Manchmal ist es gut, sich über die Welt der Nachrichten zu erheben,
um den Weitblick wiederzufinden.
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Bei mir gibt es keine "Black Week". Ich habe nichts zu verkaufen, es gibt keine Sonderangebote und deshalb auch nichts zu sparen, denn alles hier ist kostenlos.
Bei mir gibt es die "Yellow Week". Gelb ist die Farbe des Lichts, das wir gerade jetzt dringend brauchen - in der Novemberdüsternis, in der Gesellschaft, in der Politik, in uns selbst.
Gelb ist die Farbe des Löwenzahns. Gelb ist auch die Farbe des Podcast "Let's Talk Why", für den ich meine Geschichte "Überblick" gelesen habe. Sie ist in meinem kleinen Foto-Geschichten-Band "secret moments" enthalten und dauert 2 Minuten. Eine Geschichte, in der nicht schwarz gesehen wird. Sondern ein wenig Licht strahlt, in einer kleinen Spalte im Gestein.
Wer die Videos nicht angezeigt bekommt, klickt hier: https://www.youtube.com/watch?v=ULtwYsQ67ZQ
Wie gesagt: Niemand muss dafür was zahlen. Aber jede/r darf! 😊
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Es ist Abend, der Tag erwacht.
Es war, als hätte er seit dem Morgen den Atem angehalten. Ermattet ließ er sich von den Stunden durchziehen und schenkte uns keinen Hauch.
Jetzt atmet er aus.
Kleine vielbeinige Wesen erwachen im Gras. Ein Fisch springt aus dem Wasser. Etwas gestreift Geflügeltes summt, etwas samtig Dunkelbraunes brummt.
Am Ufersaum steht unbeweglich eine Taube, die roten Füße im Wasser. Sie bückt sich und trinkt. Blickt sich um. Trinkt. Sie hat die Oase gefunden, spät am Tag, aber rechtzeitig vor dem Schlafengehen. Endlich herrlich kühle Füße. Hier wird sie so schnell nicht weggehen. Sie blickt. Sie trinkt.
Die Libellen üben Tiefflüge.
In den Bäumen erwachen die Wesen der Nacht. Ein Ruf weht über das Tal, als blase jemand in ein Holzrohr, das keine Klanglöcher hat. Ein trockener, hohler Ton ohne Nachschwingen. Von der anderen Seite des Tales kommt die Antwort. Trocken, hohl.
All dies Rufen, Brummen und Summen ist die Stimme der Stille in den Dingen der Natur. Wenn sie ganz bei sich sind, am Abend und frühen Morgen, kann man sie hören, wenn man im Schweigen geübt ist.
Die Erde rollt sich in eine weitere heiße Nacht.
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An einer Haltestelle hat was zu halten. Ein Bus, ein Taxi, ein Freund, den wir gerufen haben, weil der Bus voll besetzt vorbeigefahren ist. Auf das, was da halten wird, warten wir. Ungeduldig. Wann kommt er denn? Wann denn endlich? (Schon zwei Minuten überfällig!)
Weg, bloß weg. Das ist ja der Charakter des Wartens: Wir sind an einem Ort, an dem wir eigentlich nicht sein wollen. Wir haben hier nichts verloren und suchen auch nichts. Dieser Ort ist eine unangenehme Zwischenstation zu unserem Ziel, das irgendwo dort hinten, dort drüben, dort oben liegt: im Später, im Anderswo.
Der Nahverkehr ist auch nicht mehr das, was er mal war. Die sollen endlich wieder fähige Logistiker einstellen, die für durchgehende Verbindungen sorgen. Wo sind diese Leute abgeblieben? Nach Corona ins Home Office verschwunden, wie das Gastro-Personal? Wahrscheinlich ist der Busfahrer schuld. Plaudert mit allen, die bar ihr Ticket bezahlen, und überhaupt, diese Barzahler! Senioren natürlich. Die sollen zu Hause bleiben, wenn sie mit der Fairtiq App nicht klarkommen.
