Sonntag, 19. Juni 2022

Mauersegler

Rapunzel-Glockenblumen vor Sonnenuntergang, darüber Mauersegler (muss man sich jetzt dazudenken)
 
 
So viel ist wieder möglich. Man könnte ein Outdoor-Konzert besuchen, ein Grillfest geben, in einen Biergarten gehen. Ich aber sitze abends auf dem Balkon und beobachte die Flugspiele der Mauersegler, dieser Sommerboten, die wieder da sind. Zu Gast über meinem Haus für wenige, herrlich volle Sommerwochen. 

Sriii! Sriii! Sie sicheln durch den Abendhimmel, hoch oben im letzten Blau, tauchen tief hinein ins Rosa am westlichen Horizont, lassen sich in atemberaubendem Sturzflug hinunter in den Garten fallen, fangen sich kurz vor dem Boden ab und steigen steil hinauf zu meinem Dach, knapp über meinen Kopf hinweg, mein Haar weht im Luftzug ihrer Flügel. Ein Geschwader Sichelschwänze. Srii!
 
Von der wunderbaren Autorin Helen Macdonald habe ich gelernt, dass Mauersegler zu fliegen beginnen, sobald sie sich aus der Nisthöhle haben fallen lassen, und dann zwei bis drei Jahre nicht mehr damit aufhören. Sie baden im Regen, paaren sich in der Luft und schöpfen im Tiefflug aus Seen und Bächen Wasser zum Trinken. Irgendwann in der Dämmerung steigen sie alle auf einmal in große Höhen auf, wo sie, wie die Biologen annehmen, sanft schwebend in Tiefschlaf verfallen.

Meine Mutter konnte das Wetter vorhersagen an der Flughöhe der Mauersegler. Wenn die Mauersegler besonders tief um unser Haus flogen, murmelte sie: "Morgen wird es regnen", und so war es dann auch. Ich war stolz auf meine schamanistische Mutter, die keine Erklärung hatte für ihre Prophezeiungen. Jahrzehnte später entdeckte ich das Geheimnis: Mauersegler ernähren sich von Insekten, die bei Schönwetter hoch oben fliegen und von einem Tiefdruckgebiet nach unten gedrückt werden. 
 
Ich sitze auf meinem Balkon und fliege mit den Mauerseglern in meine Kindheit hinein. Für mich gab es keine Kinobesuche, Gartenfeste oder Einladungen. An Sommerabenden standen Mutter und Kind an dem kleinen Fenster ihrer Dachwohnung, an dem jeweils nur eine von uns Platz hatte, und sahen den Abendflügen der Mauersegler zu. Flog auch meine stille Mutter in ihre schwierige Kindheit hinein? Wenn ich heute an diese Sommerwochen denke, bin ich getröstet: Meine todtraurige Mutter muss jemanden gehabt haben - ihre Mutter war es nicht, denn sie hatte keine -, der oder die ihr die Wettervorhersage anhand der Flughöhe der Mauersegler beigebracht hat. 

Das, finde ich, ist nicht wenig Glück für ein Kind.

Das kann sogar ziemlich viel sein. 

Bis zum 3. Juli in der SWR-Mediathek zu sehen: Die Fotos von Lothar Schiffler, der die Flugbahnen der Mauersegler sichtbar macht. Hier (klick)
 
 

Donnerstag, 16. Juni 2022

Lee Mingwei "Our Labyrinth"

 

 

Ein Tänzer, ein Besen, ein Sack Reis.

Eine Meditation.

Mit jedem Schritt setzen wir Energie in Bewegung, gestalten die Ordnung im Universum neu.

Unser Labyrinth erschaffen wir selbst, Schritt für Schritt. Spielen wir mit den Wegen, die wir gebahnt haben, mit der Leere zwischen der Materie? Verirren wir uns in unserem Labyrinth?

Lee Mingweis Anweisung an die Tänzerinnen und Tänzer: "Let the rice tell you how to move."

Sehen. Wahrnehmen. Sich leiten lassen.

Der Augenblick sagt dir, wie du dich bewegen sollst.



