Posts mit dem Label Zen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 12. Juli 2026

Zweck-Freiheit


 

Was für ein großartiger Beitrag von Gert Scobel! Aber ich warne euch: Was er zu sagen hat, könnte eure Überzeugungen auf den Kopf stellen. Wollt ihr wirklich hören, dass eure gesamte Sicht auf die Welt fundamental falsch ist, weil vom Ego gesteuert? Und dass das Universum keinen Sinn hat, sondern in unendlicher Freiheit spielt und tanzt?

Wir haben, sagt er, seit Aristoteles unsere Gesellschaft auf dem Zweckdenken aufgebaut. Alles muss "für etwas" sein. Wenn du also zum Beispiel etwas lernst, muss es "für" deinen späteren Beruf oder wenigstens für irgendeinen Bereich deines Lebens nützlich sein. Wenn du spazieren gehst, muss das deiner Gesundheit dienen. Undsoweiter. Das Zweckdenken aber hat uns in die Situation gebracht, in der wir jetzt sind: Wir entscheiden nach dem Nützlichkeitsprinzip und verwandeln alles Lebendige in eine Ressource. 

Nach Spinoza hat die Natur keinen Zweck, sie ist einfach grenzenlos kreativ, spielt und tanzt. Auch wir sind Teil der Natur. Wie weit haben wir uns also von ihr entfernt?

Scobel zitiert aus dem Buch "Wozu" des Philosophen Michael Hampe, der sich mit diesem unseligen Zweckdenken befasst hat und zu dem Schluss kommt, dass alles, was existiert, nur Muster sind, die sich ständig verändern: "Die Erleichterung, die eintritt, wenn alle Zwecke verschwinden, ist eine völlig andere als die, wenn alle Zwecke endlich erreicht sind." 

Im ersten Erwachensmoment am Morgen, bevor "die prächtige Maschinerie des Ichs hochgefahren wird" (herrlich ausgedrückt), befinden wir uns in einem scheinbaren Nichts, einer Leere. Das ist unser Wahres Sein: das reine Bewusstsein.  

Der - jetzt spirituell gesehene - "erwachte Zustand" erkennt, dass das alltägliche Leben mit all seinen Facetten nichts ist als "Muster, die sich ständig verändern". Ein Spiel. Eine Theateraufführung. Und wir alle spielen unsere Rollen darin. 

Diese Theateraufführung findet statt inmitten des Raums der großen Stille, in den das Ego nicht hineinreicht. Im Raum des reinen Bewusstseins. Wir sind so mit unserer Rolle identifiziert, dass wir nicht bemerken, WO unsere Aufführung stattfindet. Aber wir können immer wieder innehalten und uns des Raums gewahrwerden. Scobel zitiert den buddhistischen Mönch Shoukei Matsumoto, der vom "inneren Mönchtum" spricht. "Wir sind in der Welt, aber nicht von der Welt", sagt Matsumoto. Die Schauspielerin ist nicht ihre Rolle.

Das ist natürlich alles nicht neu für Zen-Praktizierende und Buddhisten. Aber wir gelten ja immer noch als exotische und weltfremde Verrückte, und deshalb bin ich glücklich, dass jemand wie Gert Scobel, der ein großes Publikum erreicht, sich nicht scheut, zu sagen, dass wir alle "die Arbeit des Erwachens" leisten müssen. Denn, wie Shoukei Matsumoto sagt: "We stand at a quiet turning point of human history." 

Dennoch aus meiner Sicht eine wichtige Ergänzung.

Das Video zitiert ausschließlich Männer und gibt die männliche Sicht wieder. Diese Männer vergessen zu erwähnen, dass zu einer Erwachens-Erfahrung immer tiefe Freude und Mitgefühl gehören. Ohne sie würde das Zweck-freie und Sinn-lose in den Nihilismus führen. Mit ihnen aber entsteht eine beschützende, wertschätzende Haltung zum Leben. Alles, was zerstörerisch ist, verbietet sich von selbst. Da es nichts mehr zu erreichen gibt (eine Erkenntnis, die zum Erwachen gehört), wird das Leben frei, leicht und verspielt. Wir inszenieren keine Dramen mehr, weder für uns noch für andere. Wir tanzen mit in dem großen Tanz, in dem sich die Muster ständig verändern. Ein Tanz jedoch, der nicht willkürlich ist, sondern im Tiefsten, wie der Buddhismus sagt, "zum Wohle aller Wesen" getanzt wird. 