Was ist das für ein Ort, an dem unsere Erwartungen an den örtlichen Nahverkehr wieder einmal und erwartungsgemäß enttäuscht werden? Wir haben keine Ahnung. Er interessiert uns nicht, wir haben ihn uns nicht ausgesucht. Ist er hübsch, hässlich, bunt, fröhlich, langweilig? Wir schauen auf die Uhr. (Schon drei Minuten überfällig!)
Man kann sich auf allerlei sinnbefreite Art die Zeit an einem Wartehäuschen vertreiben.
Meine Lieblings-Haltestelle liegt auf 900 m in der Bergwiese. Ich war ziemlich außer Atem, als ich sie erreichte. Im weiteren Verlauf verengt sich der Höhenweg zu einem steinigen Pfad, den Wanderer nur hintereinander erklimmen können. An dieser Haltestelle hält kein Bus mehr, aber die Wanderin hält an, um innezuhalten. Hier zeigt das Thema Warten eine neue Facette. Es erweist sich als das, was es auch im Tal ist: eine im Grunde überflüssige und kraftzehrende Haltung.
Ich setze mich ins Gras. Da sind Bienen, Käfer, der Klang der Mittagsglocken aus dem Unterdorf. Sogar der Sommer ist da, obwohl er in diesem Jahr so lange auf sich warten ließ. (Zwei Monate überfällig!) Ich packe mein Picknick aus. Ein kleiner Wind fingert am Butterbrotpapier herum. Aah, Kuhglocken! Und irgendwo muss ein Esel sein, oder ist das doch eine Tür, die in rostigen Angeln schwingt?
Während wir warten, verpassen wir die einzige Zeit, die es gibt: diesen Augenblick mit allem, was er um uns herum bereithält. Wir sehen, hören, riechen ihn nicht, uns entgehen seine Farben, seine Formen. Und was uns vor allem entgeht, ist die heitere Leichtigkeit, die uns der Augenblick schenkt, wenn wir ihn nicht mit Erwartungen, Befürchtungen und Hoffnungen ausblenden.
Bienen also, Käfer, Glocken aller Art. Mir fällt wirklich nichts ein, auf das ich hier warten könnte.
Es ist einfach schon alles da.
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Ich habe kürzlich einen Post darüber geschrieben, dass ich immer häufiger sage "Ich weiß es nicht". Leider ist dies keine gute Zeit für das Nicht-Wissen (schrieb ich), denn die Menschen sehnen sich nach Gewissheiten, und die werden auch zuverlässig vom rechten politischen Rand bedient. Wer es nachlesen möchte: hier (klick).
Heute aber preise ich das Nicht-Wissen, diesen wunderbaren Zustand, in dem unser Geist leer ist von allem, was wir gelernt haben, was man uns eingetrichtert hat, was wir auf keinen Fall vergessen wollen, weil man uns gesagt hat, dass wir es nicht vergessen dürfen. Im Zustand des Nicht-Wissens haben wir sogar uns selbst vergessen, unsere Sorgen, unsere Pläne, unsere Grübeleien über die Zukunft (unsere Sehnsucht nach Gewissheiten ...). Fangen wir bescheiden an, üben wir das Nicht-Wissen erst einmal für zehn Minuten. (Zehn Minuten können sehr lang sein. 😉)
Im japanischen Zen gibt es den Ausdruck shoshin. Er bezeichnet den "Geist des Anfängers", der jeden Moment wie zum ersten Mal wahrnimmt, auch wenn der Moment ihm etwas präsentiert, was er scheinbar schon hundert Mal gesehen hat. Das aber ist ein Irrtum. Da alles mit allem verbunden ist und jede Veränderung im Ganzen Veränderungen in jeder Einzelheit verursacht, ist jeder Moment neu, anders, und nur der Geist, der im Nicht-Wissen verweilt, nimmt die feinen Nuancen der Veränderung wahr.
