Mittwoch, 12. Juni 2024

Die Liebeserklärung


 

"Am Zeitungsstand im Supermarkt standen die Leser bei ihrer kostenlosen Morgenlektüre. Auch der kleine Junge war da, der damals in meinem Viertel wohnte. Er blätterte in einem Comic-Heft. Die Frau, die zu ihm gehörte, las eine der bunten Illustrierten. Der Junge war ein Sonnenschein, der allen Menschen zulächelte. Ich lungerte in der Kosmetikabteilung herum, um mich von dem Kind noch ein wenig bescheinen zu lassen.

Der Kleine, der auf dem Boden kniete, sah zu der Frau auf. Von seinem Blickwinkel aus sah er zweifellos kein Gesicht, sondern eine Illustrierte mit Beinen. Schmeichelnd fragte er: 'Oma?' Die Frau überflog die Affären der Prominenz. Länger als zehn Minuten konnte sie das kaum tun, sonst hätte sie die Zeitschrift kaufen müssen. 'Oma', sagte der Junge, 'ich möchte dir was sagen.' Die Frau blätterte. 'Oma', sagte das Kind, 'ich hab dich lieb.'

Die Frau gab einen routiniert klingenden Laut von sich, ein seit Jahrhunderten bewährtes „Hmm“, das aufdringliche Kinder abwimmelt. Etwas aber musste durch das Papier gesickert sein, eine Energie, die sich zwischen Seitensprüngen und Scheidungsgerüchten hindurchgeschlängelt hatte. Verwirrt hielt die Frau im Lesen inne und schaute sich um auf der Suche nach dem, was da in ihr Leben gekommen war. Unter ihr wendete sich der Junge befriedigt wieder dem Comic zu. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte. Die Frau sah ratlos die Illustrierte an, schlug sie enttäuscht zu und stellte sie zurück ins Regal."

Die Welt ist voll von nicht empfangenen Liebeserklärungen. Pass auf, dass Du die an Dich gerichteten nicht verpasst.




Dies ist der Beginn meines Essays "Schönheit liegt im Detail" aus der Ursache\Wirkung 116. Wie geht die Geschichte weiter? Das liest Du hier (klick)

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Donnerstag, 6. Juni 2024

Die Natur ist beseelt

 


Als ich das erste Mal in Plum Village war, sah ich mit Überraschung, dass die Nonnen Bäume umarmten. Auf diese Idee war ich bis dahin nicht gekommen, aber da es als eine Praxis betrachtet wurde, suchte auch ich mir einen Baum aus, der mich ansprach. Er hatte eine glatte Rinde und war so schlank, dass meine Arme ihn umfassen konnten. Welch eine Überraschung: Ich umarmte ein lebendes Wesen. Es pulsierte, es atmete, und ich atmete mit ihm.

Das war Anfang der 1990er Jahre, und ich traute mich nicht, über diese Erfahrung zu schreiben. Ich galt sowieso als eine Romantikerin, die eine "animistische Weltsicht" vertrat. Aber wie schnell haben sich doch die Ansichten geändert. Man darf heute sagen, dass die Natur beseelt ist, ohne seine Reputation in der akademischen Welt zu verlieren. Einer, der das auf sympathische und kluge Weise tut, ist der Biologe und Philosoph Andreas Weber.

In diesem Interview mit Olivia Röllin in der Sendung des Schweizer Fernsehens "Sternstunde Religion" spricht er davon, dass das Weltbild der Dualität an sein Ende gekommen ist. Den Begriff "Natur", der die Vorstellung eines Gegenübers erzeugt, ersetzt er durch "lebendige Wirklichkeit". Unsere Interaktion mit dieser Wirklichkeit ist ein "Prozess der gegenseitigen Durchdringung, die Individuen gebiert, die sich nach Entfaltung sehnen und dadurch auf andere Individuen angewiesen sind".

"Wir müssen wieder lernen, zu denken wie ein Berg", sagt er. Immer wieder radelt er in den Grunewald zu "seiner" Eiche, die er als eine Mentorin bezeichnet. Ich wünsche mir, dass viele Menschen dieses halbstündige Interview anschauen und vielleicht einen ganz neuen Zugang finden zu der lebendigen Wirklichkeit, von der wir alle ein Teil sind. Weber fasst seine Weltsicht in dem schönen Satz zusammen: "Gaia - die lebende Welt - ist ein Akteur geworden und hat eine politische Stimme. Sie antwortet uns, und wir können mit ihr Bündnisse schließen."

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Samstag, 1. Juni 2024

Werkbegegnung: Zur Sprache bringen



 "Werkbegegnung Pusteblume". 😊 Links: A.B., Zeichnung. Rechts: M.I., Fotografie.

 

Wenn Du zufällig in der Nähe von Schwäbisch Gmünd/Aalen lebst, sei herzlich eingeladen zu einem besonderen Event: einer Werkbegegnung von Kunst und Literatur mit meinem Künstler-Freund Alfred Bast und mir. 

