Freitag, 22. Mai 2015
Der philosophische Kater über: Feiertage
Wir Katzen begreifen das menschliche Konzept der Feiertage nicht. Die Menschen feiern also nicht den Tag, sondern der Tag feiert etwas, was irgendwann an diesem Tag geschehen ist oder geschehen sein soll? Bei den Menschen ist alles immer gleich so groß, lang und unpersönlich. Es wundert uns Katzen deshalb nicht, dass bevorstehende Feiertage die Menschen in hektische Aktivität versetzen. Sie riechen dann anders, so scharf.
Als Kater kenne ich nur Feiermomente. Das ist zum Beispiel der Moment, in dem ich mich auf dem Rücken räkele, und dann kommt ihre Hand, um mich am Bauch zu kraulen. Oh Wonne! Oder der Moment, in dem ein Bällchen geflogen kommt. Besser noch: ein Brekkie. Und diese jungen Triebe der Hortensie hier auf dem Balkon, köstlich! Oder der Vogel da auf dem Dachfirst! Gleich werde ich den kriegen ... gleich ... Und dann fliegt er weg, aber das feiere ich als Katze auch, denn so kann ich mich in die Sonne legen und muss mich nicht anstrengen.
Feiermomente sind klein, kurz und sehr persönlich. Sie stehen nicht im Kalender, man kann sie nicht planen, vorher für sie einkaufen und die Wohnung putzen (die Menschen glauben merkwürdigerweise, beim Feiern müsse alles sauber sein). Sie überfallen einen einfach so. Jeder Moment kann unversehens zum Feiermoment werden. Aber die Menschen fühlen sich unbehaglich, wenn etwas Ungeplantes auftaucht. Und dann die Treppe nicht geputzt ist. Und ihnen so auf die Schnelle gar nicht einfällt, wie man den Moment eigentlich feiern soll.
Ja, ich als Katze habe beobachtet: Die Menschen haben Angst vor Feiermomenten.
Samstag, 16. Mai 2015
Northern Lights
Ein weiteres Lieblings-Stück der zeitgenössischen Chormusik: "Pulchra es, amica mea" des jungen norwegischen Komponisten Ola Gjeilo (*1978), das er schrieb, nachdem er die Nordlichter in seiner Heimat beobachtet hatte.
Pulchra es, amica mea,
suavis et decora filia Ierusalem.
Pulchra es, amica mea,
suavis et decora sicut Ierusalem,
terribilis ut castrorum acies ordinata.
Averte oculos tuos a me
quia ipsi me avolare fecerunt.
Hohelied
Schön bist du, meine Freundin,
süße und liebliche Tochter Jerusalems.
Schön bist du, meine Freundin,
süß und lieblich wie Jerusalem,
doch furchtbar wie die geordnete
Schlachtenreihe vor dem Lager.
Wende ab deine Augen von mir,
denn sie zwangen mich zu fliehn.
Freitag, 3. April 2015
Das April-Gedicht, viersprachig
Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag (siehe rechte Spalte unter "Bücher")
Meine Gedichte sind schon in etlichen Ländern erschienen. Das wundert mich, sind es doch ganz einfache, stille Gedichte. Obwohl man sich von der Einfachheit nicht täuschen lassen darf (genau lesen, ganz genau!), frage ich mich: Wer außer mir mag einfache, stille Gedichte? Ich habe sogar mal den Marburger Förderpreis für Literatur für die stillen Gedichte bekommen. Und wundere mich immer noch darüber ...
