Mittwoch, 22. März 2017

Das Netz des Indra


"'Es gibt für jeden Tag zwei Pläne - meinen und den des Geheimnisses', sagen die Ureinwohner von Grönland, die Inuit. Wie alle indigenen Völker wissen sie noch, was auch wir einst wussten: Wir sind so viel größer als das, was wir im Allgemeinen für unser Ich halten. Wir sind verbunden mit der Sonne, dem Regen, dem Wind und dem Schnee. Wir teilen diese Welt mit den Tieren, den Pflanzen und allen anderen Menschen. Wir sind eingebettet in eine Ganzheit, und alles in dieser Ganzheit lebt, atmet, webt an dem großen Netz, das wir Leben nennen, und wirkt auf uns ein.

Wie kommen wir dazu, zu glauben, wir könnten unabhängig von diesem großen Zusammenhang unsere kleinen egoistischen Pläne machen, die sich gefälligst auch zu erfüllen haben? Woher nehmen wir unsere Arroganz, uns zu beklagen, wenn diese Pläne entschieden durchkreuzt werden?

In Hinduismus und Buddhismus gibt es ein schönes Bild für die Verbundenheit alles Seienden. In diesen Traditionen wird erzählt, Gott Indra habe ein Netz geknüpft und jeder Knoten darin sei ein in viele Facetten geschliffenes Juwel. Wenn nun in einem Juwel eine Bewegung stattfindet, spiegeln alle anderen Juwelen diese Bewegung wieder, werden von der Bewegung, die sie aufgenommen haben, verändert, und ihr verändertes Sein wird wiederum von allen anderen Juwelen gespiegelt. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze und jedes Mineral - sagt die Tradition - ist ein solches Juwel. Wenn also in einem Menschen eine Bewegung stattfindet, wird sie von den Menschen in seiner Umgebung aufgefangen und weitergespiegelt."





Aus dem Buch : Margrit Irgang "Die Kostbarkeit des Augenblicks. Was der Tod für das Leben lehrt", Kreuz Verlag, ISBN 978-3-451-61303-6

Kommentare:

  1. Liebe Margrit,

    genau das sind die Fragen, die sich mir auch gestellt haben, als ich meinen gestrigen Post schrieb und zuvor Melancholia sah.Wenn der " Plan vom Glück" nicht aufgeht und als Konsequenz die Verbundenheit fehlt.
    Wenn das Anhaften und die Kontrolle sich zum Ziel der Optimierung erhöhen und das All dennoch unergründlich und unberechenbar bleibt.
    Zum Glück gibt es dieses Geheimnis :-)

    Und dennoch manchmal schwer auszuhalten ;-)

    Sehr herzliche Grüße,

    Taija

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    1. Ich habe gelernt, dass das Geheimnis stärker ist als alle meine Pläne. Ob ich das mag, was es mir dann präsentiert, ist eine ganz andere Frage. Aber das Geheimnis fragt ja nicht ;-)

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    2. Und in das Geheimnis vertrauen fühlt sich zudem gut an...Hinweise gibt es genug. Wenn man sie bemerkt.

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    3. Nun hab ich es auch, Dein Buch :-)...ich freue mich sehr auf das Lesen. Eigentlich wollte ich es mit nach Finnland nehmen, denke aber so lange mag ich gar nicht warten. Beim Durchblättern sehe ich, es steckt viel drin von dem was mich in diesem meinem sechsten Jahrsiebt wiederheimsucht...Und wie schön, die Kapitel als Zitate!Sei noch einmal ganz herzlich gegrüßt!Taija

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    4. Das Buch würde sicher gern nach Finnland reisen. Da würde es sich wohlfühlen ...

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    5. Das wird es auch. Da ich es dann zum zweiten Mal lesen werde. Es ist vieles darin, das ich als Begleitung auf dieser Reise gebrauchen kann. Habe gestern bis spät darin gelesen und heute fast verschlafen....;-)....Aber keine Sorge, das Kind war doch noch rechtzeitig imm Unterricht :-)))

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  2. Liebe Frau Irgang, danke für den schönen Text,
    "wenn also in einem Menschen eine Bewegung stattfindet, wird sie von den Menschen in seiner Umgebung aufgefangen und weitergespiegel...."
    Wenn ich diesen Satz wirklich ernst meine, darf ich erkennen, wieviel Eigenverantwortung in meinem Denken und Tun steckt.
    Liebe Grüße Gitti

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    1. Ja, so ist es, liebe Gitti Haas. Wir sind in der Verantwortung. Aber das darf uns nicht belasten, das ist tatsächlich eine "frohe Botschaft". Wir können Heilsames beitragen zum großen Ganzen, auch wenn unser Beitrag "nur" in klarem Denken und liebevollem Umgang mit anderen besteht.

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  3. Danke für die auf mich zutreffende Antwort, denn die "Frohe Botschaft" darf nicht zu einem Pflichtprogramm werden.
    Ich erkenne genau das ist meine Stärke....klares Denken u. liebevoller Umgang mit anderen....nicht mehr aber auch nicht weniger!
    Liebe Grüße Gitti

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  4. Indras Netz ist wirklich ein sehr schönes Konzept für die Verbundenheit von allem mit allem. Und wir können es auch ganz konkret verstehen. Worin habe ich heute Indras Netz entdeckt? In einem Klavierstück, bei dem die Töne so herrlich zusammen klingen, in einem Bild, in dem sich die Farben spannend vermischen, in einem Gedicht, dessen Sinn weit über die Bedeutung der einzelnen Worte hinausgeht, oder aber auch beim Betrachten der Großbaustelle, mit den Elektrokränen, den Betonmischern, Pumpen und ...
    Simon

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    1. Unentrinnbar vernetzt mit allen und allem ... Genau, lieber Simon.

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