Mittwoch, 21. Juni 2017

Sara Maitland "Das Buch der Stille"


"Ich sitze auf der Eingangsstufe meines kleinen Hauses mit einer Tasse Kaffee und schaue ins Tal hinunter auf die außergewöhnliche Aussicht auf Nichts. Das ist einfach wunderbar. Virginia Woolf hat uns in ihrem berühmten Essay die Einsicht vermittelt, dass jede Autorin ein Zimmer für sich allein braucht. Was meiner Meinung nach aber längst nicht genügt. Ich brauche ein ganzes Moor für mich allein. Oder, wie eine pikierte, doch offensichtlich einfühlsame Freundin kommentierte, als sie zu Besuch kam, um sich meine neueste Marotte anzuschauen: "Das gibt es nur bei dir, Sara - zwanzig Meilen Aussicht auf praktisch rein gar nichts!" Tatsächlich ist da aber gar nicht "nichts" - da sind die Wolkengebilde und die verschiedenen Bewegungen von Schilf und Gräsern, da gibt es Heide und Farn im Wind und wechselnde Farben, nicht nur im Jahresverlauf, sondern auch im Verlauf eines Tages, während sich Sonne und Wolken verändern und weiterwandern ..."

Sara Maitland, britische Roman- und Sachbuchautorin, hat ihr Haus in der Stille gefunden. Und kann nun endlich ein Buch schreiben über ihre jahrzehntelange Reise in die Stille und durch die Stille. Sie erzählt von Wanderungen im schottischen Hochmoor, Aufenthalten auf Inseln und der absoluten Stille in der Wüste. Sie erzählt, wie und wo Eremiten, Weltumsegler und Polarforscher die Stille gefunden haben und spricht über die Freuden und Gefahren von Stille. Was für ein fundiertes, gut recherchiertes Buch. Aber Stille ist ja eins meiner Lieblings-Themen, und ich vermisse hier einen wesentlichen Aspekt von Stille.

Für Sara Maitland ist Stille von äußeren Bedingungen abhängig; deshalb sucht sie entlegene Orte auf, und Stille, Schweigen und Alleinsein sind für sie nicht zu trennen. Sie betet drei Stunden am Tag, liest, denkt nach. Sogar auf ihrer Wüstenreise saß sie, abgesondert von ihrer Gruppe, in einer Felsspalte und las. Wer jemals eine Woche in einem Schweige-Retreat verbracht hat, weiß, dass der größte Lärm nicht außen, sondern innen ist: das unablässige Kommentieren, Beurteilen, Abwägen, Hoffen und Befürchten, das im Geist abläuft. Mit Verblüffung habe ich gesehen, dass dies für Sara Maitland kein Thema ist, im Gegenteil: Sie sucht die Stille auch, um nachdenken zu können und "eine bessere Autorin" zu werden.

Einmal vergleicht sie die Stille der christlichen Mystiker mit jener der Buddhisten. Der Christ, sagt sie, stelle seine Beziehung zu Gott durch seine Persönlichkeit her, die immer erhalten bleibe; der Buddhist dagegen wolle sich im Nirvana oder der Erleuchtung auflösen. Dieses falsche Verständnis von Buddhismus begegnet mir häufig. Der Mensch mit seiner "Persönlichkeit", also seiner eigenen Ausdrucksform des Göttlichen, löst sich natürlich nicht auf; wer Zen und andere buddhistische Meditationsformen praktiziert, kann erkennen, dass er Nirvana und erleuchtetes Sein ist. Der Urgrund des Seins ist Stille - deshalb ist das tiefste Wesen des Menschen die Stille. Um das erkennen zu können, muss man nicht unbedingt allein sein; gerade eine Gruppe schweigender Menschen in einem Retreat kann ungemein tragend sein und die Stille und somit die Erfahrung vertiefen. Letztendlich ist nicht einmal Schweigen eine Bedingung: Wenn man die Praxis der Alltags-Meditation gelernt hat, steigen auch die Worte aus der Stille auf und sind von Stille durchtränkt.

Mir scheint, es ist genau diese Stille, die Sara Maitland im Tiefsten sucht, aber sie ist ihr noch nicht ganz geheuer. Denn sie hat schon bemerkt, dass das Eintauchen in die Stille sich nicht gut verträgt mit dem Erzählen von Geschichten, die einen "Plot" verlangen, eine Dramaturgie brauchen und die Existenz von Anfang und Ende suggerieren. Sie erkennt: "Ich möchte Stille schreiben", weiß aber noch nicht, wie das gehen soll.

Auf jeden Fall ist dies ein kundiges, eloquent formuliertes Buch über die Stille, geradezu ein Standardwerk zum Thema. Ich finde es schön, dass der kleine und feine Verlag edition steinrich das Buch jetzt auf Deutsch herausgebracht hat. Es ist wie ein Spiegel, in dem wir unsere eigene Erfahrung von Stille überprüfen können. Sara Maitland "Das Buch der Stille", übersetzt von Karin Petersen, edition steinrich. Kann man auch direkt beim Verlag bestellen (hier). Versandkostenfrei. Da beutet kein Großversender seine Mitarbeiter aus.

For my English speaking readers: Sara Maitland "A Book of Silence" has been published by Granta Books.

Sonntag, 18. Juni 2017

Unterwegs


Meine Reisegruppe - den Spuren von Mittelalter, Gotik und Renaissance folgend - schiebt sich durch eine enge Gasse von Lucca. Ein junges Paar kommt uns entegegen und bahnt sich den Weg. Als sie auf meiner Höhe sind, höre ich den jungen Mann verächtlich auf Deutsch sagen: "Oh mein Gott, Touristen!"

Merke: Viele zusammen sind Touristen (peinlich).
Zwei gemeinsam sind Reisende (wertvoll).

Ob die beiden so viel Spaß hatten wie wir und so viel gesehen und gelernt haben?

Montag, 5. Juni 2017

Der Bote

 

Der Bote

(von Jane Hirshfield)

Einmal, in jenem Raum, eine kleine Ratte. 
Zwei Tage später eine Schlange.

Die, als sie mich hereinkommen sah,
den langen Streifen ihres Körpers
unters Bett peitschte
und sich zusammenrollte wie ein fügsames Haustier.

Ich weiß nicht, wie sie kamen oder gingen.
Das Licht der Taschenlampe, später, fand nichts.

Ein Jahr lang beobachtete ich,
wie etwas - Entsetzen? Glücklichsein? Kummer? -
in meinen Körper eintrat und ihn verließ.

Ich weiß nicht, wie es hineinkam.
Ich weiß nicht, wie es ging.

Es nistete, wo Worte es nicht erreichen konnten.
Es schlief, wo das Licht nicht hin drang.
Es roch nicht nach Schlange, nicht nach Ratte,
weder nach Lüstling noch nach Asket.

Es gibt Öffnungen in unserem Leben, 
von denen wir nichts wissen.

Durch sie reisen
die mit Glocken behängten Herden nach Belieben,
langbeinig und durstig, bedeckt mit fremdem Staub.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen: Margrit Irgang) 

Jane Hirshfield ist Dichterin, ordiniert als Laiin in der Linie von Suzuki Roshi. Sie hat einen Beitrag in dem schönen Buch "Das verborgene Licht". Mehr darüber hier.

***

The Envoy

by Jane Hirshfield

One day in that room, a small rat.
Two days later, a snake.

Who, seeing me enter,
whipped the long stripe of his
body under the bed,
then curled like a docile house-pet.

I don't know how either came or left.
Later, the flashlight found nothing.

For a year I watched
as something - terror? happiness? grief? -
entered and then left my body.

Not knowing how it came in.
Not knowing how it went out.

It hung where words could not reach it.
It slept where light could not go.
Its scent was neither snake nor rat,
neither sensualist nor ascetic. 

There are openings in our lives
of which we know nothing.

Through them
the belled herds travel at will,
long-legged and thirsty, covered with foreign dust.

Jane Hirshfield is a poet, ordained as a lay member in the lineage of Suzuki Roshi. She has contributed to the beautiful book "The Hidden Lamp". More about the German translation of the book here (click).

 

Donnerstag, 1. Juni 2017

Eivor "On my way to somewhere"


Sie ist so jung. Und der Text ihres Liedes ist so sehr Anfang, Aufbruch. Alles ist noch möglich, auch das Scheitern. Alles ist offen. Die Fragen sind noch nicht durch Antworten zum Schweigen gebracht.

Sie erinnert mich an mich, als ich noch jünger war als sie und nur für die Musik lebte. Nächte hindurch mit Freunden sang und spielte. Auftrat, wo immer sich eine Möglichkeit bot. Mit dem Chor oder der Gruppe. Eine große Zeit; nie wieder wird es so sein. Ich bin froh, sie erlebt zu haben.

Eivor Pálsdóttir von den Färöern. Inselmusik. Nördlich und ganz klar. Gut für heiße Sommernächte.


Montag, 29. Mai 2017

Schnipp schnapp


Kleine kreative Lockerungsübung.
Oder: Die Dichterin hat hitzefrei.

Hier erzählt Taija von der Poesiekiste, die sie in München mit Schnippel-Poesie füllt.


