Samstag, 11. Oktober 2014

Die Stille stirbt nicht.


O Mosteiro de Santa Maria de Alcobaca, eines der großen Klöster im Herzen von Portugal, in der tiefen Ruhe eines heißen Spätsommertags. Ich sitze in der Zeitlosigkeit. Vor Jahrhunderten haben die Zisterzienser diesen Ort mit Stille aufgeladen, und die Stille hat überlebt, weil die Stille stärker ist als jeder Lärm, der nichts ist als ein Ausdruck unserer inneren Unruhe. Sobald wir zur Ruhe kommen, entfaltet sie sich: Die Stille, die der Urgrund des Seins ist, immer da, geduldig darauf wartend, dass wir sie endlich wahrnehmen. Die Stille, die uns trägt, weil wir die Stille sind.

Ein einziger winziger Vogel singt für mich und den claustro do sîlêncio an diesem Nachmittag. Die Mönche sind nicht gestorben, weil die Stille nicht sterben kann. Ich sehe ihre weißen Kutten durch die Schatten des Kreuzgangs wehen; die Mönche gehen sanft und lautlos, fast auf Zehenspitzen, damit wir, die Lebenden, nicht erschrecken vor so viel Stille und Zeitlosigkeit.

So werden auch wir einst behutsam und leise auftreten, damit jene, die wir jetzt lieben und auch dann noch lieben werden, nicht erschrecken. Denn auch wir werden nie gestorben sein, weil wir die Stille sind, die nicht stirbt.

Ich kann es sehen, hier, an diesem heißen Spätsommertag tief im Herzen des alten Portugal.

(Die Fotos zeigen die Klöster Alcobaca, Batalha und Mosteiro dos Jerónimos in Lissabon)
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