Samstag, 18. Januar 2020

Henning Ziebritzki "Vogelwerk"


Die Gedichte von Henning Ziebritzki sind beglückend und verstörend und gehören für mich zum Besten, was in der deutschsprachigen Lyrik zur Zeit zu lesen ist. Am 3. April wird Henning Ziebritzki der vom SWR und dem Land Baden-Württemberg gestiftete Peter-Huchel-Preis verliehen.

Hier (klick) meine Rezension seines Bandes "Vogelwerk" in SWR 2 vom November 2019.

Habicht

Im Wald ist er unsichtbar. Er ist eine Hohlform.
Er fängt dort an, wo du aufhörst. Er schreit
im Verborgenen und schreckt Teile von dir auf, die sagen:
Wir schmecken bitter, verbrannt wie deine Opfer.
Er ist dafür geschaffen, mit einem einzigen tödlichen Griff
ein flüchtendes Gewissen festzunageln, daß es splittert.
Im Herz des Habichts lodern keine Vergleiche.
Plötzlich fällt er lautlos aus der Blätterwand
und wölbt, zwischen zwei Verstecken gleitend, über dir
das Wunderwerk von Schrift auf seiner Brust,
unfaßbar wie ein Evangelium.


Aus: Henning Ziebritzki "Vogelwerk", Wallstein Verlag, ISBN 978-3-8353-3554-7

Freitag, 10. Januar 2020

Wald. Eine Geschichte.


… aber während sie weiterging, stetig geradeaus auf das Ende zu, weil das die einzige Richtung ist, die Leben nehmen kann, spulte sich in ihr etwas ab, das zu straff aufgewickelt gewesen war, ein Knäuel ineinander verdrahteter Erfahrung, eine Last, die sie schon lange nicht mehr tragen wollte. Im Voranschreiten sammelte sie nichts mehr ein und an, vielmehr verlor sie etwas mit jedem Schritt, sie hatte das Gefühl, Schnipsel hinter sich zu verstreuen, Fetzen vergangener Gefühle, Bruchstücke alter Gedankengebäude, vielleicht würde man sie über kurz oder lang wegen Umweltverschmutzung verklagen, aber als sie sich umwandte, sah sie nichts als den Weg, den sie gegangen war.

Sie war jetzt so leicht, dass sie lautlos durch den Wald gehen konnte, kein Zweig knackte unter ihrem Schritt, die Tiere flohen nicht vor ihr und erkannten sie an als ihresgleichen. Noch nie war sie so weit in den Wald gegangen, in sein tiefes dunkles Herz, das hätte sie nie gewagt, früher, aber jetzt wusste sie, dass sie sicher war bei den Tieren. Die Stille des Waldes heilte sie von etwas, das sie nie als Heilungsbedürftig wahrgenommen hatte. Diese Stille war nicht die Abwesenheit von Geräuschen, denn es raschelte, rauschte und knisterte um sie her; es war die Abwesenheit von Beurteilung und Bewertung, von Meinung und Überzeugung, ihrer eigenen und die der anderen. Die Sprache des tiefen Waldes war nicht die der Menschenwelt, und sie verstand sie sofort, obwohl niemand sie je die Sprache gelehrt hatte ...


... und während sie weiterging, durch die Dunkelheit zwischen den Stämmen hinein in einen hellen Schimmer, wurde sie noch leichter und kleiner. Die Stämme waren jetzt sehr hoch, sie stolperte über Wurzeln, und dann trat sie in den Schimmer ein und erkannte den Silberwald, den sie schon oft gesehen hatte, in einer Zeit namens Vergangenheit, aufbewahrt an einem Ort, den die anderen Erinnerung nannten. Sie konnte sich nach Belieben an diesen Ort begeben, auch wenn sie ihn eigentlich nicht mehr brauchte. Sie hatte den Silberwald einige Male durchschritten, sie wusste, man muss ihn ganz durchschreiten, in ihm gibt es keine Seitenwege, und das Durchschreiten war, wie sie sich erinnerte, nie leicht gewesen. Auch jetzt war es kalt, alles war zu Eis erstarrt, und wieder war sie versucht, eine Abkürzung zu suchen, aber sie wusste: Erst wer den Silberwald durchschritten hat, erreicht die Lichtung, an dem die Schatten nicht mehr bedrohlich sind, sondern so notwendig und schön wie das Licht, weil die Natur beide braucht, um ein Kunstwerk zu erschaffen, die Kalligrafie der Landschaft ...


