Montag, 4. Dezember 2017

Das magische Leben


"Wenn du Freiheit wählst, wird das Leben magisch. Das Leben, das du dann führst, ist eins, in dem das Selbst in verborgener Übereinkunft mit deiner Menschlichkeit ist. Das Selbst beginnt, mit deinem Leben zu harmonisieren, und dein Leben könnte sich auf eine Weise entwickeln, die du nie hättest vorhersehen können. Das Magische daran ist, dass sich das umso besser anfühlt, je mehr du loslässt. Je tiefer du in die Unsicherheit gehst, umso mehr bemerkst du, wie sicher und beschützend sie ist. Das, was du gerade verlassen hast, war unsicher. Die Menschen fühlen sich so elend, weil sie Sicherheit suchen in Dingen, die begrenzt sind, sich unablässig bewegen und auf unvorhersehbare Weise verändern."

Adyashanti

(In diese Richtung bewege ich mich jetzt mal. Damit Leben ins Leben kommt. Und die Magie wieder spürbar wird. Wo draußen doch alles in eisiger Kälte erstarrt ist, und solch eine Kälte - man muss da sehr aufmerksam sein! - gern leise und unbemerkt nach innen kriecht. Und da gehört sie nun wirklich nicht hin.)

Habt es alle schön warm!

Montag, 20. November 2017

Jetzt wieder bei Rowohlt: Mein allererstes Buch


Als der Rowohlt Verlag freundlich bei mir anfragte, ob man mein 1981 erschienenes Buch "Einfach mal ja sagen" in die neuen Reihe "repertoire", die erfolgreiche vergriffene Rowohlt-Bücher neu auflegt, mit aufnehmen dürfe, war meine erste Reaktion: Auf keinen Fall! Mein erstes Buch, vor siebenunddreißig Jahren geschrieben. Das ist doch nicht mehr relevant, zeitgemäß, interessant. Für mich nicht und deshalb für die Leser nicht.

Dann las ich das Buch noch mal. Und war verblüfft: Es war interessant, es war - trotz aller Zeitbezogenheit - zeitlos. Es war witzig, ich musste oft lachen. Ich mochte es.

Aus dem Klappentext: "'Man sucht mit zwanzig, mit dreißig weiß man, was man will', sagt Mama.' Hier erzählt eine Frau, der es umgekehrt ergeht und die es sich trotz Mama, trotz gerunzelter Brauen in sämtlichen Freundesgesichtern leistet, mit dreißig die achtbare, maßvoll kreative Karriere hochzuklappen und noch einmal suchen zu gehen; vor allem, zur eigenen Rundum-Unlust ja zu sagen - auszusteigen oder daneben zu steigen. Erst einmal reist sie ab: nach Griechenland, wo die Vernünftigen aus der Heimat ihr komisch-vernünftige Besuche abstatten. Aber letztlich spielt sich die Reise nicht auf der Landkarte ab."

Es ist eine GESCHICHTE. Kein Sachbuch, keine Autobiografie - reine Literatur. Einmal stand eine Leserin in München vor meiner Tür und wollte sich mit mir bei einem Tässchen Kaffee darüber unterhalten, dass sie Vassilios auch kennt, mit meiner Darstellung seiner Person aber nicht einverstanden sei. Fast verzweifelt war ich, wenn Bekannte ausriefen: "Aber deine Mutter ist doch ganz anders!" Oder, misstrauisch: "Wer ist denn Felix? Den hast du doch erfunden, oder?" So ist es. Alles und alle handelnden Personen mit Lust erfunden. (Ein bekannter Kollege erzählte mal, er habe einem seiner Ich-Erzähler einen Hund angedichtet. Bis heute würden die Zuhörer bei Lesungen ihn fragen: "Wie geht es denn Ihrem Hund?")

Meine Leser der Zen-Bücher müssen jetzt also ihren Lese-Modus umschalten. Aber die Grundaussage des Buches ist nicht erfunden, und weil die mir bis heute wichtig ist, habe ich der Veröffentlichung zugestimmt: "Wer seine Träume lebt, lässt sich nicht mehr einsperren. Träume brauchen Luft, um sich zu entfalten."

Die nun also 8. Auflage von "Einfach mal ja sagen" gibt es gedruckt (als print on demand, das erspart Rowohlt Lagerkosten) oder als e-book. Zum Beispiel bei amazon oder direkt bei Rowohlt: https://www.rowohlt.de/taschenbuch/margrit-irgang-einfach-mal-ja-sagen.html


Dienstag, 14. November 2017

Frau Irgang kocht: Kartoffelküchlein mit Avocado-Topping


Meine ersten sesshin machte ich bei einem japanischen Mönch, der erst vor Kurzem aus seinem Kloster in Japan nach Deutschland gekommen war. Er veranstaltete einmal im Monat ein zazenkai, das ist ein ganzer Tag mit Sitzen und Gehen im Schweigen, unterbrochen von einem kurzen Mittagessen. Jeder von uns brachte etwas Feines fürs Büfett mit. Wir luden also unsere Teller voll, setzten uns auf unsere Kissen, der sensei schlug die Hölzer zusammen, peng!, und sprach den Tischspruch. Den ich in voller Länge nicht mehr weiß, aber ein Satz verfolgt mich bis heute: "Wir essen nicht, um zu genießen, wir essen, um Erleuchtung zu erlangen." Der sensei lebte noch im Kloster-Modus und schlang sein Essen hinunter, klappte die Hölzer zusammen, peng!, und wir erhoben uns hungrig mit halbvollen Tellern. Wahlweise satt mit Magendrücken.

In meinen Seminaren darf das Essen ausdrücklich genossen werden. Gerochen, beguckt, geschmeckt. Ich selbst bin begeisterte Köchin und Esserin. Und es gibt für mich keine Trennung zwischen dem Aushöhlen einer Avocado, dem Zwiebelhacken und Kartoffelstampfen und dem Sitzen auf dem Kissen. Im zendo nennen wir es Meditation. In der Küche nennen wir es Kochen.

Eins meiner Lieblingsrezepte, schnell und ganz einfach. Und ganz einfach köstlich:

Für eine hungrige Person (also ich) oder als Imbiss für zwei:

Ca. 1 Pfund mehlig kochende Kartoffeln in der Schale kochen. Abkühlen lassen, pellen und in einer Schüssel zerdrücken.

1 reife Avocado entsteinen, zerdrücken und mit Zitronensaft beträufeln.

1 große Zwiebel fein hacken, in etwas Kokos- oder Rapsöl weich dünsten. 1 Esslöffel schwarze Senfsamen in die Pfanne geben, kurz mitbraten. Einen gehäuften Esslöffel der Masse über die Avocado geben. Den Rest mit ein wenig gemahlenem Kurkuma kurz in der Pfanne braten und über die Kartoffeln geben. Gut vermischen, kräftig salzen und pfeffern. Kleine Küchlein formen und in sehr wenig Öl in der Pfanne mehr erwärmen als braten (die Küchlein zerfallen bei zuviel Öl). Die Avocadomischung kräftig salzen und pfeffern. Jedes Küchlein mit einem Klacks des Toppings servieren.

Die Avocado-Mischung esse ich auch manchmal abends auf getoastetem Brot. 

 

Die Grundidee für dieses Rezept - ich habe die Gurkenpickles weggelassen - stammt aus dem ersten Buch meiner Lieblingsköchin. Ich kann ihre Kochbücher nur wärmstens empfehlen. Alles vegetarisch, vieles vegan, vieles mit kleiner Änderung glutenfrei zuzubereiten. Alles schmeckt großartig.

Anna Jones "a modern way to eat", Mosaik Verlag
  


Donnerstag, 9. November 2017

Novembermusik: Ola Gjeilo "Tundra"


Novembermusik.

Weil mir gerade so ist.

Und weil sie mich fliegen lässt, obwohl der Sommer vorbei ist.

Habt ein schönes Wochenende.


Montag, 6. November 2017

Wenn einer geht


Wenn einer geht - muss doch etwas bleiben? Von ihm, von ihr? Was bleibt? Und wo?

Ein lieber Freund ist gegangen. Und doch ist er da, hier, bei mir, in dem, was wir Erinnerung nennen. Er kommt mir entgegen in einem der schmalen Gänge im Biomarkt. Er beugt sich im Rietbergmuseum in Zürich neben mir über die Postkarten und wählt ein paar aus; andere als ich. Er spricht über das Singen von hohen Tönen und schickt mir per E-Mail den entscheidenden Satz für alle Sänger: "Also, verwurzeln wir uns!" Er erzählt mir in einem Rundfunkstudio von seiner Verehrung Albert Schweitzers. Er nimmt mich beim Wort, befragt meinen Satz, prüft die Genauigkeit meines Denkens. Um ihn ist klare Denkluft; Ungenauigkeit und Verschwommenheit hat da keinen Platz. Religion wird kritisch betrachtet. Aber er sagt den Satz: "Was mich überzeugt, ist das Konzept der Achtsamkeit."

