Donnerstag, 27. Juli 2023

Warum Meditation?

 

Als ich vor vierzig Jahren anfing zu meditieren, erzählte ich das erst mal niemandem. Leute, die Yoga, Meditation oder Tai Chi ("Was ist das denn?") praktizierten, galten damals als Freaks. Ich war bekannt als literarische Autorin, hatte bereits drei Bücher veröffentlicht und konnte mir vorstellen, was meine von Berufs wegen kritischen bis zynischen Kollegen und Kolleginnen von mir halten würden. Ein Jahr lang lebte ich als Literatur-Stipendiatin in Rom in der Villa Massimo. Zweimal während dieser Zeit verschwand ich mit einem gemurmelten "Bin in der Schweiz" für eine Woche zu einem Zen-Sesshin. Allmählich sickerte was durch. Der Kommentar eines Kollegen war bezeichnend für die Einstellung jener Zeit: "Ach so, du gehörst auch zu den Egoisten, die nicht interessiert sind an der Veränderung der Gesellschaft."

Vor ein paar Wochen sprach ich mit einer Person, die von Meditation ebenso wenig hielt wie mein damaliger Kollege. Ihr Argument war ein anderes: "Das ist doch nur eine Mode-Erscheinung, die sich in Kürze von selbst erledigen wird."

Aha. Dann wollen wir uns mal mit der Frage beschäftigen: Warum überhaupt Meditation? Wofür dient sie, was bewirkt sie, haben diese Egoisten, die auf ihren kleinen Kissen an die Wand starren, stichhaltige Argumente für ihre seltsame stille Beschäftigung?

Fangen wir groß an: Mit der Bedeutung der Meditation für die Gesellschaft. Professor Dr. Thomas Metzinger - ein Zen-Praktizierender und Intellektueller, der ganz bestimmt nicht bekannt ist für schöne Worte und heiteren Optimismus - spricht in diesem Video darüber, dass wir als Gesellschaft eine ethische Einstellung unseren eigenen geistigen Prozessen gegenüber finden und systematisch wertvolle geistige Zustände kultivieren müssen. Er spricht von der derzeitigen "Achtsamkeits-Zerstörungs-Industrie" und fragt, wie es mit der Würde der nicht-menschlichen Tiere bei uns bestellt ist. (Schlecht, sehr schlecht!)

"Spirituelle Leute wollen nicht glauben, sondern wissen" ist eine seiner bekannten Aussagen, die ihm von Seiten der Kirchen einigen Ärger eingebracht haben. Denn es geht ihm ausschließlich um eine säkulare Spiritualität, praktiziert als ein Erkenntnisprojekt, in dem wir lernen, radikal ehrlich mit uns selbst zu sein. Achtsamkeitspraxis ist für ihn "eine elementare Kulturtechnik wie Lesen oder Schreiben". 

Nehmt Euch 48 Minuten Zeit, um diesen grundlegenden Vortrag zu hören.

 


 

Klug, fundiert, wichtig - und ziemlich nüchtern, nicht wahr? Nach diesem Vortrag stürzen sich vermutlich die Menschen nicht scharenweise in die Meditationshäuser, um endlich mit dieser wunderbaren Praxis anzufangen. Deshalb eine kleine, nicht unwesentliche Ergänzung aus meiner vierzigjährigen Sicht als Praktizierende und Lehrende.

Viele Menschen wenden sich der Meditation zu, weil sie ihren Stress abbauen, ruhiger und gesünder werden wollen. Das alles kann Meditation leisten, aber es ist im Grunde nur eine "Nebenwirkung" der Praxis. Metzinger zitiert gern Krishnamurti, dessen messerscharfer Intellekt dem seinen entgegenkommt. Ich durfte Krishnamurti zwei Sommer lang in Saanen in der Schweiz erleben. Ja, er war ein kompromissloser Denker - aber gleichzeitig ein Erleuchteter. Ich verwende bewusst diesen Begriff: Krishnamurti leuchtete. Er strahlte eine unbedingte Liebe aus, die nicht thematisiert wurde und keiner Worte bedurfte, aber jeden Einzelnen in dem riesigen Zelt nicht nur berührte, sondern nachhaltig verwandelte. Dasselbe habe ich bei Thich Nhat Hanh erlebt und später bei Adyashanti. Das Erwachen (ein Begriff, den ich bevorzuge) zu unserem Wahren Wesen ist immer mit Glückseligkeit und dem Gefühl tiefer Liebe für alles Seiende verbunden. Man muss das wenigstens einmal erlebt haben, um zu verstehen, in welch einem trostlosen Geisteszustand wir in unserem Alltag verharren.