Hier der "Brunnen" auf Italienisch:
Pozzo
Cerchio di pietra
ripieno di vuoto
sotto
molto sotto lo splendore
(Trad.: Simona Venuti)
Auf Englisch:
Well
Stoneround
full of emptiness
down
deepest down the glint
Auf Niederländisch:
Put
Steenrond
gevuld met leegte
beneden
diep beneden een glans
(Ü: Piet Hermans)
Sonntag, 29. März 2015
Frau Irgang kocht: Vegetarisches Chili
Jeder Blog, der was auf sich hält, veröffentlicht - egal, welche Themen er sonst behandelt - irgendwann ein Rezept. Deshalb hier das Sonntagsessen von Frau Irgang. Das Basisrezept verdankt sie Ken Wilber, hat es aber für ihren Geschmack entscheidend verändert, alle Zutaten natürlich in Bioqualität gekauft und heute für 2 Personen so gekocht:
1 Dose Kidney Beans
1 Dose geschälte Tomaten (pomodori pelati)
2 Schalotten, gehackt
1 grüne Paprikaschote, gehackt
2 Stangen Sellerie, gehackt
2 Knoblauchzehen
1 Handvoll Mandeln oder Cashewkerne, gehackt
1 große Handvoll Rosinen
1 Tasse Gemüsebrühe
0,3 l alkoholfreies Bier
Oregano, frische Petersilie, Kurkuma, Cayennepfeffer, Salz, Zucker
Zwiebeln in Olivenöl andünsten, Gemüse dazu, dünsten. Tomaten und Kidney Beans, Gemüsebrühe, Bier und getrockneten Oregano dazugeben, ca. 15 Minuten köcheln. Zum Schluss die Nüsse und die Rosinen. Kräftig würzen mit Kurkuma, Cayennepfeffer, Salz und Zucker, mit frischer Petersilie bestreuen und, für Nicht-Veganer, mit geriebenem Käse.
Das Tolle am Chili sind die Rosinen!
Donnerstag, 26. März 2015
Bitte innehalten ... und atmen ...
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| C: David Nyblack |
Es gibt Tage, da fühle ich mich, sobald ich meine Wohnung
verlasse, so (siehe oben). In der Welt erwarten mich Stacheln, nämlich Menschen, die viele Gründe finden, sich aufzuregen. Zum Beispiel – ganz fiktiv,
einfach mal angenommen – irgendwo im Haus ist etwas kaputt, irgendwo zieht es,
irgendetwas hat die Nachbarin (also zum Beispiel ich) nicht sauber genug geputzt. Oder
jemand fühlt sich von Dritten, die praktischerweise nicht anwesend sind und über die man also ausführlich schimpfen kann, respektlos behandelt oder wünscht sich
von ihnen die Erfüllung von allerlei Forderungen und Erwartungen. Solche Aufregung verlangt danach, mitgeteilt zu werden, und so werde ich, die
nichts weiter will, als einer Alltagsbeschäftigung nachzugehen, mit heißer
heftiger Energie überschüttet. Unvermutet. Überfallartig. Jederzeit.
Wenn es hier wirklich nur um Tatsachen ginge, gäbe es etliche
Lösungsmöglichkeiten. Man könnte sich fragen, ob die eigene Wahrnehmung wirklich korrekt ist. Ist sie es, könnte man den Vermieter um Mängelbeseitigung bitten oder
ausziehen. Man könnte auch über ein paar Unvollkommenheiten hinwegsehen und
sich klarmachen, dass andere Menschen nicht dazu da sind, unsere
Vorstellungen zu erfüllen. Vor allem sollte man mit den Menschen sprechen und nicht über sie. Aber es geht nicht darum, Lösungen zu finden, es geht um den
Wunsch, sich aufzuregen.
Eine der wichtigsten Anweisungen für die Meditationspraxis
im Alltag lautet, Tatsachen von unseren Reaktionen auf sie zu trennen. Ich
erinnere mich, dass diese genaue Unterscheidung auch mir anfangs nicht ganz
leicht fiel. Heute bin ich unendlich dankbar, sie gelernt zu haben. Woher kommt
dieser Zwang, sich aufzuregen? Die beste Erklärung dafür habe ich bei Eckhart
Tolle (in seinem Buch "Jetzt!") gefunden, der den in uns angesammelten Schmerz als einen eigenständigen
„Schmerzkörper“ bezeichnet. Der Schmerzkörper will „gefüttert“ werden, er
verlangt nach Nahrung: „Er lebt von jeder Erfahrung, die mit seiner eigenen Art
von Energie mitschwingt, von allem, was mehr Schmerz erschafft, in welcher
Form auch immer: Wut, Zerstörung, Hass, Trauer, emotionalem Drama, Gewalt und
sogar von Krankheit. Sobald er Macht über dich hat, wird der Schmerzkörper also
Situationen in deinem Leben erschaffen, die ihm seine eigene Energiefrequenz
zurückgeben, damit er sich davon ernähren kann.“
Der Schmerzkörper in uns allen ist es, der Feindschaft sät,
Intrigen anzettelt, Kriege erklärt. Wie können wir ihn beruhigen und heilen, so dass er nicht mehr nach Nahrung verlangt?