Donnerstag, 9. Juni 2022

Der Geschmack des Lebens

 

Es gibt ja Menschen, die sich mit Begeisterung bei Fernseh-Trillern gruseln. Ich habe da einen anderen Favoriten, den ich während des Lockdowns entdeckt habe: die Kochshow "Die Küchenschlacht" in der Mediathek des ZDF. Mit entgeisterter Faszination schaue ich mir an, wie dort so richtig aus dem Vollen geschöpft wird. Entrecôte und Rindersteaks, Garnelen und Maibock. Ein Tag ist der vegetarischen Küche gewidmet, der stürzt die Kandidaten zumeist in Ratlosigkeit. Die Juroren rufen grundsätzlich: "Da fehlt Salz!" (jeder Arzt sagt uns, dass wir sparsam salzen sollen), und alles schwimmt in Fett. In einem Kartoffelstampf für zwei Personen wurde neben Milch ein halbes Pfund Butter verarbeitet! Und wie wird da mit LEBENS-Mitteln umgegangen? Weil die Kandidaten Zutaten für zwei Personen bekommen, aber aus Zeitgründen oft nur eine Portion zubereiten, liegen die nicht verarbeiteten Hühnerbrüstchen und der kostbare Rotbarsch mindestens eine Stunde unter den heißen Scheinwerfern im Studio. Was danach mit ihnen passiert, kann man sich vorstellen.

Warum ich das trotzdem immer wieder mal anschaue? Die Jurorinnen und Moderatoren, alles sogenannte Spitzen-Köche und -Köchinnen, geben nebenbei wirklich hilfreiche Küchen-Tipps. Wahrscheinlich war diese Show der Grund, weshalb ich - als mich die Redaktion der Ursache\Wirkung um einen Beitrag zum Thema "Lebendiger Buddhismus" bat - etwas über das Kochen schrieb.

"Ich habe einen kleinen Tempel in meiner Wohnung. In ihm stehen ein Herd, ein Kühlschrank, eine Spüle. Für eine Statue ist kein Platz. Ich muss Buddha in meinem Herz-Geist mitbringen. Gegen elf Uhr halte ich vor der Arbeitsfläche inne, atme dreimal bewusst ein und aus, und mein Retreat beginnt: Ich koche ein Mittagessen."

Was aber hat das Kochen mit dem Buddhismus zu tun?

"Ihr sollt eine Gesinnung in euch tragen, welche die Lehre des Buddha auf die letzten Teilchen des Lebens überträgt und selbst aus Grünzeug Tempel baut."

Das sagt Dogen Zenji, der im 13. Jahrhundert seine "Anleitungen für den Koch" schrieb. Denn in einem Zen-Kloster ist der Tenzo, der Koch oder die Köchin, die zweitwichtigste Person neben dem Abt. Und dass es bei Dogen nicht um den richtigen Garpunkt für ein Rindersteak geht, ist wohl klar. 

Der Beitrag, bei dem sich niemand gruseln muss, wenn er oder sie nicht will, steht jetzt in ganzer Länge online: Hier (klick) kann man ihn lesen.

 

Sonntag, 5. Juni 2022

Einaudi: Nuvole Bianche

 

 Zu Hause geblieben an Pfingsten. Das Neun-Euro-Ticket in der Schublade gelassen. Den Tankrabatt nicht genutzt. Sich nicht in die Schlange an einem Check-In-Schalter eingereiht.

Es ist still im Haus. Keiner da. Niemand will etwas von dir. Una mattina, nur für dich. Einen Kaffee vielleicht? Ist noch Kuchen im Kühlschrank? Eigentlich hast du keine Lust, deinen Sessel zu verlassen. Da ist die Zeitung, ungelesen. Da sind die Bücher. Du hast die Freiheit, alles zu tun, niemand hindert dich. Du hast die Freiheit, alles zu lassen.

Die Stunden tropfen dahin. Am Himmel ziehen die nuvole bianche. 

Sein. Einfach nur da sein. 

