Es kam schleichend. Sie blätterte in den Noten und wusste kurzzeitig nicht mehr, was wir gerade sangen. Dann stand sie, die Altistin, auf und kam durch den ganzen Saal herüber zu mir, der Sopranistin, und fragte nach. Vielleicht hatte sie mich ausgewählt, weil ich auch nach der zehnten Nachfrage noch Auskunft gab, im Gegensatz zu anderen, die ihr verärgert sagten, sie solle sich doch bitte konzentrieren.
Ich sah, wie sehr sie versuchte, sich zu konzentrieren. Sah ihre immerwährende Freundlichkeit, ihr Lächeln, das keinen Anlass brauchte, um zu erscheinen. Einfach so. In einer ihr zunehmend fremder werdenden Welt. Ich sagte den anderen, dass vielleicht Traurigkeit die angemessenere Reaktion wäre.
Ich singe seit meinem sechsten Lebensjahr in Chören. Im Kinderchor, Kirchenchor, Gospelchor, im internationalen Chor, in diversen klassischen Konzertchören. Mein Chor seit ein paar Jahren ist nicht mehr so anspruchsvoll, wie ich es gewohnt war. Er singt solide alles zwischen geistlicher Musik und Klassik. Es wird mein letzter Chor sein. Ich bleibe in ihm.
Wir nehmen sie, die manchmal nicht mehr weiß, wer die Frau dort vorne am Klavier ist, im Konzert in unsere Mitte, damit sie nicht einfach davongeht, zur Kirchentür hinaus und irgendwohin. Sie fragt uns bei jeder Probe nach unseren Namen, und wir geben ihr geduldig Auskunft. Ihre Sitznachbarinnen legen ihr beruhigend die Hände auf die Knie und und zeigen ihr den Takt, der gerade geprobt wird. Ihr Mann, ohne den sie nicht kommen könnte, kann im Tenor für eineinhalb Stunden entspannen und Verantwortung abgeben.
Im Moment singen wir Lieder von Louise Farrenc und Claude Goudimel. Ich mag Monteverdi lieber, aber das ist nicht wichtig. Ich bleibe, weil ein langjähriges Chormitglied für uns immer Chormitglied bleiben wird. Ich bleibe wegen der geduldigen Antworten und der beruhigenden Hände auf dem Knie einer Frau, die in ihrem früheren Leben Pianistin war und manchmal noch, plötzlich und für alle überraschend, präzise eine Quinte trifft. Und ihr Mann im Tenor lächelt.
**
Wenn Dir/Ihnen dieser Beitrag gefällt, freue ich mich über eine Spende (klick).
.jpg)
Kommentar veröffentlichen
Mit dem Absenden Ihres Kommentars bestätigen Sie, dass Sie meine Datenschutzerklärung (aufrufbar am Ende dieser Seite) sowie die Datenschutzerklärung von Google unter https://policies.google.com/privacy?hl=de gelesen und akzeptiert haben. Sie können Nachfolgekommentare gem. Art. 6 Abs. 1 lit. a DSGVO durch Setzen des Häkchens rechts unter dem Kommentarfeld abonnieren. Google informiert Sie dann mit dem Hinweis auf Ihre Widerrufsmöglichkeiten durch eine Mail an die Adresse, die Sie angegeben haben. Wenn Sie das Häkchen entfernen, wird das Abonnement gelöscht und Ihnen eine entsprechende Nachricht übersandt. Sie können Ihren eigenen Kommentar jederzeit selber wieder löschen oder durch mich entfernen lassen.