Mittwoch, 10. Dezember 2025

Das Zuwenig

 

Meine Balkonbepflanzung. Hat sich selbst dort hingesetzt. (Bisschen wenig für vierzehn Quadratmeter.)

 

Ich denke in der Zeit der Gaben und üppigen Büfetts über das Zuwenig nach. Nicht über den Mangel auf irgendeinem Gebiet, der dringend behoben werden muss. Sondern über das Zuwenig, das in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen ist.

Vor ein paar Jahren kam ich in den Keller und sah, dass allen Mietern unaufgefordert digitale Stromzähler eingebaut worden waren. Nur mir nicht. Ich rief den örtlichen Netzbetreiber an und erkundigte mich nach dem Grund. Ich erfuhr, dass die Zähler nach dem Stromverbrauch eingebaut werden, in der Reihenfolge von viel nach wenig. Die Letzten werden so ungefähr 2032 drankommen. Die Mitarbeiterin am Telefon kühl: "Sie verbrauchen zu wenig Strom."

Bei der Inspektion vor dem TÜV entdeckte meine Werkstatt, dass meine Bremsen durchgerostet waren. Es wurde sehr teuer. Ich fragte, wie das passieren konnte. Die Mitarbeiterin bedauernd: "Bremsen müssen gebremst werden. Und Sie fahren zu wenig."

Ich habe mir einen Füllfederhalter gekauft. Ich mag seine Sensibilität, das feine Gleiten auf dem Papier, und man muss sehr viel aufmerksamer und langsamer schreiben als mit einem Filzstift. Aber mein Füller verstopfte dauernd und kratzte, anstatt zu gleiten. Ich brachte ihn in den Laden zurück und sagte, ich sei mit ihm nicht glücklich. Die Verkäuferin probierte ihn aus und fand, er sei noch gar nicht richtig eingeschrieben: "Sie schreiben zu wenig."

Im Supermarkt stehe ich ratlos vor den Riesenpackungen, die relativ gesehen viel billiger sind als die kleinen. Im Kühlschrank welkt und schrumpelt regelmäßig etwas vor sich hin, das ich notgedrungen mitnehmen musste, weil es in kleinerer Form nicht zu haben war. Ich bin dankbar für die Erfindung, Reste durch Einfrieren in einem halbwegs essbaren Zustand zu erhalten, zur späteren Verwendung. Mein Tiefkühlfach aber ist voll. Neulich verlangte ich an der Käsetheke drei Schreiben Emmentaler. Die Verkäuferin sah mich an und wiederholte ungläubig: "Drei?" (Ich esse zu wenig.)

Vor ein paar Monaten brauchte ich kurzzeitig Ibuprofen. Ich bat den Orthopäden um die Verschreibung einer kleinen Packung der geringsten Dosis, so 20 Stück. Er sagte, er würde mir die Großpackung mit 60 Stück aufschreiben, denn die sei billiger als die kleine. Nicht relativ, sondern ganz konkret. Ich brauchte fünf Stück, die ich auch noch halbierte. Der Rest altert im Schrank vor sich hin.  

Unsere Gesellschaft ist auf das Viel eingerichtet, und mein Zuwenig ragt in die allgemeine Überfülle wie ein Hindernis, wird selten begriffen und kaum unterstützt. Die Dinge müssen permanent gebraucht und die Lebensmittel schnell verbraucht werden. 

Der Buddhismus kennt die "hungrigen Geister", die einen aufgeblähten Kopf und einen ganz schmalen Hals haben, der kaum Nahrung hindurchlässt. Deshalb schreien sie pausenlos nach dem Mehr, und das Zuwenig ist ein solch hungriger Geist. Es sitzt, unsichtbar, klein und (denke ich mir) grau in unseren Köpfen und flüstert heiser: Nimm die XXL-Packung, sicher ist sicher. Sei eine gute Verbraucherin, nimm das Sonderangebot mit, es ist extra für dich dort aufgebaut. Und gebrauche die so zahlreich, weil günstig, erworbenen Dinge unablässig, halte sie an dein Ohr, nimm sie in die Hand, schiebe sie vor dir her. Schneller! Öfter! Mehr!

