Montag, 23. November 2020

Momentaufnahme #4


auf dem Hügel

die Nadeln der Birken

der Himmel fädelt sich ein


Freitag, 13. November 2020

Novembersanft


November, der sanfte Monat. Die Bäume geben ihre Eigenart ab, verschmelzen mit den Wiesen und Hängen. Die Weiden sehen von Weitem aus wie das samtige Fell eines Tieres. Man möchte sie streicheln.



Die Landschaft lässt jetzt ihren Rhythmus erkennen, den Herzschlag, der unter der Vegetation pulst. Die Laubbäume haben ihr Blattfeuer gedimmt und erröten nur noch zart, fast ein wenig verlegen, als wollten sie die Harmonie der Farben nicht stören.



November, der minimalistische Monat. Die Hügel und Täler zeigen ihre Essenz, ohne das schmückende Beiwerk, das im Sommer so begeistert hat. Wir erkennen ihre Sanftheit, das weich Gerundete der Landschaft, die jetzt ganz bei sich ist. 

Ruhe kehrt ein. Auch in uns. 


Sonntag, 8. November 2020

Nagori

 

"Nagori verweist sowohl auf eine Sehnsucht in uns, nämlich die wehmütige Sehnsucht nach einer Sache, die uns verlässt oder die wir verlassen, als auch auf die Vorstellung von etwas, das die Jahreszeit leicht verzögert, als ob diese Sache selbst nur mit Bedauern diese Welt und die ihr zugehörige Jahreszeit verließe. (...) 

Man gibt einen Teil seiner selbst hin, an die Sache, die Welt, die Schönheit und das Herz des geliebten Wesens. Das Herz, das nagori erfährt, ist ein großzügiges, ja ein mutiges Herz: Es hat keine Angst, sich selbst diesen winzigen, nicht unbedingt dramatischen, aber sehr zerbrechlichen und zarten Dingen hinzugeben, aus denen unser Leben sich zusammensetzt."

Aus: Ryoko Sekiguchi "Nagori. Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit", aus dem Französischen von Karin Uttendörfer, Matthes & Seitz

 

Montag, 2. November 2020

Lockdown-Lese-Lust

Kinos, Theater, Konzerthäuser sind zu. Aber es gibt ja die Bücher! Sie verlangen von uns nicht, uns umzuziehen, eine Maske aufzusetzen und den proppenvollen Bus zu besteigen. Sie bitten nur um Stille und eine gute Leselampe. Meine Empfehlungen heute: Bücher über eigensinnige alte Menschen. Starke Persönlichkeiten, die krumme Lebenswege gehen und manchmal stolpern. Also: Vorbilder!

Elizabeth Strout "Die langen Abende", aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand Verlag. Wer die kauzige Olive Kitteridge aus Crosby, Maine, noch nicht kennt (aus dem ersten Band "Mit Blick aufs Meer"), hat etwas versäumt. Jetzt ist sie pensioniert, die Kinder sind aus dem Haus, und Olive, störrisch und meinungsfreudig wie immer, ist ziemlich vereinsamt, woran sie nicht unschuldig ist. Aber da ist Jack, der ehemalige Harvard-Professor, den Olive natürlich unmöglich findet. Elizabeth Strout weiß sehr viel von den Sehnsüchten der Menschen und davon, dass eigentlich niemand das Leben lebt, das er oder sie sich vorgestellt hat. Mir gefällt, dass Strout bei aller Klarsicht und Schärfe ihre Protagonisten nie verrät. Ihr Blick auf Menschen ist voller Wärme und Nachsicht.


Benjamin Myers "Offene See", aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Dumont Verlag. Der Krieg ist gerade zu Ende gegangen, und der sechzehnjährige Robert will nicht, wie sein Vater, Bergmann werden. Er macht sich auf eine Wanderung durch das ländliche England und begegnet der alten Dulcie, die mit ihrem Hund in einem verwilderten Cottage lebt. Dulcie - unverheiratet, gebildet, mit unerhörten Ansichten zu Religion und Familie - wird Roberts Mentorin. Sie bringt ihm die Dichter und den Sinn für gutes Essen bei. Mit gefällt diese herrlich aufmüpfige Protagonistin, und natürlich umgibt sie ein Geheimnis, das Robert entdecken wird. Ein Sommer in Südengland - Dachse schlurfen, Eulen blinzeln, Hecken wuchern, das Meer glitzert in der Ferne. Man möchte sich in die Wiese legen und träumen.