Ohne zu leben ist er lebendig und wird erst sterben, wenn ich sterbe. Er ist lebendig in den vielen Menschen, denen er begegnet ist, privat und beruflich, auf je eigene Weise, in einer jeweils anderen Rolle. Und wird erst sterben, wenn sie sterben. Er ist lebendig für meine Freundin, die seine Frau ist. Ist, nicht war.

Gute, Reise, lieber U. Ich verabschiede Dich mit einem Gedicht von Thich Nhât Hanh, den Du geschätzt hast.

Heute morgen wirst du gehn

In den kommenden Tagen wird
der silbrige Himmel erfüllt sein
vom Brausen der Phönixflügel
in unergründlichen Höhen

Wellen von weißem Silber
verbergen die Pfeiler des Stegs
Sonne ruft die Vogeljungen
aus ihrem Schlaf des Gestern
in die Zeit des Jetzt

damit sie dir Lebewohl sagen können
wenn du heimkehrst
an den Ort der langen Flüsse
und weiten Meere

Thich Nhât Hanh

(Übersetzung: Margrit Irgang) 


Dienstag, 31. Oktober 2017

Winterreise

 

Winterreise


Drängender pfeifen die Züge
die Drachen steigen
der Baum macht sich frei

Morgens lesen die Vögel
in den Blättern es ist Zeit
zu gehn

Margrit Irgang







Aus diesem schönen Buch, das 12 Gedichte enthält, für jeden Monat eins; leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich: Margrit Irgang "Leuchtende Stille". Verlag Herder. ISBN 978-3-451307324

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Seminar in Salzburg


10. November, 19.30 Uhr - 12. November 2017, 12.30 Uhr

DAS WUNDER DES JETZT 

Die Essenz jeder spirituellen Praxis ist das Zurückkehren in den Augenblick, denn Zukunft ist nur ein Konstrukt unseres Geistes. Leben findet im Jetzt statt! Wenn wir tief ins Jetzt eintauchen, berühren wir vielleicht sogar den Urgrund unseres Seins, der uns trägt und dem wir vertrauen dürfen.

Mehr Informationen und Online-Anmeldung hier (klick).

Ich freue mich darauf, Euch wiederzusehen und Sie kennenzulernen.

 

Montag, 16. Oktober 2017

Die Kunst, Entscheidungen nicht zu treffen


Eine meiner größten Schwächen ist es, eine Entscheidung zu treffen. Dies oder Jenes? Hier oder Dort? Was ist richtig? Was ist nachhaltig? Was wird auch noch in einem Monat richtig sein, in einem Jahr? All diese Möglichkeiten! Die so viel Unsicherheiten mit sich bringen.

Es gab ein paar wichtige Entscheidungen zu treffen. Ich saß da und dachte nach. So viele Alternativen. Keine überzeugte mich. Aus dem Nachdenken wurde ein Grübeln. Was erzähle ich in meinen Seminaren immer? "Du bist nicht deine Gedanken, du bist der weite Raum, in dem sie aufsteigen." Ich war kein Raum mehr, ich war eine Besenkammer. Die Gedanken hatten mich im Klammergriff.

Aha.

Ich stand auf, öffnete meinen Vorratsschrank und holte Mehl, Sonnenblumenkerne und Backpulver heraus. Quark und Eier aus dem Kühlschrank. Die Rührschüssel. Das Handrührgerät. Brötchenbacken ist eine fabelhafte Möglichkeit, die innere Besenkammer zu verlassen. Irgendwann duftete es in der Wohnung; ich hatte inzwischen die verwelkten Blätter auf dem Balkon aufgefegt und die Bettwäsche gewechselt.

Die Brötchen schmeckten super. Vorher hatte ich aber zum Telefon gegriffen und drei Telefonate erledigt. Alles klar. Alles entschieden.

Ich war einfach aus dem Weg gegangen. Einen Schritt beiseite, damit die Energie, die alles und auch uns durchströmt, von meiner Grübelei nicht blockiert wird. Diese Energie des Absoluten, der schon viele Bezeichnungen gegeben wurden (deshalb benenne ich sie nicht), bringt uns in Einklang mit der Wahrheit des Augenblicks. Wir fließen wieder mit, wir sind kein Felsblock mehr, an dem der Fluss abprallt. Wir wissen auf einmal, was zu tun ist. Ganz selbstverständlich. Und wir tun es.

Ich nenne es die Kunst, Entscheidungen nicht treffen.


Donnerstag, 5. Oktober 2017

Die Welt ist ein dynamischer Fluss von Ereignissen


"Du kannst etwas als permanent wahrnehmen und gleichzeitig verstehen, dass es durch und durch vergänglich ist. Wenn dir das gelingt, kannst du damit aufhören, dem, was du siehst, bestimmte, unveränderliche Qualitäten zuzuschreiben - und wirst nicht auf irrige Art und Weise reagieren. Die Welt der Erscheinungen zu dekonstruieren hat etwas Befreiendes. Man ist nicht mehr in seinen eigenen Wahrnehmungen verstrickt und hört auf, die Welt der Phänomene zu vergegenständlichen. Dies hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie man die Welt wahrnimmt, und infolgedessen auch auf die eigene Erfahrung von Glück und Leid.

Sind alle mentalen Konstruktionen demaskiert, nimmt man die Welt als einen dynamischen Fluss von Ereignissen wahr und hört auf, die Realität auf irrige Weise einfrieren zu wollen. Das Wasser/Eis-Beispiel illustriert das sehr schön. Gefriert Wasser, bildet es feste Formen, die dir in die Hand schneiden. Du kannst dir auch die Knochen brechen, wenn du darauf fällst. Nun könnte man annehmen, dies sei das wahre Wesen des Wassers: Es hat eine bestimmte Gestalt, es ist hart etc. Es lässt sich außerdem in verschiedene Formen bringen - etwa die einer Blume oder eines Schlosses. Du kannst die Statue eines geliebten Menschen oder das Ebenbild einer Gottheit daraus modellieren. Doch sobald es warm wird, schmelzen all diese verschiedenen, klar definierten Formen zu genau derselben Flüssigkeit zusammen, zu demselben formlosen Wasser. (...) Wasser ist ein dynamischer Fluss, der temporär eine scheinbar stabile Gestalt annehmen kann. Dasselbe gilt für die Realität: Wenn wir davon ablasssen, sie sozusagen einzufrieren, setzen wir uns nicht mehr der Gefahr aus, sie als etwas Stabiles zu verdinglichen, das mit einem wahren, intrinsischen Wesen ausgestattet ist, und werden nicht in die Irre geführt."  Matthieu Ricard



Dies ist ein kleiner Auszug aus diesem Buch, das ich unbedingt empfehle: Dialoge zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard über Meditation und Gehirn, unbewusste Prozesse, die Realität, das Selbst, den freien Willen und das Wesen des Bewusstseins. Wolf Singer, Matthieu Ricard "Jenseits des Selbst", Suhrkamp Verlag.

Meine Rezension in SWR 2 in der SWR Mediathek hier (klick).

Sonntag, 1. Oktober 2017

... and so it goes ...


"And so it goes ..."

Der Sommer ist gegangen, der Herbst ist da, mein Kater ist weggezogen, so it goes ...

Der Song von Billy Joel, hier gesungen von den King's Singers und der St. Albans School Barbershop Group.

Habt einen schönen ersten Oktober-Sonn-Tag. Der Nebel über den Feldern lichtet sich schon.

Donnerstag, 28. September 2017

Blaue Hortensie


Blaue Hortensie

von Rainer Maria Rilke

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschen wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
  

Mittwoch, 20. September 2017

Jean-Pierre Weill "Die Leichtigkeit des Seins"


Eine einfache Geschichte. Am Anfang war die Ganzheit, sonst nichts. Da hatte die Ganzheit den Wunsch, ein Geschenk zu machen, und sie verschenkte sich selbst. Was anderes gab es ja nicht. Und bäng! wurde das Universum erschaffen. In dem nun, am vorläufigen Ende einer hochausdifferenzierten Kette von Seinsmöglichkeiten, WIR sind. Du und ich. Die keine Ahnung haben davon, dass wir aus einem Geschenk entstanden sind.

