Freitag, 25. November 2022

Unser konditionierter Geist

 

 Mann zu seiner Frau, vor der grünspanbeflockten und muffigen Mauer stehend: "Die Kerle mit den Spraydosen müssen einfach alles beschmutzen."


Nachdem die non-binäre Person Kim de l´Horizon den Deutschen Buchpreis erhalten hatte und auf Grund von Mord-Drohungen unter Personenschutz gestellt werden musste, veröffentlichte er/sie/es in der NZZ einen klugen Artikel, den man hier (klick) nachlesen kann. Kim de l`Horizon erzählt, wie er (ich erlaube mir, beim Maskulinum zu bleiben) auf einem U-Bahnsteig in Berlin von einem Mann zusammengeschlagen wurde mit den Worten "Normale Schwuchteln kann ich mittlerweile schlucken, aber du bist mir einfach zuviel", und fragt: "Was habe ich euch getan? Was, ihr um euch schlagenden Männer, seht ihr in mir, das euch dermaßen bedroht?"

Was wir sehen, wenn wir uns von einem Anblick bedroht fühlen, ist unsere eigene Konditionierung. Wir sehen oder hören etwas, das so noch nie dagewesen ist. Unsere Sinne sind aufgewühlt und wissen nicht, wie sie das Gesehene oder Gehörte einordnen sollen. Wir finden keine uns beruhigende Antwort darauf; die Antworten, die wir schon immer hatten, passen nicht zu der neuen Situation. Weil es uns buchstäblich die Sprache verschlagen hat (die entsprechende Sprache entsteht erst, wenn das Neue Gewohnheit geworden ist), schlagen wir zu. Mit Worten oder Fäusten.

In den 1960er Jahren wurden die Beatles berühmt, von deren Musik ich begeistert war. Meine Eltern hassten die "Pilzköpfe" auf den ersten Blick. Mein Stiefvater brüllte, dass diese Affen hinter Gitter gesperrt werden müssten, so behaart wie die seien, und drehte, um "Eleanor Rigby" zu übertönen, die Egerländer Musikanten auf. Heute sehe ich auf Fotos vier liebenswerte, nette Jungs, die inzwischen vermutlich jede Mutter gern zu Schwiegersöhnen hätte (also, verglichen mit Kim de l'Horizon, nehme ich an). Hier ist dasselbe geschehen wie in dem Mann, der auf dem Berliner U-Bahnsteig ausrief, dass er "normale Schwuchteln mittlerweile schlucken" könne: Aus dem verstörend Ungewohnten ist mit der Zeit so etwas wie Gewohnheit geworden. Der Geist ist in einem mühsamen Prozess und keineswegs freiwillig vom Leben umprogrammiert worden, sodass der Mensch sich nicht mehr bedroht fühlen muss.

Wir neigen alle dazu, unser Mögen oder Nichtmögen als Maßstab für unsere Antworten zu nehmen. Die ernüchternde Wahrheit ist: Für den großen Zusammenhang ist es völlig egal, ob etwas uns gefällt oder nicht. Wenn wir die Möglichkeit dazu haben, wählen wir für uns persönlich natürlich das, was wir mögen. Ich zum Beispiel esse lieber ein Gemüse-Curry als einen Schweinebraten. Also koche ich mir Gemüse-Curry. Aber auch unser Mögen und Nicht-Mögen sind nur Konditionierungen, die vom Leben allmählich und unausweichlich umprogrammiert werden. 

 


 Wohin des Wegs? Hängt ganz von Deinem Geist ab.


Im Magazin Ursache\Wirkung Nr. 119 mit dem Thema "Zukunft gestalten" schrieb ich über eine kleine alltägliche Begebenheit: "Kürzlich stand ich vor einem Schaufenster, neben mir ein älteres Paar, das sich über die Preise für die ausgestellte Mode erregte - in sächsischem Tonfall. In mir kochte Widerwillen hoch. Sächsisch! Ich wusste sofort, was diese Emotion ausgelöst hatte: Meine Eltern hatten aus einem mir unbekannten Grund eine Abneigung gegen Menschen aus Sachsen, die sie bei jeder Gelegenheit äußerten. In jenem Moment vor dem Schaufenster schlug also ein Erbe aus der Kindheit zu, aber ich erkannte die Ursache und konnte ruhig innerlich konstatieren: Ah, Sachsen. Ich hatte die Emotion im Augenblick ihres Entstehens abgefangen, bevor sie sich in meinem Geist zu einer kompletten Geschichte mit Meinungen, Urteilen und am Ende gar daraus folgenden Handlungen entwickeln konnte."

