Mittwoch, 11. Dezember 2019

Bewege dich in deinen Eigenfarben


"Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung, aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig, bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar. Zeig deine Augen, wink die anderen ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.

Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Vergiss die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach den Konflikt. Bewege dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. 

Geh über die Dörfer. Ich komme dir nach."

Peter Handke


Aus: Peter Handke "Über die Dörfer", Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-39760-2 


Samstag, 7. Dezember 2019

Wie - nicht Was


Den ganzen November über nahm ich online an einem Foto-Workshop bei einer kanadischen Fotografin teil. Jeden Morgen bekamen wir eine E-Mail mit anspruchsvollen Fotoaufgaben; unsere Fotos teilten wir abends in einer eigenen Gruppe auf Instagram. Die Natur in Südbaden war aber offenbar in das Projekt nicht eingeweiht und schickte erst einmal ausgiebig Regen. Dann hüllte sie sich tagelang in Nebel. Als endlich die Sonne herauskam, lag ich krank im Bett. Wir waren eine internationale Gruppe, und täglich deprimierter betrachtete ich die Bilder vom sonnenglitzernden Meer der Fotografin aus Florida und die vom funkelnden Schnee der Kanadier. Und dachte: Was um alles in der Welt soll ich fotografieren?

Das kennen wir doch: Wir haben das Gefühl, unsere Umgebung biete uns nicht genug Anregung und suchen nach neuem Inhalt. Wir sehnen uns nach Begegnungen mit interessanten Leuten, einem neuen Partner, wollen uns nun doch einen Hund anschaffen oder wenigstens im Fernsehen einen spannenden Film anschauen, der unsere innere Leere mit Bildern füllt. Das Zen in seiner klaren Art lässt einen ja nie im Stich, und ich besann mich auf die einfache Zen-Anweisung: WIE, nicht WAS. Ich schaute mir also den Nebel genau an, spürte, wie er mich watteweich umgab, lauschte seiner großen Stille. Ich verfolgte das sich verändernde Licht hinter dem Vorhang in meiner Wohnung. Und fing das, was ich wahrnahm, in meinen Fotos ein.

... und dann haben mir auch noch die Tauben ein Geschenk auf den Balkon gelegt ...
 
Es gibt immer etwas zu entdecken. Wir müssen keine Leere füllen - wir brauchen nur unsere Sinne zu öffnen. Dann gibt es auch keine Langeweile mehr, keine Sehnsucht nach Mehr.

Vielleicht in diesem Monat, der so übervoll ist an Geklingel und Geblinke und aufdringlichen Aufrufen zum Konsum, mal das Wie in den Vordergrund stellen?


Dienstag, 3. Dezember 2019

Vortrag in Düsseldorf


Dienstag, 10. Dezember 2019, 19.30 Uhr

Leuchtende Stille

Vortrag von Margrit Irgang

Katholisches Stadthaus Maxhaus, Schulstraße 11, 40213 Düsseldorf

Telefon 0211-9010274

Es gibt Tapas und sogar Klaviermusik. Sehen wir uns?

Mehr Informationen: hier (klick).

Ich freue mich über jeden, den ich dort begrüßen darf.

Sonntag, 1. Dezember 2019

Der kleinste Adventskalender der Welt


Ich habe in meinem Briefkasten den kleinsten Adventskalender der Welt vorgefunden, in zwei Streichholzschachteln. 24 Überraschungen, jede ein winziges Buch, gefaltet, geheftet. Das Inhaltsverzeichnis verspricht: Winterwärme - Unterwegs - Zeitstücke - Reiseproviant - und neben vielem anderen ein Märchen in sechs Teilen.

Ganz herzlichen Dank, liebe Taija. Da steckt so viel Liebe und Arbeit drin, ich weiß das zu würdigen und freue mich auf jeden Morgen, an dem ich eines der kleinen Bücher aus der Schachtel ziehen werde.

Die heutige Miniatur ist von Taija, die Schöpferin des winzigen Kalenders ist Mirjam (klick)

Danke, liebe Mirjam, für Dein Werk.
 

Donnerstag, 28. November 2019

Abschied von den Rosen


Einen Sommer lang waren sie bei uns zu Gast. Wir hatten Freude an ihnen. Sie waren anspruchslose Gäste - ein wenig zu trinken ab und an genügte ihnen. Dennoch brachten sie Geschenke im Überfluss mit: Duft und Farben in allen Schattierungen von Weiß bis Dunkelrot. Sie brachten auch weitere Gäste mit, die wir sehr mochten: Bienen und Schmetterlinge.


Unsere Gäste sind dabei, sich zu verabschieden. Sie falten sich leise und sorgfältig zusammen, packen sich selbst ein, wir brauchen ihnen dabei nicht zu helfen. Selten hatten wir Gäste, die wir so ungern gehen ließen; meistens sind wir froh, endlich wieder Haus und Garten für uns zu haben. Bei diesen Gästen ist es anders. Deshalb verabschieden wir sie, wie das geliebten Gästen gebührt.


Lebt wohl, dort, wo ihr jetzt seid. Tief in der Erde, wo es warm und ruhig ist. Wir sehen uns wieder, ja? Im nächsten Frühjahr wird die Sonne euch ein Zeichen schicken und ihr werdet wissen: Wir warten auf euch. Ihr seid willkommen bei uns. 


Sonntag, 24. November 2019

Arvo Pärt "Cantus"


Schwebende Musik
für diesen Sonntag, den wir "Totensonntag" nennen.

Genießt die Ruhe und Stille dieser Zeit.

