Montag, 10. März 2025

Der gute Ort


Der Von-der-Welt-Verehrte wies zur Erde und sagte: "Dies ist ein guter Ort, um ein Heiligtum zu errichten."

Indra, König der Götter, steckte einen Grashalm in die Erde und sagte: "Das Heiligtum ist errichtet."


Ich lese mit wachsender Bestürzung in den Medien Begriffe, von denen ich gehofft hatte, sie nie wieder zu hören: "Aufrüstung". "Wehrpflicht". "Atomschirm". "Zurückweisung an den Grenzen". "Handelskrieg". Sprache konditioniert unser Denken, und Worte setzen sich in Windeseile in unseren Köpfen fest. Ein paarmal die Nachrichten geschaut, und schon sprechen auch wir selbstverständlich von "Kriegsrecht" und "Sanktionen" und "Auslieferung", ohne vor dem Inhalt, den die Worte transportieren, im Geringsten zu erschrecken. 

Wir dürfen uns an die Sprache des Krieges nicht gewöhnen. Wir brauchen ein Gegengift.

Es gibt ein englisches Wort, das ich wunderbar finde, weil es seine Bedeutung über den Sound vermittelt: "Awe". Man muss gar nicht wissen, dass es "Ehrfurcht, heilige Scheu" bedeutet. Man hört Aaah! und weiß Bescheid. Wir  haben das Aaah! verlernt, uns ist irgendwann zwischen unseren Alltagspflichten und den Fernsehnachrichten die Ehrfurcht verlorengegangen.

Es gibt Orte und Gebäude auf der Welt, die im Lauf von Jahrtausenden mit der Energie von Gläubigen und Pilgern aufgeladen wurden. Man nennt sie Heiligtümer. Ich habe ein paar von ihnen besucht. Das Tadj Mahal, die Kathedrale von Chartres, das Freiburger, Ulmer und Kölner Münster, Fatima, Lourdes, Klöster und viele buddhistische Tempel. An all diesen Orten wehte mich etwas an wie ein feiner Luftzug - etwas Besonderes, eine Energie, der ich gerne nachgespürt hätte. Aber ich fand keine Ruhe, keine stille Ecke, keinen Platz, um mich zu versenken. Ich stand inmitten von Menschenmassen und Touristengruppen, die fotografierten und sich unterhielten. Sicher gab es auch darunter Menschen, die auf der Suche nach dem Heiligen waren, und vielleicht fanden sie es an den berühmten Orten ebenso wenig wie ich - weil es überall zu voll war. 

Das Wort "heil" bedeutet vollständig, gesund, ganz und ungeteilt. Die Ableitung "heilig", sagt mein Duden, könnte im Althochdeutschen auch die Bedeutung von "bezaubert" und "Glück bringend" gehabt haben. Ein Heiligtum ist also ein Ort, an dem wir ungeteilt und ganz und gar bei uns selbst sein können. An dem wir Aaah! sagen und etwas ganz Entscheidendes begreifen können: Das Heilige ist gar nicht an einen Ort gebunden. 

Auf Wikipedia fand ich den schönen Satz: "Heiligtümer werden nicht geplant. Sie können überall sein und sind nicht an besondere Landschaftsformationen gebunden."

Gott Indra in dem buddhistischen Gleichnis pflanzte ein Hälmchen und erklärte es zum Heiligtum. Darin liegt das Geheimnis der Ehrfurcht: Sie entsteht allein in uns selbst. Wir sind es, die eine äußere Form zu ihrem Träger erklären, wir selbst laden einen Ort oder einen Gegenstand mit unserer heiligen Scheu auf, und wenn viele Tausend Menschen ihre Energie auf diesen Ort oder Gegenstand konzentrieren, wird seine Kraft sogar für andere spürbar. 

Und auf dieselbe Weise wirken Kriegs-Metaphern. Wenn Menschen daran glauben, dass es im Leben um Sieg oder Niederlage geht und es dazwischen nichts gibt, wenn die Kraft des Stärkeren allein entscheidend sein soll für unser aller Überleben, dann laden wir die Waffen, die wir herstellen und irgendwohin schicken, mit der Kraft unseres Glaubens auf. Das ist es, was Panzer, Drohnen und Bomben wirklich zerstörerisch macht: Unsere Überzeugung, sie seien die einzig mögliche Antwort auf Bedrohungen.

Wir müssen umkehren. Alles umkehren, unseren Blickwinkel und unseren Respekt vor dem Falschen, vor dem, was zerstört, anstatt aufzubauen. Wir müssen nicht nach Indien reisen. Hier, wo wir gerade sind, wo das Leben uns hingestellt hat, ist ein guter Ort, um ein Heiligtum zu errichten. Viel Platz ist nicht, wir wohnen ja alle nicht in Palästen, aber wer sagt, dass wir Platz brauchen. Ein Hälmchen findet immer einen Krumen Erde, um zu wachsen. Wir errichten unser kleines Heiligtum, indem wir eine Kerze in einer Schlafzimmer-Ecke aufstellen oder auf dem Balkon ein Blümchen pflanzen. Es genügt auch, einfach nur Aaah! zu sagen und dem Klang nachzulauschen wie einem Mantra. 

Wir brauchen nirgendwohin zu reisen. Es ist unser Geist, der "heil" sein muss. Frei von zerstörerischen Gedanken, gelassen, ruhig, weit und voll Mitgefühl. Erst, wenn wir unseren Geist zu einem guten Ort gemacht haben, sind wir umgekehrt. Unsere Sprache wird eine völlig andere sein, und unsere Handlungen werden kleine Pflanzen setzen, anstatt eine Wüste der Zerstörung zu hinterlassen. 

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