Donnerstag, 31. Dezember 2020

Raunächte, die heilige Zwischenzeit

Wir befinden uns in den Raunächten. Rau wie kratzig, pelzig (die Kürschnerei stellt ja auch "Rauchwaren" her)? Zu dieser Interpretation passt die Göttin Percht mit ihren wilden, in Zottelpelze gewandeten Kerlen, die in bayerischen Dörfern in dieser Zeit durch die Nacht tobt (die Dorfburschen reißen sich um die Rollen). Aber vielleicht bezieht sich der Begriff doch auf das Räuchern, denn noch heute wird im Alpenraum in vielen Bauernfamilien Stall und Haus geräuchert. Die heiligen Kräuter entfernen alte schlechte Energien und weihen gleichzeitig das jetzt reine Haus.

Die Raunächte sind eine Zwischenzeit, eine sozusagen geschenkte Zeit. Früher war der Beginn des neuen Jahres in weiten Teilen Europas der 6. Januar, das Jahresende aber der 24. Dezember - es fehlten also zwölf Tage. Erst Papst Innozenz XII legte 1691 den 31. Dezember als letzten Tag des Jahres fest.

Sich besinnen, Altes abschließen, Belastendes loslassen, die Träume beobachten, sich und das Haus reinigen und damit das Neue einladen - das ist die Symbolik der "Zeit zwischen den Jahren". Seit ich in einem einhundertfünfzig Jahre alten Bauernhof im Schwarzwald gelebt habe, räuchere ich mit Beifuß und Wacholder - weil sich dunkle Energien angesammelt haben oder wieder mal vom Vermieter geschickte Handwerker aller Art in meiner Wohnung herumgetrampelt sind.

Die letzte Raunacht ist die vom 5. auf den 6. Januar, sie endet mit dem Fest der "Heiligen Drei Könige", die angeblich dem Stern gefolgt sind und dem Kind in der Krippe Gold, Weihrauch und Myrrhe dargebracht haben. Wie sind die bloß in die Legende geraten? Die Bibel kennt sie nämlich nicht. Bei Markus sind es "Sterndeuter", die das Kind besuchen, bei Lukas die Hirten vom Felde. Es gibt kluge Frauen, die auf diesem Feld forschen und mutmaßen, dass hier die uralten keltischen Weisen Frauen Ambeth, Wilbeth und Borbeth - man nannte sie die drei Bethen - von der Kirche vereinnahmt und vermännlicht wurden. Es wäre nicht die erste Aneignung dieser Art.


Nachdem die drei Weisen Frauen nach den zwölf Tagen der Zwischenzeit das Haus gesegnet und geweiht haben, erscheint der friedvolle Freyr, Zwillingsbruder der Göttin Freya, mit seinem starken Eber, dessen Borsten golden sind wie die Sonne, und schiebt mit seiner Kraft das Jahresrad wieder an.

Keine drei Weisen Frauen in unserem Leben? Aber eine doch sicher, die immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht - die Freundin, Schwester, Mutter, Nachbarin. Kein Eber weit und breit zur Verfügung? Aber warum verkaufen die Bäcker in diesen Tagen rosige schielende "Glücksschweinchen"? Genau: In ihnen verbirgt sich die alte Symbolik des Ebers mit den goldenen Borsten. "Weihen" wiederum kommt vom Althochdeutschen "weich" und bedeutet "heilig". Alles, was wir als heilig betrachten, ist es auch. Das Weihen geschieht in unserem Geist, wir brauchen niemanden, der es für uns tut.

Wir sind seit Urzeiten eingebunden in den Jahreslauf und nicht allein.

Am Ende dieses so schwierigen Jahres wünsche ich euch deshalb für das neue Jahr "viel Schwein". Und einen klaren, lichten Geist, der das Heilige um uns herum erkennt.

Wir sehen uns wieder im nächsten Jahr an dieser Stelle. Macht es Euch schön bis dahin.

 

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Ein beglückendes Weihnachtsfest

 

Vielleicht könnt ihr an diesem besonderen Weihnachtsfest erfahren, wie beglückend Stille und Einfachheit sind. Und wenn ihr alleine feiert, aus den zeitbedingt bekannten Gründen, entdeckt ihr vielleicht, dass Alleinsein nicht dasselbe ist wie Einsamkeit. 

Mein Ritual am Heiligen Abend ist seit Jahrzehnten - auch wenn ich irgendwo als Gast erwartet werde -, bei Einbruch der Dämmerung durch die Straßen meines Viertels zu gehen und mir die Lichter in den Gärten und Häusern anzusehen. Ich sehe Menschen, die Kerzen am Baum entzünden, in einer Küche steht ein Mann mit Schürze im Dampf, der aus einem Topf steigt, zwei Kinder drücken ihre Nasen an die mit Papiersternen geschmückte Scheibe ihres Zimmers. Und ich sitze mit unter jedem Baum, rühre im Topf und warte gespannt mit den Kindern auf die Bescherung. 

Ich gehöre dazu. Zu allem und zu allen. Das Wissen um die All-Verbundenheit ist immer da, aber erst jetzt, in der Stille und scheinbaren Leere dieser besonderen Nacht, die tatsächlich höchste Fülle ist, kann ich meinen Geist weit öffnen. Für eine halbe Stunde brauche ich die schützende Haut, die ich mir im Alltag überstreifen muss, nicht mehr. Nie bin ich weniger allein als am Heiligen Abend um fünf Uhr, auf den Straßen meiner Stadt.

Mit Yo-Yo Ma und Alison Krauss und dem alten irischen Wexford Carol wünsche ich euch stille und beglückende Weihnachtstage.


Montag, 21. Dezember 2020

WDR 5: Kintsugi - die Schönheit des Zerbrochenen

 

Feature in WDR 5, Dienstag, 22. Dezember, zwischen 10 und 11 Uhr: Kintsugi - die Schönheit des Zerbrochenen" von Isabel Schneider. Kintsugi - die japanische Kunst, zerbrochene Keramik mit Hilfe von Goldpuder zu neuer Schönheit zusammenzusetzen - ist für mich ein Symbol für Lebenskunst. Im Jahr 2017 habe ich einen Blogbeitrag dazu geschrieben: hier (klick).

Im Feature stellt Isabel Schneider die Tradition und zeitgenössische Variante des Kintsugi vor und spricht mit mir darüber, wie man nach einem Schicksalsschlag sein Leben zu einem Kintsugi machen kann. 

Die Seite zur Sendung findet sich hier (klick).

Der Podcast zum Hören der Sendung hier (klick). 


 

Im Juli nächsten Jahres gebe ich übrigens ein Retreat zu diesem Thema im schönen Intersein-Zentrum im Bayerischen Wald: Kintsugi, die Schönheit des Zerbrochenen . Mehr dazu hier (klick).

Freitag, 18. Dezember 2020

Die Ein- und Zweisamen

 

 

Man sieht sie jetzt überall, die Ein- und Zweisamen, aus ihren vertrauten Gruppen gepflückt von einer Pandemie und der Verordnung der Landesregierung. Einige wirken, als würden sie gerade erst aufwachen, sie blicken sich verstohlen um. So viel Wald war in ihrem Leben noch nie. Seit Jahren marschieren sie hier stramm mit ihren Wander-Kameraden hindurch, aber jetzt ist da auf einmal alles voller Holz und Moos, das sie nie bemerkt haben, und dann so ein Licht. So ein schräg einfallendes Licht, das direkt aus dem Geheimnis zu kommen scheint. Sie sind sich nicht sicher, ob sie Geheimnisse mögen, zumal solche, die in fremder Gegend lauern. Und sie sind mit dem Geheimnis allein, höchstens zu zweit, was sich aber auch sehr allein anfühlen kann.

