Dienstag, 30. Dezember 2014

Reisende in der Nacht


Search the Darkness

Sit with your friends, don't go back to sleep.
Don't sink like a fish to the bottom of the sea.
Surge like an ocean, don't scatter yourself like a storm.
Life's waters flow from darkness.
Search the darkness, don't run from it.
Night travelers are full of light, and you are too:
don't leave this companionship.
Be a wakeful candle in a golden dish,
don't slip into the dirt like quicksilver.
The moon appears for night travelers,
be watchful when the moon is full.

Rumi

Ich blicke zurück auf mein Jahr und sehe: Es war kein leichtes Jahr. Menschen, die ich kannte, sind gestorben, Freunde sind schwer krank, nette Nachbarn sind weggezogen und ich arbeitete (und arbeite noch immer) an meinem Manuskript über Tod und Sterben. Natürlich gab es auch Anfänge, denn wenn etwas zu Ende geht, beginnt im gleichen Moment etwas Neues. In jedem politisch korrekten Jahresrückblick würde jetzt das Neue gebührend besprochen und der Wunsch nach einem noch besseren Jahr 2015 formuliert werden. Aber ich bin nicht politisch korrekt und außerdem in der dunkelsten Zeit des Jahres geboren: genau in dem Moment, in dem alle Lichter erloschen sind und kein Mensch mehr Lust hat, irgendwas zu feiern. Das prägt. Deshalb will ich am Ende dieses Jahres mit dem Sufi-Dichter Rumi die Dunkelheit ehren.

Don't go back to sleep: Rumi will nicht, dass wir zurückfallen in den Schlaf; er ruft uns sogar auf, die Dunkelheit zu suchen. Aus spiritueller Sicht sind wir ja alle Träumer, welche die sichtbare Welt und mit ihr die eigene begrenzte Persönlichkeit für die Wahrheit des Lebens halten. Deshalb wird die Erfahrung der Erleuchtung im Zen - kensho oder satori - auch "Erwachen" genannt. Wer schläft, befindet sich in Dunkelheit; wir müssen sie also nicht extra suchen, sie ist sozusagen unser normaler Erlebenszustand. Als "dunkel" empfinden wir unsere Ängste, unsere Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, das Gefühl des Getrenntseins vom Ganzen und die zahllosen Verluste.

Rumi sagt nun etwas ganz Schönes: "Reisende in der Nacht sind voller Licht, und du bist es auch." Es ist ein kleines ruhiges Licht, das wir in uns haben; eines von der Art, die man im Scheinwerferlicht auf Bühnen und in greller Schaufensterbeleuchtung nicht wahrnehmen kann. Erst wenn wir uns mutig der Dunkelheit stellen (den Ängsten, der Verzweiflung, den Verlusten ...), sehen wir es. Unser eigenes Licht beleuchtet die Dunkelheit, die jetzt nicht mehr eine schwere, schwarze, scheinbar undurchdringliche Masse ist. Sie erweist sich als lebendig. Mit den Worten von Rumi: "Das Wasser des Lebens fließt aus der Dunkelheit".

Die Dunkelheit ist die Quelle der Kraft. Ich wünsche all meinen Weg-Gefährtinnen und Weg-Gefährten eine gute, sichere Reise durch das nächste Jahr. Und nicht vergessen: Be a wakeful candle in a golden dish. Sei eine Kerze in goldener Schale, die wacht in der Nacht: ein kleiner Leuchtturm für alle Reisenden, die ihr eigenes Licht noch nicht gefunden haben.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Heilige Nacht


(Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass ihnen in den kommenden heiligen Nächten ein klitzekleines Wunder begegnet. Vielleicht singt ein Unbekannter für Sie an einer Straßenecke ein Lied? Vielleicht schenkt ein Kind Ihnen einen Lebkuchen? Vielleicht läuft Ihnen eine kleine Katze zu? So beginnen die guten Geschichten, in der Literatur wie im Leben ...)

"Die Kirche hatte keine Heizung. Die Menschen saßen dicht gedrängt in ihren schmelzenden Mänteln und tropften vor sich hin. Ein erstaunlich guter Kirchenchor sang Es ist ein Ros entsprungen, ein schütterer Posaunenchor blies dazu. Der Ort hatte keine eigene Gemeinde, und der Pfarrer aus dem Nachbarort war etwas in Eile. Um zwei Uhr hatte er den Kindergottesdienst in einer anderen Pfarrei geleitet, in seiner eigenen Kirche würde er die Mitternachtsmette halten. Zwischendurch würde er wohl nach Hause eilen, um seine Familie zu bescheren. Er sprach davon, dass Jesus noch eine echte Familie hatte, während Familien heute häufig Patchworkfamilien seien. Er zitierte C. G. Jung und Freud, ich hatte nasse Füße, und die Frau neben mir in der Bank begann zu husten. Wir sangen alle O du fröhliche, der Posaunenchor blies dazu, und am Ausgang schüttelte der Pfarrer jedem die Hand und wünschte Frohe Weihnachten.

Es hatte aufgehört zu schneien. Ich wartete vor der Kirche, bis alle gegangen waren. Man hörte orgelnde Batterien, ein paar Autos wurden angeschoben. Das Hotel war mit Lichterketten behängt, alle Fenster waren erleuchtet; Weihnachten und Silvester sind auf dem Berg die beste Zeit für den Tourismus. Dort drinnen wurden jetzt Gänsebraten und Kalbsfilets aufgetragen, das Hotel war bekannt für seine Küche. Ich ging langsam aus dem Dorf hinaus, durch den unberührten Schnee. Im Sommer war ich hier durch Wiesen gelaufen, zwischen Kornblumen, Lupinen und Orchideen, die größer waren als ich. Es war absolut still. Jetzt sah ich auch den Himmel, den das Hotel mit seinem gleißenden Licht verdunkelt hatte. Er war sehr hoch. Sehr hoch und schwarz. Und die Sterne, die immer zahlreicher zu werden schienen, während ich schaute, sahen aus wie kleine Löcher, als hätten sich Motten am Himmel zu schaffen gemacht. Ich dachte: Hinter dem Himmel ist das Licht, das hätte der Pfarrer sagen sollen.

Er hätte von Verheißung sprechen müssen, von Gnade, vom Mysterium der Geburt. Er hätte Rilke zitieren sollen, Hölderlin, Eliot, er hätte seine Worte in Licht tauchen sollen und dann in die Luft werfen, damit sie leicht und frei werden und wir den Worten trauen können. Wenn ich mich für Psychologie und Soziologie interessiere, befriedige ich mein Interesse nicht in der Kirche. Ich will an diesem besonderen Ort vom ganz Anderen hören, vom Wunder einer Nacht, in dem etwas atemberaubend neu wurde. Ich will, dass er mir sagt, dass dieses Wunder ein Symbol ist und jederzeit wieder geschehen kann und geschieht. Hier, jetzt, in dir und mir. Und dass ich es erfahren kann, jederzeit selbst erfahren.

Ich sagte es mir also selbst. An einem Heiligen Abend am Rand eines Dorfes auf einem Berg im Schwarzwald, im Schnee unter dem durchlöcherten Himmel."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag. Hier mehr über das Buch (klick).)

Donnerstag, 18. Dezember 2014

SWR 2: Hochsensibel. Highly sensitive. (2. Teil)


Machen Sie einen Bogen um Weihnachtsmärkte? Sind Menschen in großen Mengen für Sie unerträglich? Wird Ihnen von der Dauerberieselung durch Jingle Bells in Aufzügen und Kaufhäusern übel? Erahnen Sie die geheimsten Weihnachtswünsche Ihrer Lieben und tun Sie alles, sie zu erfüllen? Fühlen Sie sich höchstpersönlich schuldig, wenn sich der Familienfriede an Weihnachten nicht einstellen will? Und freuen Sie sich jetzt schon auf, sagen wir, 17 Uhr am 24. Dezember, wenn die Geschäfte geschlossen und die letzten Weihnachtsbäume nach Hause geschleppt sind und sich die große Stille über die Stadt senkt, diese Stille, in der Sie zu sich kommen und endlich wieder atmen können? Die Stille ist Ihr Lebenselixier? Dann sind Sie vielleicht hochsensibel.

