Montag, 19. Januar 2015

Über Flüchtlinge, das Fremdsein und das Frieren in Deutschland


In meinem Vorort sind Flüchtlinge einquartiert, aus Ghana, aus Syrien. Täglich sehe ich eine der afrikanischen Frauen an meinem Haus vorbeigehen. Sie trägt einen dicken Wintermantel, ihr Kind im Kinderwagen liegt unter hoch aufgetürmten Decken, und der etwa Vierjährige trägt Winterstiefel und Skianorak. Sie frieren in Deutschland. Währenddessen laufen auf dem Bildschirm meines Laptop fünfundzwanzigtausend Menschen durch Dresden und verlangen eine schärfere Asylpolitik und die "Pflicht zur Integration". Mich wundert, dass den Demonstranten nicht bewusst ist, dass auch sie Flüchtlinge gewesen wären, wenn ihre Eltern vor den Dresdner Bomben geflohen wären. So, wie meine Mutter Hals über Kopf ihre ausgebombte Wohnung in Frankfurt an der Oder verlassen musste, mit nichts als einem hastig gepackten Köfferchen in der Hand, in dem sich ein wenig Unterwäsche befand, der Kaufvertrag für die Wohnung und der für den VW und ein paar Fotos mit schmalem weißem Rand.

Angekommen in Bayern, war sie ein Flüchtling, und ihr Kind - also ich, die lange nach der Flucht geboren wurde -, galt seine ganze Kindheit hindurch als "Flüchtlingskind". Flüchtlinge wurden mit Misstrauen betrachtet, sie kamen von "drüben". Als meine Mutter eine Wohnung mieten wollte und das mangelnde Bad erwähnte, wandte sich der künftige Vermieter an seine Frau und sagte: "Die Polacken haben doch in ihrem Leben noch nie ein Bad gesehen." Der Berliner Schick meiner Mutter passte nicht zu dieser Aussage; unsere Familien-Eleganz und die Tatsache, dass wir strikt hochdeutsch sprachen, brachte uns schließlich den Ruf ein, hochmütig zu sein. Wir waren Fremde, wir gehörten nie dazu, uns lud man nie ein, über uns wurde hinter vorgehaltener Hand geredet.

Ich empfehle zu diesem Thema das ausgezeichnete Buch des Historikers Andreas Kossert "Kalte Heimat", Pantheon Verlag. Er schreibt u.a. : "Kennzeichnend für die meisten Vertriebenen und viele ihrer Kinder ist ein Gefühl der Wurzellosigkeit. Nirgends fühlen sie sich auf Dauer heimisch. In der Tiefe ihres Herzens sind sie stets fluchtbereit." Er schreibt auch von der permanenten Angst der Flüchtlingskinder, die ihnen übertragen wurde von ihren Flüchtlingseltern. Die einen reagieren darauf mit extremem Sicherheitsbedürfnis, die anderen mit der erwähnten steten Fluchtbereitschaft.

Dieses Flüchtlingsdrama im Zweiten Weltkrieg aber wurde in unserer Gesellschaft verdrängt. Und so kann eine von mir für ihre zeitkritischen Bücher geschätzte Autoren-Kollegin - geboren in Hamburg - hartnäckig behaupten, ich käme "aus der DDR", auch wenn es zu der Zeit, in der meine Mutter floh, nur ein Deutschland gab. Das ist mehr als mangelnde Geschichtskenntnis - das ist Ignoranz und die Fortführung der Verdrängung.

Jeden Tag kehrt die afrikanische Mutter mit Kinderwagen und Vierjährigem wieder zurück von ihrem Ausflug, der sie ich weiß nicht wohin geführt hat. Als Schnee lag, ist der Kleine schier ausgeflippt, so was hatte er noch nie gesehen. Inzwischen hat er einen Scooter. "Pflicht zur Integration"? Sie frieren. Sie sprechen eine andere Sprache, essen anderes Essen, haben andere Vorstellungen von Vergnügen, sie haben sogar eine andere Hautfarbe. Sie werden sich, prophezeie ich, hier nie heimisch fühlen. Aber sie sind, vielleicht zum ersten Mal, in einem sicheren Land, in dem sie keine Angst mehr haben müssen, außer der einen großen Angst: Abgeschoben zu werden.

Vielleicht ist es das, was sich diese Mutter für ihre Kinder wünscht: dass sie keine Angst mehr haben müssen. Und diesen Wunsch können wir ihr doch erfüllen. Den müssen wir erfüllen.
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