Einige Einzelne haben sich einen Hund mitgebracht. Ein Hund ist gerade in dieser Zeit und gerade an diesem Ort enorm tröstlich. Hin und wieder gibt so ein Hund Laut, das ist seine Aufgabe, das soll und muss er tun, und der Einzelne fühlt sich gleich vor dem drohenden Überfall des Geheimnisses gut beschützt. Denn es ist ja so still hier (wo sind die Vögel? Sollten hier nicht Vögel sein?). 

Aber es riecht so gut. Es atmet sich so leicht. Der Boden federt unter den Schritten. Heute Nacht wird man gut schlafen können, seit Langem wieder einmal richtig gut schlafen. Man könnte wiederkommen, es ist ja sonst nichts los. 

Warum sollte man nicht morgen wiederkommen.


Samstag, 12. Dezember 2020

Atmen


Meine liebe Freundin H. wird im Frühjahr achtzig Jahre alt. Ich kenne sie seit Jahrzehnten und freue mich an ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem unermüdlichen Einsatz für andere als Lehrerin des Dharma. Als ich sie im Sommer sah, war ich etwas besorgt und bat sie, sich zu schonen. Auch ich musste in letzter Zeit erkennen, dass ich nicht mehr die Kraft einer Dreißigjährigen habe. Drei Monate später bekam meine Freundin eine schwere Lungenentzündung. Am Telefon erzählte sie mir, dass sie in der kritischen Zeit nur dies praktiziert habe: "Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme."

Jeden Morgen biete ich in meinen Retreats eine geführte Meditation an, und jede Meditation beginnt mit diesem Satz. Weil er in großer Schlichtheit sagt, worauf unser Leben beruht.

In Genesis 2,7 heißt es: "Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem." Das westgermanische Wort "Atem" ist verwandt mit dem altindischen "Atman", was die unzerstörbare ewige Essenz des Geistes bezeichnet, die bei uns häufig mit Seele übersetzt wird. Es gibt nicht "meinen" Atem und "deinen" Atem. Was uns unterscheidet, sind lediglich schwankende und vorübergehende Atemformen, kürzere und längere, tiefere und flachere. Wir teilen alle denselben Atem, dieselbe unzerstörbare Essenz, die uns durchdringt und verbindet. 

Wir nehmen den Atem als selbstverständlich hin. Aber auf den Intensivstationen der Kliniken liegen die Covid-19-Patienten, die nicht mehr selbstständig atmen können. Nur noch ein Schlauch verbindet sie mit der Basis des Lebens. Und auch wenn sie das Glück haben, ins Leben zurückzukehren (jetzt begreifen wir erst, wie passend dieser Ausdruck ist), werden sie noch lange Zeit, wie die Ärzte es ausdrücken, "Atemprobleme" haben. 

Meine Freundin und ich werden uns wegen der aktuellen Situation lange nicht sehen. Aber, sagte sie zu mir, "du weißt ja, dass wir immer verbunden sind, weil wir alle Teil des großen Ganzen sind." Und ich dachte: Ja, wir sind auch verbunden mit denen, die jetzt "beatmet" werden mit dem Element, das wir Luft nennen und das, wenn wir nur ein wenig tiefer schauen, so viel mehr ist - die ewige Essenz des Geistes, die alles durchdringt und auch uns erfüllt.

Können wir das zu unserer Praxis machen in den stillen und vielleicht gefühlt einsamen Weihnachtstagen, die uns bevorstehen? Mit denen zu atmen, die es selbst gerade nicht können. "Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme."

Nur dies.  

 

Sonntag, 6. Dezember 2020

Adventsmusik: Apollo5 "The Crimson Sun"

 

 

Die Musik des 36 Jahre jungen britischen Komponisten Alexander Campkin wird weltweit in den größten Konzerthäusern aufgeführt. Seine Chor-Arrangements sind betörend schön. Man darf die Kunst eines Künstlers nie nach seiner Biografie beurteilen, aber da Campkin es selbst thematisiert, erwähne ich es hier: Mit 17 Jahren bekam er Multiple Sklerose. "MS changed my life. It stopped me playing the viola. But it certainly didn't stop me composing."

Vielleicht empfängt er deshalb die Musik der Engel besser als jene Menschen, die unversehrt sind. Und macht sie hörbar, damit den Unversehrten die Ohren aufgehen.

Hier "The Crimson Sun" mit der wie immer wunderbaren Gruppe Apollo5. 

Ich wünsche Euch den Besuch eines klitzekleinen Engels an diesem Adventssonntag.

 

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Im sensiblen Schwebezustand

 

Wie finden wir jetzt die stimmige Balance zwischen Rückzug und Kontakt, zwischen unserem Wunsch nach Freiheit und der Verpflichtung zur Verantwortung für die Gemeinschaft? Es geht um mehr als um die Frage, mit wem und mit wie vielen Menschen wir Weihnachten und Silvester feiern sollen. Unsere Gefühle und Emotionen richten sich eben nicht nach Fallzahlen; wir haben Bedürfnisse und Sehnsüchte, die nicht in die verordneten Maßnahmen passen. Und wie soll das alles weitergehen, im nächsten Jahr, in den nächsten Monaten. Wir sind verunsichert.

Wie gut, dass wir verunsichert sind!

Das Magazin Ursache\Wirkung, für das ich regelmäßig schreibe, befasst sich in seiner neuen Ausgabe mit dem Thema "Balance finden". Hier ein kleiner Auszug aus meinem Beitrag "Sensibel im Schwebezustand", in dem ich erzähle, warum alle Menschen von uns Hochsensiblen lernen können, was Balance ist:

"Jeder Mensch muss sich mit dem Thema Balance auseinandersetzen. Während ein Hochsensitiver zu viel aufnimmt, bemerkt ein Nichthochsensitiver oft zu wenig. Wer die Emotionen seiner Mitmenschen übersieht, hat ein mindestens so großes Problem wie jemand, der von ihnen überschwemmt wird. Und dann verharrt man in einem Zustand der Unkreativität. In einem Rundfunk-Feature über den freien Willen sprach ich einmal mit dem inzwischen leider verstorbenen Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, der eine große Sympathie für den Buddhismus hegte. Er sagte, Lebendigkeit verlange, sich in Unsicherheit zu begeben, 'positiv ausgedrückt, in einen sensiblen Schwebezustand. Gerade dort, wo wir uns am unsichersten fühlen, sind wir am lebendigsten und kreativsten.'"


 

Gute Autoren beleuchten in der Ursache\Wirkung 114 das Thema Balance aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Lesenswert. Man findet das Magazin in gut sortierten Buchhandlungen oder hier (klick)  


Freitag, 27. November 2020

Besuch im Winterweltmuseum

 

Schade, die Museen haben geschlossen. Aber das Winterweltmuseum  hat geöffnet. Rund um die Uhr, der Eintritt ist frei, und es besteht kein Maskenzwang. Ich habe mir gestern mal die neueste Ausstellung angeschaut. Leider war nicht geheizt, deshalb bin ich nach einer halben Stunde gegangen. Ich habe jedoch ein paar schöne Exponate gesehen.

Zum Beispiel dieses Aquarell: Pinselschwünge, die mich an den großen Hokusai erinnern, auf körnig grundierter Mauerleinwand. Davor ein Readymade in hauchzartem Grüngelb und Sanftbraun. Beides zusammen erschafft im Kleinen eine ganze Landschaft. Sehr japanisch. Das Werk war nicht signiert, aber ich denke, von diesem Künstler wird man noch hören.