Mein Post zum Thema Hochsensibilität rief ein großes Echo hervor. Das Feature "Reizüberflutet - Hochsensible und ihr Alltag", das im SWR gesendet wurde, ist zu meiner Verwunderung das beliebteste und meist gehörte all meiner Features. Hier ist noch einmal der Link zum Anhören der Sendung. Im Video spricht Elaine Aron, die ich auch für mein Feature interviewt habe, darüber, wie man Hochsensibilität erkennt.

To my readers in the US and Asia I recommend the work of Elaine Aron, American psychologist and researcher of high sensitivity. The video above is in English and a short introduction to this special trait. If you understand German you can hear my radio documentary on high sensitivity which was broadcasted by the German radio station SWR. Just follow this link.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Auf den Schwingen des Windes zurück in diesen Augenblick


(Das Zurückkehren in den gegenwärtigen Augenblick ist die grundlegende Meditationsanweisung; man kann sie gar nicht oft genug hören. Jede Lehrerin, jeder Lehrer findet dafür eigene Formulierungen; hier ist die der amerikanischen buddhistischen Nonne Pema Chödrön:)

"Wenn wir an Gedanken und Erinnerungen haften, hängen wir am Ungreifbaren. Wenn wir diese Phantome aber einfach berühren und wieder loslassen, können wir Raum entdecken, eine Lücke im Geschwätz, einen Schimmer des klaren Himmels. Damit nehmen wir unser Geburtsrecht in Anspruch. Wir treten das Erbe unserer eingeborenen Weisheit an, der überwältigenden Entfaltung ursprünglichen Reichtums, angeborener Offenheit, der ursprünglichen Weisheit selbst. Alles, was dann noch nötig ist, ist, unabgelenkt in der unmittelbaren Präsenz zu ruhen, im Hier und Jetzt. Und wenn wir von Gedanken, Wünschen, Erwartungen und Befürchtungen abgelenkt werden, kehren wir einfach wieder und immer wieder in den gegenwärtigen Augenblick zurück.

Hier sind wir. Wir werden davongetragen wie vom Winde verweht, und wie auf den Schwingen des Windes getragen, kehren wir wieder zurück. Wenn ein Gedanke zu Ende und der nächste noch nicht entstanden ist, können wir in dem sich auftuenden Raum ruhen. Wir üben die Rückkehr in das unveränderliche Herz des gegenwärtigen Augenblicks. Das ist die Quelle jedes Mitgefühls und aller Inspiration."

Pema Chödrön

Montag, 1. Dezember 2014

"In der Obhut meines Blicks"


Das Interview mit mir über Zen-Praxis und Achtsamkeit und die Bedeutung dieser Praxis für meine künstlerische Arbeit ist jetzt in voller Länge auf meiner Homepage zu finden: www.margrit-irgang.de

Auf das Bild auf der Startseite klicken, auf der zweiten Seite im Menu "Werk" wählen, dort "Zeitschriften".





Erschienen in "Buddhismus aktuell", Ausgabe 3/2014

Donnerstag, 27. November 2014

Tiziano Terzani: Vom Leben und Sterben

Wahrscheinlich kennen meine Blog-Leserinnen und -Leser diesen Autor schon, wenn auch vielleicht "nur" aus dem Film mit dem wunderbaren Bruno Ganz in der Hauptrolle. In dem Fall empfehle ich: Bitte die Bücher (noch einmal) lesen. Warum?

Tiziano Terzani war Auslandskorrespondent für Asien beim "Spiegel", Gesprächpartner aller Politiker von Rang, Kriegsreporter - ein erfolgreiches Leben, ein glänzendes Leben, ein Leben im Scheinwerferlicht. Aber irgendwann begann er sich zu fragen, ob das nun alles gewesen sein soll. Er nahm eine Auszeit, reiste privat durch Asien und interviewte Heiler und Schamanen, vorerst noch ganz der neugierige, aber skeptische Journalist. Diese Reisen hat er in "Fliegen ohne Flügel" beschrieben. Und dann kam der Bruch in seinem Leben: Er bekam Krebs. "Es ist der Zeitpunkt, da jeder Mensch das tun muss, was richtig ist, und nicht das, was opportun ist."

Was ist "richtig", wenn man eine ernste Krankheit hat? In "Noch eine Runde auf dem Karussell" beschreibt er seine Suche nach Heilung: In der knallharten Schulmedizin, die er irgendwann verlässt; in der Homöopathie, die ihm zu mehr Lebensqualität verhilft, im Ayurveda und bei allerlei obskuren Heilern in West und Ost. Irgendwann begreift er, dass Körper und Geist nicht getrennt sind, beschließt, sich um seinen Geist zu kümmern und landet im Himalaya, wo er Monate allein in einer Hütte lebt. Er findet, was er gesucht hat: den inneren Frieden und einen Einblick in die Ganzheit des Universums.

Nein, Terzani ist kein großer Meister; was er sagt, haben andere seit Tausenden Jahren besser gesagt. Er ist auch ziemlich meinungsfreudig und polarisiert gern. Und doch hat er in Italien eine riesige Fan-Gemeinde von vor allem jungen Menschen. Weil da jemand die Jagd nach Ruhm und Geld als sinnlos erkannt hat und daraus die Konsequenzen zog. Von seinen Kollegen belächelt und verachtet, völlig gleichgültig gegenüber den Urteilen der Welt, die über den "tiefen Fall" des einst so erfolgreichen Journalisten sprach, ging er auf seine eigene Sinnsuche. Der Krebs hat ihn letztendlich das Leben gekostet, aber sein Geist war stärker als der Krebs. Kurz vor seinem Tod zeichnete sein Sohn die letzten Gespräche mit seinem Vater auf; sie sind die Summe eines außergewöhnlichen Lebens, zu lesen in "Das Ende ist mein Anfang".

Per quelli che parlano italiano: qui si trova il sito ufficiale di Tiziano Terzani.

Freitag, 21. November 2014

Die stille Zeit


Als ich im Hochschwarzwald lebte, bekam ich einmal im November Besuch. Wir wollten essen gehen, fanden aber abends um Sieben kein einziges offenes Restaurant mehr. Im vierten Haus schließlich steckte die Besitzerin den Kopf zum Fenster hinaus und belehrte uns, dass im November nur mittags geöffnet sei, denn: „Jetzt ist die stille Zeit.“

Jetzt ist die stille Zeit. Zeit für Teetrinken und Kuchenbacken, für Pulloverstricken und Katzenstreicheln, für Bücherlesen und Musikhören. Und vielleicht bleibt zwischen den so beruhigend abstrakten Gedenktagen Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag etwas Zeit für das, was Lama Sogyal Rinpoche empfiehlt: "Warum nicht über den Tod nachdenken, wenn wir wirklich inspiriert sind, entspannt und bequem im Bett liegen, in Urlaub sind oder wenn wir gerade gute Musik hören?"

Warum fürchten wir uns davor, uns mit unserem eigenen unausweichlichen Tod zu befassen? Was würde geschehen, wenn wir es - gelassen und unbeschwert und doch mit vollem Ernst - einmal täten? Wir würden unsere Angst vor dem Tod verlieren und endlich begreifen, dass jeder Augenblick kostbar ist.

Jetzt ist die stille Zeit. Die beste Zeit, über diese Fragen nachzudenken.
 

Freitag, 14. November 2014

Der Schock der Schönheit: Kaii Higashiyama




Es war im Sommer 1983. Ich lebte in München, und um die Ecke von meiner Wohnung fand im Museum für Völkerkunde die Ausstellung eines japanischen Malers statt, von dem ich noch nie gehört hatte. Ich ging hin.

Mich traf die Schönheit der Bilder wie ein Schock.

Ich sah Landschaften – Bäume in Frühling und Herbst, Berge im Schnee, Wälder, Seen, Nacht und Nebel. Alles war vertraut und unvertraut zugleich, scheinbar bekannt und doch wie etwas, das zum ersten Mal von einem menschlichen Auge berührt wurde: Die Natur in den Bilder von Kaii Higashiyama ist ganz bei sich. Ein weißes Pferd tritt zwischen weißen Stämmen hervor, Ahornbäume glühen und sind reine Farbe, ein Tal verdämmert im Abendlicht und man erahnt einen See, ein Ufer und den Saum des Waldes.

