Vor unserer Bibliothek: In Harz eingegossene Bücher, der Schreddermaschine entronnen.
Vor ein paar Monaten fiel es mir auf. Mein Blog hat normalerweise einhundert bis einhundertfünfzig Aufrufe pro Tag. Plötzlich hatte er zwanzigtausend im Monat! Ich hörte mich um und erfuhr: Auch andere Blogger kannten das Phänomen. Zwei Wochen später las ich im britischen Guardian, dass bei europäischen Antiquariaten seit Kurzem jede Nacht riesige Bestellungen eingehen von einer mysteriösen kanadisch-amerikanischen Firma namens Zoom Books. Die Firma kauft offenbar wahllos alte Bücher ein, bevorzugt Sachbücher. Die Antiquare freuten sich: Sie wurden ihre Ladenhüter los. Aber irgendwann wurden sie stutzig. Wofür braucht Zoom Books all diese Bücher?
Inzwischen ist einiges bekannt. Nach Recherchen der Washington Post hat die amerikanische KI-Firma Anthropic schon vor längerer Zeit millionenfach Bücher aufgekauft, die Buchrücken entfernt, die Seiten eingescannt und danach die Bücher vernichtet. Das fällt offenbar nach US-amerikanischem Recht unter die sogenannte "Fair Use"-Regel, nach der man Bücher, die man physisch besitzt, nach eigenem Ermessen nutzen darf. (Anthropic hat allerdings auch sieben Milliarden Bücher illegal online heruntergeladen, wofür sie 1,5 Milliarden Dollar an die Autoren zahlen mussten.)
Inzwischen hat Zoom Books, wie ein Antiquar in der Süddeutschen Zeitung erzählt, eine Filiale in Deutschland, weil der Versand in die USA den meisten Antiquariaten zu teuer war. Bestellt werden vor allem Bücher mit einer ISBN aus den 1970er Jahren und später, weil die noch urheberrechtsgeschützt und, anders als frühere Werke, noch nicht digitalisiert sind.
Irgendwo in den USA wird also eine KI mit meinen Texten gefüttert, auch mit diesem hier. Was macht die KI dann damit? Wie wird sie programmiert, was spuckt sie auf welchen Befehl hin aus? Worte und Sätze, die - wenn es um Literatur geht - von den so wichtigen Zwischentönen "gereinigt" und aus dem ursprünglichen Kontext gerissen werden.
Die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat kürzlich auf einer Konferenz gesagt, sie gebe manchmal der KI eine Idee vor und frage sie: "Schatz, wie können wir das schön entwickeln?" Der Deutschlandfunk zitiert einen Cosy-Crime-Autor (ich hatte zuvor noch nie von dem Genre gehört), der an die KI auslagert, was er nicht gerne macht: "Das Plotten, die Charakterentwicklung, die erste Rohfassung". Die KI kennt auch seine Zielgruppe und weiß, was für diese funktioniert und was nicht. Das füttert er in seinen Charakter-Bot ein, der aus den Versatzstücken einen verkaufsfördernden Protagonisten zusammenschustert. Warum das Ganze? Er schaffe, sagt der Autor, auf diese Weise mehr Bücher in kürzerer Zeit.
Meine amerikanische Schwägerin ist eine typische New Yorkerin: verknappte, schnelle Sprache ohne unnötige Adjektive oder Halbsätze. Kürzlich bekam ich von ihr eine lange Mail. Eine seeehr lange Mail mit richtig bildhaften Beschreibungen ihrer letzten Reise, hübschen kleinen Anekdoten und viel Humor. Ich staunte. Bis ich die winzig kleine Unterschrift am Schluss las: "Written by Dorothy and AI".
Ich habe eine Bekannte, die noch nicht einmal ein Smartphone besitzt. Und eine Freundin, die zwar eins hat (das sie kaum benutzt), dafür aber keine E-Mail. Beide sind schwer zu erreichen, weil sie oft keine Lust haben, das Festnetz-Telefon abzuheben. Verstehe ich sehr gut.
Was für eine seltsame Zeit. Wir alle befinden uns irgendwo zwischen Verharren und Davonstürmen; in einer Welt, die sich unablässig verändert und uns zwingt, uns irgendwie zu ihr zu verhalten. Ich fühle mich gerade wie eine Läuferin, die vom Laufen müde geworden ist und ihr Tempo langsam auslaufen lässt. Ein Ziel hat sie nicht mehr, würde sie ohnehin nicht erreichen. Was sie hat, ist Landschaft entlang des Weges. Ein wenig Wetter jeder Art. Manchmal geht jemand im selben Tempo wie sie, dann geht man ein Stück gemeinsam. Aber das ist selten.
Was für eine seltsame Zeit.
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