Wir dürfen uns keine Illusionen darüber machen, wie sehr wir alle konditioniert sind. Die Gegenwart enthält die Vergangenheit, und wenn wir das nicht hellwach beobachten, schleppen wir die Vergangenheit weiter in die Zukunft, die dann nicht neu sein wird, sondern eine Variante des immer Gleichen. Deshalb: Wachsam bleiben. Den Geist hüten. 

Die Filmemacherin und Autorin Mo Asumang, deren respektvolle Art, Fragen zu stellen, ich sehr schätze, hat für 3Sat einen guten Film über Homophobie und Queerness-Feindlichkeit gedreht. Hier (klick) kann man ihn sehen.

 

Sonntag, 20. November 2022

Zeit und Raum


"Nichts wird geschaffen oder zerstört, es verändert sich nur." Tyson Yunkaporta

 

Der australische indigene Wissenschaftler Tyson Yunkaporta, dessen Buch "Sand Talk" ich für den SWR besprochen habe, spricht aus seiner Aborigine-Tradition über die Verbundenheit und Durchdrungenheit alles Seienden. Auch Zeit und Ort sind untrennbar verbunden; in seiner Sprache gibt es nur ein Wort für beides. "Verwandtschaft bewegt sich in Zyklen, das Land bewegt sich in saisonalen Zyklen, der Himmel bewegt sich in Sternenzyklen, und die Zeit ist in diese Dinge so sehr eingebunden, dass sie sich begrifflich nicht vom Raum unterscheidet."

Fasziniert hat mich die Aussage, dass in seinem Volk alle drei Generationen die Verwandtschafts-Beziehungen neu geordnet werden: seine Urgroßeltern werden dann zu seinen Kindern ernannt. Unser lineares Denken ist unfähig, diese Auffassung von Zeit und Raum zu begreifen: "Nichts wird geschaffen oder zerstört, es verändert sich nur." Aber im Buddhismus findet sich exakt dieselbe Aussage: "Wenn die Bedingungen entsprechend sind, erscheint etwas aus dem Sein. Wenn sie nicht mehr entsprechend sind, geht etwas zurück ins Sein." Und Eckhart Tolle sagt: "Tod ist nicht das Gegenteil von Leben, sondern das Gegenteil von Geburt."

Da wir glauben, nichts weiter als diese bestimmte Person mit einem Körper, einer Adresse und einer Lebensgeschichte zu sein, macht uns die Aussage der unablässigen Veränderung Angst. Aber das Sein, der Urgrund, stirbt nie. Und wir sind dieser Urgrund, der im Lauf der Jahrtausende viele Namen bekommen hat. Thich Nhat Hanh nannte es immer "unser wahres Wesen". 

Wenn die Bedingungen für seine Existenz als Form nicht mehr vorhanden sind, zieht sich das Etwas zurück ins Sein und wird formlos. Auch unser Körper mit seiner Lebensgeschichte wird zurückkehren ins Formlose, in den Urgrund, der nie sterben kann. Ist das wirklich ein Grund, so viel Angst vor dem Tod zu haben?


Samstag, 12. November 2022

November auf dem Land

 

Der Nebel ist da. In englischen Romanen "wallen" ja gern "die Nebel", zum Beispiel über dem Loch Ness. Uns in Südbaden besucht nur einer, ich erkenne ihn wieder: In jedem Dorf derselbe. Er wallt nicht, zu viel Aufwand. In badischer Behäbigkeit liegt er bei uns herum. Er hat sich gemütlich eingerichtet, ich verstehe ihn. Auch ich richte mich zur Zeit gern in einer Sofaecke ein, von der mich bitte niemand vertreiben soll.



Wie in alten Häusern, in denen ein neuer Mieter die Tapetenbahnen seiner Vorgänger aus Jahrzehnten abzieht, blättert der Herbst jetzt der Landschaft die Schichten von Sommerfarben ab. Zum Vorschein kommt der raue Putz, nicht zugekleistert mit einer angeblichen Verschönerung. Das Graubraun, das Fahlgrau, das Graugrün. Das Kantige, Struppige, Rohe, Unebene, das Nicht-Gefällige, das leicht Schmuddelige. Das Sanfte, Einfache. Das Ursprüngliche.