Kaii Higashiyama (1908-1999) war einer der großen zeitgenössischen Maler Japans. Seine Bilder sind gleichzeitig traditionell japanisch und hochmodern. Sie sind auf wundersame Weise erträumt und deshalb wahr, ganz im Sinn der Zen-Meister, die sagen: Wenn du erwacht bist zur wahren Wirklichkeit, wirst du begreifen, dass das, was du für die Realität hieltest, nur ein Traum war

Sonntag, 9. November 2014

SWR 2: Die Weisheit der Ältesten


"In den indigenen Gesellschaften haben die Ältesten ihren Platz: Sie sitzen zusammen und halten Rat. In unserer Gesellschaft hat sich die Lebenszeit enorm verlängert, aber uns fehlt das erweiterte Bewusstsein, das mit ihr Schritt halten könnte. Wir haben mehr alte Menschen als je zuvor, und wir haben einen Planeten, der krank ist und versucht, sich selbst zu heilen. Sehen Sie, warum Älteste heute so dringend gebraucht werden? Aber man wird nicht einfach so nebenbei ein Ältester. Niemand kann das für Sie erledigen - keine Mutter, kein Lehrer, kein Rabbi, kein Priester. Sie müssen diese Arbeit selbst tun."      

 Rabbi Zalman Schachter

Die alten Weisen in den europäischen Märchen erscheinen oft in Gestalt eines Kräuterweibleins oder eines verhutzelten Männchens. Sie leben im Wald oder auf dem Berg, sind also nicht Teil der menschlichen Verwicklungen - und gerade deshalb in der Lage, die Situation zu durchschauen und klugen Rat zu geben. Sie sind auch nie die Hauptpersonen der Geschichten. Sie tauchen auf magische Weise genau dann auf, wenn sie gebraucht werden, und sind, wenn der Prinz endlich die Prinzessin in die Arme schließt, längst verschwunden.

Nur wer sein Ego zurücknimmt, kann Weisheit entwickeln, ein Ältester werden. Und was gehört noch alles dazu?

Ich erzähle es in meinem Feature "Die Weisheit der Ältesten", das ich vor zwei Jahren für SWR 2 Wissen gemacht habe. Mit der Entwicklungspsychologin Judith Glück, Professor Ulrich Rosin und dem Schamanen und Dichter Galsan Tschinag.  Hier können Sie die Sendung hören.

Dienstag, 4. November 2014

Geistige Freiheit


"Wenn du dein Hier und Jetzt unerträglich findest und es dich unglücklich macht, dann gibt es drei Möglichkeiten: Verlasse die Situation, verändere sie oder akzeptiere sie ganz. Wenn du Verantwortung für dein Leben übernehmen willst, dann musst du eine dieser drei Möglichkeiten wählen, und du musst die Wahl jetzt treffen. Dann nimm alle Konsequenzen an. Keine Ausreden. Keine Negativität. Keine psychische Verschmutzung. Halte deinen inneren Raum sauber."

Eckhart Tolle

Das klingt für Menschen, die keine Meditationserfahrung haben, im ersten Moment etwas streng, nicht wahr? Tatsächlich ist diese Praxisanweisung der Weg in die innere Freiheit. Was tun wir im Allgemeinen, wenn wir uns in einer unangenehmen Situation befinden? Wir jammern und klagen, beschweren uns (beim Partner, beim Nachbarn, beim Chef, beim Leben), versuchen uns auf tausend Arten Glück zu beschaffen oder ignorieren unser Gefühl, machen weiter wie zuvor und werden immer unglücklicher. 

Das Sitzen auf dem Kissen in der Meditation aber erlaubt keine Ausflucht. Wir sehen die Situation, wie sie ist: Job verloren, Partnerin lässt sich scheiden, Mutter ernsthaft krank. Leugnen und Jammern raubt uns die Kraft, eine kluge Antwort auf das zu finden, womit das Leben uns konfrontiert, und es gibt immer nur drei mögliche Antworten: die Situation verändern, sie voll und ganz akzeptieren oder aufstehen und gehen.

Das nennt Eckhart Tolle "den inneren Raum sauber halten". Ich nenne es geistige Freiheit. Ein Geist, der sich nicht mit unnötigen Gedanken belastet, hat eine große Weite und Klarheit. Wir brauchen dringend Menschen, die geistig frei sind, keine Vorurteile haben, Meinungen als veränderbar erkennen, Lügen durchschauen und Einsicht in komplexe Zusammenhänge haben.

Deshalb: Halte deinen inneren Raum sauber!

Donnerstag, 30. Oktober 2014

"Leuchtende Stille" auf Niederländisch


Soeben erschienen: Mein Buch "Leuchtende Stille" auf Niederländisch. Übersetzt von Piet Hermans. Asoka Verlag, Rotterdam. ISBN 9789056703318, €19,90

"Margrit Irgang beschrijft in haar nieuwe boek de zoektocht naar en de confrontatie met de centrale vraag van zen en van het leven: Wie ben 'ik'? In Stralende Stilte heeft Margrit Irgang gekozen voor een bijzondere vorm van vertellen. Want hoe laat zen zich omschrijven? Irgang beschrijft de overeenkomsten tussen de kwantumfysica en het boeddhisme. Ze deelt haar ontmoetingen met Poolse Joden en schrijft over de jaarlijkse loop van de natuur. Margrit Irgang neemt de lezer mee op haar eigen ontdekkingsreis waarin zij de betekenis onderzoekt die zen in haar leven heeft gehad en nog steeds heeft.
Een prachtige, persoonlijke collectie van alledaagse momenten, gedachten en herinneringen. Voor degenen die zich net als de schrijfster inspannen hun eigen spiritualiteit tot ontwikkeling te brengen."

Sonntag, 19. Oktober 2014

Ein Taoist zu Besuch auf meinem Balkon


„Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“

Dschuang-Dsi Buch II in der Übersetzung von Richard Wilhelm

Samstag, 11. Oktober 2014

Die Stille stirbt nicht.


O Mosteiro de Santa Maria de Alcobaca, eines der großen Klöster im Herzen von Portugal, in der tiefen Ruhe eines heißen Spätsommertags. Ich sitze in der Zeitlosigkeit. Vor Jahrhunderten haben die Zisterzienser diesen Ort mit Stille aufgeladen, und die Stille hat überlebt, weil die Stille stärker ist als jeder Lärm, der nichts ist als ein Ausdruck unserer inneren Unruhe. Sobald wir zur Ruhe kommen, entfaltet sie sich: Die Stille, die der Urgrund des Seins ist, immer da, geduldig darauf wartend, dass wir sie endlich wahrnehmen. Die Stille, die uns trägt, weil wir die Stille sind.

Ein einziger winziger Vogel singt für mich und den claustro do sîlêncio an diesem Nachmittag. Die Mönche sind nicht gestorben, weil die Stille nicht sterben kann. Ich sehe ihre weißen Kutten durch die Schatten des Kreuzgangs wehen; die Mönche gehen sanft und lautlos, fast auf Zehenspitzen, damit wir, die Lebenden, nicht erschrecken vor so viel Stille und Zeitlosigkeit.

So werden auch wir einst behutsam und leise auftreten, damit jene, die wir jetzt lieben und auch dann noch lieben werden, nicht erschrecken. Denn auch wir werden nie gestorben sein, weil wir die Stille sind, die nicht stirbt.

Ich kann es sehen, hier, an diesem heißen Spätsommertag tief im Herzen des alten Portugal.

(Die Fotos zeigen die Klöster Alcobaca, Batalha und Mosteiro dos Jerónimos in Lissabon)

Dienstag, 7. Oktober 2014

The walls that separate us from others. Die Mauern, die uns von anderen trennen.


"Opening to discomfort is the basis of transmuting our so-called 'negative' feelings. There is nothing wrong with negativity per se; the problem is that we never see it, we never honor it, we never look into its heart. Instead, we are always trying to get rid of it by punching someone in the face, by punishing ourselves, or by repressing our feelings. If we just try to get rid of negative feelings, we don't realize that those feelings are our wisdom.