Und hier ist die Urmutter aller poetischen Schnipsel-Collagen. Ein Wunderbuch: Herta Müller "Vater telefoniert mit den Fliegen". Erschienen bei Hanser. Es gibt noch ein zweites: "Die blassen Herren mit den Mokkatassen". Ebenfalls bei Hanser.

Herta Müller hat einen eigenen Schrank für ihre Schnipsel, die in die Tausende gehen. Ich habe nur einen Schuhkarton, und auch der ist nur halb voll. Für eine Nicht-Nobelpreisträgerin finde ich das ausreichend.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Die Welt schickt Botschaften

Eine Wolke? Keine Wolke?

"Das Universum versucht ständig, uns zu erreichen und uns etwas zu lehren oder uns etwas zu sagen, aber wir weisen es dauernd zurück. Wir sind nicht interessiert daran, die Symbole oder die Zeichen, die auftauchen oder uns geschehen, wahrzunehmen. Aber jetzt können wir die Symbole genau und direkt erfahren. (...) Die Basis der Meditationspraxis ist das Interesse und die Aufmerksamkeit für jede Aktivität, in die wir eingebunden sind, unser ganzes Leben lang, in jedem einzelnen Moment. Sobald wir aufhören, die Welt abzulehnen, stürzt sich die Welt auf uns. Symbole drängen sich uns geradezu auf. Wahrnehmungen und Erkenntnisse, die alle Arten von Wirklichkeiten betreffen, nehmen Gestalt an. Symbole sind überall, rechts und links und vorne und hinten." Chögyam Trungpa

Diese Aussagen des tibetischen Tulkus Chögyam Trungpa stammen aus Vorträgen, die er in den USA für Künstler gehalten hat. Nun muss man wissen, dass "Dharma Art", wie es in der von ihm gegründeten Shambhala Schule genannt wird, eine Lebenskunst ist, die alles umfasst: "... wie man kommuniziert, wie man spricht, wie man kocht, wie man seine Kleidung und die Nahrungsmittel im Supermarkt auswählt - jedes kleine Detail." Dieselbe Auffassung also wie mein "Zen als Lebenskunst". Um dies zu praktizieren, brauchen wir Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Moment, völlige Wachheit für das, was sich gerade zeigt. Sobald wir uns in dem Geschwätz unseres Geistes verlieren, ist die Verbindung mit der Lebendigkeit und Fülle des Augenblicks zerrissen.

Aber vielleicht wollt Ihr ja nicht nur Lebenskünstler sein, sondern in einem Medium künstlerische Aussagen machen. Kein Widerspruch, sagt Trungpa. Aus dieser Wachheit und Klarheit entstehe mühelos auch die klassische Kunst - das Bild, die Fotografie, die Kalligrafie, das Gedicht, das Blumengesteck. "Dann beginnen wir, mit der Wahrnehmung des Objekts einfach zu sein, ohne es zu akzeptieren oder zurückzuweisen. Das ist eine Art von Stillstand, in der Kommentare und Bemerkungen unwichtig werden; wichtig ist allein das Sehen der Dinge, wie sie sind." 

Sind das nicht zwei Aussagen, die sich widersprechen, die "Dinge, wie sie sind" und das Thema "Symbol"? Für uns Zen-Praktizierende (die wir Wahrnehmungs-Experten sind) ist das kein Widerspruch. Wenn sich im alten Griechenland zwei Freunde für längere Zeit trennen mussten, brachen sie beim Abschied einen Tonring in der Mitte durch. Jeder Freund bekam eine Hälfte dieses symbolon.. Bei der Wiederbegegnung nach vielen Jahren dienten die beiden Hälften, die zusammenpassten, als Erkennungszeichen: Ja, er ist es wirklich, mein Freund. Ein Symbol ist also laut Wikipedia "eine Sache oder ein Zeichen, das für etwas anderes steht".

In der Zen-Tradition gibt es diese bekannte Aussage: Wenn der Schüler mit der Praxis beginnt, sind die Berge einfach nur Berge. Nach langer Zeit der Übung erkennt er plötzlich, dass die Berge gar keine Berge sind. Übt er aber nach dieser Erkenntnis immer weiter, kommt der Tag, an dem die Berge wieder Berge sind.

Die "Dinge" der Welt - der Berg, die Ameise, der Apfel, der Geliebte - sind zugleich sie selbst und ein Symbol. Zuerst betrachten wir als Künstler ihre äußere Form und Beschaffenheit: das zarte Gelb des Apfels, das in kleinen grüngelben Strichen hinüberführt in eine Art rostiges Rot. Die Felsspalte hoch oben am Berg, durch die, wie wir nach einer Weile des geduldigen Schauens erkennen, ein Rinnsal fließt. Und dann - wir wissen nicht, wie und warum das geschieht - öffnet sich auf einmal die Form und schickt uns eine Botschaft in Gestalt einer fühlbaren Energie oder einer plötzlichen Erkenntnis in unserem Geist. Wir sehen: der Berg ist viel mehr als ein Berg, der Apfel viel mehr als seine äußere Form. Das ist der Moment, in dem wir zum Pinsel, zum Bleistift, zur Kamera greifen. Wir haben wirklich gesehen - und die Welt hat sich geöffnet.

Dann kehren wir zurück in unsere Alltagswelt mit unserem Bild, dem Gedicht, der Erkenntnis, und der Apfel ist wieder ein Apfel, der Berg ist wieder ein Berg. Aber wir sind nicht mehr dieselben. Wir haben das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen gesehen, haben eine Botschaft von einer anderen Wirklichkeit empfangen, die sich durch die Dinge der Welt unablässig ausspricht. Vorher hatten wir nur die eine Hälfte des symbolon, die äußere Gestalt der Dinge. Jetzt haben wir die zweite Hälfte gefunden, und sie passt.

Wie wäre es, jeden Tag oder jeden zweiten oder dritten eine Stunde dem wirklich tiefen Sehen zu widmen? Mit Bleistift oder Kamera oder einfach mit weit offenen Augen und Ohren. Sehen, ohne das Gesehene zu kommentieren, zu beurteilen oder einzuordnen. Lauschen. Spüren. Und auf die Botschaft warten, die ganz bestimmt kommen wird.

Diesen ganzen warmen Sommer lang. Wie wäre das?

Mittwoch, 17. Mai 2017

Frau Irgang kocht. Und hat ein Schüsselerlebnis.



Selbst in altehrwürdigen Seminarhäusern heißt so etwas heute "Buddha Bowl". Zu dieser Inflation des Wortes Buddha sag ich jetzt mal nix.

Aber ich sage, was heute in meiner Schüssel war:

* Grüner Spargel
* Avocado
* Tomaten
* Rote Bete
* Quinoa (warm)
* Gebratener Halloumi, mit Mohn bestreut


Dazu ein geniales Dressing aus Frühlingszwiebeln, 1 TL Honig, 1 TL Harissa, etwas Zitrone, 1 EL Olivenöl. Mit Minze garnieren.

Das Dressing und die BOWL wurden inspiriert von der Köchin Anna Jones, die ich nicht genug loben kann. Ihre beiden Kochbücher "a modern way to eat" und "a modern way to cook" sind bei mir täglich im Einsatz. Mehr hier auf ihrer Homepage.

Übrigens gibt es beide Kochbücher auch auf Deutsch unter denselben (englischen) Titeln.

Freitag, 12. Mai 2017

Joachim Kaiser +11. 5. 2017

Quelle: Wikipedia

Seltsam, vor ein paar Tagen dachte ich an ihn. Ich hatte lange nichts von ihm gelesen. Es war immer stiller um ihn geworden, aber andererseits bekam ich so vieles aus seinem Umkreis und Wirken nicht mehr mit, seit ich München verlassen hatte.

Er war für viele Künstler - Musiker, Sänger, Schriftsteller und Theatermenschen - der eine große, der größte Kritiker Deutschlands. Universal gebildet, hochintelligent, begabt mit einer Formulierungskunst, die sehr oft die der Autoren, die er kritisch begleitete, übertraf.

Wir begegneten einander, als ich 1985 auf Einladung von Marcel Reich-Ranicki eine Geschichte beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt las und Joachim Kaiser in der Jury saß. Die Gefechte zwischen "Kaiser und Reich" waren legendär. Die beiden waren Antipoden - der eine ein Schwertschwinger, der andere ein Florettfechter. Nun hatte ich das Glück, dass Reich-Ranicki meine Geschichte nicht mochte, was er begründete mit dem für einen Kritiker eigentlich völlig unmöglichen Satz "Ich mag keine Kindergeschichten". Das war das Stichwort für den Auftritt von Joachim Kaiser. Er analysierte meine Sprache und meine Form mit der hochsensiblen Wahrnehmung eines Musikers für Zwischentöne (meine Arbeit damals bestand fast ausschließlich aus Zwischentönen, die Worte waren eher Gerüste für das Dazwischen ...), und als am letzten Tag jeder Juror seinen Vorschlag für den Bachmann-Preis vortrug, nannte er meinen Namen. Als Einziger. Es gab aber noch zwei andere Preise. Für den zweiten Preis nannte er - mich. Und als es dann zum dritten Preis kam, und er anhob: "Man muss es dreimal sagen ...", tobte das Auditorium, und es schlossen sich ihm tatsächlich zwei andere Juroren an.

