Samstag, 25. September 2021

Grenzen setzen

Von den Disteln lernen ...
 
 
"Zahllose Praktizierende werden auch heute noch mit der Erfahrung beschenkt, dass alles mit allem verbunden ist und es die Grenzen, die unsere Augen sehen, nicht gibt. Aber diese Erkenntnis ist nicht das letzte Ziel einer authentischen spirituellen Schulung. Die berühmten Ochsenbilder des Zen enden auch nicht auf einem Berggipfel, sondern mit der Rückkehr auf den Marktplatz. Die Frage ist: Wie setzt der Schüler seine Erfahrung im ganz gewöhnlichen Alltag um. In dem es Grenzen aller Art gibt, die wichtig und sogar lebenswichtig sein können."

Dies ist ein Auszug aus meinem Beitrag "Gut für sich selbst sorgen" im Magazin Ursache\Wirkung Nr. 113. Der Text steht jetzt in voller Länge online hier (klick).


Mittwoch, 22. September 2021

Straßenpoesie

 

Die Welt erzählt Geschichten. An jeder Straßenecke, auf jedem Balkon, in jedem Fenster sitzt eine. Manche Geschichte ist nur eine Sekunde lang, andere Geschichten sind eher romanhaft angelegt. Sie alle wollen gefunden und erzählt werden. Denn, wie die Native Americans sagen: "Everything forgotten returns to the circling winds."


 

 

Meine Kamera ist ein Geschichtenfänger. So etwas wie der Traumfänger der indigenous people, nur in optischer Ausführung. Einmal in der Woche mache ich mich auf, Straßenpoesie einzufangen. Ich nenne es "Sehen gehen". 

 

 

 

Straßenpoesie ist nicht dazu da, erklärt zu werden. Sie ist eine Momentaufnahme, Rohmaterial für die Träumerei. Sie will weitergesponnen, weitererzählt werden. Nicht in dem Sinn, dass ich wissen muss, was hier vor sich geht. Ich will es nicht einmal wissen.

 


Straßenpoesie ist Metapher. Im Gegensatz zur sachbezogenen Rede, die (hoffentlich) das meint, was sie sagt, öffnet sich die Metapher dem großen Raum der Bedeutungszusammenhänge. Die Metapher ist mehrdeutig, sie spiegelt die Verbundenheit all dessen, was ist. Das Außen ist zugleich das Innen, das Hier ist auch das Dort. Die Metapher ist der sprachliche Ort, der vom Licht aus einer anderen Dimension beleuchtet wird.



Und dann so viele Anregungen, die man auf der Straße findet. Ob mein Friseur das nächste Woche auch so gut hinkriegt? Einen Teil der Bilder habe ich übrigens in Colmar gemacht, wo ich unterwegs war mit der sympathischen Fotografin Lian Siekman. Hier (klick) ist ihre Website mit schönen Fotos (ach, ich muss noch viel üben ...) und interessanten Angeboten.


Donnerstag, 16. September 2021

Fünf besondere Bücher

Raynor und Moth haben durch Gutgläubigkeit ihre Farm verloren, und Moth hat eine unheilbare Krankheit. Sie sind obdachlos, packen ihre Rucksäcke und wandern den 1000 km langen South West Path an der englischen West-Südküste. Zelten in der Wildnis, leben von Instant-Nudeln und Pommes, erfahren Hilfsbereitschaft und Aggression. Dieses Backpacker-Paar Anfang Fünfzig besitzt nichts mehr und hat keine Zukunft, die Knochen schmerzen, die Schlafsäcke sind zu dünn, Iboprofen wird in Mengen genommen, aber welch eine tiefe Liebe haben sie zum Wind, dem Meer, den Vögeln. Sie leben radikal im Augenblick, und am Ende werden sie stark sein, auch Moth. "Das Leben findet jetzt statt, in dieser Minute. Es ist alles, was wir haben. Es ist alles, was wir brauchen." Raynor Winn "Der Salzpfad", Dumont, als TB bei Goldmann 