Ursula März "Tante Martl", Piper Verlag. Tante Martl hätte ein Junge werden sollen; der Vater verzieh ihr das falsche Geschlecht nie. Die ungeliebte Jüngste wurde Lehrerin, heiratete nicht, wurde von Eltern und Schwestern ausgenutzt und entwickelte dennoch eine starke Persönlichkeit. Ursula März schreibt liebevoll und luzide über ihre besondere Tante, beschönigt keinen familiären Konflikt und stellt sich dennoch vorbehaltlos auf die Seite der Schwester ihrer Mutter. Von Ursula März kann man lernen, Menschen genau zu sehen, ohne sie zu beurteilen. Tante Martl ist nämlich keine einfache Person; je älter sie wird, desto überraschender wird ihre Lebensführung, und dann tritt sie sogar noch im Fernsehen auf. Ursula März hat ihrer Tante, die in der Familie stets zu kurz kam, ein spätes Denkmal gesetzt.

Jocelyne Saucier "Ein Leben mehr", aus dem Französischen von Sonja Finck, Insel Verlag. Zwei alte Männer haben sich in die kanadische Wildnis zurückgezogen. "Das hohe Alter schien ein Hort der Freiheit zu sein, wo man sich keinen Zwängen mehr unterwirft und seinen Geist auf Wanderschaft schicken kann." Zwei geistesverwandte Frauen finden sich ein, die aus unterschiedlichen Gründen mit der engen Welt der Pflichten und Freudlosigkeiten nichts zu tun haben wollen. Die Marihuana-Plantage sorgt für üppige Einkünfte; man hat Zeit für Freundschaft, lange Unterhaltungen und die Beobachtung der Natur. Und dann kommt die Liebe vorbei, an die eigentlich niemand mehr geglaubt hatte - aber viel Zeit, sich zu entfalten, hat sie nicht. Ein traurig-schönes Buch über die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und Sterben.
 

Und hier noch ein Buch, das ein wenig aus dem Rahmen fällt, obwohl die Autorin nicht weniger eigenwillig ist als die Protagonisten der anderen vier Bücher:

Ryoko Sekiguchi "Nagori. Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit", aus dem Französischen von Karin Uttendörfer, Matthes & Seitz. In Japan kennt man  die Kunst des Kochens mit streng saisonalen Zutaten, wobei die Pflanzen und Fische  als eigenständige Wesen betrachtet werden. Aber dies ist kein Kochbuch, sondern eine Meditation über die Zeitlichkeit. Das Leben des Menschen verläuft linear, auf den Tod zu, das der Pflanzen jedoch ist zyklisch. "Nagori" ist der Übergang von einem Zustand in den anderen. Etwas ist zu Ende gegangen, hat aber eine Spur von sich zurückgelassen. Deshalb, schreibt Sekiguchi, ergreift uns eine Wehmut beim Biss in die letzte Himbeere im November. Sekiguchi lehrt uns, dass wir nicht getrennt sind von den Zyklen der Natur. Ein kleines feines Achtsamkeits-Buch der anderen Art.
 
 
 
Übrigens eignen sich alle Bücher auch gut als Weihnachtsgeschenke. Aber die sollte man auch vorher lesen. Vielleicht will man sie ja doch behalten. 


Mittwoch, 28. Oktober 2020

Stärkt Euer Immunsystem


Wollt Ihr wirklich auf ein Wundermittel oder den ominösen Impfstoff gegen Covid-19 warten? Ich habe einen besseren Vorschlag: Macht das Lauschen auf die Signale Eures Körpers zu Eurer Achtsamkeitsübung. Fragt Euren Körper jeden Morgen und immer, wenn Ihr etwas Zeit habt, was er grundsätzlich und im Moment braucht. Vielleicht verstummt er erst einmal, vor Schreck, weil er es nicht gewohnt ist, gefragt zu werden. Das wird sich schnell ändern. Er wird Euch mit Botschaften überschütten. Jetzt braucht Ihr sie nur noch zu entziffern.