You can only go into the unknown when you have made friends with yourself. By beginning to look clearly and honestly at ourselves - at our emotions, at our thoughts, at who we really are - we begin to dissolve the walls that separate us from others. Somehow all of these walls, these ways of feeling separate from everything else and everyone else, are made up of opinions. They are made up of dogma; they are made of prejudice. These walls come from our fear of knowing parts of ourselves.

When we feel resentful or judgmental, it hurts us and it hurts others. But if we look into it we might see that behind the resentment there is fear and behind the fear there is a tremendous softness. There is a very big heart and a huge mind. To experience this we begin to make a journey, the journey of unconditional friendliness toward the self that we already are."

Pema Chodron
American Buddhist nun


"Sich dem Unbehagen zu öffnen ist die Basis für die Verwandlung unserer sogenannten 'negativen' Gefühle. Negativität an sich ist nicht falsch. Das Problem ist, dass wir sie nie sehen, nie wertschätzen, ihr nie ins Herz blicken. Stattdessen versuchen wir sie dauernd loszuwerden, indem wir jemandem ins Gesicht schlagen, uns selbst bestrafen oder unsere Gefühle unterdrücken. Wenn wir nur versuchen, negative Gefühle loszuwerden, erkennen wir nicht, dass solche Gefühle unsere Weisheit sind.

Du kannst nur ins Unbekannte gehen, wenn du dich mit dir selbst befreundet hast. Indem wir uns selbst klar und aufrichtig anschauen - unsere Emotionen, unsere Gedanken und den, der wir wirklich sind -, beginnen wir die Mauern aufzulösen, die uns von anderen trennen. All diese Mauern - dieses Gefühl, von allem und allen getrennt zu sein - sind aus Meinungen aufgebaut, aus Dogmen, aus Vorurteilen. Diese Mauern entstehen aus der Angst, Teile von uns selbst wahrzunehmen.

Wenn wir ärgerlich oder kritisch sind, verletzen wir uns und andere. Aber wenn wir uns darauf einlassen, sehen wir vielleicht, dass sich hinter dem Ärger Angst verbirgt und hinter der Angst eine unendliche Sanftheit. Da ist ein sehr großes Herz und ein großer Geist. Um dies zu erfahren, begeben wir uns auf eine Reise, die Reise der bedingungslosen Freundlichkeit dem Selbst gegenüber, das wir bereits sind."

Pema Chödrön
Amerikanische Buddhistische Nonne der Shambhala-Tradition 

(An dieser Stelle ein Dank an David Niblack für die großzügige Erlaubnis, seine Fotos zu verwenden.)

Mittwoch, 24. September 2014

"Wunderbare Unvollkommenheit" in 4. Auflage


Früher hieß es "Zen-Buch der Lebenskunst", seit der 3. Auflage heißt es "Wunderbare Unvollkommenheit".

Kleine Leseprobe: "Als Buddha Shakyamuni starb, baten seine Mönche ihn um ein letztes Wort, um einen Hinweis, wo sie nach seinem Tod die Lehre finden könnten. Buddha Shakyamuni soll geantwortet haben: 'Seid euch selbst eine Lampe.' Eine authentische Zen-Praxis ist unser Weg zur Befreiung. Wir suchen nicht mehr in Schriften und Lehren unser Heil, wir wenden uns an keine äußeren Autoritäten mehr. Wir begreifen mit allen Fasern unseres Seins, dass wir alles Wissen haben, das wir brauchen - wir müssen es nur berühren und es uns zunutze machen. Wir sind uns selbst eine Lampe.

Ein Künstler des Lebens also zündet sein Lämpchen an, schultert sein (inzwischen sehr leichtes) Bündel und wandert durch seine Tage, unbekümmert um das Wetter oder die Meinung anderer Menschen über ihn."

Jetzt ist die 4. Auflage erschienen, in einer kleinen Reihe in guter Gesellschaft:



Vielleicht eine Geschenk-Idee? Bald ist Weihnachten, es liegen ja schon Lebkuchen in den Läden ...

Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit. Das Zen-Buch der Lebenskunst", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-06740-2

Mittwoch, 17. September 2014

SWR 2: Gedanken gehen lassen


Meditation muss nichts mit Religion zu tun haben. Viele Menschen sehen sie einfach als Praxis, die ihnen hilft, ein bewussteres, gelasseneres Leben zu führen. Aber welche Intention auch immer jemand hat, mit der Meditation zu beginnen: Wer sich zum ersten Mal auf ein Kissen oder einen Stuhl setzt und hört, er solle "die Gedanken loslassen", wird ein wenig fassungslos sein über das Geschwätz in seinem Kopf, das er vielleicht bisher gar nicht wahrgenommen hatte. Ihm wird gesagt, er solle sich als Berg betrachten und die Gedanken als Wolken, die am Berg vorüberziehen. Er oder sie fühlt sich aber so gar nicht als Berg, eher wie eine im Wind wirbelnde Tüte voll Luft, und die Gedanken wollen keineswegs vorüberziehen, im Gegenteil: Sie lassen ihn nicht los und schleifen ihn an einer Leine hinter sich her. Der Meditationsschüler durchlebt ein Drama, in dem es um Wünsche, Hoffnungen, Wut, Neid und jede Menge Gelüste geht, obwohl er sich keinen Zentimeter von seinem Kissen weg bewegt hat.

Über das, was einem Anfänger in der Meditation (wir alle bleiben immer Anfänger!) geschehen kann, und warum es sich dennoch lohnt, dabei zu bleiben, habe ich ein Feature für SWR 2 gemacht: "Gedanken gehen lassen. Meditation jenseits von Religion". Neben anderen interessanten Gesprächspartnern habe ich Ulrich Ott gewonnen, der das Buch "Meditation für Skeptiker" (O. W. Barth Verlag) geschrieben hat.

Hier ist der Link zum Hören der Sendung.

Donnerstag, 11. September 2014

Die beiden Wölfe

Gunnar Ries Wikipedia

Draußen heulte der Sturm ums Zelt; drinnen saß der alte Cherokee-Indianer und erzählte seinem Enkel eine Geschichte.

"In mir wohnen zwei Wölfe", sagte er, "und die beiden Wölfe sind in einen schrecklichen Kampf verstrickt. Der eine Wolf ist dunkel - er ist Wut, Hass, Neid, Gier, Arroganz, Ablehnung, Minderwertigkeitsgefühl, Schuldgefühl, Lüge, Überheblichkeit und Ichsucht. Der andere Wolf ist hell - er ist Mitgefühl, Großzügigkeit, Liebe, Gelassenheit, Demut, Freude und Wahrhaftigkeit."

"Wow!" sagte der Junge beeindruckt. "Das ist ja schrecklich, Großvater."

"Nun ja", sagte der Indianer, "die beiden Wölfe kämpfen in jedem Menschen, auch in dir."

Dem Jungen wurde etwas unbehaglich. "Tatsächlich?" fragte er leise. "Und welcher Wolf gewinnt?"

Der Cherokee sagte gelassen: "Der, den du fütterst."

Samstag, 6. September 2014

Die Sommersammlerin


Beim Aufbruch noch der Morgendunst über den Weinbergen. Die Bauern sind schon auf den Feldern, einer schwenkt den Hut, als ich vorbeikomme. Ein Hund begleitet mich ein Stück Wegs, dann bin ich allein. Wind in meinem Haar, Sonne auf der Haut, ein Stein im Schuh. Stille und der Geruch nach frisch geschnittenem Gras.

Wie ein Eichhörnchen seine Nüsse sammle ich Sommer für den Winter. Ich werde auch in diesem Winter wieder viel mehr Sommer brauchen, als ich sammeln konnte. Weil ich eine nachlässige Sommersammlerin bin; mal war es mir zu heiß, und ich habe den Sommer mit Rolladen ausgesperrt, mal hatte ich zuviel zu tun, um mich ums Sommersammeln zu kümmern. Erst jetzt, wo es schon fast zu spät ist, fange ich mit der Sommervorratshaltung an. Als Eichhörnchen wäre ich schon vor Jahren verhungert.

Aber morgen, morgen gehe ich wieder los.