Ich bekam keinen Preis. Es war mir gleichgültig. Diese ganze unsägliche Veranstaltung, bei der es nicht um die Literatur ging (und wohl bis heute nicht geht), sondern um Selbstdarstellung von Autoren und Kritikern, hätte ich am liebsten am ersten Tag verlassen, wenn es Kaiser nicht gegeben hätte. Weil da einer saß, der die Literatur liebte, wirklich liebte, und deshalb litt, wenn etwas danebengegangen war, und sehr, sehr scharf werden konnte, wenn er hohle Formulierungen hörte oder einen Autor eitel fand (er, der selbst nicht ohne Eitelkeit war). Und weil einer, endlich, meine Arbeit verstanden hatte. Nachdem alles vorbei war, kam er auf mich zu und stand unter Strom, wie immer damals. "Die verstehen alle nichts von Literatur", sagte er. "Gefällt es Ihnen hier? Ich finde es furchtbar." Und: "Ich wusste, dass Sie den Preis nicht bekommen würden, aber ich wollte unbedingt auf Sie aufmerksam machen."

Das war ihm gelungen. Kurze Zeit später bekam ich den Bayerischen Literaturpreis und den Rom-Preis Villa Massimo, aber da begann ich schon - das wusste ich damals noch nicht -, mich von der Welt der Eitelkeiten des Literaturbetriebs abzuwenden.

Joachim Kaiser ist am 11. Mai 2017 gestorben. Er hat mir einen Weg eröffnet. Ich werde diese eine und einzige Begegnung mit ihm nie vergessen.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Post aus Finnland


 ... ein winziges Buch (4 x 5,5 cm) von Taija, Leserin und Weggefährtin, die den schönen Blog "Augengeblicktes" hat. Das Titelblatt aus Birkenhaut, drei kleine Fächer innen, darin drei winzige Federzeichnungen mit einem Hauch Farbe, Wahrnehmungsmomente aus Finnland: Weil doch meine Seele eine Finnin ist, die sehr viel mehr Weite, Ruhe, Stille und Einsamkeit braucht, als sie hier, wo sie nun mal lebt der Sprache wegen, findet ...


... und dann träumt da oben noch die Katze, und ich sehe, dass sie ihrer Umgebung vertraut: Das ist eine Katze, die nur Gutes kennt, Frieden, Wärme und Sattheit, und deshalb schläft sie so tief ...

Ganz großen Dank, liebe Taija, ich habe mich sehr gefreut!

Montag, 8. Mai 2017

Ein Same des Absoluten


Das Absolute arbeitet mit nichts -
es gibt keine Lehrveranstaltung, kein Material.
Versuche, ein weißes Blatt Papier zu sein.
Sei ein Fleckchen Erde, auf dem nichts wächst,
aber etwas gepflanzt werden könnte,
vielleicht ein Same des Absoluten.

Rumi

The Absolute works with nothing.
The workshop, the materials
are what does not exist.
Try to be a sheet of paper with nothing on it.
Be a spot of ground where nothing is growing,
where something might be planted,
a seed, possibly, from the Absolute.

Rumi

Photo credit David Nyblack

Dienstag, 2. Mai 2017

Sei weit, sei weit!


Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
er wird dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke
 

Sonntag, 30. April 2017

Wolf Singer, Matthieu Ricard "Jenseits des Selbst"


 Hier meine Rezension zum Nachhören (klick)

Der Neurowissenschaftler Wolf Singer und der buddhistische Mönch Matthieu Ricard haben sich acht Jahre lang immer wieder zu Gesprächen getroffen. Matthieu Ricard, der offizielle Französisch-Übersetzer des Dalai Lama, war früher Molekularbiologe, und deshalb begegnen sich zwei Wissenschaftler auf Augenhöhe.

Sie sprechen über Freiheit und Liebe, Wahrnehmung und Bewusstsein, über Achtsamkeit und die Frage, ob es ein Selbst gibt oder nicht. Was der Buddhismus bekanntermaßen verneint: Es gebe keine Entität namens Selbst, nur einen kontinuierlichen Strom von Erfahrungen. Der Neurowissenschaftler sieht das natürlich anders: Ein starkes Selbst sei notwendig, um in der Welt zu bestehen. Der Mönch kontert: Nicht ein starkes Selbst sei notwendig, sondern ein starker Geist. In der Frage nach dem Selbst kommen sie zu keiner Übereinstimmung, was auch nicht zu erwarten war. Der Urgrund des Seins oder die "primäre Ursache", wie Matthieu Ricard es nennt, entzieht sich der Untersuchung durch die Wissenschaft. Noch zumindest.

Sie kommen oft von weit entfernten Positionen aufeinander zu, sind keineswegs immer einer Meinung (wie erfrischend!), lauschen aber dem anderen mit Aufmerksamkeit und echtem Interesse. Und nachdem sie die Begriffe des anderen geklärt haben, finden sie manchmal überraschende Übereinstimmungen.

Ein anspruchsvolles, bereicherndes Buch. Nicht nur für Wissenschaftler und Meditierende. Große Lese-Empfehlung von mir.


Dienstag, 25. April 2017

Kintsugi. Die Schönheit des Zerbrochenen.


Der japanische Shogun des 14. Jahrhunderts Ashikaga Yoshimitsu zerbrach einst seine liebste Teeschale. Er ließ sie nach China schicken in der Hoffnung, sie von erstrangigen Keramikern so repariert zu bekommen, dass sie wieder wie neu aussehen würde. Als die Schale jedoch zurückkam, war er entsetzt: Die Scherben waren lieblos mit Metallklammern zusammengefügt. Da beauftragte er die besten Keramiker seines Landes mit der Reparatur. Nach langem Experimentieren präsentierten sie dem Shogun eine Teeschale, die aus den Scherben der alten bestand, aber ganz und gar neu war: Sie hatten die Bruchlinien mit einer Paste zusammengeklebt, der sie reinen Goldpuder zugesetzt hatten. Sie nannten das Verfahren kintsugi. Kin = golden, tsugi = zusammenfügen.

Anstatt die Beschädigung zu verstecken, hatten die Keramiker sie in einem künstlerischen Akt betont und die Schale zu wahrer Schönheit erhoben.

Kintsugi wird bis heute in Japan ausgeübt, und seine Symbolik hat viel mit Zen zu tun. Wenn unsere Pläne, unsere Ziele, unsere Gesundheit, unser Arbeitsplatz, unsere Ehe vom Leben einfach so zerbrochen werden - was tun wir dann? Suchen wir uns eine anerkannte Autorität, die sich irgendwie den Ruf erworben hat, Experte für das Zusammenfügen von Zerbrochenem zu sein, und möglichst weit entfernt lebt und teuer ist (Arzt / Therapeutin / Guru / Zen-Meisterin / Priester); erwarten wir, dass die Person unser Leben so wieder herstellt, wie es vorher war? Versuchen wir selbst verstohlen, aus den Scherben die alte Form wieder herzustellen, vielleicht indem wir sie notdürftig verklammern mit irgendwelchen Arrangements oder falschen Kompromissen, die keinen Beteiligten glücklich machen? Verstecken wir verschämt unsere Gebrochenheit vor der Welt, weil sie nicht hineinpasst in die allgemeinen Vorstellungen von Perfektion, Fitness und "Glücklichsein"?

Oder fällt uns rechtzeitig ein, dass wir die einzigen Experten für unser Leben sind, sammeln die Scherben auf und setzen sie (vielleicht hilft ein naher Mensch dabei) liebevoll zu einer ganz neuen Form zusammen? In ihr ist das Alte immer noch enthalten, aber jetzt ist es tragfähig geworden, denn wir haben jeden winzigen Rest-Splitter unseres Lebens zusammengefügt mit unserer Behutsamkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung, unserem Mut und unserer Kreativität - unseren kostbaren Fähigkeiten, die Gold wert sind.

Vorher sah unser Leben aus wie das Leben vieler anderer. Jetzt ist es einzigartig. Ganz und gar unseres. Ein Lebens-Kintsugi.


Donnerstag, 20. April 2017

Seminar im Kloster Heiligkreuztal 2017


Kloster Heiligkreuztal
5. - 7. Mai 2017

Die Kostbarkeit des Augenblicks

Seminar mit Margrit Irgang


Sehen wir uns? Ich würde mich freuen.

 

Montag, 17. April 2017

Friedvolle Ostern


Was sind das für Zeiten, in denen die Osterbotschaften der Kirchen nicht frohe Botschaften sind. Sondern von Krieg, Gewalt und Terror sprechen. 

Thich Nhât Hanh sagt uns immer wieder, dass die Welt ein Spiegel ist für unseren Geist: "Ihr könnt erst Frieden erschaffen, wenn ihr selbst friedvoll seid."

So höre ich das wunderbare Lied "Verleih und Frieden gnädiglich" von Felix Mendelssohn, das mein Chor gerade für das nächste Konzert probt: Als Erinnerung daran, den tiefen Frieden zu berühren, der das wahre Wesen meines Seins ist - des göttlichen Seins, von dem wir alle Teil sind. Vielleicht erschafft dann mein friedvoller Geist in der winzigen Ecke der Welt, die ich bewohne, ein wenig Gewaltfreiheit.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meines Blogs ein friedvolles Osterfest.

