Sonntag, 11. Oktober 2026

Was ist dein Thema?

 

In ein Retreat gehst du nie allein, auch wenn du ein Einzelzimmer gebucht hast. Du nimmst deine gesamte Lebensgeschichte mit, und es dauert nicht lange, da sitzt du mit Papi und Mami auf dem Kissen, mit Bruder und Schwester am Esstisch, und dein Partner oder deine Partnerin schaut dir beim Fensterputzen und Unkrautzupfen über die Schulter. 

Meditation soll doch so beruhigend sein. so friedvoll und geradezu beglückend. Das war sie auch zu Hause auf dem Kissen, weil du dir angewöhnt hast, nach zehn Minuten aufzustehen, sobald du in dir ein unbestimmtes Unbehagen spürst. Im Retreat aber kannst du nicht aufstehen, das Radio anmachen, die Freundin anrufen. Du musst sitzen bleiben. Und dich so kennenlernen, wie du dich eigentlich nie kennenlernen wolltest.

Was ist dein Thema?

Vielleicht ist es die Scham. Du hast vergessen, dich zu verneigen, dir ist eine Gabel scheppernd auf den Boden gefallen. Dein innerer Kritiker hat im Retreat bisher nur ein wenig geschlummert, aber jetzt ist er sofort hellwach. Du kannst dich einfach nicht benehmen, sagt er mit der Stimme deines geschiedenen Mannes, deiner Frau. Du kriegst nicht die einfachsten Dinge auf die Reihe, und sie sind nur zu höflich hier, um dir ins Gesicht zu sagen, dass du eine Niete bist.

Oder in dir braut sich was zusammen. Es rumort im Magen und im Geist, und du hast zunehmend das Gefühl, in einem Dampfdrucktopf zu sitzen. Du darfst auf keinen Fall explodieren, denn Mami sitzt mit dir und bekommt einen Nervenzusammenbruch, wenn ihr Kind nicht alles tut, um sie zu beruhigen. Sie hat dir beigebracht, dass du für ihre Gefühle verantwortlich bist, und deshalb bist du auch für die Gefühle der anderen in diesem Retreat verantwortlich. Jemand verzieht das Gesicht, jemand schaut dich an (kritisch? verärgert? wütend?), und du grübelst, was du der Person getan haben und wie du das, wovon du nicht weißt, was es ist, wieder gutmachen könntest.

Oder auf einmal steht eine tiefe Traurigkeit in dir auf. Du hast keine Ahnung, was jetzt passiert ist, aber in deiner Familie hatten die Kinder fröhlich zu sein als Beweis dafür, dass ihre Eltern gute, erfolgreiche Erzieher waren. Und so denkst du schnell an etwas Schönes, damit die verbotene Traurigkeit bloß nicht größer wird und du am Ende noch weinen musst.

Auf einmal fragst du dich, ob deine Nachbarin nicht vergisst, deine Katze zu füttern. Du bist, wenn du darüber nachdenkst, eigentlich sicher, dass sie es vergessen wird. Du wirst die Katze halbtot vorfinden, und das wird dir das Herz brechen. Bei der Gelegenheit fällt dir ein, dass dich eine Mieterhöhung erwartet und das Ergebnis der Laboruntersuchung noch aussteht. Deine Angst wächst mit jedem Gedanken und hat wieder diese verzweifelte Schwärze wie damals, als deine Brüder dich auf den Dachboden gesperrt haben und stundenlang niemand dich vermisst hat.

Auf dem Kissen sitzen inzwischen mit dir zusammen die Nachbarin rechts, die ihre Beine nicht ruhig halten kann, der Mann, der so laut schnauft, und die Leiterin, die eine Minute zu spät die Sitzperiode abgeläutet hat. Es ist zum Haare-Raufen. Nicht einmal in diesen Zusammenhängen findest du die Perfektion, um die du dich unablässig bemühst, obwohl es dir so schwerfällt. 

Also, welches ist dein Thema? 