Im Weihnachtsstress stolpern die Menschen an mir vorbei, pralle Tüten in den Händen. Vielleicht sind die Tüten so voll, weil sie automatisch und aus Gewohnheit die Doppel- und Dreifachpackungen genommen und sich ausgerechnet haben, wie viel man da doch spart gegenüber der Einzelpackung, die sie eigentlich brauchen. Ich stehe an der Straßenecke und greife besinnlich in meine Tüte mit den gebrannten Mandeln (100 Gramm, die klassischen). Ein Mehr an Konsum will mir zur Zeit nicht gelingen.

(Ich darf nur in keine Buchhandlung gehen.) 

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Dienstag, 2. Dezember 2025

Rilke als Lebenslehrer


 


Am Donnerstag, 4. Dezember, wäre Rilke 150 Jahre alt geworden. Kürzlich sagte mir jemand, "den kann man doch heute nicht mehr lesen". Falsch, ganz falsch. Rilke ist zeitlos und hat uns sehr viel zu sagen. Schon mal Briefe von ihm gelesen?

Rilke hat gewissenhaft jeden an ihn gerichteten Brief beantwortet, und das nicht mit ein paar Zeilen, nein, er hat Seiten gefüllt. Diese Briefe sind von einer Einfühlung in den Adressaten, die ihresgleichen sucht. In einem Brief an Magda von Hattingberg schrieb er einmal darüber, welches Glück es ihm bedeute, einen Hund im Vorübergehen "einzusehn (ich meine nicht durchschauen, was doch nur so eine Art menschlicher Gymnastik ist und wo man auch gleich wieder aus der anderen Seite herauskommt aus dem Hund, ihn gleichsam nur als ein Fenster betrachtend ín das hinter ihm liegende Menschliche) - sondern sich einzulassen in den Hund genau in seine Mitte, dorthin, von wo aus er Hund ist". 

Und so lässt er sich auch ein in (und nicht: auf!) jeden Menschen, dem er schreibt, und begibt sich dorthin, wo dieser Mensch ganz und gar er selbst ist: direkt in seine Mitte. Von diesem Innen-Ort aus wird er für seine Briefpartner zum Lebenslehrer, denn er sieht mit ihren Augen und gibt dem Sprache, was sie vielleicht ahnen, aber selbst nicht ausdrücken können.

Ich möchte euch heute meine Lieblings-Briefe empfehlen, die an den jungen Franz Xaver Kappus, der sich an Rilke gewandt hatte, während er, der doch Dichter sein wollte, auf der Militärakademie verzweifelte, wie einst der Dichter selbst. Und so wechseln sie im Lauf von zwei Jahren ein paar wenige Briefe, aber jeder Satz darin ist tief, nachdenklich, gehaltvoll. Kappus hat sie später unter dem Titel "Briefe an einen jungen Dichter" veröffentlicht.

Weil Rilke die Menschen eben von innen "einsieht", bestätigt er jedes ihrer Gefühle, jede Regung, denn er lebt sie ja mit. Der junge Kappus ist einsam und traurig, und das ist für Rilke völlig in Ordnung: "Es gibt nur eine Einsamkeit, und die ist groß und ist nicht leicht zu tragen, und es kommen fast allen die Stunden, da sie sie gerne vertauschen möchten gegen irgendeine noch so banale und billige Gemeinsamkeit, gegen den Schein einer geringen Übereinstimmung mit dem Nächstbesten, mit dem Unwürdigsten ...

Und warum nicht traurig sein, wenn man doch ein Dichter ist? "Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen."

Wie wünschte ich mir, heute solche Briefe zu bekommen! Mit dem Füllfederhalter geschrieben auf dickes schweres Papier. Von jemandem, der mich nicht analysiert und mir keine Rat-Schläge erteilt, sondern mit mir gleichschwingt. Denn wie Rilke bin ich davon überzeugt, dass wir alle Antworten, die wir brauchen, in uns selbst finden: "Man wird auch allmählich erkennen lernen, dass das, was wir Schicksal nennen, aus den Menschen heraustritt, nicht von außer her in sie hinein."

Insel war der Verlag von Rilke, und so habe ich euch hier das kleine Insel-Bändchen verlinkt. Es kostet 10 Euro. Es gibt auch noch andere Ausgaben davon, wie sorgfältig sie gedruckt sind, weiß ich nicht. Wenn ich nur ein Buch auf die berühmte einsame Insel mitnehmen dürfte, es wäre wahrscheinlich dieses.

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