... und sie trat aus dem Wald, sah sich um und erkannte den Kreis, den sie abgeschritten hatte, so viele Jahrzehnte lang. Der Kreis war fast geschlossen, aber noch nicht ganz. Er hatte eine Öffnung wie die Kreise der Zenmeister, diese Symbole der Ganzeit, die dennoch fast unfertig wirken, weil alles fest Geschlossene gefährlich ist, sei es ein Urteil, eine Ansicht oder ein Lebensentwurf. Sie wusste, sie würde noch einmal hindurchgehen durch die Öffnung in die Welt der Menschen, was aber kein Zurückgehen sein würde, auch nicht wirklich ein Weitergehen, vielleicht einfach ein Fließen mit Wind und Wetter, ein Wandern mit Sonne und Mond. Sie war jetzt so leicht, dass sie einverstanden war, mit nichts Bestimmtem, mit nichts, das sie hätte benennen können, aber sie war es, ruhig und einverstanden ...

(Da ich gefragt wurde, ob der Text von mir ist: Ja, ich habe ihn (auf-)geschrieben. Aber es waren die Fotos, die mir die Geschichte erzählt haben. Also ist der Text vielleicht nicht direkt "von mir" - und die Fotos sind es eigentlich auch nicht, denn die "mache" ich nicht, ich empfange sie nur ...)

Samstag, 4. Januar 2020

Seminar in Salzburg


Herzliche Einladung zu meinem Seminar im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg

Alles vergeht - Neues entsteht

vom 31. Januar bis 2. Februar 2020

Leben ist unablässige Veränderung. Immer wieder sind wir aufgefordert, Liebgewordenes loszulassen und Unbekanntes willkommen zu heißen. Aber: "Wenn wir tief in die Natur der Unbeständigkeit schauen, empfinden wir sie als tröstlich", sagt Thich Nhât Hanh. 

Nähere Informationen und Online-Anmeldung hier (klick)

Sehen wir uns? Ich würde mich freuen.
 

Dienstag, 31. Dezember 2019

Das "neue" Jahr und das "Glück"


Bei meinem Fotospaziergang entlang der Kleingärten um die Ecke fand ich neulich das Glück. Es sah etwas mitgenommen aus, sogar sehr, überhaupt nicht mehr frisch. Nun ja, es war halt alt. So alt, wie jedes Glück ist, sobald der eine strahlende Glücksmoment vergangen ist. Sofort fängt das Glück an zu rosten. Das fühlt sich nicht gut an. Der Moment, der das Glück gebracht hatte, hat es wieder mitgenommen, und mit dem Glück auch unser Glücklichsein. Das klebte nämlich am Glück, die beiden waren siamesische Zwillinge, solche kann man nicht trennen. Also muss schnell ein neues Glück her, glänzend, unverbraucht, das neues Glücklichsein mit sich bringt und hoffentlich länger hält als das alte.

Deshalb wünsche ich niemandem "viel Glück" im "neuen" Jahr.

Ich wünsche stattdessen die Neugier und die Entschlossenheit, das Glücklichsein zu erforschen. Wie fühlt es sich an? Wovon hängt es ab? Von etwas, das nach allgemeiner Überzeugung als "Glück" angesehen wird, ein Etwas, das man herstellen, erwerben, kaufen, klauen oder imaginieren kann und das, wenn unsere Bemühungen es nicht herbeizaubern, hoffentlich geschenkt wird von einer höheren Instanz - der Erbtante, dem Chef, dem Himmel? Und wenn das Glück kurz aufgeblitzt ist (funkelnd neu!) und im nächsten Moment aussieht wie ein in verrostetes Stück Eisen - wo ist das Glücklichsein dann? Weg? Noch da? Warum? Wie lange bleibt es? Kann es sein - solange ich will?

