Freitag, 6. Februar 2026

Stille ist mein Zuhause


 

"Ich begegnete der Stille vor vierzig Jahren auf einem überfüllten Bahnhof in irgendeiner Stadt in der indischen Tiefebene. Seit ein paar Wochen reiste ich mit dem Rucksack durch das Land des Buddha. Es war heiß, ich hatte mir ein Virus eingefangen, das mir Bauchschmerzen bereitete, und durch meine Träume krochen Leprakranke ohne Arme und Beine. Ich hockte auf einem Bahnsteig zwischen Hunderten Menschen, gackernden Hühnern in Käfigen und einer Ziege mit zusammengebundenen Beinen und wartete auf meinen Zug, der mich irgendwohin bringen sollte. Da sah ich die Stille.

Sie saß auf einem der gegenüberliegenden Bahnsteige im Lotossitz, völlig entspannt inmitten von Lärm und Dreck. Sie war ungefähr so alt wie ich, Amerikanerin, schätzte ich, und ich erriet an der nicht ganz sauberen Kleidung, dass sie schon lange unterwegs war. Sie ruhte auf diesem Bahnsteig in ihrer Stille wie im Auge des Zyklons. Mit leisem Lächeln beobachtete sie den Kampf an den geöffneten Zugtüren, wo die Ankommenden hinaus- und gleichzeitig die Abreisenden hineindrängten. Irgendwann würde auch ihr Zug einlaufen, sie würde sich erheben, den Rucksack schultern und auf ihre gelassene Weise irgendwie ins Abteil gelangen.

Ich warf einen Blick auf sie, und meine Reise nahm eine Wendung. Diese unbekannte Amerikanerin erinnerte mich an den Ort der Stille in mir, den ich sehr wohl kannte, aber in diesem überwältigend fremden Land verloren hatte. Wohin wollte ich denn in Wirklichkeit, wenn ich durch die Welt reiste, wie ich das seit einigen Jahren tat? An einem glühend heißen Tag irgendwo in Indien belehrte mich eine Frau, die ich nur fünf Minuten zu Gesicht bekam und nie wiedergesehen habe, darüber, dass es nichts zu finden gibt, weil ich bereits zu Hause bin. In jedem Augenblick. In jedem Land der Erde." 

Dies ist der Beginn meines Essays "Stille ist mein Zuhause" in der Ursache\Wirkung 129. Den ganzen Text könnt ihr lesen hier (klick).


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