 

Dr. Wolf-Dieter Storl, Kulturanthropologe und Ethnobotaniker, ist einer der seltenen Wissenschaftler, die nach tieferen Antworten für die Phänomene der Natur suchen. Er hat von den Medizinmännern der Indianer und den indischen Sadhus gelernt, fünf Jahre in einer anthroposophischen Gemeinschaft als Demeter-Gärtner gearbeitet, kennt sich mit Schamanenpflanzen und Heilkräutern ebenso aus wie mit heimischem Gemüse und erzählt in diesem Buch - seiner "Lebensernte" - fesselnd, klug und sehr persönlich von Pflanzen, Tieren, Märchen, Jahreszeiten und seinen Reisen. Und er berichtet über seine Wahrnehmungen "an der Schnittstelle zwischen unserer Seele und den nicht-materiellen inneren Dimensionen der Natur". Ich mag alle seine Bücher; wer Storl kennenlernen will, sollte mit diesem anfangen. Wolf-Dieter Storl "Einsichten und Weitblicke", mit Fotos seiner Tochter Lisa Storl, AT Verlag

  

Als Helen Macdonalds Vater gestorben ist, richtet sie sich einen Habicht ab, den sie Mabel nennt. Was als Trauerarbeit gedacht war, wird zur Besessenheit. Helen zieht sich zurück aus der Welt der Menschen; die symbiotische Beziehung zu Mabel droht, selbstzerstörerisch zu werden. Schließlich geht sie mit Mabel jagen und treibt dem Habicht Kaninchen und Fasane als Beute zu. Immer wieder fragte ich mich: Geht das, darf man so mit einem wilden Tier verschmelzen? Aber das Buch ist umwerfend in Sprache und Form - wild, betörend schön und traurig, klug und hellsichtig. "Der Sog des Habichts, meine uralte Sehnsucht, die Dinge aus der Perspektive des Greifvogels betrachten zu können. Ein sicheres und einzelgängerisches Leben zu führen." Helen Macdonald "H wie Habicht", als TB bei Ullstein

 

 

Erschienen bereits 1999, von mir leider erst jetzt entdeckt. Alexander wächst in der Nachkriegszeit in der spießigen Enge der holländischen Provinz auf in einer Lumpensammlerfamilie, in der er sich fremd und verlassen fühlt. Seltsamerweise wird er gezwungen, bei einem Fest Klavier zu spielen und wird dabei Zeuge eines Mordes. Bis in sein Erwachsenenleben verfolgt ihn das Trauma, der Mörder könnte ihn erkannt haben und töten wollen. Trost findet er in der Musik, er wird ein berühmter Pianist. Auf seiner Suche nach der Wahrheit dessen, was damals geschah, kommt er einem Geflecht aus Schuld und Verrat auf die Spur, das bis in die Kriesgzeit reicht. Was für ein großartiger Roman. Maarten 't Hart "Das Wüten der ganzen Welt", Piper Verlag

 

 

Alex ist Ex-Fußballprofi und Lehrer in Sinderby. Zusammen mit dem Schuldirektor, einem Exilungarn und Philosophen, will er mit dem örtlichen Fußballverein die englische Meisterschaft gewinnen. Er stellt ein schräges Team zusammen: Einen Torhüter, der gerne aufräumt, einen depressiven Stürmer und den Pfarrer, dessen Schwester eine Zeugin Jehovas ist. Sie haben nicht mehr als eine Wiese zur Verfügung, werden von gegnerischen Mannschaften verhöhnt, stolpern sich durch die Qualifikationsspiele und schaffen es tatsächlich bis ins Wembley-Stadion. Das ist kein Roman über Fußball, sondern eine hinreißende Geschichte über Außenseiter, die ihren Traum wahrmachen. Humorvoll, liebevoll und weise - denn sie wissen auch sehr gut, dass sich Träume nicht wiederholen lassen. J.L.Carr "Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten", Dumont Verlag
 


