Sonntag, 17. November 2019

Nur dies (Winter's Watch)


Die Zeit der Stille und der Dunkelheit hat begonnen. Morgens liegt der Nebel wie ein weiches wollenes Tuch über dem Garten. Die Äste der von den Blättern befreiten Bäume stehen schwarz und präzise vor dem Himmel; die Kalligrafie einer Sprache, die uns rätselhaft bleibt. Die Natur zieht sich in sich selbst zurück. Sie hat alles verschenkt, was sie besaß, und wir haben es genommen. Gedankenlos. Als stünde es uns zu.

Jetzt ist die Zeit der Einfachheit gekommen. Wir müssen unsere Sinne neu einstellen,  uns tiefer über die Dinge beugen, sie genauer und länger betrachten. Wir müssen aufmerksamer lauschen auf die spärlichen Laute der Wesen, die hin und wieder durch den Nebel dringen und uns versichern, dass dort draußen Leben ist, das sich nur ausruht, um neue Kraft zu sammeln.


Wir lernen zu sehen: Nur dies. Mehr ist nicht nötig. Die Dinge kommen als Einzelne. Sie wollen, wie wir auch, als Einzelne und Besondere wahrgenommen werden. Sie leben, sie wurzeln tief, sie werden den Winter überleben. Auch wir leben, wurzeln tief. Jetzt ist nicht die Zeit, Wurzeln auszureißen, Neues zu pflanzen. Jetzt ist die Zeit, unsere Wurzeln zu spüren, zu wärmen, zu schützen. Die Zeit der Veränderung wird da sein, wenn das Licht wieder morgens über den Hügel steigt, und das Licht wird kommen, wie es jedes Jahr kommt. Jetzt ist die Zeit, die Liebe zu Stille und Dunkelheit zu entdecken. Eine Liebe, die Wurzeln schlagen wird in uns und uns stark machen wird.


Ich möchte Euch mit der amerikanischen Sängerin und Fotografin Alexandra de Steiguer bekannt machen. Seit zwanzig Jahren lebt sie allein von November bis April als Winterwächterin auf Star Island, einer nur im Sommer von Touristen besuchten Insel vor New Hampshire. Der 14minütige Dokumentarfilm über ihr Leben dort feiert die Stille, die Dunkelheit und das Alleinsein.

Die schönen Fotografien von Alexandra findet Ihr hier (klick). Ihre Musik, die ich sehr mag, hier (klick). 

 

Dienstag, 12. November 2019

Absichtslosigkeit



Ich ging auf meiner Straße so für mich hin. Ich bin nicht Goethe im Wald, meine Straße ist eine ganz gewöhnliche Vorortstraße, die Häuser sind aus den Siebzigern, nun ja, dort suche ich nichts, weil ich nicht erwarte, irgendwas zu finden. Und dann ein kleiner Wind, ein Huschen, ein grünes Getrudel ...

Warum ich das Zen so liebe? Weil es seine Schüler anweist, absichtslos zu sein. Nichts zu suchen, nichts zu erwarten, eine große innere Weite herzustellen, einen vorsprachlichen Raum der reinen Wahrnehmung, einen Raum, in dem nur gespürt, gehört, gesehen wird. Ein Raum, in den alles hineintrudeln darf, was ein kleiner Wind gerade so mit sich trägt. Und es wird gesehen. Bestaunt. Gewürdigt. Gefeiert.

Was Grünes an einem grauen Tag auf dem grauen Asphalt.

Dies also ist mein Bild des Tages mit dem Titel "Warum ich das Zen liebe".


Dienstag, 5. November 2019

Hörst du ihn?


Tag und Nacht

Musik. Ein feiner, heller

Rohrflötenklang. Wenn er verklingt,

verklingen wir.

Rumi

 

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Attimi. Momente.


 Non si ridordano i giorni,
si ricordano gli attimi.

Cesare Pavese

Man erinnert sich nicht an die Tage,
man erinnert sich an die Momente.