Wir alle haben unsere Themen, die uns immer wieder heimsuchen. Die Scham, das falsche Verantwortungsgefühl, die Angst, die Wut, das Beurteilen anderer. Das darf alles sein, und wie gut, dass unser Thema gerade jetzt im Retreat in großer Frische aufersteht. Denn jetzt haben wir die Gelegenheit, auf neue Weise damit umzugehen. Wir akzeptieren, dass es da ist, wir erkennen, womit wir es zu tun haben, und benennen es. Nicht, indem wir sagen: Ich schäme mich, ich habe Angst. Wir sagen: Ja, da ist Scham, da ist Angst, da ist Wut. Das alles sind Energien, die Teil unserer Prägung sind, aber uns nicht ausmachen. 

Im Retreat schaffen wir im Geist einen weiten Raum, in dem sie sich erst mal ein wenig austoben dürfen. Aber weil wir nicht mehr auf ihr Spektakel reagieren, wird ihnen ziemlich schnell langweilig. Eine nach der anderen verschwindet. Wohin? Keine Ahnung. Vielleicht zur Nachbarin auf dem Kissen, die plötzlich aufstöhnt. Bei uns jedenfalls ist es still. 

Und vor dem Fenster zwitschert die Abendamsel. Der kleine Bach plätschert. Unten im Dorf erklingt eine Glocke. 

Wir sind zurückgekehrt in die Weite des großen Ganzen. Und das fühlt sich sehr gut an.

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Montag, 5. Oktober 2026

Sonntag, 27. September 2026

Seminar in Salzburg

 
 
Fühlen wir uns nicht alle zurzeit überfordert? Das Klima, die Weltpolitik, die politischen Verschiebungen in unserem Land, vielleicht dazu noch eine schwierige familiäre Situation - wie gehen wir mit all dem um? Den Rückzug auf die einsame Insel können wir uns nicht leisten (gibt es überhaupt noch einsame Inseln?). Internet und Handyvertrag zu kündigen, ist keine gute Idee, wir müssen trotz allem informiert bleiben. 

Die Plum-Village-Intersein-Tradition hat da ein paar andere Vorschläge: Werde stabil, nähre deine Kraft, dein Mitgefühl, deine Freude und dein klares Gewahrsein. All das zusammen gibt dir eine Ausrichtung, mit der du den Herausforderungen dieser Zeit gewachsen bist. 

Wenn du lernen willst, wie das gehen könnte, und zusammen mit der Gemeinschaft im schönen Salzburger Zendo üben willst, lade ich dich herzlich ein zu:

Erwachen im Hier und Jetzt

23. - 25. Oktober

St. Virgil, Salzburg

Mehr Informationen und Anmeldung hier (klick).

Ich würde mich freuen, dich in Salzburg zu treffen.

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Sonntag, 20. September 2026

Wenn das Selbstverständliche fremd wird

 

 

Es kam schleichend. Sie blätterte in den Noten und wusste kurzzeitig nicht mehr, was wir gerade sangen. Dann stand sie, die Altistin, auf und kam durch den ganzen Saal herüber zu mir, der Sopranistin, und fragte nach. Vielleicht hatte sie mich ausgewählt, weil ich auch nach der zehnten Nachfrage noch Auskunft gab, im Gegensatz zu anderen, die ihr verärgert sagten, sie solle sich doch bitte konzentrieren.

Ich sah, wie sehr sie versuchte, sich zu konzentrieren. Sah ihre immerwährende Freundlichkeit, ihr Lächeln, das keinen Anlass brauchte, um zu erscheinen. Einfach so. In einer ihr zunehmend fremder werdenden Welt. Ich sagte den anderen, dass vielleicht Traurigkeit die angemessenere Reaktion wäre.

Ich singe seit meinem sechsten Lebensjahr in Chören. Im Kinderchor, Kirchenchor, Gospelchor, im internationalen Chor, in diversen klassischen Konzertchören. Mein Chor seit ein paar Jahren ist nicht mehr so anspruchsvoll, wie ich es gewohnt war. Er singt solide alles zwischen geistlicher Musik und Klassik. Es wird mein letzter Chor sein. Ich bleibe in ihm.

