Freitag, 17. Februar 2017

Seminar in Freiburg


Sie wollen sich am nächsten Wochenende nicht in den Faschingstrubel begeben? Statt sich zu verkleiden, wollen Sie lieber zu sich selbst kommen, in der äußeren Stille aufatmen, die innere Stille entdecken und herausfinden, wie Sie Ihr Leben in Frieden und Freiheit leben können?

Da hätte ich einen Vorschlag:

Frei sein mit jedem Schritt
Meditations-Seminar mit Margrit Irgang
 
24. - 26. Februar 2017
Waldhof Freiburg
 

Mittwoch, 15. Februar 2017

Frau Irgang bäckt die wirklich knusprige (und dazu noch glutenfreie) Pizza


Warum stelle ich hier hin und wieder so etwas Banales wie Kochrezepte vor, obwohl es doch auf diesem Blog um ernstzunehmende Spiritualität geht? Als Erklärung verweise ich 1. auf meinen Post vom 20. Januar ("Form ist Leerheit. Leerheit ist Form"), 2. auf das Motto dieses Blogs "die poesie des augenblicks" und 3. auf Seite 117 in meinem Buch "Wunderbare Unvollkommenheit"; der Text trägt den Titel "Vom Kochen der Suppe", und er gehört zu dem Kapitel "Tief in der Arbeit".

Alles klar? Dann holen wir jetzt mal ein Backblech, eine Waage und eine Schüssel und fangen an.

Der Boden:

80 g glutenfreie Mehlmischung (ich nehme die von Bauck aus dem Bioladen)
45 g Buchweizenmehl
1/2 TL Psyllium husk (gemahlener Flohsamen)
12 g frische Hefe
100 ml lauwarmes Wasser
1/4 TL Salz
1 EL Olivenöl

Die Hefe im lauwarmen Wasser auflösen; alle Zutaten einschließlich des Hefewassers rasch verrühren. Ein Backblech mit Backpapier auslegen, den Teig auf dem Papier unter einer Lage Frischhaltefolie sehr dünn ausrollen und zugedeckt an warmem Ort 30 Minuten gehen lassen. Backofen auf 220 Grad vorheizen. In der Zwischenzeit den Belag vorbereiten. Bei mir heute:

Der Belag:

Eine Handvoll Champignons sehr dünn blättern, mit einem Spritzer Olivenöl, einer zerdrückten Knoblauchzehe und etwas getrocknetem Basilikum kurz in der Pfanne anrösten. Mit Salz und Pfeffer würzen, beiseite stellen.

1/2 Glas Bio-Tomatensauce, 1 EL Ricotta und 1 TL Red Pesto verrühren, kräftig würzen mit Chili, Cayenne-Pfeffer und Salz. Die Mischung auf den Boden streichen, die Champignons verteilen, eine Handvoll geriebenen Käse und eine zerzupfte Kugel Mozzarella darüberstreuen.

Pizza ca. 15 Minuten bei Ober- und Unterhitze backen. Dann das Blech auf den Ofenboden stellen und noch weitere 2-5 Minuten backen (je nach Herd). Aufpassen, dass der Pizzaboden nicht verbrennt.

Die Pizza ist wirklich knusprig und schmeckt besser als die bei meinem Italiener an der Ecke! Guten Appetit!

Sonntag, 12. Februar 2017

Ken Wilber: Religion - oder eine Spiritualität, die transformiert?

Fotos: Margrit Irgang, Proesi via Wikipedia, Fangkong via Wikipedia

Als ich vor über dreißig Jahren meine Zen-Praxis aufnahm, hatte ich große Probleme mit meinem christlichen Umfeld. Man war der Meinung, ich sei auf einem gefährlichen Weg, "das Östliche" sei "für uns westliche Menschen" ein Rückschritt. Das Christentum, so die allgemeine Ansicht, sei "weiter" als der Buddhismus, und ein anthroposophischer Freund versuchte geradezu fanatisch, mich davon zu überzeugen, dass "Jesus die Reinkarnation von Buddha" sei. Das Vergleichen zweier Religionen war an sich schon absurd, aber das Wichtigste entging meinen Bekannten, weil ich es einfach nicht vermitteln konnte: Ich bewegte mich gar nicht im religiösen Kontext.

