Samstag, 1. April 2023

Reise-Bücher anderer Art

 

Eine Pilgerreise. Yongey Mingyur Rinpoche, Abt eines bedeutenden tibetischen Klosters, schlüpft eines Nachts heimlich durch das Tor, um auf die traditionelle Pilgerreise zu gehen. Mit nichts als seiner Robe, einem Schlafsack und der Bettelschale. Der Bahnhof von Varanasi ist die erste Herausforderung. Mingyur stellt fest, dass er, der verwöhnte Abt, Probleme hat mit der Menschenmenge, dem Schmutz, dem Lärm. Im Verlauf der nächsten Wochen muss er eine Anhaftung nach der anderen, ein Urteil nach dem anderen loslassen, bis er schließlich todkrank in einem Park in Kushinagar landet, wo er eine tiefe Erleuchtungs-Erfahrung macht. Die Pilgerreise wird vier Jahre dauern. Yongey Mingyur zeigt, wie gelebtes Dharma aussehen kann, und flicht in seine Reise-Erzählung unaufdringliche Belehrungen ein, die auch für uns ohne Weiteres umsetzbar sind. Sein Fazit: "Wir alle träumen uns gemeinsam in das Sein. Wir sterben in das Sein. Wir werden und werden. Wir werden immer." Ich liebe dieses Buch. Yongey Mingyur (mit Helen Torkov) "Auf dem Weg. Eine Reise zum wahren Sinn des Lebens", aus dem Amerikanischen von Lieselotte Prugger, btb Taschenbuch

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Eine Italien-Reise. Matteo hat den Beruf des Clowns aufgegeben, um Schauspieler zu werden. Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin bleibt ihm im vierten Akt von „König Lear“ die Stimme weg, und Matteo zieht sich, vom Leben verwundet, zurück in ein süditalienisches Dorf. Dort begegnet ihm die kanadische Komponistin Vera, die zeitweise bei ihm einzieht, aber zwischendurch immer wieder verschwindet. Zwei Menschen, für die Stille lebenswichtig ist: Sie, die ihre innere Musik hört, und er, der im Herzen der stumme Clown geblieben ist. Aber Zofia, die tote Geliebte, ist als Dritte immer anwesend, und die Leserin ahnt, was Matteo zu spät begreift: dass Vera nicht zufällig aufgetaucht ist. Eine Geschichte darüber, wie wir von unsichtbaren Fäden zueinander geführt werden, aber einander verlieren, weil wir die Zeichen nicht bemerken. In diesem stillen Buch hört ein kleiner Balkon aufmerksam zu, und Tische sind „feinfühlig und hellhörig“. Sehr, sehr schön. Jürg Beeler „Die Zartheit der Stühle“, Dörlemann Verlag

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Eine Reise zu den Walen. Vor Jahren hat sich die britische Umweltingenieurin und Journalistin Doreen Cunningham einer offiziell genehmigten Walfang-Jagd der Ureinwohner von Alaska angeschlossen. Sie lebte mit den Männern im Eislager, floh im Schneemobil in letzter Minute vor dem einbrechenden Eis, und die Vegetarierin lernte, Walfleisch zu essen. Inzwischen hat sie einen Sohn und ist wegen finanzieller Probleme mit ihm in einem Obdachlosenheim gelandet. In einem mutigen Entschluss nimmt sie einen Kredit auf und fliegt mit dem Dreijährigen in die USA, um an Land dem Zug der Wale von der Baja California nach Alaska zu folgen. Doreen erzählt von dieser Reise (alles geht schief), erinnert sich an die Zeit bei den Inuit (großartig zu lesen) und bietet gleichzeitig erschreckende Fakten über die Umweltzerstörung. Mit Quellenangaben beweist die Journalistin, dass die Warnungen der Wissenschaft vor der Klima-Katastrophe von der Wirtschaft lange geleugnet oder umgedeutet wurden, was die Medien veranlasste, das Thema nicht ernst zu nehmen. Meine Rezension in SWR2 Lesenswert hier (klick) Doreen Cunningham "Der Gesang in den Meeren", aus dem Englischen von Karen Witthuhn, Rowohlt