Es gibt kein "neues" Jahr. Es gibt nur diesen Augenblick, der immer neu ist. Es gibt Kalender-Zeit und Uhr-Zeit (okay, wichtig für das Bewältigen des Alltags), und es gibt die Zeitlosigkeit des immer neuen Augenblicks, in dem sich alles, innen und außen, um jeweils eine Winzigkeit neu ordnet. Nie war er vorher da. Nie kehrt er wieder. Jeder Augenblick: funkelnd neu und glänzend.

Ich wünsche Euch allen - Glücklichsein ...

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Die Farben des Winters


Wenn wir "Winter" denken, dann erscheinen in unserem Geist automatisch Bilder von grauen Tagen und kahlen Äckern. Kein Schnee bedeckt heute mehr gnädig die Kargheit der Natur; wir hasten durch die Straßen, um schnell wieder ins Warme zu kommen, und meiden die aufgeweichten Feldwege, weil es da draußen ja ohnehin nichts zu sehen gibt. Aber stimmt das denn?


Die Farben des Winters sind unaufdringlich. Sie schreien uns nicht an, sind nicht omnipräsent wie Werbetafeln. Wir finden sie in Ecken und Winkeln, an Hecken, auf Pfosten und Zäunen. Für die Farben des Winters müssen wir uns hinunterbeugen, uns auf die Zehenspitzen stellen, durchs Unterholz spähen.


Die Farben des Winters machen glücklich. Anders als die des Sommers, die selbstverständlich sind (Sommer ist geradezu der Inbegriff von Farbe) und mich oft überwältigen. Zu viel. Zu laut. Aber in der Kargheit des Winters einen Schimmer Aprikose an einem Drahtzaun zu entdecken, das Grün einer Moosfamilie im Licht der untergehenden Sonne - das schenkt Freude für den ganzen Tag.


Ein Vorschlag für die nächste Gehmeditation, irgendwo in der eigenen Straße, einem Vorort, sogar im Industriegebiet (ja, siehe erstes Foto oben): Farben sehen.

Samstag, 21. Dezember 2019

Die Sonne wendet sich. Winter Solstice.


Heute erwartet uns die tiefste und längste Nacht des Jahres. So tief musste die Nacht werden, um das Licht, das immer kleiner wurde, in sich zu bergen und zu schützen, wie es eine Mutter tut. Und deshalb nannten unsere Vorfahren diese Nacht die Mutternacht, im Althochdeutschen Modranecht. Heute wird zur stillsten Stunde in der tiefsten Erde die Mutter das Sonnenkind wiedergebären. Ein Mythos, der sich in vielen Kulturen findet, zum Beispiel in Ägypten, wo die Göttin Isis das Horuskind zur Welt bringt.

Es liegt nahe, die Geburt Jesu, der auch "das Licht der Welt" genannt wird, als eine Umdeutung der heidnischen Feste zu sehen, um die Christianisierung zu beschleunigen. Sein "Geburtstag" wurde von Papst Hippolytos auf den 25. Dezember gelegt, und Kaiser Konstantin übernahm das dann im Jahr 330, als er das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Der Kirchenhistoriker Hans Förster bezweifelt in der Süddeutschen Zeitung zwar einen Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest und den heidnischen Sonnwendfeiern. Wahrscheinlich, sagt Förster, "wollte man den im 4. Jahrhundert immer zahlreicher werdenden Pilgern im Heiligen Land ein Ereignis bieten. Man wusste, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde, es gab dort eine Geburtskirche, also brauchte man auch ein Geburtstagsfest."

Ich halte mich lieber an den uralten Mythos, denn Mythen sind Geschichten, die unsere Seelen geschrieben haben und, wie Joseph Campbell sagt, uns Lebendigkeit erfahren lassen. Die Geschichte von der Geburt des Lichts zeigt, dass wir Vertrauen haben dürfen in die Dunkelheit, in die mit den Augen wahrnehmbare und die in uns selbst. Sie ist nicht endlos, ja, sie ist geradezu notwendig als Schutz für den Keim des Lichts. Noch braucht er das Dunkel, um zu wachsen und zu erstarken. Irgendwann wird er aufbrechen und die Welt erleuchten.

