Donnerstag, 21. Januar 2021

Ein Baum geht seinen Weg


Ich entdeckte ihn im Schlosspark meines kleinen Ortes im Frühjahr, als ihn das Laub seiner Kollegen noch nicht verdeckt  hatte. Ich war beeindruckt: Ein Baum mit Lebensgeschichte. Etwas oder jemand hatte sich ihm vor Jahrzehnten - oder waren es Jahrhunderte? - in den Weg gestellt. Man kennt das aus dysfunktionalen Familien: Einem Familienmitglied wird aus Neid und Eifersucht die Entfaltung verwehrt. Ein schwacher Charakter wird dann resignieren und verkümmern. Ein starker lässt sich nicht unterkriegen, dem fällt eine Lösung ein.

Ich stelle mir die vor Kraft strotzenden Riesen vor, die dem Bäumchen nicht das Licht für seine Photosynthese gönnten. Der Wald ist voll von solchen selbstherrlichen Diktatoren (habe ich von Deutschlands Lieblingsförster Peter Wohlleben gelernt). Null Chance also für den Nachwuchs, aber hey, der Kleine ist klug. Dort links von ihm hat der Blitz einen der Egozentriker gefällt, und Bäumchen nutzt seine Chance. Wächst beharrlich in Richtung Lücke, was zwar ein paar Jahrzehnte in Anspruch nimmt, aber als Baum hat er ein anderes Verständnis von Zeit. Leider ist es nach oben hin auch dort ziemlich voll. Geduld ist angesagt, die hat er zur Genüge, und dann kommt seine Chance: Ein Sturm lässt den Nachbarn ächzend zu Boden sinken, und der Weg nach oben ist frei.

 

 

Im Sommer besuchte ich meinen Baum erneut und erkannte ihn kaum wieder. Er stand im Kreis seiner Geschwister, Cousins und Cousinen, die ihn vollkommen mit Grün umlaubt hatten. Ein Gerüsche und Gewoge von Blättern umgab seine Einzigartigkeit und löschte sie aus. Auch das kennen wir aus Menschenfamilien: Wehe dem, der herausragt aus der allgemeinen Mittelmäßigkeit - der wird die Macht des Kollektivs kennenlernen.

Im Oktober war ich wieder da. Ich hatte es schon geahnt: Die kleinen Geschwister waren nichts als Blender gewesen. Die ganze grüne Prachtentfaltung hatte nur dazu gedient, ihre Mickrigkeit zu kaschieren. Aber er, mein Baum, schwang sich in seinem eleganten Bogen weit über sie hinaus. Vor Jahren schon hatte er Nachwuchs gezeugt (der Begriff passte nie besser als hier), ein stolz aus der Biegung seines Körpers aufragendes Bäumchen. Vielleicht wollte er zeigen, dass er auch das Gerade hinbekommt, nicht nur das Krumme. Aber ich sehe das anders: Mein Baum hat ein Einhorn zur Welt gebracht. 

Wenn ich müde bin vom erneuten Lockdown, den Kontaktbeschränkungen, dem Maskenzwang, besuche ich meinen Baum und das kleine Einhorn. Ich tue das vorschriftsmäßig im Einklang mit den Corona-Regeln, als die eine Person, die einen Haushalt besuchen darf. Bei den beiden atme ich auf. Sie leben in einer weiträumigen Zeit. Was sind schon Monate? Die beiden rechnen in Jahrzehnten.

Und meinen im Moment angeblich so gefährlichen Atem verwandeln sie in heilsame Terpene, die sie mir mit der für die Gattung Baum bekannten Güte zurücksenden. 

Geht zu den Bäumen, meine Lieben.


Samstag, 16. Januar 2021

Aufmerksamkeit schenken

 

In der Nacht zum Freitag fiel bei uns im Südwesten eine seit Jahren nicht mehr erlebte Menge Schnee. Gestern ging ich mit meiner Kamera über die Hügel und schaute mir die verwandelte Landschaft an. Viele Menschen waren unterwegs, Kinder rodelten, Hunde tobten. Dreimal begegnete ich dem Traktor vom Bauernhof, der an einer langen Leine (im vorgeschriebenen Abstand von einem Meter fünfzig!) drei Schlitten mit johlenden jungen Männern über die Hügel schleppte. Der letzte fiel, kurz bevor ich den Auslöser betätigte, in den Schnee und musste rennen.

