Montag, 16. Oktober 2017

Die Kunst, Entscheidungen nicht zu treffen


Eine meiner größten Schwächen ist es, eine Entscheidung zu treffen. Dies oder Jenes? Hier oder Dort? Was ist richtig? Was ist nachhaltig? Was wird auch noch in einem Monat richtig sein, in einem Jahr? All diese Möglichkeiten! Die so viel Unsicherheiten mit sich bringen.

Es gab ein paar wichtige Entscheidungen zu treffen. Ich saß da und dachte nach. So viele Alternativen. Keine überzeugte mich. Aus dem Nachdenken wurde ein Grübeln. Was erzähle ich in meinen Seminaren immer? "Du bist nicht deine Gedanken, du bist der weite Raum, in dem sie aufsteigen." Ich war kein Raum mehr, ich war eine Besenkammer. Die Gedanken hatten mich im Klammergriff.

Aha.

Ich stand auf, öffnete meinen Vorratsschrank und holte Mehl, Sonnenblumenkerne und Backpulver heraus. Quark und Eier aus dem Kühlschrank. Die Rührschüssel. Das Handrührgerät. Brötchenbacken ist eine fabelhafte Möglichkeit, die innere Besenkammer zu verlassen. Irgendwann duftete es in der Wohnung; ich hatte inzwischen die verwelkten Blätter auf dem Balkon aufgefegt und die Bettwäsche gewechselt.

Die Brötchen schmeckten super. Vorher hatte ich aber zum Telefon gegriffen und drei Telefonate erledigt. Alles klar. Alles entschieden.

Ich war einfach aus dem Weg gegangen. Einen Schritt beiseite, damit die Energie, die alles und auch uns durchströmt, von meiner Grübelei nicht blockiert wird. Diese Energie des Absoluten, der schon viele Bezeichnungen gegeben wurden (deshalb benenne ich sie nicht), bringt uns in Einklang mit der Wahrheit des Augenblicks. Wir fließen wieder mit, wir sind kein Felsblock mehr, an dem der Fluss abprallt. Wir wissen auf einmal, was zu tun ist. Ganz selbstverständlich. Und wir tun es.

Ich nenne es die Kunst, Entscheidungen nicht treffen.


Donnerstag, 5. Oktober 2017

Die Welt ist ein dynamischer Fluss von Ereignissen


"Du kannst etwas als permanent wahrnehmen und gleichzeitig verstehen, dass es durch und durch vergänglich ist. Wenn dir das gelingt, kannst du damit aufhören, dem, was du siehst, bestimmte, unveränderliche Qualitäten zuzuschreiben - und wirst nicht auf irrige Art und Weise reagieren. Die Welt der Erscheinungen zu dekonstruieren hat etwas Befreiendes. Man ist nicht mehr in seinen eigenen Wahrnehmungen verstrickt und hört auf, die Welt der Phänomene zu vergegenständlichen. Dies hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie man die Welt wahrnimmt, und infolgedessen auch auf die eigene Erfahrung von Glück und Leid.

Sind alle mentalen Konstruktionen demaskiert, nimmt man die Welt als einen dynamischen Fluss von Ereignissen wahr und hört auf, die Realität auf irrige Weise einfrieren zu wollen. Das Wasser/Eis-Beispiel illustriert das sehr schön. Gefriert Wasser, bildet es feste Formen, die dir in die Hand schneiden. Du kannst dir auch die Knochen brechen, wenn du darauf fällst. Nun könnte man annehmen, dies sei das wahre Wesen des Wassers: Es hat eine bestimmte Gestalt, es ist hart etc. Es lässt sich außerdem in verschiedene Formen bringen - etwa die einer Blume oder eines Schlosses. Du kannst die Statue eines geliebten Menschen oder das Ebenbild einer Gottheit daraus modellieren. Doch sobald es warm wird, schmelzen all diese verschiedenen, klar definierten Formen zu genau derselben Flüssigkeit zusammen, zu demselben formlosen Wasser. (...) Wasser ist ein dynamischer Fluss, der temporär eine scheinbar stabile Gestalt annehmen kann. Dasselbe gilt für die Realität: Wenn wir davon ablasssen, sie sozusagen einzufrieren, setzen wir uns nicht mehr der Gefahr aus, sie als etwas Stabiles zu verdinglichen, das mit einem wahren, intrinsischen Wesen ausgestattet ist, und werden nicht in die Irre geführt."  Matthieu Ricard



Dies ist ein kleiner Auszug aus diesem Buch, das ich unbedingt empfehle: Dialoge zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard über Meditation und Gehirn, unbewusste Prozesse, die Realität, das Selbst, den freien Willen und das Wesen des Bewusstseins. Wolf Singer, Matthieu Ricard "Jenseits des Selbst", Suhrkamp Verlag.