Ich wünsche Euch, dass Ihr - was immer Ihr glaubt oder nicht glaubt - in diesem Vertrauen die Weihnacht, die Heilige Nacht, begehen könnt. Euch allen, die Ihr so zahlreich diesen Blog begleitet, eine wunderbare, stille, leuchtende Zeit.

Sonntag, 15. Dezember 2019

Weihnachten still & einfach


Sechs Empfehlungen für ein Weihnachtsfest, das so werden könnte, wie es eigentlich nie war. Aber immer hätte sein sollen. Nur haben wir das aus irgendeinem Grund nicht hingekriegt. Bei den Gründen halten wir uns nicht auf. Wir erschaffen jetzt einfach das stille, gelassene, leuchtende, freudvolle Weihnachtsfest ohne Konsumrausch und Stress. Allein, mit kleiner Familie, mit großer Familie, mit Freundin, Hund und Katze.

1. Die Weihnachtsdekoration sollte politisch korrekt sein, also schadstofffrei, ressourcenschonend, nachhaltig produziert und klimafreundlich. Das gibt ein gutes Gefühl, und mit gutem Gefühl schläft man besser.


2. Die Kinos sind an den Weihnachtstagen überfüllt mit Teenies, die dem weihnachtlichen Familienstress entflohen sind, hinter dir mit Popcorntüten knistern und die Kniee in deine Sitzlehne rammen. Ich empfehle, eine DVD zu kaufen, die auch nicht viel mehr kostet als ein Kinobesuch für eine Person, aber viele Male von vielen Menschen mit Freude angeschaut werden kann. Zum Beispiel den schönen Film "Zeit für Stille" von Patrick Shen.


3. Feine Empfehlungen für ein ganz und gar gansloses, sogar komplett tiertodfreies Weihnachtsessen gibt es in meiner Rubrik "Rezepte" auf der rechten Seite. Wer besonders viel Platz lassen will für die fabelhaften Plätzchen von Oma oder von mir (auch unter dem Stichwort Rezepte), wählt vielleicht diese federleichten Kartoffelküchlein mit Avocadocreme. Rezept hier (klick).


4. Selbst das stillste Weihnachtsfest wird geadelt durch das Geräusch umgeblätterter Buchseiten. Damit ihr nicht vor den randvollen Regalen in der Buchhandlung verzweifelt, hier vier Empfehlungen für garantiert kluge Unterhaltung von Autoren, die mit Sprache umgehen können.  

Matias Faldbakken "The Hills", Heyne Verlag: Ein altmodisches Restaurant, eingefahrene Rituale, ein herrlich schräges Personal - und dann taucht ein kleines Mädchen auf, und alles gerät ins Rutschen. Gérard Salem "Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst", Dumont Verlag: Der Roman des Psychiaters Gérard Salem. Ein Sohn hat vor Jahren mit der Familie gebrochen, wird krank und schreibt auf Anraten seines Therapeuten der Familie einen Brief. Plötzlich schreiben sie alle, jeder jedem, ehrlich und selbstkritisch. Und dann naht das Weihnachtsfest. Adam Haslett "Stellt euch vor, ich bin fort", Rowohlt: Die Geschichte einer Familie, die mit der bipolaren Erkrankung des Vaters gelebt hat - und der Sohn hat sie geerbt. Nein, nicht nur traurig - voller Wärme und Hoffnung. Peter Kurzeck "Ein Kirschkern im März, Fischer tb: Ich liebe alles von Kurzeck, diesen Titel vielleicht ein klein wenig mehr. Ein großer Sprachkünstler, der den Moment zu dehnen vermag, uns sehen lehrt und auf die Welt voller Schmerz und Liebe blickt.


5. An Weihnachten muss unbedingt gesungen werden. Nur Mut - es geht! Einfach ganz leise anfangen, mehr Herz als Stimme, dann wird das schon. Und als Belohnung dann meine Lieblingsgruppe Voces8 anhören. Hier mit dem modernen Arrangement des alten englischen Christmas Carols "Lully, Lulla, Lullay".


