Donnerstag, 21. Oktober 2021

Waldgebadet

 


"Wir sind mit der überraschenden Tatsache konfrontiert", schreibt der Psychiatrie-Professor Joel Dimsdale von der University of California, "dass es sich beim Immunsystem um ein Sinnessystem handelt, das fähig ist, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln." An dem Satz überrascht mich nur, dass ein Psychiater über diese Tatsache überrascht ist. 

Professor Dimsdale meint das natürlich streng medizinisch-sachlich; ein mit seinem Menschen plauderndes Immunsystem wäre für ihn eine absurde Vorstellung. Aber die Dichter sind ja bekannt für ihre Irrationalität; sie denken nicht nur in Bildern, sie glauben tatsächlich an sie. Metaphern sind für sie Fakten - ich bin ein Graus für die Naturwissenschaftler in meinem Freundeskreis (es gibt einige).

Mein Immunsystem und ich haben in unserer lebenslangen Beziehung das Stadium des wortlosen Verstehens erreicht. Nicht, dass wir früher miteinander gesprochen hätten. Ich wusste gar nicht, dass es  in mir eine Instanz gibt, die mir dauernd etwas mitzuteilen versucht. Sie spricht so leise. Beziehungsweise, sie spricht eigentlich gar nicht, äußert sich also nonverbal. Ihr Vokabular besteht aus Gefühlen, oder eher aus den Vorstufen von Gefühlen. Ein Hauch von Unbehagen wird ausgesandt und formt sich in meinem Geist zu einem vagen Eigentlich möchte ich lieber nicht. Was mich in sozialen Zusammenhängen manchmal zu einer schwierigen Person macht.

Inzwischen sind mein Immunsystem und ich gute Freundinnen (es ist eine Sie), und weil ich ihr seit einigen Jahren widerspruchslos gehorche, schickt sie mir jetzt zunehmend positive Aufforderungen. Sie mag Tiere, Blumen, Düfte, und sie liebt es, unter Bäumen zu sein. Also gehe ich mit ihr in den Wald. 




 

Der Wald, habe ich gelernt, ist ein riesiges Kommunikationssystem, in dem pausenlos Botschaften ausgetauscht werden zwischen Pflanzen und Tieren: den Bäumen, Sträuchern, Farnen, dem Moos und den Würmern, den Mikroorganismen und dem unterirdischen Geflecht der Pilze. Ich gehe da so unter den Bäumen dahin und denke mir: Das nimmt sie, mein mir eingeborenes Sinnessystem, alles wahr. Sie ist hier unter ihresgleichen, sie beherrscht diese nonverbale Kommunikation, hört mit, sammelt die hilfreichen Terpene ein, die von den Pflanzen ausgesandt werden, leitet sie weiter an Orte in meinem Körper, die ich bewusst nie kennenlernen werde, erhöht mit ihnen die Killerzellen in meinem Blut, baut die letzten Reste vom morgendlichen Arbeitsstress ab, und bei mir kommt von dieser ganzen hochsubtilen unablässigen Arbeit meines Immunsystems nichts weiter an als das Gefühl, mich hier pudelwohl zu fühlen.

 


Kein Mensch weit und breit. Unter meinen Füßen raschelt das Laub. Die essbaren Pilze sind längst in Körben und Kochtöpfen verschwunden; was jetzt hier noch steht, ist mehr Skulptur und wundersame Gestalt, darf verrotten zu neuer Nahrung, darf Unterschlupf bieten für zahllose winzige Lebewesen. Von oben rieselt leise Blatt um Blatt. 

Und dann naht etwas Ungeheuerliches auf einem zugewachsenen Nebenweg, mit einem Krachen und Bersten von Ästen, und zugleich schlägt etwas rhythmisch auf den Waldboden ein. Ich rekapituliere rasch, was ich über Wildschweine weiß, und leider fällt mir die Notiz aus der Zeitung von vor ein paar Tagen ein, nach der ein Jäger "versehentlich" zwei Pferde erschossen hat. Mein uraltes System aus der Zeit der Säbelzahntiger springt zuverlässig an und fährt das Adrenalin hoch, um mich in die rettende Flucht zu treiben. Jäger? Mit großen Hunden? Rehe, auf der Flucht vor ihnen?