 


Einen Gang weiter ein Bild, das auf den ersten Blick alltäglich wirkt, für den oberflächlichen Betrachter fast banal. Aber wenn man sich Zeit nimmt und es studiert, entdeckt man die unaufdringliche Raffinesse: Der zarte Spinnenfaden am linken Bildrand, der die Komposition in Balance hält.

 


Und dann ein besonders schönes Stück aus meiner Lieblings-Abteilung, der großen Sammlung an Minimalisten, die das Winterweltmuseum besitzt (auch dies nicht signiert). Ich denke, es bedarf keiner erklärenden Worte. Es will einfach nur bestaunt und bewundert werden.

Ich glaube, heute gehe ich wieder hin. Man muss die wenigen Kultureinrichtungen, die noch geöffnet haben, unterstützen.


Freitag, 13. November 2020

Novembersanft


November, der sanfte Monat. Die Bäume geben ihre Eigenart ab, verschmelzen mit den Wiesen und Hängen. Die Weiden sehen von Weitem aus wie das samtige Fell eines Tieres. Man möchte sie streicheln.



Die Landschaft lässt jetzt ihren Rhythmus erkennen, den Herzschlag, der unter der Vegetation pulst. Die Laubbäume haben ihr Blattfeuer gedimmt und erröten nur noch zart, fast ein wenig verlegen, als wollten sie die Harmonie der Farben nicht stören.



November, der minimalistische Monat. Die Hügel und Täler zeigen ihre Essenz, ohne das schmückende Beiwerk, das im Sommer so begeistert hat. Wir erkennen ihre Sanftheit, das weich Gerundete der Landschaft, die jetzt ganz bei sich ist. 

Ruhe kehrt ein. Auch in uns. 


Sonntag, 8. November 2020

Nagori

 

"Nagori verweist sowohl auf eine Sehnsucht in uns, nämlich die wehmütige Sehnsucht nach einer Sache, die uns verlässt oder die wir verlassen, als auch auf die Vorstellung von etwas, das die Jahreszeit leicht verzögert, als ob diese Sache selbst nur mit Bedauern diese Welt und die ihr zugehörige Jahreszeit verließe. (...) 

Man gibt einen Teil seiner selbst hin, an die Sache, die Welt, die Schönheit und das Herz des geliebten Wesens. Das Herz, das nagori erfährt, ist ein großzügiges, ja ein mutiges Herz: Es hat keine Angst, sich selbst diesen winzigen, nicht unbedingt dramatischen, aber sehr zerbrechlichen und zarten Dingen hinzugeben, aus denen unser Leben sich zusammensetzt."

Aus: Ryoko Sekiguchi "Nagori. Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit", aus dem Französischen von Karin Uttendörfer, Matthes & Seitz

 

Montag, 2. November 2020

Lockdown-Lese-Lust

Kinos, Theater, Konzerthäuser sind zu. Aber es gibt ja die Bücher! Sie verlangen von uns nicht, uns umzuziehen, eine Maske aufzusetzen und den proppenvollen Bus zu besteigen. Sie bitten nur um Stille und eine gute Leselampe. Meine Empfehlungen heute: Bücher über eigensinnige alte Menschen. Starke Persönlichkeiten, die krumme Lebenswege gehen und manchmal stolpern. Also: Vorbilder!

Elizabeth Strout "Die langen Abende", aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand Verlag. Wer die kauzige Olive Kitteridge aus Crosby, Maine, noch nicht kennt (aus dem ersten Band "Mit Blick aufs Meer"), hat etwas versäumt. Jetzt ist sie pensioniert, die Kinder sind aus dem Haus, und Olive, störrisch und meinungsfreudig wie immer, ist ziemlich vereinsamt, woran sie nicht unschuldig ist. Aber da ist Jack, der ehemalige Harvard-Professor, den Olive natürlich unmöglich findet. Elizabeth Strout weiß sehr viel von den Sehnsüchten der Menschen und davon, dass eigentlich niemand das Leben lebt, das er oder sie sich vorgestellt hat. Mir gefällt, dass Strout bei aller Klarsicht und Schärfe ihre Protagonisten nie verrät. Ihr Blick auf Menschen ist voller Wärme und Nachsicht.


Benjamin Myers "Offene See", aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Dumont Verlag. Der Krieg ist gerade zu Ende gegangen, und der sechzehnjährige Robert will nicht, wie sein Vater, Bergmann werden. Er macht sich auf eine Wanderung durch das ländliche England und begegnet der alten Dulcie, die mit ihrem Hund in einem verwilderten Cottage lebt. Dulcie - unverheiratet, gebildet, mit unerhörten Ansichten zu Religion und Familie - wird Roberts Mentorin. Sie bringt ihm die Dichter und den Sinn für gutes Essen bei. Mit gefällt diese herrlich aufmüpfige Protagonistin, und natürlich umgibt sie ein Geheimnis, das Robert entdecken wird. Ein Sommer in Südengland - Dachse schlurfen, Eulen blinzeln, Hecken wuchern, das Meer glitzert in der Ferne. Man möchte sich in die Wiese legen und träumen.


Ursula März "Tante Martl", Piper Verlag. Tante Martl hätte ein Junge werden sollen; der Vater verzieh ihr das falsche Geschlecht nie. Die ungeliebte Jüngste wurde Lehrerin, heiratete nicht, wurde von Eltern und Schwestern ausgenutzt und entwickelte dennoch eine starke Persönlichkeit. Ursula März schreibt liebevoll und luzide über ihre besondere Tante, beschönigt keinen familiären Konflikt und stellt sich dennoch vorbehaltlos auf die Seite der Schwester ihrer Mutter. Von Ursula März kann man lernen, Menschen genau zu sehen, ohne sie zu beurteilen. Tante Martl ist nämlich keine einfache Person; je älter sie wird, desto überraschender wird ihre Lebensführung, und dann tritt sie sogar noch im Fernsehen auf. Ursula März hat ihrer Tante, die in der Familie stets zu kurz kam, ein spätes Denkmal gesetzt.

Jocelyne Saucier "Ein Leben mehr", aus dem Französischen von Sonja Finck, Insel Verlag. Zwei alte Männer haben sich in die kanadische Wildnis zurückgezogen. "Das hohe Alter schien ein Hort der Freiheit zu sein, wo man sich keinen Zwängen mehr unterwirft und seinen Geist auf Wanderschaft schicken kann." Zwei geistesverwandte Frauen finden sich ein, die aus unterschiedlichen Gründen mit der engen Welt der Pflichten und Freudlosigkeiten nichts zu tun haben wollen. Die Marihuana-Plantage sorgt für üppige Einkünfte; man hat Zeit für Freundschaft, lange Unterhaltungen und die Beobachtung der Natur. Und dann kommt die Liebe vorbei, an die eigentlich niemand mehr geglaubt hatte - aber viel Zeit, sich zu entfalten, hat sie nicht. Ein traurig-schönes Buch über die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und Sterben.
 