Donnerstag, 13. April 2017

Ratlose Tauben, ein beleidigter Kater und ich, die über unterschiedliche Prioritäten nachdenkt

Die restlichen Federn sind vom Winde verweht

Der Kater hat eine Taube gefleddert.

Ich habe das gar nicht mitbekommen. Es gab ein paar dumpfe Schläge auf dem Dach, und da sprang er schon auf den Balkon, der Kater, und legte mir ein großzüges Maulvoll Federn vor die Füße. Dann bemerkte ich die große Stille über mir. Das jährliche Balzgegurre auf dem Dachfirst war verstummt. Kein Nestbau mehr unter der Solaranlage, dort, wo kein Mensch hinkommt, ohne in Gefahr zu sein, sich den Hals zu brechen. Die Federn vor meinen Füßen waren Taubenfedern.

Zwei Stunden später entdeckte ich das Taubenpaar auf dem Dachfirst des gegenüberliegenden Hauses. Die eine sah an der rechten Seite aus wie gerupft. Beide wirkten irgendwie ratlos. Und waren sehr sehr still. Ihr Taubenuniversum war aus dem Lot geraten. Sie hatten doch nur einen sicheren Platz für ihren Nachwuchs gesucht; den Platz kannten sie seit Jahren, der war doch immer gut gewesen. Feinde, hatten sie gelernt, kommen von oben, in Form von Habicht, Bussard, Uhu. Welche Taube rechnet mit einer Katze auf dem Dach! Vielleicht müssen jetzt im Taubenhirn ganz neue neuronale Schaltungen gelegt werden. Man kennt das ja von Vögeln, die als Gemeinschaft das übernehmen, was einer der Ihren gelernt hat, wie Rupert Sheldrake in seinen Forschungen zu den morphogenetischen Feldern so eindrücklich zeigt. Also wird vielleicht in die Hirne aller künftigen Tauben einprogrammiert: Nistet nicht auf Dächern, da lauert der Feind. Und der Kater hätte einen wertvollen Beitrag geleistet zur Verminderung der Taubenpopulation in Städten.

Ich habe mit dem bösen Kater geschimpft. Da war er sehr beleidigt; er hatte doch nur getan, was Katzen eben so tun, und mir sogar diese schönen Taubenfedern zum Geschenk gemacht. Wenn er beleidigt ist, klappert er mit dem Gebiss und gibt ein Widermaunzen mit einem Knurren als Unterton. Ich schimpfe. Er knurrmaunzt. Er hat immer den letzten Ton, weil ich irgendwann aufgebe.

Ich sah dann das Taubenpaar wegfliegen. Die Gerupfte flog etwas taumelnd, aber sie flog. Und seitdem ist keine Taube mehr zu sehen in meinem Viertel.

Der gute Kater. Der mir so eine herrliche Stille erschaffen hat.

(Übrigens: Mal auf den kleinen Button "Kommentare" unten klicken. Da steht auch Lesenswertes. Man kann auch selbst Gedanken dort hinterlassen. Nur mal so als Anregung ...)

Dienstag, 4. April 2017

Künstler der Stille #5: Agnes Martin und die atmenden Bilder


Kunstmuseum Winterthur im Frühjahr 1992. Ich hatte ein Bild aus einer Ausstellung in meiner örtlichen Zeitung gesehen und war in die Schweiz gefahren, um diese unglaublichen Bilder im Original zu sehen. Es waren kleine Arbeiten auf Papier, Linien, Gitter, ein Hauch von Farbe im Hintergrund. Ich war die einzige Besucherin. Ich blieb drei Stunden und war glücklich. Das kann ich nicht erklären: Dieses tiefe Glücksgefühl, das die Bilder von Agnes Martin immer wieder in mir auslösen. Es ist ein Glück, das aus Leichtigkeit, Licht, Weite und Freiheit besteht. Aus Alleinsein. Aus Einverstandensein mit dem, was ist. In diesen Bildern bin ich zu Hause.

Ich kaufte den schmalen Katalog mit ein paar Schriften von einer, die das Wort nicht mochte und nicht brauchte. Jemand sagte mir, sie habe in den letzten fünfzig Jahren ihres Lebens keine Zeitung mehr gelesen. Das verstand ich sofort. Sie brauchte keine Neuigkeiten. Sie hatte das Sein, den Urgrund, aus dem sie schöpfte. Sie wusste so viel. Alles, was wirklich wichtig ist, wusste sie.

Ihr Kunsthändler und Vertrauter der letzten Jahre Arne Glimcher sagte: "The painting is a key to the art within you." Diese Bilder sind Meditationsobjekte. Sie öffnen uns für den Künstler in uns selbst. Also für das, was wir wirklich sind.

"Our inspirations come as a surprise to us. Following them our lives are fresh and unpredictable. But if in disobedience we imitate the lives of others or follow concepts or precepts our lives will be dull and unsatisfying and predictable. You can only be happy by being on the path of your unfolding potential. The path will be revealed to you by a request to your own mind.

Inspiration is a command. While you have a choice that is not inspiration. If a decision is required that is not inspiration and you should not do anything by decision. It is simply a waste of time. Only actions carried out in obedience to inspiration are effective.

To discover the conscious mind in a world where intellect is held to be valuable requires solitude - quite a lot of solitude. We have been very strenuously conditioned against solitude. To be alone is considered to be a grievous and dangerous condition. 

Best things in life happen when you are alone. All revelations."  Agnes Martin

"Unsere Eingebungen kommen zu uns als Überraschung. Folgen wir ihnen, ist unser Leben frisch und unvorhersehbar. Aber wenn wir nicht gehorchen und das Leben von anderen nachahmen oder Konzepten und Geboten folgen, wird unser Leben langweilig, unbefriedigend und berechenbar sein. Du kannst nur glücklich sein, wenn du auf dem Weg deines sich entfaltenden Potenzials bist. Der Weg wird dir gezeigt, wenn du deinen eigenen Geist darum bittest.

Eingebung ist ein Befehl. Wenn du eine Wahl hast, ist das nicht Eingebung. Wenn eine Entscheidung verlangt wird, ist das nicht Eingebung, und du solltest nichts auf Grund einer Entscheidung tun. Das ist einfach Zeitverschwendung. Nur Handlungen, die der Eingebung gehorchen, sind wirkungsvoll.

Den bewussten Geist in einer Welt zu entdecken, die den Intellekt für wertvoll hält, erfordert Alleinsein - ziemlich viel Alleinsein. Wir sind sehr energisch gegen das Alleinsein erzogen worden. Allein zu sein wird als schmerzhafter und gefährlicher Zustand betrachtet.

Die besten Dinge im Leben geschehen, wenn du allein bist. Alle Offenbarungen." Agnes Martin


Hier ein Video aus ihren letzten Lebensjahren.

Mittwoch, 29. März 2017

Wahrnehmung: Was findet mich?


"Wahrnehmung" ist ein Wort, das mich immer wieder beschäftigt. Warum nehme ich plötzlich etwas wahr, das die ganze Zeit da war, ohne dass ich es wahrgenommen habe?

Ich habe gerade die sehr guten Gespräche zwischen dem Neurowissenschaftler Wolf Singer und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard für den SWR rezensiert (das Buch stelle ich demnächst hier vor). Die beiden beschäftigen sich auch eingehend mit Wahrnehmung. Wolf Singer sagt: "Ich behaupte, dass Wahrnehmung immer Interpretation ist und daher sensorischen Signalen notwendigerweise Eigenschaften zuweist. In diesem Sinne sind Wahrnehmungen immer Konstrukte." Wolf Singer also verbindet Wahrnehmung sofort mit der Interpretation, die wir ihr geben. Aber vielleicht gibt es eine frühere Ebene der Wahrnehmung? Der buddhistische Mönch Matthieu Ricard spricht von der Einsicht in die wahre Natur der Dinge: "Die Erkenntnis, dass die Welt der Phänomene ein dynamischer, interdependenter Fluss von Ereignissen ist, und das Wissen, dass das, was wir wahrnehmen, aus der Wechselbeziehung unseres Bewusstseins mit ebendiesen Phänomenen resultiert." Einsicht also, und das ist schon eine weit tiefere Ebene als die der Interpretation.

Aber es gibt noch eine höhere Ebene, und von ihr spricht das Zen. Dort gibt es niemanden mehr, der wahrnimmt: "Es gibt nur das Wahrnehmen; es gibt niemanden, der wahrnimmt. Wenn erkannt wird, dass es keinen gibt, der wahrnimmt, und das Wahrnehmen alles ist, was es gibt, werden ganz selbstverständlich das Wahrnehmen und das Wahrgenommene als zwei Aspekte des vereinigen Ganzen gesehen, wie Zahl und Kopf einer Münze. Zahl und Kopf können nicht getrennt werden. Der Körper ist ein Sinnesorgan des Bewusstseins. Ohne den Körper und den Geist könnten die Bäume sich selbst nicht sehen. Für Gewöhnlich meinen wir, dass wir einen Baum anschauen, aber der Baum schaut auf sich selbst durch uns. Ohne dieses Instrument kann der Baum sich nicht sehen. Wir sind Sinnes-Instrumente des Göttlichen." (Adyashanti)

In jedem meiner Seminare schicke ich uns alle für eine knappe Stunde auf einen Wahrnehmungs-Gang ins Freie - in den Wald oder den Klostergarten oder was immer das jeweilige Seminarhaus bietet. Wir haben vorher einen Tag lang in Stille und Schweigen gesessen und gegessen, und jetzt tritt die Welt in unseren Erfahrungsbereich. Nicht die laute große wirbelige (die würden wir in diesem Moment überhaupt nicht aushalten), sondern die Natur, die ja immer da ist. Aber sie scheint sich verwandelt zu haben: So intensiv haben die Vögel noch nie gesungen, so blau waren die Leberblümchen noch nie, so zart sahen die kleinen sich entfaltenden Fächer der Birkenblätter noch nie aus.

