Verlag)

Angelika Overath ist eine sensible Autorin, die genau beobachtet; ihre Bücher haben für mich etwas zutiefst Aufrichtiges - ich darf ihrer Wahrnehmung vertrauen. In Ein Winter in Istanbul vertieft sich ein schweizer Religionslehrer in die Lehre des Cusanus, lernt einen türkischen Kellner kennen, in den er sich verliebt, und als seine Verlobte aus der Schweiz kommt, müssen sich drei Menschen ihren Vorurteilen und Erwartungen stellen und werden am Ende des Winters nicht mehr die sein, die sie vorher waren. (Luchterhand)  Hier meine Rezension im SWR (klick)

Meine Entdeckung des Jahres: Claire-Louise Bennett. Ihr Buch Teich nennt sich Roman, aber Vorsicht: Hier passiert nichts. Hier wird geschaut, gehört, gerochen, nachgedacht; es ist eine Sammlung von Wahrnehmungen, die zu Assoziationsketten gesponnen werden. Da gelangt die Ich-Erzählerin beim Resümieren über den kaputten Kontrollknopf ihres Herdes zum Buch "Die Wand" von Marlen Haushofer und zu Erinnerungen an Liebhaber und Misserfolge. Und das alles in betörend schöner Sprache geschrieben. (Luchterhand) Hier meine Rezension im SWR (klick) 

Ich bin von allen Romanen von Delphine de Vigan fasziniert (unbedingt lesen: Tage ohne Hunger, das intime Protokoll der Heilung von einer Magersucht). Loyalitäten erzählt aus der Perspektive von vier Menschen, wie wir bereit sind, unsere Wahrnehmungen zu verleugnen, um die Liebe nicht zu verlieren. Ein kleiner Junge wird zerrissen zwischen den getrennten Eltern und will sterben, eine traumatisierte Lehrerin schafft es nicht, ihm zu helfen, sein Freund will ihn nicht verraten und dessen Mutter greift zu spät ein, weil sie eigene Probleme hat. (Dumont)  

Tee kochen, Heizung aufdrehen, Leselampe einschalten. Lesen!
 

Samstag, 5. Januar 2019

Seminar in Salzburg

Foto: St. Virgil

Herzliche Einladung zu meinem ersten Seminar im Jahr 2019:

25. bis 27. Januar 2019
Verbunden mit allem, was ist 

Bildungshaus St. Virgil, Salzburg

"Alles ist mit allem verbunden", lehrt der Buddhismus. Thich Nhat Hanh hat dafür den Begriff "Intersein" geprägt. Wir wollen uns an diesem Wochenende fragen, was mit Intersein gemeint ist, wie es sich auswirkt und was es für unser Leben bedeutet.

Informationen zum Seminar, den Zeiten, Unterbringung und Verpflegung gibt es hier: 

Sehen wir uns? Ich würde mich freuen.