Samstag, 30. Mai 2020

Etwas geht, etwas kommt


"Are you going to Scarborough Fair? / Parsley, sage, rosemary, and thyme. / Remember me to one who lives there. / She once was a true love of mine."

Simon & Garfunkel

Dieses schöne Lied habe ich in meinen Zwanzigern gesungen, mit einer Band aus Freunden. Auf der Straße, in Kellern, auf winzigen Bühnen. Ich werde nie wieder so unbeschwert und unbekümmert singen (ich singe anders und anderes), und obwohl ich einen guten und netten Chor habe, erinnere ich mich mit leiser Wehmut an Nächte, in denen wir gejammt haben bis zum Morgengrauen. In einer Zeit, in der Musik mein Leben war.

So vieles geht gerade zu Ende. Der kleine Handarbeitsladen, in dem ich gern eingekauft habe, muss schließen, weil er die Miete nicht mehr zahlen kann. Mein guter und sympathischer Zahnarzt, den ich seit zwanzig Jahren habe, geht in Pension.

Wenn die Bedingungen entsprechend sind, erscheint etwas in der Welt. Wenn sie nicht mehr ausreichen, geht es aus der Welt und verwandelt sich in etwas anderes. "Weg" ist es nur für unsere Augen. (Deshalb hat Thich Nhat Hanh das Lied geschrieben "No coming, no going".)

Aber die kleinen Spatzen, die unter meinem Dachfirst geboren wurden, beginnen zu fliegen. Die Tomaten und Himbeeren reifen. Die Rosen blühen. Und heute gehen wir ein wenig wandern.

Mit diesem großartigen Arrangement von "Scarborough Fair", gesungen von Apollo 5, wünsche ich Euch ein schönes Pfingstfest.


Sonntag, 24. Mai 2020

Mein Teich


"Es ist egal, wie weit du reist. Das weiteste Ziel ist für gewöhnlich das am wenigsten lohnendste. Wichtig ist allein, wie lebendig du bist." Henry David Thoreau

In diesen Tagen, in denen Griechenland wieder seine Strände öffnet, die Balearen um Gäste werben, Italien dem nicht nachstehen will und die Lufthansa folglich ab Juni wieder mehr Flüge anbietet, reise ich an meinen Teich.

Mein Teich ist zwanzig Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Er liegt versteckt in einem Wald, kein Auto kann ihn erreichen. Deshalb bin ich dort fast immer allein mit den Vögeln. Ich setze mich ans Ufer und beobachte die Fliegen, die sich auf den Blättern der Seerosen niederlassen. Ab und an huscht der rötliche Schatten eines Fisches vorbei; ich weiß nicht, wie die Fische in meinem Teich heißen, es ist mir auch egal. Je älter ich werde (und je länger diese wunderbare Ereignislosigkeit dauert, die sie Lockdown nennen), umso weniger Interesse habe ich, die Welt zu benennen. Ich will sie einfach nur sehen. Hören. Riechen.


 
Mein Teich überrascht mich immer wieder. In jeder Jahreszeit, im wechselnden Licht jeder Stunde zeigt er ein anderes Gesicht. Ich betrete den Wald in Vorfreude. Die Spannung wächst mit jedem Schritt, und ein wenig aufgeregt und besorgt (hat ihn auch niemand vermüllt, besudelt, entheiligt?) biege ich um die Ecke, halte den Atem an - und, oh, er ist immer noch er selbst, in sich ruhend, still.

Wir brauchen Orte, die uns einlassen in ihre Stille, unsere Anwesenheit dulden und doch unergründlich bleiben. Orte des Geheimnisses.

"Manche von uns reisen, um durch den Vorhang des Gewöhnlichen zu schlüpfen, hinein in die Präsenz von etwas, das außerhalb unseres Begreifens liegt." Pico Iyer

Mein unbegreiflicher Teich.

 

Dienstag, 19. Mai 2020

Noch mehr Glück


Das Glück liegt auf der Straße.

 Sag ich doch.

Man darf nur nicht immer dynamisch nach vorn schauen, in Richtung Gewinnmaximierung/ Dividende/Beförderung/Ruhm.

Dann übersieht man's.