A tmen
L ächeln
I nnehalten
"Wenn Sie nicht wissen, was Sie tun sollen, tun Sie gar nichts", pflegte Jiddu Krishnamurti zu sagen. Und Thich Nhât Hanh ergänzt: "Nicht-Tun ist auch ein Tun". Die erfahrene Meditationsschülerin, die auch ein Mann sein darf, praktiziert, wenn ein innerer oder äußerer Sturm losbricht, also erst einmal das Nicht-Tun. Alle Ampeln stehen auf Rot, da rast man nicht los. Man hält an. Man HÄLT INNE. Und während sie in leiser Ratlosigkeit irgendwo herumsitzt oder herumsteht, tut sie sogar etwas: sie ATMET.
Der Atem ist des Meditierenden bester Freund, er kann sich auf ihn verlassen: Er bleibt bei ihm bis zum Tod. Wenn also der Schmerzkörper aufwacht und nach jeder Menge Wut und emotionalem Drama verlangt, wendet sich der kluge Meditierende an seinen besten Freund und atmet drei Mal bewusst ein und aus. Schreit weder die Nachbarin an noch den Hund und rennt auch nicht hektisch herum. Er tut nur dies: ATMEN. Der Atem wurde seit jeher mit dem Geist gleichgesetzt; schon in der Genesis steht, dass Gott dem Menschen den Lebensatem einhauchte. Der Atem verbindet Körper und Geist, die im Alltag zu oft getrennte Wege gehen, und ein solcherart gesammelter Körper-Geist hat Kraft und Entschlossenheit. Die alten Samurai wussten das.
Aber bevor nun die gesammelte Kraft und Entschlossenheit in Taten verwandelt wird, fällt der erfahrenen Meditierenden ein Satz des Dalai Lama ein: "Freundlichkeit ist meine Religion". Sie erinnert sich zudem daran, dass sie Humor hat, schaut sich den ganzen Aufruhr an und LÄCHELT.
Und kocht sich erst einmal einen guten Tee.
Das Wesen alles Lebendigen ist unablässige Verwandlung, und manchmal mögen wir das, was das Lebendige uns präsentiert, überhaupt nicht. Da gibt es Leute, die uns respektlos behandeln, Nachbarinnen, die nicht pausenlos mit dem Wischlappen durch die Gegend laufen, und jede Menge Mängel - da draußen, aber auch in uns selbst. Mögen und Nichtmögen sind jedoch nur persönliche Meinungen, und auch Meinungen verändern sich ständig. Die Meditationsschülerin hat gelernt, ihre Meinung einfach als Meinung zu erkennen und sich damit nicht zu identifizieren. In ihrer Zenpraxis hat sie gesehen, dass die Arbeit am Schmerzkörper ihre eigene Aufgabe ist, die niemand für sie übernehmen kann. Sie hat begriffen, dass auch ihr Schmerzkörper, sobald er sich äußert, zu den zahllosen Konflikten in der Welt beiträgt, und sie nimmt sich vor, das Einzige zu tun, was tatsächlich in ihrer Macht steht: Ihren eigenen Schmerz zu beruhigen, damit der Schmerzkörper der Welt zumindest von ihr keine neue Nahrung erhält.
(Das ist "Zen im Alltag" und DIE Grundübung aus der Dhyana-Schule von Thich Nhât Hanh. Sie klingt simpel, ist eine Praxis fürs ganze Leben, nicht immer leicht durchzuhalten, aber ihre Wirkung ist enorm. Für den, der sie praktiziert, und vor allem für die Menschen, die mit ihm zu tun haben ...)