Ich hatte schon als Kind das, was ich heute (ungern, ich mag den Ausdruck nicht, finde aber keinen passenderen) "spirituelle Erfahrungen" nennen würde. Es gab niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte; erst, als mir im Alter von 18 Jahren ein Zen-Buch in die Hände fiel, erkannte ich darin Teile meiner Erfahrungen wieder. Das Zen-Training, das ich später aufnahm, war wie Heimkommen für mich: Ich verstand auf einmal, was ich erlebt hatte und wie ich es in einen großen Kontext einordnen konnte. Und ich lernte weiter (und lerne immer noch, es gibt kein Ende). Ich hatte eine spirituelle Praxis aufgenommen, die alle Annahmen über das Wesen des Seins und alle Illusionen über mein "Ich" zu transformieren versprach.

Kürzlich fiel mir zu diesem Thema beim Aufräumen ein langer Artikel von Ken Wilber in die Hände, den ich vor -zig Jahren ausgedruckt habe. Er ist irgendwann in der Zeitschrift "What is Enlightenment?" erschienen. Ich möchte ihn hier in Auszügen zusammenfassen, denn er befasst sich genau mit diesem Thema: Was ist Religion - und was ist eine Spiritualität, die transformiert?

Für Wilber hat Religion zwei Funktionen. In ihrer ersten bietet sie Mythen, Legenden und Rituale an. "Diese Funktion der Religion ändert normalerweise nicht den Grad des Bewusstseins eines Menschen. Sie führt zu keiner radikalen Transformation. Und sie sorgt auch nicht für eine umfassende Befreiung vom getrennten Selbst. Vielmehr tröstet sie das Selbst, baut es auf, verteidigt es, fördert es." Die zweiten Funktion der Religion sieht Wilber "normalerweise für eine sehr, sehr kleine Minderheit" in einer radikalen Transformation und Befreiung. "Diese Funktion der Religion stärkt nicht das getrennte Selbst, sondern zerschmettert es und bedeutet nicht Trost, sondern Zerstörung, nicht Einigelung, sondern Leere, nicht Wohlbehagen, sondern Revolution."

Die erste Funktion nennt Wilber "Übersetzung", also eine Auslegung von Welt-Erfahrung, die dem  Leben Sinn verleiht. Die zweite Funktion nennt er "Transformation". Die erste Funktion wird von der institutionellen Religion ausgeübt, die zweite fällt in den Bereich, in dem die Mystiker zu Hause sind. Und diese hatten - und haben eigentlich immer noch - Probleme mit der Kirche. Wer wie Meister Eckhart klar erkannt hat, "Gott ist nicht verschieden von mir", braucht keine Institution mehr, die ihm eine "Übersetzung" liefert. Er hat selbst erfahren, gesehen, erkannt. Denn, wie es Wilber ausdrückt: "Eine authentische Transformation ist keine Frage des Glaubens, sondern des Todes des Glaubenden, keine Frage der Übersetzung der Welt, sondern der Transformation der Welt. Nicht darum, wie man Trost findet, geht es, sondern wie man die Unendlichkeit jenseits des Todes findet."

Das klingt alles sehr radikal, nicht wahr? Erschreckend vielleicht? Als Frau möchte ich das deshalb etwas sanfter formulieren. Ich habe bei etlichen Menschen erlebt, dass die neue Sicht manchmal ganz leise daherkommt, auf Katzenpfoten. Als Erstaunen, als Staunen. Als Glück sogar: Sieh an, dieses vom Ganzen abgetrennte "Ich" gibt es gar nicht. Das ist "der Tod des Glaubenden", und davor haben die meisten Menschen Angst. Ich habe bemerkt, dass selbst in spirituellen Schulen, die transformative Praktiken anbieten - Zen, Vipassana, Sufismus - die wenigsten Menschen "die Unendlichkeit jenseites des Todes" finden wollen.

