Mittwoch, 26. Oktober 2022

Die Besucherin


 

Sie kam zu mir in einem Salatkopf. Eingehüllt in Schichten von Blättern, lag sie zusammengerollt ganz unten am Strunk. Eine schöne Art zu reisen, dachte ich, vor allem in dieser Jahreszeit. Welche Geborgenheit. Welche Dunkelheit und Stille in der Tiefe des Salatkopfes, die leichte Feuchtigkeit, die nicht Nässe ist, sondern nährendes Element. Keine meiner Reisen fand bisher auch nur annähernd in etwas statt, das ich mein Element hätte nennen können.

Mein  Messer hatte sie knapp verfehlt, auch sie atmete sichtbar auf. Das sah hübsch aus. Sie fuhr zwei Antennchen mit Knöpfchen an den Enden aus, um mal zu sondieren, in welcher Umgebung sie da gelandet war. Alles sehr hell auf einmal, trockene Atmosphäre, viel Holz und Metalliges, also ihr Element war das nicht. Das schien sie nicht zu stören, sie wurde neugierig. Entfaltete sich zu ganzer Kürze und schob sich sanft und beharrlich über die Landschaft aus Küchengerät, erklomm Löffel und Dosen und balancierte auf der Messerklinge. Was so ziellos aussah, war tatsächlich entschlossene Absicht. Das begriff ich erst, als sie sich auf dem Champignon niederließ. 

Reisen macht hungrig, ich kenne das. Kaum setzt sich der Zug in Bewegung, packe ich meinen Proviant aus, obwohl ich gerade gefrühstückt habe. Sie knusperte und raspelte an meinem Mittagessen mit einer Schnelligkeit, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Ich hatte sie nicht direkt eingeladen, mein Mahl mit mir zu teilen, aber ich freute mich über die Gelegenheit, Gastfreundschaft zu zeigen.

Nachdem sie gegessen hatte, wickelte ich sie in ein Salatblatt und brachte sie in Nachbars Garten. Wir sollten das, was uns Freude macht, nicht für uns behalten, sondern mit anderen teilen.


Sonntag, 16. Oktober 2022

Eine Geschichte aus unserer Zeit

  

 Diese Behauptung stammt erkennbar aus einer längst vergangenen Zeit

 

Ich habe eine Geschichte gehört, die so vieles von dem ausdrückt, was uns gerade bedrückt. Eine Freundin von mir hat an einem Yoga-Retreat im Ausland teilgenommen. Gegen Ende der Woche stellte sich heraus, dass eine Teilnehmerin, die dauernd hustete, Covid hatte. Zwei andere hatten sich bereits angesteckt, darunter meine Freundin. Fieber, Schüttelfrost, Gliederschmerzen, das ganze Programm. Aber der Albtraum begann erst, denn die Abreise stand bevor.

Der Leiter des Retreats sagte, er könne die Verantwortung nicht übernehmen, die drei nach Hause fliegen zu lassen, und ordnete Quarantäne im Hotel an. Das verbot der Hotel-Besitzer verständlicherweise vehement. Die drei Infizierten riefen das Krankenhaus an und baten um Aufnahme, was empört abgelehnt wurde. Sie entbanden den Leiter von der Verantwortung und flogen in der bereits vorab gebuchten Maschine nach Deutschland. Dort kamen sie erst nach Mitternacht an, es gingen keine Züge mehr in die diversen Heimatstädte, sodass sie die ebenfalls vorab gebuchten Zimmer in einem Hotel bezogen. Am nächsten Morgen stiegen sie in ihre Züge (Schüttelfrost, Fieber, Gliederschmerzen) und fuhren nach Hause. Und fühlten sich nicht nur körperlich elend.

Eine einzige Person, die erste Infizierte, die sich anfangs weigerte, sich testen zu lassen, hat das ganze Gebilde wie ein Mikado-Haus zusammenfallen lassen. Die eine, auf die es angekommen wäre.

Wir möchten wieder wenigstens zeitweise ins Leben zurückkehren, im Chor singen, Yoga machen, Sport treiben. Endlich wieder mit Menschen zusammensein, nicht nur auf Monitore starren. Aber Menschen sind gefährlich. Diese Geschichte zeigt das Dilemma, in dem wir sind: Wir blenden die Möglichkeit aus, dass uns etwas heimsuchen könnte. Wer will sich ständig vor Menschen schützen und ihnen unter Vorbehalt begegnen. Wir wollen vertrauen und wir müssen vertrauen, sonst ist das Leben nicht lebenswert.