Samstag, 30. August 2014

Begegnung an einem Spätsommertag


Sie lagen mitten auf dem Weg, zwischen Hier und Dort. Sahen mir gelassen entgegen, nicht allzu interessiert (ein Mensch, nun ja), die Augen halb geschlossen, nur das kleine Schwarze rotierte einmal kurz mit den Ohren, aber das hatte wohl eher mit der Fliege zu tun, die seinen Kopf umsummte.

Ich setzte mich dazu für zehn Minuten, es war ein warmer Spätsommermittag; ein Kohlweißling kam angeflogen, so waren wir zu sechst.

Welch eine angenehme Gesellschaft.

Sonntag, 24. August 2014

Wohin fließt er, der Strom?


"Ein Gespür für das Unvermeidliche, für die Richtung, die das Leben nehmen möchte, bekommen wir, sobald wir innerlich nicht mehr so geteilt oder zerrissen sind. Dann fragen wir nicht mehr: 'Ist dies der richtige Weg? Woran erkenne ich, ob es der richtige oder der falsche ist?' Solche Fragen verstellen uns nur den Blick. Es geht um etwas viel Einfacheres, es gilt zu sehen, wohin das Leben selbst möchte.

All das erschließt sich uns, wenn wir unser persönliches Wollen abgeben, wenn wir uns der Angst im Bauch stellen und das Gefürchtete aufrichtig bejahen. Wir sagen ja zum Leben, ja zum Tod, ja zur Auflösung unseres Egos - unser Kämpfen und Ringen hat ein Ende. Unser Weg durchs Leben ändert sich grundsätzlich. Der Strom selbst bestimmt unseren Kurs - nicht mehr unsere Gedanken und Vorstellungen, nicht mehr die Frage, was wir sollen oder nicht sollen, was richtig oder falsch ist. Der Strom bleibt immer überraschend. Er ist der Lauf des Einen, er leitet uns zu dem, was heilt, er führt Dinge zusammen, die wir nie für möglich gehalten hätten."

Adyashanti

Samstag, 16. August 2014

Erleuchtete Haushaltsführung



"Wenn du bereit bist, dich selber, dein Bewusstsein und dein Handeln anzuschauen, kannst du den Humor zurückgewinnen, den du im Lauf deines Lebens verloren hast. Schau dir zuerst einmal deine gewohnte häusliche Wirklichkeit an: deine Messer, Gabeln und Teller, dein Telefon, deinen Staubsauger - ganz gewöhnliche Dinge. Sie haben nichts Mystisches oder Außergewöhnliches an sich, aber wenn du keine echte Verbindung herstellst zu deinen Alltagssituationen, wenn du diesem alltäglichen Leben nicht auf den Grund gehst, wirst du niemals Humor und Würde finden - und letztlich auch keine Wirklichkeit.

Wie du dein Haar kämmst, wie du dich kleidest, wie du dein Geschirr abwäschst - all das sind Arten, mit der Wirklichkeit in Beziehung zu treten, und deshalb Ausdruck deines geistigen Gesundheitszustands. Eine Gabel ist natürlich nur eine Gabel, ein Esswerkzeug. Dennoch kann deine geistige Gesundheit und deine Würde davon abhängen, wie du die Gabel benutzt.

Wir sind nicht die Sklaven unserer Lebensumstände, wir sind frei. Wenn wir mit der Wirklichkeit würdevoll und mit Humor umgehen, wird das ganze Universum - einschließlich der Jahreszeiten, einschließlich Eis, Schnee und Matsch - uns kraftvoll beistehen. Wir können mit unserem Universum uneingeschränkt und freudig umgehen."

Chögyam Trungpa

Sonntag, 10. August 2014

Meisterin, bist du wach?


Jeden Morgen pflegte Zenmeister Zuigan Shigen sich selbst zuzurufen: "Oh Meister!" Zuigan antwortete: "Ja?" Zuigan fragte: "Bist du wach, Meister?" Zuigan antwortete: "Ja, ich bin wach." Zuigan mahnte: "Meister, lass dich zu keiner Zeit, an keinem Ort von irgend jemandem irreführen!" Zuigan antwortete: "Nein, Meister!"

Mumonkan 12

(Praxisempfehlung: 1-2 x täglich. Und wenn wir dennoch den Meister, die Meisterin immer noch außerhalb von uns suchen, erinnern wir uns vielleicht ab und zu daran, dass der Blick in die Augen einer Meisterin, eines Meisters nur ein Blick in den Spiegel ist, in dem wir unsere noch nicht realisierten Möglichkeiten sehen.)
 

Sonntag, 3. August 2014

Hochsommermorgen


Beim Aufwachen oben an der Wand ein buttergelber Sonnenstreifen. Im Garten mehrstimmige Vogelgesänge, wahrscheinlich von den Übriggebliebenen, die noch keine Partnerin gefunden haben. Ich gehe barfuß in die Küche. Die Bienen sind im Balkonlavendel schon mit der Lavendelhonigherstellung befasst. Aus einem vorbeifahrenden Auto fliegen drei Sekunden Musik herauf, Bruce Springsteen. Eine Nachbarin ruft ihr Kind, irgendwo bellt ein Hund. Schon wieder über dem Dach ein Heißluftballon im Landeanflug, im Korb steht jemand mit Fernglas (sieht der mich jetzt im Nachthemd, den Kaffeebecher in der Hand?).

Wir alle sind durch die Dunkelheit der Nacht gegangen und aufgewacht in Wärme und Licht. Menschen, Hunde, Katzen, Bienen, Vögel. Alle immer noch da. Das alltägliche Wunder hat sich wieder ereignet, obwohl es nicht selbstverständlich ist:

Ein neuer Tag beginnt!

Sonntag, 27. Juli 2014

SWR 2: Hochsensibel. Highly sensitive.


Sie sind anders als andere und haben den Eindruck, nicht in diese Welt der Tüchtigen, Zupackenden und Erfolgreichen zu passen. Laute Geräusche und grelles Licht sind ihnen unerträglich, in größeren Menschenansammlungen verlieren sie ihre Kraft. Was anderen Menschen Freude bereitet, ist für sie eine Qual: Einkaufszentren, Silvesterfeiern, Betriebsausflüge, Freizeitparks, Bierzelte (die Liste darf beliebig ergänzt werden).

Denn Hochsensibilität bedeutet: Mehr von allem. Hochsensible sehen, hören, schmecken, riechen, empfinden, fühlen und denken mehr, schneller und intensiver. Wahrgenommenes Leid geht ihnen buchstäblich "unter die Haut", sie können sich bis zum Selbstverlust in andere einfühlen, und ihre hoch entwickelten Antennen fangen jede Disharmonie in ihrer Umgebung auf, unter der sie dann oft so leiden, dass sie sich zurückziehen müssen. Auf andere wirken Hochsensible deshalb häufig neurotisch oder arrogant. Ihre Einfühlungsgabe, ihre genaue Wahrnehmung und ihr differenziertes Denken macht sie zu Künstlern, Therapeuten, Lehrern oder Beratern, und dank ihrer feinen Antennen haben sie eine natürliche Begabung für Spiritualität. Aber als unabhängige Geister fühlen sie sich selten in etablierten Religionen mit ihren Machtstrukturen und Dogmen wohl.



Was also ist Hochsensibilität? Die amerikanische Psychologin Elaine Aron erforscht seit den 1980er Jahren sensory-processing sensitivity, also Sensitivität, die von einem Nervensystem verursacht wird, das unablässig Informationen mit all ihren subtilen Details aufnimmt und weiterleitet: Eine angeborene Veranlagung, Informationen gründlicher zu verarbeiten, die ca. 15 - 20 % aller Menschen haben, ohne darum zu wissen.

Im Jahr 2009 war es noch gar nicht so einfach, dem SWR das Thema schmackhaft zu machen. Man war der Ansicht, "Überempfindlichkeit" sei eine Reaktion auf traumatische Kindheitserfahrungen und müsse natürlich therapiert werden. Die Menschen, mit denen ich für meine Sendung "Reizüberflutet. Hochsensible und ihr Alltag" gesprochen habe, lassen sich von solchen Urteilen nicht mehr beeindrucken: Sie haben ungewöhnliche Lebensläufe, stehen zu ihrem Anderssein und wissen, wie sie sich den nötigen Freiraum und die Ruhe erschaffen können, die sie brauchen. Auch Elaine Aron, die ich sehr schätze, kommt zu Wort. Hier kann man die Sendung hören.