Wir nehmen sie, die manchmal nicht mehr weiß, wer die Frau dort vorne am Klavier ist, im Konzert in unsere Mitte, damit sie nicht einfach davongeht, zur Kirchentür hinaus und irgendwohin. Sie fragt uns bei jeder Probe nach unseren Namen, und wir geben ihr geduldig Auskunft. Ihre Sitznachbarinnen legen ihr beruhigend die Hände auf die Knie und und zeigen ihr den Takt, der gerade geprobt wird. Ihr Mann, ohne den sie nicht kommen könnte, kann im Tenor für eineinhalb Stunden entspannen und Verantwortung abgeben. 

Im Moment singen wir Lieder von Louise Farrenc und Claude Goudimel. Ich mag Monteverdi lieber, aber das ist nicht wichtig. Ich bleibe, weil ein langjähriges Chormitglied für uns immer Chormitglied bleiben wird. Ich bleibe wegen der geduldigen Antworten und der beruhigenden Hände auf dem Knie einer Frau, die in ihrem früheren Leben Pianistin war und manchmal noch, plötzlich und für alle überraschend, präzise eine Quinte trifft. Und ihr Mann im Tenor lächelt.

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Samstag, 5. September 2026

Bücher über Liebe & Tod

 

"Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin." Nora Gomringer trauert über ihre Mutter, die so vieles war: Literaturwissenschaftlerin, leidenschaftliche Leserin, aber auch die Frau des ständig untreuen prominenten Dichters Eugen Gomringer. Der Mann betrachtet sie als sein Eigentum, bestraft Frau und Tochter mit wochenlangem Schweigen und verschwindet immer wieder mit diversen Geliebten. Das kostet Kraft. "Ich fand sie zweimal mit geöffneten Pulsadern und stand zweimal verlassen im Türeingang, als sie weggefahren wurde, nachdem ich zweimal den Notarzt gerufen hatte." Die depressive Mutter verbringt Monate in Kliniken, in denen sie zwischen den Therapien an ihrer Dissertation arbeitet, während die Teenager-Tochter alleine in der Wohnung lebt. Wenn es gerade gut läuft mit dem schwierigen Mann, ist Nortrud Gomringer eine strahlende Erscheinung, und die Tochter hat Mühe, von dem Paar nicht vergessen zu werden. Als sie vierundzwanzig ist, erfährt sie von zwei älteren Halbbrüdern in der Schweiz (vier offizielle gibt es schon) und fragt sich, ob die Mutter von den Kindern weiß. 

Nora Gomringer trauert um die Mutter mit einer Gefühlskraft, die sie selbst an den Rand bringt: "Ich sehe nun nichts mehr ohne den Eindruck des Todes. Als wäre er ein Gerichtsvollzieher und hätte seinen Kuckuck-Aufkleber auf allem. Und jedem. Ich sehe diese Vögel. Überall." Und doch ist dies kein trauriges Buch, im Gegenteil. Nora Gomringers Sprache ist voller Humor und hinreißender Sprachspiele, lebendig und eigensinnig. Eines kluges, zutiefst ehrliches Buch und ein großes Lese-Vergnügen. 

Nora Gomringer "Am Meerschwein übt das Kind den Tod", Volandt & Quist, 22 EUR

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"Dein Tod war ebenso plötzlich wie tausendfach angekündigt. Du hast dich aus dem Fenster des Dienstmädchenzimmers in der vierten Etage gestürzt." Die Journalistin Pascale Hugues ist sechsundfünfzig, als sie sich schreibend ihrer Mutter zu nähern versucht, die sich im selben Alter das Leben nahm. Über die Krankheit der Mutter - sie war bipolar - wurde in der Familie schamhaft geschwiegen. Pascale und ihr Bruder verstanden nicht, warum die Mutter immer wieder plötzlich verschwunden war und durch die Großmutter ersetzt wurde. Aber alles Verschwiegene arbeitet im Untergrund eines familiären Gefüges weiter, und Pascale Hugues macht mit diesem Buch den Versuch, etwas Versäumtes nachzuholen: die Mutter zu verstehen und sie zu würdigen. Sie liest Tagebücher und Briefe, spricht mit Verwandten. Das Bild einer klugen, wissbegierigen Frau entsteht, die sich aus der Enge der ihr in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts zugewiesenen Rolle als Ehefrau und Mutter zu befreien versuchte, was ihr nie gelang. Es war auch die Zeit, in der psychische Erkrankung als persönliches Versagen galt, und der Vater von Yvette Hugues befiehlt ihr nach ihrem ersten Suizidversuch, "mit dem Blödsinn aufzuhören". 