Mein Körper verlangte vor ein paar Monaten von mir, in den Wald zu gehen. Der Wald war bisher eher nicht mein Ort; ich mochte lichtdurchflutete Wiesen und Obstgärten. Aber ich habe gelernt, meinem Körper zu gehorchen, also suchte ich mir einen Wald und ging umher. Es war überwältigend. Das Licht! Das Rascheln und Knacken im Unterholz. Und vor allem: diese Düfte! Die ätherischen Öle vor allem der Nadelbäume enthalten eine hohe Konzentration an Monoterpenen und Sesquiterpenen, mit denen sie sich gegen Schädlinge wie Bakterien und Insekten wehren. Für uns aber sind diese Öle, die wir über die Riechschleimhaut aufnehmen, entspannend und immunstimulierend. Unser Immunsystem nämlich kann sie entschlüsseln; es reagiert mit einer Stärkung der Abwehrkräfte, indem es die Anzahl der natürlichen Killerzellen erhöht. Und diese wiederum können Viren in unserem System den Garaus machen.

Shinrinyoku, das "Eintauchen in den Wald", bei uns als Waldbaden bezeichnet, wird in Japan sogar von Krankenkassen verordnet. Es gibt schöne Bücher dazu, Ihr könnt sie lesen. Ich aber will aus dem Waldgang keine Übung machen. Ich will einfach sein dürfen - nur ich und das Wunder, das sich mir da auftut. Ich gehe langsam. Ich atme tief. Ich schaue. Ich staune. Ich singe! Mein Chor darf nicht mehr proben, weil wir Sänger die ja angeblich jetzt lebensgefährlichen Aerosole verbreiten (falls wir infiziert sind), aber im Wald puste ich sie in Form von Schubert und Mozart unverschämt und vergnügt in die Bäume. 

 


Keine Zeit für Wald? In der Mittagspause tut es auch ein Park. Kein Park weit und breit? Vielleicht solltet Ihr Euch eine andere Stelle suchen ...

Aber es gibt eine drittbeste Lösung: die Aromaöle. Bei mir zu Hause läuft jeden Abend eine Stunde der Diffusor; im Moment habe ich ihn mit Zirbelkieferöl und Latschenkieferöl befüllt. Japanische Forscher haben Versuchspersonen in Zimmern schlafen lassen, die sie mit terpenhaltigen Aromaölen beduftet haben. Auch in den Organismen dieser Menschen ließ sich ein Anstieg der Killerzellen nachweisen, wenn auch in geringerer Stärke. Legt Euch aber unbedingt zertifizierte Bio-Aromaöle zu. Die sind zwar teuer, aber das hat seinen Grund: Bio-Hersteller verwenden nur den Baumschnitt, der ohnehin anfällt. Für die Öle werden keine Wälder vernichtet. Der Preis ist gerechtfertigt, denn um zum Beispiel das sehr feine Weißtannenöl herzustellen, braucht man 750 kg Zweige.

Nehmt Eure Gesundheit in die Hand und stärkt Euer Immunsystem. Das ist der jetzt wirklich wichtige Beitrag, den wir alle zum kollektiven Immunsystem leisten können. (Siehe meinen Post dazu hier klick). Noch ein Tipp? Ich trinke täglich ein bis zwei Tassen Cystus-Tee, der antibakteriell und angeblich auch begrenzt antiviral wirkt. Nehmt den guten aus der Apotheke; bei Online-Apotheken kostet er übrigens nur halb so viel wie bei der Apotheke bei Euch um die Ecke. 

Über die sehr wichtigen Nahrungsergänzungsmittel Vitamin D, C, die B-Vitamine, vor allem B 12, Zink, Selen und Omega 3-Fettsäuren sprecht bitte Euren hoffentlich auch in Naturheilkunde bewanderten guten Arzt an. Jede Dosis sollte individuell eingestellt sein. Falls Euer Arzt der Meinung ist, unsere Nahrung würde alle Stoffe bereitstellen, die der Körper braucht, sucht Euch einen anderen. 