Montag, 21. Juli 2014

Haiku an einem Regentag



.雨三粒天から土用見舞かな
ame san tsubu ten kara doyô mimai kana

three raindrops
a greeting card from heaven ...
midsummer heat

drei Tropfen Regen
eine Himmelsgrußkarte ...
Hochsommerhitze

Issa

Mittwoch, 16. Juli 2014

Geschenke # Weltmeisterschaft


Als die "Helden von Bern" 1954 nach Hause fuhren (mit dem Zug), wurden ihnen von der begeisterten Bevölkerung bei jedem Halt an der Strecke Geschenke durch die Zugfenster gereicht. Ich hörte von: einem riesigen Bergkäse, Baumkuchen, Aschenbecher, Wein, Bildbänden, und die Firma Schiesser soll auf dem Bahnhof von Radolfzell ein paar Kartons Feinripp-Unterwäsche überreicht haben.

Ich war eine Woche verreist, und als Abschiedsgeschenk erhielt ich von meinem Hotel nicht einen dieser popligen Kugelschreiber, nein: einen BLEISTIFT!

Ich finde das ganz bezaubernd. Schriftsteller brauchen unbedingt Bleistifte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Miroslav Klose oder Bastian Schweinsteiger über einen Bleistift freuen würden oder über eine Garnitur Feinripp-Unterwäsche. Sehr gut vorstellen kann ich mir dagegen eine interessante und sinnvolle Besetzung des Trucks auf der Fan-Meile: Musikerinnen und Komponisten, Bildende Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, Erfinderinnen, Ärztinnen, Forscher, Lehrer, Krankenschwestern, Altenpfleger, Straßenkehrer und Müllmänner, Väter und Mütter. Alle von Hunderttausenden bejubelt, weil sie den Menschen so viel Freude bereiten. Man müsste ihnen nicht einmal Drei! Hundert! Tausend! Prämie bezahlen, sie wären auch mit weit weniger zufrieden.

Das kann ich mir gut vorstellen.

Samstag, 5. Juli 2014

Interview in "Buddhismus aktuell"


Ursula Richard, die Chefredakteurin von "Buddhismus aktuell" (die Zeitschrift der Deutschen Buddhistischen Union) hat mein Buch "Leuchtende Stille" gelesen und ein Interview mit mir gemacht: Wie ich Zen im Alltag lebe, ob Zen für mich eine Religion ist und warum ich als Schriftstellerin Zen praktiziere. Zwei kleine Ausschnitte:

U. R.: Hat Zen für Sie eine buddhistisch-religiöse Dimension?

M. I.: Zen ist viel mehr als Religion: Es ermöglicht mir die Erfahrung des geistigen "Raumes", aus dem heraus letztendlich alle Religionen entstanden sind. Das Interesse von Buddha war es ja nicht, eine Religion zu gründen; er wollte den Menschen aus der Tiefe seines Mitgefühls den Weg zum Beenden des Leidens zeigen. Natürlich gibt es auch in Zen-Schulen diverse Rituale, aber die Praxisanweisung im Zen ist sehr einfach: Setz dich vor die Wand, beruhige deinen Geist und schau, was dann passiert. In dieser Klarheit und Abwesenheit von allem Überflüssigen atme ich auf und fühle mich frei.

U. R.: Wie drückt sich Zen in Ihrer Arbeit am Wort, also als Schriftstellerin aus?

M. I.: Als Schriftstellerin bin ich vor allem dankbar dafür, dass niemand mir vorformulierte Erkenntnisse, Glaubenssätze oder Göttergestalten präsentiert. Die weiße Wand, vor der ich sitze, ist wie das weiße Blatt Papier: Ich darf für meine Erfahrung meine eigene Sprache finden. Und weil das Wesen einer solchen Erfahrung sich allen Begriffen entzieht, gibt es nur eine Sprache, die dem Zen gemäß ist, und das ist die poetische. Poesie lässt das Nicht-Sagbare aufscheinen, im Raum zwischen den Worten.

"Buddhismus aktuell" 3/2014, ISBN 4-196667-208005, 8,- €.

Das Heft enthält viele gute, auch kontroverse Beiträge zum Thema Buddhismus und Religion.

Seit Kurzem steht das komplette Interview auf meiner Website www.margrit-irgang.de  Bitte im Menu auf "Werk" klicken und dort bis zu "Zeitschriften" herunterscrollen.

Montag, 30. Juni 2014

Begegnungen mit Thich Nhât Hanh


Ich begegnete ihm zuerst in einem seiner Gedichte - wie es sein soll, wenn jemand Dichter ist. Denn der Dichter ist nicht wichtig, seine Gedichte dagegen sind es sehr. Die Rinzai-Zen-Schule, in der ich damals praktizierte, plante eine Feier; dort sollte ein Gedicht zitiert werden, das es damals nur auf Englisch gab, und man bat mich, es zu übersetzen. Der Autor namens Thich Nhât Hanh war mir kein Begriff. Aber als ich das Gedicht gelesen hatte, wusste ich: Einen Zen-Meister, der solche Gedichte schreibt, muss ich kennenlernen.

"Ich komme in jeder Sekunde an / um eine Knospe an einem Frühlingszweig zu sein / ein winziger Vogel mit zerbrechlichen Flügeln / der in seinem Nest das Singen lernt / um eine Raupe zu sein im Herzen der Blume / ein Juwel, das sich im Stein verbirgt. / Ich komme an, um zu lachen und zu weinen / mich zu fürchten und zu hoffen. / Der Rhythmus meines Herzens sind / Geburt und Tod all dessen, was lebt."

Es war das Jahr 1991, ich hatte noch keinen Zugang zum Internet, und es brauchte etliche Monate, unzählige Telefonate und eine mühsame nächtliche Zugfahrt in die Dordogne, bis ich ihn zum ersten Mal auf der Bühne sah, im Upper Hamlet von Plum Village, seinem Zentrum im französischen Exil. Ich begegnete einem bescheidenen, schlichten Mönch, der in großer Klarheit und Kraft einfache und weise Gedanken äußerte. Ich hatte acht Jahre im klassischen japanischen Zen praktiziert und wusste, mit Thay, wie er von seinen Schülern genannt wird, würde sich für mich ein ganz neuer Zen-Weg öffnen, der mich stärker mit der Welt verbinden würde als meine vorherige Praxis. Ich wurde Mitglied in seiner internationalen Gemeinschaft "Order of Interbeing".


Heute ist Plum Village ein riesiges internationales Praxiszentrum, aber damals - es war gerade Summer Reatreat - waren etwa 100 Menschen anwesend, darunter ganze zehn Deutsche. Und weil ich zum ersten Mal dort war - und vielleicht auch, weil ich die ganze Woche Thays Vorträge für die Deutschen übersetzt hatte -, wurde ich eingeladen zu einer Tee-Zeremonie mit ihm im kleinen Kreis. Wir waren etwa zwanzig Personen, saßen in einem winzigen Raum auf dem Boden um ihn herum, und dann sagte er etwas Überraschendes: Er bat uns, von unserem größten Schmerz zu erzählen. Und jeder von uns erzählte: Eine Mutter von ihrem Ex-Mann, der das gemeinsame Kind auf die glühende Herdplatte geschleudert hatte. Ein amerikanischer Vietnam-Veteran von dem hungrigen vietnamesischen Kind, das vor seinen Augen in Stücke gerissen wurde von dem Sprengstoff, den er vorher im Brot versteckt hatte. Thay hörte einfach zu, mit einer Präsenz, die ich vorher noch nie bei einem Menschen erlebt hatte. Die Tee-Zeremonie hatte um 6 Uhr morgens begonnen; als wir den Raum verließen, war es 12 Uhr mittags.


Ich habe im Lauf der letzten 24 Jahre viele Retreats mit Thich Nhât Hanh besucht. Eine Begegnung hat mich besonders bewegt. Als ich 2001 mein "Zen-Buch der Lebenskunst", das inzwischen vom Verlag in "Wunderbare Unvollkommenheit" umgetauft wurde, veröffentlichte, passte das ein paar Menschen in der Gemeinschaft nicht. Thays Kommentar dazu war: "When you have a book, you are a teacher. You support the transformation of many people."