Es kann sein, dass bei euch das Video nicht angezeigt wird. Dann findet ihr es hier auf youtube (klick). 

Ich empfehle euch auch den Essay von Shoukei Matsumoto "Beyond Utility and the Return to 'Just Living'", ihr findet ihn hier (klick). 

"Und tschüss", wie Gert Scobel immer sagt. Ich verabschiede mich in eine kleine Sommerpause. In der ich ja vielleicht euch beim Retreat in Hohenau begegne?

**

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).

 

Dienstag, 24. März 2026

Liebe Schwester auf dem spirituellen Weg ...

 


 

Als die Epstein Files veröffentlicht wurden, entdeckte man eine intensive Korrespondenz zwischen dem damals bereits als Sexualstraftäter verurteilten Epstein und dem bekannten Meditationslehrer und Arzt Deepak Chopra. Jetzt diskutiert die weltweite spirituelle Szene aufgeregt, was Sätze wie "God is a concept, girls are real" und die Einladung an Epstein zu einem Besuch in Israel mit dem Zusatz "bring your girls" (und andere, drastischere Bemerkungen) zu bedeuten haben. Ich diskutiere nicht mit, denn ich habe vor vielen Jahren ein Video mit Chopra gesehen und wusste, dass ich ihm als Mann und deshalb als Lehrer nicht über den Weg trauen würde. 

Liebe Schwester auf dem spirituellen Weg, ich möchte dir sagen: Laufe keinen Gurus hinterher. Du hast alles, was du brauchst, um ein erwachtes, freudiges, liebevolles Leben zu führen. Du findest es in dir selbst.

Das hat dir aber nie jemand gesagt. Und gerade die Gurus werden das nicht tun, denn es würde ihr Geschäft verderben. Und so gehst du auf die Suche nach jemandem, der dir das geben kann, was du ersehnst. Und dann ist da so ein faszinierender, berühmter Mann, der interessante Dinge sagt (doch, die Gedanken sind meistens klug, lass dich ruhig inspirieren), und der lädt dich ein, seinem Tempel oder seiner Gruppe oder weltweiten Bewegung beizutreten, dich ganz persönlich, als spezielle Auszeichnung, und du fühlst dich geehrt, gesehen, gewürdigt. Und irgendwann kommt eine noch persönlichere Einladung, nur an dich. Und im Grunde ahnst du es: Dies ist der Moment, der mein Leben entscheiden wird. Ja oder nein. 

Aber die Gefahr ist groß, dass nicht du - die junge, kluge, sensible Frau auf dem spirituellen Weg - die Entscheidung trifft, sondern etwas in dir, das du noch nicht bemerkt und begriffen hast: die tiefe Sehnsucht nach dem Gesehenwerden, dem Umarmtwerden, dem Geliebtwerden. Hier scheint die Erfüllung dieser Sehnsucht zum Greifen nah zu sein.

Wir alle sind so bedürftig. Auch die wunderbarsten Eltern und die liebevollsten Partner können diese Bedürftigkeit nicht stillen. Sie kommt aus einer anderen Ebene des Seins und muss auf dieser beantwortet werden. 

Spirituelle Arbeit heißt vor allem und über lange Zeit, sich selbst und seine Regungen und Wünsche vollkommen kennenzulernen. In einer guten Meditations-Schulung gehen wir tief in die Schmerzen hinein, die wir vor uns immer versteckt haben. Wir lassen diese Schmerzen zu und halten sie aus, und dann geschieht etwas. Wir stellen fest, dass sie gar keine feste, unveränderliche Masse sind, wie ein Stein, den wir mit uns herumschleppen müssen. Nein, sie sind organisch, beweglich, verflüssigen sich geradezu, und plötzlich bemerken wir: Sie haben sich aufgelöst. Jetzt öffnet sich etwas in uns und lässt uns eine Weite und Tiefe spüren, die wir nie zuvor bemerkt haben. Und in dieser Tiefe finden wir das, was wir so lange auf der persönlichen Ebene gesucht haben. Etwas Warmes, Liebevolles, etwas, das uns wiegt und trägt. Und weil wir von anderen nichts mehr bekommen wollen, fühlen sie sich von uns angezogen. Menschen, die in sich ruhen, sind unwiderstehlich. 