Meine Rezension in SWR 2 in der SWR Mediathek hier (klick).

Sonntag, 1. Oktober 2017

... and so it goes ...


"And so it goes ..."

Der Sommer ist gegangen, der Herbst ist da, mein Kater ist weggezogen, so it goes ...

Der Song von Billy Joel, hier gesungen von den King's Singers und der St. Albans School Barbershop Group.

Habt einen schönen ersten Oktober-Sonn-Tag. Der Nebel über den Feldern lichtet sich schon.

Donnerstag, 28. September 2017

Blaue Hortensie


Blaue Hortensie

von Rainer Maria Rilke

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rau,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschen wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
  

Mittwoch, 20. September 2017

Jean-Pierre Weill "Die Leichtigkeit des Seins"


Eine einfache Geschichte. Am Anfang war die Ganzheit, sonst nichts. Da hatte die Ganzheit den Wunsch, ein Geschenk zu machen, und sie verschenkte sich selbst. Was anderes gab es ja nicht. Und bäng! wurde das Universum erschaffen. In dem nun, am vorläufigen Ende einer hochausdifferenzierten Kette von Seinsmöglichkeiten, WIR sind. Du und ich. Die keine Ahnung haben davon, dass wir aus einem Geschenk entstanden sind.

Ich bekomme ja immer die Verlags-Vorschauen, die zweimal im Jahr die neuen Bücher ankündigen. Und, ehrlich gesagt, ich bin des Lesens im Moment etwas müde. Ich finde - in der Belletristik, der Lyrik und im sogenannten "Sachbuch" - so wenig Eigenes in Inhalt und Sprache. Da kam mir dieses schön gestaltete Bilderbuch gerade recht. Die einfache Geschichte wird in sehr schlichten Worten erzählt, aber die Worte stellen hier nur den Kontext her, in dem die Bilder ihre Bedeutung entfalten.

Wir stolpern also unwissend durch das Leben und fragen uns:



Und erzählen uns:


Aber das Sein könnte sich so leicht anfühlen, wenn wir nicht mehr darauf warten, dass sich etwas verändert. Wenn wir, kurz und vertraut ausgedrückt, im Augenblick leben. Unsere kleinen und großen Irrtümer (wir tragen eine Rüstung, denn die Welt ist ein Schlachtfeld) und die Leichtigkeit, die nur darauf wartet, von uns entdeckt zu werden (beim Angeln zum Beispiel) tupft der Künstler Jean-Pierre Weill luftig und zart auf Aquarellpapier. Die Botschaft braucht den Umweg über den Kopf nicht mehr, sie kommt als Bild unmittelbar beim Gefühl an. Aaaah, ja, sooo sieht die Leichtigkeit aus!

Meine Buch-Empfehlung heute ist das Bilderbuch für Erwachsene: Jean-Pierre Weill "Die Leichtigkeit des Seins", aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Kleinschmidt, O.W. Barth Verlag, ISBN 978-3-426-292747. Und was mich wirklich erstaunt: Dieser aufwendig gestaltete Band kostet nur 20 EUR.

Freitag, 15. September 2017

Heute auf dem Programm: die Maisfelder Sinfonie


Für eintausend zwei Meter fünfzig hohe Maispflanzen
Komponiert und gespielt vom Wind