 

 

Ich war - mitten im Lockdown - in eine Gemeinschaft glücklicher Menschen geraten. Und da begriff ich, warum es so schwer ist, zu erklären, was Achtsamsein bedeutet. Das hatte nur indirekt zu tun mit dem so plötzlich und unfreiwillig von der Leine gelassenen Schlittenfahrer (ich glaube, da waren vorher ein paar Flaschen Bier geleert worden). Ich begriff, dass wir ein Sprachproblem haben. Wenn ich sage, dass "ich" achtsam "bin", fehlt in dem Satz etwas - nämlich der gesamte Rest der Welt. Das ist ziemlich viel. Und weil Sprache unser Denken formt, überprüfe ich für mich jetzt eine andere Formulierung: Ich schenke Aufmerksamkeit. 

Wem? Was? Der Satz erfordert zwingend ein Reflexivpronomen. Und schon ist die Welt mit drin in der Aussage, wird einbezogen. Der Satz ist unvollständig ohne das "Gegenüber", ohne etwas, das nicht ich bin, das aber dadurch, dass ich ihm etwas schenke, hineingenommen wird in den gemeinsamen Raum, der jetzt entstanden ist.

 

 

Wäre das nicht eine Übung für den Lockdown, der, wie das Gerücht es will, verlängert und verschärft werden soll? Aufmerksamkeit schenken - vielleicht einfach nur dem Restchen Schnee am Zaun. Schon ist man nicht mehr allein, sondern mindestens zu zweit. Und wenn man es schafft, noch länger Aufmerksamkeit zu schenken, wird vielleicht auf einmal der Satz ganz klar: das Universum ist in einem Sandkorn zu finden.

Warum dann nicht in einem Bällchen Schnee?


Dienstag, 12. Januar 2021

Januarnacht

 
Auf fernen Höfen
bellen Hunde
in der Nacht
 
Was wüsste ich
von diesem schwarzen schweigend
sich über die Tannen wölbenden
Nichts dem Raum
in den die Sterne lautlos fallen
was wüsste ich
vom Schlaf der Dinge
zwischen zwei und drei
vom Berg von dem
kein Stein schlägt
 
würden sie nicht die Stille bewachen
die bellenden Hunde
auf den unbekannten
Höfen in der Nacht 

(aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)
 

Samstag, 9. Januar 2021

Arte: "Welt auf Abstand"

 

"Die Welt atmet aus, weil die Menschen zu Hause bleiben." Poesie, Schönheit und Melancholie eines besonderen Jahres.

In der Arte Mediathek noch bis 8. März: "Welt auf Abstand. Reise durch ein besonderes Jahr". Bilder aus einer Welt, die stillsteht. Unbedingte Empfehlung!

Auf youtube oder in der Arte Mediathek:

https://www.arte.tv/de/videos/098771-000-A/welt-auf-abstand/

 

Montag, 4. Januar 2021

Vierzig Jahre - rückwärts und vorwärts

 

In meiner Straße wurde die Litfaßsäule entkleidet. Wie das so ist, wenn man sich lange nicht ausgezogen hat: Es kommt ziemlich viel alte Unterwäsche zum Vorschein. Wie gut doch Udo Lindenberg einst aussah - das würde man heute gar nicht mehr glauben. Von oben linst der junge Peter Alexander (oder Stephan Sulke?) auf mich herab, und ist das dort unten nicht - wie hieß der doch gleich, ach ja, Howard Carpendale (oder Klaus Hoffmann?)? Und diese allgegenwärtigen Plakate, dramatisch rot umrandet, mit denen man eifrig nach Terroristen fahndete - übrigens, das muss man heute extra erwähnen, kam der Terrorismus damals von links. Jedenfalls erzählte man uns das so.

Ich stehe davor und schaue mir meine Vergangenheit an. 

Und stelle mir vor, wie in vierzig Jahren unsere Kindeskinder amüsiert die Jahre 2020 und 2021 anschauen werden, die natürlich nicht auf Herrn Litfaß geklebt sein werden, sondern im Internet konserviert sind für die nächsten tausend Jahre.