 

Dienstag, 31. Mai 2022

Sommer-Retreat im Intersein-Zentrum

 

Und wieder ist Sommer, und mein jährliches Retreat im Intersein-Zentrum findet statt! In diesem Jahr mit einem Thema, das mir besonders am Herzen liegt:

Verbunden mit allem, was ist

16. Juli bis 20. Juli 2022

Thich Nhat Hanh hat für die Verbundenheit alles Seienden den Begriff Intersein geprägt. Wir alle haben bereits die Erfahrung gemacht, dass es keine Trennung zwischen Innen und Außen, "mir" und "dir" gibt. Vielleicht in einer Liebesbegegnung, bei der Geburt eines Kindes, dem Sterben eines nahen Menschen oder im Konzertsaal beim Hören einer großartigen Sinfonie, beim Wandern im Gebirge, beim Betrachten eines Sonnenuntergangs. Wir fühlten uns berührt und haben vielleicht gar nicht verstanden, dass wir gerade eine spirituelle Erfahrung gemacht haben. Dieses Retreat ist eine wunderbare Gelegenheit, diese Erfahrung zu machen oder zu vertiefen.

Nun sind wir aber genauso wenig getrennt von Weltereignissen: der Krieg in der Ukraine betrifft auch uns, die Pandemie geht uns alle an. Wie gehen wir damit um, wie können wir uns trotz aller Verbundenheit schützen vor Überforderung und Depression? Auch damit wollen wir uns in diesem Sommer-Retreat befassen.

 

 

Wir werden im Zendo meditieren, Vorträge hören, im Wald bei der Gehmeditation vielleicht einem Reh begegnen, uns in Rundgesprächen austauschen, in der äußeren Stille und Geborgenheit die innere Stille aufbauen und die feinen Gerichte von Marie, der ayurvedischen Köchin, genießen.

Hier (klick) geht's zur Online-Anmeldung. 

Das Intersein-Zentrum liegt in Hohenau, idyllisch mitten im Nationalpark Bayerischer Wald; vom Hauptbahnhof Passau fährt ein Bus. Ich lade Dich herzlich dazu ein. Sehen wir uns dieses Jahr im Intersein-Zentrum wieder - oder lernen wir uns kennen?


Donnerstag, 19. Mai 2022

Margrits kleine Tierschau

 

Die Sanfte

Sie steht da einfach in einem Garten. Dort, wo bei anderen Menschen eine Regentonne vor sich hinmuffelt oder eine Hundehütte. Steht einfach da und schaut mich an. Kleine Kinder haben diesen Blick: unverwandt und fest, interessiert und doch kein bisschen aufdringlich. Ein Blick, der nicht nach dir greift, der nichts von dir will, der keine Absicht verfolgt außer der, das unbekannte Wesen dort jenseits des Zauns zu bestaunen. Ich fühle mich eingeladen, ihre sanfte Stille zu teilen, an einem Gartenzaun in einem Dorf, das ich zufällig durchquere. Wer so schaut, entfesselt keine Kriege, keinen Streit. Jetzt weiß ich es: Ich will den Alpaca-Blick lernen.



Der Alte

Er legt die Stirn an den Maschendrahtzaun und ist zu müde, sie wieder wegzunehmen. Ich kraule seine Nase. Das Fell ist eher eine Bürste als Haar. Er riecht. Ich weiß nicht, ob ein Ziegenjahr auch sieben Menschenjahren entspricht wie bei Katzen oder Hunden. Dann bist Du wahrscheinlich älter als ich, sage ich zu ihm. Wir sprechen über die Müdigkeit. Auch ich, sage ich, habe manchmal Lust, meine Stirn irgendwo abzulegen. Er schließt die Augenlider zur Hälfte, was bei ihm einen spektakulären Effekt hat. Bei mir sähe es tranig aus. Zum Dank für den Austausch rupfe ich ihm von meiner Seite des Zauns ein Büschel Gras und schiebe es ihm ins Maul. Er kaut bedächtig. Und lehnt die Stirn wieder an den Zaun.

 


Der Schöne

Diese Grazie! Das makellose Weiß der Federn! Er beachtet mich nicht; ich kenne dieses Verhalten von den schönen Männern und Frauen, denen ich manchmal begegne. Sie nehmen mich gar nicht wahr, denn einem Körper wie meinem wird in ihrer glanzvollen Sphäre kein Eintritt gewährt. Das ist mir sehr recht, so kann ich die Schönen ungestört und ungefährdet bewundern. Während ein Schöner einen Spiegel braucht, um sich seiner Schönheit zu vergewissern, und dabei fällt er leicht in den Tümpel, wie die Legende von Narziss beweist. Diese Schwanzfederchen, wie vom besten Friseur hingefönt! Und dieser eine Federstrahl, der in elegantem Bogen ein Gegengewicht zum unteren Körper bildet! Ist diese Schönheit eigentlich flugfähig?

