Margrit Irgang
die poesie des augenblicks. the poetry of the moment.
Sonntag, 3. Dezember 2023
Advent
Samstag, 25. November 2023
Catwalk
Sie steht an der Bordsteinkante, die rechte Vorderpfote erhoben, zögernd. Auf der anderen Straßenseite liegt ihr Zuhause oder der geheime Mäusefundplatz, jedenfalls will sie dort hin. Behutsam macht sie einen Schritt auf die Straße und weicht sofort zurück. Der Verkehrsstrom auf der Hauptstraße in meinem Vorort strömt ununterbrochen, da findet auch eine Katze keine Lücke. Klugerweise hat sie sich am Zebrastreifen vor der Bushaltestelle postiert, wo ein Fußgänger halbwegs sicher sein kann, nicht sofort über den Haufen gefahren zu werden. Ich bleibe stehen.
Katze scheint zu überlegen, ob sie sich unter die Kategorie Fußgänger einordnen darf. Ich will sie nicht zu einem Ja ermuntern, das dürfte übel ausgehen. Kein Autofahrer guckt nach unten, auch Menschen werden hier elegant umfahren, vornerum und hintenrum, vor allem Mopeds und Radler sind da sehr routiniert. Von links donnert ein Lkw heran, von rechts der abendliche Strom der Pendler aus der Stadt. Katze, sage ich, das wuppen wir gemeinsam.
Ich trete ruhig und langsam auf den Zebrastreifen, Katze eng an meinem linken Bein, und strecke dem heranrasenden Audi gebieterisch den Arm entgegen: Junge, hier geht eine kleine Katze, die du ohne meine Begleitung, da gehe ich jede Wette ein, glatt übersehen hättest. Stell dir vor, was das für Scherereien gegeben hätte, totes Tier, muss man beiseiteschaffen, lästige Zeitverschwendung, zu Hause wartet die Frau mit dem Abendessen, du darfst mir dankbar sein. Hinter der Scheibe tippt sich der Audifahrer an die Stirn. Katze springt mit einem Satz auf den Gehsteig und ich bin sicher, ich höre sie aufatmen.
Vor der Bushaltestelle gegenüber applaudiert eine alte Frau.
Sonntag, 19. November 2023
Voces 8 "This is My Song"
Aus Finlandia von Jean Sibelius.
Voces 8, meine Lieblings-Formation.
Wie schön doch der neblige feuchte November sein kann, wenn Sibelius sich seiner annimmt. Yes, this is my song today.
Sonntag, 12. November 2023
Zirkusvorstellung in unserem Geist
Wenn du dich so fühlst, wie der aussieht, dann dies hier mal lesen ...
"In einem meiner ersten sesshin saß neben mir eine vollschlanke Dame in den Fünfzigern. Sie hatte - obwohl wir angewiesen waren, neutrale und ungemusterte Kleidung zu tragen - getigerte Leggins an und einen türkisfarbenen Pullover, und sie schnaufte. In der Mittagspause pflegte sie zu duschen und erschien zur nächsten Sitzperiode eingehüllt in den Duft von Duschgel. Ich hatte nie zuvor bemerkt, wie heftig Duschgel riecht. Ich begann einen einwöchigen Kampf mit der Dame. Am ersten Tag war ich noch großzügig. Wir haben alle viel zu lernen, dachte ich. Am zweiten Tag fragte ich mich, warum sie hier niemand auf die unpassende Kleidung aufmerksam machte. Am dritten Tag kochte ich: Wenn sie noch nicht mal ordentlich atmen kann, dachte ich, soll sie zu Hause bleiben! Am vierten Tag war mir klar, dass die Assistenten dieses Lehrers unfähig waren, ein sesshin zu leiten.