Und weil sie aus der inneren Stille heraus wahrnehmen, verstehen alle Teilnehmer sofort: Der Gesang der Vögel, die Farben der Blumen und die Knospen brauchen unsere Interpretation nicht. Sie sind einfach da. In dem Raum, den sie und wir teilen. Das genügt. Das ist mehr als genug.

Wenn unser inneres Geplauder - all das Kommentieren, Bewerten, Etikettieren - schweigt, wird der innere Raum groß und weit. In ihm singen die Vögel, blühen die Blumen, fällt der Regen. Wer nimmt hier wen wahr? Haben wir die Natur gesucht, oder hat die Natur uns gefunden?

Ich habe inzwischen eine sehr schlichte Interpretation von Wahrnehmung: Ich nehme etwas wahr und staune, dass es mich gefunden hat. Manchmal mag ich das, was mich gefunden hat, manchmal auch nicht. Das ist nicht wichtig. Es braucht mich, ich bin sein Sinnesorgan. Dabei kann ich es natürlich nicht belassen. Ich will das Wahrgenommene "ausdrücken", in Worten, Bildern oder Klängen. Und das, ja, das ist dann doch wieder Interpretation. Aber wenn die Stille, in der ich es wahrgenommen habe, tief und weit genug war, wenn also mein Bewusstsein sich eingeklinkt hat in das Bewusstsein des großen Ganzen, gelingt vielleicht der Ausdruck ohne Willkür, ohne Einmischung des Egos.

Und so gehe ich manchmal einfach vor mich hin, wie Goethe: "Nichts zu suchen, das war mein Sinn." Und lasse mich finden.


Mittwoch, 22. März 2017

Das Netz des Indra


"'Es gibt für jeden Tag zwei Pläne - meinen und den des Geheimnisses', sagen die Ureinwohner von Grönland, die Inuit. Wie alle indigenen Völker wissen sie noch, was auch wir einst wussten: Wir sind so viel größer als das, was wir im Allgemeinen für unser Ich halten. Wir sind verbunden mit der Sonne, dem Regen, dem Wind und dem Schnee. Wir teilen diese Welt mit den Tieren, den Pflanzen und allen anderen Menschen. Wir sind eingebettet in eine Ganzheit, und alles in dieser Ganzheit lebt, atmet, webt an dem großen Netz, das wir Leben nennen, und wirkt auf uns ein.

Wie kommen wir dazu, zu glauben, wir könnten unabhängig von diesem großen Zusammenhang unsere kleinen egoistischen Pläne machen, die sich gefälligst auch zu erfüllen haben? Woher nehmen wir unsere Arroganz, uns zu beklagen, wenn diese Pläne entschieden durchkreuzt werden?

In Hinduismus und Buddhismus gibt es ein schönes Bild für die Verbundenheit alles Seienden. In diesen Traditionen wird erzählt, Gott Indra habe ein Netz geknüpft und jeder Knoten darin sei ein in viele Facetten geschliffenes Juwel. Wenn nun in einem Juwel eine Bewegung stattfindet, spiegeln alle anderen Juwelen diese Bewegung wieder, werden von der Bewegung, die sie aufgenommen haben, verändert, und ihr verändertes Sein wird wiederum von allen anderen Juwelen gespiegelt. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze und jedes Mineral - sagt die Tradition - ist ein solches Juwel. Wenn also in einem Menschen eine Bewegung stattfindet, wird sie von den Menschen in seiner Umgebung aufgefangen und weitergespiegelt."





Aus dem Buch : Margrit Irgang "Die Kostbarkeit des Augenblicks. Was der Tod für das Leben lehrt", Kreuz Verlag, ISBN 978-3-451-61303-6

Donnerstag, 16. März 2017

Mein Seminar im Kloster St. Trudpert


Da mich etliche Seminarteilnehmer in den vergangenen Jahren gefragt haben, ob ich nicht einmal ein etwas längeres Seminar anbieten will, habe ich die Einladung von Herder-Reisen angenommen. Ich lade Sie und Euch also herzlich ein in das schöne Kloster St. Trudpert in Münstertal, südlich von Freiburg. Münstertal ist Bahnstation und deshalb problemlos auch ohne Auto erreichbar.

Leuchtende Stille

Meditations-Seminar mit Margrit Irgang

Dienstag, 25. April, bis Freitag, 28. April 2017

Hier Informationen und Anmeldung (klick) 

Wer die Stille ein wenig ausklingen lassen will, kann seinen Aufenthalt im Kloster verlängern. 

Das Video zeigt einen Drohnen-Flug über die Klosteranlage - ist das nicht der perfekte Ort für ein Seminar mit dem Titel "Leuchtende Stille"?

Ich freue mich sehr darauf, mit Euch und Ihnen die Stille zu teilen und Achtsamkeit zu praktizieren.
 

Sonntag, 12. März 2017

Museumsinsel Hombroich


Ich lernte Karl-Heinrich Müller vor etwa zwanzig Jahren bei einem Retreat mit Thich Nhât Hanh kennen. Ein Immobilienmakler, der Kunst liebte; ein Sammler, der sich einen Traum erfüllt hatte: eine "Insel" für seine Sammlung zu schaffen, auf der Natur und Kunst, Musik und Literatur einander inspirieren können. Karl-Heinrich Müller war auch ein zutiefst spiritueller Mann, und wir begannen ein Gespräch. Jahre später schlug ich dem SWR ein Feature vor über das Museum, das Karl-Heinrich Müller inzwischen in eine Stiftung überführt hatte, und fuhr auf seine "Insel", eine Auenlandschaft in der Nähe von Neuss: die Museumsinsel Hombroich.

Die Museumsinsel kann man nicht beschreiben, man muss sie erleben: Die atemberaubende Architektur (vor allem die von Tadao Ando), der Graubner-Pavillon, die ehemalige Raketenstation auf dem Gelände, die damals gerade zu einem Ort der Kunst umgebaut wurde, die Landschafts-Architektur. Ich unterhielt mich mit Karl-Heinrich Müller über Kunst und Spiritualität; saß im Häuschen des Beuys-Schülers Anatol neben dem prasselnden Holzofen und ließ mir von der Aufbruchszeit damals an der Düsseldorfer Akademie erzählen, als Anatol Beuys mit einem Kahn über den Rhein zurückholte, nachdem dieser entlassen worden war. Ich streifte durch die Wiesen, lauschte den Vögeln, entdeckte in den Pavillons - die selbst begehbare Skulpturen sind - geliebte Künstler wie Brancusi und Graubner, aber auch Statuen der Khmer und aus der Ming-Zeit und sitzende Buddhas voll ewiger Ruhe. Ich sah dem Spiel von Licht und Schatten zu, hörte die fast greifbare Stille und blieb drei Tage.

Karl-Heinrich Müller, dieser große Mäzen und bescheidene Mensch, ist tot, Anatol ist tot, und mein Feature ist nicht mehr in der SWR-Mediathek zu finden. Auch das gehört zur Vergänglichkeit, zum unablässigen Fließen der Phänomene. Nichts bleibt. Aber - noch - gibt es die Stille und das Licht und die Kunst auf der Museumsinsel Hombroich.

Im Frühjahr ist sie am schönsten. Und: Man sollte ganz früh dort sein, am besten als Erste. Hier die Homepage der Insel.

Donnerstag, 9. März 2017

Lesung in Salzburg


Ich lese aus meinem Buch "Wunderbare Unvollkommenheit" (und vielleicht auch ein wenig aus zwei, drei anderen Büchern) in Salzburg:

Freitag, 24. März 2017, 19.30 Uhr

Bildungshaus St. Virgil, Salzburg, Ernst-Grein-Straße


Das anschließende Seminar mit demselben Titel ist ausgebucht.
Ich freue mich auf viele bekannte (und viele noch ganz unbekannte) Besucher!

Freitag, 3. März 2017

Zeit zum Spielen!

Von links nach rechts: Rabe Sixtus, Hund Lutz, Ziege Sissi und der Esel

Wenn ich in der Freiburger Innenstadt bin, muss ich unbedingt durch die Fischerau gehen. Denn in der Fischerau gibt es drei Lieblings-Geschäfte: die Honig-Galerie, den japanischen Laden Kido und Barlebens Handspielpuppen. Die Puppen von Maria Barleben sind einzeln handgefertigt aus den edelsten Materialien und haben einen unverwechselbaren Ausdruck. Ich habe jedes dieser Tiere ins Herz geschlossen. Das Hausschwein Rosalie (war gerade abwesend, als ich gestern die Fotos machte), die Kuh Mathilde, die Katze, die Maulwürfe ... Gestern habe ich ein wenig mit Terrier Lutz und der Katze gespielt. Soll ich mir die Ziege Sissi zulegen? Was würde mein Kater dazu sagen?

