Freitag, 12. Mai 2017

Joachim Kaiser +11. 5. 2017

Quelle: Wikipedia

Seltsam, vor ein paar Tagen dachte ich an ihn. Ich hatte lange nichts von ihm gelesen. Es war immer stiller um ihn geworden, aber andererseits bekam ich so vieles aus seinem Umkreis und Wirken nicht mehr mit, seit ich München verlassen hatte.

Er war für viele Künstler - Musiker, Sänger, Schriftsteller und Theatermenschen - der eine große, der größte Kritiker Deutschlands. Universal gebildet, hochintelligent, begabt mit einer Formulierungskunst, die sehr oft die der Autoren, die er kritisch begleitete, übertraf.

Wir begegneten einander, als ich 1985 auf Einladung von Marcel Reich-Ranicki eine Geschichte beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt las und Joachim Kaiser in der Jury saß. Die Gefechte zwischen "Kaiser und Reich" waren legendär. Die beiden waren Antipoden - der eine ein Schwertschwinger, der andere ein Florettfechter. Nun hatte ich das Glück, dass Reich-Ranicki meine Geschichte nicht mochte, was er begründete mit dem für einen Kritiker eigentlich völlig unmöglichen Satz "Ich mag keine Kindergeschichten". Das war das Stichwort für den Auftritt von Joachim Kaiser. Er analysierte meine Sprache und meine Form mit der hochsensiblen Wahrnehmung eines Musikers für Zwischentöne (meine Arbeit damals bestand fast ausschließlich aus Zwischentönen, die Worte waren eher Gerüste für das Dazwischen ...), und als am letzten Tag jeder Juror seinen Vorschlag für den Bachmann-Preis vortrug, nannte er meinen Namen. Als Einziger. Es gab aber noch zwei andere Preise. Für den zweiten Preis nannte er - mich. Und als es dann zum dritten Preis kam, und er anhob: "Man muss es dreimal sagen ...", tobte das Auditorium, und es schlossen sich ihm tatsächlich zwei andere Juroren an.

Ich bekam keinen Preis. Es war mir gleichgültig. Diese ganze unsägliche Veranstaltung, bei der es nicht um die Literatur ging (und wohl bis heute nicht geht), sondern um Selbstdarstellung von Autoren und Kritikern, hätte ich am liebsten am ersten Tag verlassen, wenn es Kaiser nicht gegeben hätte. Weil da einer saß, der die Literatur liebte, wirklich liebte, und deshalb litt, wenn etwas danebengegangen war, und sehr, sehr scharf werden konnte, wenn er hohle Formulierungen hörte oder einen Autor eitel fand (er, der selbst nicht ohne Eitelkeit war). Und weil einer, endlich, meine Arbeit verstanden hatte. Nachdem alles vorbei war, kam er auf mich zu und stand unter Strom, wie immer damals. "Die verstehen alle nichts von Literatur", sagte er. "Gefällt es Ihnen hier? Ich finde es furchtbar." Und: "Ich wusste, dass Sie den Preis nicht bekommen würden, aber ich wollte unbedingt auf Sie aufmerksam machen."

Das war ihm gelungen. Kurze Zeit später bekam ich den Bayerischen Literaturpreis und den Rom-Preis Villa Massimo, aber da begann ich schon - das wusste ich damals noch nicht -, mich von der Welt der Eitelkeiten des Literaturbetriebs abzuwenden.

Joachim Kaiser ist am 11. Mai 2017 gestorben. Er hat mir einen Weg eröffnet. Ich werde diese eine und einzige Begegnung mit ihm nie vergessen.

Kommentare:

  1. Wie kostbar solche Begegnungen sind. Dein Beitrag rührt mich sehr...schon als ich anfing zu lesen hielt ich die Luft an, wohl verstehend was Du meinst: solche Veranstaltungen finde ich fürchterlich...
    Was Marcel R.R. betrifft: nicht jeder kann behaupten von ihm verrissen worden zu sein ;-)
    Und dennoch: um ihn geht es ja gar nicht. Sondern um Weichen, die unerwartet und kleinheimlich durch Begegnungen entstehen und die Stärke des Leisen, Feinen...
    Und die Leisen erkennen sich manchmal gerde im lauten Getöse am Besten.

    Sei herzlich gegrüßt, Taija

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  2. Ich bin zwischen erheitert, gerührt und entrüstet .... von allem was! Mich freut sehr, wie sehr Kaiser dich und deine Geschichte gewertschätzt hat - nervt wieder mal der grobe Marcel.... aber so war er halt!
    viele liebe Grüße von Ellen

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  3. Mich würde Ihre Geschichte interessieren von damals...

    Susanne

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    1. "Nahaufnahme", im Band "Blicke", Piper Verlag. Nur noch antiquarisch erhältlich.

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    2. Herzlichen Dank, habe es bestellt und übe mich in Vorfreude.

      Heute morgen fragte mich mein Mann, wieso es mir so schwer falle, ihn sehen zu lassen, dass ich traurig bin und ich hatte keine Antwort parat.

      Nach dem Lesen des Texts wurde mir klar, wie wohltuend es für mich ist, gesehen zu werden in meinen Talenten und Schwächen. Einfach so, ohne Stolz- oder Schamgefühle.

      Mitfühlen bei Freude und Trauer von mir lieben Menschen, ach, was würde ich die gern genießen, wenn nicht die Sorge wäre, sie würden mitleiden, was mich in dem Moment überfordern würde.

      Klarer habe ich es jetzt. Und eine Gehmeditation in meinem Garten ist jetzt genau das Richtige. Danke für den Denk-Anstoß.

      Susanne

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    3. Nur eine Hochsensible will andere nicht mitleiden lassen, wenn sie selbst traurig ist ... Dabei ist das so wichtig: Gesehen und angenommen zu werden, wie man gerade ist, ohne be- oder gar verurteilt zu werden. Menschen, die das können, sind Gold wert. Sie scheinen einen guten Mann gewählt zu haben ...

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  4. Wer ihn noch einmal in einem langen, guten Interview aus dem Jahr 2007 hören möchte, findet dieses hier: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/treffpunkt-klassik/zum-tod-von-oachim-kaiser-zur-person-joachim-kaiser-2007/-/id=660614/did=19537594/nid=660614/n8bcn4/index.html.
    Er bricht darin eine Lanze für die Literatur der Gegenwart: „die gegenwärtige ist der vergangenen vorzuziehen“. Dies zu betonen ist meiner Meinung nach wichtig. Haben wir nicht alle eine Tendenz zur alt bewährten Literatur zu greifen? Gerade müsste die Literatur junger Migranten besonders spannend sein. Simon

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    1. Die Freude an Gegenwartsliteratur hat auch mit Neugier und Interesse für Menschen zu tun: Wie denken die Jungen heute, was fühlen sie? Kaiser hatte dieses echte Interesse.

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