Aber weil wir vertrauen, haben wir keinen Plan B - und ich sehe auch nicht, wie ein solcher in dieser Situation hätte aussehen können. Fast alle Beteiligten haben sich bemüht, sich verantwortungsvoll zu verhalten. Wo, außer unter einer Brücke, hätten die drei unterkommen können, bis sie irgendwann - nach Tagen oder, wenn sie Pech gehabt hätten, Wochen - wieder negativ gewesen wären? Und doch: In Flugzeug und Zug, im Speisesaal und Hotel saßen andere Menschen nebenan. Vertrauensvolle Menschen, die gerade wieder ins Leben zurückgekehrt waren.

Es gibt keine einfachen Lösungen. Zur Zeit weniger denn je. Es gibt nur die Verantwortung jedes Einzelnen. Deine. Und meine.

 

Sonntag, 9. Oktober 2022

Blühen bis zum Ende


So viele Farben im Moment im Wald und vor dem Wald, auf dem Acker, auf den Wiesen, auf dem Boden.



Es lohnt sich, mal hinunter zu gucken. Mal ins Unterholz zu spähen. Einen Busch beiseite zu schieben.




Ich will nichts aufheben, nichts einsammeln, nichts pflücken, dem Wald und seinen Bewohnern nichts stehlen. Ich will einfach schnuppern, schauen, staunen. Für das, was ich mitnehme, brauche ich weder Korb noch Beutel. Ich habe ja meine Nase, meine Augen.




Alles ist zerzaust, vom langen Sommer erschöpft. Aber sie geben nicht auf. Ringelblumen, Mohn, Margeriten, Büschelschön: Ihre Lebensaufgabe ist es, zu blühen. Also blühen sie bis zum Ende. Künstler eben. Wenn man eine Lebensaufgabe hat, gibt man das Leben nicht auf. Eigentlich alles sehr klar und einfach. 


Donnerstag, 29. September 2022

Praxis mit Weihnachtsstern, 2. Jahr


Nun, meine Lieben, ist wieder Zeit, euren Weihnachtsstern auf Weihnachten vorzubereiten. Er/sie (eine Sternin gar?) soll doch im Advent schön rot sein. Deshalb hier noch einmal mein Erfahrungsbericht für alle tapferen Weihnachtssternbetreuerinnen und -betreuer. Nicht müde werden, Sternchen schleppen!

Übrigens: Mein Sternchen vom letzten Jahr ist ein ausgewachsener Prachtstern geworden. Dies ist das letzte Jahr, in dem ich ihn noch erröten lassen werde. Der Kerl wiegt so viel wie eine ausgewachsene Katze und passt jetzt schon kaum noch in seine Dunkelkammer. 

 ***

Im Dezember letzten Jahres kaufte ich einen kleinen Weihnachtsstern im Edeka. Es war der letzte im Regal, ein Sternchen im 10-cm-Topf für 99 Cent. Er tat mir leid. Alle Brüder und Schwestern aus dem Haus, der Kleine allein zwischen den obszön fleischigen Stängeln der Amaryllis, wo er irgendwie zurückgeblieben wirkte und nicht gerade zum Kauf einlud. Ich nahm ihn mit.

Sternchen gefiel es bei mir. Es wuchs. Ich topfte um. Sternchen war begeistert und wuchs schneller. Ich holte beim Edeka einen größeren Topf, der dreimal so viel kostete wie das Pflänzchen. Dazu beste torffreie Bio-Erde. Das Wachstum machte mich bange. Und irritierte mich: Die paar roten Blättchen waren längst von dicken grünen Blättern überwuchert. Was war los mit ihm? Falsche Pflege, falscher Standort? Ich konsultierte das weltweite Netz. Und erfuhr, dass der tropische Stern eine Kurztagspflanze ist und dem Photoperiodismus unterliegt. Vom 22. September an benötigt er acht Wochen lang täglich zwölf Stunden absolute Dunkelheit, um neue rote Blüten (die im Grunde Hüllblätter sind) zu entwickeln. "Wichtig ist", sagt das Netz, "dass man die Zimmertür nach Sonnenuntergang nicht mehr öffnet." Und fügt für uns Villenbesitzer hilfreich hinzu: "Ein ungenutzter Raum mit einer Außenjalousie, die sich zeitgesteuert herunterfahren lässt, eignet sich sehr gut."