Ein Buch möchte ich aber doch empfehlen: Clemens Arvay "Der Biophilia-Effekt". Der junge österreichische Biologe und Gesundheitsökonom schreibt kundig und begeistert über die Kraft des Waldes, der Pflanzen und der Landschaft auf uns Menschen. Zwei Blogleser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass Arvay ein neues Buch geschrieben hat, in dem er sich mit Corona auseinandersetzt: "Wir können es besser". Ich habe es noch nicht gelesen, aber da es zum Thema passt, sei es hier erwähnt.

 


"Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese ist grün." Hildegard von Bingen

 

Dienstag, 20. Oktober 2020

Das kollektive Immunsystem

Ist das ein passendes Bild für das kollektive Immunsystem? Von dem man nur die Manifestationen sieht, nicht den viel größeren Bereich, aus dem sie kommen?

 

Ich bin ratlos und traurig. In meinem Umkreis gibt es zunehmend mehr Menschen, die sich weigern, Masken zu tragen. Sie sagen, sie fühlten sich durch die Maßnahmen der Politik zur Eindämmung der Pandemie in ihrer Freiheit eingeschränkt. Sie sähen, sagen sie, unsere Grundrechte in Gefahr. Auf Demonstrationen werden Schilder hochgehalten, auf denen zum Beispiel steht "Für unsere Freiheit gegen Merkels DDR". 

Nun haben wir es mit einer abstrakten und unsichtbaren Gefahr zu tun, von der wir alle nicht mit Sicherheit sagen können, wie groß sie ist oder werden wird. Und einige der Regierungsbeschlüsse - aus meiner Sicht vor allem die Milliarden, die jetzt zur Ankurbelung eines schon vorher unsinnigen Konsums ausgegeben werden, wärend die Künstler und die Kultur schlichtweg vergessen werden - sind durchaus fragwürdig. Aber die Argumentation der Maskenverweigerer funktioniert nur, weil sie gleichzeitig die Gefährlichkeit des Virus und die Kompetenz der Fachleute anzweifeln. So bleibt ihr Freiheitsbegriff unangetastet und sie müssen sich nicht der Frage stellen, ob hier vielleicht Freiheit mit Egozentrik verwechselt wird.

Meine Mutter und mein Stiefvater waren starke Raucher. Nach dem Krieg lebten wir in einem Zimmer. Nein, das war keine Einzimmer-Wohnung, nur ein Zimmer für absolut alles, was man so tut, wenn man zu Hause ist. Ich wuchs auf inmitten blauer Rauchschwaden; kein Mensch kam damals auf die Idee, dass hier die Gesundheit eines Kindes geschädigt wurde. Die später allgegenwärtige Marlboro-Werbung mit dem Cowboy machte mir klar, worum es dabei ging: "Der Geschmack der Freiheit" war nach den Entbehrungen des Krieges einfach zu verlockend.

In meinem ersten Studienjahr bei Thich Nhât Hanh sagte er einen Satz, der bei vielen Zuhörern großen Widerstand auslöste: "Dein Körper gehört nicht dir." Da alles mit allem verbunden ist und Grenzen zwischen uns und der Natur nicht existieren, ist es nicht egal, wie ich mit meinem Körper umgehe. Wie ich ihn ernähre, pflege, welchen Risiken ich ihn aussetze. Es geht nicht nur um mich, es geht immer um das Ganze.

Wir alle sind Teil des kollektiven Immunsystems.

Wenn man einen Gewährsmann zum Thema Freiheit befragen möchte, sollte man vielleicht Nelson Mandela wählen. Dieser große Friedens- und Freiheitspolitiker hat immer betont, dass er sich im Gefängnis die innere Freiheit bewahrt hat. Und auch dies hat er gesagt: "Sich ernsthaft um andere zu sorgen, sowohl im privaten wie im öffentlichen Leben, würde uns der Welt, nach der wir uns sehnen, sehr viel näher bringen." Thich Nhât Hanh wiederum hat einst im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in Maryland ein Retreat gegeben mit dem Titel "Frei sein, wo immer du bist". Und er wurde nie müde, uns daran zu erinnern: "Freisein ist unsere Praxis". Denn Freiheit ist nicht "dort draußen", sie ist kein Zustand, der uns gewährt und wieder genommen werden kann. Sie ist ein Geisteszustand.