Ich bekomme ja immer die Verlags-Vorschauen, die zweimal im Jahr die neuen Bücher ankündigen. Und, ehrlich gesagt, ich bin des Lesens im Moment etwas müde. Ich finde - in der Belletristik, der Lyrik und im sogenannten "Sachbuch" - so wenig Eigenes in Inhalt und Sprache. Da kam mir dieses schön gestaltete Bilderbuch gerade recht. Die einfache Geschichte wird in sehr schlichten Worten erzählt, aber die Worte stellen hier nur den Kontext her, in dem die Bilder ihre Bedeutung entfalten.

Wir stolpern also unwissend durch das Leben und fragen uns:



Und erzählen uns:


Aber das Sein könnte sich so leicht anfühlen, wenn wir nicht mehr darauf warten, dass sich etwas verändert. Wenn wir, kurz und vertraut ausgedrückt, im Augenblick leben. Unsere kleinen und großen Irrtümer (wir tragen eine Rüstung, denn die Welt ist ein Schlachtfeld) und die Leichtigkeit, die nur darauf wartet, von uns entdeckt zu werden (beim Angeln zum Beispiel) tupft der Künstler Jean-Pierre Weill luftig und zart auf Aquarellpapier. Die Botschaft braucht den Umweg über den Kopf nicht mehr, sie kommt als Bild unmittelbar beim Gefühl an. Aaaah, ja, sooo sieht die Leichtigkeit aus!

Meine Buch-Empfehlung heute ist das Bilderbuch für Erwachsene: Jean-Pierre Weill "Die Leichtigkeit des Seins", aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Kleinschmidt, O.W. Barth Verlag, ISBN 978-3-426-292747. Und was mich wirklich erstaunt: Dieser aufwendig gestaltete Band kostet nur 20 EUR.

Freitag, 15. September 2017

Heute auf dem Programm: die Maisfelder Sinfonie


Für eintausend zwei Meter fünfzig hohe Maispflanzen
Komponiert und gespielt vom Wind

Das Stück beginnt als Flüstern. Kein Blech: Rohr. Mehr gehaucht als geblasen. Im Hintergrund wischen ein paar Besen über ein Trommelfell. Der Klang rollt heran, eher horizontal als vertikal. Da schwingt sich nichts auf, das Stück hat bei aller Luftigkeit etwas Bodenständiges. Nach und nach fallen weitere Instrumente ein. Eine Art Flöte, in die ein Fünfjähriger pustet, ohne die Löcher zuzuhalten. Der Trommler zieht das Tempo an, das Orchester geht mit. Eine Pauke mischt sich ein. Einen Piper haben sie auch, wohl aus Schottland importiert. Keine Streicher. Ein Bläser-Ensemble mit Schlagwerk. Jetzt naht von hinten ein Auto, ich springe zur Seite. Kein Auto. Aha, hier ist ein moderner Komponist am Werk; sicher hat das Auto im Stück eine Bedeutung. Oder auch nicht. Von Neuer Musik verstehe ich nicht viel, also höre ich einfach zu. Die Bläser haben inzwischen ein Heulen angestimmt, alle gemeinsam, in einem ziemlich raschen Tempo. Das hat nun wieder etwas sympathisch Indianisches. Wie das mit dem Auto zusammenhängt, ist mir nicht klar, aber Musik will nicht bedacht, sondern gehört werden. Jetzt, aaah! jetzt fällt das gesamte Orchester auf einen Schlag (dirigiert hier eigentlich jemand?) zurück in den Anfangshauch, in dieses Flüstern, dieses Besenwischen. Beeindruckend, wie sie das machen in dieser riesigen Besetzung. Und das auch noch umsonst und draußen. Im September wird schon einiges geboten hier in meinem Dorf.

Mittwoch, 6. September 2017

Was ist Gott?


"Wenn du verstehen willst, worauf das Konzept von Gott hinweist, musst du dein Gottesbild und jede Vorstellung, die du von Gott hast, aufgeben. Du must es wagen, leer von allen Konzepten zu sein und dich in die absolute Leerheit zu begeben, in die absolute Ruhe und die absolute Stille. Du musst alles vergessen, was du jemals über Gott gelernt hast. Es würde dir nicht helfen. Es mag dich trösten, aber solch ein Trost ist eine Einbildung, nichts als eine Illusion. Gib alle falschen Tröstungen des Geistes auf. Beende sie alle. Das Ende muss in vollkommener Stille erfahren werden. Wenn du alle Vorstellungen, alle Konzepte, alle Hoffnungen und jeden Glauben aufgibst, wird Stille erfahren.

Erfahre das Herz der Stille. Tauche tief hinein und überlasse dich ihm. In absoluter Hingabe an die Stille erfährst du direkt das, worauf das Konzept von Gott hinweist. In dieser direkten Erfahrung erwachst du vom Traum des Geistes und erkennst, dass das Konzept von Gott auf das hinweist, was du selbst bist."

Adyashanti
(aus: "The Impact of Awakening") 

Mittwoch, 30. August 2017

Meine Schwester Spätsommersonne


Sie hat jetzt Mühe mit dem Aufstehen. Jeden Tag schläft sie etwas länger. Wenn sie es endlich über den Kandel geschafft hat, trägt sie noch ihre Nachtmütze in der Farbe wässriger Milch. Nein, sie ist noch nicht alt und noch längst nicht bereit, dem Herbst die Herrschaft abzutreten. Der lauert schon in den Baumwipfeln, wirft zur Erinnerung an seine Anwesenheit ab und an spielerisch ein paar verdorrte Blätter herunter. Er weiß, seine Zeit wird kommen. So ist es immer, so ist es gewesen seit Anbeginn in dieser Gegend der Welt. Die ältere Dame kommt langsam in die Gänge, aber gegen zehn schüttelt sie den Schlaf ab und zeigt noch einmal, was sie kann. Mittags schafft sie mühelos die 30 Grad, füllt Schwimmbäder und Eiscafés, schickt Wanderer auf die Berge, trocknet das geschnittene Gras zu Heu.

Spätsommersonne, meine Schwester. Ich stehe mit ihr zusammen auf und begleite sie auf ihrem Weg durch den Tag (man muss jetzt auf sie aufpassen, sie muss noch ein wenig durchhalten): etwas wehmütig, mit Abschied im Herzen. Dieser Sommer war sehr groß, randvoll mit Reisen und Begegnungen. Auch auf mich wartet der Herbst; er kommt mit Farben, die mir eigentlich gut stehen - Gold, Rostrot, Zimtbraun -, und doch will ich sie noch nicht tragen. Der Herbst macht sich bereit, in meinem Leben das fallen zu lassen, was nicht mehr gebraucht wird; das sterben zu lassen, was sterben muss. Bis irgendwann, im Winter meines Lebens, die Zweige der blattlosen Bäume wie eine Kalligrafie am Himmel stehen werden.

Das eine letzte Wort, gezeichnet auf die farblose Leinwand kurz vor dem Abspann.

Freitag, 25. August 2017

documenta 14 in Kassel


Máret Ánne Sara "Pile o' Sápmi"

Ich hatte das große Glück, zusammen mit zwei anderen Frauen die documenta in Begleitung einer lieben Freundin, die Kunsthistorikerin ist, zu besuchen. Sie hat eine kleine, feine Vorauswahl aus der Überfülle getroffen, und ich bin von allem, was sie ausgewählt hat, vollkommen begeistert. Ich will niemanden überfordern, deshalb hier nur drei der für mich stärksten Eindrücke:

Máret Ánne Sara "Pile o' Sápmi". 2007 ordnete die norwegische Regierung die Keulung von Rentierherden an, die dem Volk der Sámi gehörten. Mit diesem Gesetz nahm die Regierung den Sámi die Lebensgrundlage. Der junge Rentierzüchter Jovsset Ánte Sara verklagte den norwegischen Staat und bekam Recht: die Tötung war eine Verletzung der Eigentumsrechte gemäß Europäischer Menschenrechtskonvention. Jovssets Schwester Máret aber ist Künstlerin; sie schuf aus den Schädeln der zwangsweise getöteten Rentiere einen Vorhang: ein unglaublich ästhetisches und gleichzeitig berührendes Mahnmal, das die Brutalität staatlicher Willkür zeigt. (Die norwegische Regierung hat übrigens gegen das Urteil Berufung eingelegt.)