Und hier noch ein Buch, das ein wenig aus dem Rahmen fällt, obwohl die Autorin nicht weniger eigenwillig ist als die Protagonisten der anderen vier Bücher:

Ryoko Sekiguchi "Nagori. Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit", aus dem Französischen von Karin Uttendörfer, Matthes & Seitz. In Japan kennt man  die Kunst des Kochens mit streng saisonalen Zutaten, wobei die Pflanzen und Fische  als eigenständige Wesen betrachtet werden. Aber dies ist kein Kochbuch, sondern eine Meditation über die Zeitlichkeit. Das Leben des Menschen verläuft linear, auf den Tod zu, das der Pflanzen jedoch ist zyklisch. "Nagori" ist der Übergang von einem Zustand in den anderen. Etwas ist zu Ende gegangen, hat aber eine Spur von sich zurückgelassen. Deshalb, schreibt Sekiguchi, ergreift uns eine Wehmut beim Biss in die letzte Himbeere im November. Sekiguchi lehrt uns, dass wir nicht getrennt sind von den Zyklen der Natur. Ein kleines feines Achtsamkeits-Buch der anderen Art.
 
 
 
Übrigens eignen sich alle Bücher auch gut als Weihnachtsgeschenke. Aber die sollte man auch vorher lesen. Vielleicht will man sie ja doch behalten. 


Mittwoch, 28. Oktober 2020

Stärkt Euer Immunsystem


Wollt Ihr wirklich auf ein Wundermittel oder den ominösen Impfstoff gegen Covid-19 warten? Ich habe einen besseren Vorschlag: Macht das Lauschen auf die Signale Eures Körpers zu Eurer Achtsamkeitsübung. Fragt Euren Körper jeden Morgen und immer, wenn Ihr etwas Zeit habt, was er grundsätzlich und im Moment braucht. Vielleicht verstummt er erst einmal, vor Schreck, weil er es nicht gewohnt ist, gefragt zu werden. Das wird sich schnell ändern. Er wird Euch mit Botschaften überschütten. Jetzt braucht Ihr sie nur noch zu entziffern.

Mein Körper verlangte vor ein paar Monaten von mir, in den Wald zu gehen. Der Wald war bisher eher nicht mein Ort; ich mochte lichtdurchflutete Wiesen und Obstgärten. Aber ich habe gelernt, meinem Körper zu gehorchen, also suchte ich mir einen Wald und ging umher. Es war überwältigend. Das Licht! Das Rascheln und Knacken im Unterholz. Und vor allem: diese Düfte! Die ätherischen Öle vor allem der Nadelbäume enthalten eine hohe Konzentration an Monoterpenen und Sesquiterpenen, mit denen sie sich gegen Schädlinge wie Bakterien und Insekten wehren. Für uns aber sind diese Öle, die wir über die Riechschleimhaut aufnehmen, entspannend und immunstimulierend. Unser Immunsystem nämlich kann sie entschlüsseln; es reagiert mit einer Stärkung der Abwehrkräfte, indem es die Anzahl der natürlichen Killerzellen erhöht. Und diese wiederum können Viren in unserem System den Garaus machen.

Shinrinyoku, das "Eintauchen in den Wald", bei uns als Waldbaden bezeichnet, wird in Japan sogar von Krankenkassen verordnet. Es gibt schöne Bücher dazu, Ihr könnt sie lesen. Ich aber will aus dem Waldgang keine Übung machen. Ich will einfach sein dürfen - nur ich und das Wunder, das sich mir da auftut. Ich gehe langsam. Ich atme tief. Ich schaue. Ich staune. Ich singe! Mein Chor darf nicht mehr proben, weil wir Sänger die ja angeblich jetzt lebensgefährlichen Aerosole verbreiten (falls wir infiziert sind), aber im Wald puste ich sie in Form von Schubert und Mozart unverschämt und vergnügt in die Bäume. 

 


Keine Zeit für Wald? In der Mittagspause tut es auch ein Park. Kein Park weit und breit? Vielleicht solltet Ihr Euch eine andere Stelle suchen ...

Aber es gibt eine drittbeste Lösung: die Aromaöle. Bei mir zu Hause läuft jeden Abend eine Stunde der Diffusor; im Moment habe ich ihn mit Zirbelkieferöl und Latschenkieferöl befüllt. Japanische Forscher haben Versuchspersonen in Zimmern schlafen lassen, die sie mit terpenhaltigen Aromaölen beduftet haben. Auch in den Organismen dieser Menschen ließ sich ein Anstieg der Killerzellen nachweisen, wenn auch in geringerer Stärke. Legt Euch aber unbedingt zertifizierte Bio-Aromaöle zu. Die sind zwar teuer, aber das hat seinen Grund: Bio-Hersteller verwenden nur den Baumschnitt, der ohnehin anfällt. Für die Öle werden keine Wälder vernichtet. Der Preis ist gerechtfertigt, denn um zum Beispiel das sehr feine Weißtannenöl herzustellen, braucht man 750 kg Zweige.

Nehmt Eure Gesundheit in die Hand und stärkt Euer Immunsystem. Das ist der jetzt wirklich wichtige Beitrag, den wir alle zum kollektiven Immunsystem leisten können. (Siehe meinen Post dazu hier klick). Noch ein Tipp? Ich trinke täglich ein bis zwei Tassen Cystus-Tee, der antibakteriell und angeblich auch begrenzt antiviral wirkt. Nehmt den guten aus der Apotheke; bei Online-Apotheken kostet er übrigens nur halb so viel wie bei der Apotheke bei Euch um die Ecke. 

Über die sehr wichtigen Nahrungsergänzungsmittel Vitamin D, C, die B-Vitamine, vor allem B 12, Zink, Selen und Omega 3-Fettsäuren sprecht bitte Euren hoffentlich auch in Naturheilkunde bewanderten guten Arzt an. Jede Dosis sollte individuell eingestellt sein. Falls Euer Arzt der Meinung ist, unsere Nahrung würde alle Stoffe bereitstellen, die der Körper braucht, sucht Euch einen anderen. 


Ein Buch möchte ich aber doch empfehlen: Clemens Arvay "Der Biophilia-Effekt". Der junge österreichische Biologe und Gesundheitsökonom schreibt kundig und begeistert über die Kraft des Waldes, der Pflanzen und der Landschaft auf uns Menschen. Zwei Blogleser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass Arvay ein neues Buch geschrieben hat, in dem er sich mit Corona auseinandersetzt: "Wir können es besser". Ich habe es noch nicht gelesen, aber da es zum Thema passt, sei es hier erwähnt.

 


"Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese ist grün." Hildegard von Bingen

 

Dienstag, 20. Oktober 2020

Das kollektive Immunsystem

Ist das ein passendes Bild für das kollektive Immunsystem? Von dem man nur die Manifestationen sieht, nicht den viel größeren Bereich, aus dem sie kommen?

 

Ich bin ratlos und traurig. In meinem Umkreis gibt es zunehmend mehr Menschen, die sich weigern, Masken zu tragen. Sie sagen, sie fühlten sich durch die Maßnahmen der Politik zur Eindämmung der Pandemie in ihrer Freiheit eingeschränkt. Sie sähen, sagen sie, unsere Grundrechte in Gefahr. Auf Demonstrationen werden Schilder hochgehalten, auf denen zum Beispiel steht "Für unsere Freiheit gegen Merkels DDR". 

Nun haben wir es mit einer abstrakten und unsichtbaren Gefahr zu tun, von der wir alle nicht mit Sicherheit sagen können, wie groß sie ist oder werden wird. Und einige der Regierungsbeschlüsse - aus meiner Sicht vor allem die Milliarden, die jetzt zur Ankurbelung eines schon vorher unsinnigen Konsums ausgegeben werden, wärend die Künstler und die Kultur schlichtweg vergessen werden - sind durchaus fragwürdig. Aber die Argumentation der Maskenverweigerer funktioniert nur, weil sie gleichzeitig die Gefährlichkeit des Virus und die Kompetenz der Fachleute anzweifeln. So bleibt ihr Freiheitsbegriff unangetastet und sie müssen sich nicht der Frage stellen, ob hier vielleicht Freiheit mit Egozentrik verwechselt wird.

