Sonntag, 8. Juli 2018

"Annehmen" und "loslassen"



Gestern habe ich einen Satz des von mir  geschätzten Adyashanti gelesen: "Wenn du dich in deiner eigenen Schwäche, deiner eigenen Fehlbarkeit annimmst, tust du das gleichzeitig für jeden anderen." Er sagt nicht, wie man das machen soll: annehmen. Denn er weiß natürlich, dass es, spirituell gesehen, niemanden gibt, der etwas annehmen kann. Aber manchmal verlangt der Kontext eben, die spirituelle Ebene zu verlassen und sich auf die psychologische zu begeben. Das hat etwas sehr Liebevolles.

Meine Hortensie zeigt zur Zeit alle möglichen Stadien ihrer Hortensienhaftigkeit gleichzeitig: voll ausgewachsene Blüten, ein paar winzige Knospen, die vielleicht sogar noch aufgehen werden, und dann schon die ersten verwelkten Dolden. So ungefähr sieht es auch mit meinen Möglichkeiten aus: Manches blüht, manches könnte noch entstehen, vieles ist bereits am Sterben. Einiges ist mir widerfahren, anderes habe ich selbst erschaffen. So ist es. 

"Annehmen" heißt nicht, dass wir uns zum Akzeptieren des Unvermeidlichen zwingen, mit Wut oder Trauer im Herzen, weil wir es doch so gern anders hätten. "Annehmen" heißt: Sein lassen. Die Dinge und Umstände in ihrem Sosein klar wahrnehmen und würdigen. Dasselbe gilt für das in buddhistischen Kreisen so beliebte "loslassen". Wenn wir überhaupt etwas loslassen, dann unsere Vorstellungen davon, wie die Dinge zu sein haben. Wir können weder etwas annehmen noch etwas loslassen, aber wenn wir keinen Widerstand in uns mehr haben, sehen wir mit großer Klarheit das ganze Bild: das Blühende, das Knospende, das Sterbende. Vielleicht wollen wir dann Schritte unternehmen, um etwas - in uns, um uns herum - zu verändern. Vielleicht aber auch nicht.

Es könnte sein, dass wir die Schönheit in dem Bild erkennen. Es ist lebendig. Es hat Licht und Schatten. Viele Farben, viele Nicht-Farben. 

Es ist schön, weil es ein Ausdruck des Seins in diesem unwiederbringlichen Augenblick ist.


Kommentare:

  1. Ein Ausdruck des Seins.....
    Liebe Margrit, beim Lesen deiner wunderschönen Hortensiengeschichte hörte ich ein mir nicht vertrautes Geräusch. Ein Rascheln, vielleicht ein Knacksen- ?? Fündig bin ich in meiner Küche geworden: ich habe für mein Mittagessen Kichererbsen eingeweicht und nun 'sprechen' sie mit mir. Welch wunderbarer Ausdruck des Seins.
    LG aus Sbg

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