 

 

Sie scrollen sich durch die Bilder und denken: Ach ja, damals herrschte diese sogenannte Pandemie, von der alle überrascht und überrumpelt wurden. Da gab es diesen Gesundheitsminister, wie hieß der doch gleich, der später längst nicht die Karriere gemacht hat, die man ihm damals prophezeite. Ging zu viel schief in seinem Management. Die mit Auftrittsverbot belegten Künstler versuchten ohnmächtig aus dem heimischen Wohnzimmer heraus, singend, tanzend und musizierend unvergesslich zu bleiben, während der meistgehypte Typ der Zeit, ein Virologe, auf allen Kanälen zu sehen war, obwohl er das finanziell nicht nötig hatte, er war festangestellt. Die Menschen auf der ganzen Welt sahen auf einmal aus wie Japaner, weil sie Masken tragen mussten, wogegen es maßlos wütende Demonstrationen gab. Sozusagen über Nacht wurde ein Impfstoff auf den Markt geworfen und hektisch in Milliarden Oberarme gerammt, obwohl man nur eine vage Ahnung von möglichen Nebenwirkungen hatte und es nicht einmal klar war, wogegen man da impft: gegen die Ansteckung, gegen das Angestecktwerden oder einfach nur gegen einen dramatischen Verlauf.

Alles in allem peinlich unbedarft und naiv.

Uns, denken unsere Kindeskinder beim Anblick der vierzig Jahre alten Fotos, kann das alles nicht mehr passieren. Die Pandemie-Breitband-Impfung gegen sämtliche damals mutierten Erreger und alle weiteren, die im Lauf der folgenden zwei Jahrzehnte auftraten, wird bereits unseren Einjährigen verabreicht. Weltweit sind die Menschen durchgeimpft. Allerdings ist es reine Spekulation, unsere Anfälligkeit für andere schwere Krankheiten und unser allgemeines Unwohlgefühl auf diese Impfung zurückzuführen. Nein, da gibt es durchaus andere Gründe, die Umweltverschmutzung, das Sterben des Winters, die allgemeine Erhitzung und so weiter. Und überhaupt ist es vermutlich ein Gerücht, dass sich unsere Großeltern vor vierzig Jahren noch heimisch gefühlt haben in ihrem Körper. Ein Gerücht wie jenes, dass es damals noch Schnee gegeben haben soll im Harz und im Schwarzwald und so.

Denken sich unsere Kindeskinder beim Betrachten unserer alten schmutzigen Unterwäsche, die wir ihnen hinterlassen haben.


Donnerstag, 31. Dezember 2020

Raunächte, die heilige Zwischenzeit

Wir befinden uns in den Raunächten. Rau wie kratzig, pelzig (die Kürschnerei stellt ja auch "Rauchwaren" her)? Zu dieser Interpretation passt die Göttin Percht mit ihren wilden, in Zottelpelze gewandeten Kerlen, die in bayerischen Dörfern in dieser Zeit durch die Nacht tobt (die Dorfburschen reißen sich um die Rollen). Aber vielleicht bezieht sich der Begriff doch auf das Räuchern, denn noch heute wird im Alpenraum in vielen Bauernfamilien Stall und Haus geräuchert. Die heiligen Kräuter entfernen alte schlechte Energien und weihen gleichzeitig das jetzt reine Haus.

Die Raunächte sind eine Zwischenzeit, eine sozusagen geschenkte Zeit. Früher war der Beginn des neuen Jahres in weiten Teilen Europas der 6. Januar, das Jahresende aber der 24. Dezember - es fehlten also zwölf Tage. Erst Papst Innozenz XII legte 1691 den 31. Dezember als letzten Tag des Jahres fest.

Sich besinnen, Altes abschließen, Belastendes loslassen, die Träume beobachten, sich und das Haus reinigen und damit das Neue einladen - das ist die Symbolik der "Zeit zwischen den Jahren". Seit ich in einem einhundertfünfzig Jahre alten Bauernhof im Schwarzwald gelebt habe, räuchere ich mit Beifuß und Wacholder - weil sich dunkle Energien angesammelt haben oder wieder mal vom Vermieter geschickte Handwerker aller Art in meiner Wohnung herumgetrampelt sind.

Die letzte Raunacht ist die vom 5. auf den 6. Januar, sie endet mit dem Fest der "Heiligen Drei Könige", die angeblich dem Stern gefolgt sind und dem Kind in der Krippe Gold, Weihrauch und Myrrhe dargebracht haben. Wie sind die bloß in die Legende geraten? Die Bibel kennt sie nämlich nicht. Bei Markus sind es "Sterndeuter", die das Kind besuchen, bei Lukas die Hirten vom Felde. Es gibt kluge Frauen, die auf diesem Feld forschen und mutmaßen, dass hier die uralten keltischen Weisen Frauen Ambeth, Wilbeth und Borbeth - man nannte sie die drei Bethen - von der Kirche vereinnahmt und vermännlicht wurden. Es wäre nicht die erste Aneignung dieser Art.