Sie brechen durchs Unterholz, vier Damen mittleren Alters, die ihre Nordic-Walking-Stöcke in den Boden rammen, absolut synchron, viermal rechts, viermal links, jeder Jazzchor wäre begeistert von so viel präzisem Rhythmusgefühl. Sie nicken mir stumm und, wie mir scheint, etwas verkniffen zu, queren den Hauptweg und werfen sich in weiteres Unterholz.

 

 

In Japan heißt das. was ich hier tue, shinrin yoku. Was bei uns mit "Waldbaden" übersetzt wird, aber eher "Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes" bedeutet und eine offiziell anerkannte therapeutische Maßnahme ist. Japanische Ärzte gehen mit ihren Patienten wie Pilger achtsam, langsam und schweigsam auf uralten Wegen durch den Wald, ermuntern sie (die Patienten), all ihre Sinne weit zu öffnen und ihr Immunsystem einzuladen, wahrzunehmen, zu kommunizieren und zu handeln. Ich glaube, sie haben sogar Wälder, die eigens für shinrin yoku vorgesehen sind. Ach ja, Japan eben.

Aber man muss mit dem arbeiten, was man hat.

Ich lege mich und mein Immunsystem auf einem Baumstamm ab. Sie muss Stresshormone abbauen, das ist Arbeit. Ziemlich früh am Abend sinken wir beide waldgebadet ins Bett. Und die Pilze und bunten Blätter und das goldene Licht waren wirklich sehr schön.

 

Freitag, 15. Oktober 2021

Das atmende Wort


"Seit ein paar Jahren spüre ich einen Widerwillen gegen die allgegenwärtige Aufforderung zur Kommunikation. 'Wir müssen miteinander reden!' ist der als Imperativ vorgetragene Zauberspruch, der imstande sein soll, jede Art von Spaltung in unserer Gesellschaft und unserem Privatleben zu schließen. In den Medien, der Politik, unter Kollegen und im Freundeskreis wird ständig diskutiert und debattiert. Warum wirkt der Zauberspruch dann nicht? Weil die meisten unserer Gespräche nur ein Austausch von Meinungen sind. Wir 'haben' unsere Meinungen wie Möbelstücke, und so unverrückbar sind sie auch oft. Wir brauchen nicht noch mehr Gerede - wir müssen lernen, einander zuzuhören. Und das ist weit anspruchsvoller, als einfach mal für ein paar Minuten den Mund zu halten."

     

 

Dies ist ein Auszug meines Beitrags "Das atmende Wort" aus der Ursache\Wirkung Nr. 116. Er steht jetzt in ganzer Länge auf meiner Homepage, zu finden hier (klick).


Sonntag, 10. Oktober 2021

Hand in Hand

 

Vielleicht haben sie das vor fünfundsiebzig Jahren getan, damals im Kindergarten, eine euphemistische Bezeichnung für die zugige Baracke, in der zwei überforderte Erzieherinnen, die damals noch Kindergärtnerinnen hießen, versuchten, dreißig tobende Fünfjährige in Schach zu halten. Sie war die Neue, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, Vater drüben geblieben, ein Ausdruck, unter dem sie sich nichts anderes vorstellen konnte als die Welt hinter dem Trümmerhaufen, der die Grenze des ihr erlaubten Bewegungsraumes bildete. Sie stand in der Tür, verständnislos und verstört von dem Lärm, den sie weder gewohnt war noch gewollt hatte, herausgerissen aus der Stille des einen Zimmers, das die Alleinerziehende für sich und das Kind ergattert hatte, für dieses Kind, das die Mutter jetzt hier abgestellt hat, weil es nicht anders ging, auch ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer muss bezahlt werden, und wo soll das Geld herkommen, wenn man den ganzen Tag mit einem Kind auf dem geliehenen Sofa sitzt.

Vielleicht kam er aus einer kinderreichen Familie, und ein einzeln stehendes Kind war für ihn eine Aufforderung, sich zu kümmern, vielleicht auch eine Bedrohung, er war das Beobachtetwerden nicht gewohnt, da musste man sofort einschreiten, vielleicht brauchten sie in dem Augenblick aber auch ein viertes Kind für ein Spiel, das sie sich ausgedacht hatten, aber vielleicht war er doch gerührt von so viel Verlorenheit. Er streckte ihr die Hand entgegen und zog sie hinein.