 


Wo findet die Party statt? Oder ist sie schon vorbei? Vielleicht kriegt man dort irgendwo heiße Schokolade? Mal vorbeischauen, angelegentlich, rein zufällig auftauchen an einem Büfett mit Kuchen und warmem Apfelstrudel, bei Leuten, die zwar Nachbarn sind, die man aber noch nie gesehen hat? Ich sehe mich unschlüssig um. Außer mir sind nur Krähen unterwegs. Der Nebel tritt jetzt in seine Traumphase ein, sackt, wie ein Menschenkörper in die Matratze, immer tiefer in die Äcker und atmet tief und feucht aus.

November auf dem Land.


Sonntag, 6. November 2022

Music for the time of silence

 

... Into the weather you come and you go
In the darkest of nights there’s a sweep and a glow
And a flash that resounds with a sailor’s “land ho!”
And the voyages left behind

The seasons will pass, and the night into day
For all who will leave us, and all who will stay
If time is an ocean, then life is a bay
But it’s better than ever you’ll find… on these little islands in time
These little islands sublime.

 

Alex de Steiguer - Fotografin, Musikerin - lebt den Winter über allein als Wächterin auf Star Island vor der Küste von New Hampshire. Ich habe über sie hier (klick) geschrieben.

Ich wünsche euch, dass ihr in diesem Winter eure kleinen Inseln inmitten der Zeit findet. 


Sonntag, 30. Oktober 2022

Samhain

 


Das viele Leuchten und letzte Blühen auf den Feldern täuscht: Die Pflanzen haben ihre Kraft jetzt in die Wurzeln zurückgezogen und beginnen, sich auf die Winterruhe vorzubereiten. Samhain, das wichtige Fest der Kelten, an dem sie ihrer Toten gedachten, naht. An Samhain stand für die Kelten die Tür zur "Anderswelt" offen, die Zeit wurde auch die "dünne Zeit" genannt: Die Schleier, die für gewöhnlich unsere Wahrnehmung trüben, wurden als durchlässig angesehen. Manche hörten die Tiere sprechen, andere bekamen Botschaften von Verstorbenen. Es war eine stille Zeit der Einkehr und weit entfernt von "Halloween" und den Klingel-Orgien von Kindern, die nach Süßem schreien.

Mit Samhain begann für die Kelten ein neues Jahr, und dieses neue Jahr hat seine Wurzeln in der Tiefe, im Dunklen. Auch meine Seele sucht die Stille. Etwas in mir zieht sich zurück und braucht Schutz und Umhüllung. Die Seminar-Reisen sind für dieses Jahr beendet. Der Schreibtisch wird in den nächsten Monaten der Ort meiner inneren Reisen sein.

 


Wenn wir so weitermachen wollen wie in den letzten Monaten, verpassen wir den wichtigen Übergang in die andere Zeit. Erst einmal innehalten und schauen: Wie sieht die Natur jetzt aus, was tun die Tiere, was die Bäche und Flüsse? Wächst den Katzen nicht schon das Winterfell? Ja, eine neue Zeit beginnt, es ist unübersehbar, und auch wir müssen uns erneuern. Den Sommerkörper zurückrufen aus seinem Freiluft-Leben und ihm ein Winterfellchen wachsen lassen aus Stille, Gelassenheit, Einfachheit und innerer Ruhe. 

Und all das würdigen, was in den letzten Monaten gestorben ist, konkret und symbolisch. Ein geliebter Mensch vielleicht? Ein Tier, eine Pflanze, die eingegangen ist? Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat? Alles Verstorbene muss erinnert und dann verabschiedet und auf seinen Weg geschickt werden, damit wir frei werden und Raum schaffen für das, was auf uns wartet.




Tief unten in den Wurzeln der Pflanzen bereitet sich das neue Leben vor, das im Februar zur Lichtmesszeit hervorbrechen wird. Auch in uns wird das neue Leben reifen. Drei tiefe, stille und dunkle Monate lang.