Freitag, 10. September 2021

Muße

 

Ich habe lange nichts mehr über die Muße geschrieben. Früher habe ich das oft getan, auch für den SWR ("Muße", SWR 2 Leben, 2011), aber die hatten leider nicht die Geduld (= verwandt mit der Muße, sich wechselseitig befruchtend, deshalb genauso selten wie die M.), die Sendung länger als unbedingt nötig online zu lassen, sodass sie nicht mehr zu hören ist.

Die Muße ist vor ein paar Monaten aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich bin mit endlos langen To-do-Listen durch die Gegend gelaufen, die so wichtige Dinge enthielten wie "Auto zum TÜV", "Keller aufräumen", "Kaffeemaschine reparieren lassen". Jetzt aber war ich mal wieder in einer Buchhandlung. Da standen lauter Bücher in den Regalen, die sich in irgendeiner Form mit dem Nichtstun befassen: "Nichts tun" von Jenny Odell zum Beispiel, ein, wie mir schien, ziemlich akademisches Buch (vielleicht irre ich mich da auch), oder "Niksen, das neue Lebensprinzip aus den Niederlanden" und ein Buch zum "effektiven Arbeiten durch Nichtstun". 

Ach herrje. Als Gegensatz zur Hektik und dem Getriebensein der Menschen im Alltag fällt den Autoren nur das Nichtstun ein. Eine sprachliche Verneinung für einen Zustand, den sie doch, nehme ich an, positiv besetzen wollen. Mir scheint, diese Autoren wollen ihren Lesern versichern, dass ihre Vorschläge so radikal nicht sind; man dürfe also ihre Bücher guten Gewissens kaufen, sie werden nicht gleich das ganze Leben umkrempeln. Höchstens ein wenig verschönern. Denn im Hintergrund lauert immer das protestantische Ethos des Schaffens und Tätigseins; auch das Nichtstun muss ja zu etwas führen, nämlich zum "effektiven Arbeiten".



Muße ist ganz bestimmt keine "neue Lebensform". Bereits in der Antike galt die Muße als höchste Lebensweise, denn sie führte zu Erkennen und Einsehen. Eine Lebensweise, die als gut und wahr angesehen wurde, als glückselig machend und vollkommen, weil sie ihren Zweck in sich selbst hatte. Muße ist der Zeit-Raum, in dem der Mensch seinen eigenen Bedürfnissen folgt und nicht einem äußeren Zwang. Die Forderung nach Nützlichkeit vernichtet jede Muße.

Goethe geht in einem seiner Gedichte im Walde so vor sich hin und bemerkt: "... nichts zu suchen, das war mein Sinn." So geht der Müßiggänger. Wer nichts sucht, gibt den Dingen der Welt Gelegenheit, ihn zu finden. Muße ist weder Faulheit noch Entspannung oder Erholung, sondern der weite Raum der geistigen und körperlichen Freiheit, in dem Dinge geschehen können, die wir uns nie hätten ausmalen können. Da fällt plötzlich ein Sonnenstrahl aus dem düsteren Himmel und lässt für einen Moment unsere Vorortstraße aufleuchten. Eine Taube spaziert zur Balkontür herein, ein unbekannter Radfahrer ruft uns im Vorbeigehen zu, dass er unser Sommerkleid hübsch findet. Und wir nehmen das alles beglückt wahr, weil wir im Zustand der Muße sind.

Muße zu haben heißt, in die Zeitlosigkeit eingetreten zu sein. Die Zeit des Müßiggängers ist der endlose Augenblick, der weder entsteht noch vergeht. Die Müßiggängerin will die Welt nicht besitzen oder benutzen, wartet nicht einmal auf "Inspiration" oder "Anregung", um das in ihrem Geist Angeregte möglichst schnell und gewinnbringend in Taten zu verwandeln. Muße ist Lassen und Zulassen, ist Geschehenlassen und lädt die Gelassenheit ins Leben ein. 