Máret Ánne Sara "Porzellankette aus der Knochenasche von Rentieren


Britta Marakatt-Labba. Ebenfalls eine Sámi-Künstlerin, die die Geschichte der Sámi, in der Spiritualität und Alltag einander durchdringen, mit textilen Mitteln erzählt: Auf einem Leinenstreifen von 39 cm x 23,50 m finden wir Wildschweine und Rentiere, Bäume, Wolken, Wälder und Menschen - gestickt, gedruckt und appliziert, aus Wolle, Leinen und Seidengaze. Eine ganz feine subtile Arbeit, die man von Nahem ansehen muss. Mein Foto zeigt nur einen winzigen Ausschnitt.

Britta Marakatt-Labba

Romuald Karmakar "Byzantion" (Agni Parthene). Der Filmemacher Romuald Karmakar hat den Hymnus an die Gottesmutter in der griechischen und slawischen Version singen lassen. Wenn mich meine Begleiterinnen nicht aufgefordert hätten, weiterzugehen, wäre ich die letzten Stunden dort liegen geblieben. Ein Tempel inmitten des documenta-Wirbels.



Mittwoch, 16. August 2017

Mark Henshaw "Der Schneekimono"


Ich habe dieses wunderbare Buch gerade zu Ende gelesen und muss es gleich hier vorstellen. Und obwohl ich eine "professionelle" Rezensentin bin, fällt es mir nicht leicht, das Buch mit klaren Worten zu beschreiben (das spricht für das Buch). Es gibt ein Bild, das die Struktur der Geschichte am besten beschreibt. Der Japaner Professor Omura erklärt dem französischen Kommissar Jovert den Unterschied zwischen dem westlichen Puzzle, das nach einem vorgegebenen Bild zusammengesetzt wird, und einer japanischen Trickschachtel: Die unzähligen Teile der Trickschachtel seien so ausgewählt, dass sie den Spieler immer aufs Neue zu täuschen verstünden. Kein Teil sei wie das andere, und man wisse nie, wohin das Ganze führen solle. Deshalb, so Professor Omura, sei die Trickschachtel eine Meditation über das Leben.

Dieser Roman ist eine Trickschachtel. Eines Abends steht also besagter Japaner vor der Tür des pensionierten Kommissars Jovert in Paris und lässt sich nicht abweisen. Im Verlauf von Monaten erzählt Omura dem Kommissar die Geschichte seines Freundes Katsuo Ikeda; es ist die Geschichte eines prallen Lebens, und sie enthält Liebe ebenso wie Verrat, Gewalt und Betrug. Und es geht um Kinder, die verlassen, verkauft und verleugnet werden. Warum diese Anstrengung, einem Fremden von einem Menschen zu erzählen, der diesem ganz unbekannt ist? "Willst du dein Leben erkennen, musst du es durch die Augen eines anderen sehen", sagt Professor Omura. Verändert sich der Blick auf das eigene Leben, wenn es einem anderen erzählt wird? Kann man gar in das Leben eines anderen schlüpfen, indem man es aus seiner Perspektive erzählt?

Das Buch ist sehr japanisch, deshalb liebe ich es so. Immer wieder ergeben sich neue Wendungen in der Geschichte, die mich überraschen, an die ich nie gedacht hätte. Die im Grunde absurde Ausgangssituation, in der ein Mensch einem ihm Unbekannten das Leben eines Dritten erzählt, wird immer transparenter, immer glaubwürdiger. Ist es ein Zufall, dass Kommissar Jovert zur selben Zeit erfährt, dass er eine Tochter in Algerien hat? Und dass auch er von seiner Vergangenheit eingeholt wird, die von Verrat, Betrug und Gewalt geprägt war? Nein, sagt Professor Omura, es gibt keine Zufälle. Unsere Leben sind miteinander verwoben, auch wenn wir es nicht wissen.

Das Buch ist poetisch; sehr schön sind die Bilder von Schnee und Regen, Steinen und Wäldern. Mark Henshaw kann die Atmosphäre von Japan ebenso beschwören wie die von Algerien und einem Winter in Paris.

Mark Henshaw "Der Schneekimono", aus dem Englischen von Ursula Gräfe, Insel Verlag.
 

Freitag, 11. August 2017

Steh in deinen eigenen Schuhen! Über den Umgang mit Missbrauch in Spiritualität und Therapie.


Vor einigen Tagen hat mich wieder so eine erschütternde Meldung aus einer spirituellen Schule erreicht: Acht langjährige Schülerinnen und Schüler des bekannten tibetischen Meisters Sogyal Rinpoche - Autor des großartigen Buches "Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben" - haben ihrem Lehrer einen ausführlichen Brief geschrieben, in dem sie ihm den Spiegel über seine Verhaltensweisen vorhalten. Es wird berichtet von Schlägen, Tritten und Bloßstellungen, von sexuellen Beziehungen zu Schülerinnen und einem von der Sangha bezahlten "unersättlichen" Lebensstil. Der Brief ist sachlich, frei von persönlichen Emotionen. Wer ihn lesen will, findet ihn und die völlig unzureichende Antwort von Sogyal auf der Online-Seite der Zeitschrift "Buddhismus aktuell" in deutscher Übersetzung hier (klick).

Mir geht es nicht um diesen speziellen Fall, sondern um das Prinzip. Ich frage mich: Warum haben es diese Schülerinnen und Schüler, die zum Teil seit 20 und 30 Jahren in der Rigpa-Schule sind, nicht früher geschafft, Konsequenzen aus dem zu ziehen, was sie da anscheinend täglich beobachten?

Meister, Lehrer aller Art, Priester und Therapeuten sind Autoritäten. Wir wenden uns an sie, weil sie mehr wissen als wir und uns etwas lehren können. Solche Menschen haben Charisma, sie ziehen uns an, und vielleicht verehren wir sie für ihre Weisheit, Klarheit und Energie. Das ist alles verständlich und völlig in Ordnung, solange der Lehrer/Meister/Priester/Therapeut seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil missbraucht. 

Zu erkennen, dass ein Missbrauch vorliegt, ist aber gerade in spirituellen, religiösen und therapeutischen Kreisen gar nicht so einfach. Dort gibt es nämlich erwünschte Verhaltensweisen (die wir, um beliebt zu sein, schnell begreifen und annehmen) und einen eigenen Sprach-Kodex. Im Fall des Dharma wird gern gesprochen von "zornvollem Mitgefühl", was jede Demütigung des Lehrers zu rechtfertigen scheint, und wenn der verunsicherte Schüler seine Zweifel zum Ausdruck bringt, ist das "unrechte Rede". In der Therapie wird gern vom "Widerstand" gesprochen. Wie unterscheiden wir also, ob der Lehrer/Therapeut uns zu unserem Besten mit unserer Gewohnheitsenergie konfrontiert - oder ob er seine Macht missbraucht, weil er selbst narzisstisch, egoistisch oder zutiefst gestört ist?

Adyashanti zitiert oft einen Ausspruch seiner Lehrerin, die zu sagen pflegte: "Stand in your own shoes". Steh in deinen eigenen Schuhen! Die Schuhe von anderen sind uns fast immer zu klein, zu groß, zu weit, zu eng. Wir kämen nicht auf die Idee, in solchen Schuhen weite Wege zurückzulegen. Schuhe müssen passen. Und niemand, auch nicht die beste Schuhverkäuferin, kann uns sagen, ob der Schuh wirklich passt. Das wissen nur wir selbst.

Aus meiner eigenen leidvollen Erfahrung mit spirituellen Lehrern und Therapeuten möchte ich Euch ans Herz legen: Bitte gebt Eure klare Wahrnehmung und Eure eigene Verantwortung niemals auf! Wenn wir zulassen, dass unser Geist von Worten, Regeln oder einem bestimmten Sprachgebrauch eingenebelt wird, verlieren wir den Kontakt zu unserem eigenen tief inneren Wissen. Dieses Wissen teilt sich mit durch unseren Körper. Bitte haltet immer wieder inne und spürt in Euch hinein. Krampft sich der Magen zusammen, rast das Herz, wird die Kehle eng, verspannen sich meine Muskeln? Das sind Warnsignale. 


Drei einfache Fragen sollten wir uns immer wieder stellen:

Ist
1. DIES
2. JETZT
3. FÜR MICH
stimmig?

"Passt" hier alles zusammen, für mich, in diesem Moment, in diesem Stadium meiner Entwicklung? Nichts zu klein und eng, nichts zu groß? Und wenn es nicht stimmig ist, nicht passt, in ruhiger und durchaus respektvoller Weise aufstehen und gehen. Dann muss man niemanden beschuldigen, muss keine Auseinandersetzung führen und ist sich auch bewusst, dass die eigene Stimmigkeit nicht die Stimmigkeit der anderen sein muss. 