Meine Mutter und mein Stiefvater waren starke Raucher. Nach dem Krieg lebten wir in einem Zimmer. Nein, das war keine Einzimmer-Wohnung, nur ein Zimmer für absolut alles, was man so tut, wenn man zu Hause ist. Ich wuchs auf inmitten blauer Rauchschwaden; kein Mensch kam damals auf die Idee, dass hier die Gesundheit eines Kindes geschädigt wurde. Die später allgegenwärtige Marlboro-Werbung mit dem Cowboy machte mir klar, worum es dabei ging: "Der Geschmack der Freiheit" war nach den Entbehrungen des Krieges einfach zu verlockend.

In meinem ersten Studienjahr bei Thich Nhât Hanh sagte er einen Satz, der bei vielen Zuhörern großen Widerstand auslöste: "Dein Körper gehört nicht dir." Da alles mit allem verbunden ist und Grenzen zwischen uns und der Natur nicht existieren, ist es nicht egal, wie ich mit meinem Körper umgehe. Wie ich ihn ernähre, pflege, welchen Risiken ich ihn aussetze. Es geht nicht nur um mich, es geht immer um das Ganze.

Wir alle sind Teil des kollektiven Immunsystems.

Wenn man einen Gewährsmann zum Thema Freiheit befragen möchte, sollte man vielleicht Nelson Mandela wählen. Dieser große Friedens- und Freiheitspolitiker hat immer betont, dass er sich im Gefängnis die innere Freiheit bewahrt hat. Und auch dies hat er gesagt: "Sich ernsthaft um andere zu sorgen, sowohl im privaten wie im öffentlichen Leben, würde uns der Welt, nach der wir uns sehnen, sehr viel näher bringen." Thich Nhât Hanh wiederum hat einst im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in Maryland ein Retreat gegeben mit dem Titel "Frei sein, wo immer du bist". Und er wurde nie müde, uns daran zu erinnern: "Freisein ist unsere Praxis". Denn Freiheit ist nicht "dort draußen", sie ist kein Zustand, der uns gewährt und wieder genommen werden kann. Sie ist ein Geisteszustand.

Isabella Eckerle, die Leiterin des Zentrums für Virenerkrankungen an der Universität Genf, sagt, warum wir es jetzt nur gemeinsam schaffen können: "Wir alle sind ein Teil dieser zweiten Welle. Denn das Virus braucht immer einen Wirt, um zu überleben und sich zu vermehren. Es ist auf eine kontinuierliche Weiterübertragung angewiesen. Nur wenn es immer wieder von einem Menschen zum anderen überspringt, bleiben Infektionsketten aufrechterhalten. Sobald ein Infizierter in der hochinfektiösen Phase niemand anderem nahekommt, bricht die Infektionskette ab und das Virus verschwindet in dieser Sackgasse."

Und immer noch reiten die Cowboys ohne Masken über die Plätze der Stadt auf der Suche nach dem Geschmack der Freiheit.

Noch etwas ist hier wichtig. In Neuseeland ordnete Jacinda Ardern im Frühjahr einen nahezu kompletten Lockdown an; ihr Volk sah die Notwendigkeit ein und setzte alle Anordnungen ohne Widerspruch um. In Frankreich gab es weit drastischere Einschränkungen als in Deutschland, jetzt folgen Wales und Belgien, um nur einige zu nennen. Ich höre wenig von Demonstrationen dort gegen die von der Politik verhängten Maßnahmen. Aber in Deutschland ist die Vergangenheit noch längst nicht vergangen. Da gibt es einerseits die Rechtspopulisten, die das Virus für ihre Zwecke missbrauchen. Da ist bei anderen, sehr viel klügeren, Menschen das Misstrauen gegen Anordnungen "von oben" und die Sorge darum, die mühsam errungene Demokratie dauerhaft zu verspielen. Die Sorge ist gut. Sie ist wichtig. Aber wir müssen lernen, jeden Einzelfall genau zu betrachten und zu differenzieren. Wenn wir einfach nur "dagegen" sind, reagieren wir aus dem Urgrund des kollektiven Traumas heraus, das in Deutschland lebendiger ist, als die meisten es wahrhaben wollen. Und blinde Reaktion ist nicht dasselbe wie kreative Antwort.

Wir sind Teil des kollektiven Traumas und Teil des kollektiven Immunsystems. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, beides gleichzeitig zu balancieren. Aber nur Mut, es wird gehen. Wie wir in den nächsten Monaten unser persönliches Leben leben, ist entscheidend. Sorgen wir uns ernsthaft um andere? Das würde viel ausmachen.

Wir sind wichtig, jede und jeder von uns. Das ist doch mal eine gute Botschaft.

 

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Lee Mingwei "When Beauty Visits"

 

 Ich muss einfach ein weiteres Video der wunderbaren Arbeit von Lee Mingwei zeigen: "When Beauty Visits" von der Biennale in Venedig 2017.

Lee Mingwei hat ein Jahr lang Momente der Schönheit, die seine Freunde erlebt haben, gesammelt. Auf der Biennale hat er sie verschenkt, in einer Form, die von der japanischen Teezeremonie inspiriert ist und selbst ein Moment atemberaubender Schönheit ist.

Das ist es, was wir Dichter tun: Schönheit sammeln. Schönheit verschenken. 


Samstag, 10. Oktober 2020

Mittwoch, 30. September 2020

Corona als Zen-Meister, oder: Lob des Nicht-Wissens

Ein Leben im Zen ist eine Art Tanz: die mühelose Übereinstimmung mit dem Rhythmus des Universums. Nichts, was sich im Augenblick ereignet, wird  als unerwünscht zurückgewiesen; nichts, was sich nicht zeigt, wird ersehnt oder erzwungen. Alles wird hellwach als das erkannt, was es ist, wird akzeptiert und auf kreative, ganz persönliche Weise beantwortet. 

Wer im Zen lebt, steht sich selbst nicht mehr im Weg.

Corona ist ein Zen-Meister. Er zieht uns den Boden unter unseren liebgewordenen Gewohnheiten weg und interessiert sich nicht für unsere egozentrischen Hoffnungen und Pläne. Unsere Urlaubssehnsucht und der Wunsch nach Konzerten und Fußballspielen ist ihm herzlich egal. Ihm geht es, wie allen Meistern, ums Grundsätzliche: Er bringt uns bei, was Nicht-Wissen bedeutet.

Eigentlich hätten wir das längst lernen können. (Vielleicht ist der Meister auch deshalb auf den Plan getreten. Es wurde endlich Zeit für uns.) Das Nicht-Wissen war seit jeher unser stiller Begleiter; es folgte uns wie ein Schatten, düster und bedrohlich. Wir hatten uns angewöhnt, den Begleiter zu ignorieren. Wer will schon ständig mit dem Nicht-Wissen unterwegs sein. Da müsste man ja vor jedem Schritt zögern, ängstlich in jede Toreinfahrt spähen, und ob man überhaupt noch eine Straße betreten könnte, ist fraglich, käme man doch vielleicht morgens nicht mehr aus dem Bett, weil man nicht einmal wüsste, was man zum Frühstück essen möchte, geschweige denn, warum man wohin unterwegs sein sollte.

Und die ganze Zeit war das Nicht-Wissen unser wahrer Schatz.