 

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Die Besucherin


 

Sie kam zu mir in einem Salatkopf. Eingehüllt in Schichten von Blättern, lag sie zusammengerollt ganz unten am Strunk. Eine schöne Art zu reisen, dachte ich, vor allem in dieser Jahreszeit. Welche Geborgenheit. Welche Dunkelheit und Stille in der Tiefe des Salatkopfes, die leichte Feuchtigkeit, die nicht Nässe ist, sondern nährendes Element. Keine meiner Reisen fand bisher auch nur annähernd in etwas statt, das ich mein Element hätte nennen können.

Mein  Messer hatte sie knapp verfehlt, auch sie atmete sichtbar auf. Das sah hübsch aus. Sie fuhr zwei Antennchen mit Knöpfchen an den Enden aus, um mal zu sondieren, in welcher Umgebung sie da gelandet war. Alles sehr hell auf einmal, trockene Atmosphäre, viel Holz und Metalliges, also ihr Element war das nicht. Das schien sie nicht zu stören, sie wurde neugierig. Entfaltete sich zu ganzer Kürze und schob sich sanft und beharrlich über die Landschaft aus Küchengerät, erklomm Löffel und Dosen und balancierte auf der Messerklinge. Was so ziellos aussah, war tatsächlich entschlossene Absicht. Das begriff ich erst, als sie sich auf dem Champignon niederließ. 

Reisen macht hungrig, ich kenne das. Kaum setzt sich der Zug in Bewegung, packe ich meinen Proviant aus, obwohl ich gerade gefrühstückt habe. Sie knusperte und raspelte an meinem Mittagessen mit einer Schnelligkeit, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Ich hatte sie nicht direkt eingeladen, mein Mahl mit mir zu teilen, aber ich freute mich über die Gelegenheit, Gastfreundschaft zu zeigen.

Nachdem sie gegessen hatte, wickelte ich sie in ein Salatblatt und brachte sie in Nachbars Garten. Wir sollten das, was uns Freude macht, nicht für uns behalten, sondern mit anderen teilen.


Sonntag, 16. Oktober 2022

Eine Geschichte aus unserer Zeit

  

 Diese Behauptung stammt erkennbar aus einer längst vergangenen Zeit

 

Ich habe eine Geschichte gehört, die so vieles von dem ausdrückt, was uns gerade bedrückt. Eine Freundin von mir hat an einem Yoga-Retreat im Ausland teilgenommen. Gegen Ende der Woche stellte sich heraus, dass eine Teilnehmerin, die dauernd hustete, Covid hatte. Zwei andere hatten sich bereits angesteckt, darunter meine Freundin. Fieber, Schüttelfrost, Gliederschmerzen, das ganze Programm. Aber der Albtraum begann erst, denn die Abreise stand bevor.

Der Leiter des Retreats sagte, er könne die Verantwortung nicht übernehmen, die drei nach Hause fliegen zu lassen, und ordnete Quarantäne im Hotel an. Das verbot der Hotel-Besitzer verständlicherweise vehement. Die drei Infizierten riefen das Krankenhaus an und baten um Aufnahme, was empört abgelehnt wurde. Sie entbanden den Leiter von der Verantwortung und flogen in der bereits vorab gebuchten Maschine nach Deutschland. Dort kamen sie erst nach Mitternacht an, es gingen keine Züge mehr in die diversen Heimatstädte, sodass sie die ebenfalls vorab gebuchten Zimmer in einem Hotel bezogen. Am nächsten Morgen stiegen sie in ihre Züge (Schüttelfrost, Fieber, Gliederschmerzen) und fuhren nach Hause. Und fühlten sich nicht nur körperlich elend.

Eine einzige Person, die erste Infizierte, die sich anfangs weigerte, sich testen zu lassen, hat das ganze Gebilde wie ein Mikado-Haus zusammenfallen lassen. Die eine, auf die es angekommen wäre.

Wir möchten wieder wenigstens zeitweise ins Leben zurückkehren, im Chor singen, Yoga machen, Sport treiben. Endlich wieder mit Menschen zusammensein, nicht nur auf Monitore starren. Aber Menschen sind gefährlich. Diese Geschichte zeigt das Dilemma, in dem wir sind: Wir blenden die Möglichkeit aus, dass uns etwas heimsuchen könnte. Wer will sich ständig vor Menschen schützen und ihnen unter Vorbehalt begegnen. Wir wollen vertrauen und wir müssen vertrauen, sonst ist das Leben nicht lebenswert.