Vielleicht haben sie sich aneinander festgehalten in den Jahren, die kamen. Und einander losgelassen, als sie merkten, dass sich Wege gabeln können, dass der Umweg des Einen nicht der Umweg des Anderen sein muss, dass man sich sehr lange in einem vorher ungewohnten Gefühl bewegen kann, für das man erst einen Begriff suchen muss und dann einen findet, der sich zu eignen scheint, Einsamkeit. Und dass man sich doch wundersamerweise wiederfinden kann, hinter einer Wegbiegung, im freien Gelände, dort, wo vielleicht jetzt er verstört herumstand und sich fragte, an welchem Punkt seiner Entscheidungen, die ihm so zwingend erschienen waren, er sie aus den Augen verloren hatte. Vielleicht streckte sie ihm die Hand entgegen, und er ergriff sie.

Vielleicht werden sie noch eine Weile so weitergehen, jetzt als eine Einheit, ein nicht mehr zu trennendes Ganzes, denn er hat die besseren Augen und sie hat die besseren Beine. Wie gut, dass sie das Loslassen schon geübt haben, viele Male, von denen sich jedes Mal angefühlt hat, als wäre es das letzte Mal. Und vielleicht wird die Hand, die übrig bleibt - ihre oder seine -, sich erinnern an die andere Hand, deren Abdruck immer da sein wird, in den Klüften und Spalten des Handtellers. 

Sie wird warm sein, diese eine übriggebliebene Hand.


Donnerstag, 7. Oktober 2021

Sarah Lesch "Das mit dem Mond"

 

 

Wieder einmal die fabelhafte Sarah Lesch, die hier lange nicht zu hören war. Nicht neu, aber aktuell. Melancholie und Hoffnung, Bitterkeit und Trotz, Dunkelheit und Licht gleichzeitig auszudrücken, ohne kitschig zu werden - das muss man erst mal können. 

Vielleicht war die Wahrheit erträglich
Vielleicht sind die Schulden egal
Vielleicht sind wir gar nicht so hilflos
Vielleicht haben wir eine Wahl
Vielleicht geht man tanzen
Vielleicht hat man Arbeit
Und versucht, die Angst zu vergessen
Vielleicht hat man heute Nacht jemand verloren
Vielleicht hat man selbst nichts zu Essen.

 

Sonntag, 3. Oktober 2021

Der Hypnotiseur


Er steht auf dem großen Platz, umringt von Menschen. Ein Campingstuhl mit buntem Bezug, ein riesiger Aufsteller mit seinem Foto und dem, was er hier anbietet: BLITZHYPNOSE. Kleiner darunter: kostenlos. Auf seinem T-Shirt steht vorsichtshalber "Spaßhypnose"; die Polizei patrouilliert hier gern, und wir haben schließlich Gesetze, die alles, was nur entfernt an das erinnert, was in Arztpraxen gehört, außerhalb von diesen verbieten.

Ein Zuschauer weiß nicht recht, ob er sich zu dem Spaßerlebnis entschließen soll, der Hypnotiseur redet, der Mann zaudert, der Hypnotiseur macht eine entnervte Handbewegung und wendet sich ab, der Mann will nun eher doch, vielleicht ist er in seinen Überlegungen schon zu weit gegangen, hat sich den Spaß schon zu lebhaft ausgemalt, um ihn ohne Bedauern aufgeben zu können, auch hat er sich wohl in den Augen der anderen Zuschauer schon zu weit vorgewagt in Richtung Stuhl, sicher spürt er die drängenden Erwartungen derer, die ihn umgeben, da will er sich vielleicht keine Blöße geben und als Feigling dastehen, also macht er beherzt ein paar Schritte nach vorn, wo auch gleich der Hypnotiseur steht und ihn mit einem Händeschütteln empfängt.