Wussten wir, als wir uns für die Party zurechtmachten, dass wir in einer Stunde unserem künftigen Partner begegnen würden? Dass wir unseren Arbeitsplatz verlieren, unser Land verlassen und eine große Familie haben würden, obwohl wir alleine bleiben wollten? Wie gut, dass wir keine Ahnung von all dem hatten. Wahrscheinlich hätten wir mit unseren Grübeleien über Gefahren und Belohnungen das Ganze gründlich vermasselt. Wir hatten aber keine Gelegenheit zum Grübeln; das Leben nahm unser Leben in die Hand. 

Und so standen wir im Februar unvorbereitet vor diesem Ereignis namens Corona und machten uns - jede und jeder auf eigene Weise - daran, Antworten darauf zu finden.

 

Der englische Religionswissenschaftler Alan Watts, der sich viel mit Zen und dem Tao befasst hat, schrieb: "Letzten Endes müssen wir aus einer Quelle heraus, die jenseits all unseres Wissens und Im-Griff-Habens liegt, handeln und denken, leben und sterben. Gelingt uns das nicht, dann können wir noch so sehr sorgen und zögern, in uns hineinschauen und unsere Motive überprüfen, es wird uns nicht viel helfen. Daher sind wir ohne Rücksicht darauf, was am Ende herauskommt, zu einer Wahl gezwungen: entweder angstvoll gelähmt zu bleiben oder einen herzhaften Sprung in die Tat zu wagen."

Die meisten von uns wagen jetzt den Tanz mit den Energien des Universums, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Anfangs fühlt es sich mühsam an. Das Nicht-Wissen scheint wie ein Nebel zu sein, und wir hätten gerne den vollen Durchblick. Aber wir wissen nicht, was der Winter uns bringen wird. Weitere Einschränkungen, persönliche Verluste, oder ein ganz neues Lebensgefühl - eins, das ohne die Schwere des Grübelns auskommt, das Leichtigkeit hat und beflügelt?

Auf die Frage, was das Zen sei, sagte ein alter Meister unwirsch zum Schüler: "Geh weiter!" Alan Watts bemerkt dazu: "Die Anweisung, ohne Hintergedanken zu handeln, ist keineswegs bloß ein Rezept, an das wir uns oberflächlich halten können. In Wirklichkeit ist man zu dieser Art von Handeln erst fähig, wenn man begriffen hat, dass man gar keine Alternative dazu hat, und wenn man erfasst hat, dass man selbst das Unbekannte und nicht in den Griff zu Bekommende ist."

Das ist es, was Zen-Meister Corona lehren will: Du selbst bist ein großes Geheimnis. Vergiss alle Vorstellungen, die du von dir selbst hast. Lass dich ein auf das, was der Augenblick dir präsentiert, und antworte darauf ohne Zögern und Grübeln. Sei mutig und kreativ. 

Vielleicht wirst du überrascht sein über das, was du über dich herausfindest.


Samstag, 19. September 2020

Ma 間 - "Der Raum schreibt mit"


Ma: Der Moment zwischen Bienenanflug und -abflug, wenn der Raum noch von der Flügelbewegung schwingt.

Meine Zen-Praxis begann vor siebenunddreißig Jahren mit einer Schulung im "Weg des Pinsels", der Kalligrafie, dem sho-do. Damals lernte ich das japanische Prinzip des Ma kennen. In der Kalligrafie geht es nicht nur darum, das Zeichen korrekt und schön aufs Papier zu setzen. Das Papier selbst muss zum Leben erweckt werden, denn erst im Zusammenspiel der schwarzen Tusche mit dem weißen Untergrund entsteht die kraftvolle Spannung, die eine Kalligrafie auszeichnet. Ich wollte mir Ma in meine eigene Sprache übersetzen und sagte zu meinem Lehrer: "Der Raum schreibt mit?" Er stutzte,  lachte und rief: "Ja, ja, schreibt mit!"

Das Kanji für Ma 間 zeigt ein Tor, zwischen dessen Latten die Sonne (ursprünglich der Mond) hindurchscheint. Ma ist der scheinbar leere, tatsächlich aber belebte Raum, der die Dinge umgibt; mehr noch: Er ist der Grund aller Erscheinungen. Ma ist die Lücke zwischen den Trittsteinen, die zum Teehaus führen und den Schritt des Gastes lenken und verlangsamen. Es ist der Raum zwischen den drei Elementen in einem Ikebana-Gesteck, der die Pflanzen erst zur Wirkung kommen lässt. Es ist die Pause im Gespräch, in der die Gesprächspartner über das Gesagte nachsinnen und Inspirationen empfangen aus Ma.
 
Die japanische Kunst lebt von der dynamischen Balance zwischen Objekt und scheinbar leerem Raum, Aktion und Nichtaktion, Bewegung und Ruhe. Raum und Zeit gehören zusammen; im Japanischen wird Zeit ausgedrückt als "Raum im Fluss".



Ma: die unsichtbare Kraft, die das Sichtbare zur Erscheinung bringt.
 
Im Buddhismus findet das Prinzip Ma seinen höchsten Ausdruck im Begriff der "Leerheit". Im Herz-Sutra heißt es: "Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. Form ist nichts anderes als Leerheit, Leerheit nichts anderes als Form". Die höchste Erkenntnis, populär ausgedrückt: das Erwachen, besteht darin, zu sehen, dass alle Phänomene (wir Menschen eingeschlossen) "leer" sind von einem eigenständigen Selbst. Positiv ausgedrückt: Alles ist mit allem verbunden, alles ist bedingt, tritt in Abhängigkeit voneinander in Erscheinung. Der scheinbar unbelebte Raum ist also der Raum der höchsten Potenzialität, aus ihm heraus entstehen alle Formen, in ihn hinein kehren sie irgendwann zurück.

Rabindranath Tagore schrieb: "Ich tauchte in die Tiefe des Ozeans der Formen in der Hoffnung, die perfekte Perle der Formlosigkeit zu gewinnen." Das ist Meditation, die zum Erwachen führt.

Auf jeder Ebene der Seinserfahrung, auch auf der alltäglichsten, ist Ma die Lücke, die Pause, der Moment des Innehaltens, in dem der unsichtbare Raum sich entfalten und äußern darf. Wer das Innehalten übt, beginnt die Sonne zu sehen, wo vorher nur Torlatten waren. 間 Aus der Raum-Zeit-Ebene Ma empfangen die Schamaninnen und Schamanen, die Heilerinnen und Heiler ihre Inspirationen.
 
Jede Form von Poesie drückt Ma aus. Zwischen den Worten eines Gedichts, den Farben und Formen auf einer Leinwand, den Tönen eines Musikstücks lebt Ma - der unendlich belebte Raum, ohne den die Worte, die Formen und Töne keinen Sinn entfalten würden. Oder, wie es der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr ausdrückte: "Es ist ein 'Nichts', das schwingt."

Ma lehrt uns: Im Dazwischen geschieht das Wesentliche, und wir können uns darin schulen, es zu erfahren. Indem wir auf die Lücken zwischen unseren Gedanken achten (der Raum der Stille zwischen dem Geplauder wird mit zunehmender Übung immer länger), Gedichte lesen, meditieren, Musik lauschen. Vielleicht dem passenden schönen Lied von Konstantin Wecker: "Gefrornes Licht".(klick)

Montag, 14. September 2020

Der Sommer, der noch nicht abtreten will

Ein Morgen im September. Über dem Kandel geht die Sonne auf, an einem perlmuttfarbenen Himmel. Seit einer Woche ist keine Wolke zu sehen, makellose Sommertage reihen sich aneinander. Auf Balkonen und Terrassen erblühen noch einmal die Sonnenschirme, die Eiscafés sind überfüllt, in der frühen Abenddunkelheit hört man Gelächter und Gläserklirren aus den Gärten. Ein letztes Mal packen meine Nachbarn die Strandtaschen und fahren mit den Kindern an den Baggersee. Aus weit geöffneten Autofenstern fliegt Musik vorüber. Die Schritte sind rascher geworden, etwas vibriert in der Luft, eine Erregung, die vom Kalender nicht vorgesehen ist: Noch einmal ist Sommer geworden, richtiger, heißer Sommer. Ein Geschenk aus Wärme und Licht ist über dem Land ausgeschüttet worden.