 


Die Unabhängige

Sie wohnt, wo sie will. Ich sehe sie heute hier, morgen da. Sie hat kein Interesse an Schöner Wohnen; eine alte Decke in einer Scheune, ein Heuballen reichen ihr als Bett. Ihr autonomer Lebensstil weckt meine Sehnsucht. Ich komme ins Grübeln. Nicht, dass ich Lust hätte, im Heu zu wohnen. Aber wann ist eigentlich die Waschmaschine bei mir eingezogen, wie kam ein Toaster in mein Leben? Wie wurde aus einem schmalen Buch-Regal eine Bibliothek mit Hunderten Büchern? War das nötig? Einfach aufstehen und gehen, sich mal hier niederlassen, mal dort - eine nie erfahrene Freiheit. Da sitzt sie in königlicher Gelassenheit in ihrem Reich aus Gerümpel, und ich bin sicher, das Letzte, wonach sie sich sehnt, ist, ein Mensch zu sein. Beim Blick in die Zeitungen dieser Tage kann ich sie verstehen.


Montag, 9. Mai 2022

Über das Überflüssigsein

 

 

Mir steht der melancholische Sinn heute nach einem Post über das Überflüssigsein. Ich glaube, es hat mit dem gestrigen Muttertag zu tun. Ich fühle mich wie eine Mama, die feine Speisen vorbereitet und den Tisch zauberhaft gedeckt hat in der Hoffnung, die lieben Kleinen mögen in diesem Jahr einmal nicht den Muttertag vergessen. Und dann kommt keiner. Und Mama sitzt grübelnd vor vollen Kuchenplatten und Sahneschüsseln und fragt sich, ob sie was falsch gemacht hat.

Ich habe auf meinem Balkon eine Bienenweide angerichtet. Habe Fachliteratur studiert, Pflanzen und Erde bestellt, Kübel gekauft.  



 

Na, ist das ein Angebot? Duftender Wiesen-Salbei, laut meinem Fachbuch eine "Hummel- und Schmetterlingsweide". Glockenblumen jede Menge. Wildrosen. Die Spezial-Wildbienen-Mischung aus der Fach-Gärtnerei. Und keiner kommt. Denn meine Gemeinde hat alle Baumscheiben im Umkreis, die Straßenränder und jedes Fitzelchen Erde bepflanzt mit "bienenfreundlichen Blüten". Das ist unbedingt zu loben, das ist großartig, ökologisch, an diesem Ort wohnt man doch wirklich gern. 

Ein reich gedeckter Tisch im Erdgeschoss. Welche Biene hat da noch Lust, zu mir in den zweiten Stock zu fliegen?

 


Und so schnuppere ich bei Einbruch der Dämmerung alleine an der betörend duftenden Nachtviole ("Nachtfalter und Schwebfliegen fühlen sich von diesem Dufterlebnis angezogen"), die verwelken wird, ohne je von einem Falter besucht worden zu sein. Wie traurig ist das denn. Und wenn ich was Geflügeltes sehen will, muss ich auf die Straße gehen. (Auf die Straße!)

Die Kerle brauchen mich nicht. 

Eine harte Wahrheit. Ich bemühe mich, sie mit Fassung zu tragen.

 

Montag, 2. Mai 2022

Fragmente. Frammenti.


 

Um die Fragmente aber ist Raum
für die Liebe
und der Himmel zieht ein
in die offenen Häuser.

Was wir zu lernen versäumt haben:
Zeigen, was fehlt.
 
 


Attorni ai frammenti tuttavia c'è spazio
per l'amore
e il cielo penetra
nelle case aperte.

Quello che abbiamo omesso d'imparare:
mostrare ciò che manca.

(Trad: Simona Venuti)

 

Dieses Gedicht habe ich 1988 in Rom geschrieben, wo ich als Stipendiatin in der Deutschen Akademie lebte. Es war Teil meiner Installation in der Jahres-Ausstellung der Villa Massimo, die sich in Fotos und Gedichten mit meinen Eindrücken von Rom befasste unter dem Titel "Der Ort der Sprache". "Il luogo della lingua".