Er schwingt den rechten Arm des Mannes mit seiner Linken wie einen Pumpenschwengel, lebhaft kreisend, sehr herzlich, geradezu überschwänglich, ein fröhliches Begrüßungsritual unter allerbesten Kumpeln, die sich lange nicht gesehen haben, hey, Alter, toll, dich zu sehen, mit der Rechten klopft er ihm auf die Schulter und lässt ihn dabei nicht aus den Augen, überhaupt scheint der Augenkontakt das Entscheidende zu sein. Dabei murmelt er in einer beruhigenden, geradezu einschläfernden Tonlage Sätze, deren Wortlaut nicht zu verstehen ist, die reiner Klang sind, reine Frequenz, auf die nun offenbar der Mann, der bemurmelt wird, eingestimmt ist, und in einer weichen fließenden Bewegung sinkt sein Kopf auf die Schulter des Hypnotiseurs. Er schläft. Mitten auf dem lebhaften Platz an einem sonnigen Herbstnachmittag. An der Schulter eines ihm völlig Unbekannten.

Der flüstert nun in sein linkes Ohr, in so ein Ohr passt viel hinein, es bleibt ja nicht drinnen, sondern fließt wie durch einen Trichter in Geist und Körper und vor allem ins Herz, in das nicht so viel hineinpasst, aber sowas merkt man ja immer erst, wenn es zu spät ist. Der Hypnotiseur tippt nun dem Mann, der immer noch schlafend in Regionen weilt, in denen er hoffentlich den erwarteten Spaß hat, auf das dritte Auge und geleitet ihn in den Stuhl, wischt mit einer Handbewegung seine Assistentin herbei, das Weitere zu übernehmen, und ich denke, die Frau kommt mir bekannt vor. Was unwahrscheinlich ist, denn ich kenne keine Hypnotiseure. Aber dann dreht sie mir den Rücken zu, auf dem T-Shirt steht freundlicherweise - hier geht es absolut korrekt zu - ihr Name, und ich sehe, ich kenne sie sehr wohl. Vor vielen Jahren ist sie eine Zeitlang in die Meditationsgruppe gekommen, die ich damals leitete.

Sie hat also eine Praxis aufgegeben, die von einem Lehrer übermittelt wurde, der gesagt haben soll: "Seid euch selbst ein Licht." Der seine Schüler aufforderte, selbst zu prüfen, selbst zu denken und nichts anzunehmen, das nicht durch eigene Erfahrung als wahr empfunden wird. Ein Lehrer, der sich selbst nicht als Lehrer sah, denn was ist das für ein Lehrer, der dazu ermuntert, nur der eigenen inneren Autorität zu gehorchen. Sie hat diese Freiheit und Klarheit des Geistes - die nicht leicht zu erringen ist und erschreckend sein kann, weil man früher oder später für die erkannte Wahrheit einstehen muss, und das kann einen ziemlich einsam machen -, hat diese Möglichkeit der Befreiung also eingetauscht gegen die Suggestion. 

 


 

Inzwischen ist der Mann im Campingstuhl erwacht und sieht erfreut aus. Vielleicht hat er ja etwas erlebt, das ihn bereichert hat. Ich kann mir das durchaus vorstellen; Menschen gehen unterschiedliche Wege. Hinter mir rauschen die Fontänen hoch. Es gibt dort so einen Springbrunnen, dessen in den Boden eingelassene Düsen minutenlang harmlos vor sich hinblubbern, um plötzlich und ohne Vorankündigung ihre Wassermassen in den Himmel zu schießen, und wehe, man steht gerade dazwischen. Dann kann man eine wertvolle Wahrheit erfahren: Gerade das, was so harmlos aussieht, so nach Spaß, kann sich blitzschnell ins Gegenteil verkehren.

An die Schulter des Hypnotiseurs sinkt gerade eine junge Frau. In einem Alter, in dem man noch so weich und beeinflussbar ist, so empfänglich für Suggestionen. Ich wende mich ab. Die Menschen gehen unterschiedliche Wege. Die Bedrückung, die ich verspüre, ist ganz allein meine.

 

Donnerstag, 30. September 2021

Lichtgetränkt

 


Als ich dieses Foto betrachtete, das ich in Colmar gemacht habe, dachte ich: Ja, so gleiten wir allmählich hinein in die dunklere Zeit, getränkt vom Licht des Sommers. Über den wir uns dauernd beschwert haben, aber es gab ihn doch mit seinen langen hellen Stunden.