Der Kommentar eines wahren Dichters, eines Zen-Meisters und eines freien großen Geistes.

Hier ist die Webseite seines Zentrums in Frankreich: www.plumvillage.org

Donnerstag, 26. Juni 2014

Himmel & Hölle


Wer - sagen wir, von Tübingen - nach Himmelreich will, muss auf dem Weg dorthin durchs Höllental. Wer aus irgend einem Grund das Himmelreich verlassen will - um, sagen wir, an den Bodensee zu fahren, dort ist es ja auch schön -, muss das Höllental durchqueren. Zudem liegt das Himmelreich unten im Tal, während das Höllental oben am Berg ist.

Wir sollten unsere Konzepte von Himmel & Hölle wirklich mal überarbeiten.

Samstag, 21. Juni 2014

SWR 2: Ein Chor erfindet seine Musik

Foto: Heiner Grieder

Einer gibt einen Rhythmus vor, andere variieren ihn. Jemand singt eine einfache Tonfolge, andere nehmen sie auf oder improvisieren darüber. In den Kursen der Schweizer Musiker Thomas Reck und Fabio Jegher gibt es weder Noten noch Text. Die Sängerinnen und Sänger werden ermutigt, der eigenen inneren Musik zu lauschen und sie nach außen zu bringen.

Ich singe seit Jahren immer wieder einmal bei Thomas und Fabio. Das Singen dort macht mir Freude; es ist spielerisch leicht, auch Anfänger und Menschen, die glauben, nicht singen zu können, fühlen sich in diesem Chor aufgehoben. Und doch ist da plötzlich nach 3 Stunden oder einem Wochenende ein so homogener oder auch ungewöhnlicher, in jedem Fall begeisternder Chorklang, wie wir ihn uns nie hätten ausdenken können. Denn alles ist improvisiert und entsteht aus dem Augenblick heraus.

Thomas und Fabio geben Kurse in Basel, und vom 20. - 26. Juli 2014 findet die Chorwoche GrooveSpielKlang in Aub bei Würzburg statt. Sie bilden auch Leiter von Stegreifchören aus, die nächste Ausbildungsphase beginnt im Februar 2015. Mehr auf ihrer Website www.stegreif-coach.ch

Ich habe vor einiger Zeit über den Stegreif-Chor ein 25-Minuten-Feature für den SWR gemacht. Man kann es anhören unter diesem Link 

Rechts oben auf der SWR-Seite ist ein kleiner MP3-Player. Dort klicken, Lautsprecher aufdrehen, mitsingen!

Samstag, 14. Juni 2014

Sommernacht


Ein warmer Sommertag geht über in eine warme Nacht. In meinem Viertel sitzen die Menschen in Gärten und auf Terrassen, erste Windlichter werden angezündet. Irgendwo muss ein Hund sein, er gibt einen Glückston von sich, ein gedämpftes Vorfreuden-Jaulen. Vielleicht kündigt sein Mensch einen Hundeknochen an oder schwenkt die Leine, und der Hund hält an diesem Sommerabend sein Leben als Vorstadthund für das beste aller Hundeleben. Auf einer hinter Apfelbäumen und Rhododendronbüschen verborgenen Terrasse beginnt eine Frau zu singen, in einem sicheren warmen Alt. Sie singt Am Brunnen vor dem Tore, und als sie die erste Strophe beendet hat, beginnt sie mit Hoch auf dem gelben Wagen. Sie singt, wie ein Vogel singt, ohne Anstrengung und Absicht, vielleicht sitzt sie sogar ganz allein auf ihrer Terrasse und singt für niemanden als für sich selbst und den Sommerabend und den Rhododendron. Auf der anderen Seite der Straße in der übernächsten Häuserzeile wieder der Klavierspieler, der fast schon ein Pianist ist, vielleicht sogar ein stadtbekannter; er spielt fehlerfrei etwas, das wie ein eiskalter Bach klingt, der über Bergsteine springt, unerschöpflich immer weiter springt und fließt. Hoch oben im gläsernen Blau der Mond, ein winziges helles Boot, und wenn ich lange und unverwandt hinaufsehe, beginnt es zu schaukeln.



(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)

Sonntag, 8. Juni 2014

Das blaue Wunder



Wenn ich als Kind erzählte, ich würde Sängerin! werden oder Schauspielerin! oder Bilder malen! oder Bücher schreiben!, bekam ich sofort zu hören: „Du wirst noch mal dein blaues Wunder erleben“. Es wurde drohend gesagt, und ich dachte, das blaue Wunder wäre so etwas wie die Faust aufs Auge, das danach blau ist: Das Leben verpasst es einem, wenn man nicht brav ist, unrealistische Träume hat oder sich in unpassender Gesellschaft bewegt (das ist jene, die unrealistische Träume begeistert unterstützt).

Gestern war ich am See. Dort ist am Ufer alles Stein und Sand, Sand und Stein. Eine graubraunsandblonde Welt. Das ist dort immer so, ich mag den See trotzdem. Gestern erlebte ich zwischen Stein und Sand dort mein blaues Wunder.

Ich setzte mich neben das blaue Wunder, sah auf das Wasser (blau), in den Himmel (blau) und freute mich, dass sich wieder einmal eine Kindheitsdrohung im fortgeschrittenen Erwachsenenalter in etwas Blühendes verwandelt hatte.

Donnerstag, 5. Juni 2014

Das Nossendorf-Tagebuch des Hans-Jürgen Syberberg

Quelle: www.syberberg.de
Quelle: www.syberberg.de
Er hat umstrittene Filme und Theaterstücke gemacht, über Hitler, Winifred Wagner und Parsifal. Der Kunstauffassung von Hans-Jürgen Syberberg stand ich bislang, sagen wir: verhalten gegenüber. Das vielleicht letzte große Kunstprojekt des 78jährigen aber fasziniert und berührt mich.

1935 wurde er auf Gut Nossendorf in Vorpommern geboren. Sein Vater, der Gutsbesitzer, wurde 1947 enteignet. Nach dem Ende der DDR kaufte Syberberg das heruntergekommene Anwesen zurück, rekonstruierte und restaurierte, pflanzte Bäume, Rosen, legte alte Wege wieder an.

Das alles dokumentiert er in seinem Internet-Tagebuch mit durchaus kunstlosen Fotos von Blumen, Bäumen, Katzen, freigelegten Dachstühlen, Handwerkern, Gästen und Tischen, auf denen irdenes Geschirr steht, frisch gebackene Kuchen, Rotweinflaschen. Nichts ist fein oder gestylt, weder in Haus und Garten noch in diesem Tagebuch. Das Layout ist höchst leserunfreundlich, und doch klicken Tausende Menschen täglich den Blog an. Warum?

Die Zeitschrift "Die Zeit" vermutete, die Faszination läge in "Syberbergs Suche nach der verlorenen Zeit". Aber sucht er die wirklich? Ist er nicht zu sehr Künstler, um aus dem Vorhandenen etwas Anderes, Neues erschaffen zu wollen? Die Vergangenheit ist hier in der Gegenwart aufgehoben, und deshalb entsteht Fülle: Die Sehnsucht ist gestillt, und so wird das Früher zum künstlerischen Material von einer Tiefe, die alles, was krachend neu ist, nicht hat. Dieses Projekt ist eine Meditation über die Zeit, es spricht vom "Wieder", vom "Dennoch", aber auch vom "Noch". Allen Widerständen der Bürokratie zum Trotz steht dieser Tisch wieder unter dem Apfelbaum, und Syberberg darf das noch erleben, fotografieren, dokumentieren.

In einer der eingestreuten Sentenzen spricht er von Nossendorf als dem Ort "wo die Aufmerksamkeit dem Leben gilt". Die Aufmerksamkeit des Fotografen Syberberg gilt schlichtweg allem: den Blätterhaufen und Nebelmorgen, den Blüten und Gräsern, dem Lichteinfall zu jeder Tageszeit, dem Schnee und den sonnenglühenden Sommertagen. Diese kunstlosen Fotos beschwören das Glück des Augenblicks; ein gefährdetes und vergängliches Glück, so vergänglich wie das Licht und die Jahreszeiten. Und vielleicht macht gerade die Atmosphäre des prekären Glücks-Gleichgewichts die Faszination dieses Tagebuchs aus.
Hier ist der Link.