Ich bin sitzen geblieben, und darüber bin ich noch heute froh. Dieser Müll hat nichts zu tun mit unserer wahren Natur. Wir sind nicht unsere Urteile, unsere Wut, unser Unverständnis. Schauen wir uns einfach diesen ganzen Zirkus an mit seinen Clowns und Elefanten, dem Löwen, der durch den Reifen springt, der gefährlichen Nummer am Trapez. Wir sitzen in der ersten Reihe (auf dem mit Kapok gestopften Kissen), und die Vorstellung ist hervorragend, die beste Zirkusnummer unseres Lebens. Und was das Tollste ist: Wir selbst sind alle Artisten in einer Person, und die Löwen und der Dompteur dazu. Können Sie sehen, wie komisch das ist? Können Sie darüber lachen?
Eines Tages werden Sie das tun."
Auszug aus: Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit" (erste Auflage unter dem Titel "Zen-Buch der Lebenskunst"). Leider nur noch antiquarisch erhältlich.
Montag, 6. November 2023
Novemberwald
Zum ersten Mal seit Monaten wieder in "meinem" Wald. Sehnsucht nach seiner Stille, der Ruhe, der würzigen Luft. Was wird es zu sehen geben? Wie hat er sich verändert?
Aah, die Pilze tragen in diesem Jahr dunkelgraue Hüte mit einem interessanten Muster. Nein, das ist keine Beflockung, das nennt man im Textilgewerbe "Ausbrenner". Der Oberstoff ist stellenweise weggenommen, der Untergrund scheint hindurch. (Solch einen Stoff im Laden zu finden - hoffnungslos. So was können nur Pilze.)
Und zwei meiner Lieblingsfarben hängen zusammen am Strauch. Der Gedanke, sie seien womöglich vom Sommer übriggeblieben, stellt sich gar nicht: Die gehören hier her, die wohnen hier im Wald, die setzen Akzente und werden vom Grün und Braun dringend gebraucht. (Der Wald ist eben eine Gemeinschaft, da ist keiner verzichtbar.)
Die gefällten Stämme tragen klassische Rüschen, immer schön in Kontrastfarbe; man beachte jedoch die subtilen Farbverläufe von Hell nach Dunkel. Die Kleinen können das mit dem Sich-Wellen am Rand noch nicht so gut, aber das kommt noch. Ein paar Regenwochen, und es rüscht sich all over.
Diese Familie zeigt stolz ihren Stammbaum vor. Alle aus einer Wurzel gekommen, das zählt hier noch, das wird von niemandem belächelt wie in der Menschenwelt. Und wie sie vor Gesundheit strotzen. (Kann man die essen? Wird jemand in wenigen Stunden ein Messer aus dem Körbchen holen und sie ratzfatz absäbeln? Tröstet es mich zu wissen, dass die ganze Familie dann gemeinsam in der Pfanne landet? Wirklich, in diesem Organismus Wald, der so ganz bei sich ist, so absolut autonom funktioniert, muss man über solche Fragen nachdenken.)
Und jetzt das Highlight der Novemberwald-Ausstellung, Abteilung Textil: Der allerfeinste brüchige Spitzenstoff in den zahllosen Nuancen von Herbstnebel. So etwas wird andernorts in Museen ausgestellt, hinter Glas und Lichtschranken, und die Kuratoren müssen Unsummen zahlen, um solche Spitze zu erwerben.
Und ich kriege das alles kostenlos in meinem Wald.
