Sonntag, 18. November 2018

Die Rosen-Tapisserien


Ein großes Treibhaus am Rand einer kleinen Ortschaft. Gärtnerei kann man es kaum nennen; es ist ein Industriegebiet, aufgestapelte Paletten in Höfen, alte Reifen, Weggeworfenes, am Wegrand allerlei Nichtmehrgebrauchtes. Das Glashaus sieht verlassen aus, unbenutzt. Ein paar Scheiben sind zerbrochen. Ich spähe durch das trübe verschmutzte Glas hinein und sehe endlose Reihen verwelkender Rosen in allen Stadien des Verblassens von Altrosa bis Braun. Rosen, die niemand gewollt hat, die keinen Käufer fanden, der sie gerne verschenkt hätte an jemanden, der sich über Rosen gefreut hätte. Rosen, die ihre Bestimmung, Freude zu bereiten, nicht leben konnten.


Aber da bin ja noch ich, zufällig hier gelandet, mit der Kamera um den Hals. Der letzte Mensch, der die Schönheit der Rosen würdigen kann. Ich brauche lange für die wenigen Aufnahmen, die ich mache. So lange wie es eben dauert, Sterbenden die letzte Ehre zu erweisen. Ich spüre Traurigkeit in mir. So viel Schönheit, die niemand wahrgenommen hat.

Aber später, zu Hause, sehe ich, dass es keinen Grund zur Traurigkeit gibt. Die Rosen sind auf den Bildern in einen anderen Zustand übergegangen, haben die Materie gewechselt. Sie sind zu Tapisserien geworden, zu verblichenen Kostbarkeiten aus französischen Schlössern, die nur einmal im Jahr gezeigt werden dürfen, weil sie im Licht und in der Luft zu Staub zerfallen würden.

Jetzt, hier, im Web, sind sie unsterblich, die Rosen-Tapisserien.

Kommentare:

  1. Ich finde deine Fotos wunderschön, sehr zart und sensibel aufgenommen. und was wissen wir denn... womöglich hatten die Rosen viele Bewunderer? Leute, die sich im Treibhaus aufgehalten haben und an der Schönheit der Blüten ihre Freude hatten?
    Und dann die Frage: ist es denn der Daseinszweck eine Rose, uns Menschen Freude zu bereiten. Sie ist einfach da! Sie ist!!

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    1. Liebe Ellen, das ist natürlich auch ein schöner Gedanke. Aber als ich dieses trostlose Gewächshaus gesehen habe mit den völlig vernachlässigten, vertrockneten Rosen, fiel mir eine Zeile aus einem meiner Gedichte ein: "Was nicht gesehen wird, stirbt". Und ich dachte: Sie hätten jemanden gebraucht, irgend jemanden, der ihnen sagt, wie schön sie sind. Auch Blumen, scheint mir, wollen gesehen werden.

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  2. Liebe Frau Irgang, wunderbar tiefsinnig und poetisch!
    Danke
    Gitti

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  3. Die Fotos sind wunderschön und heben alle Zeitebenen auf. So entsteht sie also, die Zeitlosigkeit...Liebe Grüße!

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  4. Die Bilder sind wirklich wunderschön: mehr wie gemalt oder wie geträumt ....
    Manchmal stehe ich irgendwo im tiefen Wald und denke darüber nach, dass hier sicher schon lange niemand mehr gewesen ist, aber dass all dies - die Bäume, die anderen Pflanzen, die Steine ... die ganze Zeit hier gewesen ist und existiert hat, auch ohne jeden Betrachter, der es mit Bewusstsein wahrgenommen hätte .... Haben all diese Dinge dann überhaupt noch eine Bedeutung, wenn sie doch niemand wahrnimmt? Ich weiß es nicht.

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  5. Danke für diese wunderschönen Bilder,Fr.Irgang. Die Zeilen aus ihrem Gedicht,regen mich zum Nachspüren an,danke auch dafür.
    Liebe Grüße aus Salzburg

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