In den Nächten aber macht sich schon der Winter bereit. Er fängt mit seiner Arbeit immer in den Nächten an, für die Nacht reicht die Kraft des Sommers nicht mehr. Er ist müde geworden, der Sommer, seine Arbeit ist getan. Was er jetzt noch leistet, ist der letzte kleine Rest, der Überschuss, der noch nicht für das Keimen, Blühen und Erwärmen verbraucht worden ist. Den Sommer in seiner vollen Kraft hatten wir gar nicht so recht wahrgenommen. Er war uns fast ein wenig lästig geworden mit seinen nicht enden wollenden hellen Abenden, den Mücken und dem Geschrei der Frösche, und die Wohnungen hat er natürlich zu warm gemacht, und die Wiesen hat er versteppt. Aber ein sterbender Sommer, dem der Winter im Nacken sitzt, ist ein anderer Sommer. Einer, der uns ein wenig Schmerz bereitet mit seiner tapferen Widerständigkeit, seiner Weigerung, abzutreten und dem kalten Alten das Land zu überlassen.

Der Winter meines Lebens macht sich bereit in den Nächten, in denen ich liege und auf die Stille lausche. Die Stille in der Vorstadt nachts um drei ist absolut. Die Discobesucher sind heimgekehrt, die Früharbeiter noch nicht aufgebrochen. Die dritte Stunde der Nacht ist der Zustand zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht; ich liege und lausche und weiß, das ist jetzt mein Leben. Nicht mehr jung und noch nicht alt.

Und morgen vielleicht die Sonne über dem Kandel, in diesem späten Sommer, der noch nicht abtreten will.

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)


Montag, 7. September 2020

Apollo5 "Scarborough Fair"


Ein etwas melancholisch gefärbter Montag. Seit Anfang März darf mein Chor (wie alle anderen Chöre) nicht mehr wie gewohnt proben. Gut, wir haben uns auf Zoom gesehen (aber nicht gehört); zur Klavierbegleitung unseres Chorleiters hat jede und jeder im eigenen Wohnzimmer solo vor sich hingesungen. Dreimal haben wir im Sommer zu je sechst im Garten einer Mitsängerin geprobt. Ein Konzert wurde abgesagt, ein geplantes im Herbst gleich gar nicht angekündigt. Das wird so weitergehen, bis in den Winter, vielleicht ins Frühjahr hinein. 

Ich habe gehört, dass die großen Spitzen-Chöre auf Grund dieser langen Probenpause vielleicht nie wieder ihre frühere Qualität erreichen werden. Ein Chor besteht ja nicht einfach aus hübschen Einzelstimmen, die notfalls ihre Stimmbildung selbst übernehmen können. Ein Chor ist ein homogenes Gewebe aus subtil ausbalancierten Klangfarben. 

Unsere Kultur verwelkt still und leise im Hintergrund. Auch das ist ein Grund zum Trauern.

Zum Trost die wunderbaren Apollo5 mit dem Folksong "Scarborough Fair", den ich früher mit meiner kleinen Folkgruppe so oft gesungen habe.

Donnerstag, 3. September 2020

Leicht werden, oder: Weniger ist mehr als genug


Gestern war ich - zum ersten Mal in diesem Jahr - längere Zeit in der Stadt. Ich erledigte ein paar Dinge, dann bummelte ich durch die Gassen. Es war voll. Menschen schoben sich hindurch (zeitweise setzte ich meine Maske auf), in den Straßencafés war kein Platz mehr frei. Aber: die Läden waren zwar gefüllt mit Ware, doch leer von Menschen. Und dann fiel mir auf, dass im Straßenbild die sonst üblichen prallen Einkaufstüten fehlten. 

Wenige Wochen Shutdown haben genügt, um das System der Verführung zum Konsum durch ein ständig nachgeschaufeltes brandneues Angebot zusammenbrechen zu lassen. Unsere Gesellschaft konnte ihre prekäre wirtschaftliche Balance nur so lange aufrechterhalten, wie wir alle bereit waren, uns ständig Neues zuzulegen. Aber die einstmals so schnell Verführten hatten Zeit zum Nachdenken. Zur Besorgnis der Politik und des Handels denken sie offenbar immer noch nach, trotz Mehrwertsteuersenkung. Vielleicht haben sie ja entdeckt, dass sie eigentlich schon alles Notwendige besitzen. Sie haben sogar die Wohnung voll mit Nicht-Notwendigem. Vielleicht haben sie entdeckt, dass auch das ältere Modell von diesem oder jenem Gerät noch gut genug ist. Und dass es Dinge gibt, die man selbst herstellen kann. Ausleihen. Tauschen.

Vielleicht haben auch einige Nachdenkliche entdeckt, dass es sich lohnt, statt billigem Ramsch gute Qualität zu kaufen. Ich mag kleine inhabergeführte Läden, die besondere Dinge anbieten und jetzt die ersten sind, die sterben. Aber gerade dort gibt es schon Initiativen, in denen man sich zusammenschließt, um die Miete zu reduzieren und gleichzeitig einander im Angebot zu ergänzen. Ich liebe Stoffe und Bücher (okay, Bücher ein wenig mehr). Gestern stand ich in Freiburg in der Salzstraße vor der altehrwürdigen Buchhandlung Zum Wetzstein, die sich kreativ neu erfunden hat: Sie residiert an ihrem alten Standort in einer Nische inmitten des (auch sehr edlen) Stoffladens Etoffe & Tessuti, zwischen den Stoffrollen im Eingangsbereich und der ratternden Nähmaschine im hinteren Bereich. Übrigens: in der Buch-Nische drängten sich die Kunden. Der Stoffladen war leer.

Das Konzept der Achtsamkeit beruht vor allem darauf, zwischen einen Reiz und unsere Reaktion darauf einen Raum zu schaffen, in dem der Automatismus ausgeschaltet ist. Das kann man fabelhaft üben bei einem Schaufensterbummel. Oh wie toll, das will ich haben! Innehalten. Pause. Nachdenken. Nachspüren. Dann vielleicht die Erkenntnis: So was Ähnliches habe ich doch schon.

In diesen wenigen Sekunden beruhigt sich der Geist, er zerrt uns nicht mehr hierhin und dorthin. Eine andere Instanz in uns, die fähig ist, den Geist zu beobachten, hat wieder die Macht übernommen. Auch die über unsere Geldausgaben. Wir könnten zum Beispiel das kleine vor dem Ruin stehende Theater durch unseren Besuch unterstützen, das Streichquartett, das Mini-Literaturfestival. Was man von dort mitbringt, beschwert einen nicht mit Einkaufstüten; man kommt nach dem Besuch noch prima drei Treppen hoch.

Kunst erschafft Freiheit und Leichtigkeit im Geist, sie lüftet durch, und Lüften ist in Corona-Zeiten, wie wir inzwischen alle wissen, lebensnotwendig.