Aber vielleicht doch. Wo immer ein Kind oder ein Jugendlicher missbraucht wurde, hat es mindestens einen Menschen gegeben, der etwas spürte/ahnte/sah und nicht in seinen eigenen Schuhen stand. Das möchte ich nicht unerwähnt lassen: Die Verantwortung für uns selbst ist nicht zu trennen von der Verantwortung für das große Ganze. In den eigenen Schuhen können wir sicher stehen; deshalb haben wir die Pflicht, aufzustehen und unsere Stimme zu erheben - gegen Missbrauch in jeder Form.

Mittwoch, 9. August 2017

"Walk with me". Film über Thich Nhât Hanh



Die Realisierung dieses Films habe ich mit einer (sehr kleinen) Spende unterstützt; im März hatte er Premiere auf dem Filmfestival in Austin, Texas:

Walk with me

Der Film über die monastische Gemeinschaft von Plum Village und die Lehre von Thich Nhât Hanh

Die Filmemacher Marc Francis und Max Pugh haben drei Jahre lang die Nonnen und Mönche des Intersein-Ordens begleitet, in Südfrankreich und in den USA. Sie wollten eine visuelle Sprache finden für die Praxis der Gemeinschaft - Frieden, Achtsamkeit, das Leben im gegenwärtigen Augenblick.

Wer die Praxis von Plum Village in ihrer "originalen" Form kennenlernen möchte, sollte ihn anschauen. In Freiburg läuft er gerade; ich hoffe, am Wochenende die Zeit zu finden, ihn anzuschauen.

Sonntag, 6. August 2017

Hochsommertage bei Buddha im Bayerischen Wald


Um 5.30 Uhr ruft die Glocke zur Morgen-Meditation. Vielleicht werde ich heute im Zendo mit den anderen sitzen. Vielleicht barfuss durch die taugetränkten Wiesen gehen. Später pflücke ich Wildkräuter im Bio-Garten und lerne von Helga, was man alles essen kann: Melde, Borretsch, Kapuzinerkresse, Nachtkerzenblüten, Hahnentritt, Löwenzahn.

Gehmeditation im Wald, und der Wald summt. Ein Hase flitzt über die Wiese. Die Stille ist tief und heiß. Der Alltag ist weit entfernt. Der Geist kommt zur Ruhe. Meine Tage sind erfüllt von Glocken und Gongs, Kräutern und Blumen, sorgfältig zubereitetem Essen und Putzeimer und Besen für die mir zugeteilte Hausarbeit. Es gibt keine Trennung zwischen dem Sitzen im Zendo, dem Pflücken von Wachsbohnen und dem Putzen der Toiletten. Wenn der Geist nicht unterscheidet in Mögen und Nichtmögen, ist auf einmal alles leicht und weit, weil alles eins ist: sich unablässig entfaltend im Einen, im Ganzen.


Anfang der 1990er Jahre lernte ich Helga und Karl Riedl, die das Intersein-Zentrum in Hohenau leiten, in Plum Village kennen; seitdem sind sie liebe Freunde von mir. Wieder einmal ist mir bewusst geworden, dass dieses Haus mehr ist als ein Meditations-Haus: Es ist, ganz im Sinn von Thich Nhât Hanh, eine Lebens-Schule, die Achtsamkeit in all ihren Aspekten lehrt. Hier ist nichts dem Zufall überlassen, alles ist bewusst ausgewählt und gestaltet: die Nahrungsmittel sind biologisch, die Ernährung überwiegend vegan. Im Haus natürliche Hölzer, Leinenvorhänge, Thays Kalligrafien und ein Hauch japanischer Ästhetik.

Wer ein Retreat besuchen möchte oder einfach nur eine Zeitlang mit der Sangha mitleben möchte, ist im Intersein-Zentrum immer willkommen. Und: Man darf seine Kinder mitbringen!


Hier ist die Homepage: www.intersein-zentrum.de  Und herzerwärmend die ausführliche Vorstellung des Zentrums durch David und Vanessa auf www.sanghabuild.org

Mittwoch, 2. August 2017

Das Wunder aus der Küche


Die äußeren Schalen des Chicorées abgezogen und zum ersten Mal gesehen:

Er hat innen ein feines, aber sehr robustes Fell!

Montag, 24. Juli 2017

"Und da weißt du auf einmal: das war es."


Erinnerung

von Rainer Maria Rilke

Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.


Das ist einer der schönsten Texte über das Leben im Augenblick, den ich kenne, obwohl oder weil er gar nicht davon spricht. Rilke spricht vielmehr vom Versäumen des Augenblicks. Dieses Gedicht zu lesen tut mir etwas weh. Wie viele Augenblicke habe ich mit der Erwartung von etwas Großem vergeudet? Und die Größe dessen, was ist, nicht gesehen?

Ich ziehe mich ein wenig zurück zur Sommer-Meditation. In der kleinen Pause, die hier im Blog entsteht, spricht das Gedicht von Rilke. Nicht vergessen: Dies ist es! 

Dies ist es schon.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Das Tomaten-Monster


Im April habe ich im Gartencenter ein Cocktail-Tomaten-Pflänzchen gekauft. 20 cm hoch für 2,50 EUR. Ich dachte, das sieht hübsch aus auf meinem Balkon: Zwischen blauer Hortensie, weißer Rose und Lavendel eine Handvoll leuchtend roter Tomätchen.

Das Pflänzchen misst inzwischen 1,70 m, und weil die Bambusstange, die es stützt, nicht größer ist, hat es sich entschlossen, in die Breite zu wachsen. Die unteren Zweige haben einen Durchmesser von ca. 3 cm, die Sache hält. Der dicke rechte Zweig kriecht am Boden entlang (die Balkonseite ist nicht mehr begehbar), der linke erkundet interessiert die Schlafzimmertür. Er hat schon bemerkt, dass er sich auf der Klinke gemütlich ablegen kann; aus den Blüten werden bald Früchte sprießen, da will er sich rechtzeitig eine feste Unterlage schaffen.

Sobald ich den Balkon betrete, beginnen sie zu rufen. Sie rufen sehr rot und nachdrücklich. Hier! schreien einige, nimm uns! Nein, uns! rufen andere, nimm uns! Einige springen mir in die Hand, wenn ich sie nur angucke. Die Nachbarn, mitfühlende Abnehmer, sind in Urlaub.

Kleiner Auszug aus dem Koch- und Speiseplan der letzten Wochen: Tomatensalat,Tomate mit Mozzarella und Basilikum, Pasta mit Tomatensauce, Bruschetta mit Tomaten, Tomaten-Käse-Toast, Tomaten-Cassoulet.

Man könnte sagen, ich habe da einen Kauf getätigt, der sich gelohnt hat. Ein echtes Schnäppchen.

Könnte man sagen.

(Wer auch von Tomaten heimgesucht wird, lese die Kommentare - klick auf "Kommentare" unten. Da werden Rezepte geteilt.)
 

Mittwoch, 12. Juli 2017

Adyashanti "Jesus, der Zenmeister"


Ich schätze den amerikanischen Zen-Lehrer Adyashanti sehr; von meinen Retreats mit ihm kam ich jedes Mal inspiriert und erfüllt von innerer Weite zurück. Deshalb habe ich dem Herder Verlag sein Buch "Resurrecting Jesus" zur Übersetzung vorgeschlagen. Das Lektorat hat auch sofort zugesagt, und jetzt ist "Jesus, der Zenmeister" in meiner Übertragung aus dem Amerikanischen erschienen. Ich finde, sowohl Christen als auch Buddhisten sollten dieses Buch lesen, denn es übersteigt jede religiöse Form.

Weil er in seiner Zen-Praxis etwas vermisste, wandte sich Adyashanti den christlichen Mystikern zu. Sie wiesen ihn auf Jesus hin, und in den Evangelien fand er, was er vermisst hatte: die Liebe. Und sein eigenes tief gehendes Erwachen befähigte ihn, in Jesus den erwachten Geist zu erkennen.

"In der westlichen Kultur haben die meisten von uns sich angewöhnt, Jesus als die Verkörperung der höchsten Form von Ethik und Moral zu sehen - er ist der gute Hirte, wir sind die Herde, und er zeigt uns den Weg. Das ist der Jesus der Kirche; die Kirchen sind sehr angetan von Jesus als ethischem und moralischem Priester. Das macht Sinn, denn die ethische und moralische Dimension ist Teil dessen, was jede Religion am Leben hält, was sie entwickelt und in die Kultur hinein vermittelt. Aber wenn das alles ist, was wir in der Jesus-Geschichte sehen, werden wir blind für die darunterliegende Transzendenz, für das Strahlen der Präsenz von Jesus. Ohne dieses transzendente Strahlen wird Jesus nur eine weitere Figur in der langen Geschichte moralischer und ethischer Propheten."