Sonntag, 17. Mai 2020

Oh happy day


Die Zeitschrift DIE ZEIT bringt in ihrer jüngsten Ausgabe ein Interview mit dem scheidenden Präsidenten des Bundes-Verfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Auf die letzte Frage, wie ihn die zwölf Jahre seiner Amtszeit verändert hätten, sagt Voßkuhle, er sei heute nicht mehr so optimistisch, dafür aber gelassener. Er wisse heute, dass man Krisen überleben könne. Und dann kommt der Satz: "Das Glück, das man im Leben erfährt, ist kein Ereignis, sondern eine Haltung, die man sich täglich neu erarbeiten muss."

Ich führe seit zwei Monaten so etwas wie ein Glücks-Tagebuch. Alle zwei, drei Tage ein paar Worte zu Wahrnehmungen, die mich glücklich gemacht haben. Die Butterblumenwiesen. Die hängenden Glyzinien. Der Baumwipfel, der sich in der Pfütze spiegelt. Das Licht, die Schatten. Der Hund, die Katze, der Mond. Das frisch gebackene Brot. Der Duft des Tees. Die Stille.

"Denken Sie nur. Zuweilen sehe ich die blaue Fliege. Ja, das hört sich alles so dürftig an, ich weiß nicht, ob Sie es verstehen." "Doch, doch, ich verstehe es." "Ja, ja. Und zuweilen sehe ich das Gras an, und das Gras sieht mich vielleicht wieder an; was wissen wir? Ich sehe einen einzelnen Grashalm an, er zittert vielleicht ein wenig, und mich dünkt, das ist etwas; und ich denke bei mir: Hier steht er nun, dieser Grashalm, und zittert! Und ist es eine Fichte, die ich betrachte, so hat sie vielleicht einen Zweig, der mir auch ein wenig zu denken gibt. Aber zuweilen treffe ich auch Menschen auf den Höhen, das kommt vor ..."

Knut Hamsun. Pan.

Sonntag, 10. Mai 2020

Thich Nhat Hanh: I am responsible


"We cannot say 'I am separate and unique. I am not responsible.' Instead we must learn to say: 'By taking good care of myself, I take good care of you. And by taking good care of you, I take care of myself.'" 

Thich Nhat Hanh

Das ist es, worum es geht.
Verantwortungsbewusstsein. Rücksicht. Höflichkeit. Zu wissen: Das Virus kennt keine Grenze zwischen mir und dem anderen. Indem ich mich schütze, schütze ich dich. Indem du dich schützt, schützt du mich.
Ich bin fassungslos über die Bilder von den Demonstrationen am Wochenende. Tausende stehen dicht gedrängt ohne Mundschutz beisammen und haben offenbar den Ernst der Situation nicht begriffen. "Wir sind das Volk"??? Dann gehören Virologen wie der kluge Christian Drosten, Ärzte aller Fachrichtungen und besonnene Politiker wie Angela Merkel nicht zum Volk. Dann gehöre ich nicht zum Volk.

 


Haben wir begriffen, dass der Sinn des Lockdowns und der Kontaktsperren nicht war, das Virus abzuschaffen, sondern seine Ausbreitung zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht? Und dass die gute Nachricht von freien Intensiv-Betten in den Kliniken nur bedeutet, dass ich, falls es mich heftig treffen sollte, gute Chancen habe, eins der Betten zu kriegen?

Wo informieren wir uns, wem hören wir zu, auf welcher Grundlage treffen wir unsere Entscheidungen?

Wie geben wir dem Begriff "Verantwortung" in unserem täglichen Leben Ausdruck?

Ich frage. Traurig und besorgt.

 

Samstag, 2. Mai 2020

John O'Donohue: This is the Time. Dies ist die Zeit.


This is the time to be slow.
Lie low to the wall
until the bitter weather passes.

Try, as best as you can, not to let
the wire brush of doubt
scrape from your heart
all sense of yourself
and your hesitant light.

If you remain generous,
time will come good;
and you will find your feet
again on fresh pastures of promise,
where the air will be kind
and blushed with beginning.

John O'Donohue

Dies ist die Zeit, langsam zu sein.
Lege dich an den Fuß der Mauer
bis das raue Wetter vorüber ist.

Lass nicht zu
dass die Drahtbürste des Zweifels
dein Gefühl für dich selbst
und dein zögerliches Licht
von deinem Herzen kratzt.