Henry David Thoreau versuchte sich in allerlei Berufen. Er war Lehrer, Landvermesser und kurzzeitig sogar Fabrikant. Nach diesen kurzen Ausflügen in die Welt der Erwerbstätigen zog er sich 1845 in eine selbst gezimmerte Hütte an den Walden Pond in den Wäldern Massachusetts zurück: "Ich zog in die Wälder, weil ich bewusst leben, mich nur mit den wesentlichen Dingen des Lebens auseinandersetzen und zusehen wollte, ob ich das lernen konnte, was es mich zu lehren hatte. Ich wollte nicht auf dem Sterbebett einsehen müssen, dass ich nicht wirklich gelebt hatte." In den folgenden zwei Jahren wanderte er durch die Wälder, lauschte dem Sturm und dem Regen auf dem Dach und schrieb seine Tagebücher, die zu Lebzeiten kein Mensch kaufen wollte und die heute zur Weltliteratur gehören.
Thoreau war ein Meister des Nicht-Wissens: "Erst wenn wir all unser Wissen vergessen, beginnen wir, etwas zu wissen. Wenn du die Farne kennenlernen willst, musst du deine Botanik vergessen. Du musst deine sogenannten Kenntnisse über sie loswerden. Du musst dir bewusst sein, dass kein Ding deiner Vorstellung von ihm entspricht. Dein Zustand muss ein anderer sein als gewöhnlich."
Müssen wir also jahrelang meditieren oder Achtsamkeit praktizieren, um in den seligen Zustand des Nicht-Wissens zu kommen? Nein: Unser Zustand muss ein anderer sein als gewöhnlich. Dieser Zustand ist das Staunen.
Staunen über das, was ich sehe, höre, rieche, schmecke. Ich habe mein Wissen darüber vergessen. Es ist ohnehin ganz neu, denn so hat es noch nie ausgesehen, geklungen, gerochen, geschmeckt. Wenn ich staune, verweile ich im Nicht-Wissen. Ich gebe kein Urteil ab, ich vergleiche nicht, ich belege meine Wahrnehmung nicht einmal mit einem Namen, also einem Etikett. Der Name bezeichnet das, was ich schon kenne. Das hier aber kenne ich nicht.
Staunen ist untrennbar verbunden mit Wertschätzung. Vielleicht stelle ich nach ein paar Sekunden oder Minuten fest, dass mir das, was ich wahrnehme, nicht recht gefällt. Kein Problem, dann gefällt es mir eben nicht. Wertschätzung bezieht sich nicht auf den Wert, den der Moment für mich hat. Sie feiert vielmehr den Moment selbst in seinen zahlreichen Facetten, sie feiert seine Lebendigkeit, die überraschende, erstaunliche Vielfalt des Lebens.
Als ich meinen Salatkopf aus dem Hofladen entblätterte, staunte ich nicht schlecht. Er war bewohnt. Na sowas. Das Leben ist voller Überraschungen.
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Zwanzig Jahre reiste der Fotoreporter Steffen Diemer durch die Krisengebiete der Welt und dokumentierte Krieg und Gewalt für Magazine wie Der Spiegel und National Geographic. Dann wurde vor seinen Augen ein Mensch, der ihm wichtig war, erschossen, und Steffen Diemer zog sich zurück nach Landau in die Pfalz. Bis heute versucht er, Geist und Seele von dem, was er gesehen und erlebt hat, zu heilen, und er tut das so, wie es alle Künstler tun: Er arbeitet in seinem Metier.