Adyashanti lädt uns stattdessen ein, die Jesus-Geschichte mythologisch zu lesen und jeden ihrer Aspekte auf uns selbst zu beziehen: "Wir beginnen zu fragen: 'Was meinen die Metaphern für mich?' Wenn wir Jesus nicht nur als historische Figur ansehen, die geboren wurde und gelebt hat, auf der Erde wandelte, lehrte, seine Botschaft verkündete und schließlich am Kreuz starb, sondern Jesus auch als eine zeitlose lebendige Gegenwart betrachten, als eine Metapher für die Ewigkeit in uns selbst, können wir beginnen, den inneren Raum zu betreten, in dem wir die Söhne und Töchter von Gott werden."

Adyashanti befasst sich mit der Bedeutung der jungfräulichen Geburt, den Versuchungen, den Dämonen, den Gleichnissen und erzählt, was es nach seiner eigenen Erfahrung mit der Verklärung auf sich hat. Und alles, auch die Kreuzigung, hat mit uns selbst zu tun.

Meine Lese-Empfehlung für alle, die nach einer Spiritualität jenseits der Riten und Dogmen von Religionen suchen: Adyashanti "Jesus, der Zenmeister", aus dem Amerikanischen von Margrit Irgang, Herder Verlag, ISBN 9-783-451-376894.

Mehr über Adyashanti hier auf seiner website.

Ich habe den Klappentext, der (wie der Titel des Buches) nicht von mir ist, erst jetzt gelesen und möchte ihn korrigieren: Adya ist sehr früh zum Zen gekommen, und in der christlichen Sonntagsschule, die er gleich wieder verließ, hat er sich gelangweilt. 
 

Sonntag, 9. Juli 2017

Ein Sommertag

 

 Mit dem Frühzug auf den Berg. Die meisten Menschen schlafen noch. Ein paar Segler machen ihre Boote klar. Leise plätschern die Wellen ans Ufer, eine Möwe schreit. Der Geruch nach frisch geschnittenem Gras. Den Weg von Aha nach Schluchsee habe ich fast für mich allein. Ein großes Pfauenauge begleitet mich eine Weile. Ein Windchen weht. Später Kartoffelsuppe. Noch später Eiskaffee.

SOMMER!

Freitag, 7. Juli 2017

Sommernachts-Musik: Eriks Esenvalds



"Only in Sleep" des lettischen Komponisten Eriks Esenvalds, gesungen vom Trinity College Choir, Cambridge.

Am besten hört man es zwischen 22 und 24 Uhr, wenn die Welt ganz still geworden ist. Und der eigene Geist nicht mehr schwätzt. 

Dann ereignet sich die Magie der Musik von Esenvalds: Sie öffnet einen Raum, in dem wir schwerelos werden. Kleine Astronauten im All. 

Und unter uns die Erde ist blau.

Montag, 3. Juli 2017

Astrid Lindgren und die erschreckende Aktualität ihrer Dankrede von 1978


"Die jetzt Kinder sind, werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch etwas von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen. In einer, wo die Gewalt nur ständig weiterwächst, oder in einer, wo die Menschen in Frieden und Eintracht miteinander leben.

Gibt es auch nur die geringste Hoffnung darauf, dass die heutigen Kinder dereinst eine friedlichere Welt aufbauen werden, als wir es vermocht haben? Und warum ist uns dies trotz allen guten Willens so schlecht gelungen?"  Astrid Lindgren in ihrer Dankrede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1978

Ach, Astrid Lindgren, die Kinder von damals sind heute an der Macht. Und sie haben Formen der Gewalt ersonnen, von denen Sie sich im gefühlt Lichtjahre entfernten Jahr 1978 nichts träumen ließen. Was also ist schiefgelaufen? Und was sollen wir tun, die Kinder von einst, die heute selbst Kinder haben?

Ein schmales Buch voller aktueller Fragen. Astrid Lindgrens Antwort ist, wie erwartet, schlicht und ergreifend: Liebt eure Kinder, damit sie zu liebevollen Menschen werden.

Übrigens hat der Börsenverein des deutschen Buchhandels damals erwogen, Astrid Lindgren wieder auszuladen, damit sie ihre "provokante" Rede in der Paulskirche nicht halten kann. Immerhin dies haben wir geschafft: Man darf heute Gewalt gegenüber Kindern anprangern und ihre Folgen in der Gesellschaft thematisieren.
 
Astrid Lindgren "Niemals Gewalt", mit einem Vorwort von Dunja Hayali, 75 Seiten, Oetinger Verlag.

Dienstag, 27. Juni 2017

Schnipp Schnapp II



Immer noch 32°.
Also noch was schnippeln.

Und kalten Marajuca-Orangen-APFELsaft trinken.

Schnipp Schnapp I findet man hier.


Mittwoch, 21. Juni 2017

Sara Maitland "Das Buch der Stille"


"Ich sitze auf der Eingangsstufe meines kleinen Hauses mit einer Tasse Kaffee und schaue ins Tal hinunter auf die außergewöhnliche Aussicht auf Nichts. Das ist einfach wunderbar. Virginia Woolf hat uns in ihrem berühmten Essay die Einsicht vermittelt, dass jede Autorin ein Zimmer für sich allein braucht. Was meiner Meinung nach aber längst nicht genügt. Ich brauche ein ganzes Moor für mich allein. Oder, wie eine pikierte, doch offensichtlich einfühlsame Freundin kommentierte, als sie zu Besuch kam, um sich meine neueste Marotte anzuschauen: "Das gibt es nur bei dir, Sara - zwanzig Meilen Aussicht auf praktisch rein gar nichts!" Tatsächlich ist da aber gar nicht "nichts" - da sind die Wolkengebilde und die verschiedenen Bewegungen von Schilf und Gräsern, da gibt es Heide und Farn im Wind und wechselnde Farben, nicht nur im Jahresverlauf, sondern auch im Verlauf eines Tages, während sich Sonne und Wolken verändern und weiterwandern ..."

Sara Maitland, britische Roman- und Sachbuchautorin, hat ihr Haus in der Stille gefunden. Und kann nun endlich ein Buch schreiben über ihre jahrzehntelange Reise in die Stille und durch die Stille. Sie erzählt von Wanderungen im schottischen Hochmoor, Aufenthalten auf Inseln und der absoluten Stille in der Wüste. Sie erzählt, wie und wo Eremiten, Weltumsegler und Polarforscher die Stille gefunden haben und spricht über die Freuden und Gefahren von Stille. Was für ein fundiertes, gut recherchiertes Buch. Aber Stille ist ja eins meiner Lieblings-Themen, und ich vermisse hier einen wesentlichen Aspekt von Stille.

Für Sara Maitland ist Stille von äußeren Bedingungen abhängig; deshalb sucht sie entlegene Orte auf, und Stille, Schweigen und Alleinsein sind für sie nicht zu trennen. Sie betet drei Stunden am Tag, liest, denkt nach. Sogar auf ihrer Wüstenreise saß sie, abgesondert von ihrer Gruppe, in einer Felsspalte und las. Wer jemals eine Woche in einem Schweige-Retreat verbracht hat, weiß, dass der größte Lärm nicht außen, sondern innen ist: das unablässige Kommentieren, Beurteilen, Abwägen, Hoffen und Befürchten, das im Geist abläuft. Mit Verblüffung habe ich gesehen, dass dies für Sara Maitland kein Thema ist, im Gegenteil: Sie sucht die Stille auch, um nachdenken zu können und "eine bessere Autorin" zu werden.

Einmal vergleicht sie die Stille der christlichen Mystiker mit jener der Buddhisten. Der Christ, sagt sie, stelle seine Beziehung zu Gott durch seine Persönlichkeit her, die immer erhalten bleibe; der Buddhist dagegen wolle sich im Nirvana oder der Erleuchtung auflösen. Dieses falsche Verständnis von Buddhismus begegnet mir häufig. Der Mensch mit seiner "Persönlichkeit", also seiner eigenen Ausdrucksform des Göttlichen, löst sich natürlich nicht auf; wer Zen und andere buddhistische Meditationsformen praktiziert, kann erkennen, dass er Nirvana und erleuchtetes Sein ist. Der Urgrund des Seins ist Stille - deshalb ist das tiefste Wesen des Menschen die Stille. Um das erkennen zu können, muss man nicht unbedingt allein sein; gerade eine Gruppe schweigender Menschen in einem Retreat kann ungemein tragend sein und die Stille und somit die Erfahrung vertiefen. Letztendlich ist nicht einmal Schweigen eine Bedingung: Wenn man die Praxis der Alltags-Meditation gelernt hat, steigen auch die Worte aus der Stille auf und sind von Stille durchtränkt.