Bitte pflegt Zeiten der Muße und überhört gelassen die (neidischen!) Kommentare, die unsere Zeitgenossen euch aus dem Hamsterrad zurufen. Sie wissen es nicht besser. Sie verdienen unser Mitgefühl.


Sonntag, 5. September 2021

Nahes Spätsommerglück

 

Eigentlich sollte ich, wenn ich anderen so zuhöre, jetzt wohl Fernweh haben. Sollte - eigentlich - noch schnell schnell ins Südliche fahren/fliegen, um mich für den drohenden gefühlt siebenmonatigen Winter mollig aufzupolstern mit Wärme. Und ja, im Grunde ist das gar nicht dumm. Aber ich denke nicht daran, im Internet nach einem Last-minute-Schnäppchen zu suchen, mich (mit Maske und Impfpass und Besorgnis - da hinter mir am Check-in hustet einer, der HUSTET!) in einen Flieger zu zwängen und in einem Hotelzimmer abgeliefert zu werden, das nicht im Entferntesten die Schönheit meiner Wohnung hat. Das muss doch kreativ zu lösen sein.

 

 

Dachte ich und erfand die Einstundenreisen. Ich mache jetzt zwei-, dreimal in der Woche Urlaub an einem Ort, den ich mit Zug, S-Bahn, Auto oder zu Fuß in einer Stunde erreichen kann. Gelegentlich reduziere ich die Sache freudig und ohne mich eingeschränkt zu fühlen auf eine halbe Stunde. Vorgestern war ich am Rhein (36 Minuten, okay, gilt.).

 


 
Es war warm und sehr still. Ein paar Kanuten, ein paar Angler, ein paar Radler. Alles kreative Leute also, die der Urlaubsindustrie kein Geld in den Rachen werfen. (REISEN ist natürlich was ganz anderes. Siehe Rubrik "Japan" in der rechten Spalte.) Ich hatte eine Wasserflasche und ein Sandwich dabei und war zufrieden mit dem Lunch. Am besten aber haben mir die Tiere gefallen.
 
 

  
Sie haben mich komplett ignoriert, sie waren ganz und gar bei sich. Die Schwäne haben keinen Versuch gemacht, sozial erwünschte höfliche Fragen nach dem Woher und Wohin zu stellen, die Enten wollten nicht plaudern. Null Smalltalk. Ich war ihnen vollkommen wurscht, und das war sowas von angenehm! Ich kam sehr erholt nach Hause. 

Gestern war ich übrigens auf einem Schloss (70 Minuten, ich hatte mich verfahren) ...


Mittwoch, 1. September 2021

Ein Sonnenblumenleben




Jung. Mittelalt. Alt. 

Und immer schön.

Wie ein Menschenleben auch: Erst die Blüte, dann die Frucht und als Höhepunkt eine fragile Skulptur. Muss man nur sehen wollen.

Da werde ich doch richtig glücklich an diesem Mittwoch, dem meteorologischen Herbstanfang.

 


Samstag, 28. August 2021

Gehen

 

Mitte der 1990er Jahre sah ich einen Film mit dem Titel "The Heart of the World". Der britische Dokumentarfilmer Alan Ereira hatte ihn im Auftrag der BBC über die Kogi-Indianer in der kolumbianischen Sierra Nevada gedreht. Die Kogi hatten sich vor den spanischen Eroberern in die Höhenzüge der Sierra zurückgezogen und bewahren dort seit Jahrhunderten, abgeschottet von den Veränderungen in unserer Gesellschaft, ihre archaisch anmutende Lebensweise.