Als er nicht mehr wusste, wie es mit der Fotografie für ihn weitergehen sollte, trat eine uralte Technik in sein Leben: das Nassplatten-Kollodium-Verfahren. Eine anspruchsvolle Technik, die volle Konzentration erfordert - und sehr viel Zeit braucht, mitunter pro Arbeit drei Wochen. Denn jedes Motiv will genau gesehen und verstanden werden. Minimalistische Bilder entstehen, und jedes Bild gibt es nur ein Mal: Ein Zweig, eine Blüte, ein Stück Gemüse, zumeist auf schwarzem Glas und oft gerahmt auf antiken Stoffen. Es verwundert nicht, zu hören, dass Diemer fast vier Jahre in Japan gelebt hat.
In diesem berührenden Dokumentarfilm begleiten wir Steffen Diemer durch seine Arbeitstage. Gänge durch die Landschaft, heimkommen mit einem Zweig; warten mit der Uhr in der Hand, um den exakt richtigen Zeitpunkt für das Ende der Belichtung abzupassen. Und wir hören - und sehen - einem Künstler beim Nachdenken und schmerzhaften Erinnern zu.
Ein Film, der Stille, Ruhe, Schönheit und Trauer ausstrahlt. Große Empfehlung.
Für alle, deren Browser youtube-Videos nicht wiedergeben: hier entlang (klick)
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IM RÜCKEN DER STATUEN
da ist Gesicht.
Leg deine Hand auf den Stein
deine Hand hört die Zeit
das Unendliche spricht
in vergessener Sprache
Wir nennen sie: Verfall
Margrit Irgang
ALLE SPALLE DELLE STATUE
é li il viso.
Posa la tua mano sulla pietra
la tua mano ode il tempo
l'infinito parla
una lingua dimenticata
Noi la chiamiamo: dissoluzione
Margrit Irgang
(Trad.: Simona Venuti)
Als ich vor vielen Jahren für ein sorgloses Jahr in der Villa Massimo in Rom lebte, der deutschen Residenz für bildende Künstler, Komponisten und Schriftsteller (und ja, alle in weiblicher und männlicher Gestalt), begann ich zu fotografieren. In der Jahresausstellung der Villa zeigte ich auf einer großen Wand meine vergrößerten Schwarz-Weiß-Fotos und die Gedichte, auf Deutsch und, übersetzt von Simona, auch auf Italienisch.
Eine immer noch wichtige Arbeit über Veränderung und das, was bleibt. Denn nichts vergeht, es wechselt nur seine Gestalt.
Daran sollten wir uns gerade jetzt ab und an erinnern.
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Das Thema Hochsensibilität wird von den Medien immer öfter aufgegriffen, und ich bin jedes Mal glücklich, wenn diese Persönlichkeits-Eigenschaft, mit der ich selbst lebe, auf seriöse Weise dargestellt wird. Hochsensible - ich bevorzuge allerdings den Begriff Hochsensitive - haben ein hoch erregbares Nervensystem, das auf Reize schneller und intensiver reagiert als das von Nicht-Hochsensitiven. Wir vertragen im Allgemeinen keinen Lärm und andere grelle Sinnesreize, und ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt oder der Hauptbahnhof in der Ferienzeit ist für uns eine Herausforderung. Weil Hochsensitive viel allein sein müssen, um ihre Energien wieder aufzuladen, werden sie leider oft mit Autisten verwechselt. Wir sind aber geradezu das Gegenteil. Während ein Autist Mühe hat, die Gefühlsregungen anderer Menschen nachzuvollziehen, lesen wir jede Regung im anderen, reagieren auf jede kleinste Geste und schwingen uns empathisch in unsere Mitmenschen ein. Wobei wir leider oft vergessen, unsere Grenzen zu wahren, und uns damit heillos überfordern.
3sat hat jetzt einen besonders guten und fundierten Film vom ORF übernommen: "Wie Hochsensible die Welt wahrnehmen".
Interviewt werden Hochsensible aus allen Lebensbereichen: Eine Managerin, eine Beraterin, eine Musikerin, ein Künstler, eine Lehrerin, eine Schauspielerin und sogar ein Polizeidirektor. Wie nehmen sie die Welt wahr, wie leben sie? Philipp Yorck Herzberg, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, bringt das Wesentliche auf den Punkt: "Die Kunst ist, die Nische zu suchen, die zur eigenen Persönlichkeit passt."