Mir scheint, es ist genau diese Stille, die Sara Maitland im Tiefsten sucht, aber sie ist ihr noch nicht ganz geheuer. Denn sie hat schon bemerkt, dass das Eintauchen in die Stille sich nicht gut verträgt mit dem Erzählen von Geschichten, die einen "Plot" verlangen, eine Dramaturgie brauchen und die Existenz von Anfang und Ende suggerieren. Sie erkennt: "Ich möchte Stille schreiben", weiß aber noch nicht, wie das gehen soll.

Auf jeden Fall ist dies ein kundiges, eloquent formuliertes Buch über die Stille, geradezu ein Standardwerk zum Thema. Ich finde es schön, dass der kleine und feine Verlag edition steinrich das Buch jetzt auf Deutsch herausgebracht hat. Es ist wie ein Spiegel, in dem wir unsere eigene Erfahrung von Stille überprüfen können. Sara Maitland "Das Buch der Stille", übersetzt von Karin Petersen, edition steinrich. Kann man auch direkt beim Verlag bestellen (hier). Versandkostenfrei. Da beutet kein Großversender seine Mitarbeiter aus.

For my English speaking readers: Sara Maitland "A Book of Silence" has been published by Granta Books.

Montag, 5. Juni 2017

Der Bote

 

Der Bote

(von Jane Hirshfield)

Einmal, in jenem Raum, eine kleine Ratte. 
Zwei Tage später eine Schlange.

Die, als sie mich hereinkommen sah,
den langen Streifen ihres Körpers
unters Bett peitschte
und sich zusammenrollte wie ein fügsames Haustier.

Ich weiß nicht, wie sie kamen oder gingen.
Das Licht der Taschenlampe, später, fand nichts.

Ein Jahr lang beobachtete ich,
wie etwas - Entsetzen? Glücklichsein? Kummer? -
in meinen Körper eintrat und ihn verließ.

Ich weiß nicht, wie es hineinkam.
Ich weiß nicht, wie es ging.

Es nistete, wo Worte es nicht erreichen konnten.
Es schlief, wo das Licht nicht hin drang.
Es roch nicht nach Schlange, nicht nach Ratte,
weder nach Lüstling noch nach Asket.

Es gibt Öffnungen in unserem Leben, 
von denen wir nichts wissen.

Durch sie reisen
die mit Glocken behängten Herden nach Belieben,
langbeinig und durstig, bedeckt mit fremdem Staub.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen: Margrit Irgang) 

Jane Hirshfield ist Dichterin, ordiniert als Laiin in der Linie von Suzuki Roshi. Sie hat einen Beitrag in dem schönen Buch "Das verborgene Licht". Mehr darüber hier.

***

The Envoy

by Jane Hirshfield

One day in that room, a small rat.
Two days later, a snake.

Who, seeing me enter,
whipped the long stripe of his
body under the bed,
then curled like a docile house-pet.

I don't know how either came or left.
Later, the flashlight found nothing.

For a year I watched
as something - terror? happiness? grief? -
entered and then left my body.

Not knowing how it came in.
Not knowing how it went out.

It hung where words could not reach it.
It slept where light could not go.
Its scent was neither snake nor rat,
neither sensualist nor ascetic. 

There are openings in our lives
of which we know nothing.

Through them
the belled herds travel at will,
long-legged and thirsty, covered with foreign dust.

Jane Hirshfield is a poet, ordained as a lay member in the lineage of Suzuki Roshi. She has contributed to the beautiful book "The Hidden Lamp". More about the German translation of the book here (click).

 

Donnerstag, 1. Juni 2017

Eivor "On my way to somewhere"


Sie ist so jung. Und der Text ihres Liedes ist so sehr Anfang, Aufbruch. Alles ist noch möglich, auch das Scheitern. Alles ist offen. Die Fragen sind noch nicht durch Antworten zum Schweigen gebracht.

Sie erinnert mich an mich, als ich noch jünger war als sie und nur für die Musik lebte. Nächte hindurch mit Freunden sang und spielte. Auftrat, wo immer sich eine Möglichkeit bot. Mit dem Chor oder der Gruppe. Eine große Zeit; nie wieder wird es so sein. Ich bin froh, sie erlebt zu haben.

Eivor Pálsdóttir von den Färöern. Inselmusik. Nördlich und ganz klar. Gut für heiße Sommernächte.


Montag, 29. Mai 2017

Schnipp schnapp


Kleine kreative Lockerungsübung.
Oder: Die Dichterin hat hitzefrei.

Hier erzählt Taija von der Poesiekiste, die sie in München mit Schnippel-Poesie füllt.


Und hier ist die Urmutter aller poetischen Schnipsel-Collagen. Ein Wunderbuch: Herta Müller "Vater telefoniert mit den Fliegen". Erschienen bei Hanser. Es gibt noch ein zweites: "Die blassen Herren mit den Mokkatassen". Ebenfalls bei Hanser.

Herta Müller hat einen eigenen Schrank für ihre Schnipsel, die in die Tausende gehen. Ich habe nur einen Schuhkarton, und auch der ist nur halb voll. Für eine Nicht-Nobelpreisträgerin finde ich das ausreichend.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Die Welt schickt Botschaften

Eine Wolke? Keine Wolke?

"Das Universum versucht ständig, uns zu erreichen und uns etwas zu lehren oder uns etwas zu sagen, aber wir weisen es dauernd zurück. Wir sind nicht interessiert daran, die Symbole oder die Zeichen, die auftauchen oder uns geschehen, wahrzunehmen. Aber jetzt können wir die Symbole genau und direkt erfahren. (...) Die Basis der Meditationspraxis ist das Interesse und die Aufmerksamkeit für jede Aktivität, in die wir eingebunden sind, unser ganzes Leben lang, in jedem einzelnen Moment. Sobald wir aufhören, die Welt abzulehnen, stürzt sich die Welt auf uns. Symbole drängen sich uns geradezu auf. Wahrnehmungen und Erkenntnisse, die alle Arten von Wirklichkeiten betreffen, nehmen Gestalt an. Symbole sind überall, rechts und links und vorne und hinten." Chögyam Trungpa

Diese Aussagen des tibetischen Tulkus Chögyam Trungpa stammen aus Vorträgen, die er in den USA für Künstler gehalten hat. Nun muss man wissen, dass "Dharma Art", wie es in der von ihm gegründeten Shambhala Schule genannt wird, eine Lebenskunst ist, die alles umfasst: "... wie man kommuniziert, wie man spricht, wie man kocht, wie man seine Kleidung und die Nahrungsmittel im Supermarkt auswählt - jedes kleine Detail." Dieselbe Auffassung also wie mein "Zen als Lebenskunst". Um dies zu praktizieren, brauchen wir Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Moment, völlige Wachheit für das, was sich gerade zeigt. Sobald wir uns in dem Geschwätz unseres Geistes verlieren, ist die Verbindung mit der Lebendigkeit und Fülle des Augenblicks zerrissen.

Aber vielleicht wollt Ihr ja nicht nur Lebenskünstler sein, sondern in einem Medium künstlerische Aussagen machen. Kein Widerspruch, sagt Trungpa. Aus dieser Wachheit und Klarheit entstehe mühelos auch die klassische Kunst - das Bild, die Fotografie, die Kalligrafie, das Gedicht, das Blumengesteck. "Dann beginnen wir, mit der Wahrnehmung des Objekts einfach zu sein, ohne es zu akzeptieren oder zurückzuweisen. Das ist eine Art von Stillstand, in der Kommentare und Bemerkungen unwichtig werden; wichtig ist allein das Sehen der Dinge, wie sie sind." 

Sind das nicht zwei Aussagen, die sich widersprechen, die "Dinge, wie sie sind" und das Thema "Symbol"? Für uns Zen-Praktizierende (die wir Wahrnehmungs-Experten sind) ist das kein Widerspruch. Wenn sich im alten Griechenland zwei Freunde für längere Zeit trennen mussten, brachen sie beim Abschied einen Tonring in der Mitte durch. Jeder Freund bekam eine Hälfte dieses symbolon.. Bei der Wiederbegegnung nach vielen Jahren dienten die beiden Hälften, die zusammenpassten, als Erkennungszeichen: Ja, er ist es wirklich, mein Freund. Ein Symbol ist also laut Wikipedia "eine Sache oder ein Zeichen, das für etwas anderes steht".