6.  Weihnachten war einst die Zeit der Wunder. Wir waren schon Wochen vorher aufgeregt, aus der Küche duftete es vielversprechend, hoch oben im Kleiderschrank lagen seltsame Päckchen, nachts raschelte Mutter hinter verschlossener Tür, und schon am Tag vor Heiligabend war es strikt verboten, das Wohnzimmer zu betreten. Die Wunder sind nicht ausgewandert, nicht verlorengegangen - nur wir haben uns ein wenig im Erwachsenenleben verirrt. Jetzt finden wir sie wieder. Ich bitte, bis zum 6. Januar pro Tag ein kleines Wunder zu erleben.

Wie das geht? Irgendwo, wo man gerade ist, stehenbleiben, die Augen schließen. Nicht denken, nichts erwarten, keine Angst vor irgendwas haben. Sich langsam zwei, drei Mal im Kreis drehen, stehenbleiben, blitzschnell die Augen öffnen, ganz bewusst schauen. Nur schauen, was sich da zeigt. Es nicht benennen, beurteilen, kritisieren. Es SEHEN. Dann ist es ein Wunder. Ein Sekundenwunder. Ein Lidschlagwunder. Nie vorher gesehen. Nie wieder zu sehen. So schnell vorbei.

Und das ganz kleine Wunder dann bitte bestaunen.



Mittwoch, 11. Dezember 2019

Bewege dich in deinen Eigenfarben


"Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung, aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig, bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar. Zeig deine Augen, wink die anderen ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.

Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Vergiss die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach den Konflikt. Bewege dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. 

Geh über die Dörfer. Ich komme dir nach."

Peter Handke


Aus: Peter Handke "Über die Dörfer", Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-39760-2 


Samstag, 7. Dezember 2019

Wie - nicht Was


Den ganzen November über nahm ich online an einem Foto-Workshop bei einer kanadischen Fotografin teil. Jeden Morgen bekamen wir eine E-Mail mit anspruchsvollen Fotoaufgaben; unsere Fotos teilten wir abends in einer eigenen Gruppe auf Instagram. Die Natur in Südbaden war aber offenbar in das Projekt nicht eingeweiht und schickte erst einmal ausgiebig Regen. Dann hüllte sie sich tagelang in Nebel. Als endlich die Sonne herauskam, lag ich krank im Bett. Wir waren eine internationale Gruppe, und täglich deprimierter betrachtete ich die Bilder vom sonnenglitzernden Meer der Fotografin aus Florida und die vom funkelnden Schnee der Kanadier. Und dachte: Was um alles in der Welt soll ich fotografieren?

Das kennen wir doch: Wir haben das Gefühl, unsere Umgebung biete uns nicht genug Anregung und suchen nach neuem Inhalt. Wir sehnen uns nach Begegnungen mit interessanten Leuten, einem neuen Partner, wollen uns nun doch einen Hund anschaffen oder wenigstens im Fernsehen einen spannenden Film anschauen, der unsere innere Leere mit Bildern füllt. Das Zen in seiner klaren Art lässt einen ja nie im Stich, und ich besann mich auf die einfache Zen-Anweisung: WIE, nicht WAS. Ich schaute mir also den Nebel genau an, spürte, wie er mich watteweich umgab, lauschte seiner großen Stille. Ich verfolgte das sich verändernde Licht hinter dem Vorhang in meiner Wohnung. Und fing das, was ich wahrnahm, in meinen Fotos ein.

... und dann haben mir auch noch die Tauben ein Geschenk auf den Balkon gelegt ...
 
Es gibt immer etwas zu entdecken. Wir müssen keine Leere füllen - wir brauchen nur unsere Sinne zu öffnen. Dann gibt es auch keine Langeweile mehr, keine Sehnsucht nach Mehr.

Vielleicht in diesem Monat, der so übervoll ist an Geklingel und Geblinke und aufdringlichen Aufrufen zum Konsum, mal das Wie in den Vordergrund stellen?


Dienstag, 3. Dezember 2019

Vortrag in Düsseldorf


Dienstag, 10. Dezember 2019, 19.30 Uhr

Leuchtende Stille

Vortrag von Margrit Irgang

Katholisches Stadthaus Maxhaus, Schulstraße 11, 40213 Düsseldorf

Telefon 0211-9010274

Es gibt Tapas und sogar Klaviermusik. Sehen wir uns?

Mehr Informationen: hier (klick).

Ich freue mich über jeden, den ich dort begrüßen darf.