Jede und jeder zeigt in diesem Film das Symbol, das für ihn oder sie Hochsensibilität an besten repräsentiert. Wir sehen etliche Schmetterlinge, Muschel, Mimose, Meeres-Schildkröte, Bonsai und sogar einen Drachen. Ich verrate euch mein Symbol: Es ist die Katze. Wer je mit einer Katze gelebt hat, weiß: Sie sieht und hört alles, auch wenn sie scheinbar schläft. Sie hat ungeheuer feine Antennen für die Gedanken und Gefühle des Menschen, der ihr begegnet, und lässt sich durch keine netten Worte und kein Lächeln täuschen. Als Symbol für meine Hochsensibilität habe ich sie vor allem deshalb ausgewählt, weil sie wie ich eine Einzelgängerin ist, die Menschenmassen meidet, sich anderen nur sporadisch anschließt und am liebsten alleine und in der Stille auf leisen Pfoten ihrer Wege geht.
Der Film ist bis Mitte August in der 3sat-Mediathek zu sehen und lohnt das Anschauen (auch für Nicht-Hochsensible!): Hier (klick)
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"Am Zeitungsstand im Supermarkt standen die Leser bei ihrer kostenlosen Morgenlektüre. Auch der kleine Junge war da, der damals in meinem Viertel wohnte. Er blätterte in einem Comic-Heft. Die Frau, die zu ihm gehörte, las eine der bunten Illustrierten. Der Junge war ein Sonnenschein, der allen Menschen zulächelte. Ich lungerte in der Kosmetikabteilung herum, um mich von dem Kind noch ein wenig bescheinen zu lassen.
Der Kleine, der auf dem Boden kniete, sah zu der Frau auf. Von seinem Blickwinkel aus sah er zweifellos kein Gesicht, sondern eine Illustrierte mit Beinen. Schmeichelnd fragte er: 'Oma?' Die Frau überflog die Affären der Prominenz. Länger als zehn Minuten konnte sie das kaum tun, sonst hätte sie die Zeitschrift kaufen müssen. 'Oma', sagte der Junge, 'ich möchte dir was sagen.' Die Frau blätterte. 'Oma', sagte das Kind, 'ich hab dich lieb.'
Die Frau gab einen routiniert klingenden Laut von sich, ein seit Jahrhunderten bewährtes „Hmm“, das aufdringliche Kinder abwimmelt. Etwas aber musste durch das Papier gesickert sein, eine Energie, die sich zwischen Seitensprüngen und Scheidungsgerüchten hindurchgeschlängelt hatte. Verwirrt hielt die Frau im Lesen inne und schaute sich um auf der Suche nach dem, was da in ihr Leben gekommen war. Unter ihr wendete sich der Junge befriedigt wieder dem Comic zu. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte. Die Frau sah ratlos die Illustrierte an, schlug sie enttäuscht zu und stellte sie zurück ins Regal."
Die Welt ist voll von nicht empfangenen Liebeserklärungen. Pass auf, dass Du die an Dich gerichteten nicht verpasst.
Dies ist der Beginn meines Essays "Schönheit liegt im Detail" aus der Ursache\Wirkung 116. Wie geht die Geschichte weiter? Das liest Du hier (klick)
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"Werkbegegnung Pusteblume". 😊 Links: A.B., Zeichnung. Rechts: M.I., Fotografie.
Wenn Du zufällig in der Nähe von Schwäbisch Gmünd/Aalen lebst, sei herzlich eingeladen zu einem besonderen Event: einer Werkbegegnung von Kunst und Literatur mit meinem Künstler-Freund Alfred Bast und mir.