Sonntag, 22. Februar 2015
Sie wird gemalt, oder: Der Sommer, in dem die Freiheit begann
Ich mag es nicht, fotografiert zu werden. Sobald sich ein Sucher auf mich richtet, huscht etwas in mir davon. Etwas, das sich nicht festhalten lassen und vor aller Augen präsentieren will, noch dazu für alle Zeit. Also huscht es davon, und wenn ich Fotos von mir angucke, sehe ich, dass es fehlt. Und weil es fehlt, bin das nicht ich auf dem Foto. Nur vor der Fotografin Isolde Ohlbaum ist es nicht ganz davongelaufen (es lugt in den Fotos, die sie von mir gemacht hat, um die Ecke), denn mit ihr kann man sich über Bücher und Katzen unterhalten, also über die wirklich wichtigen Dinge. (Sie macht auch schöne Fotobücher. Die sieht man hier: www.ohlbaum.de)
Aber in einem Frühling, Sommer und Herbst vor etwa zweiunddreißig Jahren in Irschenhausen: da musste nichts davonhuschen. Das Atelier so still, die Sonne vor den hohen Fenstern, der Geruch nach Farbe, das leise Wischen des Pinsels auf der Leinwand, ich mit der Katze auf dem Schoß, die Füße auf einem warmen Backstein, denn das Atelier war immer fußkalt. Meine Freundin Johanna Kieling malte mich, und ich schrieb währenddessen an meinem dritten Roman. Zwei Künstlerinnen gingen ihrer Arbeit nach in Stille und Versunkenheit. Johanna war aus Berlin nach Oberbayern gezogen, um zu malen, ich hatte gerade alle Sicherheiten aufgegeben, um in München als freie Schriftstellerin zu leben. Jene Monate waren ein Aufbruch in die Freiheit. Die Gegenwart war atemberaubend neu, die Zukunft grenzenlos offen. Und an den Sommerabenden, nach der Arbeit, fuhren wir mit den Rädern hinunter an den Starnberger See, um zu baden.
Die eine zog ins Allgäu, die andere nach Rom, dann in den Schwarzwald. Die Formensprache von uns beiden veränderte sich im Lauf der Jahre. Aber in Johannas Bildern und meinen Texten ist bis heute dieser längst vergangene Sommer zu finden: die Sonne vor den Fenstern, das Wischen der Pinsel, die Stille, der Nachmittagskaffee im Garten und der abendlich leere Badestrand von Leoni. Auch wenn das sonst niemand sieht: Wir beide sehen es. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass kein Glück je verloren geht. Es verändert seine Formensprache und sieht vielleicht manchmal gar nicht mehr nach Glück aus, und doch ist das, woraus es gemacht war, aufgehoben in dem, was jetzt ist.
Was Johanna heute macht, kann man hier sehen: www.johannakieling.de
Mittwoch, 4. Februar 2015
Mittwoch, 21. Januar 2015
"Sure on this shining night"
Musik zum Glücklichsein: "Sure on this shining night" von Morten Lauridsen. Hier in einer hübschen Version des Bel Canto Choir Vilnius. Morten Lauridsen hat dieses Gedicht von James Agee vertont:
Sure on this shining night
Of star made shadows round,
Kindness must watch for me
This side the ground.
The late year lies down the north,
All is healed, all is health.
High summer holds the earth,
Hearts all whole.
Sure on this shining night I weep for wonder wand'ring far alone
Of shadows on the stars.
Ein glückliches Wochenende!
Montag, 19. Januar 2015
Über Flüchtlinge, das Fremdsein und das Frieren in Deutschland
In meinem Vorort sind Flüchtlinge einquartiert, aus Ghana, aus Syrien. Täglich sehe ich eine der afrikanischen Frauen an meinem Haus vorbeigehen. Sie trägt einen dicken Wintermantel, ihr Kind im Kinderwagen liegt unter hoch aufgetürmten Decken, und der etwa Vierjährige trägt Winterstiefel und Skianorak. Sie frieren in Deutschland. Währenddessen laufen auf dem Bildschirm meines Laptop fünfundzwanzigtausend Menschen durch Dresden und verlangen eine schärfere Asylpolitik und die "Pflicht zur Integration". Mich wundert, dass den Demonstranten nicht bewusst ist, dass auch sie Flüchtlinge gewesen wären, wenn ihre Eltern vor den Dresdner Bomben geflohen wären. So, wie meine Mutter Hals über Kopf ihre ausgebombte Wohnung in Frankfurt an der Oder verlassen musste, mit nichts als einem hastig gepackten Köfferchen in der Hand, in dem sich ein wenig Unterwäsche befand, der Kaufvertrag für die Wohnung und der für den VW und ein paar Fotos mit schmalem weißem Rand.