Dienstag, 31. Oktober 2023
Fünf Himbeeren am dreißigsten Oktober
Fünf Himbeeren am dreißigsten Oktober
An dem Morgen der im Kalender leer geblieben war
(lang ersehnte Leere Platz für Möglichkeiten und Wunder)
sprang mir die Mail der Freundin entgegen
aus einer Klinik mit einem Namen der mir nichts sagte
Manche Bomben fallen leise und nah
wir alle sind durchlöchert von unsichtbaren Kratern
Sister sage ich zu der Frau die in Kiew vor dem zerbombten Haus steht
Brother zu dem Mann der weint aus einem Grund den ich nicht weiß
denn wir sind Knoten im Netz des Schmerzes der die Welt umspannt
und die Schwere des Gefühls muss gewogen werden nicht der Anlass
Ich hatte mit dem Leben eine Abmachung getroffen
Katastrophen nur mit Zeit zur Vorbereitung
und dann behutsam und rücksichtsvoll präsentiert
Ich stellte mich in den Regen der das Dorf mit
Grau überzog
und sah an dem Strauch dessen Sommer vorbei ist
rote bewimperte Perlenbälle
gereift in ihrer inneren Sonne
die Stängel aufgerichtet von einem Willen
der Stillstand und Verweigerung nicht erlaubt
Den Morgen der im Kalender leer geblieben war
füllten sie mit stiller Vollkommenheit
Ich ging ins Haus und schrieb der Freundin
in die Klinik mit dem Namen der mir nichts sagte
du bist mir heute begegnet
du trugst die schönen Perlen und dein Kleid war nicht weiß
ich will dich nur an dich erinnern
Hier bist du
in deinem leuchtenden Sommer
der nicht vergangen ist
nicht vergeht
Margrit Irgang
Freitag, 20. Oktober 2023
All-ein
"Ein Wochenende ohne Reden, sogleich in tiefes sicheres Bücherlesen versunken, und dann Schlaf: klar durchsichtig; und der ganze Garten grüne Tunnels, Wälle von Grün; und dann erwachen in den heißen stillen Tag, und nie ein Mensch zu sehen, nie eine Störung." (Virginia Woolf)
Ich
schließe die Tür hinter mir, und niemand kommt mir entgegen und fragt,
wo ich gewesen bin. Niemand will eine Geschichte von mir hören und seine oder ihre eigene
Geschichte loswerden. Das Telefon schweigt seit Tagen. Stille, oh
Stille!
Ich schaue in den Kühlschrank und frage mich, was ich essen möchte. Vielleicht will ich auch gar nichts essen, oder abends um sieben den Käsekuchen. Den esse ich dann schweigend, und niemand fragt, ob mit mir was nicht stimmt, ich sei so still. Ich gehe ins Bett, wenn ich müde bin - um elf oder neun, das liegt ganz bei mir. Freiheit, oh Freiheit!
"Ohne jeden Zweifel bin ich nur ganz und gar 'normal' und menschlich, wenn ich viel allein bin. Ich lebe dann nach einem anderen und wirklicheren Rhythmus, dem der Sonne und des Tages, in Harmonie mit dem, was mich umgibt. Ich kann nicht leugnen, dass dies das Leben ist, für das ich gedacht bin." (Thomas Merton)
Ich war zehn, als ich meiner Familie sehr ruhig erklärte, dass ich niemals heiraten und keine Kinder haben würde. Sie brachen in haltloses Gelächter aus. Jede Frau braucht einen Mann, sagte meine Mutter, die zum zweiten Mal den Mann geheiratet hatte, mit dem es schon beim ersten Mal nicht funktionierte. Beim zweiten Mal noch weniger.
Die meisten Menschen verwechseln Alleinsein mit Einsamkeit, und deshalb haben sie so große Angst vor dem Alleinsein. Der Autor Daniel Schreiber hat das Buch "Allein" geschrieben, das ein Bestseller wurde. Wäre es auch ein Bestseller geworden, wenn er mehr über die Freuden des Alleinseins geschrieben hätte und weniger über den Kummer, den es ihm bereitet? Im Grunde nämlich ist dies ein Buch über die Einsamkeit, und mit Einsamkeit können sich viele Leserinnen und Leser identifizieren.