Bald wird es glitzern und gleißen, klingeln und bimmeln. Bald wird man uns mit Vorschlägen für Weihnachtsgeschenke überschütten, die eigentlich niemand braucht.

Wann ist der Dezember der unruhigste, lauteste, grellste Monat des Jahres geworden?

In 30 Tagen aber wird sich die Sonne wenden und langsam aus ihrem tiefsten Punkt herausarbeiten. Und am selben Tag wird es still werden.

Für eine kleine Weile.
 

Sonntag, 17. November 2019

Nur dies (Winter's Watch)


Die Zeit der Stille und der Dunkelheit hat begonnen. Morgens liegt der Nebel wie ein weiches wollenes Tuch über dem Garten. Die Äste der von den Blättern befreiten Bäume stehen schwarz und präzise vor dem Himmel; die Kalligrafie einer Sprache, die uns rätselhaft bleibt. Die Natur zieht sich in sich selbst zurück. Sie hat alles verschenkt, was sie besaß, und wir haben es genommen. Gedankenlos. Als stünde es uns zu.

Jetzt ist die Zeit der Einfachheit gekommen. Wir müssen unsere Sinne neu einstellen,  uns tiefer über die Dinge beugen, sie genauer und länger betrachten. Wir müssen aufmerksamer lauschen auf die spärlichen Laute der Wesen, die hin und wieder durch den Nebel dringen und uns versichern, dass dort draußen Leben ist, das sich nur ausruht, um neue Kraft zu sammeln.


Wir lernen zu sehen: Nur dies. Mehr ist nicht nötig. Die Dinge kommen als Einzelne. Sie wollen, wie wir auch, als Einzelne und Besondere wahrgenommen werden. Sie leben, sie wurzeln tief, sie werden den Winter überleben. Auch wir leben, wurzeln tief. Jetzt ist nicht die Zeit, Wurzeln auszureißen, Neues zu pflanzen. Jetzt ist die Zeit, unsere Wurzeln zu spüren, zu wärmen, zu schützen. Die Zeit der Veränderung wird da sein, wenn das Licht wieder morgens über den Hügel steigt, und das Licht wird kommen, wie es jedes Jahr kommt. Jetzt ist die Zeit, die Liebe zu Stille und Dunkelheit zu entdecken. Eine Liebe, die Wurzeln schlagen wird in uns und uns stark machen wird.


Ich möchte Euch mit der amerikanischen Sängerin und Fotografin Alexandra de Steiguer bekannt machen. Seit zwanzig Jahren lebt sie allein von November bis April als Winterwächterin auf Star Island, einer nur im Sommer von Touristen besuchten Insel vor New Hampshire. Der 14minütige Dokumentarfilm über ihr Leben dort feiert die Stille, die Dunkelheit und das Alleinsein.

Die schönen Fotografien von Alexandra findet Ihr hier (klick). Ihre Musik, die ich sehr mag, hier (klick). 

Dienstag, 12. November 2019

Absichtslosigkeit



Ich ging auf meiner Straße so für mich hin. Ich bin nicht Goethe im Wald, meine Straße ist eine ganz gewöhnliche Vorortstraße, die Häuser sind aus den Siebzigern, nun ja, dort suche ich nichts, weil ich nicht erwarte, irgendwas zu finden. Und dann ein kleiner Wind, ein Huschen, ein grünes Getrudel ...

Warum ich das Zen so liebe? Weil es seine Schüler anweist, absichtslos zu sein. Nichts zu suchen, nichts zu erwarten, eine große innere Weite herzustellen, einen vorsprachlichen Raum der reinen Wahrnehmung, einen Raum, in dem nur gespürt, gehört, gesehen wird. Ein Raum, in den alles hineintrudeln darf, was ein kleiner Wind gerade so mit sich trägt. Und es wird gesehen. Bestaunt. Gewürdigt. Gefeiert.

Was Grünes an einem grauen Tag auf dem grauen Asphalt.

Dies also ist mein Bild des Tages mit dem Titel "Warum ich das Zen liebe".


Dienstag, 5. November 2019

Hörst du ihn?


Tag und Nacht

Musik. Ein feiner, heller

Rohrflötenklang. Wenn er verklingt,

verklingen wir.

Rumi

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Attimi. Momente.


 Non si ridordano i giorni,
si ricordano gli attimi.

Cesare Pavese

Man erinnert sich nicht an die Tage,
man erinnert sich an die Momente.



Wenn ich mich wieder einmal von meinen Pflichten überwältigt fühle und der alte Wunsch aus Kindertagen zwingend wird, auf und davon zu gehen, in die aufgehende Sonne hinein zu fahren und frei zu sein, ungebunden, ohne jemanden im Hintergrund, der etwas von mir verlangt und erwartet - dann besinne ich mich auf den einzigen Ort, den es gibt, für den ich nicht reisen muss, der mich immer erwartet, weil er immer schon da ist: das Hier.



Ich besinne mich auf die einzige Zeit, die es gibt: das Jetzt, das auch dort, wo die Sonne aufgeht, wo meine Sehnsucht mich hinführen möchte, immer nur das Jetzt wäre. 



Ich besinne mich auf die eine Fähigkeit, die mich in das Hier und Jetzt zurückführt und mir immer und überall zur Verfügung steht: Mein Sehen, mein Hören, mein Fühlen, mein Schmecken. Meine Wahrnehmung dieses Augenblicks und seiner Einzigartigkeit. Und ich bin da, in diesem genau richtigen Moment, um wahrzunehmen, was im nächsten Moment verschwunden sein wird. Bewegung, Zuneigung, Geheimnis, Licht.

Ich bin in die Welt zurückgekehrt.