So viel Licht, das wir mitnehmen können in die kurzen Tage, wenn der Regen an die Scheiben prasselt und wir mit Socken an den Füßen und Schals um den Hals nah an der Heizung sitzen. 

Wir müssen uns nur daran erinnern, dass das Licht jetzt nicht mehr außen, sondern innen ist.

 

Samstag, 25. September 2021

Grenzen setzen

Von den Disteln lernen ...
 
 
"Zahllose Praktizierende werden auch heute noch mit der Erfahrung beschenkt, dass alles mit allem verbunden ist und es die Grenzen, die unsere Augen sehen, nicht gibt. Aber diese Erkenntnis ist nicht das letzte Ziel einer authentischen spirituellen Schulung. Die berühmten Ochsenbilder des Zen enden auch nicht auf einem Berggipfel, sondern mit der Rückkehr auf den Marktplatz. Die Frage ist: Wie setzt der Schüler seine Erfahrung im ganz gewöhnlichen Alltag um. In dem es Grenzen aller Art gibt, die wichtig und sogar lebenswichtig sein können."

Dies ist ein Auszug aus meinem Beitrag "Gut für sich selbst sorgen" im Magazin Ursache\Wirkung Nr. 113. Der Text steht jetzt in voller Länge online hier (klick).


Mittwoch, 22. September 2021

Straßenpoesie

 

Die Welt erzählt Geschichten. An jeder Straßenecke, auf jedem Balkon, in jedem Fenster sitzt eine. Manche Geschichte ist nur eine Sekunde lang, andere Geschichten sind eher romanhaft angelegt. Sie alle wollen gefunden und erzählt werden. Denn, wie die Native Americans sagen: "Everything forgotten returns to the circling winds."


 

 

Meine Kamera ist ein Geschichtenfänger. So etwas wie der Traumfänger der indigenous people, nur in optischer Ausführung. Einmal in der Woche mache ich mich auf, Straßenpoesie einzufangen. Ich nenne es "Sehen gehen". 

 

 

 

Straßenpoesie ist nicht dazu da, erklärt zu werden. Sie ist eine Momentaufnahme, Rohmaterial für die Träumerei. Sie will weitergesponnen, weitererzählt werden. Nicht in dem Sinn, dass ich wissen muss, was hier vor sich geht. Ich will es nicht einmal wissen.

 


Straßenpoesie ist Metapher. Im Gegensatz zur sachbezogenen Rede, die (hoffentlich) das meint, was sie sagt, öffnet sich die Metapher dem großen Raum der Bedeutungszusammenhänge. Die Metapher ist mehrdeutig, sie spiegelt die Verbundenheit all dessen, was ist. Das Außen ist zugleich das Innen, das Hier ist auch das Dort. Die Metapher ist der sprachliche Ort, der vom Licht aus einer anderen Dimension beleuchtet wird.



Und dann so viele Anregungen, die man auf der Straße findet. Ob mein Friseur das nächste Woche auch so gut hinkriegt? Einen Teil der Bilder habe ich übrigens in Colmar gemacht, wo ich unterwegs war mit der sympathischen Fotografin Lian Siekman. Hier (klick) ist ihre Website mit schönen Fotos (ach, ich muss noch viel üben ...) und interessanten Angeboten.


Donnerstag, 16. September 2021

Fünf besondere Bücher

Raynor und Moth haben durch Gutgläubigkeit ihre Farm verloren, und Moth hat eine unheilbare Krankheit. Sie sind obdachlos, packen ihre Rucksäcke und wandern den 1000 km langen South West Path an der englischen West-Südküste. Zelten in der Wildnis, leben von Instant-Nudeln und Pommes, erfahren Hilfsbereitschaft und Aggression. Dieses Backpacker-Paar Anfang Fünfzig besitzt nichts mehr und hat keine Zukunft, die Knochen schmerzen, die Schlafsäcke sind zu dünn, Iboprofen wird in Mengen genommen, aber welch eine tiefe Liebe haben sie zum Wind, dem Meer, den Vögeln. Sie leben radikal im Augenblick, und am Ende werden sie stark sein, auch Moth. "Das Leben findet jetzt statt, in dieser Minute. Es ist alles, was wir haben. Es ist alles, was wir brauchen." Raynor Winn "Der Salzpfad", Dumont, als TB bei Goldmann 

