Freitag, 21. März 2025

Mein Geist, dein Geist

 

Neulich sah ich in einer Parkanlage ein Schild, das ich aus meiner Kindheit kenne und seit bestimmt vierzig Jahren nicht mehr gesehen habe: "Eltern haften für ihre Kinder!" Mit Ausrufezeichen. (Leider hatte ich die Kamera nicht dabei.)

Eigentlich eine klare Sache. Wenn so ein Vierjähriger im Zuckerschock durch die Gegend düst und herumbrüllt, muss jemand da sein, der ihn auch zu seinem Besten an die Hand nimmt und energisch sagt: "Jetzt reicht's!"

Das hat mich auf eine Idee gebracht. Ich würde auch gern ein Schild aufstellen, und das nicht nur in einem Park. Sondern zum Beispiel vor den Eingängen von Supermärkten, Behörden und Schulen, an Bahnhöfen, in Zügen und Bussen, ach, warum nicht an jeder Straßenkreuzung. Auf meinem Schild stünde: "Du haftest für deinen Geist!" (Mit Ausrufezeichen.)

Gegen das, was ein Geist anrichten kann, ist ein Vierjähriger im Zuckerschock ein Lämmchen. Der Geist (mein Geist, dein Geist) gibt pausenlos Kommentare und Bewertungen ab, urteilt über Menschen und Ereignisse, regt sich auf über Hinz und Kunz und hat natürlich immer recht, denn an allem, was ihm nicht passt, sind "die anderen" schuld.

Es ist so viel los da oben im Kopf, dass es uns selbst oft erschöpft und wir einfach mal nur unsere Ruhe haben wollen. Wenn doch nur jemand käme, der den Geist energisch zur Ordnung ruft. Wo ist diese Person, die so viel Autorität und Macht hat, dass unser Geist sich widerspruchslos fügt?

Du bist diese Person, und zwar die einzige, die über deinen Geist bestimmen kann. Da du deinen Geist und alle seine Kapriolen beobachten kannst, bist du ja wohl nicht deine Gedanken, Meinungen, Urteile und Bewertungen. Du bist vielmehr die Instanz, die das alles wahrnimmt. Du bist Gewahrsein, du bist Bewusstsein. Deine Gedanken ereignen sich innerhalb dieses weiten Bewusstseins-Raums, und du kannst dich ganz ruhig zurücklehnen und interessiert das Schauspiel verfolgen, das sie aufführen. Du musst das Schauspiel nicht beenden, du kannst das auch gar nicht tun. Es endet nämlich von selbst, wenn du die Gedanken nicht nährst durch weitere Gedanken, ihnen nicht folgst auf ihren verschlungenen Wegen und keine Geschichte um sie herum erzählst.

Kein Mensch auf der Welt kann dich zwingen, bestimmte Gedanken zu denken und bestimmte Gefühle zu fühlen. Du bist die Königin und der König im Reich deines Geistes, du hast dort uneingeschränkte Macht. Du entscheidest, bewusst zu bleiben. Du bleibst gewahr. Das ist alles. So einfach. So wirkungsvoll.

Noch ein Schild, gesehen an der Tür eines Yoga-Raums, in dem ich mal war: "Bitte übernimm Verantwortung für die Energie, die du in diesen Raum trägst." Darum geht es. Wir nehmen den Inhalt unseres Geistes überallhin mit und strahlen ihn aus. Wenn wir uns nicht um ihn kümmern, verschmutzen wir mit unserer Unbewusstheit die Umwelt. Aber wie wunderbar fühlt es sich an, einem Menschen zu begegnen, der Verantwortung für seinen Geist übernommen hat. Dieser Mensch hat kein vorgefasstes Urteil über uns. Er ist interessiert an der Person, die ihm da gegenübertritt, er will sie kennenlernen. Er braucht keine Negativität, um sich von anderen abzugrenzen; er kann es sich leisten, schlicht und einfach freundlich zu sein, weil er Freundlichkeit nicht mit Schwäche verwechselt. Er weiß ja um seine Macht, er muss sie nicht demonstrieren.

Ich zumindest möchte solch ein Mensch sein.

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4 Kommentare:

  1. Danke liebe Margrit, das sind stärkende und aufbauende Gedanken in einer Zeit in der man so oft Machtlosigkeit fühlt angesichts der Entwicklungen in der Welt.
    Herzliche Grüße, Karin

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  2. Danke, liebe Karin. Wir können es uns nicht mehr leisten, uns von negativen Nachrichten und Gedanken die Energie nehmen zu lassen. Wir brauchen jedes Quentchen Kraft, das uns zur Verfügung steht. Liebe Grüße.

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  3. Liebe Margit,
    Deinen tiefgründigen Text habe ich für mich spontan in ein Gedicht uminterpretiert
    weil dieses Thema auch meine Lieblingsphilosophie, die Stoa, streift
    "die Seele nimmt die Farben Deiner Gedanken an" oder "Leben ist Wandel und Meinung "Markus Aurelius" viele Grüße Andreas.


    Erinnere Dich
    jeden Augenblick
    achtsam zu bleiben
    damit Dir bewußt wird
    wenn Du für Dein Bild von der Welt
    nur noch dunkle Farben verwendest
    Denn wie ein Maler
    hast Du einen Farbkasten
    aus unterschiedlich gefärbten Gedanken
    und die Leinwand auf der Du malst
    ist Deine Seele
    Verändere Deine innere Haltung
    und befreie Deinen Geist
    aus dem Gefängnis finsterer Meinungen
    wähle farbenfrohe Gedanken
    und aufblühen wird Dein Gemüt
    wie eine Lotusblüte
    und sei der Teich
    noch so trüb

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    1. Vielen Dank, lieber Andreas. Schön, dass Du Dich inspiriert fühlst.

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