Ich sah Menschen, die ihr Garn spinnen, ihre Stoffe weben und diese Stoffe zu schlichten Hosen und Tuniken verarbeiten. Und ich sah, wie sie jeden Morgen ihr Land begehen, langsam und mit dem Ausdruck höchster Konzentration. Sie schauen nicht umher, sie plaudern nicht, sie sammeln nichts auf, sie wollen sich dabei nicht erholen. Sie sind vielmehr seit Jahrhunderten auf uralten heiligen Wegen unterwegs, aber sie haben kein Ziel, das sie erreichen wollen. Es geht ihnen um etwas viel Wichtigeres. Für die Kogi hat jede Pflanze und jedes Tier ihre und seine Mutter: in aluna, der Welt des Geistes, dem Bereich von Lebenskraft und Intelligenz, in dem sich die Zukunft vorbereitet.

Ein Mythos erzählt von dem Auftrag, der den Kogi am Beginn der Zeit gegeben wurde: "Ihr seid geschaffen, die Erde zu hüten und sie in Balance zu halten, geschaffen, für die Welt und das ganze All zu sorgen. Sammelt euren Geist und richtet ihn auf die Sorge für das Ganze." Die Kogi sammeln ihren Geist und begehen ihr Land, um die Erde im Gleichgewicht zu halten.

So könnten wir gehen, wenn auch nur einmal an jedem Tag. Schritt für Schritt. In dem Bewustsein, dass wir der Erde etwas zurückgeben können und müssen, um sie und das Ganze in Balance zu halten. Sodass die Mütter aller Pflanzen und Tiere genährt werden und starke und heilkräftige Kinder zur Welt bringen.


Mittwoch, 25. August 2021

Der blinde Maler Sargy Mann

 

 

Der Künstler Sargy Mann war Mitte Dreißig, als er Katarakte in beiden Augen bekam. Schließlich wurde er vollständig blind. Das Verlöschen des Augenlichts war ein jahrelanger Prozess, und Sargy Mann nutzte die Zeit, um sich künstlerisch auf die Zeit der völligen Blindheit vorzubereiten. In einem Interview sagte er einmal, in seiner Zeit vor der Blindheit sei er eher ein Landschaftsmaler gewesen und künstlerisch eingeschüchtert, weil zu sehr beeinflusst von den großen Meistern. Seinen ganz eigenen Ausdruck fand er, als er nur noch dem inneren Auge vertraute.

"If your subject ist your own experience, then as long as you're having an experience, you're got a subject."

Tatsächlich finde ich seine früheren Bilder unfrei, konventionell und gestisch starr. Seine späteren Bilder dagegen sind reduziert, klar und stark und ein Ausdruck seiner Botschaft: Vergiss die Vorbilder, vergiss die großen Meister. Vertraue allein dem, was du in dir siehst.

Sargy Mann starb 2015 im Alter von 78 Jahren.

 

Freitag, 20. August 2021

Die Erntemondin in dunkler Zeit



Ich bin erschüttert darüber, was in Afghanistan gerade geschieht. Über die Art und Weise, in der meine beiden Länder - Deutschland und die USA - sich aus Afghanistan zurückgezogen und ihre Helfer aus zwanzig Jahren, die einheimischen Ortskräfte, zurückgelassen haben. In einer Arte-Reportage hier (klick)  erfahre ich, dass die Bundeswehr bereits Ende Juni ihr deutsches Personal ausgeflogen hat - einschließlich 22.000 Litern Bier! Für die Fässer war Platz in den Maschinen. Wahed dagegen, der als Dolmetscher für die Bundeswehr gearbeitet hat, mehrmals nach Deutschland eingeladen wurde und mit Orden dekoriert ist, musste mit seiner Familie in Kabul untertauchen und sagt im Film: "Die Deutschen haben uns benutzt und werfen uns auf den Müll."

Diese Menschen haben meiner Regierung vertraut; ihr naives Vertrauen wurde brutal enttäuscht und hat sie in Lebensgefahr gebracht. 