Aber weil wir vertrauen, haben wir keinen Plan B - und ich sehe auch nicht, wie ein solcher in dieser Situation hätte aussehen können. Fast alle Beteiligten haben sich bemüht, sich verantwortungsvoll zu verhalten. Wo, außer unter einer Brücke, hätten die drei unterkommen können, bis sie irgendwann - nach Tagen oder, wenn sie Pech gehabt hätten, Wochen - wieder negativ gewesen wären? Und doch: In Flugzeug und Zug, im Speisesaal und Hotel saßen andere Menschen nebenan. Vertrauensvolle Menschen, die gerade wieder ins Leben zurückgekehrt waren.

Es gibt keine einfachen Lösungen. Zur Zeit weniger denn je. Es gibt nur die Verantwortung jedes Einzelnen. Deine. Und meine.

 

Sonntag, 9. Oktober 2022

Blühen bis zum Ende


So viele Farben im Moment im Wald und vor dem Wald, auf dem Acker, auf den Wiesen, auf dem Boden.



Es lohnt sich, mal hinunter zu gucken. Mal ins Unterholz zu spähen. Einen Busch beiseite zu schieben.




Ich will nichts aufheben, nichts einsammeln, nichts pflücken, dem Wald und seinen Bewohnern nichts stehlen. Ich will einfach schnuppern, schauen, staunen. Für das, was ich mitnehme, brauche ich weder Korb noch Beutel. Ich habe ja meine Nase, meine Augen.




Alles ist zerzaust, vom langen Sommer erschöpft. Aber sie geben nicht auf. Ringelblumen, Mohn, Margeriten, Büschelschön: Ihre Lebensaufgabe ist es, zu blühen. Also blühen sie bis zum Ende. Künstler eben. Wenn man eine Lebensaufgabe hat, gibt man das Leben nicht auf. Eigentlich alles sehr klar und einfach. 


Donnerstag, 29. September 2022

Praxis mit Weihnachtsstern, 2. Jahr


Nun, meine Lieben, ist wieder Zeit, euren Weihnachtsstern auf Weihnachten vorzubereiten. Er/sie (eine Sternin gar?) soll doch im Advent schön rot sein. Deshalb hier noch einmal mein Erfahrungsbericht für alle tapferen Weihnachtssternbetreuerinnen und -betreuer. Nicht müde werden, Sternchen schleppen!

Übrigens: Mein Sternchen vom letzten Jahr ist ein ausgewachsener Prachtstern geworden. Dies ist das letzte Jahr, in dem ich ihn noch erröten lassen werde. Der Kerl wiegt so viel wie eine ausgewachsene Katze und passt jetzt schon kaum noch in seine Dunkelkammer. 

 ***

Im Dezember letzten Jahres kaufte ich einen kleinen Weihnachtsstern im Edeka. Es war der letzte im Regal, ein Sternchen im 10-cm-Topf für 99 Cent. Er tat mir leid. Alle Brüder und Schwestern aus dem Haus, der Kleine allein zwischen den obszön fleischigen Stängeln der Amaryllis, wo er irgendwie zurückgeblieben wirkte und nicht gerade zum Kauf einlud. Ich nahm ihn mit.

Sternchen gefiel es bei mir. Es wuchs. Ich topfte um. Sternchen war begeistert und wuchs schneller. Ich holte beim Edeka einen größeren Topf, der dreimal so viel kostete wie das Pflänzchen. Dazu beste torffreie Bio-Erde. Das Wachstum machte mich bange. Und irritierte mich: Die paar roten Blättchen waren längst von dicken grünen Blättern überwuchert. Was war los mit ihm? Falsche Pflege, falscher Standort? Ich konsultierte das weltweite Netz. Und erfuhr, dass der tropische Stern eine Kurztagspflanze ist und dem Photoperiodismus unterliegt. Vom 22. September an benötigt er acht Wochen lang täglich zwölf Stunden absolute Dunkelheit, um neue rote Blüten (die im Grunde Hüllblätter sind) zu entwickeln. "Wichtig ist", sagt das Netz, "dass man die Zimmertür nach Sonnenuntergang nicht mehr öffnet." Und fügt für uns Villenbesitzer hilfreich hinzu: "Ein ungenutzter Raum mit einer Außenjalousie, die sich zeitgesteuert herunterfahren lässt, eignet sich sehr gut."