Nachdem die drei Weisen Frauen nach den zwölf Tagen der Zwischenzeit das Haus gesegnet und geweiht haben, erscheint der friedvolle Freyr, Zwillingsbruder der Göttin Freya, mit seinem starken Eber, dessen Borsten golden sind wie die Sonne, und schiebt mit seiner Kraft das Jahresrad wieder an.

Keine drei Weisen Frauen in unserem Leben? Aber eine doch sicher, die immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht - die Freundin, Schwester, Mutter, Nachbarin. Kein Eber weit und breit zur Verfügung? Aber warum verkaufen die Bäcker in diesen Tagen rosige schielende "Glücksschweinchen"? Genau: In ihnen verbirgt sich die alte Symbolik des Ebers mit den goldenen Borsten. "Weihen" wiederum kommt vom Althochdeutschen "weich" und bedeutet "heilig". Alles, was wir als heilig betrachten, ist es auch. Das Weihen geschieht in unserem Geist, wir brauchen niemanden, der es für uns tut.

Wir sind seit Urzeiten eingebunden in den Jahreslauf und nicht allein.

Am Ende dieses so schwierigen Jahres wünsche ich euch deshalb für das neue Jahr "viel Schwein". Und einen klaren, lichten Geist, der das Heilige um uns herum erkennt.

Wir sehen uns wieder im nächsten Jahr an dieser Stelle. Macht es Euch schön bis dahin.

 

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Ein beglückendes Weihnachtsfest

 

Vielleicht könnt ihr an diesem besonderen Weihnachtsfest erfahren, wie beglückend Stille und Einfachheit sind. Und wenn ihr alleine feiert, aus den zeitbedingt bekannten Gründen, entdeckt ihr vielleicht, dass Alleinsein nicht dasselbe ist wie Einsamkeit. 

Mein Ritual am Heiligen Abend ist seit Jahrzehnten - auch wenn ich irgendwo als Gast erwartet werde -, bei Einbruch der Dämmerung durch die Straßen meines Viertels zu gehen und mir die Lichter in den Gärten und Häusern anzusehen. Ich sehe Menschen, die Kerzen am Baum entzünden, in einer Küche steht ein Mann mit Schürze im Dampf, der aus einem Topf steigt, zwei Kinder drücken ihre Nasen an die mit Papiersternen geschmückte Scheibe ihres Zimmers. Und ich sitze mit unter jedem Baum, rühre im Topf und warte gespannt mit den Kindern auf die Bescherung. 

Ich gehöre dazu. Zu allem und zu allen. Das Wissen um die All-Verbundenheit ist immer da, aber erst jetzt, in der Stille und scheinbaren Leere dieser besonderen Nacht, die tatsächlich höchste Fülle ist, kann ich meinen Geist weit öffnen. Für eine halbe Stunde brauche ich die schützende Haut, die ich mir im Alltag überstreifen muss, nicht mehr. Nie bin ich weniger allein als am Heiligen Abend um fünf Uhr, auf den Straßen meiner Stadt.

Mit Yo-Yo Ma und Alison Krauss und dem alten irischen Wexford Carol wünsche ich euch stille und beglückende Weihnachtstage.


Montag, 21. Dezember 2020

WDR 5: Kintsugi - die Schönheit des Zerbrochenen

 

Feature in WDR 5, Dienstag, 22. Dezember, zwischen 10 und 11 Uhr: Kintsugi - die Schönheit des Zerbrochenen" von Isabel Schneider. Kintsugi - die japanische Kunst, zerbrochene Keramik mit Hilfe von Goldpuder zu neuer Schönheit zusammenzusetzen - ist für mich ein Symbol für Lebenskunst. Im Jahr 2017 habe ich einen Blogbeitrag dazu geschrieben: hier (klick).

Im Feature stellt Isabel Schneider die Tradition und zeitgenössische Variante des Kintsugi vor und spricht mit mir darüber, wie man nach einem Schicksalsschlag sein Leben zu einem Kintsugi machen kann. 

Die Seite zur Sendung findet sich hier (klick).

Der Podcast zum Hören der Sendung hier (klick). 


 

Im Juli nächsten Jahres gebe ich übrigens ein Retreat zu diesem Thema im schönen Intersein-Zentrum im Bayerischen Wald: Kintsugi, die Schönheit des Zerbrochenen . Mehr dazu hier (klick).