Wenn du großzügig bleibst
wird die Zeit gut werden
und deine Füße werden sich wiederfinden
auf frischen Weiden der Verheißung
wo die Luft freundlich sein wird
und rosig von Anfang.

John O'Donohue

Übersetzung: Margrit Irgang

Dienstag, 28. April 2020

Frau Irgang kocht: Nudeln asiatisch mit grünem Spargel


Einkaufen im Supermarkt in Zeiten von Corona macht keine Freude. Maske übers Gesicht fummeln, den letzten Einkaufswagen ergattern (die meisten tragen Einweghandschuhe, wo kriege ich die jetzt her?), Hände desinfizieren (was tummelt sich eigentlich unsichtbar auf dem Griff des Einkaufswagens?) und im Eilschritt mühsam atmend vorbei an den bulligen Security-Männern und dem Schild "Bitte kaufen Sie zügig ein und halten Sie sich im Markt nicht länger als nötig auf". 

Nötig wäre: Mich inspirieren zu lassen vom Gemüse-Angebot, überraschende Knollen und Blätter zu entdecken, die letzte Woche noch nicht da waren, im Kopf den Speiseplan über den Haufen zu werfen und neue Ideen zu entwickeln. Die neuen Ideen verlangen dann natürlich nach Ergänzungen, die nicht auf dem vorbereiteten Zettel stehen: Nüsse und Samen, Gewürze, vielleicht einen ganz bestimmten Käse. Nötig wäre: Sich Zeit lassen. Sich erfreuen an Farben, Gerüchen, Möglichkeiten.

Die Antwort auf das Beschaffungselend heißt nicht Pizza-Service. Sie heißt: Kochen aus dem Vorratsschrank mit frischer Ergänzung. Für mein Pasta-Gericht braucht man sich auf dem Wochenmarkt nur einen Bund grünen Spargel und einen Bund Frühlingszwiebeln zu greifen. Der Rest ist, so oder ähnlich, im Haus. Wer einen Wok hat, darf ihn einsetzen. Ich arbeite mit sparsamen Mitteln und mache es in der beschichteten Pfanne.

Und: Das Rezept ist einfach und gelingt jedem Kochanfänger.

Für 2 Personen:

Lieblingspasta al dente kochen. Währenddessen erst einmal eine Handvoll gehackter Cashew-Kerne in der trockenen Pfanne anrösten. Beiseite stellen. In derselben Pfanne in Sesamöl, Nussöl oder Rapsöl einen Bund Frühlingszwiebeln, in feine Röllchen geschnitten, mit ca. 6 cm feingehacktem Ingwer kurz anbraten. Einen Bund grüner Spargel, in 1 cm breite Stücke geschnitten, wenige Minuten mitbraten (soll bissfest bleiben). Wenn zu hart, 2-3 EL vom Nudelwasser dazugeben. 1 Prise Chiliflocken, abgeriebene Schale und Saft von einer Bio-Limette (oder einer halben Zitrone) dazugeben, mit 1-2 EL Ahornsirup und 1-2 EL Sojasauce ablöschen (je nach Geschmack, ich hab's gern üppig). Eine Handvoll Minze hacken und einrühren. Das Gemüse über die Pasta geben, mit den Cashew-Kernen bestreuen.

Wenn kein Ahornsirup im Haus ist: Honig oder Agavensirup. Ersatz für Cashew-Kerne: jede Art Nuss oder Mandeln.

oishii    (japanisch: lecker)


Erinnerung an eine versunkene Zeit: April 2019, Dinner in Nagano

 

Samstag, 25. April 2020

Das eingesperrte Lächeln


Gestern in meinem Bioladen auf dem Land, in dem ich gerne einkaufe. Er hat nicht so eine riesige Auswahl wie die Märkte in der Stadt, aber ich bekomme dort alles, was ich brauche. Ich gehe dort hin, weil die Atmosphäre so nett ist. In einem Gang ließ mich eine junge Frau weiträumig vorbei, ich dankte mit einem Lächeln. Am Gemüsestand wartete ein Mann geduldig hinter mir, bis ich mich bedient hatte. So aufmerksam. Ich lächelte ihm zu. Draußen warteten in einer Schlange schon weitere Kunden auf meinen Einkaufswagen. Die glückliche Kundin, die ihn bekam, dankte mir. Ich lächelte ihr zu.