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Eine Reise nach innen. Eine Schriftstellerin an der Schwelle zum Altern beginnt ein Tagebuch. Sie lebt eine reiche Gegenwart mit Partner, Schwestern, Freundinnen, aber auch die Vergangenheit möchte angeschaut werden. Das Tagebuch wird zum Lebensbuch, in das nach und nach einfließt, was wichtig gewesen ist. Karin Petersen meditiert und weiß, dass Geistes- und Gefühlszustände wahrgenommen werden wollen, damit sie sich von alleine wieder auflösen können. Und so notiert sie alles, was in ihr und um sie herum geschieht. Wir lesen von Gartenarbeit, Essen mit Freunden, Chorsingen, Krankheit, und immer wieder leuchtet die Freude an der Schönheit der Welt auf. Die Geschichte einer Jugendliebe zieht sich durch das Buch, die ihre Erfüllung nicht in der Gemeinsamkeit findet, sondern im Freiwerden für die Entdeckung des Alleinseins. Karin Petersen beobachtet genau und ist misstrauisch gegenüber jedem Wahrheitsanspruch. Dem Alltag hingegeben und doch immer auf der Suche nach dem, was größer ist als das Sichtbare. „Manchmal“, schreibt sie, „beim stillen Sitzen, weiß ich mich geborgen in dieser Grenzenlosigkeit und vertraue meinem Erleben auch da, wo es schmerzhaft ist.“ Ein kluges, stilles und reifes Buch. Karin Petersen „Heute ist morgen gestern. Vom Reichtum des Älterwerdens“. 22 EUR incl. Versand. Zu beziehen direkt bei der Autorin:  K-Petersen (at) gmx.de

 

Mittwoch, 29. März 2023

Straßen im Frühling

 

Vor dem Szene-Café sitzen sie auf dem Boden in der Sonne, die Rücken an der Hauswand, aufgereiht wie Tauben auf dem Dach. Mit nickenden pickenden Köpfen hacken sie in ihre Laptops. Zwischen sich Teller und Becher mit Proviant aus dem Café, das Gesundes, Veganes, Frisches anbietet. Studentenleben 2023.

Sie haben sich aus der Winterwolle geschält und zeigen Farbe. Eine junge Frau mit Haaren wie eine Feuersbrunst, baumelnde orientalische Ohrringe. Ein junger Mann im bodenlangen schwarzen Ledermantel, eine rote Lederkappe auf dem Kopf. An der Hauswand sitzen ein langer violetter Tüllrock, ein Poncho, eine Haremshose. Ich muss öfter durch diese Straße gehen, hier verkehren die Individualisten. Nur wenige Schritte weiter, vor der Uni-Bibliothek, wieder das einheitliche Grau-Blau der Jeans-Fraktion.

An der Haltestelle der Straßenbahn steht ein junger Mann und umklammert einen Topf mit Katzengras, den er auf einer dieser Schaumstoff-Verpackungen abgestellt hat, in denen man Fast Food transportiert. Ich glaube, er liebt seine Katze mehr als sich selbst. Aber vielleicht kann die Frittierbox mit Ketchup und Mayo auch ein Ausdruck von Selbstliebe sein. 

(So wie die herrlichen Mandeln mit Vollmilch-Schokolade oder Himbeer- und Limonen-Überzug, die es in diesem kleinen Laden gibt, den ich jetzt, gerade jetzt, betrete.)

Der Obdachlose, der sonst immer seinen Recorder laut aufgedreht hat und die Passanten bevorzugt mit der Oper Carmen beschallt, ist offenbar zum Mittagessen gegangen. Statt seiner Person hat er neben dem einladend geöffneten Hut in einem Bilderrahmen ein Foto von sich hingesetzt. Ich verstehe das Geschäftskonzept: Du musst deine Kunden bei der Stange halten, sonst lassen sie ihr Geld bei der Konkurrenz.

Gedanken über Menschen in den Straßen im Frühling, die ich sehe, aber deshalb noch lange nicht kenne ...


Dienstag, 21. März 2023

Er ist da

 


Gestern um 22.24 Uhr trat der Frühling in den Kalender. Er trug Schal und Wintermantel und hatte sich eine Mütze über die Ohren gezogen. 