Pascale Hugues hat für ihre Spurensuche einen eigenen Ton gefunden. Ziemlich viel Wut darauf, alleingelassen worden zu sein, einiges an Skepsis, leiser Spott, viel Verständnis und zwischen den Zeilen Sehnsucht und große Zärtlichkeit für ein Schicksal, das auch in ihrem Leben Spuren hinterlassen hat.

Pascale Hugues "So voller Leben", aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Rowohlt Verlag, 23 EUR

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"Du, mein Gesprächspartner. Du. Mein Du. Ich war dein Du. Ich und du. Du und ich. Und jetzt Schweigen. Ich bemühe mich mit aller Kraft, es zu akzeptieren. Ohne dich zu sein." Nach dem Tod ihres Mannes, des Schriftstellers Paul Auster, schreibt Siri Hustvedt ihre Erinnerungen an ihn auf. Es entsteht eine Art Tagebuch aus Briefen von Siri, Briefen von Paul an seinen vier Monate alten Enkel, E-Mails, Gesprächen, Erinnerungssplittern und vielen medizinischen und neurologischen Details, was bei der wissenschaftsinteressierten Autorin nicht überrascht. Sie verschweigt auch die Schwierigkeiten nicht: Pauls drogenabhängiger Sohn war für den Tod seiner kleinen Tochter verantwortlich und starb an einer Überdosis. Paul Auster bewunderte die Arbeit seiner Frau und sagte zwei Tage vor seinem Tod zu ihr: "Schreib weiter, lass dich nicht von meinem Tod aufhalten". Dies ist ein fast intimer Text, aber gerade weil er so unmittelbar und gleichzeitig ohne Larmoyanz den Schmerz zeigt, den der Verlust eines Lebenspartners auslöst, dürfte er bei vielen Menschen Resonanz finden.

Siri Hustvedt "Ghost Stories", aus dem Englischen von Grete Osterwald und Uli Aumüller, Rowohlt Verlag, 25 EUR 

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"Je größer die Liebe, desto größer die Qual. Unsere Liebe war sehr groß gewesen, der Schmerz entsprach ihr." Kurz nach der Hochzeit erfährt Treya Wilber, dass sie Brustkrebs hat. Sie und Ken sind bereit, den Kampf gegen die Krankheit aufzunehmen. Ken Wilber beschreibt ihre Odyssee durch das konventionelle amerikanische Medizin-System, das mit seiner scharfen Chemo-Therapie Treya nur versehrter zurücklässt. Aber auch die abenteuerliche alternative Behandlung schlägt nicht an. Die beiden sind in einer Grenzsituation, die sie auch als Paar fordert, und Ken greift zum Alkohol. Er hat übersehen, dass auch der Partner eines Krebskranken leidet und Unterstützung braucht. Erst in einer Paar-Therapie finden sie wieder zueinander. Treyas Tagebücher zeigen, wie sie allmählich nicht nur lernt, die Krankheit anzunehmen, sondern ein spirituelles Erwachen erlebt. Ken ergänzt die Tagebücher mit medizinischen Fakten und buddhistischen Erkenntnissen: "Das Leiden geschieht dem gesonderten Ich nicht, sondern liegt in seiner Natur." (Ein, wie ich finde, wichtiger Satz.) Sehr bewegend sind die letzten Tage von Treya; umgeben von Freunden, verabschiedet sie sich in die große Freiheit. Dieses Buch ist bereits 1991 erschienen, aber für mich ist es nach wie vor eines der schönsten Bücher über Liebe und Tod.