Fragen über Fragen ...

Für alle, die sich noch scheuen, ihre Hand in ein weiches Mohairfell zu stecken und ihre Gefühle durch ein Tierchen lebendig werden zu lassen, zitiere ich den seriösen Friedrich Schiller: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

Hier könnt Ihr übrigens Herrn von Räudenfell begegnen. Na, das ist ein Typ, sage ich Euch.


Mehr hier auf der Website von Barleben

Montag, 27. Februar 2017

Ease. Wohlgefühl.


"In your willingness to pause during a moment of difficulty, to take a few breaths and tune in to all that is there, you may notice that a comforting presence starts to arise. It's by allowing yourself to feel and experience this presence that you can open yourself more and more to what is revealing itself in this moment. Even if it feels frightening, there is an underlying sense of well-being that is always with you and fully available, even if you don't feel well. My teacher used to call it 'the you who has no difficulty, even when you're having difficulty.'

When your're experiencing fear, if you really stop and open, you'll see that fear happens within a space of fearlessness, that sorrow happens within a comforting presence, that when we have the willingness to really open ourselves and experience our own resistance to that openness, we experience a state of ease and relaxation that underlies all of our trauma, all of our 'dis-ease'. In the end, it's opening to this other field of being - which is literally the foretaste of another state of consciousness - that allows us to move beyond suffering."


Adyashanti

**

"Wenn Sie in einem schwierigen Moment bereit sind, ein paar Mal tief zu atmen und sich auf alles, was gerade da ist, einzustimmen, bemerken Sie vielleicht, wie eine beruhigende Präsenz sich auszubreiten beginnt. Wenn Sie sich erlauben, diese Präsenz zu spüren und zu erfahren, können Sie sich mehr und mehr dem öffnen, was sich in diesem Moment entfaltet. Selbst wenn es sich erschreckend anfühlt, liegt darunter das Gefühl von Wohl-Sein, das immer bei Ihnen ist und Ihnen ganz und gar zur Verfügung steht, selbst wenn Sie sich nicht gut fühlen. Meine Lehrerin nannte es "das Du, das keine Schwierigkeiten hat, selbst wenn du Schwierigkeiten hast'.

Wenn Sie Furcht erleben und wirklich innehalten und sich öffnen, werden Sie sehen, dass die Furcht innerhalb eines Raumes der Furchtlosigkeit geschieht, dass Kummer inmitten einer beruhigenden Präsenz geschieht und dass wir, wenn wir bereit sind, uns wirklich zu öffnen und unseren eigenen Widerstand gegen diese Offenheit wahrzunehmen, einen Zustand des Wohlseins und der Entspannung erfahren, der unter all unseren Traumata liegt, unter all unserem Un-Wohlsein. Letztendlich ist es das Sichöffnen für diesen anderen Raum des Seins - und das ist buchstäblich der Vorgeschmack für einen anderen Bewusstseinszustand -, der es uns ermöglicht, uns jenseits des Leidens zu begeben."

Adyashanti

Photo credit to David Nyblack
 

Donnerstag, 23. Februar 2017

Ein wenig Stille an diesen lauten Tagen


Hier, im Süden Deutschlands, sind die nächsten sechs Tage lärmig, laut, voller Konfetti; lustig auf eine Weise, die ich nicht verstehe.

Ich werde mit meinen Seminarteilnehmern meditieren.

Und vorher und nachher zum Beispiel John Rutter hören. Gesungen von den Cambridge Singers.

Bis bald!

Mittwoch, 15. Februar 2017

Frau Irgang bäckt die wirklich knusprige (und dazu noch glutenfreie) Pizza


Warum stelle ich hier hin und wieder so etwas Banales wie Kochrezepte vor, obwohl es doch auf diesem Blog um ernstzunehmende Spiritualität geht? Als Erklärung verweise ich 1. auf meinen Post vom 20. Januar ("Form ist Leerheit. Leerheit ist Form"), 2. auf das Motto dieses Blogs "die poesie des augenblicks" und 3. auf Seite 117 in meinem Buch "Wunderbare Unvollkommenheit"; der Text trägt den Titel "Vom Kochen der Suppe", und er gehört zu dem Kapitel "Tief in der Arbeit".

Alles klar? Dann holen wir jetzt mal ein Backblech, eine Waage und eine Schüssel und fangen an.

Der Boden:

80 g glutenfreie Mehlmischung (ich nehme die von Bauck aus dem Bioladen)
45 g Buchweizenmehl
1/2 TL Psyllium husk (gemahlener Flohsamen)
12 g frische Hefe
100 ml lauwarmes Wasser
1/4 TL Salz
1 EL Olivenöl

Die Hefe im lauwarmen Wasser auflösen; alle Zutaten einschließlich des Hefewassers rasch verrühren. Ein Backblech mit Backpapier auslegen, den Teig auf dem Papier unter einer Lage Frischhaltefolie sehr dünn ausrollen und zugedeckt an warmem Ort 30 Minuten gehen lassen. Backofen auf 220 Grad vorheizen. In der Zwischenzeit den Belag vorbereiten. Bei mir heute:

Der Belag:

Eine Handvoll Champignons sehr dünn blättern, mit einem Spritzer Olivenöl, einer zerdrückten Knoblauchzehe und etwas getrocknetem Basilikum kurz in der Pfanne anrösten. Mit Salz und Pfeffer würzen, beiseite stellen.

1/2 Glas Bio-Tomatensauce, 1 EL Ricotta und 1 TL Red Pesto verrühren, kräftig würzen mit Chili, Cayenne-Pfeffer und Salz. Die Mischung auf den Boden streichen, die Champignons verteilen, eine Handvoll geriebenen Käse und eine zerzupfte Kugel Mozzarella darüberstreuen.

Pizza ca. 15 Minuten bei Ober- und Unterhitze backen. Dann das Blech auf den Ofenboden stellen und noch weitere 2-5 Minuten backen (je nach Herd). Aufpassen, dass der Pizzaboden nicht verbrennt.

Die Pizza ist wirklich knusprig und schmeckt besser als die bei meinem Italiener an der Ecke! Guten Appetit!

Sonntag, 12. Februar 2017

Ken Wilber: Religion - oder eine Spiritualität, die transformiert?

Fotos: Margrit Irgang, Proesi via Wikipedia, Fangkong via Wikipedia

Als ich vor über dreißig Jahren meine Zen-Praxis aufnahm, hatte ich große Probleme mit meinem christlichen Umfeld. Man war der Meinung, ich sei auf einem gefährlichen Weg, "das Östliche" sei "für uns westliche Menschen" ein Rückschritt. Das Christentum, so die allgemeine Ansicht, sei "weiter" als der Buddhismus, und ein anthroposophischer Freund versuchte geradezu fanatisch, mich davon zu überzeugen, dass "Jesus die Reinkarnation von Buddha" sei. Das Vergleichen zweier Religionen war an sich schon absurd, aber das Wichtigste entging meinen Bekannten, weil ich es einfach nicht vermitteln konnte: Ich bewegte mich gar nicht im religiösen Kontext.

Ich hatte schon als Kind das, was ich heute (ungern, ich mag den Ausdruck nicht, finde aber keinen passenderen) "spirituelle Erfahrungen" nennen würde. Es gab niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte; erst, als mir im Alter von 18 Jahren ein Zen-Buch in die Hände fiel, erkannte ich darin Teile meiner Erfahrungen wieder. Das Zen-Training, das ich später aufnahm, war wie Heimkommen für mich: Ich verstand auf einmal, was ich erlebt hatte und wie ich es in einen großen Kontext einordnen konnte. Und ich lernte weiter (und lerne immer noch, es gibt kein Ende). Ich hatte eine spirituelle Praxis aufgenommen, die alle Annahmen über das Wesen des Seins und alle Illusionen über mein "Ich" zu transformieren versprach.

Kürzlich fiel mir zu diesem Thema beim Aufräumen ein langer Artikel von Ken Wilber in die Hände, den ich vor -zig Jahren ausgedruckt habe. Er ist irgendwann in der Zeitschrift "What is Enlightenment?" erschienen. Ich möchte ihn hier in Auszügen zusammenfassen, denn er befasst sich genau mit diesem Thema: Was ist Religion - und was ist eine Spiritualität, die transformiert?

Für Wilber hat Religion zwei Funktionen. In ihrer ersten bietet sie Mythen, Legenden und Rituale an. "Diese Funktion der Religion ändert normalerweise nicht den Grad des Bewusstseins eines Menschen. Sie führt zu keiner radikalen Transformation. Und sie sorgt auch nicht für eine umfassende Befreiung vom getrennten Selbst. Vielmehr tröstet sie das Selbst, baut es auf, verteidigt es, fördert es." Die zweiten Funktion der Religion sieht Wilber "normalerweise für eine sehr, sehr kleine Minderheit" in einer radikalen Transformation und Befreiung. "Diese Funktion der Religion stärkt nicht das getrennte Selbst, sondern zerschmettert es und bedeutet nicht Trost, sondern Zerstörung, nicht Einigelung, sondern Leere, nicht Wohlbehagen, sondern Revolution."