Er ging mit schleppendem Schritt und atmete mühsam. Ich fragte mich etwas besorgt, ob er die Kraft haben würde, die Kargheit zu beleben, die sein Vorgänger ihm hinterlassen hatte.

Auf meinem Balkon beugte sich der Frühling über mein Hochbeet und hustete das Moos an, das sich dort ohne meine Erlaubnis niedergelassen hatte.

Das Moos war sehr erfreut über den feuchten Husten und schickte gleich einen Dank empor. Irgendwas Undefinierbares, was meine Pflanzenbestimmungs-App nicht einordnen kann.

Aber ich will nicht meckern. Es ist grün. Schön grün.


Dienstag, 14. März 2023

Ehrung der Weisen Frauen

 

So, dies ist der Beitrag, der eigentlich am Internationalen Frauentag erscheinen sollte, aber Mary Bauermeister war mir wichtiger. Ich ehre also heute und jeden Tag die Weisen Frauen aller Zeiten, die unsere Ahninnen und Lehrerinnen sind. Die Priesterinnen im alten Griechenland, die Eingeweihten aller Kulturen, die Schamaninnen, Hellsichtigen und Heilerinnen. All jene, die man im Mittelalter Hexen nannte und verbrannt hat, weil sie Wissen um die unsichtbaren, feinstofflichen Welten hatten; ein Wissen, das man nicht in Schulen lernen kann. Dieses Wissen ist mächtig, weil es kraftvolle Veränderungen herbeiführen kann, und deshalb bedroht es die offiziellen Hierarchien der Welt, sodass sie es vernichten wollen. Heute wie damals.

Diese Frauen wurden ermordet, aber ihr Wissen lebt weiter: In den Kräuterfrauen auf den Dörfern, die wissen, wann sie welche Heilkräuter wo pflücken und in welcher Form sie diese verabreichen müssen. In den Ärztinnen, Therapeutinnen, Akupunkteurinnen und Hebammen, die still und ohne Aufhebens altes Frauenwissen anwenden und sich von der allopathischen Medizin nicht vereinnahmen lassen. 

Ich ehre ganz persönlich die wunderbare, leider verstorbene Heilerin Pamela Sommer-Dickson, die mir die Ermächtigung für meine Arbeit gegeben hat. Und meine erste Homöopathin in München, eine knorrige hellsichtige Frau, die zwanzig Minuten lang in tiefem Schweigen in einem abgegriffenen Folianten blätterte, obwohl sie schon beim Hereinkommen ihrer Patienten wusste, welches Mittel diese brauchten; sie hat mich für immer von der Homöpathie überzeugt. Ich ehre die Aromatherapeutinnen, bei denen ich lerne, mit den kraftvollen ätherischen Ölen zu arbeiten, und die Myrrophorinnen, die "Hüterinnen der Öle", die mir die spirituelle Dimension der ätherischen Öle erschließen.

Ich ehre alle Frauen, die wissen, dass die Beherrschung des Geistes wahre Macht bedeutet, aber die Liebe die größte Kraft ist. Ich ehre alle Mütter, die intuitiv wissen, was ihre Kinder brauchen; alle Liebenden, die mit ihren Geliebten so tief verbunden sind, wie diese es nie begreifen werden; alle Lehrerinnen aller Bereiche, die ihre Erfahrungen großzügig weitergeben und in anderen Menschen Samen begießen, die zu großen starken Pflanzen werden; alle Pfarrerinnen und Dienerinnen aller Kirchen, die Missbrauch in den organisierten Religionen öffentlich machen. Ich ehre vor allem jene Künstlerinnen, die in sich wieder vereinen, was früher selbstverständlich zusammengehörte, aber für Jahrzehnte gewaltsam getrennt war: die Künstlerinnen, die mit ihrer Kunst transformieren, erwecken und heilen können.

Ich ehre alle Frauen, die sich nicht scheuen, darauf hinzuweisen, dass Krieg auf jeder Seite nur Verlierer hervorbringt und nie die Lösung ist für einen Konflikt. Die den Mut haben, Gewalt in öffentlichen Stellungnahmen abzulehnen, auch gegen die Empörung einer angeblichen Mehrheit. Stellvertretend für diese zitiere ich die frühere Grünen-Abgeordnete Antje Vollmer: "Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren, einzigartigen und wunderbaren Planenten, der muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption."