Am 22. September trug ich Stern um 19 Uhr in mein kleines Kofferabteil unter der Dachschräge und wünschte ihm Gute Nacht. Am nächsten Morgen holte ich ihn um 7 Uhr wieder heraus und wünschte ihm Guten Morgen. Tag für Tag: Stern abends ins Dunkle betten, morgens in den Tag holen. Die Welt rutschte währenddessen in großer Geschwindigkeit in Richtung Chaos. Ich saß am Computer und sah ihr dabei zu; es gibt Grafiken dafür, die kennt inzwischen jeder. Die Überschriften lauten Inzidenz, Hospitalisierung, Impfstoffknappheit, Mutanten, vierte Welle. Beim Lesen von Online-Zeitschriften kann man ganz schnell mit der Welt zusammen abrutschen, und aus solchen Abgründen kommt man schwer wieder raus. Ich aber hatte einen Stern. Mit ihm zusammen bewegte ich mich durch die Tage der schlechten Nachrichten, die von zwei verlässlich aufgestellten Säulen zusammengehalten wurden: dem "Guten Morgen, Stern!" und dem "Gute Nacht, Stern!".

Allmählich fühlte ich mich aber doch etwas ermüdet. Nach einem Monat wurde ich mürrisch, weil auch nicht der kleinste rote Schimmer zu sehen war. Ein wenig Erfolg für meine Mühe hätte ich schon gern gesehen. Okay, sagte ich mir. In Grün ist er ja auch hübsch. (Ich will aber einen Roten ...!) Dann fuhr ich nach Salzburg, und als ich im Retreat auf meinem Kissen saß, fiel mir ein, dass ich den Stern im Kofferabteil vergessen hatte. Ach je. Ob er mir das wohl verzeihen würde? Ob er jetzt, drei Tage lang in Dunkelheit gesperrt, endgültig die Röte verweigern würde? Aus Hilflosigkeit? Aus Trotz? Am nächsten Montag holte ich ihn aus dem Verlies, er wirkte ungebrochen vital. Und war sehr grün.

 


Die acht Wochen neigten sich dem Ende zu. Am 18. November - ja, ich habe das Datum notiert - holte ich morgens den Stern aus der Dunkelheit, und die Hüllblätter waren von einem rosaroten Schimmer überzogen. Ich jubelte. Jetzt ging alles sehr schnell. In den nächsten Tagen errötete er immer mehr, wuchs dabei natürlich weiter und sieht jetzt aus wie eine junge Punkerin, die sich in den Haarschopf oben knallrote Stellen gefärbt hat, während unten die Eigenfarbe stehenblieb.

Mir erzählen ja immer wieder Menschen, dass sie es nicht schaffen, sich täglich zur Meditation auf ein Kissen zu setzen. Vielleicht probieren sie es im nächsten Jahr mal mit der Weihnachtsstern-Praxis. Immer dieselben Handgriffe in derselben Weise um dieselbe Zeit auszuüben, hat etwas enorm Beruhigendes. Es gibt dem Tag eine Struktur, man lernt den Zustand seines Geistes kennen, kann das Loslassen aller Wünsche und Vorstellungen üben und gewinnt eine neue geliebte Freundin. Eine Punkerin. Das Leben ist voller Überraschungen.


Sonntag, 25. September 2022

Lebensbücher

 

Es gibt Bücher, die mir Spaß machen, mir eine gute Geschichte erzählen, die mich mit ihrem literarischen Stil begeistern, und solche, die mich klüger und kreativer machen. Und es gibt die Lebensbücher: Die Bücher, zu denen ich ein Leben lang greife, die mich immer und unter allen Umständen in meinen innersten Kern zurückführen. Die sechs wichtigsten möchte ich Euch hier vorstellen, jedes mit einem kurzen Zitat.

Joseph Campbell "Die Kraft der Mythen" ist ein Schatzbuch, das ich nie "auslese". Campbell, der Mythenforscher und Hochschulprofessor, war ein erleuchteter Weiser. Seine Erfahrung der Transzendenz ist in jedem Satz spürbar. Er ist bewandert in allen Kulturen und allen Religionen und findet den gemeinsamen Urgrund hinter den zahllosen Erscheinungen. Das Buch ist voller Bilder von Kunstwerken, Höhlenzeichnungen, Bauten. "Man muss ja sagen zu diesem Wunder des Lebens, wie es ist, nicht unter der Bedingung, dass es sich an die eigenen Regeln hält. Andernfalls gelangt man niemals in die metaphysische Dimension."