Angekommen in Bayern, war sie ein Flüchtling, und ihr Kind - also ich, die lange nach der Flucht geboren wurde -, galt seine ganze Kindheit hindurch als "Flüchtlingskind". Flüchtlinge wurden mit Misstrauen betrachtet, sie kamen von "drüben". Als meine Mutter eine Wohnung mieten wollte und das mangelnde Bad erwähnte, wandte sich der künftige Vermieter an seine Frau und sagte: "Die Polacken haben doch in ihrem Leben noch nie ein Bad gesehen." Der Berliner Schick meiner Mutter passte nicht zu dieser Aussage; unsere Familien-Eleganz und die Tatsache, dass wir strikt hochdeutsch sprachen, brachte uns schließlich den Ruf ein, hochmütig zu sein. Wir waren Fremde, wir gehörten nie dazu, uns lud man nie ein, über uns wurde hinter vorgehaltener Hand geredet.
Ich empfehle zu diesem Thema das ausgezeichnete Buch des Historikers Andreas Kossert "Kalte Heimat", Pantheon Verlag. Er schreibt u.a. : "Kennzeichnend für die meisten Vertriebenen und viele ihrer Kinder ist ein Gefühl der Wurzellosigkeit. Nirgends fühlen sie sich auf Dauer heimisch. In der Tiefe ihres Herzens sind sie stets fluchtbereit." Er schreibt auch von der permanenten Angst der Flüchtlingskinder, die ihnen übertragen wurde von ihren Flüchtlingseltern. Die einen reagieren darauf mit extremem Sicherheitsbedürfnis, die anderen mit der erwähnten steten Fluchtbereitschaft.
Dieses Flüchtlingsdrama im Zweiten Weltkrieg aber wurde in unserer Gesellschaft verdrängt. Und so kann eine von mir für ihre zeitkritischen Bücher geschätzte Autoren-Kollegin - geboren in Hamburg - hartnäckig behaupten, ich käme "aus der DDR", auch wenn es zu der Zeit, in der meine Mutter floh, nur ein Deutschland gab. Das ist mehr als mangelnde Geschichtskenntnis - das ist Ignoranz und die Fortführung der Verdrängung.
Jeden Tag kehrt die afrikanische Mutter mit Kinderwagen und Vierjährigem wieder zurück von ihrem Ausflug, der sie ich weiß nicht wohin geführt hat. Als Schnee lag, ist der Kleine schier ausgeflippt, so was hatte er noch nie gesehen. Inzwischen hat er einen Scooter. "Pflicht zur Integration"? Sie frieren. Sie sprechen eine andere Sprache, essen anderes Essen, haben andere Vorstellungen von Vergnügen, sie haben sogar eine andere Hautfarbe. Sie werden sich, prophezeie ich, hier nie heimisch fühlen. Aber sie sind, vielleicht zum ersten Mal, in einem sicheren Land, in dem sie keine Angst mehr haben müssen, außer der einen großen Angst: Abgeschoben zu werden.
Vielleicht ist es das, was sich diese Mutter für ihre Kinder wünscht: dass sie keine Angst mehr haben müssen. Und diesen Wunsch können wir ihr doch erfüllen. Den müssen wir erfüllen.
Dienstag, 30. Dezember 2014
Reisende in der Nacht
Search the Darkness
Sit with your friends, don't go back to sleep.
Don't sink like a fish to the bottom of the sea.
Surge like an ocean, don't scatter yourself like a storm.
Life's waters flow from darkness.
Search the darkness, don't run from it.
Night travelers are full of light, and you are too:
don't leave this companionship.
Be a wakeful candle in a golden dish,
don't slip into the dirt like quicksilver.
The moon appears for night travelers,
be watchful when the moon is full.