"Zur Sprache bringen" - Dichtung, Kunst und Bilder
Lesung und Gespräch
16. Juni 2024, 14.30 Uhr
Kunstraum Hohenstadt
Abtsgmünder Straße 5
73453 Abtsgmünd-Hohenstadt
Was Dich erwartet? Wir wissen es selbst noch nicht. Alfred und ich sind neugierig und folgen weder in unserer Arbeit noch in unserem Leben festen Vorstellungen, Erwartungen oder Überzeugungen. Wir sind mehr daran interessiert, mit offenen Sinnen wahrzunehmen, was um uns herum geschieht. Uns von der sich unablässig verändernden Natur und den Begegnungen mit Menschen inspirieren und berühren zu lassen. Und das Empfangene setzen wir dann um - in Bilder, in Skulpturen, in Sprache, in Sprach-Bilder.
Es wird also um Wahrnehmung gehen, um Farben und Formen und Rhythmus und Klang, um Sehen und Lauschen, um Begegnung und Austausch. Wie Alfred sagt: "Kommunikation ist das Herz der Kunst".
Alfred und ich haben schon etliche Projekte miteinander realisiert. Sein Werk finde ich sehr inspirierend. Schau mal hier auf seine Website (klick).
Ich würde mich freuen, Dich in Hohenstadt zu sehen.
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Ich war sehr jung. Es war Sommer, mein Freund und ich waren unterwegs nach Spanien, und weil ich in irgendeiner Zeitschrift ein Bild von einer atemberaubend schönen Kapelle gesehen hatte, die, wie ich fand, auf dem Weg lag (was ein Irrtum war), suchten wir in der Franche-Comté nach dem Wunder, und als er (nicht ich) schon ungeduldig wurde, sahen wir sie, hoch oben auf einem Hügel. Le Corbusiers Chapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp.
Ich wollte nicht mehr weg. Diese Stille. Das Licht. Die Farben. Das, dachte ich, ist Architektur, in der ich atmen kann. Er aber wollte nach Spanien. Ich kaufte eine Ansichtskarte, die bis heute in meinem Besitz ist, und fasste den Entschluss: Da will ich noch mal hin.
Es dauerte fast fünfzig Jahre. Am Sonntag war ich noch einmal dort. Weil man seine Entschlüsse umsetzen soll, solange man noch Zeit dafür hat.
Auf dem Hügel stand bereits eine unbedeutende Kapelle, die im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Ein fortschrittlicher Dominikaner wollte Le Corbusier gewinnen, eine moderne Kapelle zu bauen, aber der Atheist lehnte ab: Er hatte keine Lust, "für eine tote Institution" zu arbeiten. Irgendwie gelang es, Le Corbusier 1950 auf den Hügel zu locken, und als er dort oben stand und in die Weite blickte, war er gewonnen.
Die Kapelle ist gebaute Poesie. Das Mauerwerk besteht aus den Abbruchsteinen der alten Kapelle, Zement und Stahl. Le Corbusier: "Große Kunst entsteht aus einfachen Mitteln." Das frei schwingende Dach ist dem Panzer einer Krabbe nachgebildet, der Innenraum nach dem Lauf der Sonne ausgerichtet, denn die Kapelle ist ausschließlich mit Tageslicht beleuchtet. Wenn die östliche Kapelle im Tagesverlauf dunkler wird, wird die westliche heller. "Raum, Licht und Ordnung. Das sind die Dinge, die Menschen genauso brauchen wie Brot oder einen Platz zum Schlafen."
Natürlich rief der Bau Empörung hervor, vor allem bei den Vertretern der Kirchen, aber auch bei Kunsthistorikern. Von "neuem Irrationalismus" war die Rede und von der "Abweichung vom richtigen Weg".