Als ich im Wagen die Maske wieder abnahm, wurde mir bestürzt klar: Niemand hatte mein Lächeln gesehen.

Ich habe eine japanische Seele. Händeschütteln ist für mich ein übergriffiger, geradezu brutaler Akt. Aber weil man in Deutschland wie ein Nerd angesehen wird, wenn man sich asiatisch-meditativ verbeugt, lächle ich. Auf der Straße, einfach so, wenn Passanten grüßen oder auch nicht: Ich lächle.

Jetzt hat ein Gesetz mir in wichtigen Situationen das Lächeln genommen. Es lebt weiter, aber hinter dem Vorhang. Es darf nicht raus, kommt nicht mehr dort an, wo es hinwill. Wo es vielleicht gebraucht wird. Vielleicht jemandem den Tag erhellen würde für zwei Sekunden.

Sie haben mein Lächeln eingesperrt.



Donnerstag, 23. April 2020

Welttag des Buches


Vor lauter Corona hätte ich fast den Welttag des Buches vergessen! Einer Profi-Leserin darf das doch gar nicht passieren. Wie gut, dass ich gestern Abend beschlossen habe, bis auf Weiteres nichts mehr zu schreiben, das irgendwie mit Viren zu tun hat. Auch den letzten Post mit meinen hübschen Masken habe ich erst mal auf Entwurf zurückgesetzt. Zeit für Bücher! Ich habe mal schnell zwei aus dem Regal gezogen, die ich sehr empfehlen kann.

Cees Nooteboom "Allerseelen", aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Suhrkamp. Der junge Niederländer Arthur Daane trauert um seine Frau und sein Kind, die er bei einem Unglück verloren hat. Er streift durch das winterliche Berlin der Neunzigerjahre und lernt eine Gruppe von Menschen kennen, die seine Freunde werden. Ein anspruchsvoller Roman mit wunderbaren Dialogen - der beste von Nooteboom, obwohl ich alle seine Bücher mag.

Philippe Grimbert "Ein Geheimnis", aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Suhrkamp. Der kleine Philippe ist nicht der tatkräftige zupackende Junge, den seine Eltern sich wünschen. Er ist fünfzehn, als eine Freundin der Familie ihm ein Geheimnis enthüllt: Die Grimberts sind Juden. Philippe Grimbert wurde Psychoanalytiker und macht sich auf die Suche nach der verdrängten Vergangenheit seiner Familie.

Und ein besonderes Buch, sein Alterswerk, poetisch und nachdenklich: Philippe Jaccottet "Die wenigen Geräusche", aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, Hanser Verlag. Meine Besprechung in SWR 2 Lesenswert hier (klick)

Kontaktsperre? Kein Problem. Wir haben doch Bücher!


Sonntag, 19. April 2020

Allein und doch nicht einsam


Ich gehöre zu denen, die das Alleinsein nie lernen mussten. Schon als Kind floh ich, wenn Besuch da war, in eine stille Ecke, um mich mit meinen verzauberten Schwestern zu unterhalten, die für andere nichts weiter waren als die Stöckelschuhe meiner Mutter. Mit fünf Jahren wurde das "arme Einzelkind" in den Kindergarten gebracht. Um es kurz zu machen: Es war eine Katastrophe. Die anderen Kinder tobten und bewarfen einander mit Bauklötzen. Ich hätte gern von meinen verzauberten Schwestern erzählt, aber niemand wollte es hören. Der Versuch, das Kind mit der Anwesenheit anderer Kinder zu erfreuen, wurde nie wiederholt.

Meine Lieblings-Schriftsteller lieben alle das Alleinsein. Wahrscheinlich sind sie deshalb auch meine Lieblings-Schriftsteller.


