Montag, 12. April 2021

Geistersuppe


Landregen

Weiße Geister kochen Sauerampfersuppen an den Teichen.
Überm Feld bleibt lang ein Flüstern stehn,
die Minuten zögern zu vergehn,
und aus Ziegeldächern ist ein Wunsch zu lesen wie aus Zeichen.
 
Träge lehnt der Wald am Himmel, beide tauschen Dunkelheiten,
es versinkt im Grab ein Namensstein,
eine Botschaft schreibt im Kies sich ein,
in den langen Blick der Katze tritt ein Traum aus frühen Zeiten.
 
Leise splittern blinde alte Spiegel auf den Wassergraben,
aus dem Grund steigt die versunkne Stadt,
vom Kalender fällt ein Juniblatt,
wer jetzt Glocken läuter hört, der wird bald viel zu denken haben.
 
Margrit Irgang
 


Aus: Margrit Irgang "Die erste und einzige Geschichte vom Gedankenland", Oetinger Verlag.

Nur noch erhältlich antiquarisch oder bei der Autorin.

Dienstag, 6. April 2021

"Was uns heilig ist" auf Arte


 

"Was uns heilig ist" - eine schöne Serie in 5 Folgen auf Arte. Alle entweder in der Arte Mediathek oder auf youtube zu sehen.

In dieser Folge 2 geht es um die Suche nach Weisheit, in Kyoto, in Dharamsala, Varanasi, Griechenland und den USA. 

Schaut Euch auch die erste Folge an, über die Natur, die unseren Vorfahren heilig war.

Wie schön, dass es solche Filme heute ganz selbstverständlich im Fernsehen gibt, ohne dass ein Redakteur sich Sorgen macht um geringe Einschaltquoten oder um seinen "guten Ruf" oder den seines Senders. Der Suche nach Spiritualität in ihren diversen Formen wird hier der Respekt erwiesen, den sie verdient hat.

 

Samstag, 3. April 2021

Frohe Ostern

 

Wir glauben immer, nur das sei real, was unsere Augen sehen. Aber das, was unsere Augen nicht sehen, ist unendlich größer.

Auf diesem Bild sehen wir 90 Eier. Doch, doch. Eins (1!) ist kaputt. Neunundachtzig (89!) sind verkauft. Aus ihnen ist inzwischen so richtig was geworden. Wenn wir genau hinschauen, sehen wir auf diesem Bild auch die Endstadien der neunundachtzig Eier: Osterlämmer aus Biskuit, Osterhasen aus Mürbteig, Nusskuchen, Mandeltörtchen, Biskuitrollen, Käsekuchen, Himbeermuffins, Rüblitorte, Ostersonntagsbrunchpfannkuchen, Ostermontagsbrunchquiche, Rosinenbrötchen, Rührei, Spiegelei ...

Da seht ihr mal, wie unbedeutend das eine (1!) kaputte Ei in drei Eierkartons mit je dreißig Eiern am Ende eines Markttags ist. Vielleicht ist das ja eine Metapher. Für unser Leben und unser Lebensgefühl. Das sich sehr lange mit dem Zerbrochenen aufhalten kann und das riesengroße Unsichtbare übersieht. Den Kontext. Also: den überreich gedeckten Tisch.

Mit diesen 90 Eiern wünsche ich Euch ein frohes Osterfest voller allerfeinster Köstlichkeiten.

 

Donnerstag, 25. März 2021

Was nährt uns?

 Noch nährt sie nicht meinen Bauch - meine Balkon-Himbeere -, aber wie sie meine Sinne und meine Freude nährt!


Unsere Online-Meditation am vergangenen Sonntag hatte das Thema "Was nährt uns?" Wir haben uns darüber ausgetauscht, was uns hilft in dieser schwierigen Zeit. Jede und jeder hat mit uns geteilt, wo sie oder er jetzt Kraft findet. Und alle Kraftquellen hatten in irgendeiner Weise mit den Sinnen zu tun.

Im Puttamamsa Sutta erläutert der Buddha die Sinneseindrücke als "Nahrung". Wir wissen ja, dass Nahrung nicht notwendigerweise gut und gesund ist. Unsere Sinne können nicht zwischen giftiger und wertvoller Nahrung unterscheiden; sie nehmen unterschiedslos auf, was wir ihnen anbieten. Das erklärt der Buddha im Sutra mit einem Beispiel:

"Nehmen wir an, da ist eine Kuh, die den größten Teil ihrer Haut verloren hat. Wenn die Kuh sich an eine Lehmmauer lehnt, werden all die kleinen Wesen, die in der Mauer leben, kommen und das Fleisch der Kuh fressen. Dasselbe geschieht, wenn die Kuh sich an einen Baum lehnt. Ginge die Kuh ins Wasser, würden all die kleinen Wesen, die im Wasser leben, kommen und das Blut der Kuh aussaugen. Und wenn die Kuh der Luft ausgesetzt wäre, würden all die Wesen, die in der Luft leben, kommen und sich von der Kuh ernähren."

