Samstag, 12. Dezember 2020

Atmen


Meine liebe Freundin H. wird im Frühjahr achtzig Jahre alt. Ich kenne sie seit Jahrzehnten und freue mich an ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem unermüdlichen Einsatz für andere als Lehrerin des Dharma. Als ich sie im Sommer sah, war ich etwas besorgt und bat sie, sich zu schonen. Auch ich musste in letzter Zeit erkennen, dass ich nicht mehr die Kraft einer Dreißigjährigen habe. Drei Monate später bekam meine Freundin eine schwere Lungenentzündung. Am Telefon erzählte sie mir, dass sie in der kritischen Zeit nur dies praktiziert habe: "Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme."

Jeden Morgen biete ich in meinen Retreats eine geführte Meditation an, und jede Meditation beginnt mit diesem Satz. Weil er in großer Schlichtheit sagt, worauf unser Leben beruht.

In Genesis 2,7 heißt es: "Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem." Das westgermanische Wort "Atem" ist verwandt mit dem altindischen "Atman", was die unzerstörbare ewige Essenz des Geistes bezeichnet, die bei uns häufig mit Seele übersetzt wird. Es gibt nicht "meinen" Atem und "deinen" Atem. Was uns unterscheidet, sind lediglich schwankende und vorübergehende Atemformen, kürzere und längere, tiefere und flachere. Wir teilen alle denselben Atem, dieselbe unzerstörbare Essenz, die uns durchdringt und verbindet. 

Wir nehmen den Atem als selbstverständlich hin. Aber auf den Intensivstationen der Kliniken liegen die Covid-19-Patienten, die nicht mehr selbstständig atmen können. Nur noch ein Schlauch verbindet sie mit der Basis des Lebens. Und auch wenn sie das Glück haben, ins Leben zurückzukehren (jetzt begreifen wir erst, wie passend dieser Ausdruck ist), werden sie noch lange Zeit, wie die Ärzte es ausdrücken, "Atemprobleme" haben. 

Meine Freundin und ich werden uns wegen der aktuellen Situation lange nicht sehen. Aber, sagte sie zu mir, "du weißt ja, dass wir immer verbunden sind, weil wir alle Teil des großen Ganzen sind." Und ich dachte: Ja, wir sind auch verbunden mit denen, die jetzt "beatmet" werden mit dem Element, das wir Luft nennen und das, wenn wir nur ein wenig tiefer schauen, so viel mehr ist - die ewige Essenz des Geistes, die alles durchdringt und auch uns erfüllt.

Können wir das zu unserer Praxis machen in den stillen und vielleicht gefühlt einsamen Weihnachtstagen, die uns bevorstehen? Mit denen zu atmen, die es selbst gerade nicht können. "Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme."

Nur dies.  

 

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