In der Zen-Tradition gibt es diese bekannte Aussage: Wenn der Schüler mit der Praxis beginnt, sind die Berge einfach nur Berge. Nach langer Zeit der Übung erkennt er plötzlich, dass die Berge gar keine Berge sind. Übt er aber nach dieser Erkenntnis immer weiter, kommt der Tag, an dem die Berge wieder Berge sind.

Die "Dinge" der Welt - der Berg, die Ameise, der Apfel, der Geliebte - sind zugleich sie selbst und ein Symbol. Zuerst betrachten wir als Künstler ihre äußere Form und Beschaffenheit: das zarte Gelb des Apfels, das in kleinen grüngelben Strichen hinüberführt in eine Art rostiges Rot. Die Felsspalte hoch oben am Berg, durch die, wie wir nach einer Weile des geduldigen Schauens erkennen, ein Rinnsal fließt. Und dann - wir wissen nicht, wie und warum das geschieht - öffnet sich auf einmal die Form und schickt uns eine Botschaft in Gestalt einer fühlbaren Energie oder einer plötzlichen Erkenntnis in unserem Geist. Wir sehen: der Berg ist viel mehr als ein Berg, der Apfel viel mehr als seine äußere Form. Das ist der Moment, in dem wir zum Pinsel, zum Bleistift, zur Kamera greifen. Wir haben wirklich gesehen - und die Welt hat sich geöffnet.

Dann kehren wir zurück in unsere Alltagswelt mit unserem Bild, dem Gedicht, der Erkenntnis, und der Apfel ist wieder ein Apfel, der Berg ist wieder ein Berg. Aber wir sind nicht mehr dieselben. Wir haben das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen gesehen, haben eine Botschaft von einer anderen Wirklichkeit empfangen, die sich durch die Dinge der Welt unablässig ausspricht. Vorher hatten wir nur die eine Hälfte des symbolon, die äußere Gestalt der Dinge. Jetzt haben wir die zweite Hälfte gefunden, und sie passt.

Wie wäre es, jeden Tag oder jeden zweiten oder dritten eine Stunde dem wirklich tiefen Sehen zu widmen? Mit Bleistift oder Kamera oder einfach mit weit offenen Augen und Ohren. Sehen, ohne das Gesehene zu kommentieren, zu beurteilen oder einzuordnen. Lauschen. Spüren. Und auf die Botschaft warten, die ganz bestimmt kommen wird.

Diesen ganzen warmen Sommer lang. Wie wäre das?

Mittwoch, 17. Mai 2017

Frau Irgang kocht. Und hat ein Schüsselerlebnis.



Selbst in altehrwürdigen Seminarhäusern heißt so etwas heute "Buddha Bowl". Zu dieser Inflation des Wortes Buddha sag ich jetzt mal nix.

Aber ich sage, was heute in meiner Schüssel war:

* Grüner Spargel
* Avocado
* Tomaten
* Rote Bete
* Quinoa (warm)
* Gebratener Halloumi, mit Mohn bestreut


Dazu ein geniales Dressing aus Frühlingszwiebeln, 1 TL Honig, 1 TL Harissa, etwas Zitrone, 1 EL Olivenöl. Mit Minze garnieren.

Das Dressing und die BOWL wurden inspiriert von der Köchin Anna Jones, die ich nicht genug loben kann. Ihre beiden Kochbücher "a modern way to eat" und "a modern way to cook" sind bei mir täglich im Einsatz. Mehr hier auf ihrer Homepage.

Übrigens gibt es beide Kochbücher auch auf Deutsch unter denselben (englischen) Titeln.

Freitag, 12. Mai 2017

Joachim Kaiser +11. 5. 2017

Quelle: Wikipedia

Seltsam, vor ein paar Tagen dachte ich an ihn. Ich hatte lange nichts von ihm gelesen. Es war immer stiller um ihn geworden, aber andererseits bekam ich so vieles aus seinem Umkreis und Wirken nicht mehr mit, seit ich München verlassen hatte.

Er war für viele Künstler - Musiker, Sänger, Schriftsteller und Theatermenschen - der eine große, der größte Kritiker Deutschlands. Universal gebildet, hochintelligent, begabt mit einer Formulierungskunst, die sehr oft die der Autoren, die er kritisch begleitete, übertraf.

Wir begegneten einander, als ich 1985 auf Einladung von Marcel Reich-Ranicki eine Geschichte beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt las und Joachim Kaiser in der Jury saß. Die Gefechte zwischen "Kaiser und Reich" waren legendär. Die beiden waren Antipoden - der eine ein Schwertschwinger, der andere ein Florettfechter. Nun hatte ich das Glück, dass Reich-Ranicki meine Geschichte nicht mochte, was er begründete mit dem für einen Kritiker eigentlich völlig unmöglichen Satz "Ich mag keine Kindergeschichten". Das war das Stichwort für den Auftritt von Joachim Kaiser. Er analysierte meine Sprache und meine Form mit der hochsensiblen Wahrnehmung eines Musikers für Zwischentöne (meine Arbeit damals bestand fast ausschließlich aus Zwischentönen, die Worte waren eher Gerüste für das Dazwischen ...), und als am letzten Tag jeder Juror seinen Vorschlag für den Bachmann-Preis vortrug, nannte er meinen Namen. Als Einziger. Es gab aber noch zwei andere Preise. Für den zweiten Preis nannte er - mich. Und als es dann zum dritten Preis kam, und er anhob: "Man muss es dreimal sagen ...", tobte das Auditorium, und es schlossen sich ihm tatsächlich zwei andere Juroren an.

Ich bekam keinen Preis. Es war mir gleichgültig. Diese ganze unsägliche Veranstaltung, bei der es nicht um die Literatur ging (und wohl bis heute nicht geht), sondern um Selbstdarstellung von Autoren und Kritikern, hätte ich am liebsten am ersten Tag verlassen, wenn es Kaiser nicht gegeben hätte. Weil da einer saß, der die Literatur liebte, wirklich liebte, und deshalb litt, wenn etwas danebengegangen war, und sehr, sehr scharf werden konnte, wenn er hohle Formulierungen hörte oder einen Autor eitel fand (er, der selbst nicht ohne Eitelkeit war). Und weil einer, endlich, meine Arbeit verstanden hatte. Nachdem alles vorbei war, kam er auf mich zu und stand unter Strom, wie immer damals. "Die verstehen alle nichts von Literatur", sagte er. "Gefällt es Ihnen hier? Ich finde es furchtbar." Und: "Ich wusste, dass Sie den Preis nicht bekommen würden, aber ich wollte unbedingt auf Sie aufmerksam machen."

Das war ihm gelungen. Kurze Zeit später bekam ich den Bayerischen Literaturpreis und den Rom-Preis Villa Massimo, aber da begann ich schon - das wusste ich damals noch nicht -, mich von der Welt der Eitelkeiten des Literaturbetriebs abzuwenden.

Joachim Kaiser ist am 11. Mai 2017 gestorben. Er hat mir einen Weg eröffnet. Ich werde diese eine und einzige Begegnung mit ihm nie vergessen.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Post aus Finnland


 ... ein winziges Buch (4 x 5,5 cm) von Taija, Leserin und Weggefährtin, die den schönen Blog "Augengeblicktes" hat. Das Titelblatt aus Birkenhaut, drei kleine Fächer innen, darin drei winzige Federzeichnungen mit einem Hauch Farbe, Wahrnehmungsmomente aus Finnland: Weil doch meine Seele eine Finnin ist, die sehr viel mehr Weite, Ruhe, Stille und Einsamkeit braucht, als sie hier, wo sie nun mal lebt der Sprache wegen, findet ...


... und dann träumt da oben noch die Katze, und ich sehe, dass sie ihrer Umgebung vertraut: Das ist eine Katze, die nur Gutes kennt, Frieden, Wärme und Sattheit, und deshalb schläft sie so tief ...

Ganz großen Dank, liebe Taija, ich habe mich sehr gefreut!

Montag, 8. Mai 2017

Ein Same des Absoluten


Das Absolute arbeitet mit nichts -
es gibt keine Lehrveranstaltung, kein Material.
Versuche, ein weißes Blatt Papier zu sein.
Sei ein Fleckchen Erde, auf dem nichts wächst,
aber etwas gepflanzt werden könnte,
vielleicht ein Same des Absoluten.

Rumi

The Absolute works with nothing.
The workshop, the materials
are what does not exist.
Try to be a sheet of paper with nothing on it.
Be a spot of ground where nothing is growing,
where something might be planted,
a seed, possibly, from the Absolute.

Rumi

Photo credit David Nyblack