Wir alle sind in gewisser Weise Kühe ohne Haut. Wir sollten die Gewalt, mit der Sinneseindrücke sich auf uns stürzen, nicht unterschätzen. Wenn wir nicht aufpassen, fressen sie uns auf. Was also schauen und hören wir uns den ganzen Tag lang so an? Was von den gerade in Zeiten der Lockdowns so zahlreichen Online-Angeboten nehmen wir wahr, was ist für uns wirklich wichtig und hilfreich? Ich finde es hilfreich, darüber genau nachzudenken, damit ich mich, wo immer das möglich ist, bewusst entscheiden kann anhand meiner Erkenntnis: für einen Eindruck oder dagegen.

Auf dem Foto seht ihr, was mich gerade nährt: die Natur, die Waldgänge und mein Balkon, den ich in diesem Jahr umstellen werde auf einen wildbienenfreundlichen Wildblumenbalkon. Ich werde euch zweifellos in den nächsten Monaten mit Neuigkeiten von der Wildblumen- und Bienenfront nerven.

Und was nährt euch?


Samstag, 20. März 2021

Heute ist Weltglückstag

 

May your choices

reflect your hopes,

not your fears.

 

Nelson Mandela 

 

Heute ist "Weltglückstag". Er wird am 20. März jeden Jahres seit 2013 gefeiert. "Mit dem Internationalen Tag des Glücks will die UN Anerkennung gegenüber Staaten zum Ausdruck bringen, die Wohlstand auf eine Art und Weise messen, die über den materiellen Wohlstand hinausgeht", sagt Wikipedia. Und was ist mit uns, den einzelnen Menschen, mir dir und mir? Wie definieren wir Glück? Wie messen wir Wohlstand? ("Messen" wir ihn? Ist er eine Quantität - oder nicht doch eine Qualität? Unmessbar?)

Mein Beitrag zum Weltglückstag ist ein schlichter Satz von Nelson Mandela. Der ist nicht Rosafarben, kein "positives Denken"; er anerkennt die dunkle Seite des Lebens, er weiß, dass wir alle unsere Ängste haben, er sagt nicht, dass diese Ängste überflüssig sind, dumm, oder dass wir sie - sehr beliebt bei "positiven Denkern" - "loslassen" sollen. Der Satz sagt: Es gibt deine Ängste, und es gibt noch etwas anderes. Hoffnung, Zuversicht, das Licht auf dem Teich, das erste Veilchen im Wald. Er sagt: Du hast die Wahl, denn du hast immer mehrere Möglichkeiten.

Wer meinen Beitrag "Corona - Zeit der Möglichkeiten" im Netzwerk ethik heute noch nicht gelesen hat: hier (klick) ist er zu finden.

 

Sonntag, 14. März 2021

Der ultimative Familien-Lockdown-Song

 

Konzerthallen zu, Festivals abgesagt, Freunde treffen nicht erlaubt - da macht man doch sein eigenes Konzert, wenn man schon zu sechst ist. Und nichts Vorgefertigtes, nichts mit langweiligen Noten, von denen man mühsam abliest. Sondern selbst getextet zu Popsongs, die man sich mal eben ausleiht (das britische Urheberrecht ist, by the way, da nicht so pingelig wie das deutsche).

Ladies and Gentlemen, welcome the Marsh family: Ben, Danielle, Alfie, Thomas, Ella und Tess. Eine coole Familie, in der wäre ich gern groß geworden.

Habt einen fröhlichen Sonntag.


Mittwoch, 10. März 2021

Fragile Schönheit

 

Dies entdeckte ich zwischen den Bodenplatten meines Balkons, dort, wo der Regen nicht hinkommt. Ich schaute mir das Gewächs an und fragte mich, was das gewesen war. Im nächsten Moment bemerkte ich beschämt, was ich da gedacht hatte. Ich hatte fraglos angenommen, dass diese namenlose Pflanze als verdorrte nicht mehr existierte. Ihre Blüh-Zeit war abgelaufen, also gab es sie für mich nicht mehr. Aber sie ist hier, zwischen meinen Bodenplatten, zart und zerbrechlich, eine pergamentene Schönheit, von der ich den botanischen Namen nicht weiß und jetzt auch nicht mehr wissen will.

Wie für uns Ältere empfohlen, kaufe ich zu ruhigen Zeiten im Supermarkt ein, so zwischen zwei und drei. Dann kommen die alten Damen und Herren aus dem benachbarten, sehr feinen Seniorenheim, und schieben ihre Rollatoren durch die Gänge. Seit ich mein unbekanntes Gewächs hüte, indem ich es vor den gelegentlichen Frühlingsorkanen mit einem großen Blumentopf schütze, schaue ich den Damen und Herren in die Gesichter. Ich sehe Zartes und Zerbrechliches und manchmal eine durchsichtige Schönheit, die nur entsteht, wenn die Blüh-Zeit zuende ist.