Isabella Eckerle, die Leiterin des Zentrums für Virenerkrankungen an der Universität Genf, sagt, warum wir es jetzt nur gemeinsam schaffen können: "Wir alle sind ein Teil dieser zweiten Welle. Denn das Virus braucht immer einen Wirt, um zu überleben und sich zu vermehren. Es ist auf eine kontinuierliche Weiterübertragung angewiesen. Nur wenn es immer wieder von einem Menschen zum anderen überspringt, bleiben Infektionsketten aufrechterhalten. Sobald ein Infizierter in der hochinfektiösen Phase niemand anderem nahekommt, bricht die Infektionskette ab und das Virus verschwindet in dieser Sackgasse."

Und immer noch reiten die Cowboys ohne Masken über die Plätze der Stadt auf der Suche nach dem Geschmack der Freiheit.

Noch etwas ist hier wichtig. In Neuseeland ordnete Jacinda Ardern im Frühjahr einen nahezu kompletten Lockdown an; ihr Volk sah die Notwendigkeit ein und setzte alle Anordnungen ohne Widerspruch um. In Frankreich gab es weit drastischere Einschränkungen als in Deutschland, jetzt folgen Wales und Belgien, um nur einige zu nennen. Ich höre wenig von Demonstrationen dort gegen die von der Politik verhängten Maßnahmen. Aber in Deutschland ist die Vergangenheit noch längst nicht vergangen. Da gibt es einerseits die Rechtspopulisten, die das Virus für ihre Zwecke missbrauchen. Da ist bei anderen, sehr viel klügeren, Menschen das Misstrauen gegen Anordnungen "von oben" und die Sorge darum, die mühsam errungene Demokratie dauerhaft zu verspielen. Die Sorge ist gut. Sie ist wichtig. Aber wir müssen lernen, jeden Einzelfall genau zu betrachten und zu differenzieren. Wenn wir einfach nur "dagegen" sind, reagieren wir aus dem Urgrund des kollektiven Traumas heraus, das in Deutschland lebendiger ist, als die meisten es wahrhaben wollen. Und blinde Reaktion ist nicht dasselbe wie kreative Antwort.

Wir sind Teil des kollektiven Traumas und Teil des kollektiven Immunsystems. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, beides gleichzeitig zu balancieren. Aber nur Mut, es wird gehen. Wie wir in den nächsten Monaten unser persönliches Leben leben, ist entscheidend. Sorgen wir uns ernsthaft um andere? Das würde viel ausmachen.

Wir sind wichtig, jede und jeder von uns. Das ist doch mal eine gute Botschaft.

 

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Lee Mingwei "When Beauty Visits"

 

 Ich muss einfach ein weiteres Video der wunderbaren Arbeit von Lee Mingwei zeigen: "When Beauty Visits" von der Biennale in Venedig 2017.

Lee Mingwei hat ein Jahr lang Momente der Schönheit, die seine Freunde erlebt haben, gesammelt. Auf der Biennale hat er sie verschenkt, in einer Form, die von der japanischen Teezeremonie inspiriert ist und selbst ein Moment atemberaubender Schönheit ist.

Das ist es, was wir Dichter tun: Schönheit sammeln. Schönheit verschenken. 


Samstag, 10. Oktober 2020

Momentaufnahme #3


Gitterstäbe aus Regen

der Himmel verdonnert uns

zu Hausarrest



Mittwoch, 30. September 2020

Corona als Zen-Meister, oder: Lob des Nicht-Wissens

Ein Leben im Zen ist eine Art Tanz: die mühelose Übereinstimmung mit dem Rhythmus des Universums. Nichts, was sich im Augenblick ereignet, wird  als unerwünscht zurückgewiesen; nichts, was sich nicht zeigt, wird ersehnt oder erzwungen. Alles wird hellwach als das erkannt, was es ist, wird akzeptiert und auf kreative, ganz persönliche Weise beantwortet. 

Wer im Zen lebt, steht sich selbst nicht mehr im Weg.

Corona ist ein Zen-Meister. Er zieht uns den Boden unter unseren liebgewordenen Gewohnheiten weg und interessiert sich nicht für unsere egozentrischen Hoffnungen und Pläne. Unsere Urlaubssehnsucht und der Wunsch nach Konzerten und Fußballspielen ist ihm herzlich egal. Ihm geht es, wie allen Meistern, ums Grundsätzliche: Er bringt uns bei, was Nicht-Wissen bedeutet.