Am 22. September trug ich Stern um 19 Uhr in mein kleines Kofferabteil unter der Dachschräge und wünschte ihm Gute Nacht. Am nächsten Morgen holte ich ihn um 7 Uhr wieder heraus und wünschte ihm Guten Morgen. Tag für Tag: Stern abends ins Dunkle betten, morgens in den Tag holen. Die Welt rutschte währenddessen in großer Geschwindigkeit in Richtung Chaos. Ich saß am Computer und sah ihr dabei zu; es gibt Grafiken dafür, die kennt inzwischen jeder. Die Überschriften lauten Inzidenz, Hospitalisierung, Impfstoffknappheit, Mutanten, vierte Welle. Beim Lesen von Online-Zeitschriften kann man ganz schnell mit der Welt zusammen abrutschen, und aus solchen Abgründen kommt man schwer wieder raus. Ich aber hatte einen Stern. Mit ihm zusammen bewegte ich mich durch die Tage der schlechten Nachrichten, die von zwei verlässlich aufgestellten Säulen zusammengehalten wurden: dem "Guten Morgen, Stern!" und dem "Gute Nacht, Stern!".

Allmählich fühlte ich mich aber doch etwas ermüdet. Nach einem Monat wurde ich mürrisch, weil auch nicht der kleinste rote Schimmer zu sehen war. Ein wenig Erfolg für meine Mühe hätte ich schon gern gesehen. Okay, sagte ich mir. In Grün ist er ja auch hübsch. (Ich will aber einen Roten ...!) Dann fuhr ich nach Salzburg, und als ich im Retreat auf meinem Kissen saß, fiel mir ein, dass ich den Stern im Kofferabteil vergessen hatte. Ach je. Ob er mir das wohl verzeihen würde? Ob er jetzt, drei Tage lang in Dunkelheit gesperrt, endgültig die Röte verweigern würde? Aus Hilflosigkeit? Aus Trotz? Am nächsten Montag holte ich ihn aus dem Verlies, er wirkte ungebrochen vital. Und war sehr grün.

 


Die acht Wochen neigten sich dem Ende zu. Am 18. November - ja, ich habe das Datum notiert - holte ich morgens den Stern aus der Dunkelheit, und die Hüllblätter waren von einem rosaroten Schimmer überzogen. Ich jubelte. Jetzt ging alles sehr schnell. In den nächsten Tagen errötete er immer mehr, wuchs dabei natürlich weiter und sieht jetzt aus wie eine junge Punkerin, die sich in den Haarschopf oben knallrote Stellen gefärbt hat, während unten die Eigenfarbe stehenblieb.

Mir erzählen ja immer wieder Menschen, dass sie es nicht schaffen, sich täglich zur Meditation auf ein Kissen zu setzen. Vielleicht probieren sie es im nächsten Jahr mal mit der Weihnachtsstern-Praxis. Immer dieselben Handgriffe in derselben Weise um dieselbe Zeit auszuüben, hat etwas enorm Beruhigendes. Es gibt dem Tag eine Struktur, man lernt den Zustand seines Geistes kennen, kann das Loslassen aller Wünsche und Vorstellungen üben und gewinnt eine neue geliebte Freundin. Eine Punkerin. Das Leben ist voller Überraschungen.


Sonntag, 25. September 2022

Lebensbücher

 

Es gibt Bücher, die mir Spaß machen, mir eine gute Geschichte erzählen, die mich mit ihrem literarischen Stil begeistern, und solche, die mich klüger und kreativer machen. Und es gibt die Lebensbücher: Die Bücher, zu denen ich ein Leben lang greife, die mich immer und unter allen Umständen in meinen innersten Kern zurückführen. Die sechs wichtigsten möchte ich Euch hier vorstellen, jedes mit einem kurzen Zitat.

Joseph Campbell "Die Kraft der Mythen" ist ein Schatzbuch, das ich nie "auslese". Campbell, der Mythenforscher und Hochschulprofessor, war ein erleuchteter Weiser. Seine Erfahrung der Transzendenz ist in jedem Satz spürbar. Er ist bewandert in allen Kulturen und allen Religionen und findet den gemeinsamen Urgrund hinter den zahllosen Erscheinungen. Das Buch ist voller Bilder von Kunstwerken, Höhlenzeichnungen, Bauten. "Man muss ja sagen zu diesem Wunder des Lebens, wie es ist, nicht unter der Bedingung, dass es sich an die eigenen Regeln hält. Andernfalls gelangt man niemals in die metaphysische Dimension."