Fotos: Schorle via Wikipedia, zenways.org, Margrit Irgang

Natürlich spielt die Religion im Zusammenleben der Menschen eine wichtige Rolle. Wo wären wir ohne den gesellschaftlichen Hintergrund der Zehn Gebote im Christentum und der Gelöbnisse im Buddhismus, die eine zumindest grundlegende Ethik bereitstellen, die unsere Welt rudimentär zusammenhält? Wo wären wir ohne das Engagement von religiösen Menschen, die schlecht bezahlt oder unbezahlt Gemeindearbeit und karitative Hilfe leisten? Religion begleitet Geburt und Tod mit Ritualen und bietet eine Deutung an. Wilber sieht den Wert der Religion vor allem für den für die Erfahrung der Transzendenz unvorbereiteten Geist. "Diejenigen, die nicht angemessen übersetzen können, enden schnell in Neurosen oder sogar Psychosen. Das ist kein Durchbruch, sondern Zusammenbruch, nicht Transzendenz, sondern Desaster. Doch ab einem bestimmten Punkt innerhalb unseres Reifungsprozesses hört die Übersetzung einfach auf, uns zu trösten. Kein neuer Glaube für das Selbst, sondern die Transzendenz des Selbst insgesamt ist der Weg."

Was also tun wir, wenn uns Trost nicht mehr interessiert, wir keine weiteren Geschichten und Legenden hören wollen, aber sehen und erfahren wollen, anstatt zu glauben? Wir nehmen eine spirituelle Praxis auf, die uns transformiert. "Sie selbst, in der Unmittelbarkeit Ihres gegenwärtigen Bewusstseins, sind tatsächlich die ganze Welt, mit all ihrem Frost und ihrem Fieber, mit all ihrem Glanz und ihrer Würde, mit all ihren Erfolgen und ihrer Trauer. Sie sehen nicht bloß die Sonne, Sie sind die Sonne; Sie hören nicht den Regen, Sie sind der Regen. Sie fühlen nicht die Erde, Sie sind die Erde. Und so hat die Übersetzung in allen Bereichen ein Ende gefunden, und Sie wurden in das Herz des Kosmos transformiert - und dort, genau dort, wird alles ganz einfach, ganz still aufgelöst. Unter diesem offensichtlichen Schock der Erkenntnis - wo Ihr Selbst Ihr Meister und dieses Selbst der Kosmos und der Kosmos Ihre Seele ist - werden Sie in sanfter Weise durch die Nebel der Welt schreiten und diese vollständig transformieren, ohne etwas zu tun."

(Zitate aus: Ken Wilber "Eine Spiritualität, die transformiert". What is Enlightenment, Jahr unbekannt)

Montag, 6. Februar 2017

Schubert "Nacht und Träume"


Nun muss ich mich nach einem Jahr Proben von Schubert verabschieden. Mein Chor sang in zwei schönen intensiven Konzerten am Wochenende die Chorfassung von Schuberts "Winterreise" und Schuberts Messe in G-Dur. Eine neue Probenphase beginnt, mit anderer Literatur.

Und so schenke ich mir zum Abschied von Schubert diese zauberhafte Aufnahme seines Liedes "Nacht und Träume", das in unserem Konzert von der Sopranistin Jutta Plomer gesungen wurde.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern, dass sie in dieser politisch so heftigen Zeit, in der das Grobe und Gewöhnliche immer mehr Raum einnimmt, das Träumen nicht vergessen.

Sonntag, 29. Januar 2017

Hochsensibilität: Über das Leben mit "schwierigen" Menschen. High sensitivity: On living with "difficult" people.

Gampo Abbey entrance hall, Pema's monastery

I was asked to post a bit more for highly sensitive persons (see "Hochsensibilität" on the right side bar). Well, everything I post is for and about highly sensitive persons in a sense, being one myself. Okay, something special today. What about all those people in our lives who are not highly sensitive and do not even notice that they totally drain our energy with their behaviour? They are who they are. We are who we are. I found this excerpt from an interview with the Buddhist monk Pema Chodron, it is worth contemplating. Zen practice helped me in a high degree to keep my energy when other people shout at me, accuse me, show any kind of aggressiveness; for us this feels as if they would stick knives into our bodies because we do not have any borders between ourselves and others. But that's important: Do not forget to care for yourself - do not hesitate to tell someone to leave you alone when you feel he or she is more than you can bear at the moment. Pema mentions Leonard Cohen, who always appeared to me to be a highly sensitive person.