Die erste Funktion nennt Wilber "Übersetzung", also eine Auslegung von Welt-Erfahrung, die dem  Leben Sinn verleiht. Die zweite Funktion nennt er "Transformation". Die erste Funktion wird von der institutionellen Religion ausgeübt, die zweite fällt in den Bereich, in dem die Mystiker zu Hause sind. Und diese hatten - und haben eigentlich immer noch - Probleme mit der Kirche. Wer wie Meister Eckhart klar erkannt hat, "Gott ist nicht verschieden von mir", braucht keine Institution mehr, die ihm eine "Übersetzung" liefert. Er hat selbst erfahren, gesehen, erkannt. Denn, wie es Wilber ausdrückt: "Eine authentische Transformation ist keine Frage des Glaubens, sondern des Todes des Glaubenden, keine Frage der Übersetzung der Welt, sondern der Transformation der Welt. Nicht darum, wie man Trost findet, geht es, sondern wie man die Unendlichkeit jenseits des Todes findet."

Das klingt alles sehr radikal, nicht wahr? Erschreckend vielleicht? Als Frau möchte ich das deshalb etwas sanfter formulieren. Ich habe bei etlichen Menschen erlebt, dass die neue Sicht manchmal ganz leise daherkommt, auf Katzenpfoten. Als Erstaunen, als Staunen. Als Glück sogar: Sieh an, dieses vom Ganzen abgetrennte "Ich" gibt es gar nicht. Das ist "der Tod des Glaubenden", und davor haben die meisten Menschen Angst. Ich habe bemerkt, dass selbst in spirituellen Schulen, die transformative Praktiken anbieten - Zen, Vipassana, Sufismus - die wenigsten Menschen "die Unendlichkeit jenseites des Todes" finden wollen.

Fotos: Schorle via Wikipedia, zenways.org, Margrit Irgang

Natürlich spielt die Religion im Zusammenleben der Menschen eine wichtige Rolle. Wo wären wir ohne den gesellschaftlichen Hintergrund der Zehn Gebote im Christentum und der Gelöbnisse im Buddhismus, die eine zumindest grundlegende Ethik bereitstellen, die unsere Welt rudimentär zusammenhält? Wo wären wir ohne das Engagement von religiösen Menschen, die schlecht bezahlt oder unbezahlt Gemeindearbeit und karitative Hilfe leisten? Religion begleitet Geburt und Tod mit Ritualen und bietet eine Deutung an. Wilber sieht den Wert der Religion vor allem für den für die Erfahrung der Transzendenz unvorbereiteten Geist. "Diejenigen, die nicht angemessen übersetzen können, enden schnell in Neurosen oder sogar Psychosen. Das ist kein Durchbruch, sondern Zusammenbruch, nicht Transzendenz, sondern Desaster. Doch ab einem bestimmten Punkt innerhalb unseres Reifungsprozesses hört die Übersetzung einfach auf, uns zu trösten. Kein neuer Glaube für das Selbst, sondern die Transzendenz des Selbst insgesamt ist der Weg."

Was also tun wir, wenn uns Trost nicht mehr interessiert, wir keine weiteren Geschichten und Legenden hören wollen, aber sehen und erfahren wollen, anstatt zu glauben? Wir nehmen eine spirituelle Praxis auf, die uns transformiert. "Sie selbst, in der Unmittelbarkeit Ihres gegenwärtigen Bewusstseins, sind tatsächlich die ganze Welt, mit all ihrem Frost und ihrem Fieber, mit all ihrem Glanz und ihrer Würde, mit all ihren Erfolgen und ihrer Trauer. Sie sehen nicht bloß die Sonne, Sie sind die Sonne; Sie hören nicht den Regen, Sie sind der Regen. Sie fühlen nicht die Erde, Sie sind die Erde. Und so hat die Übersetzung in allen Bereichen ein Ende gefunden, und Sie wurden in das Herz des Kosmos transformiert - und dort, genau dort, wird alles ganz einfach, ganz still aufgelöst. Unter diesem offensichtlichen Schock der Erkenntnis - wo Ihr Selbst Ihr Meister und dieses Selbst der Kosmos und der Kosmos Ihre Seele ist - werden Sie in sanfter Weise durch die Nebel der Welt schreiten und diese vollständig transformieren, ohne etwas zu tun."

(Zitate aus: Ken Wilber "Eine Spiritualität, die transformiert". What is Enlightenment, Jahr unbekannt)

Montag, 6. Februar 2017

Schubert "Nacht und Träume"


Nun muss ich mich nach einem Jahr Proben von Schubert verabschieden. Mein Chor sang in zwei schönen intensiven Konzerten am Wochenende die Chorfassung von Schuberts "Winterreise" und Schuberts Messe in G-Dur. Eine neue Probenphase beginnt, mit anderer Literatur.

Und so schenke ich mir zum Abschied von Schubert diese zauberhafte Aufnahme seines Liedes "Nacht und Träume", das in unserem Konzert von der Sopranistin Jutta Plomer gesungen wurde.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern, dass sie in dieser politisch so heftigen Zeit, in der das Grobe und Gewöhnliche immer mehr Raum einnimmt, das Träumen nicht vergessen.

Sonntag, 29. Januar 2017

Hochsensibilität: Über das Leben mit "schwierigen" Menschen. High sensitivity: On living with "difficult" people.

Gampo Abbey entrance hall, Pema's monastery

I was asked to post a bit more for highly sensitive persons (see "Hochsensibilität" on the right side bar). Well, everything I post is for and about highly sensitive persons in a sense, being one myself. Okay, something special today. What about all those people in our lives who are not highly sensitive and do not even notice that they totally drain our energy with their behaviour? They are who they are. We are who we are. I found this excerpt from an interview with the Buddhist monk Pema Chodron, it is worth contemplating. Zen practice helped me in a high degree to keep my energy when other people shout at me, accuse me, show any kind of aggressiveness; for us this feels as if they would stick knives into our bodies because we do not have any borders between ourselves and others. But that's important: Do not forget to care for yourself - do not hesitate to tell someone to leave you alone when you feel he or she is more than you can bear at the moment. Pema mentions Leonard Cohen, who always appeared to me to be a highly sensitive person.

"You know who said it best? Leonard Cohen. He meditated all those years at Mt. Baldy Zen Center, often for twelve hours at a time. In an interview, he said he got so bored with his dramatic storyline. And then he made the comment, "The less there was of me, the happier I got." That's the answer to enjoy your life. It's to show up and have a sense of curiosity about whatever might appear that day, including it all in your sense of appreciation of this precious human birth, which is so short. I don't want to call it delight, although it can feeel like that. It's more curiosity. Some people say, I know what's going to show up today - the same old thing. But it's never really the same old thing.

The less there is of you, the more your're interested in and curious about other people. Who you live with and who you rub up against and who you share this world with is a very important part of enjoying your life. Sarte said, "Hell is other people", but this is the other view of that. When people irritate you, when they get your goat, when they slander you, whatever it might be, you still have a relationship with them. It's interesting that of all the billions of people on the earth, they're the particular ones who came into your world. There's respect for whatever happens, and this is only really possible if your're not rejecting whole parts of your experience." Pema Chodron

"Weißt du, wer das am besten ausgedrückt hat? Leonard Cohen. Er hat all die Jahre im Mt. Baldy Zen Center meditiert, oft zwölf Stunden lang. In einem Interview sagte er, seine dramatische Geschichte habe begonnen, ihn so zu langweilen. Und dann sagte er: "Je weniger von mir da war, umso glücklicher wurde ich". Das ist die Antwort auf die Frage, wie wir Freude am Leben haben. Es bedeutet, wach zu sein und ein Gefühl der Neugier zu haben für alles, was an diesem Tag auftauchen wird, und alles einzuschließen in dein Gefühl der Wertschätzung für diese kostbare menschliche Geburt, die so kurz ist. Ich möchte es nicht Vergnügen nennen, obwohl es sich so anfühlen kann. Es ist eher Neugier. Manche Menschen sagen, ich weiß schon, was heute passieren wird - immer dasselbe alte Zeug. Aber es ist nie wirklich dasselbe alte Zeug.

Je weniger von dir da ist, umso neugieriger und interessierter bist du an anderen Menschen. Es ist wichtig für deine Freude am Leben, mit wem du lebst und an wem du dich reibst und mit wem du diese Welt teilst. Sarte sagte: "Hölle, das sind die anderen". Aber das ist die andere Sichtweise. Wenn Menschen dich irritieren, wenn sie deine Knöpfchen drücken, wenn sie dich verleumden, was auch immer, so hast du doch immer noch eine Beziehung zu ihnen. Es ist interessant, dass unter all den Billionen Menschen auf der Erde gerade sie diejenigen sind, die in deine Welt getreten sind. Da ist Respekt für alles, was geschieht, und das ist nur möglich, wenn du nicht ganze Teile deiner Erfahrung ablehnst." Pema Chödrön

Found in the Buddhist magazine Lion's Roar.

Freitag, 20. Januar 2017

Form ist Leerheit. Leerheit ist Form.

