Dienstag, 31. Juli 2018

Goodbye, Juli


Goodbye, Juli. Ich kann nicht gut Auf Wiedersehen sagen; wenn du wiederkommst, wirst du ein anderer sein. Diesmal warst du so heiß und farbig, so summend und leuchtend, wie ich mir einen Juli wünsche. Genau so hätte ich gern auch den August und den September. Die Welt soll weiterhin heiß und bunt und leuchtend sein. Kannst du das bitte dem August und dem September mitteilen? Sie sollen einfach alles von dir übernehmen, ich brauche nichts Neues von ihnen, ich bin wirklich bescheiden: Ich will nur das, was jetzt gerade da ist.

Aber natürlich will der August kein Juli sein und der September schon gar nicht. Sie werden ihr eigenes Ding machen, werden archaische Gewitter über den Berg schicken, die hoffentlich nicht wieder meine Telefonbuchse aus der Wand sprengen. Sie werden masslose Regengüsse über uns schütten (zu spät für Kartoffeln, Getreide und Flussfische, Juli, ich muss zugeben: die Bauern verfluchen dich, und zu Recht). August und September werden einen Temperatursturz inszenieren und ich werde mich wieder in Wolle wickeln müssen und trotzdem frieren, weil Temperaturen unter 20 Grad für mich arktisch sind. So wird es sein. 

Also danke, Juli, für alles.


Freitag, 27. Juli 2018

Montag, 23. Juli 2018

Meditation mit der Kamera: Miksang




Miksang ist tibetisch und bedeutet "das gute Auge". Eine Schule des Sehens, die von Chögyam Trungpa ins Leben gerufen wurde. Fotografie ist für mich die Zen-Kunst schlechthin (nein, Trungpa war kein Zenmeister, aber seine Shambhala-Schule ist nur ein anderer Weg zum Erwachen, das immer in diesem Augenblick geschieht). Ein Augenblick, ein Klick. Ein Foto ist immer nur JETZT! Im nächsten Moment wäre es ein anderes Foto, wird es ein anderes Foto sein.

Können wir einfach nur wahrnehmen, was ist, ohne Vorstellungen, Ideen, ohne Suche nach einem bestimmten Erlebnis? Können wir die Schönheit der Welt, wie sie sich in diesem Moment zeigt, würdigen, ohne sie verändern zu wollen nach unseren Vorstellungen? Können wir jeden Wunsch nach "kreativer Gestaltung" (in diesem Zusammenhang also: Manipulation) vergessen? Wenn unsere Wahrnehmung rein ist, nicht von Gedanken und Gefühlen getrübt, ohne Absichten, Wünsche, Abneigungen - dann sehen wir. Das, was uns bisher entgangen ist: das Kleine, Entlegene. Den Schnipsel Papier im Rinnstein, das Glitzern des Regens auf dem Pflaster, das zufällig auf ein Autodach gewehte Blatt, gelb auf schwarz. Und wir kommen in diesem unwiederbringlichen Augenblick vorbei, nehmen die Schönheit wahr und - klick.

Absichtslosigkeit ist der Schlüssel zur Meditation und zur Miksang-Fotografie. Wie gelingt ein solches Sehen? Der Zenmeister John Daido Loori, selbst Fotograf, sagte es trocken und prägnant: "Get out of the way." Dein Ego ist im Weg, vergiss es. Werde zum Auge, ganz und gar.

Ergänzung: Bitte lest auch die Kommentare, dort ist ein interessantes Gespräch im Gang. Und weil das vielleicht nicht jeder tut, hier ein Zitat des großen Fotografen Minor White, der mich beim Fotografieren leitet: "Spirit always stands still long enough for the photographer It has chosen."


Mittwoch, 18. Juli 2018

Summertime, and the livin' is easy


Früher Morgen. Nur ich und Blässhuhn-Mama. Blässhuhn-Mann besorgt Insektenfrühstück. Blässhuhn-Kinder schlafen im Schilf.

Summertime, and the livin' is easy
Fish are jumpin' and the cotton is high
Oh, your daddy's rich and your ma is good-lookin'
So hush, little baby, don't you cry. 


Ach nee, da fliegt ja noch einer.

One of these mornings you're gonna rise up singing
And you'll spread your wings and you'll take to the sky
But till that morning there ain't nothin' can harm you
With daddy and mammy standin' by. 

An Hochsommertagen wie diesem ist das Leben noch einmal so leicht, wie es war, als wir glaubten, dass wir unverletzbar sind.

Genießt Euren Sommer! 

Samstag, 14. Juli 2018

Die Eremitin und der Mönch



Die Verwandten der alten Frau

Einmal begegnete ein Mönch auf Pilgerschaft einer alten Frau, die allein in einer Hütte lebte. Der Mönch fragte: "Hast du irgendwelche Verwandten?" Sie sagte: "Ja." Der Mönch fragte: "Wo sind sie?" Sie antwortete: "Die Berge, die Flüsse und die ganze Erde, die Pflanzen und Bäume, sie alle sind meine Verwandten."