Freitag, 30. Mai 2014

"Die erste und einzige Geschichte vom Gedankenland"


Mein "Buch für Kinder von 8 bis 80", das vergriffen ist, kann man jetzt bei mir erhalten: Gebunden mit Hardcover zum Sonderpreis von 8,00 € zuzüglich 1,- € Porto.

Aus dem Klappentext: "An einem frühen Morgen, als der Tag eine Handbreit über dem Horizont steht, begegnet Nika Regenwein, von der alle sagen, sie sei nichts Besonderes, Filli, dem Fink. Er gehört zum uralten Vogelvolk der Huhlis, das die Gedanken der Menschen aller Zeiten sammelt, denn Gedanken sind kostbar. Die Vögel ernennen Nika zum Huhli, und sie darf Menschen, die nicht weiterwissen, helfende Gedanken schicken. Aber als Nika die Huhlis versehentlich verrät, müssen sie sich von ihr trennen. Ihr bleibt jedoch das tröstliche Wissen, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist, auch sie, Nika Regenwein."

Aus der Rezension im "Eselsohr": "Das Gedankenland mit seinen Verwaltern, den weißen Vögeln, wird nicht zur himmlischen, übermenschlichen Zone, sondern humorvolles Abbild alltäglicher Unvollkommenheiten, an der letztendlich unsere Gedanken den größten Anteil haben."

Hier eine Leseprobe. Eine weitere auf meiner Homepage www.margrit-irgang.de oder hier.


Bitte E-Mail an mich schicken (siehe Impressum).

Samstag, 24. Mai 2014

Die Klause der Eremitin


Hier möchte ich leben. In dieser Stille, diesem Alleinsein (wieder kein Mensch da, wie gut!). Der sattwarme Nachmittag, der Bergwind, die vor mir ins Tal rollenden Wiesen. Die Pfingstrosen sind hier noch Knospen; alles blüht später auf, ist dann aber, wenn es endlich blüht, kraftvoller, farbiger, größer. Ein kinderhandgroßer Schmetterling taumelt vorbei. Irgendwo auf den endlosen Wiesen muss eine Schafherde sein, ein sanftes Mäh klingt herauf. Vielleicht sind Lämmchen dabei. Will ich denn nicht die Lämmchen sehen? Ja. Nein. Ich bleibe sitzen, mit dem Rücken an der warmen Hausmauer. Meine Eremitage, die Kapelle, die kaum jemand kennt. Der Ort, an dem mein Geist zu Hause ist, weil er hier ungestört bei sich sein darf. Der Ort, den mein Geist aufsucht, wenn es unten im Tal in meinem alltäglichen Leben zu mühsam wird, zu laut, zu unruhig. Dann schließe ich die Augen und sitze hier oben, in der Gesellschaft der Schmetterlinge und Hummeln, und von fern klingt ein sanftes Mäh herauf.

Warum gibt es eigentlich so wenige Eremitinnen? So wenige Frauen, die das Alleinsein suchen und die Stille preisen. Die Eremitinnen, die ich mir vorstelle, wären Einsiedlerinnen ohne Religion; ihr Gebet brauchte keinen Adressaten, weil es eine Lebenshaltung wäre: Das Feiern des Augenblicks und dessen, was er schenkt (Pfingstrosen! Hummeln! Finken!).

Jetzt höre ich sie wieder, diese summende, flüsternde Stille, die sich erst entfaltet, wenn die Natur ganz bei sich ist. Ich störe sie nicht; ich bin nur eine Eremitin auf der Bank an der Hauswand, in ein Gebet versunken, das niemandem gilt.

Dienstag, 20. Mai 2014

Begegnung mit Professor Hans-Peter Dürr, + 18.5.2014

Copyright: Leifiman at Wikipedia

Ich traf ihn an einem Hochsommertag im Münchner Werner-Heisenberg-Institut, wo ich ihn für ein SWR-Feature zum Thema "Zukunft" befragte; ein mutiges Unternehmen meinerseits, habe ich doch keine Ahnung von Quantenphysik. Aber er hatte so wunderbare Aussagen gemacht in seinen Büchern und Vorträgen wie "Wir erleben ja mehr, als wir begreifen" und "Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen", dass ich dachte: Dieser Physiker spricht meine Sprache, den könnte ich verstehen.

Ja, er hatte Hoffnung für die Zukunft des Menschen, "auch wenn es in uns angelegt ist, dass wir alles zugrunde richten". Seine Aussagen über die Quantenphysik klangen für mich geradezu buddhistisch: "Gegenwart ist das, was wartet, das ist statisch. Es gibt keine Gegenwart. Es gibt nur den Augenblick oder den Moment. Der Augenblick ist das, was zwischen zwei Augenöffnungen passiert." Und: "Die Wirklichkeit wird in jedem Augenblick neu gemacht, aber auf der Grundlage dessen, was schon da ist."

Ich fragte ihn unter anderem, ob im Weltbild der Quantenphysik auch Platz für einen Gott sei. Seine Ausführungen dazu fand ich faszinierend; hier kann ich nur sein Fazit wiedergeben: "Gottvertrauen ist nichts anderes, als dass wir Teilhabende sind am Ganzen." Seine Begründung dafür und die für mich erstaunlichen Gemeinsamkeiten zwischen Quantenphysik und Buddhismus habe ich in meinem Buch "Leuchtende Stille" (Herder Verlag) ausführlich beschrieben.

Professor Dürr war ein streitbarer und engagierter Mensch. Ende der 1970er Jahre sprach er, der selbst bei Edward Teller, dem Miterfinder der Wasserstoffbombe, promoviert hatte, sich öffentlich scharf gegen die Nutzung der Kernkraft aus. Er war Träger des Alternativen Nobelpreises, ein großer und weiter Geist, ein scharfer Denker und ein liebenswürdiger Mensch, der ohne zu zögern mir drei Stunden seiner Zeit widmete. Mir wird diese Begegnung unvergesslich bleiben. Als wir schon in der Tür standen, sagte er: "Wir Männer wurden ja immer als das Ebenbild Gottes dargestellt. Aber dass die Männer nur Dinge von oben runterstürzen und die Frauen sollen es dann wieder nach oben bringen, das sehe ich überhaupt nicht ein."

Professor Hans-Peter Dürr ist am Sonntag, 18. Mai, in München gestorben.

Montag, 19. Mai 2014

Der philosophische Kater über: Muße


Von dem schönen Zustand der Muße verstehen nur noch wir Katzen etwas. Sie hat hier gerade an der Wand einen Spruch aufgehängt: „Tut das Nichttun. Beschäftigt euch mit Nichtbeschäftigung. Lao-Tse“ Zur Erinnerung, hat sie entschuldigend gesagt. Und ist weiter herumgewirbelt, weil sie, sagt sie, noch so viel erledigen muss.

Was haben die Menschen nur aus dem schönen Wort „müssen“ gemacht! Anstrengung und Hektik. Wenn sie was tun müssen, heißt das, sie wollen es nicht tun. Aber (sagt sie, die sogar Bücher über so was schreibt), Muße sei von der Herkunft her verwandt mit dem Wort müssen, und das bedeutete früher mal „sich etwas zugemessen haben. Zeit, Raum, Gelegenheit haben, um etwas tun zu können“.

Ich messe mir mit Genuss die Tätigkeiten zu, die ich liebe, vor allem das lange müßige Ruhen. Bevorzugt auf weichen Polstern (das rote unter mir sieht man gerade nicht), mit halbgeschlossenen Augen, die sich ganz schnell schließen, wenn das, was mein Blickfeld kreuzt, mir nicht gefällt. Ich lade die Weltereignisse ein, mich zu besuchen; wenn sie nicht kommen, sind sie selber schuld. Und wenn das Ereignis nicht gerade eine Maus ist, darf es auch schnell wieder gehen. Wozu der Welt hinterherlaufen? Beschäftigt euch mit Nichtbeschäftigung, sage ich. Dieser alte Chinese muss eine Katze gehabt haben.