"Ein Wochenende ohne Reden, sogleich in tiefes sicheres Bücherlesen versunken, und dann Schlaf: klar, durchsichtig: und der ganze Garten grüne Tunnels, Wälle von Grün: und dann erwachen in den heißen stillen Tag, und nie ein Mensch zu sehen, nie eine Störung." VIRGINIA WOOLF

"Zweieinhalb Tage war ich allein, und schon bin ich, wenn auch nicht verwandelt, so doch auf dem Wege. Das Alleinsein hat eine Kraft über mich, die nie versagt. Mein Inneres löst sich und ist bereit, Tieferes hervorzulassen. Eine kleine Ordnung meines Inneren fängt an, sich herzustellen, und nichts brauche ich mehr." FRANZ KAFKA


"In-sich-Gehen und stundenlang niemandem begegnen - das muss man erreichen können. Einsam sein, wie man als Kind einsam war, als die Erwachsenen umhergingen, mit Dingen verflochten, die wichtig und groß schienen, weil die Großen so geschäftig aussahen und weil man von ihrem Tun nichts begriff." RAINER MARIA RILKE

"Der Wind lief durch die sich beugenden braunen Gräser und rührte die Wipfel der grünen Bäume. Ich blickte auf die dunkle Masse der Wälder jenseits der Brennerei, auf jene Hügel im Süden von uns, und es wurde mir klar, dass ich unter Menschen einsam bin, wenn ich aber allein bin, so bin ich nicht mehr einsam." THOMAS MERTON


"Diese Freude, allein zu sein: Was ist das? Ich fühle mich so fröhlich, ruhig und friedlich - das ganze Haus scheint aufzuatmen. Das Mittagessen ist fertig. Ich habe ein gebratenes Ei, Aprikosen und Sahne, Käsesticks und schwarzen Kaffee. Wie köstlich! Der Kater bekommt einen Löffel Rahm - dann versteckt er sich unter den Sofafransen und streckt ein Pfötchen aus nach meinem Finger. Es ist niemand im Haus - und doch - woher kommt das Flüstern? Winzige Goldflecken auf den Treppenstufen - winzige Fußspuren ..." KATHERINE MANSFIELD

Dies ist ein kurzer Auszug aus meinem Feature "Allein und doch nicht einsam" für SWR 2, das leider nicht mehr in der Mediathek steht.

Vielleicht gerade jetzt wichtig: Ein schönes Buch über die Stille: hier (klick)
Mehr über Introvertierte und Hochsensible: hier (klick)

Sonntag, 12. April 2020

Oster-Ausgabe: Eure Beiträge


Licht. Light.

Herzlichen Dank an diejenigen von Euch, die meinem Aufruf gefolgt sind und mitgeteilt haben, was sie in dieser schwierigen Zeit inspiriert, erfreut, nachdenklich macht. Die Beiträge waren zum Teil sehr lang, ich musste kürzen. Mein Beitrag zu diesem Post sind meine Fotos, entstanden auf einsamen Spaziergängen in den letzten Tagen.

Gerlinde schreibt: "Nach der anfänglichen inneren Revolte, dass das Virus mir alles nehmen wird, was mir lieb und teuer ist, erlebe ich jetzt mit Staunen eine innere Veränderung. Vom Ich zum Wir. Die introvertierte Hochsensible, die so viel Schutz gebraucht hat, hat jetzt das Bedürfnis, sich mitten rein zu werfen, um zu helfen. Die dramatischen Schilderungen der Ärzte und Priester aus Italien haben mich sehr berührt, das Online-Retreat von Lion's Roar hat geholfen, dieser Blog hier, und noch ein anderer von Claus Eurich, die Biografie von Hilma af Klimt, "Der Sprung in den Brunnen" von Hubertus Halbfas, Menschen, die ich längst verloren geglaubt habe, sind neu zurückgekommen, ganz viel Neues entwickelt sich. Einkaufen für Menschen mit Risiko, eingetragen auf Plattformen zur Erntehilfe Aber das sind nur die äußeren Dinge. Innen geschieht etwas, das ich nur als neu beschreiben kann, eine Art Umkehr, vielleicht wirklich der Sprung in den Brunnen. Solange ging es um mich, meine Welt, mein, mein, mein. Das ist wie vorbei. Es geht jetzt um uns, um uns alle. Das Komische ist, dass sich trotz so vieler Bedrohungen das Leben jetzt leicht, schön und freudig anfühlt."

Barbara hat begonnen, Haikus zu schreiben, die sie auf ihrem Blog teilt.

Eiskalte Hände.
Zum Glück macht der Schmerz mir klar:
Ich bin am Leben!