C. G. Jung "Erinnerungen, Träume, Gedanken". Ein Lesebuch mit genau dem Inhalt, den der Titel verspricht. Der beste Einstieg in die analytische Psychologie, lebendig und leicht verständlich. Hier lernt man Jung auch als den Mystiker kennen, der er war. Faszinierend finde ich die Beschreibungen seiner spirituellen Erfahrungen. Warum ich Jung liebe und nicht etwa Freud? Deshalb: "Es ist die Aufgabe des Einzelnen, von allen anderen unterschieden auf eigenen Füßen zu stehen."

Peter Handke "Dialoge an den Rändern". Das neueste seiner Journale (danke, Monika, für das Geschenk!) steht hier stellvertretend für die vorangegangenen. Ich liebe sie alle, lese sie immer wieder kreuz und quer, streiche an, lasse mich anregen zum Weiterdenken, zum Widersprechen, zum beigeisterten Zustimmen. Wem außer Handke gelingen Wortschöpfungen wie "Kuhweidenregenmusik" und "Zeitraumerblühen"? Mein derzeitiger Liebling die Frage: "Wohin des Nicht-Weges?"

Kakuzo Okakura "Das Buch vom Tee". Ein Buch der Sanftheit, der Stille, der Schönheit. Okakura meditiert über die japanische Philosophie des Tees, die zusammen mit der Ethik die gesamte japanische Auffassung von Mensch und Natur darstellt. Dieses Buch ist wie eine Insel im Meer meiner Bibliothek, still und abgeschieden steht es auf dem höchsten Regalbrett und hat mit seinen Nachbarn nichts zu tun. Ein Solitär, der mich mit seinen einfachen Worten in die Welt der Teehäuser versetzt. Ich las das Buch zum ersten Mal, als ich achtzehn war, und es sprach von mir, als einer taoistischen "Meisterin der Lebenskunst": "Bei der Geburt tritt sie in das Land der Träume ein und erwacht erst beim Tode zur Wirklichkeit."

Jiddu Krishnamurti "Einbruch in die Freiheit". Im Innendeckel des Buches steht die Jahreszahl 1980. Nachdem ich es gelesen - ach was, getrunken, mir einverleibt - hatte, fuhr ich in Krishnamurtis Sommercamp nach Saanen in die Schweiz. Das war sie, die Begegnung meines Lebens. Eigentlich hätte ich danach keinen Lehrer mehr gebraucht, aber ich merkte, dass ich eine Praxis haben wollte, um meine Erfahrung zu vertiefen, und Krishnamurti war kein Lehrer und hielt überhaupt nichts von Praxis. Dieses Buch ist für viele Menschen provozierend, denn es ist wie sein Autor absolut kompromisslos: "Freiheit ist ein Zustand des Geistes - die Freiheit, alles anzuzweifeln und in Frage zu stellen, und zwar so intensiv, aktiv und kraftvoll, dass sie jede Art von Abhängigkeit, Sklaverei, Anpassung und Anerkennung von sich wirft. Solche Freiheit bedeutet völlig allein zu sein."

Rainer Maria Rilke "Das Buch der Bilder". Auch dieser Band ist stellvertretend für alle anderen gewählt. Über Rilkes Gedichte kann ich nichts sagen. Die lese ich mir selbst vor, stumm und leise flüsternd, und dann klingen sie in mir weiter. Rilke begleitet mich seit meiner Jugend. "Die Einsamkeit ist wie ein Regen. / Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; / von Ebenen, die fern sind und entlegen, / geht sie zum Himmel, der sie immer hat. / Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt."

Meine Lebensbücher sind Bücher der Stille und der Freiheit, und deshalb erzählen sie vom großen Alleinsein. Denn wer in dieser Welt aus dem innersten Wesen heraus still und radikal frei leben muss, gehört nicht zu den Vielen. 

Was sind eure Lebensbücher? Schreibt doch in den Kommentaren, welche Autoren euch lebenslang begleiten. Tauschen wir uns ein wenig aus; über Bücher soll man nicht schweigen.