Ken Wilber "Mut und Gnade", aus dem Amerikanischen von Jochen Eggert, S. Fischer Verlag, 18 EUR

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Sonntag, 30. August 2026

Erwachend leben

 

"Buddhistische Traditionen sprechen vom 'Erwachen zum Wahren Selbst', und diese Erfahrung stellt sich nicht ein als Belohnung für besondere Anstrengung oder Wohlverhalten. Sie kann jederzeit geschehen. Hier und jetzt. Für jede und jeden von uns. Es geschieht in dem Moment, in dem sich etwas in Ihnen - ohne dass es Ihnen zunächst bewusst war - gelöst hat. Auf einmal schweigt das innere Geplauder, haben sich die lebenslangen Überzeugungen zur Ruhe gelegt, sind weder Wünsche noch Hoffnungen noch Ärger lebendig, und alle Erinnerungen schlafen. Ihr Geist ist leer. Und in diese Leere strömt die Lebendigkeit des Urgrunds mit seinen Inspirationen, Ideen und seiner Weisheit." 

Aus: Margrit Irgang "Erwachen im Hier und Jetzt", Patmos Verlag. 

Wollt ihr das Erwachen als Praxis in der Intersein-Tradition lernen? Seid herzlich eingeladen zu meinem Seminar

Erwachend leben

1. bis 4. Oktober 2026

Waldhof Freiburg

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Samstag, 22. August 2026

Literatur und KI

 

Vor unserer Bibliothek: In Harz eingegossene Bücher, der Schreddermaschine entronnen.


Vor ein paar Monaten fiel es mir auf. Mein Blog hat normalerweise einhundert bis einhundertfünfzig Aufrufe pro Tag. Plötzlich hatte er zwanzigtausend im Monat! Ich hörte mich um und erfuhr: Auch andere Blogger kannten das Phänomen. Zwei Wochen später las ich im britischen Guardian, dass bei europäischen Antiquariaten seit Kurzem jede Nacht riesige Bestellungen eingehen von einer mysteriösen kanadisch-amerikanischen Firma namens Zoom Books. Die Firma kauft offenbar wahllos alte Bücher ein, bevorzugt Sachbücher. Die Antiquare freuten sich: Sie wurden ihre Ladenhüter los. Aber irgendwann wurden sie stutzig. Wofür braucht Zoom Books all diese Bücher?

Inzwischen ist einiges bekannt. Nach Recherchen der Washington Post hat die amerikanische KI-Firma Anthropic schon vor längerer Zeit millionenfach Bücher aufgekauft, die Buchrücken entfernt, die Seiten eingescannt und danach die Bücher vernichtet. Das fällt offenbar nach US-amerikanischem Recht unter die sogenannte "Fair Use"-Regel, nach der man Bücher, die man physisch besitzt, nach eigenem Ermessen nutzen darf. (Anthropic hat allerdings auch sieben Milliarden Bücher illegal online heruntergeladen, wofür sie 1,5 Milliarden Dollar an die Autoren zahlen mussten.)

Inzwischen hat Zoom Books, wie ein Antiquar in der Süddeutschen Zeitung erzählt, eine Filiale in Deutschland, weil der Versand in die USA den meisten Antiquariaten zu teuer war. Bestellt werden vor allem Bücher mit einer ISBN aus den 1970er Jahren und später, weil die noch urheberrechtsgeschützt und, anders als frühere Werke, noch nicht digitalisiert sind. 

Irgendwo in den USA wird also eine KI mit meinen Texten gefüttert, auch mit diesem hier. Was macht die KI dann damit? Wie wird sie programmiert, was spuckt sie auf welchen Befehl hin aus? Worte und Sätze, die - wenn es um Literatur geht - von den so wichtigen Zwischentönen "gereinigt" und aus dem ursprünglichen Kontext gerissen werden. 

Die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat kürzlich auf einer Konferenz gesagt, sie gebe manchmal der KI eine Idee vor und frage sie: "Schatz, wie können wir das schön entwickeln?" Der Deutschlandfunk zitiert einen Cosy-Crime-Autor (ich hatte zuvor noch nie von dem Genre gehört), der an die KI auslagert, was er nicht gerne macht: "Das Plotten, die Charakterentwicklung, die erste Rohfassung". Die KI kennt auch seine Zielgruppe und weiß, was für diese funktioniert und was nicht. Das füttert er in seinen Charakter-Bot ein, der aus den Versatzstücken einen verkaufsfördernden Protagonisten zusammenschustert. Warum das Ganze? Er schaffe, sagt der Autor, auf diese Weise mehr Bücher in kürzerer Zeit.