Das ist es, was die Gurus dir verschweigen, liebe Schwester: Sie können dir nichts geben, denn das, was du suchst, ist auf der relativen Ebene des Seins und in persönlichen Beziehungen nicht zu finden. Und es wäre gerade die Aufgabe des spirituellen Lehrers und der Lehrerin, dich dabei zu unterstützen, diese Tiefe in dir zu finden. Der Wunsch guter Lehrerinnen und Lehrer ist es, sich überflüssig zu machen.

Die meisten Gurus tragen klangvolle Titel. Sind in ihrer Schule oder ihrem Tempel anerkannte Meister, und es ist durchaus möglich, dass sie tiefe Erwachens-Erfahrungen gemacht haben. Aber wenn sie es versäumt haben, die innere Arbeit - sich kennenlernen, sich unablässig weiter beobachten - fortzuführen (oder sogar erst mal anzufangen), weil sie doch so unglaublich erleuchtet sind, dann wird es gefährlich für ihre Schüler. Und vor allem ihre Schülerinnen. 

Ich war Mitte dreißig, als ein bekannter Zen-Meister aus Japan in München zu Besuch war. Mein damaliger Lehrer lud ihn zu einem zazen-kai in unsere Zen-Gruppe ein. Der Mann hatte eine beeindruckende Leibesfülle und gewaltige Stimme. So hatte ich mir immer einen Zen-Meister vorgestellt. Aber die gierigen Blicke, mit denen er mich abtastete, passten nicht in meine Vorstellung. Unser Lehrer dankte dem Meister und wollte gerade die Glocke läuten, da beugte sich der Mann vor und zwinkerte mir zu: "Du und ich - Hofbräuhaus?" 

Entscheidender Moment. Und wenn du, liebe Schwester, jetzt ein paar Atemzüge innehältst und in deinen Körper hineinspürst, wirst du wissen, was du tun musst. Du wirst das leise Ziehen im Solarplexus spüren oder ein Zusammenziehen des Magens. Vielleicht krampft sich dein Bauch zusammen, ballt sich unbewusst eine Faust, wird dein Atem flach. Dein Körper weiß die Antwort, immer. Du musst ihm nur zuhören und gehorchen.

Ich habe mich damals nicht einmal von dem Mann verabschiedet.  

Liebe Freundin, höre auf deine Intuition. Sie leitet dich auf deinem Weg. Es wird ein guter Weg sein. 

**

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).  

 

Samstag, 28. Februar 2026

Thich Nhat Hanh über Krieg

 

 

Ich hatte einen hübschen Beitrag vorbereitet. Aber dann sah ich vorhin in der Online-Zeitung die Rauchsäulen der Bomben über Teheran und Tel Aviv und fand etwas Hübsches nicht mehr angemessen. Ich spürte eine tiefe Müdigkeit in mir. Was würde Thich Nhat Hanh, lebte er noch, zu diesem erneuten Krieg sagen?

"Wir halten Frieden oft für die Abwesenheit von Krieg und glauben, wenn die mächtigen Staaten der Welt ihre Kriegswaffen abschaffen würden, hätten wir Frieden. Aber wenn wir genau hinschauen, sehen wir in den Waffen unseren eigenen Geist - unsere Vorurteile, Ängste und unsere Ignoranz. Selbst wenn wir alle Bomben auf den Mond schicken würden, wären die Wurzeln der Bomben und des Krieges noch hier, in unseren Herzen und in unserem Geist, und früher oder später würden wir neue Bomben herstellen. Für den Frieden zu arbeiten heißt, die Wurzeln des Krieges in uns und in den Herzen der Menschen auszureißen. Kriege werden vorbereitet, wenn Millionen Männer und Frauen Tag und Nacht in ihren Herzen töten. So werden Millionen Samen der Gewalt, der Wut, Frustration und Angst gesät, die an viele zukünftige Generationen weitergereicht werden."