Eigentlich hätten wir das längst lernen können. (Vielleicht ist der Meister auch deshalb auf den Plan getreten. Es wurde endlich Zeit für uns.) Das Nicht-Wissen war seit jeher unser stiller Begleiter; es folgte uns wie ein Schatten, düster und bedrohlich. Wir hatten uns angewöhnt, den Begleiter zu ignorieren. Wer will schon ständig mit dem Nicht-Wissen unterwegs sein. Da müsste man ja vor jedem Schritt zögern, ängstlich in jede Toreinfahrt spähen, und ob man überhaupt noch eine Straße betreten könnte, ist fraglich, käme man doch vielleicht morgens nicht mehr aus dem Bett, weil man nicht einmal wüsste, was man zum Frühstück essen möchte, geschweige denn, warum man wohin unterwegs sein sollte.

Und die ganze Zeit war das Nicht-Wissen unser wahrer Schatz.

Wussten wir, als wir uns für die Party zurechtmachten, dass wir in einer Stunde unserem künftigen Partner begegnen würden? Dass wir unseren Arbeitsplatz verlieren, unser Land verlassen und eine große Familie haben würden, obwohl wir alleine bleiben wollten? Wie gut, dass wir keine Ahnung von all dem hatten. Wahrscheinlich hätten wir mit unseren Grübeleien über Gefahren und Belohnungen das Ganze gründlich vermasselt. Wir hatten aber keine Gelegenheit zum Grübeln; das Leben nahm unser Leben in die Hand. 

Und so standen wir im Februar unvorbereitet vor diesem Ereignis namens Corona und machten uns - jede und jeder auf eigene Weise - daran, Antworten darauf zu finden.

 

Der englische Religionswissenschaftler Alan Watts, der sich viel mit Zen und dem Tao befasst hat, schrieb: "Letzten Endes müssen wir aus einer Quelle heraus, die jenseits all unseres Wissens und Im-Griff-Habens liegt, handeln und denken, leben und sterben. Gelingt uns das nicht, dann können wir noch so sehr sorgen und zögern, in uns hineinschauen und unsere Motive überprüfen, es wird uns nicht viel helfen. Daher sind wir ohne Rücksicht darauf, was am Ende herauskommt, zu einer Wahl gezwungen: entweder angstvoll gelähmt zu bleiben oder einen herzhaften Sprung in die Tat zu wagen."

Die meisten von uns wagen jetzt den Tanz mit den Energien des Universums, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Anfangs fühlt es sich mühsam an. Das Nicht-Wissen scheint wie ein Nebel zu sein, und wir hätten gerne den vollen Durchblick. Aber wir wissen nicht, was der Winter uns bringen wird. Weitere Einschränkungen, persönliche Verluste, oder ein ganz neues Lebensgefühl - eins, das ohne die Schwere des Grübelns auskommt, das Leichtigkeit hat und beflügelt?

Auf die Frage, was das Zen sei, sagte ein alter Meister unwirsch zum Schüler: "Geh weiter!" Alan Watts bemerkt dazu: "Die Anweisung, ohne Hintergedanken zu handeln, ist keineswegs bloß ein Rezept, an das wir uns oberflächlich halten können. In Wirklichkeit ist man zu dieser Art von Handeln erst fähig, wenn man begriffen hat, dass man gar keine Alternative dazu hat, und wenn man erfasst hat, dass man selbst das Unbekannte und nicht in den Griff zu Bekommende ist."

Das ist es, was Zen-Meister Corona lehren will: Du selbst bist ein großes Geheimnis. Vergiss alle Vorstellungen, die du von dir selbst hast. Lass dich ein auf das, was der Augenblick dir präsentiert, und antworte darauf ohne Zögern und Grübeln. Sei mutig und kreativ. 

Vielleicht wirst du überrascht sein über das, was du über dich herausfindest.


Samstag, 19. September 2020

Ma 間 - "Der Raum schreibt mit"


Ma: Der Moment zwischen Bienenanflug und -abflug, wenn der Raum noch von der Flügelbewegung schwingt.

