"Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin." Nora Gomringer trauert über ihre Mutter, die so vieles war: Literaturwissenschaftlerin, leidenschaftliche Leserin, aber auch die Frau des ständig untreuen prominenten Dichters Eugen Gomringer. Der Mann betrachtet sie als sein Eigentum, bestraft Frau und Tochter mit wochenlangem Schweigen und verschwindet immer wieder mit diversen Geliebten. Das kostet Kraft. "Ich fand sie zweimal mit geöffneten Pulsadern und stand zweimal verlassen im Türeingang, als sie weggefahren wurde, nachdem ich zweimal den Notarzt gerufen hatte." Die depressive Mutter verbringt Monate in Kliniken, in denen sie zwischen den Therapien an ihrer Dissertation arbeitet, während die Teenager-Tochter alleine in der Wohnung lebt. Wenn es gerade gut läuft mit dem schwierigen Mann, ist Nortrud Gomringer eine strahlende Erscheinung, und die Tochter hat Mühe, von dem Paar nicht vergessen zu werden. Als sie vierundzwanzig ist, erfährt sie von zwei älteren Halbbrüdern in der Schweiz (vier offizielle gibt es schon) und fragt sich, ob die Mutter von den Kindern weiß.
Nora Gomringer trauert um die Mutter mit einer Gefühlskraft, die sie selbst an den Rand bringt: "Ich sehe nun nichts mehr ohne den Eindruck des Todes. Als wäre er ein Gerichtsvollzieher und hätte seinen Kuckuck-Aufkleber auf allem. Und jedem. Ich sehe diese Vögel. Überall." Und doch ist dies kein trauriges Buch, im Gegenteil. Nora Gomringers Sprache ist voller Humor und hinreißender Sprachspiele, lebendig und eigensinnig. Eines kluges, zutiefst ehrliches Buch und ein großes Lese-Vergnügen.
Nora Gomringer "Am Meerschwein übt das Kind den Tod", Volandt & Quist, 22 EUR
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"Dein Tod war ebenso plötzlich wie tausendfach angekündigt. Du hast dich aus dem Fenster des Dienstmädchenzimmers in der vierten Etage gestürzt." Die Journalistin Pascale Hugues ist sechsundfünfzig, als sie sich schreibend ihrer Mutter zu nähern versucht, die sich im selben Alter das Leben nahm. Über die Krankheit der Mutter - sie war bipolar - wurde in der Familie schamhaft geschwiegen. Pascale und ihr Bruder verstanden nicht, warum die Mutter immer wieder plötzlich verschwunden war und durch die Großmutter ersetzt wurde. Aber alles Verschwiegene arbeitet im Untergrund eines familiären Gefüges weiter, und Pascale Hugues macht mit diesem Buch den Versuch, etwas Versäumtes nachzuholen: die Mutter zu verstehen und sie zu würdigen. Sie liest Tagebücher und Briefe, spricht mit Verwandten. Das Bild einer klugen, wissbegierigen Frau entsteht, die sich aus der Enge der ihr in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts zugewiesenen Rolle als Ehefrau und Mutter zu befreien versuchte, was ihr nie gelang. Es war auch die Zeit, in der psychische Erkrankung als persönliches Versagen galt, und der Vater von Yvette Hugues befiehlt ihr nach ihrem ersten Suizidversuch, "mit dem Blödsinn aufzuhören".
Pascale Hugues hat für ihre Spurensuche einen eigenen Ton gefunden. Ziemlich viel Wut darauf, alleingelassen worden zu sein, einiges an Skepsis, leiser Spott, viel Verständnis und zwischen den Zeilen Sehnsucht und große Zärtlichkeit für ein Schicksal, das auch in ihrem Leben Spuren hinterlassen hat.
Pascale Hugues "So voller Leben", aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Rowohlt Verlag, 23 EUR
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"Du, mein Gesprächspartner. Du. Mein Du. Ich war dein Du. Ich und du. Du und ich. Und jetzt Schweigen. Ich bemühe mich mit aller Kraft, es zu akzeptieren. Ohne dich zu sein." Nach dem Tod ihres Mannes, des Schriftstellers Paul Auster, schreibt Siri Hustvedt ihre Erinnerungen an ihn auf. Es entsteht eine Art Tagebuch aus Briefen von Siri, Briefen von Paul an seinen vier Monate alten Enkel, E-Mails, Gesprächen, Erinnerungssplittern und vielen medizinischen und neurologischen Details, was bei der wissenschaftsinteressierten Autorin nicht überrascht. Sie verschweigt auch die Schwierigkeiten nicht: Pauls drogenabhängiger Sohn war für den Tod seiner kleinen Tochter verantwortlich und starb an einer Überdosis. Paul Auster bewunderte die Arbeit seiner Frau und sagte zwei Tage vor seinem Tod zu ihr: "Schreib weiter, lass dich nicht von meinem Tod aufhalten". Dies ist ein fast intimer Text, aber gerade weil er so unmittelbar und gleichzeitig ohne Larmoyanz den Schmerz zeigt, den der Verlust eines Lebenspartners auslöst, dürfte er bei vielen Menschen Resonanz finden.
Siri Hustvedt "Ghost Stories", aus dem Englischen von Grete Osterwald und Uli Aumüller, Rowohlt Verlag, 25 EUR
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"Je größer die Liebe, desto größer die Qual. Unsere Liebe war sehr groß gewesen, der Schmerz entsprach ihr." Kurz nach der Hochzeit erfährt Treya Wilber, dass sie Brustkrebs hat. Sie und Ken sind bereit, den Kampf gegen die Krankheit aufzunehmen. Ken Wilber beschreibt ihre Odyssee durch das konventionelle amerikanische Medizin-System, das mit seiner scharfen Chemo-Therapie Treya nur versehrter zurücklässt. Aber auch die abenteuerliche alternative Behandlung schlägt nicht an. Die beiden sind in einer Grenzsituation, die sie auch als Paar fordert, und Ken greift zum Alkohol. Er hat übersehen, dass auch der Partner eines Krebskranken leidet und Unterstützung braucht. Erst in einer Paar-Therapie finden sie wieder zueinander. Treyas Tagebücher zeigen, wie sie allmählich nicht nur lernt, die Krankheit anzunehmen, sondern ein spirituelles Erwachen erlebt. Ken ergänzt die Tagebücher mit medizinischen Fakten und buddhistischen Erkenntnissen: "Das Leiden geschieht dem gesonderten Ich nicht, sondern liegt in seiner Natur." (Ein, wie ich finde, wichtiger Satz.) Sehr bewegend sind die letzten Tage von Treya; umgeben von Freunden, verabschiedet sie sich in die große Freiheit. Dieses Buch ist bereits 1991 erschienen, aber für mich ist es nach wie vor eines der schönsten Bücher über Liebe und Tod.
Ken Wilber "Mut und Gnade", aus dem Amerikanischen von Jochen Eggert, S. Fischer Verlag, 18 EUR
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