"You know who said it best? Leonard Cohen. He meditated all those years at Mt. Baldy Zen Center, often for twelve hours at a time. In an interview, he said he got so bored with his dramatic storyline. And then he made the comment, "The less there was of me, the happier I got." That's the answer to enjoy your life. It's to show up and have a sense of curiosity about whatever might appear that day, including it all in your sense of appreciation of this precious human birth, which is so short. I don't want to call it delight, although it can feeel like that. It's more curiosity. Some people say, I know what's going to show up today - the same old thing. But it's never really the same old thing.

The less there is of you, the more your're interested in and curious about other people. Who you live with and who you rub up against and who you share this world with is a very important part of enjoying your life. Sarte said, "Hell is other people", but this is the other view of that. When people irritate you, when they get your goat, when they slander you, whatever it might be, you still have a relationship with them. It's interesting that of all the billions of people on the earth, they're the particular ones who came into your world. There's respect for whatever happens, and this is only really possible if your're not rejecting whole parts of your experience." Pema Chodron

"Weißt du, wer das am besten ausgedrückt hat? Leonard Cohen. Er hat all die Jahre im Mt. Baldy Zen Center meditiert, oft zwölf Stunden lang. In einem Interview sagte er, seine dramatische Geschichte habe begonnen, ihn so zu langweilen. Und dann sagte er: "Je weniger von mir da war, umso glücklicher wurde ich". Das ist die Antwort auf die Frage, wie wir Freude am Leben haben. Es bedeutet, wach zu sein und ein Gefühl der Neugier zu haben für alles, was an diesem Tag auftauchen wird, und alles einzuschließen in dein Gefühl der Wertschätzung für diese kostbare menschliche Geburt, die so kurz ist. Ich möchte es nicht Vergnügen nennen, obwohl es sich so anfühlen kann. Es ist eher Neugier. Manche Menschen sagen, ich weiß schon, was heute passieren wird - immer dasselbe alte Zeug. Aber es ist nie wirklich dasselbe alte Zeug.

Je weniger von dir da ist, umso neugieriger und interessierter bist du an anderen Menschen. Es ist wichtig für deine Freude am Leben, mit wem du lebst und an wem du dich reibst und mit wem du diese Welt teilst. Sarte sagte: "Hölle, das sind die anderen". Aber das ist die andere Sichtweise. Wenn Menschen dich irritieren, wenn sie deine Knöpfchen drücken, wenn sie dich verleumden, was auch immer, so hast du doch immer noch eine Beziehung zu ihnen. Es ist interessant, dass unter all den Billionen Menschen auf der Erde gerade sie diejenigen sind, die in deine Welt getreten sind. Da ist Respekt für alles, was geschieht, und das ist nur möglich, wenn du nicht ganze Teile deiner Erfahrung ablehnst." Pema Chödrön

Found in the Buddhist magazine Lion's Roar.

Freitag, 20. Januar 2017

Form ist Leerheit. Leerheit ist Form.

Durch Tonkneten macht man Gefäße,
auf dem Nichts darin beruht des Gefäßes Brauchbarkeit.
Durch Aushöhlen von Türen und Fenstern macht man Häuser,
auf ihrem Nichts beruht der Häuser Brauchbarkeit.
Darum:
Das Seiende ist zwar nützlich,
das Nichts ist das Wirksame.
Lao-tse

Ich bin vorgestern zum dritten Mal innerhalb von drei Monaten dasselbe gefragt worden: Wie ich eigentlich das Schreiben mit meiner spirituellen Praxis vereinbaren könne - Sprache würde doch per se eine Dualität herstellen und könne die Einheit des Ganzen niemals abbilden. Das erinnert mich an eine Zen-Lehrerin, die mir am Anfang meiner Zen-Praxis kühl sagte: Wenn du die Wahrheit der Ganzheit erkannt hast, schreibst du nicht mehr. Ich war damals sehr betroffen und hatte keine Antwort darauf. Aber heute habe ich eine: Diese Sätze unterstellen, "Sprache" und "Ganzheit" seien zwei verschiedene Dinge. Aber Ganzheit ist eben Ganzheit - alles drin!