Freitag, 18. Dezember 2020

Die Ein- und Zweisamen

 

 

Man sieht sie jetzt überall, die Ein- und Zweisamen, aus ihren vertrauten Gruppen gepflückt von einer Pandemie und der Verordnung der Landesregierung. Einige wirken, als würden sie gerade erst aufwachen, sie blicken sich verstohlen um. So viel Wald war in ihrem Leben noch nie. Seit Jahren marschieren sie hier stramm mit ihren Wander-Kameraden hindurch, aber jetzt ist da auf einmal alles voller Holz und Moos, das sie nie bemerkt haben, und dann so ein Licht. So ein schräg einfallendes Licht, das direkt aus dem Geheimnis zu kommen scheint. Sie sind sich nicht sicher, ob sie Geheimnisse mögen, zumal solche, die in fremder Gegend lauern. Und sie sind mit dem Geheimnis allein, höchstens zu zweit, was sich aber auch sehr allein anfühlen kann.

Einige Einzelne haben sich einen Hund mitgebracht. Ein Hund ist gerade in dieser Zeit und gerade an diesem Ort enorm tröstlich. Hin und wieder gibt so ein Hund Laut, das ist seine Aufgabe, das soll und muss er tun, und der Einzelne fühlt sich gleich vor dem drohenden Überfall des Geheimnisses gut beschützt. Denn es ist ja so still hier (wo sind die Vögel? Sollten hier nicht Vögel sein?). 

Aber es riecht so gut. Es atmet sich so leicht. Der Boden federt unter den Schritten. Heute Nacht wird man gut schlafen können, seit Langem wieder einmal richtig gut schlafen. Man könnte wiederkommen, es ist ja sonst nichts los. 

Warum sollte man nicht morgen wiederkommen.


Samstag, 12. Dezember 2020

Atmen


Meine liebe Freundin H. wird im Frühjahr achtzig Jahre alt. Ich kenne sie seit Jahrzehnten und freue mich an ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem unermüdlichen Einsatz für andere als Lehrerin des Dharma. Als ich sie im Sommer sah, war ich etwas besorgt und bat sie, sich zu schonen. Auch ich musste in letzter Zeit erkennen, dass ich nicht mehr die Kraft einer Dreißigjährigen habe. Drei Monate später bekam meine Freundin eine schwere Lungenentzündung. Am Telefon erzählte sie mir, dass sie in der kritischen Zeit nur dies praktiziert habe: "Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme."

Jeden Morgen biete ich in meinen Retreats eine geführte Meditation an, und jede Meditation beginnt mit diesem Satz. Weil er in großer Schlichtheit sagt, worauf unser Leben beruht.

In Genesis 2,7 heißt es: "Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem." Das westgermanische Wort "Atem" ist verwandt mit dem altindischen "Atman", was die unzerstörbare ewige Essenz des Geistes bezeichnet, die bei uns häufig mit Seele übersetzt wird. Es gibt nicht "meinen" Atem und "deinen" Atem. Was uns unterscheidet, sind lediglich schwankende und vorübergehende Atemformen, kürzere und längere, tiefere und flachere. Wir teilen alle denselben Atem, dieselbe unzerstörbare Essenz, die uns durchdringt und verbindet. 

Wir nehmen den Atem als selbstverständlich hin. Aber auf den Intensivstationen der Kliniken liegen die Covid-19-Patienten, die nicht mehr selbstständig atmen können. Nur noch ein Schlauch verbindet sie mit der Basis des Lebens. Und auch wenn sie das Glück haben, ins Leben zurückzukehren (jetzt begreifen wir erst, wie passend dieser Ausdruck ist), werden sie noch lange Zeit, wie die Ärzte es ausdrücken, "Atemprobleme" haben. 

Meine Freundin und ich werden uns wegen der aktuellen Situation lange nicht sehen. Aber, sagte sie zu mir, "du weißt ja, dass wir immer verbunden sind, weil wir alle Teil des großen Ganzen sind." Und ich dachte: Ja, wir sind auch verbunden mit denen, die jetzt "beatmet" werden mit dem Element, das wir Luft nennen und das, wenn wir nur ein wenig tiefer schauen, so viel mehr ist - die ewige Essenz des Geistes, die alles durchdringt und auch uns erfüllt.

Können wir das zu unserer Praxis machen in den stillen und vielleicht gefühlt einsamen Weihnachtstagen, die uns bevorstehen? Mit denen zu atmen, die es selbst gerade nicht können. "Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme."

Nur dies.