 

Freitag, 29. April 2022

Bruder David Steindl-Rast. Ein Porträt.

 

 

Ich lege Euch dieses wunderbare, schön gefilmte Porträt des Benediktinermönches Bruder David Steindl-Rast ans Herz. Ich durfte ihm einmal begegnen auf einer Veranstaltung des Herder-Verlags. Ein feiner, freundlicher und weiser Mensch, den wir in diesem Film durch die Orte seiner österreichischen Kindheit begleiten, in sein Kloster in den USA, in das Zenkloster Tassajara, wo er bei Shunryu Suzuki mit Erlaubnis seines Ordens Zen studierte, und auf Schloss Duino, wo sein Lieblingsdichter Rilke die Duineser Elegien schrieb.

"Wir sind alle Mystiker. Mystiker sein heißt: Die Begegnung mit dem großen Geheimnis zu leben."

 

Donnerstag, 21. April 2022

Frühjahrslesen

Valerie Frisch hat ein Buch geschrieben für Menschen, die Bücher wegen ihrer Sprache lesen. Es wird eigentlich keine Geschichte erzählt, obwohl es eine durchaus spektakuläre Handlung gibt. Alma wächst auf in einer Familie in Österreich mit vom Krieg zutiefst traumatisierten Großeltern. Über den Krieg wird geschwiegen, aber Alma wird wie alle Kinder von dem im System wirkenden Verschwiegenen geprägt. "Man wird mit einer Wirklichkeit ausgestattet als Kind, die man nicht mehr loswird." Sie heiratet und bekommt einen besonderen Sohn: Emil ist unfähig, körperlichen Schmerz zu empfinden. Der Großvater stirbt, ohne je über das Grauen des Krieges gesprochen zu haben: "Er schwieg sich davon. Sein innerer Winter ergriff vollends von ihm Besitz." Dann fährt sie mit der Familie auf des Großvaters Spuren nach Kasachstan, und die beklemmende Leere der Landschaft wird zum Spiegel ihrer inneren Leere. Ein leises Buch, eine Sprache voller stimmiger Bilder, eine Erinnerung daran, dass das Verschwiegene weiterwirkt. Valerie Fritsch "Herzklappen von Johnson & Johnson", Suhrkamp TB

Die amerikanische Journalistin Elizabeth Bailey - ein Pseudonym - wird auf einer Europareise von einem mysteriösen Virus befallen, der schwere neurologische Symptome hervorruft. Sie liegt viele Monate unbeweglich im Bett, betreut von einer Pflegerin; die Krankheit selbst wird sie jahrelang begleiten. Eine Freundin schenkt ihr ein Ackerveilchen, auf dem eine winzige Schnecke sitzt, und die Schnecke wird für die Kranke zur einzigen Gefährtin, die sie erträgt: "Je vertrauter mir die Welt der Schnecke wurde, desto fremder wurde mir die Menschenwelt; meine eigene Spezies war so groß, so verwirrend, so gehetzt." Sie lässt der Schnecke ein Terrarium bauen und beobachtet vom Bett aus, wie sie langsam ihr Terrain erkundet, isst und schläft. Später, als sie wieder lesen kann, lässt sie sich Literatur über die Gastropoden bringen, und so erfahren wir viel über diese Spezies. Aber es ist die zarte, achtsame Beziehung zwischen der Frau und ihrer Schnecke, die mich fasziniert: zwei Einzelgängerinnen in einer sehr stillen Welt. "Die Schnecke war mir eine echte Lehrmeisterin gewesen, ihr bescheidenes Dasein hatte mir Kraft gegeben." Elizabeth Tova Bailey "Das Geräusch einer Schnecke beim Essen", aus dem Englischen von Kathrin Razum, Piper TB