Sonntag, 18. September 2022

Das Glück

 

Ach, das Glück. Mein Duden Herkunftswörterbuch sagt dazu: "Die Herkunft des seit dem 12. Jahrhundert bezeugten Wortes, das sich vom Nordwesten her allmählich im deutschen Sprachgebiet ausgebreitet hat, ist dunkel." Das Glück kam also aus dem dunklen Norden und blieb dunkel, und da wundert es mich nicht, dass seiner Herkunft, Ankunft, Anwesenheit und Abwesenheit in unserem Leben so viele Märchen angedichtet werden. 

Es "kommt" also angeblich zu uns, und weil es kommen kann, "geht" es auch wieder nach eigenen Gesetzen. Es wird uns "geschenkt", also kann es auch "entzogen" werden. Wir wiederum "nehmen" es uns, "verlieren" es, manchmal "winkt" es von sehr weit her, und wir fragen uns, ob wir das Glück "verdienen". Und ständig sind wir auf der Suche danach. 

Außen. Immer im Außen.



 

Der Mythenforscher Joseph Campbell pflegte seinen Studenten zu empfehlen: "Follow your bliss." "Bliss" ist eben nicht "happiness", und die deutsche Übersetzung des Zitats, die ich immer wieder lese - nämlich "Freude" - ist zwar brauchbar, aber nicht die letzte Wahrheit. Es geht nämlich um Glückseligkeit, und die ist die Folge einer Erwachens-Erfahrung. Erwachen in meiner Definition ist nicht dasselbe wie die großartige Erleuchtung, die alte Zen-Meister als das "Durchtrennen aller Illusionen" bezeichnen. Es ist etwas viel Näheres und Alltäglicheres, das wir alle kennen. 

Wir können jederzeit erwachen zur Fülle dieses Augenblicks, wenn wir uns voll und ganz auf ihn einlassen, ohne dass sich irgendein Gedanke, ein Urteil, eine Meinung in unsere Erfahrung einmischt. Beginnen wir mit etwas, das wir als "schön" empfinden: das Spiel zweier junger Hunde, das Meer, aus dem die Sonne aufsteigt, das Gesicht der schlafenden Freundin, des Freundes. Nur Wahrnehmen, Spüren, mit ungeteilter Aufmerksamkeit, und was ist da? Bliss. Glückseligkeit.

Das Geheimnis ist: Wir haben in diesem Moment die absolute Dimension berührt, unser - wie es das Zen nennt - wahres Selbst, den Urgrund des Seins, aus dem wir kommen und in den wir irgendwann zurückkehren werden. Ich empfinde in solchen Augenblicken die Glückseligkeit nicht als meine persönliche Gefühlsregung, sondern als eine Eigenschaft der absoluten Dimension selbst, und große Lehrer wie Krishnamurti, Eckhart Tolle und Adyashanti bestätigen dies. Auf einmal ist der Zugang zu dieser immer anwesenden tiefen Glückseligkeit offen, sie offenbart sich mir als ein Grundton des Seins - und da ich untrennbarer Teil von ihr bin, als mein eigener Grundton. Und so sagt sie mir gleichzeitig: Ich bin immer da. Warum siehst du mich nicht immer, berührst du mich nicht, stimmst dich nicht auf mich ein?

Vergiss das "Glück". Follow your bliss, my friend.


Sonntag, 28. August 2022

Samstagnachmittag in der Stadt


 ... und überall wird fotografiert, und die Autorin kann's auch nicht lassen ...


Manchmal bringe ich mich in die Stimmung der Freundlichkeit und fahre in die Stadt, um zu schauen. Einfach nur zu schauen, was mir so begegnet. Bereit, vielleicht nicht alles zu lieben, aber alles mit meinem Blick zu würdigen. So, wie es ist. Man muss sich darauf einstimmen, so ohne Weiteres und zwischen zwei dringenden Besorgungen funktioniert das nicht.

Samstagnachmittag, es ist schwül. Ein Mann radelt rasend vorbei, aus seinem Rucksack streckt ein winziger Hund seinen Kopf, die Ohren fliegen im Fahrtwind. Zwei alte, also: sehr alte, Frauen stehen vor der Sozialstation zusammen und betrachten versunken das abgedeckte Dach des Nebenhauses. Beide Frauen in Kittelschürzen mit kleinen Mustern. Solche trug meine Mutter einst. Es muss noch Spezialgeschäfte für diese Schürzen geben; im Internet werden die beiden Frauen sie wohl nicht bestellt haben. 