An trüben Tagen
wenn die Fallzahlen steigen
versuch ich ein Lied

Wird es lang dauern
bis deine Angst verschwindet
mich zu umarmen?


Hoffnung. Hope.

Sibylle schreibt auf ihrem Blog über ihre Hoffnung: "Wir werden dann vielleicht gelernt haben, was es heißt, am Leben zu sein. Was es wirklich bedeutet, genug zu essen im Kühlschrank und ausreichend Toilettenpapier im Badezimmer zu haben, den Partner neben sich atmen zu hören (selbst wenn sein Schnarchen zuweilen das Ende unserer Träume bedeuten sollte), die Familie um den Tisch versammelt zu haben, den Kollegen auf der Arbeit zu begegnen, wir werden gelernt haben, wie man höflich Abstand halten und sich dennoch herzlich begrüßen kann. (...) Wir werden vielleicht erkannt haben, dass es auf diesen Moment ankommt, da es einen anderen nicht gibt. Wir werden es als das höchste und wahrhaftigste Glück erkennen, tief die frische Luft einatmen zu dürfen und sie anschließend wieder frei zu lassen, einen nächsten Atemzug zu nehmen und danach noch einen. Mit all dem müssen wir nicht auf jenen späteren Zeitpunkt, auf das Ende der Krise, ein nächstes Leben oder die großen Ferien warten. Wir können es bereits heute tun."

Maartien aus den Niederlanden hatte einen Traum: "Seit Jahren begleiten, beruhigen und beglücken Ihre Worte, Ideen und Wortkompositionen meinen Lebenspfad. Die sind mir teuer geworden. Drei Tage her träumte ich, ich wäre unterwegs in den Bergen. Irgendwo am Bio-Marktplatz konnte ich bei Ihnen homemade Bonbons bekommen. Sie waren neben einem anderen Verkäufer da, unauffällig und beschäftigt, und ich wählte ein Dutzend davon, Schokolade-Bonbons, alle die gleiche Form, der Inhalt eine Überraschung." 

(Anmerkung von mir: Eindeutig ein Traum. In der Realität hätte ich die Bonbons selber gegessen.)


Freundschaft. Friendship.

Simon schreibt: "Seit Jahren fahre ich mit dem Rad eine halbe Stunde in die Arbeit. Ich lasse kaum einen Tag aus. Nur bei Eis oder starkem Regen fahre ich nicht. Im April nehme ich mir mehr Zeit, weil die Forsythien blühen. Ich kenne die Standorte einiger Sträucher und habe mir mit der Zeit eingeprägt, in welcher Reihenfolge sie blühen. Ich fahre sie alle ab. Mir gefallen sie am besten, wenn sich das zarte Grün der neuen Blätter mit den gelben Blüten mischt. Mit dem Corona-Virus begab ich mich in Selbst-Quarantäne, da ich zur Risikogruppe gehöre. Die Forsythientour endete abrupt. Vorher führte ich ein großflächiges Leben, das wird mir erst jetzt bewusst. Nun ist es kleinflächig und begrenzt auf unsere Wohnung. Da ich außerdem auf die Frühjahrsblüher allergisch bin, die nach den Forsythien wieder zum Leben erwachen, müssen die Fenster geschlossen bleiben.

Wenn man lange in eine Kerze sieht und dann die Augen schließt, entsteht ein Nachbild. Was vorher hell war, ist im Nachbild dunkel. Die gelbgrünen Forsythiensträucher haben sich durch die Pandemie in eine Kopie aus Grautönen gewandelt. Dieses Nachbild gräbt sich in meine Erinnerung ein und zeigt mir eine andere Realität, wie in einem wunderbaren Experiment."

Helga lebt mit Kindern und teilt auf ihrem Blog Bücher und Podcasts, die sie inspirieren, Ideen für das Leben in Selbst-Isolation mit Kindern und hat mit ihrer Tochter ein Video über Fadenspiele erstellt. "Lernen kann auf so vielen Ebenen stattfinden." Helga weiß und betont ausdrücklich, dass die Situation für viele Menschen sehr schwierig ist, aber sie kommt, nachdem sie monatelang durch ihr Leben gerannt ist, jetzt zur Ruhe: "Besten Gewissens kann ich mich dem Nähen, Stricken, Filzen widmen. Kann mit meiner Familie kochen, essen, Filme schauen, spielen. Kann meditieren, im Garten werkeln. Und das tut mir gut."