Das Stück beginnt als Flüstern. Kein Blech: Rohr. Mehr gehaucht als geblasen. Im Hintergrund wischen ein paar Besen über ein Trommelfell. Der Klang rollt heran, eher horizontal als vertikal. Da schwingt sich nichts auf, das Stück hat bei aller Luftigkeit etwas Bodenständiges. Nach und nach fallen weitere Instrumente ein. Eine Art Flöte, in die ein Fünfjähriger pustet, ohne die Löcher zuzuhalten. Der Trommler zieht das Tempo an, das Orchester geht mit. Eine Pauke mischt sich ein. Einen Piper haben sie auch, wohl aus Schottland importiert. Keine Streicher. Ein Bläser-Ensemble mit Schlagwerk. Jetzt naht von hinten ein Auto, ich springe zur Seite. Kein Auto. Aha, hier ist ein moderner Komponist am Werk; sicher hat das Auto im Stück eine Bedeutung. Oder auch nicht. Von Neuer Musik verstehe ich nicht viel, also höre ich einfach zu. Die Bläser haben inzwischen ein Heulen angestimmt, alle gemeinsam, in einem ziemlich raschen Tempo. Das hat nun wieder etwas sympathisch Indianisches. Wie das mit dem Auto zusammenhängt, ist mir nicht klar, aber Musik will nicht bedacht, sondern gehört werden. Jetzt, aaah! jetzt fällt das gesamte Orchester auf einen Schlag (dirigiert hier eigentlich jemand?) zurück in den Anfangshauch, in dieses Flüstern, dieses Besenwischen. Beeindruckend, wie sie das machen in dieser riesigen Besetzung. Und das auch noch umsonst und draußen. Im September wird schon einiges geboten hier in meinem Dorf.

Samstag, 9. September 2017

Mein Seminar in Freiburg


Es wird Herbst, und die Zeit der Meditations-Seminare beginnt. Bei der Morgenmeditation ist es noch dunkel, bei der Abendmeditation schon. Draußen stürmt und regnet es vielleicht, drinnen ist es warm. Und durch das stille Haus zieht morgens der Duft von Kaffee und frischen Brötchen ... Ich lade Sie und Euch herzlich ein zu meinem ersten Seminar im kommenden Halbjahr:

6. - 8. Oktober 2017

BEWUSST LEBEN

im Waldhof Freiburg

Im Alltag verlieren wir uns so oft in Gedanken und Gefühlen, kommentieren das, was geschieht (und oft auch das, was längst vorbei oder noch gar nicht eingetreten ist), urteilen über dies und jenes - und nehmen das Hier und Jetzt nicht wahr. Aber das Leben findet genau in diesem Augenblick statt. Und in diesem. Und diesem. Unser Leben bewusst zu leben heißt, achtsam und fürsorglich mit uns selbst, den anderen Menschen und der Umwelt umzugehen.

Wir werden unser Tempo an diesem Wochenende entschleunigen und in die innere und äußere Stille eintauchen. Wir sitzen auf dem Kissen oder dem Stuhl, machen Gehmeditation in Raum und Wald und hören einander zu beim Rundgespräch. Teilnehmer sagen mir immer wieder, wie gut es tut, in einer solchen Gemeinschaft zu praktizieren - sie trägt uns durch die Tage, und im Gespräch werden Themen angesprochen, die auf geradezu magische Weise jeden und jede betreffen.

Zur Online-Anmeldung geht's hier (klick).

Durch Abmeldungen sind gerade zwei Plätze im Seminar frei geworden. Ich freue mich auf Euch. 

Mittwoch, 6. September 2017

Was ist Gott?


"Wenn du verstehen willst, worauf das Konzept von Gott hinweist, musst du dein Gottesbild und jede Vorstellung, die du von Gott hast, aufgeben. Du must es wagen, leer von allen Konzepten zu sein und dich in die absolute Leerheit zu begeben, in die absolute Ruhe und die absolute Stille. Du musst alles vergessen, was du jemals über Gott gelernt hast. Es würde dir nicht helfen. Es mag dich trösten, aber solch ein Trost ist eine Einbildung, nichts als eine Illusion. Gib alle falschen Tröstungen des Geistes auf. Beende sie alle. Das Ende muss in vollkommener Stille erfahren werden. Wenn du alle Vorstellungen, alle Konzepte, alle Hoffnungen und jeden Glauben aufgibst, wird Stille erfahren.

Erfahre das Herz der Stille. Tauche tief hinein und überlasse dich ihm. In absoluter Hingabe an die Stille erfährst du direkt das, worauf das Konzept von Gott hinweist. In dieser direkten Erfahrung erwachst du vom Traum des Geistes und erkennst, dass das Konzept von Gott auf das hinweist, was du selbst bist."