 

"Zur Sprache bringen" - Dichtung, Kunst und Bilder
Lesung und Gespräch

16. Juni 2024, 14.30 Uhr
Kunstraum Hohenstadt


Abtsgmünder Straße 5
73453 Abtsgmünd-Hohenstadt

 

Was Dich erwartet? Wir wissen es selbst noch nicht. Alfred und ich sind neugierig und folgen weder in unserer Arbeit noch in unserem Leben festen Vorstellungen, Erwartungen oder Überzeugungen. Wir sind mehr daran interessiert, mit offenen Sinnen wahrzunehmen, was um uns herum geschieht. Uns von der sich unablässig verändernden Natur und den Begegnungen mit Menschen inspirieren und berühren zu lassen. Und das Empfangene setzen wir dann um - in Bilder, in Skulpturen, in Sprache, in Sprach-Bilder.

Es wird also um Wahrnehmung gehen, um Farben und Formen und Rhythmus und Klang, um Sehen und Lauschen, um Begegnung und Austausch. Wie Alfred sagt: "Kommunikation ist das Herz der Kunst".

Alfred und ich haben schon etliche Projekte miteinander realisiert. Sein Werk finde ich sehr inspirierend. Schau mal hier auf seine Website (klick).

Ich würde mich freuen, Dich in Hohenstadt zu sehen.

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Montag, 27. Mai 2024

Deine schöpferische Kraft




Spürst Du eine Sehnsucht danach, etwas in die Welt zu stellen, das Dich wirklich erfüllt, weißt aber nicht, was das sein könnte? Oder Du weißt es, fragst Dich aber, wie Dein Traum Wirklichkeit werden könnte? Keine Sorge, Du brauchst kein akademisch anerkanntes künstlerisches Talent, um Dich schöpferisch auszudrücken. Dein ganz eigener Beitrag zu einer lebenswerten, leuchtenden Welt könnte ein Garten sein, ein Produkt, ein Projekt. Oder - und das ist vielleicht der größte Wunsch - Du möchtest Dich selbst zu einem Menschen machen, der inspiriert ist und andere inspiriert.   

Schöpferische Kraft kommt aus der Quelle des Seins, die auch in uns ist. Thay hat sie "dein Wahres Selbst" genannt. Die Achtsamkeits-Praxis hilft Dir, den Weg frei zu machen zu der leisen Stimme, mit der die Quelle spricht. Wenn Du die Impulse und Ideen, die sie Dir schenkt, zulässt, wird Dein Leben magisch werden. Meine Arbeit als Schriftstellerin ist nur möglich, weil ich vertrauensvoll mit meinem Wahren Selbst zusammenarbeite.

In meinem Retreat im Intersein-Zentrum möchte ich mich mit Dir auf die Reise zu Deiner Schöpferkraft machen. Ist sie dasselbe wie die allseits geforderte "Kreativität"? Nein, ganz und gar nicht - aber was ist der Unterschied und was zeichnet wahres Schöpfertum aus? Wir werden es gemeinsam herausfinden.

Ich lade Dich also herzlich ein zu

 Erwecke deine schöpferische Kraft 

20. - 24. Juli 2024
Intersein-Zentrum, Hohenau

Hier kannst Du Dich anmelden (klick)

Wir werden uns auch schreibend dem Thema nähern. Bitte bringe einen Stift mit. Sehen wir uns? Ich würde mich freuen. 

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Mittwoch, 22. Mai 2024

komorebi 木漏れ日


Ich bin fasziniert davon, dass es in der japanischen Sprache Ausdrücke gibt für ganz bestimmte Stimmungen, Zustände oder Momente, die es in keiner mir bekannten westlichen Sprache gibt. Eins davon ist das Wort komorebi [木漏れ日]. Das Schriftzeichen enthält das Baumzeichen [], das Zeichen für Glanz, Filter, Leck [漏れる] und Sonne [].

komorebi ist das Licht, das durch die Baumkronen fällt, das Spiel von Licht und Schatten der Blätter auf dem Boden. Ich denke dabei an einen Nachmittag im Sommer. Heiße Siesta-Stille, ich liege auf der Wiese am Waldrand im Schatten einer Buche, ein leiser Wind streicht durch die Krone des Baumes, neben mir glitzert der Teich und auf mir und um mich herum wiegen sich die Blätterschatten.

Ist das nicht wunderbar? Mit einem einzigen viersilbigen Wort das Glück eines ganzen Sommernachmittags eingefangen. Jetzt wisst ihr, warum ein Haiku im Grunde unübersetzbar ist. Jedes Wort transportiert eine Fülle an Bedeutungen, Stimmungen, Wahrnehmungen. Manchmal spielt die Tageszeit eine Rolle, immer die Jahreszeit, zumeist das Licht, die Farben. 

Japanische Ausdrücke sind oft mehr Geste als Wort. Drücken Umfassendes und Gleichzeitiges aus, wo Worte mühsam hintereinander herstolpern, gefangen in der Linearität.

Schaut mal nach oben statt nach unten. Überlasst euch komorebi für ein paar Minuten ohne den Zwang, darüber nachzudenken und das Spiel von Licht und Schatten in Worte zu fassen. Für ein paar Minuten des Verweilens im reinen Sein.  

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