Meine amerikanische Schwägerin ist eine typische New Yorkerin: verknappte, schnelle Sprache ohne unnötige Adjektive oder Halbsätze. Kürzlich bekam ich von ihr eine lange Mail. Eine seeehr lange Mail mit richtig bildhaften Beschreibungen ihrer letzten Reise, hübschen kleinen Anekdoten und viel Humor. Ich staunte. Bis ich die winzig kleine Unterschrift am Schluss las: "Written by Dorothy and AI".

Ich habe eine Bekannte, die noch nicht einmal ein Smartphone besitzt. Und eine Freundin, die zwar eins hat (das sie kaum benutzt), dafür aber keine E-Mail. Beide sind schwer zu erreichen, weil sie oft keine Lust haben, das Festnetz-Telefon abzuheben. Verstehe ich sehr gut.

Was für eine seltsame Zeit. Wir alle befinden uns irgendwo zwischen Verharren und Davonstürmen; in einer Welt, die sich unablässig verändert und uns zwingt, uns irgendwie zu ihr zu verhalten. Ich fühle mich gerade wie eine Läuferin, die vom Laufen müde geworden ist und ihr Tempo langsam auslaufen lässt. Ein Ziel hat sie nicht mehr, würde sie ohnehin nicht erreichen. Was sie hat, ist Landschaft entlang des Weges. Ein wenig Wetter jeder Art. Manchmal geht jemand im selben Tempo wie sie, dann geht man ein Stück gemeinsam. Aber das ist selten.

Was für eine seltsame Zeit. 

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Sonntag, 16. August 2026

Hermann Hesse als Maler



"Daß ich kein Maler mehr werden kann, weiß ich schon, aber das intensive Selbstvergessen in der Hingabe an die Erscheinungswelt ist ein Erlebnis. Daß ich tagelang mich selber und die Welt und den Krieg und alles ganz und gar vergessen habe, war seit 1914 das erste Mal". Schreibt Hermann Hesse in einem Brief an einen Freund im Jahr 1917. 

Hesse ist in einer schweren Krise. Seine Ehe mit der psychisch kranken Maria Bernoulli ist zerbrochen, sein Vater ist ein Jahr zuvor gestorben, und nach einem Aufenthalt im Sanatorium Sonnmatt in Luzern beginnt er eine Psychoanalyse bei J. B. Lang in Zürich. Lang hat eine Idee, die sich als lebensrettend erweisen soll: Er rät Hesse, mit dem Malen anzufangen.

Hesse kauft Papier, Aquarellfarben und Pinsel. "Ich öffne den Schrank und gehe ans Auswählen eines Papieres, manchmal locken mich die glatten, manchmal die rauhen, manchmal die edlen Aquarellpapiere. Diesmal bekam ich beim Suchen Lust auf ein sehr einfaches, leicht gelbliches Papier, von dem ich noch wenige gesparte Bogen pietätvoll aufbewahre. Es ist das Papier, auf dem einst eines meiner liebsten Bücher, die 'Wanderung' gedruckt wurde."

Kurze Zeit später zieht er nach Montagnola ins Tessin, und die Farben des Südens sind auch für seine Malkunst eine Befreiung. Das Schreiben war ihm, dem Grübler, zuletzt schwergefallen. Mit dem Malen erobert er sich die verschüttete Sinnlichkeit neu. 



Foto: Kunsthalle Messmer

Die Kunsthalle Messmer in Riegel am Kaiserstuhl zeigt zur Zeit eine Ausstellung mit den Aquarellen von Hermann Hesse. Ein durchaus konservativer Malstil: Häuser, Bäume, Pflanzen, mit Bleistift vorgezeichnet, mit Farbe ausgefüllt. Aber nichts daran wirkt unbeholfen. Die Perspektiven stimmen und vor allem sind da die Farben: Leuchtende Rot-, Orange-, Gelb- und Grüntöne, ein Feuerwerk der sinnlichen Wahrnehmung. In den späten Bildern wagt er sich sogar ans Expressionistische. Auf die Frage, warum er schreibe, sagte Hesse einmal: "Weil man nicht immer malen kann."