Ich sitze in leuchtenden Farben. Die Glasbausteine hat Le Corbusier selbst bemalt; sie zeigen Motive aus der Natur, immer wieder das Meer und eine Hommage an seine Mutter Marie. Die gewölbte Wand eines Seitenaltars ist in einem so intensiven und gleichzeitig sanften Rot gehalten, dass meine Kamera bei der Wiedergabe versagte. Dieser Altarraum mit seiner bergenden Geste ist für mich ein intimer weiblicher Ort, ein Uterus.
Unterhalb der Kapelle erbaute der Architekt Renzo Piano das Kloster der Clarissen, das 2011 eingeweiht wurde und ebenfalls heftige Kritik auslöste, weil das Neue und vielleicht auch das Schlichte in einer Welt der Übereinkünfte und des So-war-es-schon-Immer eine Provokation ist. Das Kloster schmiegt sich unauffällig in den Berg, ich hätte es fast übersehen. Es gibt ein Nähatelier, eine Bibliothek, das Refektorium, Gästezimmer und zwölf Zellen, die ich natürlich nicht besuchen durfte. Sie alle haben Bett, Schreibtisch und Stuhl aus Zedernholz. Die Böden sind in warmem Orange gehalten. Gibt es irgendwo auf der Welt ein moderneres, ästhetischeres Kloster als dieses? Auch Piano spielt mit Oberlichtern, und ich hatte das Glück, einen Moment aufleuchtender Sonne in der Kapelle zu erleben.
Wie fruchtbar es doch ist, vom "richtigen Weg" abzuweichen und etwas zu erschaffen, das die sogenannten Vernünftigen als "irrational" ansehen.
Le Corbusier war mehr Künstler als Architekt (ein Metier, das er übrigens nie studiert hatte). Deshalb wusste er etwas, das Ingenieuren möglicherweise entgeht: "Der gegenwärtige Moment ist kreativ, er erschafft mit unerhörter Intensität."
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Das kennen wir doch alle, oder?
"Etwas stimmt nicht, etwas scheint zu fehlen. Leider haben wir von Kindheit an gelernt, dieses Gefühl im Keim zu ersticken. Neulich im Supermarkt begann ein Kind in seinem Buggy zu weinen. Die Mutter griff ins Regal, holte ein Quetschie heraus und schob dem Kind die Saugöffnung in den Mund. Die Stillung des Unbehagens durch Essen und Trinken funktioniert in späteren Jahren dann zuverlässig. Wir brauchen unbedingt unser Feierabendbier oder die Lieblingsschokolade und zum Einschlafen ein Glas Rotwein. Auch das Shoppen oder das Konsumieren von Netflix-Serien kann das Unbehagen für kurze Zeit in Schach halten. Krishnamurti schreibt: 'Die meisten von uns finden sehr leicht Befriedigung: in der Küche, in einem religiösen Kreis oder in der Politik. Auf diese Weise wird der Geist allmählich und unausweichlich immer enger und kleiner, während er doch eine riesengroße Kapazität hat.'
Da hilft nur eins: Wir müssen uns still in den Sessel oder auf ein Meditationskissen setzen und das Unbehagen einladen, sich zu zeigen. Es hat vor der verschlossenen Tür unseres Geistes gestanden und unablässig angeklopft; jetzt stürmt es herein wie alle Gäste, die man zu lange hat warten lassen. Das müssen wir aushalten, das haben wir uns schließlich selbst eingebrockt. Wir hoffen auf ein nettes kleines Unbehagen, mit dem wir auf zivilisierte Weise verhandeln können. Aber nichts zu machen. Das einmal entfesselte Unbehagen ist erschreckend riesig, es lässt sich mit keiner Süßigkeit, keinem Vorschlag für eine hübsche Unternehmung bestechen. Es ist, wir erkennen es mit Entsetzen, eine bodenlos tiefe, uns ganz und gar ausfüllende Unzufriedenheit mit allem, was ist."
Warum das so hilfreich ist, könnt ihr lesen in meinem Essay "Den Geist öffnen" in der Ursache\Wirkung Nr. 118. Jetzt in ganzer Länge online hier (klick).
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