Wenn ich mich wieder einmal von meinen Pflichten überwältigt fühle und der alte Wunsch aus Kindertagen zwingend wird, auf und davon zu gehen, in die aufgehende Sonne hinein zu fahren und frei zu sein, ungebunden, ohne jemanden im Hintergrund, der etwas von mir verlangt und erwartet - dann besinne ich mich auf den einzigen Ort, den es gibt, für den ich nicht reisen muss, der mich immer erwartet, weil er immer schon da ist: das Hier.



Ich besinne mich auf die einzige Zeit, die es gibt: das Jetzt, das auch dort, wo die Sonne aufgeht, wo meine Sehnsucht mich hinführen möchte, immer nur das Jetzt wäre. 



Ich besinne mich auf die eine Fähigkeit, die mich in das Hier und Jetzt zurückführt und mir immer und überall zur Verfügung steht: Mein Sehen, mein Hören, mein Fühlen, mein Schmecken. Meine Wahrnehmung dieses Augenblicks und seiner Einzigartigkeit. Und ich bin da, in diesem genau richtigen Moment, um wahrzunehmen, was im nächsten Moment verschwunden sein wird. Bewegung, Zuneigung, Geheimnis, Licht.

Ich bin in die Welt zurückgekehrt.


Mittwoch, 23. Oktober 2019

Ein Morgen im Supermarkt



"Am Zeitungsstand im Supermarkt stehen die Leser bei ihrer kostenlosen Morgenlektüre. Auch der kleine dunkelhäutige Junge ist da, dem ich seit Kurzem öfter begegne; er blättert in einem Comicheft. Die Frau, die zu ihm gehört, liest eine der bunten Illustrierten. Sie ist etwa Ende sechzig und trägt an diesem Morgen Schnürschuhe mit Profilsohlen, eine dicke braune Hose, darüber ein dickes graues Kleid und einen schwarzbraunen Mantel. Der Junge ist ein Sonnenschein, der durch das Viertel läuft und den Menschen zulächelt, als habe er nicht einmal die Hälfte der deutschen Mentalität geerbt. Ich lungere in der Kosmetikabteilung herum, um mich von dem Kind noch ein wenig bescheinen zu lassen.

Jetzt sieht der Kleine, der auf dem Boden kniet, hinauf zu der Frau. Von seinem Blickwinkel aus sieht er zweifellos kein Gesicht, sondern eine Illustrierte mit Beinen. Das scheint ihm nicht zu genügen, schmeichelnd fragt er: "Oma?" Die Frau überfliegt mit gierigen Augen die Affären der Prominenz; mehr als zehn Minuten kann sie das anständigerweise nicht tun, sonst muss sie die Zeitschrift kaufen. "Oma", sagt der Junge, "ich möchte dir was sagen." Die Frau blättert. "Oma", sagt das Kind, "ich hab dich lieb."

Die Frau gibt einen routiniert klingenden Laut von sich, ein seit Jahrhunderten bewährtes Hmm, das aufdringliche Kinder abwimmelt, ohne dass man sich ihnen widmen müsste. Etwas aber muss durch das Papier gesickert sein, eine Energie, die sich zwischen Scheidungsgerüchten, Seitensprüngen und Todesfällen hindurchschlängelt und bemerkt werden will. Verwirrt hält sie im Lesen inne und schaut sich um auf der Suche nach dem, was da in ihr Leben gekommen ist. Unter ihr wendet das Kind sich befriedigt wieder dem Comic zu. Es hat gesagt, was es zu sagen hatte. Die Frau sieht ratlos die Illustrierte an, als könne sie des Rätsels Lösung in den Seiten finden. Dann schlägt sie enttäuscht die Zeitschrift zu und stellt sie ins Regal.

Die Welt ist voll von nicht empfangenen Liebeserklärungen."

Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille, Herder Verlag

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Mono no aware: die Schönheit des Vergänglichen


Japan im April: Unter den Kirschbäumen in allen Parks, an allen Flussufern sitzen Japaner auf ausgebreiteten Decken, umgeben von Schüsselchen mit Speisen, und feiern die Kirschblüten. Es regnet? Kein Problem, man spannt den durchsichtigen Plastikschirm auf, der die Blüten dem Blick nicht entzieht. Die Kirschblüte ist so kurz; sie ist vergänglich, und alles Vergängliche ist kostbar. Es will wahrgenommen, angestaunt, gefeiert und im Herzen bewahrt werden, wenn  man von ihm Abschied nehmen muss.