Sonntag, 23. August 2020

Morgenlicht. Abendlicht.


Ein Sommermorgen am See. Nur die Enten und ich im klaren Licht, das noch ungetrübt ist von den Abgasen der Lkw, die sich bald über die Landstraße schieben werden. Eine Stunde der Klarheit und Reinheit. Oder: Die erste Meditationsrunde an einem frühen Wintermorgen in einem meiner Retreats. Während wir sitzen, dämmert über den Bergen der Tag herauf, die Nacht weicht zurück, und das Licht füllt den Raum mit seiner Energie.

Als ich in den Bergen lebte, bin ich im Sommer um vier Uhr morgens über den Höhenweg gelaufen und habe die Kühe auf den Almen begrüßt. Am Morgen erwacht die Welt neu, alles erscheint möglich in der Klarheit und Stille. Die besten Texte schreibe ich zwischen fünf und acht Uhr; dann sind meine Gedanken luzide, die Sprache ist einfach und leicht.

Am Morgen sammle ich Licht für den Tag, diese lange Strecke bis zum Abend, die nicht immer leicht zu bewältigen ist. Ich sammle - wie ein Eichhörnchen Nüsse sammelt - Strahl für Strahl und fülle sorgfältig meinen inneren Lichtvorrat. Licht hat gegenüber Nüssen den Vorteil, sehr leicht zu sein; man kann es mühelos überallhin mitnehmen. Wenn der Tag mir dann besonders viel Lärm, Schmutz und Unfreundlichkeit beschert, erlaube ich meinem Geist, sich an dem Vorrat zu bedienen. Dann stehe ich vielleicht an irgendeiner belebten Straßenecke, um mich herum hupt es, Sirenen heulen, jemand brüllt seinen Hund an. Ich aber stehe im Geist am Ufer des Sees, in dessen klarem Wasser sich eine Ente auf einem Stein spiegelt. Im Licht.

Licht ist ansteckend; in diesem Fall ist das eine gute Nachricht. Man kann es nicht aufhalten, es fließt einfach hinaus, in den Lärm, den Schmutz, die Unfreundlichkeit. Manchmal verwandelt es die Unfreundlichkeit in Freundlichkeit, oft allerdings nicht - aber für den, der im Licht steht, ist das eigentlich gar nicht wichtig.


Wie gut, dass jeder Tag ein Ende hat, denn jetzt kommt die Zeit des Abendlichts. Es hat nicht die Klarheit und Schärfe des Morgenlichts; sein Wesen ist Sanftheit, seine Energie die der Umarmung. Am Seeufer quaken leise die Enten im Schilf; im Zendo sitzen wir bei Kerzenschein, während sich die Stille über die Stadt senkt. Das Abendlicht ist kostbar; ich sammle es für die besonderen Stunden, in denen ich seine beschützende Energie brauche. Stunden der Krankheit, der Trauer, des Abschieds.

Vergesst nicht, Licht zu sammeln. Wir brauchen viel davon, für uns selbst und für alle, die vergessen haben, was Licht ist.

Mittwoch, 19. August 2020

Freitag, 14. August 2020

Jeder Augenblick ist ein Tempel (2. Teil)


Erschienen in: EIAB Magazin, Europäisches Institut für Angewandten Buddhismus, Waldbröl, August 2019
Text und Fotos: Margrit Irgang

Dieser Text wurde in der Vor-Corona-Zeit geschrieben, aber wenn ich die abstrusen Behauptungen der Verschwörungstheoretiker, Rechten und sonstigen Egozentriker aller Seiten höre und die Bilder der Demonstrationen in Berlin und Stuttgart anschaue, erscheint mir der Text sehr aktuell.


Wahrnehmung findet statt in einem weit offenen Herzensraum, in den ich mein Gegenüber einlade, damit es sich vertrauensvoll zeigen kann mit all seinen Bedürfnissen. Aber kaum ist es eingetreten, ist es schon kein Gegenüber mehr. Wir beide sind in eine neue Beziehung eingetreten, eine ziemlich nahe, und jetzt kann ich mich nicht mehr heraushalten aus der Sache und sie nach Belieben beenden. Auf einmal geht mich alles an, was den oder die andere angeht. Das kann sehr glücklich machen und manchmal sehr wehtun. Auch diese Gefühle und viele andere, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte, nehme ich jetzt in aller Klarheit wahr. Und was für düstere Gedanken wandern da eigentlich in meinem Kopf herum?

So ist das mit der Wahrnehmung: Sie reißt alle von uns künstlich aufgerichteten Grenzzäune ein und stellt uns in eine offene Weite. Diese Weite hatte ich eigentlich gar nicht gesucht, sie verunsichert mich. Irgendwie passen meine mir liebgewordenen Meinungen nicht mehr zur Situation, meine Überzeugungen zerbröseln in Windeseile, alles in allem fühle ich mich, ehrlich gesagt, ziemlich unsicher. In diesem Moment begegnen wir hoffentlich einem Menschen oder einem Buch, die uns versichern, dass wir uns im wichtigsten aller Zustände befinden, dem Zustand des Nicht-Wissens. Jetzt, genau jetzt, kann das ganz Neue eintreten. Es kann eintreten, weil wir in unserer Praxis gelernt haben, innezuhalten und genau wahrzunehmen, was in uns und um uns herum geschieht.Wenn ich keine Trennung mehr erfahre zwischen „mir“ und „dem anderen“ - sei es ein Mensch, ein Tier oder die gefährdete Natur -, weiß ich auf einmal ohne Zweifel, was zu tun ist.

Zu sehen wie Gandhi, Martin Luther King, Thich Nhat Hanh oder heute vielleicht Greta Thunberg bedeutet, unmittelbar zu handeln. Und Handeln heißt: Antwort mit dem eigenen Leben geben. Das muss nichts Großartiges sein und findet bei den meisten von uns sicher nicht auf weltpolitischer Bühne statt. Vielleicht teilen wir Suppe aus im Obdachlosenheim, pflanzen einen Baum oder halten einfach schweigend die Hand des Menschen, der das gerade braucht. Wir wissen, was zu tun ist, wenn wir der Weisheit unserer inneren Stille lauschen, die uns mit der Ganzheit, dem großen Intersein verbindet.



Ich bin in dem Alter, in dem man ab und an, vorerst noch spielerisch, darüber nachdenkt, wie der Moment des Übergangs in das andere Sein sich wohl anfühlen wird. Ich hoffe, mich wird eine nie erfahrene große Stille aufnehmen. Meine innere Stille ist vorerst noch klein, aber sie spricht seit vielen Jahren zu mir und sagt mir leise, was ich tun und was besser lassen soll. In letzter Zeit ist sie etwas bedrückt. Sie findet Aktionen wie „Fridays for Future“ sehr wichtig, befürchtet aber, dass die Menschen in Gefahr sind, ihren inneren Frieden zu verlieren. Sie sehe, sagt meine Stille, viel Wut, Erschöpfung und Depression bei Aktivisten, aber wenig Freude. Die Welt brauche jedoch glückliche Menschen so nötig wie reine Luft.

Vor fast dreißig Jahren sah ich den Erntemond über Plum Village aufgehen in einer Stunde der Stille und des Friedens. Die Welt in jenem Moment war rund und vollständig, nichts fehlte ihr. Nichts fehlte mir. Heute weiß ich, wie ich diese Stille auch inmitten des äußeren Lärms jederzeit berühren kann. Dann ist die Welt für einen Moment wieder und noch immer voll Schönheit und unbegreiflicher Größe. Eine Welt, die glücklich macht.