Dienstag, 3. November 2026

Absichtslosigkeit

 

Im Kontext der Meditation hast du sicher schon von Absichtslosigkeit gehört. Wie alle Zen-Begriffe wird auch dieser oft falsch interpretiert. Ich bin schon spöttisch gefragt worden: "Wie soll ich denn mit Absicht absichtslos sein?" Wer so fragt, bleibt im Intellekt stecken und hat sich noch gar nicht darum bemüht, den Begriff mit Erfahrung zu füllen.

Im Grunde geht es um etwas ganz Einfaches. Absichtslosigkeit ist so eine Art Schlagwort für den bekannten Zen-Ausspruch "Wenn du gehst, dann geh." Wir tun, was wir gerade tun, mit voller Hingabe, ohne gleichzeitig andere Ziele zu verfolgen. Wir schneiden die Kartoffeln und entwerfen im Geist nicht die E-Mail, die wir hinterher schreiben wollen. Wir setzen Schritt vor Schritt und überlegen uns nicht, was uns möglicherweise erwartet, wenn wir dort ankommen, wo wir hinwollen. Stattdessen sind wir ganz präsent im Augenblick: hören das Rascheln in der Hecke, spüren den Kies unter unseren Sohlen.

Es gibt die Warnung, nicht zu versuchen, zwei Vögel mit einem Stein zu treffen. Ich  kannte mal eine - übrigens sehr kluge - Frau, die mir erzählte, wie genau ihr zukünftiger Partner auszusehen habe. Er sollte sehr gut verdienen, damit sie für ihr Kind - das er selbstverständlich wollen sollte - eine Kinderfrau einstellen konnte, er sollte ihr ein bequemes Haus bieten und natürlich gut aussehen und absolut treu sein. Diese Frau hatte versucht, einen ganzen Vogelschwarm mit einem Stein zu treffen, und heute ist sie fünfundsechzig, hat nie geheiratet und nie ein Kind bekommen.

Zur Absichtslosigkeit gehört auch Gelassenheit: Wir erwarten nicht, dass die Dinge so ausgehen, wie wir uns das vorstellen. Wir sind eingebunden in das riesige Netz des Universums, in dem sich alles unablässig verändert. Wenn wir uns nicht auf starre Ziele fokussieren, sondern weich und offen für das bleiben, was um uns und in uns geschieht, können wir klüger auf die Situationen antworten, in die uns das Leben stellt. 

Absichtslosigkeit ist ein hilfreiche Haltung im Alltag, die wir als Meditierende unbedingt kultivieren sollten. Aber sie hat ihre Grenzen, und wir dürfen sie nicht im falschen Moment anwenden wollen. In einem Praxishaus habe ich einmal erlebt, wie einer Frau, die ein paar Tage zuvor von ihrem Partner verlassen worden war, mit einem verärgerten Unterton gesagt wurde, sie solle ihre Vorstellungen aufgeben und zur Absichtslosigkeit zurückkehren. Der Mann habe sich eben anders entschieden, so sei es nun mal.

Wenn sich dein Leben auf den Kopf stellt, kommst du mit dem Konzept der Absichtslosigkeit allein nicht weiter. Da brauchst du mehr, und ich habe diesen Beitrag eigentlich nur als Vorbereitung geschrieben auf das Mehr, von dem im Kontext der Meditation selten die Rede ist. Was also brauchst du, wenn dein Partner dich verlässt oder du eine ernste medizinische Diagnose erhältst? Du brauchst eine Ausrichtung.

Darüber im nächsten Beitrag mehr.

**

Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).