Eine schöne Ausstellung. Dass sie mich etwas melancholisch gestimmt hat, liegt an meiner Geschichte. Als ich jung war, hat man meine Zeichnungen lächerlich gemacht und ich habe nie den Weg in diese naive Freude an der Farbe und am Gestalten gefunden. Heute weiß ich zu viel über Kunst, um damit noch anzufangen.


Mehr über die Ausstellung - in der auch Gedichte an den Wänden hängen - findet ihr hier (klick).

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Samstag, 8. August 2026

Das Doshi Retreat




Ein mehrfach gewundener Pfad, Wände aus korrodiertem Stahl in der Farbe von Adobe-Bauten in New Mexico. Rechtsherum, linksherum. Unter meinen Schuhen knirscht der Kies. Es geht sanft abwärts. Je tiefer ich komme, in den Erdboden hinein, umso intensiver höre ich die Klänge. Eine Flöte, ein Gong. Ein Instrument, das ich nicht einordnen kann. Keine Melodien, nur Klänge, die mich umschweben. Die anschwellen, abschwellen. Es ist heiß an diesem noch frühen Morgen. Irgendwo ruft eine Krähe.




Der mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete indische Architekt Balkrishna Doshi hatte einen Traum, in dem sich zwei Kobras umschlangen. Zusammen mit seiner Enkelin und deren Mann baute er nach diesem Traum das Doshi Retreat an einer entlegenen Ecke des Vitra Design Campus in Weil am Rhein. Die Architekten bezogen sich bei der Gestaltung auf die indische Philosophie der Kundalini-Kraft, die an der Basis der Wirbelsäule ruht. Das Erwecken und Aufsteigen dieser Kraft ist in der indischen Tradition wesentlich für die spirituelle Transformation. Das Retreat in Weil war das erste Bauwerk, das Doshi außerhalb von Indien realisierte, und zugleich das letzte vor seinem Tod.




Ich bin im inneren Raum angekommen. Er leuchtet. An der Decke ein in Indien gefertigtes Mandala aus gehämmertem Messing. An der Stirnwand ein großer Gong. Zwei schlichte Steinbänke. Wasser umfließt uns. Zwei andere, Fremde, haben sich wie ich an diesem frühen Morgen eingefunden und meditieren mit mir. Die Klänge schweben um uns herum, und doch ist dies ein Ort der Stille. Khushnu Pantaki Hoof, Doshis Enkelin, sagt: "Es ist der Klang, der durch den Körper der Besucherin, des Besuchers, widerhallt, der die Grenze zwischen dem Selbst und der Struktur aufhebt."

Ich gehe langsam hinauf in die Welt durch die gewundenen ockerbraunen Pfade, und die Klänge verwehen hinter mir. Vom Euro Airport Basel steigt ein Jet auf, eine laut redende italienische Reisegruppe mit Sonnenschirmen kommt mir entgegen. Ich war fast eine Stunde im Retreat. Was sollte mich jetzt noch stören. 

Die Website des Vitra Design Museums und des Doshi Retreat findet ihr hier (klick).

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Sonntag, 12. Juli 2026

Zweck-Freiheit


 

Was für ein großartiger Beitrag von Gert Scobel! Aber ich warne euch: Was er zu sagen hat, könnte eure Überzeugungen auf den Kopf stellen. Wollt ihr wirklich hören, dass eure gesamte Sicht auf die Welt fundamental falsch ist, weil vom Ego gesteuert? Und dass das Universum keinen Sinn hat, sondern in unendlicher Freiheit spielt und tanzt?

