Samstag, 19. September 2020

Ma 間 - "Der Raum schreibt mit"


Ma: Der Moment zwischen Bienenanflug und -abflug, wenn der Raum noch von der Flügelbewegung schwingt.

Meine Zen-Praxis begann vor siebenunddreißig Jahren mit einer Schulung im "Weg des Pinsels", der Kalligrafie, dem sho-do. Damals lernte ich das japanische Prinzip des Ma kennen. In der Kalligrafie geht es nicht nur darum, das Zeichen korrekt und schön aufs Papier zu setzen. Das Papier selbst muss zum Leben erweckt werden, denn erst im Zusammenspiel der schwarzen Tusche mit dem weißen Untergrund entsteht die kraftvolle Spannung, die eine Kalligrafie auszeichnet. Ich wollte mir Ma in meine eigene Sprache übersetzen und sagte zu meinem Lehrer: "Der Raum schreibt mit?" Er stutzte,  lachte und rief: "Ja, ja, schreibt mit!"

Das Kanji für Ma 間 zeigt ein Tor, zwischen dessen Latten die Sonne (ursprünglich der Mond) hindurchscheint. Ma ist der scheinbar leere, tatsächlich aber belebte Raum, der die Dinge umgibt; mehr noch: Er ist der Grund aller Erscheinungen. Ma ist die Lücke zwischen den Trittsteinen, die zum Teehaus führen und den Schritt des Gastes lenken und verlangsamen. Es ist der Raum zwischen den drei Elementen in einem Ikebana-Gesteck, der die Pflanzen erst zur Wirkung kommen lässt. Es ist die Pause im Gespräch, in der die Gesprächspartner über das Gesagte nachsinnen und Inspirationen empfangen aus Ma.
 
Die japanische Kunst lebt von der dynamischen Balance zwischen Objekt und scheinbar leerem Raum, Aktion und Nichtaktion, Bewegung und Ruhe. Raum und Zeit gehören zusammen; im Japanischen wird Zeit ausgedrückt als "Raum im Fluss".



Ma: die unsichtbare Kraft, die das Sichtbare zur Erscheinung bringt.
 
Im Buddhismus findet das Prinzip Ma seinen höchsten Ausdruck im Begriff der "Leerheit". Im Herz-Sutra heißt es: "Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. Form ist nichts anderes als Leerheit, Leerheit nichts anderes als Form". Die höchste Erkenntnis, populär ausgedrückt: das Erwachen, besteht darin, zu sehen, dass alle Phänomene (wir Menschen eingeschlossen) "leer" sind von einem eigenständigen Selbst. Positiv ausgedrückt: Alles ist mit allem verbunden, alles ist bedingt, tritt in Abhängigkeit voneinander in Erscheinung. Der scheinbar unbelebte Raum ist also der Raum der höchsten Potenzialität, aus ihm heraus entstehen alle Formen, in ihn hinein kehren sie irgendwann zurück.

Rabindranath Tagore schrieb: "Ich tauchte in die Tiefe des Ozeans der Formen in der Hoffnung, die perfekte Perle der Formlosigkeit zu gewinnen." Das ist Meditation, die zum Erwachen führt.

Auf jeder Ebene der Seinserfahrung, auch auf der alltäglichsten, ist Ma die Lücke, die Pause, der Moment des Innehaltens, in dem der unsichtbare Raum sich entfalten und äußern darf. Wer das Innehalten übt, beginnt die Sonne zu sehen, wo vorher nur Torlatten waren. 間 Aus der Raum-Zeit-Ebene Ma empfangen die Schamaninnen und Schamanen, die Heilerinnen und Heiler ihre Inspirationen.
 
Jede Form von Poesie drückt Ma aus. Zwischen den Worten eines Gedichts, den Farben und Formen auf einer Leinwand, den Tönen eines Musikstücks lebt Ma - der unendlich belebte Raum, ohne den die Worte, die Formen und Töne keinen Sinn entfalten würden. Oder, wie es der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr ausdrückte: "Es ist ein 'Nichts', das schwingt."

Ma lehrt uns: Im Dazwischen geschieht das Wesentliche, und wir können uns darin schulen, es zu erfahren. Indem wir auf die Lücken zwischen unseren Gedanken achten (der Raum der Stille zwischen dem Geplauder wird mit zunehmender Übung immer länger), Gedichte lesen, meditieren, Musik lauschen. Vielleicht dem passenden schönen Lied von Konstantin Wecker: "Gefrornes Licht".(klick)

Kommentare:

  1. Danke für den besonderen Text, den ich heute am Sonntag lese, und dabei die "Leere" spüre.
    Auch das Lied v. K.Wecker werde ich mir anhören.
    Eine gute Zeit Gitti Haas

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  2. Und auch zwischen jeder unserer Körperzellen existiert dieser wichtige Raum der Leerheit, selbst wenn wir uns als Ich und zelluläre Einheit erleben...mittlerweile werden diese kleinsten, von uns erforschten Zwischenräume als existenziell wichtig befunden, da aller Wandel, alle Bewegung, aller Austausch und auch Heilung ohne sie nicht möglich wäre. Ein sehr schöner Text, liebe Margrit!

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