... und dann kamen noch etliche E-Mails mit Dank und guten Wünschen, einfach so, ohne Blog-Beitrag, muss ja auch nicht sein. Und weil Beatrice anmerkte, Frau Irgang habe auf diesem Blog lange nicht mehr gekocht: Ähm, is grad vorratsmäßig alles n bisschen eingeschränkt, nich? Wird aber wieder.

Frohe Ostern Euch allen. Es lebe die wunderbare Unvollkommenheit.
 

Mittwoch, 8. April 2020

Die Gefühle der Mehrheit


Auf meinem täglichen Gang mit der Kamera begegnete mir letzte Woche dieser kleine Löwenzahn in einer Felsenwand. Er sah so schrecklich allein aus, und doch blühte er strahlend gelb vor sich hin und entfaltete seine Löwenzahnhaftigkeit in der kargen Umgebung. Ich dachte: Was für ein toller kleiner Kerl! Schaffen wir das auch?

Man findet gute Lehrer wie ihn an den unglaublichsten Orten.

Eins der bekanntesten Sutras ist das Metta Sutta, das Sutra über die allumfassende Liebe. Ich habe es noch einmal gelesen und gesehen, dass es uns eine Anleitung zum Leben in Selbst-Isolation gibt. In der Version von Thich Nhat Hanh beginnt es so: "Wer Frieden erlangen  möchte, sei aufrichtig und bescheiden, sei fähig zu liebevollem Sprechen. Er oder sie wird wissen, wie man einfach und glücklich leben kann - mit ruhigen Sinnen, ohne Habsucht und unbeeinflusst von den Gefühlen der Mehrheit."

Ich erschrecke über die Kriegs-Rhetorik, die im Moment von Politikern benutzt wird. Der Gouverneur von New York Andrew Cuomo sagt, die Welt sei im Krieg. Trump denkt das ohnehin, und Finanzminister Olaf Scholz vergleicht sein Finanzprogramm mit der "Bazooka". 

Wie schnell verlieren wir gerade im Alleinsein den inneren Frieden. Dunkle Gedanken haben die fatale Eigenschaft, sich in leeren Räumen gemütlich einzurichten. Ängste lieben Abende, an denen "nichts los ist", da können sie sich so richtig austoben. Wenn wir jetzt, um uns abzulenken, die Tagesschau und die nächste Sondersendung zum Thema Corona anschauen, stürmt das auf uns ein, wovor uns das Sutra warnt: "Die Gefühle der Mehrheit." Übrigens ist die Mehrheit manchmal auch die eigene Familie oder die Freundin, die das Alleinsein nicht aushält und dauernd anruft. Für sie alle brauchen wir dringend stabilen inneren Frieden und einen Geist, der nicht Amok läuft und keine Befürchtungen ausspinnt. Obwohl er die reale Bedrohung erkennt, sie nicht kleinredet, nicht beschönigt, nicht ignoriert.

Wenn wir inneren Frieden haben, sind wir wie der kleine Löwenzahn: Wir entfalten in der notgedrungen kargen Umgebung die uns eigene "Löwenzahnhaftigkeit": Unsere Menschlichkeit.

Und so fährt das Metta Sutta fort: "Mögen alle Wesen glücklich und wohlbehalten sein, und mögen ihre Herzen von Freude erfüllt sein. Mögen sie alle in Sicherheit und Frieden leben - ob sie nun schwach sind oder stark, lang oder kurz, groß oder klein, sichtbar oder unsichtbar, nah oder fern, bereits geboren oder noch nicht geboren. Mögen sie alle in vollkommener Gelassenheit weilen. Kein Wesen verletze je ein anderes, noch gefährde es das Leben eines anderen; kein Wesen wünsche einem anderen aus Ärger oder Übelwollen je Kummer oder Leid."

Das schaffen wir doch?


Freitag, 3. April 2020

Einladung an Euch. Invitation for you.


Bis der Mond voll ist ... Till the moon is full ...