Im Prajnaparamita Hridaya Sutra, bei uns bekannt als Herz-Sutra, heißt es:

Form ist Leerheit, Leerheit ist Form,
Form ist nichts anderes als Leerheit,
Leerheit ist nichts anderes als Form.

Was meint der Buddhismus mit "Leerheit", diesem so missverständlichen Begriff? Ganz einfach die Fülle der Ganzheit. "Leer" bezieht sich hier auf "leer von einem eigenständigen Selbst", denn im Urgrund ist alles miteinander verbunden und ineinander verwoben, ununterscheidbar. Man kann es auch Brahman nennen, Universum, das Absolute, den Urgrund, die Wahrheit, und christliche Zen-Lehrer nennen es Gott. Mein Lieblingsbegriff dafür ist Stille. Aus dieser Leerheit aber entstehen unablässig Formen, aus dem Ununterscheidbaren entsteht das Unterscheidbare. Alles, was wir sehen, hören, empfinden, alle Dinge und Wesen entstehen aus dem Urgrund des Seins - den Moment des Entstehens nennen wir Geburt. Und irgendwann werden sie wieder in diesen Urgrund zurücksinken - das nennen wir dann Tod. 

Das Herz-Sutra nun fährt damit fort, zu erläutern, was es in der Leerheit nicht gibt - und was folglich der Praktizierende, obwohl Form, in Anbetracht der Leerheit eben nicht ist: Er ist nicht sein Auge, sein Ohr, seine Zunge, er ist nicht sein Körper, nicht sein Geist, er ist nicht seine Gedanken, seine Gefühle, seine Wahrnehmungen. Er ist der Urgrund, das Göttliche, die Leerheit. Als Praxis hat das durchaus seine Berechtigung: Fast alle Menschen (ich auch, wenn ich nicht achtsam bin) verlieren sich in der Faszination der Formen. Dann wird das Gefühl, die Wahrnehmung, der Gedanke, das Geld, der Erfolg, die romantische Liebe, der Roman, das Gemälde, die Komposition als etwas Eigenständiges betrachtet, das man unbedingt behalten, erreichen, haben und festhalten oder, wenn es sich unangenehm anfühlt, loswerden will. Und wenn die Form, die wir gern behalten wollen, sich wieder auflöst, weil dies das Wesen aller Formen ist, leiden wir unter dem Verlust.

Man kann die Praxis aber auch umkehren und in den Abermillionen Formen, die die Welt uns schenkt, den Urgrund erkennnen.

Spüren Sie die Stille in den Augen Ihrer Katze? Sehen Sie das Göttliche in Ihrem Nachbarn, der seinen Müll immer in Ihre Tonne wirft? Erkennen Sie die Geburt von etwas Neuem, wenn etwas in Ihrem Leben stirbt?

Das Universum (die Leerheit, die Ganzheit, Brahman, Gott, die Stille) erschafft unablässig neue Formen. Es spielt! Es spielt mit Klang, Ton, Farbe, Duft, Struktur, Licht, Schatten! Und ich spiele ein wenig mit, solange ich noch nicht in den Urgrund zurückgeholt wurde. Ich spiele mit meinen Stoffen (sie kommen aus der Stille), ich spiele mit meiner Stimme (sie kommt aus der Stille), ich schreibe ein wenig (die Sprache kommt aus der Stille).

Es gibt keine Trennung zwischen Leerheit und Form. Nur ein Hin- und Herfließen, ein Aufleuchten und Verdunkeln, ein Zeigen und Verbergen. Die Form, die ich "Ich" nenne, ist nur ein Instrument, das von der Stille bespielt wird. Wie Rumi zu seinem Geliebten sagte, und der Geliebte ist nur ein weiterer Ausdruck für die Stille: "Ich bin die Flöte. Du aber bist die Musik."

Es gibt keine Trennung.

So einfach ist das.


Sonntag, 15. Januar 2017

Andy Goldsworthy

 

Für alle, die sein Werk noch nicht kennen:
3 Minuten 39 Sekunden Andy Goldsworthy.

Kunst zum Glücklichwerden.