"Ja, der Krieg ist hier, und wenn wir uns umschauen, erkennen wir seine vielen Gesichter: Religiöse Intoleranz, Hass auf Ethnien und Rassen, Kindesmissbrauch, die Ausbeutung der Ressourcen unserer Erde. Aber wir wissen auch, dass die Samen von Frieden, Verständnis und Liebe da sind und wachsen werden, wenn wir sie kultivieren."

(Thich Nhat Hanh, aus "Living Buddha, Living Christ" und "Creating True Peace". Übersetzung Margrit Irgang) 

Wer das Video nicht angezeigt bekommt, findet es hier (klick). 

 **

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).

 

Mittwoch, 3. September 2025

Zu Gast im Podcast "Let's Talk Why"

"Symbolbild": Diesmal saß ich nicht im Studio, aber das Equipment war ähnlich aufwendig.


Vor einem Jahr waren die Hosts des Podcasts "Let's Talk Why" - Alessandro Limentani und Christoph Engel - bei mir in Freiburg und haben mich zu meinem Schreiben und dem Zen befragt. Es war ein extrem heißer Augusttag in meiner Dachwohnung; nicht die erfrischendsten Bedingungen also. Ich bin ja keine Plauderin, und Schweigen ist meine liebste Daseinsform, aber dann habe ich doch mehr als eine Stunde lang so allerlei gesagt.

Vielleicht magst Du es Dir anhören? Es gibt vorher zwanzig Minuten eine Art Warm Up unter dem Titel "Behind the Mic", in dem wir uns in das Gespräch hineintasten. Auf youtube findest Du diesen Teil des Podcasts hier (klick).    Auf Spotify hier (klick).




Das Video führt Dich zu dem Gespräch selbst auf youtube. "Zwischen Sprache und Schweigen" haben es die beiden Hosts genannt. Für alle, bei denen die youtube-Videos nicht angezeigt werden: hier entlang (klick). Und auf Spotify findest Du das Gespräch hier (klick).

Ich hoffe, es macht Dir Spaß, uns zuzuhören. 

**

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).

Dienstag, 5. November 2024

Zen und die Lust, Ordnung zu schaffen

 

Vor vierzehn Jahren fragte mich meine SWR-Redakteurin, ob ich mir vorstellen könnte, ein Feature über das Thema "Zen und die Lust, Ordnung zu schaffen" zu machen. Ich konnte und fuhr unter anderem in die Zen-Klausen in der Eifel, um mit den beiden Zen-Lehrerinnen Judith Bossert und Adelheid Meutes-Wilsing über das Thema zu sprechen.

Was ist eigentlich "Ordnung"? Ist sie eine festgelegte Größe, der wir alle zu folgen haben, oder ist sie eine Vorstellung in unserem Geist, der wir glauben, folgen zu müssen? Und was hat Zen mit Ordnung zu tun?

Sowohl Judith als auch Adelheid sind inzwischen gestorben, und es berührt mich, ihre Stimmen in diesem Feature zu hören. Ich sehe uns zusammen in der Küche beim Tee sitzen und denke noch heute manchmal, wenn ich mich auf mein Kissen in meiner bescheidenen Meditations-Ecke setze, an den schönen Zendo, den die beiden in der Eifel erschaffen haben. Die Klausen gibt es noch, schaut sie euch an: hier ist die Website.

Ein paar Jahre nach der Erst-Sendung ist das Feature mehrfach auf youtube aufgetaucht, und wenn ihr Lust habt, hört es euch doch mal an.

Und zwar hier:



Für alle, bei denen das Video nicht angezeigt wird: hier (klick).

