Donnerstag, 4. Juni 2026

Die Kraft der Stille

 

Die Stille ist ein Mysterium, eine mächtige Kraft. Was passiert, wenn wir uns radikal der Stille aussetzen, an einem Ort, an dem wir uns ihr nicht entziehen können? Ich habe vier Bücher ausgesucht, die davon erzählen. 

Sara Maitland hat Erfahrungen mit dem Alleinsein und der Stille in der Wüste, in Wäldern und in den Bergen gemacht. Süchtig nach Stille geworden, baut sie sich schließlich ein Haus im schottischen Hochland, wo weit und breit kein Nachbar ist: "Genau dieses immense Nichts zieht mich in seinen Bann. Ich betrachte es, und da es wenig zu sehen gibt, kann ich besser sehen. Ich lausche dem Nichts, und seine stillen Melodien und Rhythmen klingen harmonisch." In diesem Haus lebt sie allein mit Hund; die Stille verändert sie radikal, allerdings leugnet sie auch nicht die Gefahr, die darin liegt, wochenlang mit keinem Menschen zu kommunizieren. In der Literatur macht sie sich auf die Suche nach anderen Stillesuchern und findet Weltumsegler, Polarforscher und Mystiker. Für mich ist dies ein wichtiges Buch über das Leben in Stille, weil sich hier eine Frau radikal den gesellschaftlichen Erwartungen an Familienleben und Gemeinschaft verweigert und sich völlig autonom ihre eigene Einsiedelei erschaffen hat. 

Sara Maitland "Das Buch der Stille", aus dem Englischen von Karin Petersen, edition steinrich, 24,90 EUR. 

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Pico Iyer ist Journalist, Buchautor und einer meiner Lieblings-Schriftsteller. Als vor dreißig Jahren sein Elternhaus bei einem der großen kalifornischen Feuer abgebrannt war, flüchtete er sich in das Kloster der Kamaldulenser in Big Sur. Für den in Japan lebenden Weltreisenden eine radikal lebensverändernde Erfahrung, und seitdem kehrt er jedes Jahr zurück. Dieses Buch, das es leider nicht auf Deutsch gibt, ist eine poetische Liebeserklärung an diesen Ort der Stille und des Lichts hoch über dem Pazifik. Er lebt in einer Zelle oder im Trailer, unterhält sich mit Gästen und den Mönchen und weiß wieder, was wirklich wichtig ist und in seinem hektischen Alltag keinen Platz hat. "I'm so determined to make the most of every moment; here, simply watching a box of light above the bed, I'm ready at last to let every moment make the most of me." Beim Lesen bekomme ich Sehnsucht nach Big Sur, der für mich schönsten Gegend der USA, wo im Frühjahr Tausende Wale die Küste hoch nach Alaska ziehen. Ich habe das New Camaldoli Hermitage auch gleich gegoogelt und musste allerdings lächeln. Iyer schwärmt von der auch äußeren Einfachheit des Lebens dort, aber wer je in Plum Village war, findet Einzelzimmer mit Bad doch sehr luxuriös.

Pico Iyer "Learning from Silence", Penguin Paperback, 12,60 EUR. Pico Iyer bei Buch7 bestellen hier (klick). 

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Eines der wenigen auf Deutsch übersetzten Bücher von Pico Iyer basiert auf dem TED-Talk, den er 2014 gegeben hat. Er denkt über den Begriff des "Nichts" nach - was ist das, und warum brauchen wir es so sehr inmitten unseres vollgestopften Lebens? Er trifft den buddhistischen Mönch Matthieu Ricard, der ihm erzählt, dass für ihn, den Vielreisenden, jeder Transatlantik-Flug ein "Retreat im Himmel" sei. Und er besucht seinen Freund Leonard Cohen im Mount Baldy Zen Center, in dem dieser, solange er lebte, jedes Jahr einige Zeit verbrachte. Sein Zen-Name war Jikan: "die Stille zwischen zwei Worten" - ein bemerkenswerter Name für einen Musiker und Poet. Das stille Sitzen, erklärt Cohen ihm, ist das Einzige, was je so etwas wie Glücksgefühle in ihm ausgelöst hat: Es sei eine Möglichkeit, sich in die Welt und alles darin zu verlieben. "Die Kunst des Innehaltens" ist farbig und voll lustvoll erzählter Einzelheiten. Dies ist ein schmales und reiches Buch, auf das Wesentliche reduziert. Es könnte auf einem Nachttisch liegen, wo es jemand, der/die zu müde ist, ein Buch zu lesen, aufschlägt, um einen einzelnen Gedanken mit in die Nacht zu nehmen.

Pico Iyer "Die Kunst des Innehaltens", übersetzt von Irmengard Gabler, S. Fischer Verlag, 9,99 EUR. Pico Iyer "Die Kunst des Innehaltens" bei Buch7 bestellen hier (klick).

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Patrick Leigh Fermor wanderte, um dem Armeedienst zu entgehen, als Achtzehnjähriger nach Konstantinopel, arbeitete später als britischer Agent auf Kreta, und als der Krieg zu Ende war, fühlte er sich von diesem Abenteuer-Leben verständlicherweise ausgelaugt und hatte die Idee, sich in das Kloster St. Wandrille de Fontanelle zurückzuziehen. Er hatte keine spirituellen Interessen, vielmehr wollte er ein Buch schreiben. Aber die Stille tat ihr Werk: Nach Tagen der Rastlosigkeit ("Der Wunsch nach Unterhaltung, Bewegung und hektischen Gesten fand an diesem Ort der Stille keine Antwort") verfiel er in bleiernen Schlaf. Aus diesem aufgetaucht, hatte er das Gefühl, zu sich selbst zurückgekehrt zu sein: "Nach einer Weile erreicht man einen in der Welt dort draußen unvorstellbaren Zustand inneren Friedens". Er wird noch weitere Klöster in Frankreich und Griechenland besuchen, und sein Interesse gilt vielleicht mehr der Geschichte dieser Orte und der Mönchsorden an sich, aber es ist vergnüglich zu sehen, wie die Stille diesen umtriebigen Mann immer wieder in ihr Netz lockt. 

Patrick Leigh Fermor "Eine Zeit der Stille", aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Kampa Pocket, 13 EUR. Patrick Leigh Fermor bei Buch 7 bestellen hier (klick).

Und jetzt viel Freude beim Lesen!

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