China, 9. Jahrhundert

***
Ein Mönch trifft auf eine Frau, die alleine im Wald lebt. Welch eine unerhörte Lebensform im 9. Jahrhundert. Selbst heute noch nicht selbstverständlich. Eine Frau, die alleine lebt, ruft bei gewissen Menschen Misstrauen hervor. Männer sind genetisch dafür ausgerüstet, heroisch und einsam auf die Jagd zu gehen und die widerborstige Natur mit ihren Löwen, Hirschen und all dem Grünzeug ihrem Willen zu unterwerfen. Frauen dagegen, ans Häusliche gewöhnt, brauchen Nähe und Wärme in Form von Herd und Mensch. Die Frage des jungen Mönches (er ist mit Sicherheit jung) trieft vor Misstrauen. Jemand muss sich doch kümmern um die arme Alte, muss ihr einen Tee kochen, Feuerholz sammeln. (Er wird dieser Jemand nicht sein, er ist auf Pilgerschaft, um erleuchtet zu werden). Nun muss er die Alte bei ihrer Sippe abgeben, damit er in dem Gefühl, eine gute Tat getan zu haben, weiterziehen kann.

Dumm nur, dass er nicht sieht, wie sehr sie bereits inmitten ihrer Verwandten lebt. Sie sagt nicht: Die Berge, die Flüsse, die Pflanzen sind meine Freunde. Nein, sie sind ihre Familie. Die Familie ist, wie jede gute Familie, fürsorglich. Sie versorgt ihre Großmutter mit allem, was sie braucht: mit Luft, Licht, Nahrung und Wärme. Diese Eremitin hat erkannt, dass sie nicht getrennt ist vom großen Ganzen; sie lebt im beständigen respektvollen Austausch mit allem, was ist, in einem unablässigen Geben und Nehmen, das sich nie erschöpft. Im Kreislauf des Wachsens und Sterbens. Und sie weiß natürlich, dass auch sie ein absterbender Baum ist, der bald in den großen Kreislauf des Vergehens eingehen wird. Ein Baum, der irgendwann zu Humus zerfallen wird, aus dem ein neues Bäumchen wächst.

Leider ist uns die Antwort des Mönchs nicht überliefert. Ich nehme an, er rannnte bis an sein Lebensende der Erleuchtung hinterher und merkte nicht, dass er schon immer mitten in ihr war.



Die Geschichte ist aus diesem schönen Buch, auf das ich gern noch einmal hinweise: Florence Caplow, Susan Moon (Hg.) "Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren, betrachtet von (Zen-)Frauen heute. edition steinrich.

Hier mehr darüber.  

Sonntag, 8. Juli 2018

"Annehmen" und "loslassen"



Gestern habe ich einen Satz des von mir  geschätzten Adyashanti gelesen: "Wenn du dich in deiner eigenen Schwäche, deiner eigenen Fehlbarkeit annimmst, tust du das gleichzeitig für jeden anderen." Er sagt nicht, wie man das machen soll: annehmen. Denn er weiß natürlich, dass es, spirituell gesehen, niemanden gibt, der etwas annehmen kann. Aber manchmal verlangt der Kontext eben, die spirituelle Ebene zu verlassen und sich auf die psychologische zu begeben. Das hat etwas sehr Liebevolles.

Meine Hortensie zeigt zur Zeit alle möglichen Stadien ihrer Hortensienhaftigkeit gleichzeitig: voll ausgewachsene Blüten, ein paar winzige Knospen, die vielleicht sogar noch aufgehen werden, und dann schon die ersten verwelkten Dolden. So ungefähr sieht es auch mit meinen Möglichkeiten aus: Manches blüht, manches könnte noch entstehen, vieles ist bereits am Sterben. Einiges ist mir widerfahren, anderes habe ich selbst erschaffen. So ist es. 

"Annehmen" heißt nicht, dass wir uns zum Akzeptieren des Unvermeidlichen zwingen, mit Wut oder Trauer im Herzen, weil wir es doch so gern anders hätten. "Annehmen" heißt: Sein lassen. Die Dinge und Umstände in ihrem Sosein klar wahrnehmen und würdigen. Dasselbe gilt für das in buddhistischen Kreisen so beliebte "loslassen". Wenn wir überhaupt etwas loslassen, dann unsere Vorstellungen davon, wie die Dinge zu sein haben. Wir können weder etwas annehmen noch etwas loslassen, aber wenn wir keinen Widerstand in uns mehr haben, sehen wir mit großer Klarheit das ganze Bild: das Blühende, das Knospende, das Sterbende. Vielleicht wollen wir dann Schritte unternehmen, um etwas - in uns, um uns herum - zu verändern. Vielleicht aber auch nicht.

Es könnte sein, dass wir die Schönheit in dem Bild erkennen. Es ist lebendig. Es hat Licht und Schatten. Viele Farben, viele Nicht-Farben. 

Es ist schön, weil es ein Ausdruck des Seins in diesem unwiederbringlichen Augenblick ist.