**
Wenn Dir/Ihnen dieser Post gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).



Samstag, 9. März 2024

Pinsel-Meditation mit Katze


Ich habe meinen Dharma-Freund Jan-Michael Ehrhardt eingeladen, seine Gedanken zur Tuschemalerei mit uns zu teilen. (Zur Anmerkung: "Chan" ist der chinesische Ausdruck für das, was später in Japan "Zen" genannt wurde. Eine längere Fassung des Beitrags erschien im eiab-Magazin 2023.)
 
Eines Tages stand ich still vor einem Tuschebild eines zeitgenössischen Malers, der in Chan-Art die Mittel aufs Äußerste reduziert. Geriebene schwarze Tusche, mit dem Finger aufgetragen auf weißes Bütten, lässt aus der Leere des Blattgrunds eine angedeutete Landschaft erscheinen, die mich, den Betrachter, wiederum in die Leere führt, heim zu mir selbst. Ich ließ mich ein auf die Spur dieser Tuschemalerei, stand selbstvergessen vor diesem eher kleinformatigen Werk in einer Ausstellung, die alte chinesische Rollbilder in Korrespondenz setzte zu zeitgenössischen Tuschemalereien von westlichen Künstlern, deren Kunst von der ostasiatischen Chan-Malerei inspiriert ist. Dass mich wenig später der Zufall in die Hände eben jenes Künstlers führen sollte, dessen Werk mich derart ergriff, ist eine eigentümliche Fügung. 

Ich habe meinen Shifu (Meister) in der Malerei gefunden, womit sich mir ein neues Dharmator öffnet. Als Xuétú (Lehrling) male ich der Tradition entsprechend fast ausschließlich ein einziges Sujet – ganz im Sinne des Chan reduziert auf schwarze Tusche und wenige spontane Pinselstriche. Mein Sujet ist die Katze. Es könnte auch Landschaft sein, Blumen oder Vögel. Auf das Motiv kommt es nicht so sehr an. Worauf es ankommt, ist die Präsenz, Konzentration, Ausdauer und Kraft (Qi). Die Darstellung muss nicht naturgetreu sein, sie muss wesensgetreu sein, dem Herz-Geist entspringen. Zeugt das Bild vom Kern der Lehre, deutet es auf die Leere? Führt das Bild in die Wesensnatur? Ist der Duktus frei und lebendig? Ist das Bild inspiriert? Das sind entscheidende Fragen. Noch keines meiner bisherigen Arbeiten hält diesem Anspruch zur Genüge stand. Aber es gibt durchaus Augenblicke des Glücks, der Inspiration und des Einsseins. Es ist wie bei jeder Praxisübung: Die Übung selbst ist es, die treu und stetig aufrechterhalten sein will. Dieser gegenwärtige Schritt, dieser gegenwärtige Augenblick ist bereits das, worauf es ankommt. Oder wie Thây sagte: du musst nicht zehn Jahre praktizieren, um ein Buddha zu werden. Jetzt ist der richtige Moment, um ganz da zu sein.

 


Die Bilder spiegeln mir indes wider, wenn ich nicht ganz da bin. Sie zeigen mir, wo ich mich von Absicht leiten lasse, wo ich unaufmerksam bin. Bin ich kraftlos oder müde, so sind auch meine gemalten Katzen kraftlos. Ich merke es oft beim ersten Pinselstrich, wenn ich unkonzentriert, unachtsam, zerstreut bin. Die Tusche lügt nicht. Meine Gedanken hingegen können mich leicht überlisten, mir Dinge einreden und glauben machen. Wird mein Geisteszustand aber auf dem Papier sichtbar, dann kann ich dem Spiegel nicht länger ausweichen. So ist das Malen bei weitem nicht nur Spaß, sondern auch ein zuweilen mühsamer Weg – und je mehr ich sehen lerne, desto unverblümter zeigt mir der Spiegel mein wahres Gesicht. Es gibt Durststrecken und Enttäuschungen, Frustration und Scheitern. In diesen Dingen unterscheidet sich der Weg der Chan-Malerei in nichts von jedem anderen tiefen Praxisweg.

Jan lebt in der Gemeinschaft Friedenshof, wo er auch Malkurse und Meditation anbietet hier (klick).