Mono no aware ist ein Begriff aus der Literatur der Heian-Zeit und wurde im 18. Jahrhundert vom Gelehrten Motoori Norinaga als Teil seiner Lehre bekannt. Der Begriff ist vielschichtig und für westliche Menschen nicht leicht zu verstehen. Kurz gesagt bedeutet er das Bewusstsein der Vergänglichkeit alles Lebendigen und die Fähigkeit, seine Schönheit zu feiern, bevor sie stirbt.

Wir haben im westlichen Empfinden und deshalb in unserer Kultur nichts Vergleichbares. Unsere Melancholie ist eindimensional: sie ist dunkel, das Gemüt beschwerend, ist Traurigkeit und Trauern ohne das Leuchten, das in mono no aware aufscheint. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit ist in beiden Zuständen enthalten, aber in mono no aware schwingt immer die Freude mit, das so bald schon Sterbende auf dem Höhepunkt seiner Lebendigkeit sehen und wertschätzen zu dürfen.

Für Japaner ist Schönheit und die Freude an ihr untrennbar an die Vergänglichkeit gebunden. Gerade weil etwas nicht unsterblich ist, wird es für den Japaner kostbar. Noch trägt der Baum sein volles Laub, noch überzieht der Winter nicht das Land mit Kälte. Noch ist die Mutter nicht gestorben, noch habe ich, obwohl schon alt, die Kraft, einen Berg zu besteigen.

mono no aware ruft uns zu: Sei aufmerksam, verpasse das Leben nicht - die Bäume in voller Blüte, die verspielte Kindheit deiner bald schon erwachsenen Kinder, die kostbaren letzten Gespräche mit dem alten Vater. Und vergiss nicht: die Flüchtigkeit alles Seienden ist kein Grund für dunkle Schwere des Gemüts. mono no aware trägt bei aller Wehmut eine leise Freude in sich, in mono no aware leuchtet ein kleines Licht.

Und leuchtet weiter, wenn all das, was du gefeiert hast, vergangen ist.


Freitag, 11. Oktober 2019

Grals-Suche



... auf der Suche nach der eigenen Erfahrung ...

"Das, glaube ich, ist die große westliche Wahrheit: dass jeder von uns ein gänzlich einmaliges Geschöpf ist und dass, wenn wir der Welt je ein Geschenk zu machen hätten, es aus unserer eigenen Erfahrung kommen muss und aus der Verwirklichung unserer eigenen Möglichkeiten, nicht der irgendeines anderen. Im traditionellen Orient dagegen und allgemein in allen traditionsgegründeten Gesellschaften kommt der Einzelne in eine Backform. Seine Pflichten werden ihm exakt und haarklein auferlegt, und es gibt keine Möglichkeit, aus ihnen auszubrechen. Wenn Sie zu einem Guru gehen, um auf dem geistigen Weg Führung zu erhalten, weiß er, wo genau Sie sich auf dem traditionellen Pfad befinden, wo genau Sie als nächstes hingehen müssen, was genau Sie tun müssen, um dorthin zu gelangen. Er gibt Ihnen sein Bild zum Umhängen, damit Sie so sein können wie er. Das wäre keine rechte westliche Art, jemanden pädagogisch anzuleiten. Wir müssen unsere Schüler dazu anleiten, ihre eigenen Bilder von sich zu entwickeln. Was ein jeder in seinem Leben suchen muss, das gab es nie, nicht an Land und nicht auf See. Es muss etwas aus seinem ureigenen Erfahrungspotential sein, etwas, was niemals von irgendeinem anderen erlebt wurde oder erlebt werden könnte."

Joseph Campbell über die Bedeutung der Suche nach dem Heiligen Gral

(Anmerkung von mir: Vielleicht wird das Geschenk, das wir der Welt anbieten können, noch größer, wenn wir uns kein Bild von uns selbst machen?)