Mittwoch, 11. Januar 2017

Die Wüstenerschaffer und die Dichter


Manchmal, plötzlich, trampeln Menschen in meinen Lebensraum, deren Seele sich offenbar gegen jeden Anflug von Poesie mit einer stählernen Rüstung gewappnet hat. Die Sprache dieser Menschen ist die der Beurteilung, der Behörden und der sogenannten "Vernunft", und ich, die diese Sprache nicht beherrscht und ihr wehrlos ausgesetzt ist, vertrockne in Windeseile. Solche Menschen sind Wüstenerschaffer. Um aus dieser Wüste so schnell wie möglich wieder herauszukommen ins Blühende, Fließende, Klingende, muss ich Gedichte lesen. Oder aber dieses Buch von Gaston Bachelard, der zwar ein Philosoph war, aber eine Dichterseele hatte.

Bachelard spricht über Räume, und er tut es wie ein Dichter. Er weiß, dass es sich bei der Sprache der Dichter nicht um Metaphern handelt, sondern um gelebte, erlebte Wirklichkeit. Ja, Gedichte entstehen aus dem gelebten Leben der Dichter! Er zitiert Sätze, die ich beglückt unterstreiche, von Dichtern, die ich zum Teil gar nicht kenne. Und denkt also nach über das Haus ("Eine Nacht, zehn Dörfer, ein Berg, / ein schwarzer Leviathan, goldgenagelt". G.-E. Clancier), den Schrank ("Der Schrank ist voll Wäsche / Sogar Mondstrahlen sind drin die ich entfalten kann". André Breton), das Nest, die Muschel, den Winkel ("Schließet den Raum! Schließet die Tasche / des Känguruhs! Dort ist es warm". Maurice Blanchard), die innere Unermesslichkeit, den Wald als Seelenzustand (Wir sind "zarte Bewohner der Wälder unseres eigenen Wesens". Jules Supervielle).

Und was sagt Bachelard selbst? "Allzu klare Bilder werden zu allgemeinen Ideen. Dann blockieren sie die Phantasie. Gesehen, verstanden, gesagt: alles erledigt. Man muss dann einem besonderen Bild begegnen, um dem allgemeinen Bild wieder Leben zu geben."

Und dies, das Wichtigste: "Die Dichter verhelfen uns dazu, eine so expansive Freude am Schauen in uns zu entdecken, dass wir mitunter vor irgendeinem nahen Gegenstand die Erweiterung unseres inneren Raumes erleben." 

Wenn Ihr aus irgendeinem Grund in eine innere Wüste geraten seid - lest Bachelard!

Samstag, 7. Januar 2017

Über setzen


Es ist zur Zeit etwas still im Blog. Ich bin unterwegs, in einem anderen Geist. Das stimmt so eigentlich nicht, denn der "andere" Geist ist auch mein Geist. In dem großen weiten Raum des Geistes, den wir alle teilen, setze ich seit Monaten über, vom Ufer der einen Sprache zum Ufer der anderen. Von der Vatersprache in die Muttersprache und in meinen Träumen dann oft wieder zurück, denn ich träume zweisprachig. Eigentlich sind beide Sprachen gleichzeitig da, fließen ineinander, haben inzwischen miteinander ein Gespräch begonnen, und ich höre einfach zu. Und schreibe auf.

Das Buch, das ich übersetze, ist sehr gut, sonst würde ich mich damit nicht abgeben. Es wird im Sommer erscheinen, und zu gegebener Zeit wird es natürlich hier vorgestellt. Ihr dürft Euch schon mal darauf freuen.

I will keep you posted.

Sonntag, 1. Januar 2017

Willkommen, Jahr!


Nach zwei Wochen Kältestarre (in der Stadt schien die Sonne, mein Dorf versank im gefrierenden Nebel) schüttelt das NEUE Jahr heute im leuchtenden Sonnenschein die Erstarrung des ALTEN ab, und es ist ein Geriesel, Geraschel, Geflüstere, Geschneie von den Bäumen auf mich, unterwegs zum ersten Spaziergang in diesem Jahr.

So soll es sein. Und bitte bleiben. Weil es keine Trennung gibt zwischen außen und innen. Aber das haben natürlich alle, die meinen Blog lesen, schon längst selbst erfahren.