Adyashanti
(aus: "The Impact of Awakening") 

Mittwoch, 30. August 2017

Meine Schwester Spätsommersonne


Sie hat jetzt Mühe mit dem Aufstehen. Jeden Tag schläft sie etwas länger. Wenn sie es endlich über den Kandel geschafft hat, trägt sie noch ihre Nachtmütze in der Farbe wässriger Milch. Nein, sie ist noch nicht alt und noch längst nicht bereit, dem Herbst die Herrschaft abzutreten. Der lauert schon in den Baumwipfeln, wirft zur Erinnerung an seine Anwesenheit ab und an spielerisch ein paar verdorrte Blätter herunter. Er weiß, seine Zeit wird kommen. So ist es immer, so ist es gewesen seit Anbeginn in dieser Gegend der Welt. Die ältere Dame kommt langsam in die Gänge, aber gegen zehn schüttelt sie den Schlaf ab und zeigt noch einmal, was sie kann. Mittags schafft sie mühelos die 30 Grad, füllt Schwimmbäder und Eiscafés, schickt Wanderer auf die Berge, trocknet das geschnittene Gras zu Heu.

Spätsommersonne, meine Schwester. Ich stehe mit ihr zusammen auf und begleite sie auf ihrem Weg durch den Tag (man muss jetzt auf sie aufpassen, sie muss noch ein wenig durchhalten): etwas wehmütig, mit Abschied im Herzen. Dieser Sommer war sehr groß, randvoll mit Reisen und Begegnungen. Auch auf mich wartet der Herbst; er kommt mit Farben, die mir eigentlich gut stehen - Gold, Rostrot, Zimtbraun -, und doch will ich sie noch nicht tragen. Der Herbst macht sich bereit, in meinem Leben das fallen zu lassen, was nicht mehr gebraucht wird; das sterben zu lassen, was sterben muss. Bis irgendwann, im Winter meines Lebens, die Zweige der blattlosen Bäume wie eine Kalligrafie am Himmel stehen werden.

Das eine letzte Wort, gezeichnet auf die farblose Leinwand kurz vor dem Abspann.

Freitag, 25. August 2017

documenta 14 in Kassel


Máret Ánne Sara "Pile o' Sápmi"

Ich hatte das große Glück, zusammen mit zwei anderen Frauen die documenta in Begleitung einer lieben Freundin, die Kunsthistorikerin ist, zu besuchen. Sie hat eine kleine, feine Vorauswahl aus der Überfülle getroffen, und ich bin von allem, was sie ausgewählt hat, vollkommen begeistert. Ich will niemanden überfordern, deshalb hier nur drei der für mich stärksten Eindrücke:

Máret Ánne Sara "Pile o' Sápmi". 2007 ordnete die norwegische Regierung die Keulung von Rentierherden an, die dem Volk der Sámi gehörten. Mit diesem Gesetz nahm die Regierung den Sámi die Lebensgrundlage. Der junge Rentierzüchter Jovsset Ánte Sara verklagte den norwegischen Staat und bekam Recht: die Tötung war eine Verletzung der Eigentumsrechte gemäß Europäischer Menschenrechtskonvention. Jovssets Schwester Máret aber ist Künstlerin; sie schuf aus den Schädeln der zwangsweise getöteten Rentiere einen Vorhang: ein unglaublich ästhetisches und gleichzeitig berührendes Mahnmal, das die Brutalität staatlicher Willkür zeigt. (Die norwegische Regierung hat übrigens gegen das Urteil Berufung eingelegt.)

Máret Ánne Sara "Porzellankette aus der Knochenasche von Rentieren


Britta Marakatt-Labba. Ebenfalls eine Sámi-Künstlerin, die die Geschichte der Sámi, in der Spiritualität und Alltag einander durchdringen, mit textilen Mitteln erzählt: Auf einem Leinenstreifen von 39 cm x 23,50 m finden wir Wildschweine und Rentiere, Bäume, Wolken, Wälder und Menschen - gestickt, gedruckt und appliziert, aus Wolle, Leinen und Seidengaze. Eine ganz feine subtile Arbeit, die man von Nahem ansehen muss. Mein Foto zeigt nur einen winzigen Ausschnitt.

Britta Marakatt-Labba

Romuald Karmakar "Byzantion" (Agni Parthene). Der Filmemacher Romuald Karmakar hat den Hymnus an die Gottesmutter in der griechischen und slawischen Version singen lassen. Wenn mich meine Begleiterinnen nicht aufgefordert hätten, weiterzugehen, wäre ich die letzten Stunden dort liegen geblieben. Ein Tempel inmitten des documenta-Wirbels.