C. G. Jung "Erinnerungen, Träume, Gedanken". Ein Lesebuch mit genau dem Inhalt, den der Titel verspricht. Der beste Einstieg in die analytische Psychologie, lebendig und leicht verständlich. Hier lernt man Jung auch als den Mystiker kennen, der er war. Faszinierend finde ich die Beschreibungen seiner spirituellen Erfahrungen. Warum ich Jung liebe und nicht etwa Freud? Deshalb: "Es ist die Aufgabe des Einzelnen, von allen anderen unterschieden auf eigenen Füßen zu stehen."

Peter Handke "Dialoge an den Rändern". Das neueste seiner Journale (danke, Monika, für das Geschenk!) steht hier stellvertretend für die vorangegangenen. Ich liebe sie alle, lese sie immer wieder kreuz und quer, streiche an, lasse mich anregen zum Weiterdenken, zum Widersprechen, zum beigeisterten Zustimmen. Wem außer Handke gelingen Wortschöpfungen wie "Kuhweidenregenmusik" und "Zeitraumerblühen"? Mein derzeitiger Liebling die Frage: "Wohin des Nicht-Weges?"

Kakuzo Okakura "Das Buch vom Tee". Ein Buch der Sanftheit, der Stille, der Schönheit. Okakura meditiert über die japanische Philosophie des Tees, die zusammen mit der Ethik die gesamte japanische Auffassung von Mensch und Natur darstellt. Dieses Buch ist wie eine Insel im Meer meiner Bibliothek, still und abgeschieden steht es auf dem höchsten Regalbrett und hat mit seinen Nachbarn nichts zu tun. Ein Solitär, der mich mit seinen einfachen Worten in die Welt der Teehäuser versetzt. Ich las das Buch zum ersten Mal, als ich achtzehn war, und es sprach von mir, als einer taoistischen "Meisterin der Lebenskunst": "Bei der Geburt tritt sie in das Land der Träume ein und erwacht erst beim Tode zur Wirklichkeit."

Jiddu Krishnamurti "Einbruch in die Freiheit". Im Innendeckel des Buches steht die Jahreszahl 1980. Nachdem ich es gelesen - ach was, getrunken, mir einverleibt - hatte, fuhr ich in Krishnamurtis Sommercamp nach Saanen in die Schweiz. Das war sie, die Begegnung meines Lebens. Eigentlich hätte ich danach keinen Lehrer mehr gebraucht, aber ich merkte, dass ich eine Praxis haben wollte, um meine Erfahrung zu vertiefen, und Krishnamurti war kein Lehrer und hielt überhaupt nichts von Praxis. Dieses Buch ist für viele Menschen provozierend, denn es ist wie sein Autor absolut kompromisslos: "Freiheit ist ein Zustand des Geistes - die Freiheit, alles anzuzweifeln und in Frage zu stellen, und zwar so intensiv, aktiv und kraftvoll, dass sie jede Art von Abhängigkeit, Sklaverei, Anpassung und Anerkennung von sich wirft. Solche Freiheit bedeutet völlig allein zu sein."

Rainer Maria Rilke "Das Buch der Bilder". Auch dieser Band ist stellvertretend für alle anderen gewählt. Über Rilkes Gedichte kann ich nichts sagen. Die lese ich mir selbst vor, stumm und leise flüsternd, und dann klingen sie in mir weiter. Rilke begleitet mich seit meiner Jugend. "Die Einsamkeit ist wie ein Regen. / Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; / von Ebenen, die fern sind und entlegen, / geht sie zum Himmel, der sie immer hat. / Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt."

Meine Lebensbücher sind Bücher der Stille und der Freiheit, und deshalb erzählen sie vom großen Alleinsein. Denn wer in dieser Welt aus dem innersten Wesen heraus still und radikal frei leben muss, gehört nicht zu den Vielen. 

Was sind eure Lebensbücher? Schreibt doch in den Kommentaren, welche Autoren euch lebenslang begleiten. Tauschen wir uns ein wenig aus; über Bücher soll man nicht schweigen.