Benedict Wells hat eine Hommage an die 1980er Jahre und ihrer Kultur geschrieben, obwohl er in jenem Jahrzehnt gerade erst geboren wurde. Wir sind in einer Kleinstadt in Missouri, es gibt ein einziges Kino, das kaum jemand besucht. Aber dort versammelt sich eine kleine Freundesgemeinschaft, und als es dem sensiblen Außenseiter Sam gelingt, im Kino einen Job zu bekommen, wird er im Lauf der Zeit Teil der Clique. Kristie (die erste Liebe), Cameron, Hightower und Sam gehen schwimmen, brettern mit dem Pickup über Bodenwellen, während jeweils einer sich auf der Ladefläche an einem Seil zu halten versucht, hören Musik, kiffen, trinken, und als Sams Mutter stirbt und Sam in einen inneren Abgrund fällt, erweist sich die Freundesgemeinschaft als tragend. Benedict Wells hat ein magisches Buch geschrieben. Er erzählt davon, wie schwer es ist, fünfzehn zu sein, nicht zu wissen, wer man eigentlich ist, und nach einem tiefen Verlust allmählich und nicht ohne Schmerzen erwachsen zu werden. Benedict Wells "Hard Land", Diogenes Verlag.  

Ich lese kaum noch Romane, in denen es um menschliche Dramen geht, aber dieser ist mir irgendwie in der Bibliothek aufgefallen und wollte mitgenommen werden. Francis und Brian, zwei Polizisten in New York, Freunde und Nachbarn. Man grillt zusammen, Francis' Frau sucht den Kontakt zu Brians Frau, was seltsamerweise nicht gelingt. Dann bringt eine Tragödie die Familien auseinander. Brians Sohn Patrick und Francis' Tochter Kate heiraten später gegen den Widerstand der Eltern. Sie versuchen, eine Versöhnung herbeizuführen, aber Traumata lassen sich nicht mit dem Willen lösen. Im Familiensystem wirkt das Drama weiter. Patrick, ebenfalls Polizist, bekommt ein Alkoholproblem und wird entlassen. Erst als alles zusammengebrochen ist, kann eine behutsame Annäherung gelingen, die alte Wunden aufreißt, aber sehr langsam auch Herzen öffnet. Ich habe diesen ruhigen Roman gern gelesen, er zeichnet psychologisch genaue Porträts und verurteilt niemanden, auch nicht jene, die von der Welt als schuldig betrachtet werden. Mary Beth Keane "Wenn du mich heute wieder fragen würdest", übersetzt von Wibke Kuhn, Eisele Verlag.

 



Der britische Philosoph John Gray ist bekannt für provokative Aussagen. Menschen, schreibt Gray, suchen nach dem Sinn des Lebens, weil sie Angst haben vor dem Tod. Deshalb erfinden sie Geschichten über sich selbst und verbringen ihre Tage damit, die Figur zu sein, die sie erfunden haben. "Während Katzen leben, indem sie ihrer Natur gehorchen, leben Menschen, indem sie die ihre unterdrücken." John Gray ist ein Philosoph, der sein eigenes Fachgebiet für nicht sonderlich lebensnah hält. Er hat große Zuneigung zum Daoismus, und sogar das Zen wird lobend erwähnt (pikanterweise kann er nur darüber nachdenken, Zen als Praxis ist ihm wohl eher nicht geheuer). Aber für noch sinnvoller hält er das Leben der Katzen, die ganz und gar im Augenblick leben. Gray hat immer mit Katzen gelebt und gibt am Schluss zehn Ratschläge aus Katzensicht. Am besten gefällt mir dieser: ""Wenn menschliche Unvernunft Sie frustriert oder in Gefahr bringt, gehen Sie weg." Irgendwann erscheint meine Rezension des Buches im SWR - erfahrungsgemäß dauert das ... John Gray "Katzen und der Sinn des Lebens", aus dem Englischen von Jens Hagestedt, Aufbau Verlag.