(English below)  Was mich glücklich macht: So viele Künstler - Musiker, Tänzer, Schauspieler, Fotografen, Autoren - schenken uns ihre Arbeit gerade über das Internet. Für uns spielen, tanzen, lesen sie vor, ohne Gedanken an Profit oder daran, was später sein wird, wenn ihre (unsere) Konten leer sind. In diesen Tagen wachsen wir zu einer weltweiten Gemeinschaft zusammen. Deshalb möchte ich meinen Blog öffnen für Eure Beiträge.

Was hat Euch bewegt, beglückt, erfreut in der Zeit der Selbst-Isolation oder gar Quarantäne? Was habt Ihr beobachtet, gelesen, gehört, das Euch Mut gemacht oder neue Erkenntnisse geschenkt hat? Auch für Zweifel und Ängste ist hier Platz. Vielleicht habt Ihr keinen Blog und keinen Zugang zu einem sozialen Netzwerk, oder Ihr wollt gern Teil der Gemeinschaft meiner Leserinnen und Leser sein. Ihr könnt einen Kommentar zu diesem Post hinterlassen (er wird für die große Sammlung aufgehoben und erst mal nicht veröffentlicht) oder mir eine Mail schicken an info (at) margrit-irgang.de Wenn Ihr dem nicht widersprecht, verwende ich Eure Vornamen. Wenn Ihr wollt, verlinke ich auf Eure Webseite.

Bis der Mond voll ist (und noch ein paar Tage darüber hinaus) sammle ich. An Ostern werde ich Eure Beiträge hier einstellen. Ich freue mich darauf, von Euch zu hören.

So many artists - musicians, dancers, actors, photographers, authors - share their works now at the web just for free. In these days we are growing a world-wide community. That's why I want to open my blog for your contributions. What gave you joy or moved you during this time of self-isolation or even quarantine? What did you watch, read, hear that encouraged you or gave you a deep insight? If you want to speak about doubt and fear, you can do so. Maybe you do not have access to a social network or you want to be part of this community of my readers. Leave a comment to this post or send a mail to info (at) margrit-irgang.de  I will mention your first name and can add a link to your website.

Till the moon is full (and a few days more, to be honest) I am collecting. I will post your contributions on easter. I am looking forward to hearing from you. Write in English, if you want. If necessary, I will translate it.


Mittwoch, 1. April 2020

Rutger Bregman "Im Grunde gut"



Es gibt Bücher, die zur richtigen Zeit erscheinen. Dies ist so eins. Rutger Bregman hatte keine Ahnung vom Corona-Virus, als er sein Buch schrieb, in dem er die These aufstellt: Die Menschen sind im Grunde ihres Wesens gut, nämlich mitfühlend und freundlich. Jetzt, wo eine Welle von Hilfsbereitschaft durch die Welt geht, warnen die ersten Pessimisten schon vor dem sich ankündigenden Egoismus, der nicht nur aus schlichten Hamsterkäufen bestehen wird. Erleben wir also nichts als eine flüchtige Aufwallung von Menschlichkeit – oder zeigt sich in dieser Zeit unser tiefstes Wesen?

„Das Böse ist stärker“, schreibt Bregman, „aber das Gute kommt häufiger vor.“ Fünf Jahre hat er recherchiert. Jetzt entlarvt er bekannte Experimente, die angeblich die menschliche Grausamkeit beweisen, als gefälscht, und erzählt Geschichten von Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit, die es nie in die Medien geschafft haben. Das Buch ist ein flammender Appell, den Mitmenschen anders zu begegnen: Wer das Gute in ihnen sieht, wird das Beste in ihnen hervorbringen.

Meine Rezension im SWR ist noch nicht erschienen. Da die Studios für freie Mitarbeiter geschlossen sind, konnte ich sie nicht selbst sprechen. Wenn ich das Sendedatum weiß, ergänze ich es hier. Aber Eure Lieblingsbuchhandlung schickt Euch das Buch sofort und gerne. Es lohnt sich.

Rutger Bregman "Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit", aus dem Niederländischen von Ulrich Faure und Gerd Busse, Rowohlt Verlag 

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(Frau Roenspies, wenn Sie hier mitlesen: Ich kann Ihre Mail nicht beantworten, da Outlook die Mails von T-Online seit Monaten blockiert. Googeln Sie "Intersein-Zentrum" und "Benediktushof".)