Meine Zen-Praxis begann vor siebenunddreißig Jahren mit einer Schulung im "Weg des Pinsels", der Kalligrafie, dem sho-do. Damals lernte ich das japanische Prinzip des Ma kennen. In der Kalligrafie geht es nicht nur darum, das Zeichen korrekt und schön aufs Papier zu setzen. Das Papier selbst muss zum Leben erweckt werden, denn erst im Zusammenspiel der schwarzen Tusche mit dem weißen Untergrund entsteht die kraftvolle Spannung, die eine Kalligrafie auszeichnet. Ich wollte mir Ma in meine eigene Sprache übersetzen und sagte zu meinem Lehrer: "Der Raum schreibt mit?" Er stutzte,  lachte und rief: "Ja, ja, schreibt mit!"

Das Kanji für Ma 間 zeigt ein Tor, zwischen dessen Latten die Sonne (ursprünglich der Mond) hindurchscheint. Ma ist der scheinbar leere, tatsächlich aber belebte Raum, der die Dinge umgibt; mehr noch: Er ist der Grund aller Erscheinungen. Ma ist die Lücke zwischen den Trittsteinen, die zum Teehaus führen und den Schritt des Gastes lenken und verlangsamen. Es ist der Raum zwischen den drei Elementen in einem Ikebana-Gesteck, der die Pflanzen erst zur Wirkung kommen lässt. Es ist die Pause im Gespräch, in der die Gesprächspartner über das Gesagte nachsinnen und Inspirationen empfangen aus Ma.
 
Die japanische Kunst lebt von der dynamischen Balance zwischen Objekt und scheinbar leerem Raum, Aktion und Nichtaktion, Bewegung und Ruhe. Raum und Zeit gehören zusammen; im Japanischen wird Zeit ausgedrückt als "Raum im Fluss".



Ma: die unsichtbare Kraft, die das Sichtbare zur Erscheinung bringt.
 
Im Buddhismus findet das Prinzip Ma seinen höchsten Ausdruck im Begriff der "Leerheit". Im Herz-Sutra heißt es: "Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. Form ist nichts anderes als Leerheit, Leerheit nichts anderes als Form". Die höchste Erkenntnis, populär ausgedrückt: das Erwachen, besteht darin, zu sehen, dass alle Phänomene (wir Menschen eingeschlossen) "leer" sind von einem eigenständigen Selbst. Positiv ausgedrückt: Alles ist mit allem verbunden, alles ist bedingt, tritt in Abhängigkeit voneinander in Erscheinung. Der scheinbar unbelebte Raum ist also der Raum der höchsten Potenzialität, aus ihm heraus entstehen alle Formen, in ihn hinein kehren sie irgendwann zurück.

Rabindranath Tagore schrieb: "Ich tauchte in die Tiefe des Ozeans der Formen in der Hoffnung, die perfekte Perle der Formlosigkeit zu gewinnen." Das ist Meditation, die zum Erwachen führt.

Auf jeder Ebene der Seinserfahrung, auch auf der alltäglichsten, ist Ma die Lücke, die Pause, der Moment des Innehaltens, in dem der unsichtbare Raum sich entfalten und äußern darf. Wer das Innehalten übt, beginnt die Sonne zu sehen, wo vorher nur Torlatten waren. 間 Aus der Raum-Zeit-Ebene Ma empfangen die Schamaninnen und Schamanen, die Heilerinnen und Heiler ihre Inspirationen.
 
Jede Form von Poesie drückt Ma aus. Zwischen den Worten eines Gedichts, den Farben und Formen auf einer Leinwand, den Tönen eines Musikstücks lebt Ma - der unendlich belebte Raum, ohne den die Worte, die Formen und Töne keinen Sinn entfalten würden. Oder, wie es der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr ausdrückte: "Es ist ein 'Nichts', das schwingt."

Ma lehrt uns: Im Dazwischen geschieht das Wesentliche, und wir können uns darin schulen, es zu erfahren. Indem wir auf die Lücken zwischen unseren Gedanken achten (der Raum der Stille zwischen dem Geplauder wird mit zunehmender Übung immer länger), Gedichte lesen, meditieren, Musik lauschen. Vielleicht dem passenden schönen Lied von Konstantin Wecker: "Gefrornes Licht".(klick)