 

Dr. Wolf-Dieter Storl, Kulturanthropologe und Ethnobotaniker, ist einer der seltenen Wissenschaftler, die nach tieferen Antworten für die Phänomene der Natur suchen. Er hat von den Medizinmännern der Indianer und den indischen Sadhus gelernt, fünf Jahre in einer anthroposophischen Gemeinschaft als Demeter-Gärtner gearbeitet, kennt sich mit Schamanenpflanzen und Heilkräutern ebenso aus wie mit heimischem Gemüse und erzählt in diesem Buch - seiner "Lebensernte" - fesselnd, klug und sehr persönlich von Pflanzen, Tieren, Märchen, Jahreszeiten und seinen Reisen. Und er berichtet über seine Wahrnehmungen "an der Schnittstelle zwischen unserer Seele und den nicht-materiellen inneren Dimensionen der Natur". Ich mag alle seine Bücher; wer Storl kennenlernen will, sollte mit diesem anfangen. Wolf-Dieter Storl "Einsichten und Weitblicke", mit Fotos seiner Tochter Lisa Storl, AT Verlag

  

Als Helen Macdonalds Vater gestorben ist, richtet sie sich einen Habicht ab, den sie Mabel nennt. Was als Trauerarbeit gedacht war, wird zur Besessenheit. Helen zieht sich zurück aus der Welt der Menschen; die symbiotische Beziehung zu Mabel droht, selbstzerstörerisch zu werden. Schließlich geht sie mit Mabel jagen und treibt dem Habicht Kaninchen und Fasane als Beute zu. Immer wieder fragte ich mich: Geht das, darf man so mit einem wilden Tier verschmelzen? Aber das Buch ist umwerfend in Sprache und Form - wild, betörend schön und traurig, klug und hellsichtig. "Der Sog des Habichts, meine uralte Sehnsucht, die Dinge aus der Perspektive des Greifvogels betrachten zu können. Ein sicheres und einzelgängerisches Leben zu führen." Helen Macdonald "H wie Habicht", als TB bei Ullstein

 

 

Erschienen bereits 1999, von mir leider erst jetzt entdeckt. Alexander wächst in der Nachkriegszeit in der spießigen Enge der holländischen Provinz auf in einer Lumpensammlerfamilie, in der er sich fremd und verlassen fühlt. Seltsamerweise wird er gezwungen, bei einem Fest Klavier zu spielen und wird dabei Zeuge eines Mordes. Bis in sein Erwachsenenleben verfolgt ihn das Trauma, der Mörder könnte ihn erkannt haben und töten wollen. Trost findet er in der Musik, er wird ein berühmter Pianist. Auf seiner Suche nach der Wahrheit dessen, was damals geschah, kommt er einem Geflecht aus Schuld und Verrat auf die Spur, das bis in die Kriesgzeit reicht. Was für ein großartiger Roman. Maarten 't Hart "Das Wüten der ganzen Welt", Piper Verlag

 

 

Alex ist Ex-Fußballprofi und Lehrer in Sinderby. Zusammen mit dem Schuldirektor, einem Exilungarn und Philosophen, will er mit dem örtlichen Fußballverein die englische Meisterschaft gewinnen. Er stellt ein schräges Team zusammen: Einen Torhüter, der gerne aufräumt, einen depressiven Stürmer und den Pfarrer, dessen Schwester eine Zeugin Jehovas ist. Sie haben nicht mehr als eine Wiese zur Verfügung, werden von gegnerischen Mannschaften verhöhnt, stolpern sich durch die Qualifikationsspiele und schaffen es tatsächlich bis ins Wembley-Stadion. Das ist kein Roman über Fußball, sondern eine hinreißende Geschichte über Außenseiter, die ihren Traum wahrmachen. Humorvoll, liebevoll und weise - denn sie wissen auch sehr gut, dass sich Träume nicht wiederholen lassen. J.L.Carr "Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten", Dumont Verlag
 


Freitag, 10. September 2021

Muße

 

Ich habe lange nichts mehr über die Muße geschrieben. Früher habe ich das oft getan, auch für den SWR ("Muße", SWR 2 Leben, 2011), aber die hatten leider nicht die Geduld (= verwandt mit der Muße, sich wechselseitig befruchtend, deshalb genauso selten wie die M.), die Sendung länger als unbedingt nötig online zu lassen, sodass sie nicht mehr zu hören ist.