Es sind nur wenige Menschen, denen es vergönnt ist, unablässig im erwachten Zustand zu verweilen. Man findet sie eher in Indien als bei uns; die westliche Lebensweise bietet keine gute Basis für das Aufrechterhalten dieses Zustands. Aber jeder und jedem von uns ist es möglich, immer wieder erneut einen Durchbruch zu erleben in die Glückseligkeit, Stille und Weite unseres Wahren Wesens. Ich weiß das aus eigener Erfahrung und habe es viele Male bei Teilnehmern in meinen Retreats erlebt. Mit jeder erneuten Berührung verändern wir uns auf eine so grundlegende Weise, wie wir uns das vorher nie vorstellen konnten; eine Veränderung, die anhält, auch wenn der Zustand der Glückseligkeit allmählich wieder dem Alltagsbewusstsein weicht.

Wenn ich dies einmal erlebt habe, stellt sich mir die Frage nicht mehr, ob meine Praxis wertvoll ist für die Gesellschaft. In der Verbundenheit gibt es keine "Gesellschaft" mehr. Da sind nur Wesen menschlicher und nicht-menschlicher Art, auf die mein Wahres Wesen seine Glückseligkeit, Stille, Weite und Liebe ausstrahlt. Und jede Handlung, zu der ich dann vielleicht inspiriert werde, wird heilsam sein.

Das ist der eigentliche Sinn jeder Meditationspraxis.


Sonntag, 9. Juli 2023

Gleichmut - oder Gleichgültigkeit?



Eine der wunderbaren Folgen des Meditierens ist die Fähigkeit, Dinge intensiver wahrzunehmen und dabei Nuancen zu entdecken, die uns früher entgangen sind. Die Sinne werden feiner und lassen Düfte, Klänge und Farben ein, die wir nicht kannten. Aber wir entdecken auch die subtilen Unterschiede in unseren Geisteszuständen, die zu falschen Urteilen und unheilsamem Verhalten geführt haben, und das fühlt sich dann erst mal nicht so wunderbar an. 

Im Buddhismus gibt es das Konzept der "nahen Feinde". Das sind Geisteszustände, die auf den ersten Blick täuschend gleich aussehen, sich jedoch bei genauem Hinsehen geradezu als Gegensätze erweisen. Eins dieser Gegensatzpaare ist Gleichmut/Gleichgültigkeit.

Nehmen wir an, wir sitzen auf unserem Balkon in der Sonne, unten grillt der Nachbar mal wieder Würste (wir sind Vegetarier ...) und der Hund von nebenan bellt pausenlos. Aber die Sonne ist schön warm, der Himmel ist blau, und weil wir uns zwischen unseren Blümchen gerade wohlfühlen, nehmen wir den Nachbarn, den Wurstgeruch und den Hund mit Gleichmut hin.

Gleichmut ist eine fabelhafte Praxis, die sich irgendwann mit Sicherheit als wichtig erweisen wird. Wir fangen klein an mit der Übung und antworten erst mal gleichmütig auf eine Situation, die wir als nicht rundum optimal empfinden (Nachbarn, Hunde). Etwas fehlt, etwas stört, aber gleichzeitig ist da so viel, das wir als wertvoll empfinden, dass wir das uns Störende mit Gleichmut annehmen. Diese Übung wird uns zugute kommen, wenn es mal richtig dicke kommt: Wenn die großen Themen uns besuchen, die Krankheit, der Verlust, das Sterben von diesem und jenem. Dann zeigt sich, wie gut wir gelernt haben, das Unvermeidliche mit Gleichmut anzunehmen.