"Das Alleinsein hat eine Kraft über mich, die nie versagt. Mein Inneres löst sich und ist bereit, Tieferes hervorzulassen. Eine kleine Ordnung meines Innern fängt an, sich herzustellen, und nichts brauche ich mehr." (Franz Kafka)
Kafka drückt perfekt aus, warum ich so gerne allein bin. Der Zugang zur Tiefe - spirituell ausgedrückt: zu meinem Wahren Selbst, zur Quelle, dem Ursprung des Seins, von dem ich als Person ein Teil bin - öffnet sich nur im Alleinsein. In der Stille gebe ich dem Wahren Selbst Raum und lausche seinen Botschaften. Dazu muss ich auf keinem Kissen sitzen, ich nenne es nicht einmal Meditation. In jedem Moment meines Alltagslebens kann ich innehalten und die Verbindung zur Tiefe herstellen; ich schließe mich an sie an, wie ich meinen Computer ans Netz anschließe, um ihn mit Energie zu versorgen. Ich schalte den Gedankenstrom ab, ich atme in das scheinbare Nichts, das entstanden ist, hinein, und sofort öffnet sich ein Raum der erfüllten Stille, aus der Impulse und Inspirationen aufsteigen. Nur wenn ich viele Stunden am Tag auf diese Weise allein sein darf, kann ich mich den Menschen in meinem Leben voll und ganz zuwenden.
Die meisten Menschen können nicht allein sein, weil man ihnen (uns allen) in der Kindheit beigebracht hat, dass sie unvollständig sind; kleine egoistische Wilde, die von Gesetzen und Geboten gezähmt und in den Konsens der Gesellschaft eingewiesen werden müssen, notfalls mit Gewalt. In ihrer anerzogenen Unsicherheit sind sie auch als Erwachsene pflegeleicht und kontrollierbar. Sie brauchen die ständige Aufmerksamkeit anderer als Bestätigung, wertvoll, nützlich und liebenswert zu sein, und die im Allgemeinen sparsam zugeteilte Zuwendung der anderen macht sie noch unsicherer und bedürftiger. Unser inneres Kind muss sich geliebt fühlen, sonst stürzt es in einen Abgrund.
Im erfüllten Alleinsein aber ist die Tiefe alles andere als ein Abgrund. In ihr ist kein Gefühl des Mangels, im Gegenteil: Sie ist Fülle und Lebendigkeit. Nichts fehlt, niemand fehlt, und die Erkenntnis kommt ganz nebenbei und zweifelsfrei: Jede und jeder von uns ist bereits vollständig. Der andere, der dann vielleicht in unser Leben tritt, wird nicht mehr verzweifelt gebraucht, um die innere Leere zu füllen. Er oder sie muss nicht mehr unsere Erwartungen erfüllen, sich nicht mehr so verhalten, dass unsere Gefühle ihr fragiles Gleichgewicht behalten. Wir sind frei und entlassen den anderen aus seiner Verantwortung für uns. "Ich freue mich für dich, wenn du glücklich bist, aber ich brauche dich nicht, um glücklich zu sein. Du bist nicht für mich verantwortlich - nur für dich selbst." Ich finde, das ist das Schönste, was man einem anderen Menschen sagen kann.
"Dein tiefstes Lebensgefühl - wann hast du das gehabt? Mit einem Freund? --- Immer allein." (Kurt Tucholsky)
Wer all-ein ist, wird nie wieder einsam sein.
Donnerstag, 12. Oktober 2023
Gabriele von Arnim "Der Trost der Schönheit"
Darf man über Schönheit schreiben, während in vielen Teilen der Welt Angst, Hunger und Krieg herrschen? Ja, sagt Gabriele von Arnim trotz eigener Zweifel, denn wir dürfen auf Zerstörung nicht mit Selbstzerstörung antworten. Wir brauchen Räume, Melodien, Farben und Worte, die unsere Hilflosigkeit besänftigen, unsere Zuversicht stärken.
Natürlich entsteht Schönheit immer nur in uns selbst, in unserem Geist und durch unsere Offenheit für das, was wir uns erlauben wahrzunehmen. Trotz seiner unausweichlichen Subjektivität ist dieses Buch jedoch von großem Reichtum. Gabriele von Arnim erkundet zahlreiche Facetten der Schönheit: Die Beglückung und den Trost, aber auch die Verstörung, Sehnsucht und Traurigkeit, die sie auslöst, denn Schönheit ist vergänglich, und wir fürchten die Vergänglichkeit.
Meine Rezension des Buches auf SWR 2 Lesenswert hier (klick)
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