Was für ein großartiger Beitrag von Gert Scobel! Aber ich warne euch: Was er zu sagen hat, könnte eure Überzeugungen auf den Kopf stellen. Wollt ihr wirklich hören, dass eure gesamte Sicht auf die Welt fundamental falsch ist, weil vom Ego gesteuert? Und dass das Universum keinen Sinn hat, sondern in unendlicher Freiheit spielt und tanzt?
Wir haben, sagt er, seit Aristoteles unsere Gesellschaft auf dem Zweckdenken aufgebaut. Alles muss "für etwas" sein. Wenn du also zum Beispiel etwas lernst, muss es "für" deinen späteren Beruf oder wenigstens für irgendeinen Bereich deines Lebens nützlich sein. Wenn du spazieren gehst, muss das deiner Gesundheit dienen. Undsoweiter. Das Zweckdenken aber hat uns in die Situation gebracht, in der wir jetzt sind: Wir entscheiden nach dem Nützlichkeitsprinzip und verwandeln alles Lebendige in eine Ressource.
Nach Spinoza hat die Natur keinen Zweck, sie ist einfach grenzenlos kreativ, spielt und tanzt. Auch wir sind Teil der Natur. Wie weit haben wir uns also von ihr entfernt?
Scobel zitiert aus dem Buch "Wozu" des Philosophen Michael Hampe, der sich mit diesem unseligen Zweckdenken befasst hat und zu dem Schluss kommt, dass alles, was existiert, nur Muster sind, die sich ständig verändern: "Die Erleichterung, die eintritt, wenn alle Zwecke verschwinden, ist eine völlig andere als die, wenn alle Zwecke endlich erreicht sind."
Im ersten Erwachensmoment am Morgen, bevor "die prächtige Maschinerie des Ichs hochgefahren wird" (herrlich ausgedrückt), befinden wir uns in einem scheinbaren Nichts, einer Leere. Das ist unser Wahres Sein: das reine Bewusstsein.
Der - jetzt spirituell gesehene - "erwachte Zustand" erkennt, dass das alltägliche Leben mit all seinen Facetten nichts ist als "Muster, die sich ständig verändern". Ein Spiel. Eine Theateraufführung. Und wir alle spielen unsere Rollen darin.
Diese Theateraufführung findet statt inmitten des Raums der großen Stille, in den das Ego nicht hineinreicht. Im Raum des reinen Bewusstseins. Wir sind so mit unserer Rolle identifiziert, dass wir nicht bemerken, WO unsere Aufführung stattfindet. Aber wir können immer wieder innehalten und uns des Raums gewahrwerden. Scobel zitiert den buddhistischen Mönch Shoukei Matsumoto, der vom "inneren Mönchtum" spricht. "Wir sind in der Welt, aber nicht von der Welt", sagt Matsumoto. Die Schauspielerin ist nicht ihre Rolle.
Das ist natürlich alles nicht neu für Zen-Praktizierende und Buddhisten. Aber wir gelten ja immer noch als exotische und weltfremde Verrückte, und deshalb bin ich glücklich, dass jemand wie Gert Scobel, der ein großes Publikum erreicht, sich nicht scheut, zu sagen, dass wir alle "die Arbeit des Erwachens" leisten müssen. Denn, wie Shoukei Matsumoto sagt: "We stand at a quiet turning point of human history."
Dennoch aus meiner Sicht eine wichtige Ergänzung.
Das Video zitiert ausschließlich Männer und gibt die männliche Sicht wieder. Diese Männer vergessen zu erwähnen, dass zu einer Erwachens-Erfahrung immer tiefe Freude und Mitgefühl gehören. Ohne sie würde das Zweck-freie und Sinn-lose in den Nihilismus führen. Mit ihnen aber entsteht eine beschützende, wertschätzende Haltung zum Leben. Alles, was zerstörerisch ist, verbietet sich von selbst. Da es nichts mehr zu erreichen gibt (eine Erkenntnis, die zum Erwachen gehört), wird das Leben frei, leicht und verspielt. Wir inszenieren keine Dramen mehr, weder für uns noch für andere. Wir tanzen mit in dem großen Tanz, in dem sich die Muster ständig verändern. Ein Tanz jedoch, der nicht willkürlich ist, sondern im Tiefsten, wie der Buddhismus sagt, "zum Wohle aller Wesen" getanzt wird.
Es kann sein, dass bei euch das Video nicht angezeigt wird. Dann findet ihr es hier auf youtube (klick).
Ich empfehle euch auch den Essay von Shoukei Matsumoto "Beyond Utility and the Return to 'Just Living'", ihr findet ihn hier (klick).
"Und tschüss", wie Gert Scobel immer sagt. Ich verabschiede mich in eine kleine Sommerpause. In der ich ja vielleicht euch beim Retreat in Hohenau begegne?
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