Frank Berzbach unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der TH Köln. Seinen Büchern bin ich im Shop des Vitra-Design-Museum in Weil begegnet, in den mich eine Freundin gelockt hatte; ich wäre da nicht hineingegangen - zu viel teurer Schnickschnack. Aber dann las ich, dass der Autor "seit vielen Jahren Zen-Praktizierender" ist. Also kam dieses Buch mit nach Hause. Berzbach schreibt über Form in allen Lebensbereichen: in den Medien, der Kleidung, der Ernährung, der Liebe usw. Denn: "Wer auf Formen achtet, nimmt Einfluss auf den Inhalt." Er beklagt die Formlosigkeit des heutigen Studienbetriebs: In Seminaren wird gequatscht, gegessen, übers Handy gewischt. In seinen Seminaren über achtsamkeitsbasierte Psychologie lässt er den Raum leer räumen. Alle sitzen auf dem Boden, jemand kocht Tee, der streng ritualisiert getrunken wird. Das Fazit des Dozenten ist uns alten Zen-Häsinnen und -Hasen natürlich klar: "Das Verhalten, Denken, Sprechen und Lernen verändert sich." Ich bin ja sehr interessiert daran, das Zen aus dem Zendo heraus in ganz gewöhnliche Alltags-Situationen zu bringen. Das tut Berzbach. Er schreibt klug und klar, blickt streng auf alltägliche Formlosigkeit ("Das Frühstück vieler Menschen besteht aus dem Kauf eines Pappbechers, in den ein Heißgetränk gefüllt wurde, um es in ein dafür vorgesehenes Plastikdisplay im Auto zu stellen.") und ist gleichzeitig verspielt und verliebt in Schönheit jeder Art. Frank Berzbach "Formbewusstsein. Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge", verlag hermann schmidt

 


Vor ein paar Jahren überlebte die australische Journalistin Julia Baird eine schwere Krebserkrankung. In diesem Buch verwebt sie ihre eigenen Erfahrungen mit denen anderer Menschen und untersucht, was uns in schwierigen Zeiten Halt gibt. Sie findet, nicht überraschend, die Freundschaft, die Familie, die Natur, die Spiritualität, das Innehalten und die Freude an den kleinen Dingen. Sie ist faziniert von jenen Lebewesen, die aus sich selbst heraus leuchten: Glühwürmchen, Quallen, Geisterpilze. Das Phänomen heißt Phosphoreszenz, und Julia Baird hat während ihrer Krankheit gelernt, dass es im Leben darauf ankommt, das eigene innere Licht zum Strahlen zu bringen. Sie ermutigt uns (vor allem uns Frauen), toxische Beziehungen zu beenden, die innere Kritikerin zum Schweigen zu bringen und unsere Begeisterung zu nähren. Das alles ist nicht neu, aber ich habe es gern gelesen, weil es intelligent argumentiert und gut geschrieben ist. Dies ist auf keinen Fall einer dieser simplen Selbsthilfe-Ratgeber. Das Buch kam zu mir als Belegexemplar durch seine Übersetzerin: Sabine Längsfeld fragte an, ob sie meine Übersetzung von Mary Olivers Gedicht "Der Sommertag" verwenden dürfe. Sie durfte. Julia Baird "Phosphoreszenz. Was dir in dunklen Zeiten Halt gibt", aus dem australischen Englisch von Sabine Längsfeld, Rowohlt Verlag

Der australische indigene Künstler und Dichter Tyson Yunkaporta ist Angehöriger des Apalech Clans und Dozent für indigenes Wissen. Er lässt uns in diesem fazinierenden Buch teilhaben am Wissen seines Volkes, das sich als Hüter der Muster im Universum versteht. Dieses Wissen wird mündlich weitergegeben und in Holz geschnitzt, denn unsere linear verlaufend Schriftsprache kann seine Komplexität nicht erfassen. Es geht bei den Aborigines immer um Beziehungen, um die Verbindung zwischen den Dingen. Es gibt keine zwei Wörter für Zeit und Ort - sie gehören für die Aborigines  zusammen -, und alle drei Generationen findet ein "Reset" statt, bei dem die Generationen neu geordnet werden. Dann werden zum Beispiel Yunkaportas Großeltern neu als seine Kinder eingeordnet. "Nichts wird geschaffen oder zerstört, es verändert sich nur." Aus diesem Geist heraus untersucht Yunkaporta, wie unsere Gesellschaft verändert werden müsste, um von der Zerstörung in die Bewahrung zu gelangen. Meine Rezension in SWR 2 Lesenswert hier (klick). Tyson Yunkaporta "Sand Talk. Das Wissen der Aborigines und die Krisen der modernen Welt", aus dem Englischen von Dirk Höfer, Matthes & Seitz