Die Muße ist vor ein paar Monaten aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich bin mit endlos langen To-do-Listen durch die Gegend gelaufen, die so wichtige Dinge enthielten wie "Auto zum TÜV", "Keller aufräumen", "Kaffeemaschine reparieren lassen". Jetzt aber war ich mal wieder in einer Buchhandlung. Da standen lauter Bücher in den Regalen, die sich in irgendeiner Form mit dem Nichtstun befassen: "Nichts tun" von Jenny Odell zum Beispiel, ein, wie mir schien, ziemlich akademisches Buch (vielleicht irre ich mich da auch), oder "Niksen, das neue Lebensprinzip aus den Niederlanden" und ein Buch zum "effektiven Arbeiten durch Nichtstun". 

Ach herrje. Als Gegensatz zur Hektik und dem Getriebensein der Menschen im Alltag fällt den Autoren nur das Nichtstun ein. Eine sprachliche Verneinung für einen Zustand, den sie doch, nehme ich an, positiv besetzen wollen. Mir scheint, diese Autoren wollen ihren Lesern versichern, dass ihre Vorschläge so radikal nicht sind; man dürfe also ihre Bücher guten Gewissens kaufen, sie werden nicht gleich das ganze Leben umkrempeln. Höchstens ein wenig verschönern. Denn im Hintergrund lauert immer das protestantische Ethos des Schaffens und Tätigseins; auch das Nichtstun muss ja zu etwas führen, nämlich zum "effektiven Arbeiten".



Muße ist ganz bestimmt keine "neue Lebensform". Bereits in der Antike galt die Muße als höchste Lebensweise, denn sie führte zu Erkennen und Einsehen. Eine Lebensweise, die als gut und wahr angesehen wurde, als glückselig machend und vollkommen, weil sie ihren Zweck in sich selbst hatte. Muße ist der Zeit-Raum, in dem der Mensch seinen eigenen Bedürfnissen folgt und nicht einem äußeren Zwang. Die Forderung nach Nützlichkeit vernichtet jede Muße.

Goethe geht in einem seiner Gedichte im Walde so vor sich hin und bemerkt: "... nichts zu suchen, das war mein Sinn." So geht der Müßiggänger. Wer nichts sucht, gibt den Dingen der Welt Gelegenheit, ihn zu finden. Muße ist weder Faulheit noch Entspannung oder Erholung, sondern der weite Raum der geistigen und körperlichen Freiheit, in dem Dinge geschehen können, die wir uns nie hätten ausmalen können. Da fällt plötzlich ein Sonnenstrahl aus dem düsteren Himmel und lässt für einen Moment unsere Vorortstraße aufleuchten. Eine Taube spaziert zur Balkontür herein, ein unbekannter Radfahrer ruft uns im Vorbeigehen zu, dass er unser Sommerkleid hübsch findet. Und wir nehmen das alles beglückt wahr, weil wir im Zustand der Muße sind.

Muße zu haben heißt, in die Zeitlosigkeit eingetreten zu sein. Die Zeit des Müßiggängers ist der endlose Augenblick, der weder entsteht noch vergeht. Die Müßiggängerin will die Welt nicht besitzen oder benutzen, wartet nicht einmal auf "Inspiration" oder "Anregung", um das in ihrem Geist Angeregte möglichst schnell und gewinnbringend in Taten zu verwandeln. Muße ist Lassen und Zulassen, ist Geschehenlassen und lädt die Gelassenheit ins Leben ein. 

Bitte pflegt Zeiten der Muße und überhört gelassen die (neidischen!) Kommentare, die unsere Zeitgenossen euch aus dem Hamsterrad zurufen. Sie wissen es nicht besser. Sie verdienen unser Mitgefühl.