Gleichgültigkeit dagegen sagt: Das geht mich nichts an. Du gehst mich nichts an. Es ist mir egal. Du bist mir egal. Gleichgültigkeit ist der verschlossene Geist, ist die Weigerung, unsere All-Verbundenheit anzuerkennen. Die Haltung der Gleichgültigkeit kommt aus dem Ego, das nur an seinen eigenen kleinen Vorteilen interessiert ist. 

Die Gleichmütige bleibt verbunden mit allem, was ist, und eben wegen dieser Verbundenheit auch in schwierigen Situationen braucht sie ihren Gleichmut, um nicht von den Umständen hinweggefegt zu werden. Der Gleichgültige jedoch hat sich von vornherein herausgenommen aus der Verbundenheit alles Seienden und verharrt hinter seiner Mauer in seinem eigenen kleinen Garten. Er weiß nur noch nicht, dass auch sein Leben mitsamt seinem Herzen, Geist und Körper der Veränderung unterworfen ist, und dass seine kleine selbstgebaute Mauer von Anfang an völlig nutzlos war. Irgendwann steht er dann da, mitten in einem der großen Themen, das ihn absolut nicht gleichgültig lässt, nein, er ist erschüttert, fühlt sich geradezu vernichtet. Und jetzt weiß er nicht, wie er mit der Situation umgehen soll, denn Gleichmut lernt man nicht auf die Schnelle.

Wir sitzen also auf unserem Balkon, oben die Sonne, unten so allerlei, und jetzt geht ein heftiger Gewitterschauer nieder. Es hagelt sogar. Wenn wir jetzt immer noch stoisch sitzen bleiben, sind wir nicht mehr gleichmütig, sondern offenbar gleichgültig gegenüber unserer Gesundheit und unserem Wohlergehen. Wie gesagt: Ziemlich nahe Feinde, die beiden. Man muss echt aufpassen.

Mit diesen Worten - geschrieben auf meinem Balkon - verabschiedet sich mein Blog in eine kleine Sommerpause. Habt es schön luftig und kühl in den nächsten Wochen. Wir sehen uns wieder.



Sonntag, 2. Juli 2023

Der unsichtbare Pfad


"Der persische Sufi-Mystiker Al Ghazzali sagte: 'Das Betreten des geistigen Pfades gleicht dem Abschießen eines Pfeils auf ein unsicheres Ziel, sodass man nicht weiß, was der Pfeil treffen wird.' Wie geht das überhaupt, den geistigen Pfad betreten? Wird man Schüler einer Lehrerin, eines Gurus oder eines Lamas? Gelobt man Gehorsam, legt man Gelübde ab, nimmt man eine spirituelle Praxis auf? All das ist möglich und bis heute hilfreich. Ich schlage eine andere Interpretation vor, die eine formale Praxis zwar keineswegs überflüssig macht, sie aber enorm vertiefen kann.

Wir gehen dann auf dem geistigen oder spirituellen Pfad, wenn wir uns bewusst sind, dass jede Handlung, jeder Schritt und jeder Gedanke sowohl auf der sichtbaren als auch auf geistiger Ebene stattfinden. Und wirken. Immer. Ob wir das bemerken oder nicht. Deshalb können wir sämtliche Umstände unseres Lebens zur Schulung unseres Geistes nutzen, genau dort, wo wir uns gerade befinden: inmitten unseres ganz gewöhnlichen Lebens. 'Mein' Geist ist aber kein kleiner Garten mit einem Zaun drumherum, in dem ich tun kann, was ich will. Auf subtile Weise ist mein Geist mit allem verbunden, was ist. Und so ist die Schulung meines Geistes ein Dienst für die Welt. Eine Gabe, die ich anderen schenken kann, auch wenn sie von dem Geschenk nichts wissen."

(Auszug aus meinem Buch "Geh, wo kein Pfad ist, und hinterlasse eine Spur", Herder Verlag)