  

Freitag, 4. Oktober 2019

Hinter Gittern



Hinter Gittern. Dornspitzen oben, kein Abflug möglich.
Ohnehin schon erstarrt, zu anderer Materie verfestigt,
ein Abbild von Lebendigkeit.
Der Himmel als Spiegelbild, unerreichbar.

Ein Zufallsfund in einem Dorf, irgendwo.
Mein Auge nahm Farben und Formen wahr,
Schattenspiele. Ein sonniger Tag.

Später, die Teetasse auf dem Schreibtisch,
das Bild auf siebzehn Zoll vergrößert,
entdeckte ich die Frage, die ich übersehen hatte:

Hockt hier mein Geist, gefangen in
Irrtum, Meinung, Urteil,
in allem, was er zu wissen glaubt,
verstanden zu haben meint?


Freitag, 27. September 2019

Naomi Shihab Nye: Kindness. Güte.


Güte 

Naomi Shihab Nye


Bevor du weißt, was Güte wirklich ist,
musst du Dinge verlieren,
musst spüren, wie die Zukunft sich auflöst
in einem Moment,
wie Salz in einer schwachen Brühe.
Was du in deiner Hand gehalten,
gezählt und sorgsam bewahrt hast,
muss gehen, sodass du weißt,
wie verdorrt die Landschaft sein kann
zwischen den Regionen der Güte.
Wie du fährst und fährst und meinst,
der Bus wird nie anhalten,
die Passagiere essen Mais und Huhn
und werden für immer aus dem Fenster starren.

Bevor du den sanften Ernst der Güte erlernst,
musst du reisen, wo der Indianer im weißen Poncho
tot am Straßenrand liegt.
Du musst erkennen, dass dies du sein könntest,
dass auch er jemand war,
der durch die Nacht reiste mit Plänen
und nichts als seinem Atem, der ihn am Leben hielt.

Bevor du Güte erkennst als den tiefsten inneren Grund,
musst du den Kummer erkennen als den anderen tiefsten Grund.
Du musst aufwachen mit Kummer.
Du musst zu ihm sprechen, bis deine Stimme
den Faden allen Kummers erfasst
und du siehst, wie groß der Stoff ist.
Dann macht nur noch Güte Sinn,
nur noch Güte schnürt deine Schuhe
und schickt dich hinaus in den Tag, um Brot anzustaunen,
nur Güte, die ihren Kopf aus der Menge der Welt hebt 
und sagt, ich bin es, die du gesucht hast,
und dann mit dir überallhin geht,
wie ein Schatten oder ein Freund.


Übersetzung aus dem Amerikanischen: Margrit Irgang


Samstag, 21. September 2019

Seminar im Kloster St. Trudpert


An diesem schönen Ort findet demnächst wieder ein Seminar mit mir statt:

5. - 8. November 2019
Kloster St. Trudpert, Münstertal bei Freiburg

Die Kostbarkeit des Augenblicks

mit Margrit Irgang 


In der Bibel heißt es, alles habe seine Zeit: „Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen". Der unablässige Wechsel ist das Wesen des Lebens, in der Natur wie im Menschen. Schöne und schreckliche Erlebnisse, Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Menschen und Tiere verlassen uns oder sterben. Wenn wir uns mit der Vergänglichkeit auseinandersetzen, wird die Gegenwart auf einmal kostbar. Jede Begegnung, jedes Gespräch, dieser Morgen, dieser Tag: Alles ist wichtig und feiert das Leben. Wir wollen in den Tagen des Seminars jeden Augenblick bewusst leben und in seiner Fülle würdigen.

Das Seminar wird angeboten vom Herder Verlag.  Hier (klick) kann man das Programm von Herder-Reisen mit der ausführlichen Seminar-Beschreibung herunterladen. Auf Wunsch schicke ich auch gern das pdf für mein Seminar. Formlose Anmeldungen sind möglich per Mail bei Meike Röder roeder@herder.de

Sehen wir uns? Ich würde mich freuen.