Durch Tonkneten macht man Gefäße,
auf dem Nichts darin beruht des Gefäßes Brauchbarkeit.
Durch Aushöhlen von Türen und Fenstern macht man Häuser,
auf ihrem Nichts beruht der Häuser Brauchbarkeit.
Darum:
Das Seiende ist zwar nützlich,
das Nichts ist das Wirksame.
Lao-tse

Ich bin vorgestern zum dritten Mal innerhalb von drei Monaten dasselbe gefragt worden: Wie ich eigentlich das Schreiben mit meiner spirituellen Praxis vereinbaren könne - Sprache würde doch per se eine Dualität herstellen und könne die Einheit des Ganzen niemals abbilden. Das erinnert mich an eine Zen-Lehrerin, die mir am Anfang meiner Zen-Praxis kühl sagte: Wenn du die Wahrheit der Ganzheit erkannt hast, schreibst du nicht mehr. Ich war damals sehr betroffen und hatte keine Antwort darauf. Aber heute habe ich eine: Diese Sätze unterstellen, "Sprache" und "Ganzheit" seien zwei verschiedene Dinge. Aber Ganzheit ist eben Ganzheit - alles drin!

Im Prajnaparamita Hridaya Sutra, bei uns bekannt als Herz-Sutra, heißt es:

Form ist Leerheit, Leerheit ist Form,
Form ist nichts anderes als Leerheit,
Leerheit ist nichts anderes als Form.

Was meint der Buddhismus mit "Leerheit", diesem so missverständlichen Begriff? Ganz einfach die Fülle der Ganzheit. "Leer" bezieht sich hier auf "leer von einem eigenständigen Selbst", denn im Urgrund ist alles miteinander verbunden und ineinander verwoben, ununterscheidbar. Man kann es auch Brahman nennen, Universum, das Absolute, den Urgrund, die Wahrheit, und christliche Zen-Lehrer nennen es Gott. Mein Lieblingsbegriff dafür ist Stille. Aus dieser Leerheit aber entstehen unablässig Formen, aus dem Ununterscheidbaren entsteht das Unterscheidbare. Alles, was wir sehen, hören, empfinden, alle Dinge und Wesen entstehen aus dem Urgrund des Seins - den Moment des Entstehens nennen wir Geburt. Und irgendwann werden sie wieder in diesen Urgrund zurücksinken - das nennen wir dann Tod. 

Das Herz-Sutra nun fährt damit fort, zu erläutern, was es in der Leerheit nicht gibt - und was folglich der Praktizierende, obwohl Form, in Anbetracht der Leerheit eben nicht ist: Er ist nicht sein Auge, sein Ohr, seine Zunge, er ist nicht sein Körper, nicht sein Geist, er ist nicht seine Gedanken, seine Gefühle, seine Wahrnehmungen. Er ist der Urgrund, das Göttliche, die Leerheit. Als Praxis hat das durchaus seine Berechtigung: Fast alle Menschen (ich auch, wenn ich nicht achtsam bin) verlieren sich in der Faszination der Formen. Dann wird das Gefühl, die Wahrnehmung, der Gedanke, das Geld, der Erfolg, die romantische Liebe, der Roman, das Gemälde, die Komposition als etwas Eigenständiges betrachtet, das man unbedingt behalten, erreichen, haben und festhalten oder, wenn es sich unangenehm anfühlt, loswerden will. Und wenn die Form, die wir gern behalten wollen, sich wieder auflöst, weil dies das Wesen aller Formen ist, leiden wir unter dem Verlust.

Man kann die Praxis aber auch umkehren und in den Abermillionen Formen, die die Welt uns schenkt, den Urgrund erkennnen.

Spüren Sie die Stille in den Augen Ihrer Katze? Sehen Sie das Göttliche in Ihrem Nachbarn, der seinen Müll immer in Ihre Tonne wirft? Erkennen Sie die Geburt von etwas Neuem, wenn etwas in Ihrem Leben stirbt?

Das Universum (die Leerheit, die Ganzheit, Brahman, Gott, die Stille) erschafft unablässig neue Formen. Es spielt! Es spielt mit Klang, Ton, Farbe, Duft, Struktur, Licht, Schatten! Und ich spiele ein wenig mit, solange ich noch nicht in den Urgrund zurückgeholt wurde. Ich spiele mit meinen Stoffen (sie kommen aus der Stille), ich spiele mit meiner Stimme (sie kommt aus der Stille), ich schreibe ein wenig (die Sprache kommt aus der Stille).

Es gibt keine Trennung zwischen Leerheit und Form. Nur ein Hin- und Herfließen, ein Aufleuchten und Verdunkeln, ein Zeigen und Verbergen. Die Form, die ich "Ich" nenne, ist nur ein Instrument, das von der Stille bespielt wird. Wie Rumi zu seinem Geliebten sagte, und der Geliebte ist nur ein weiterer Ausdruck für die Stille: "Ich bin die Flöte. Du aber bist die Musik."

Es gibt keine Trennung.

So einfach ist das.


Sonntag, 15. Januar 2017

Andy Goldsworthy

 

Für alle, die sein Werk noch nicht kennen:
3 Minuten 39 Sekunden Andy Goldsworthy.

Kunst zum Glücklichwerden.


Mittwoch, 11. Januar 2017

Die Wüstenerschaffer und die Dichter


Manchmal, plötzlich, trampeln Menschen in meinen Lebensraum, deren Seele sich offenbar gegen jeden Anflug von Poesie mit einer stählernen Rüstung gewappnet hat. Die Sprache dieser Menschen ist die der Beurteilung, der Behörden und der sogenannten "Vernunft", und ich, die diese Sprache nicht beherrscht und ihr wehrlos ausgesetzt ist, vertrockne in Windeseile. Solche Menschen sind Wüstenerschaffer. Um aus dieser Wüste so schnell wie möglich wieder herauszukommen ins Blühende, Fließende, Klingende, muss ich Gedichte lesen. Oder aber dieses Buch von Gaston Bachelard, der zwar ein Philosoph war, aber eine Dichterseele hatte.

Bachelard spricht über Räume, und er tut es wie ein Dichter. Er weiß, dass es sich bei der Sprache der Dichter nicht um Metaphern handelt, sondern um gelebte, erlebte Wirklichkeit. Ja, Gedichte entstehen aus dem gelebten Leben der Dichter! Er zitiert Sätze, die ich beglückt unterstreiche, von Dichtern, die ich zum Teil gar nicht kenne. Und denkt also nach über das Haus ("Eine Nacht, zehn Dörfer, ein Berg, / ein schwarzer Leviathan, goldgenagelt". G.-E. Clancier), den Schrank ("Der Schrank ist voll Wäsche / Sogar Mondstrahlen sind drin die ich entfalten kann". André Breton), das Nest, die Muschel, den Winkel ("Schließet den Raum! Schließet die Tasche / des Känguruhs! Dort ist es warm". Maurice Blanchard), die innere Unermesslichkeit, den Wald als Seelenzustand (Wir sind "zarte Bewohner der Wälder unseres eigenen Wesens". Jules Supervielle).

Und was sagt Bachelard selbst? "Allzu klare Bilder werden zu allgemeinen Ideen. Dann blockieren sie die Phantasie. Gesehen, verstanden, gesagt: alles erledigt. Man muss dann einem besonderen Bild begegnen, um dem allgemeinen Bild wieder Leben zu geben."

Und dies, das Wichtigste: "Die Dichter verhelfen uns dazu, eine so expansive Freude am Schauen in uns zu entdecken, dass wir mitunter vor irgendeinem nahen Gegenstand die Erweiterung unseres inneren Raumes erleben." 

Wenn Ihr aus irgendeinem Grund in eine innere Wüste geraten seid - lest Bachelard!

Samstag, 7. Januar 2017

Über setzen


Es ist zur Zeit etwas still im Blog. Ich bin unterwegs, in einem anderen Geist. Das stimmt so eigentlich nicht, denn der "andere" Geist ist auch mein Geist. In dem großen weiten Raum des Geistes, den wir alle teilen, setze ich seit Monaten über, vom Ufer der einen Sprache zum Ufer der anderen. Von der Vatersprache in die Muttersprache und in meinen Träumen dann oft wieder zurück, denn ich träume zweisprachig. Eigentlich sind beide Sprachen gleichzeitig da, fließen ineinander, haben inzwischen miteinander ein Gespräch begonnen, und ich höre einfach zu. Und schreibe auf.

Das Buch, das ich übersetze, ist sehr gut, sonst würde ich mich damit nicht abgeben. Es wird im Sommer erscheinen, und zu gegebener Zeit wird es natürlich hier vorgestellt. Ihr dürft Euch schon mal darauf freuen.

I will keep you posted.

Sonntag, 1. Januar 2017

Willkommen, Jahr!


Nach zwei Wochen Kältestarre (in der Stadt schien die Sonne, mein Dorf versank im gefrierenden Nebel) schüttelt das NEUE Jahr heute im leuchtenden Sonnenschein die Erstarrung des ALTEN ab, und es ist ein Geriesel, Geraschel, Geflüstere, Geschneie von den Bäumen auf mich, unterwegs zum ersten Spaziergang in diesem Jahr.

So soll es sein. Und bitte bleiben. Weil es keine Trennung gibt zwischen außen und innen. Aber das haben natürlich alle, die meinen Blog lesen, schon längst selbst erfahren.