Manchmal schaue ich in den Spiegel und frage mich, ob mein Gesicht in zehn Jahren eine solch fragile Schönheit haben wird wie meine unbekannte Pflanze. Vielleicht muss man voll und ganz geblüht haben, um solch ein Pergament zu erschaffen. Und ich weiß nicht, ob ich das für mich in Anspruch nehmen kann.

Wir werden sehen.


Montag, 1. März 2021

Nichts Besonderes

 

Nichts Besonderes. Nur ein Nachmittag voller Glück im Vorfrühling. Nur der sonnenüberflutete Waldrand, die neugierigen Meisen, der hämmernde Specht (oder war es ein Kleiber?). Nur das erste Scharbockskraut im Unterholz, die winzigen Blüten vom Ehrenpreis am Feldrain. Die Büschel von Schneeglöckchen.



Nur die Weite des umgepflügten Feldes, das saftige Grün der Weide, das spätnachmittagliche Licht auf einem Pferderücken. Nur der Hahn mit seinen Hennen, die Zuneigung zweier Kühe, Kopf an Kopf ruhend, und die Gelassenheit der Gänse. Und nur die Handy-Kamera dabei.

 


Wie gesagt: Nicht mehr als das. Und doch alles da für das Glück.


Dienstag, 23. Februar 2021

Frau Irgang kocht: Risotto mit Birne und Radicchio

Am Sonntag haben die Menschen das gute alte Picknick wieder entdeckt. Saßen auf allen verfügbaren Bänken, Thermoskannen und Brotdosen zwischen sich. Sogar Decken waren am Bach ausgelegt. Ich fühle durchaus mit den Café- und Restaurantbesitzern, die ihre spärlichen Abholkarten ins Internet stellen, aber unser Lieblingsrestaurant hat auf alle Preise zwei bis drei Euro aufgeschlagen. Und weil der armen Meditationslehrerin coronabedingt ein Seminar nach dem anderen abgesagt wird (fünf bis jetzt, die sechste Absage droht), tut sie, was sie immer getan hat: kochen!

Heute mal wieder ein Rezept in der für mich typischen Geschmacksmischung pikant-fruchtig.

Wie macht man's? Mengen ganz nach Wunsch. Hier zum Beispiel für eine Person:

Eine Schalotte fein würfeln, in Olivenöl sanft glasig braten. Risotto-Reis (Carnaroli oder Arborio) dazugeben, mit der Zwiebel verrühren. Dann mit Gemüsebrühe gerade so bedecken, die Brühe regelmäßig nachfüllen und unter ständigem Rühren sämig kochen. Zum Schluss einen Schuss Weisswein dazugeben.

Währenddessen eine Birne schälen und in ca. 1,5 cm breite Stücke schneiden. Eine große Handvoll Radicchio in schmale Streifen schneiden (fällt zusammen, also eher mehr). In einer Pfanne ca. 1 EL Olivenöl mit ca. 1 EL Butter schmelzen lassen, 1 TL Puderzucker hineingeben und karamellisieren lassen. (Den Reis nicht vergessen! RÜHREN!)

Birne und Radicchio mit ein wenig frischem Rosmarin in der Öl-Butter-Mischung schwenken, bis der Salat zusammenfällt. Mit Salz und Pfeffer würzen. Wenn der Risotto fertig ist, ein großzügiges Stück Blauschimmelkäse (ich nehme St. Augur, Rocquefort ist auch nicht schlecht) und die Birne-Radicchio-Mischung unterrühren.

Wer's mag, kann Parmesan darüber reiben.

Guten Appetit.


Sonntag, 14. Februar 2021

Neue Ausstellung im Winterweltmuseum

 

 

Wer mein Lieblingsmuseum in Corona-Zeiten noch nicht kennt: Vor drei Monaten habe ich darüber geschrieben hier (klick). 

Im Moment ist eine temporäre Ausstellung mit Abstrakten zu sehen. Sozusagen eine Pop-up-Ausstellung, also ein modernes Format. Man sollte sich beeilen mit dem Besuch. Ich liebe ja sehr die Abstraktion - sie gibt meinem Geist den Raum, den er braucht, um sich zu entfalten. Wenn dann auch noch die Farben so gedämpft sind wie in diesen Exponaten, bin ich restlos glücklich. Ich kann, wenn ich will, allerlei Konkretes ins Abstrakte hineindenken. Ich kann es aber auch lassen und mich einfach nur erfreuen an Licht, Schatten, Struktur.

 


Genau, Struktur. Das ist das Besondere an dieser neuen Ausstellung: Man weiß eigentlich nicht genau, ob man es mit Bildern oder Objekten zu tun hat. Es wirkt alles so plastisch, aber gleichzeitig auch flächig. Was mich aufs Neue davon überzeugt, dass man Kunst nicht in etikettierte Schubladen sperren darf. (Gespräch mit einer Buchhändlerin vor ein paar Jahren: "Ich weiß nicht, wo ich Ihre Bücher einordnen soll. Das ist weder Bellektristik noch Sachbuch.")

Ich empfehle die neue Ausstellung im Winterweltmuseum nachdrücklich. Aber, wie gesagt: schnell anschauen. Könnte morgen schon vorbei sein.