Ich ehre alle Frauen, die sich weigern, anderen Frauen weiterhin so zu begegnen, wie es uns allen beigebracht wurde: mit Neid und Eifersucht und Vergleich, mit Abwertung der anderen und Aufwertung der eigenen Person. Mit Augen, die in der anderen eine Konkurrentin sehen, weil das eigene Herz voll Angst und Unsicherheit ist.

Ich ehre alle Frauen, die so frei im Geist sind, dass sie anderen Frauen als Schwestern begegnen können.


Mittwoch, 8. März 2023

Mary Bauermeister 1934 - 2023

 


Nun hat sie uns verlassen, die großartige Künstlerin Mary Bauermeister. Ihr Leben passt als Beitrag zum Internationalen Frauentag. In ihrem Atelier in Köln enstand nach dem Krieg die Fluxus-Bewegung. John Cage gab Konzerte, Nam June Paik zersägte ein Klavier, Karlheinz Stockhausen komponierte. Von Stockhausen bekam Mary zwei Kinder, lebte mit ihm und seiner Frau in New York in einer Dreiecksbeziehung und war dort kurz davor, als Künstlerin weltberühmt zu werden. Aber sie konnte mit Stockhausen, mit dem sie inzwischen verheiratet war, nicht leben. Nach der Trennung begann sie, in Deutschland mit ungewöhnlichen Materialien zu arbeiten: alte Bettücher, Korken, Strohhalme und Prismen. "Ich bin immer dem gefolgt, was ich fühlte und dachte, ich bin nur mir selbst verpflichtet. Was Kunst ist, will ich gar nicht wissen von jemand anderem", sagte sie zu mir, als ich sie vor ein paar Jahren für mein SWR-Feature "Grenzen" in ihrem Atelier in Rösrath besuchte.

Es war beeindruckend, ihre monumentalen Steinbilder im Original zu sehen und durch die Prismen zu blicken, die überall im Haus hingen und die Welt in der Vielfalt zeigen, die wir mit unseren gewöhnlichen Augen nicht wahrnehmen. Und dann dieses Haus, das selbst ein Kunstwerk ist. Ineinander geschachtelte Ebenen, viel Glas, viel Licht. Schafwollteppiche und Leinenvorhänge. Vor dem Schlafzimmer das Wasserdach, bepflanzt mit Schilf und allerlei Grün, dazwischen Holzscheiben als Trittsteine. Über eine abenteuerliche Leiter erreicht man weitere Terrassen, auf der obersten ist das Gemüsegärtchen. Weit hinten am Horizont liegt die Stadt Köln. Der Garten ringsherum ist eine Mischung aus Wildnis und Kultur. Nichts ist hier modisch oder schick. Und überall Bilder und Skulpturen, Musikinstrumente, Fundstücke aus der Natur. Die Natur und die Kunst waren für Mary "Horte der Glückseligkeit". 

Es war heiß, wir saßen im Garten, und Mary servierte Erdbeeren mit Schlagsahne. Sie duzte mich gleich und erzählte mir, dass sie die Deutschlandfahne auf den Kopf stellen wollte: Das Schwarz müsse unten sein und das Gold oben. Mir leuchtete das sofort ein. Mit Mary zusammen zu sein, war elektrisierend und inspirierend, aber auch überwältigend. Eine starke Persönlichkeit voller Kreativität, ihre Präsenz war raumgreifend. Wir beide hatten ähnliche spirituelle Kindheitserfahrungen, und vielleicht deshalb finde ich ihre Spiritualität in all ihren Werken.

Im Jahr 2020, als sie schon an Krebs erkrankt war, wurde ein wunderschöner Film über sie gedreht: "eins und eins ist drei". Leider ist er nur noch bis zum 5. April in der ARD-Mediathek zu sehen: hier (klick)

Mary Bauermeister starb am 2. März im Alter von 88 Jahren. "She changed levels", schrieb ihr Sohn auf Facebook. Ich werde die Begegnung mit ihr und ihrer Kunst nie vergessen.