Rumi
Ich blicke zurück auf mein Jahr und sehe: Es war kein leichtes Jahr. Menschen, die ich kannte, sind gestorben, Freunde sind schwer krank, nette Nachbarn sind weggezogen und ich arbeitete (und arbeite noch immer) an meinem Manuskript über Tod und Sterben. Natürlich gab es auch Anfänge, denn wenn etwas zu Ende geht, beginnt im gleichen Moment etwas Neues. In jedem politisch korrekten Jahresrückblick würde jetzt das Neue gebührend besprochen und der Wunsch nach einem noch besseren Jahr 2015 formuliert werden. Aber ich bin nicht politisch korrekt und außerdem in der dunkelsten Zeit des Jahres geboren: genau in dem Moment, in dem alle Lichter erloschen sind und kein Mensch mehr Lust hat, irgendwas zu feiern. Das prägt. Deshalb will ich am Ende dieses Jahres mit dem Sufi-Dichter Rumi die Dunkelheit ehren.
Don't go back to sleep: Rumi will nicht, dass wir zurückfallen in den Schlaf; er ruft uns sogar auf, die Dunkelheit zu suchen. Aus spiritueller Sicht sind wir ja alle Träumer, welche die sichtbare Welt und mit ihr die eigene begrenzte Persönlichkeit für die Wahrheit des Lebens halten. Deshalb wird die Erfahrung der Erleuchtung im Zen - kensho oder satori - auch "Erwachen" genannt. Wer schläft, befindet sich in Dunkelheit; wir müssen sie also nicht extra suchen, sie ist sozusagen unser normaler Erlebenszustand. Als "dunkel" empfinden wir unsere Ängste, unsere Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, das Gefühl des Getrenntseins vom Ganzen und die zahllosen Verluste.
Rumi sagt nun etwas ganz Schönes: "Reisende in der Nacht sind voller Licht, und du bist es auch." Es ist ein kleines ruhiges Licht, das wir in uns haben; eines von der Art, die man im Scheinwerferlicht auf Bühnen und in greller Schaufensterbeleuchtung nicht wahrnehmen kann. Erst wenn wir uns mutig der Dunkelheit stellen (den Ängsten, der Verzweiflung, den Verlusten ...), sehen wir es. Unser eigenes Licht beleuchtet die Dunkelheit, die jetzt nicht mehr eine schwere, schwarze, scheinbar undurchdringliche Masse ist. Sie erweist sich als lebendig. Mit den Worten von Rumi: "Das Wasser des Lebens fließt aus der Dunkelheit".
Die Dunkelheit ist die Quelle der Kraft. Ich wünsche all meinen Weg-Gefährtinnen und Weg-Gefährten eine gute, sichere Reise durch das nächste Jahr. Und nicht vergessen: Be a wakeful candle in a golden dish. Sei eine Kerze in goldener Schale, die wacht in der Nacht: ein kleiner Leuchtturm für alle Reisenden, die ihr eigenes Licht noch nicht gefunden haben.
Rumi sagt nun etwas ganz Schönes: "Reisende in der Nacht sind voller Licht, und du bist es auch." Es ist ein kleines ruhiges Licht, das wir in uns haben; eines von der Art, die man im Scheinwerferlicht auf Bühnen und in greller Schaufensterbeleuchtung nicht wahrnehmen kann. Erst wenn wir uns mutig der Dunkelheit stellen (den Ängsten, der Verzweiflung, den Verlusten ...), sehen wir es. Unser eigenes Licht beleuchtet die Dunkelheit, die jetzt nicht mehr eine schwere, schwarze, scheinbar undurchdringliche Masse ist. Sie erweist sich als lebendig. Mit den Worten von Rumi: "Das Wasser des Lebens fließt aus der Dunkelheit".
Die Dunkelheit ist die Quelle der Kraft. Ich wünsche all meinen Weg-Gefährtinnen und Weg-Gefährten eine gute, sichere Reise durch das nächste Jahr. Und nicht vergessen: Be a wakeful candle in a golden dish. Sei eine Kerze in goldener Schale, die wacht in der Nacht: ein kleiner Leuchtturm für alle Reisenden, die ihr eigenes Licht noch nicht gefunden haben.
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