Wir haben, sagt er, seit Aristoteles unsere Gesellschaft auf dem Zweckdenken aufgebaut. Alles muss "für etwas" sein. Wenn du also zum Beispiel etwas lernst, muss es "für" deinen späteren Beruf oder wenigstens für irgendeinen Bereich deines Lebens nützlich sein. Wenn du spazieren gehst, muss das deiner Gesundheit dienen. Undsoweiter. Das Zweckdenken aber hat uns in die Situation gebracht, in der wir jetzt sind: Wir entscheiden nach dem Nützlichkeitsprinzip und verwandeln alles Lebendige in eine Ressource. 

Nach Spinoza hat die Natur keinen Zweck, sie ist einfach grenzenlos kreativ, spielt und tanzt. Auch wir sind Teil der Natur. Wie weit haben wir uns also von ihr entfernt?

Scobel zitiert aus dem Buch "Wozu" des Philosophen Michael Hampe, der sich mit diesem unseligen Zweckdenken befasst hat und zu dem Schluss kommt, dass alles, was existiert, nur Muster sind, die sich ständig verändern: "Die Erleichterung, die eintritt, wenn alle Zwecke verschwinden, ist eine völlig andere als die, wenn alle Zwecke endlich erreicht sind." 

Im ersten Erwachensmoment am Morgen, bevor "die prächtige Maschinerie des Ichs hochgefahren wird" (herrlich ausgedrückt), befinden wir uns in einem scheinbaren Nichts, einer Leere. Das ist unser Wahres Sein: das reine Bewusstsein.  

Der - jetzt spirituell gesehene - "erwachte Zustand" erkennt, dass das alltägliche Leben mit all seinen Facetten nichts ist als "Muster, die sich ständig verändern". Ein Spiel. Eine Theateraufführung. Und wir alle spielen unsere Rollen darin. 

Diese Theateraufführung findet statt inmitten des Raums der großen Stille, in den das Ego nicht hineinreicht. Im Raum des reinen Bewusstseins. Wir sind so mit unserer Rolle identifiziert, dass wir nicht bemerken, WO unsere Aufführung stattfindet. Aber wir können immer wieder innehalten und uns des Raums gewahrwerden. Scobel zitiert den buddhistischen Mönch Shoukei Matsumoto, der vom "inneren Mönchtum" spricht. "Wir sind in der Welt, aber nicht von der Welt", sagt Matsumoto. Die Schauspielerin ist nicht ihre Rolle.

Das ist natürlich alles nicht neu für Zen-Praktizierende und Buddhisten. Aber wir gelten ja immer noch als exotische und weltfremde Verrückte, und deshalb bin ich glücklich, dass jemand wie Gert Scobel, der ein großes Publikum erreicht, sich nicht scheut, zu sagen, dass wir alle "die Arbeit des Erwachens" leisten müssen. Denn, wie Shoukei Matsumoto sagt: "We stand at a quiet turning point of human history." 

Dennoch aus meiner Sicht eine wichtige Ergänzung.

Das Video zitiert ausschließlich Männer und gibt die männliche Sicht wieder. Diese Männer vergessen zu erwähnen, dass zu einer Erwachens-Erfahrung immer tiefe Freude und Mitgefühl gehören. Ohne sie würde das Zweck-freie und Sinn-lose in den Nihilismus führen. Mit ihnen aber entsteht eine beschützende, wertschätzende Haltung zum Leben. Alles, was zerstörerisch ist, verbietet sich von selbst. Da es nichts mehr zu erreichen gibt (eine Erkenntnis, die zum Erwachen gehört), wird das Leben frei, leicht und verspielt. Wir inszenieren keine Dramen mehr, weder für uns noch für andere. Wir tanzen mit in dem großen Tanz, in dem sich die Muster ständig verändern. Ein Tanz jedoch, der nicht willkürlich ist, sondern im Tiefsten, wie der Buddhismus sagt, "zum Wohle aller Wesen" getanzt wird. 

Es kann sein, dass bei euch das Video nicht angezeigt wird. Dann findet ihr es hier auf youtube (klick). 

Ich empfehle euch auch den Essay von Shoukei Matsumoto "Beyond Utility and the Return to 'Just Living'", ihr findet ihn hier (klick). 

"Und tschüss", wie Gert Scobel immer sagt. Ich verabschiede mich in eine kleine Sommerpause. In der ich ja vielleicht euch beim Retreat in Hohenau begegne?

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