Gerade geht hinter den Tannen im Nachbargarten der fast volle Mond auf, riesig und orangefarben. Der Erntemond, harvest moon, der Mond, der der Erde am nahesten ist. Vor fast dreißig Jahren war ich im August in Warschau, eingeladen als Referentin zu einer internationalen Konferenz von transpersonalen Psychotherapeuten. Als der volle Mond am nächtlichen Sommerhimmel aufstieg, stand ich auf einem großen Platz in einem Park und sang mit Hunderten anderen ein Lied für die Erntemondin, die Mutter aller Monde, in der Zeremonie, die eine indigene amerikanische Therapeutin leitete. 

Dreißig Jahre später stehe ich auf meinem Balkon in einer anderen Stadt in einem anderen Land, und die Mondin ist wieder da, ist immer noch da.

Die Ureinwohner Amerikas sagen: Remember, remember. Because everything forgotten returns to the circling wind.

Heute will ich mich an diese heiße Sommernacht in Warschau erinnern, als wir die Mondin anriefen in einem Land, das seine Grenzen gerade erst geöffnet hatte und noch gezeichnet war von Unfreiheit und Unterdrückung. Ich will mich daran erinnern, dass die Weltgeschichte überraschende Wendungen nehmen kann.


Sonntag, 15. August 2021

Die Bedrohlichkeit des Pusteblumen-Schattens

 

 Ja, schön, aber der Schatten ....!

 

Die Gemüseabteilung im Supermarkt ist in meinem Vorort der Ersatz für den Marktplatz. Man trifft sich, tauscht sich über das Neueste aus. Letzte Woche - ich prüfte die Melonen auf ihren Reifegrad - hörte ich unfreiwillig mit. Zwei Frauen, etwa Ende Sechzig. Frau 1: Das ist aber schön, dass Ihr Mann aus der Klinik entlassen wurde. Frau 2: Ja, aber man weiß nicht, wie es weitergeht, er ist halt noch sehr schwach. Frau 1: Kann er wieder essen? Frau 2: Ja, aber Kartoffeln und Kohl verträgt er nicht, und Milch und Joghurt will er nicht. Frau 1: Sicher geht er wieder gern in seinen Garten? Frau 2: Ja, aber er schafft nicht mehr viel, und Bücken geht nicht mehr wie früher.

Ich habe eine familienlose Bekannte, die zwei kleine ererbte und vermietete Reihenhäuser besitzt und in einer Eigentumswohnung lebt. Sie würde gerne reisen, aber für große Reisen ist ihre Rente zu klein. Als ich ihr vorschlug, doch eins der Häuser zu verkaufen und in ihren vielleicht zwanzig Restjahren die Welt kennenzulernen, schaute sie mich fassungslos an: "Ja, aber die Häuser brauche ich zu meiner Sicherheit, wenn ich mal krank werde."

Ach, die Bedrohlichkeit des Pusteblumen-Schattens.

Natürlich ist das Pusteblümchen schön, ganz klar, aber schau dir mal an, was es für einen Schatten wirft. Schwarz. Kompakt. Da wird einem richtig mulmig. Bei dem Pusteblumen-Schatten an einem Hochsommer-Sonnentag.

Meine Mutter war eine Meisterin darin, auf die dunkle Seite der Ereignisse zu starren, und ich weiß, dass es gar nicht so leicht ist, solch eine Prägung aufzulösen. Aber nur Mut, es ist möglich. So eine Pusteblume ist ein zauberhaftes Gebilde. Sehr verletzlich und unbeständig, deshalb muss man es bewundern, solange es da ist (dafür hat man also etwa zwei Tage Zeit). Ein Windhauch nämlich, und die Schirmchen sind weg. Denn jedes ist ein perfekt von der Natur gebautes Flugobjekt. Da wurde doch selbst Ikarus neidisch.

Und wehe, jetzt sagt einer: Ja, aber aus jedem Schirm entsteht so ein furchtbarer Löwenzahn ...