Sonntag, 11. Oktober 2026

Was ist dein Thema?

 

In ein Retreat gehst du nie allein, auch wenn du ein Einzelzimmer gebucht hast. Du nimmst deine gesamte Lebensgeschichte mit, und es dauert nicht lange, da sitzt du mit Papi und Mami auf dem Kissen, mit Bruder und Schwester am Esstisch, und dein Partner oder deine Partnerin schaut dir beim Fensterputzen und Unkrautzupfen über die Schulter. 

Meditation soll doch so beruhigend sein. so friedvoll und geradezu beglückend. Das war sie auch zu Hause auf dem Kissen, weil du dir angewöhnt hast, nach zehn Minuten aufzustehen, sobald du in dir ein unbestimmtes Unbehagen spürst. Im Retreat aber kannst du nicht aufstehen, das Radio anmachen, die Freundin anrufen. Du musst sitzen bleiben. Und dich so kennenlernen, wie du dich eigentlich nie kennenlernen wolltest.

Was ist dein Thema?

Vielleicht ist es die Scham. Du hast vergessen, dich zu verneigen, dir ist eine Gabel scheppernd auf den Boden gefallen. Dein innerer Kritiker hat im Retreat bisher nur ein wenig geschlummert, aber jetzt ist er sofort hellwach. Du kannst dich einfach nicht benehmen, sagt er mit der Stimme deines geschiedenen Mannes, deiner Frau. Du kriegst nicht die einfachsten Dinge auf die Reihe, und sie sind nur zu höflich hier, um dir ins Gesicht zu sagen, dass du eine Niete bist.

Oder in dir braut sich was zusammen. Es rumort im Magen und im Geist, und du hast zunehmend das Gefühl, in einem Dampfdrucktopf zu sitzen. Du darfst auf keinen Fall explodieren, denn Mami sitzt mit dir und bekommt einen Nervenzusammenbruch, wenn ihr Kind nicht alles tut, um sie zu beruhigen. Sie hat dir beigebracht, dass du für ihre Gefühle verantwortlich bist, und deshalb bist du auch für die Gefühle der anderen in diesem Retreat verantwortlich. Jemand verzieht das Gesicht, jemand schaut dich an (kritisch? verärgert? wütend?), und du grübelst, was du der Person getan haben und wie du das, wovon du nicht weißt, was es ist, wieder gutmachen könntest.

Oder auf einmal steht eine tiefe Traurigkeit in dir auf. Du hast keine Ahnung, was jetzt passiert ist, aber in deiner Familie hatten die Kinder fröhlich zu sein als Beweis dafür, dass ihre Eltern gute, erfolgreiche Erzieher waren. Und so denkst du schnell an etwas Schönes, damit die verbotene Traurigkeit bloß nicht größer wird und du am Ende noch weinen musst.

Auf einmal fragst du dich, ob deine Nachbarin nicht vergisst, deine Katze zu füttern. Du bist, wenn du darüber nachdenkst, eigentlich sicher, dass sie es vergessen wird. Du wirst die Katze halbtot vorfinden, und das wird dir das Herz brechen. Bei der Gelegenheit fällt dir ein, dass dich eine Mieterhöhung erwartet und das Ergebnis der Laboruntersuchung noch aussteht. Deine Angst wächst mit jedem Gedanken und hat wieder diese verzweifelte Schwärze wie damals, als deine Brüder dich auf den Dachboden gesperrt haben und stundenlang niemand dich vermisst hat.

Auf dem Kissen sitzen inzwischen mit dir zusammen die Nachbarin rechts, die ihre Beine nicht ruhig halten kann, der Mann, der so laut schnauft, und die Leiterin, die eine Minute zu spät die Sitzperiode abgeläutet hat. Es ist zum Haare-Raufen. Nicht einmal in diesen Zusammenhängen findest du die Perfektion, um die du dich unablässig bemühst, obwohl es dir so schwerfällt. 

Also, welches ist dein Thema? 

Wir alle haben unsere Themen, die uns immer wieder heimsuchen. Die Scham, das falsche Verantwortungsgefühl, die Angst, die Wut, das Beurteilen anderer. Das darf alles sein, und wie gut, dass unser Thema gerade jetzt im Retreat in großer Frische aufersteht. Denn jetzt haben wir die Gelegenheit, auf neue Weise damit umzugehen. Wir akzeptieren, dass es da ist, wir erkennen, womit wir es zu tun haben, und benennen es. Nicht, indem wir sagen: Ich schäme mich, ich habe Angst. Wir sagen: Ja, da ist Scham, da ist Angst, da ist Wut. Das alles sind Energien, die Teil unserer Prägung sind, aber uns nicht ausmachen. 

Im Retreat schaffen wir im Geist einen weiten Raum, in dem sie sich erst mal ein wenig austoben dürfen. Aber weil wir nicht mehr auf ihr Spektakel reagieren, wird ihnen ziemlich schnell langweilig. Eine nach der anderen verschwindet. Wohin? Keine Ahnung. Vielleicht zur Nachbarin auf dem Kissen, die plötzlich aufstöhnt. Bei uns jedenfalls ist es still. 

Und vor dem Fenster zwitschert die Abendamsel. Der kleine Bach plätschert. Unten im Dorf erklingt eine Glocke. 

Wir sind zurückgekehrt in die Weite des großen Ganzen. Und das fühlt sich sehr gut an.

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