Ich lande auf einem Flohmarkt und bin überrascht, wie intensiv nach modrigem Keller ein Stapel Kleidung noch unter freiem Himmel riechen kann. (Kurzes Aussetzen des würdigenden Blicks.) In einer Bücherkiste entdecke ich das Buch "Die Sonnenuhr" von Maarten t'Hart, das ich noch nicht kenne (große Würdigung des Funds). Es soll zwei Euro kosten, was mir zu viel ist, aber da beginnt es plötzlich aus Kannen zu schütten. Die junge Frau ruft mir hastig zu, "Eins fünfzig!", bevor sie eine Plastikfolie über die Kiste zerrt. Billiger wird das Buch nicht, nur nasser. Ich rette t'Hart und mich (ich sehr feucht - schwer zu würdigen) unter einen ausladenden Baum (wie kann man Bäume nicht lieben) und beginne im Stehen zu lesen. (Könnte vielleicht ein Lieblingsbuch werden.) Eine alte Frau hält einen völlig erschöpften und seit Langem zusammengebrochenen Kinderschirm hoch, der sich über ihr wölbt wie eine Glockenblume. Die blassen Restrosen am Rand des Platzes richten sich unter dem Regen auf, mir scheint, sie wachsen sichtbar zu ihrer vollen herbstlichen Größe heran. 

Die Ware der Flohmarkthändler ist unkenntlich unter Planen verschwunden. Die Frau mit dem großen Stand Kindersachen hat in Windeseile ein Partyzelt über sich aufgebaut, unter dem sich jetzt die Flohmarktbesucher schutzsuchend zwischen Teddybären und Strampelhöschen zusammendrängen. 

Ich bin auf Seite zwanzig, als die Sonne zurückkommt, als wäre sie nie weg gewesen. So eine unschuldig tuende Sonne, man kennt das. Ich glaube, das macht sie mit Absicht: Wenn sie da ist, betrachtet sie jeder als selbstverständlich, aber kaum war sie weg, freuen sich alle, dass sie wieder da ist. Sie will mal wieder gemocht werden. Ein alter, orientalisch aussehender Mann trägt einen großen, also: sehr großen, Edelstahltopf vom Platz. So einen Topf für Großfamiliengeburtstage, der in eine Küche mit Riesenherd gehört, an dem, ich sehe es schon vor mir, emsige Frauen und Männer brutzeln und rühren, und es duftet nach Kreuzkümmel, Koríander, Zimt und Nelken.

Jetzt habe ich Hunger. Der Topf ist schuld. 

Ich fahre nach Hause und koche mir eine ayurvedische Gemüse-Kokos-Suppe.



Samstag, 20. August 2022

Bei den Büschelfrauen

 Im Kräuterdorf

 

August ist die Zeit, in der die Kräuter ihre größte Kraft gesammelt haben. Jetzt soll man sie pflücken und zu heilkräftigen Tees und Salben verarbeiten und natürlich zu den herrlichen ätherischen Ölen destillieren, die ich so liebe. Im christlichen Kontext fährt ja Maria am 15. August in den Himmel, aber unsere Vorfahrinnen sahen das etwas anders: Der 15. August war der Tag der Kräuterweihe, der Tag der Büschelfrauen, an dem sie ihre Heilkräuter, Zauberkräuter und Räucherkräuter gesammelt und zu Sträußen gebunden haben, die dann überall in Stuben und auf Dachböden zum Trocknen aufgehängt wurden. Immerhin ist der 15. August mit Maria ein Frauentag geblieben. Denn seit jeher sind es die Frauen, die das Wissen um die heilsamen und magischen Kräuter hüten. Völkerkundler halten die Würzweih für ein sehr altes Erntefest der heidnischen Völker.

Bei mir in der Nähe gibt es ein "Kräuterdorf", und die dortigen Büschelfrauen luden zum Kräutertag ein. Man konnte allerlei Gutes und Ländliches erwerben an Ständen unter Sonnensegeln: Seifen, Gewürze, Tees, Wolle, Marmeladen, Schaffelle, Bergkäse und selbstgeflochtene Körbe. Unter dem Dach der Klosterscheune ein interessantes Geschäftsmodell, das mir unbekannt war, aber einleuchtete. Es türmten sich Stapel mit Baumwollkissenbezügen in allen Größen und Mustern, an drei Seiten zusammengenäht, die frau sich nach Wunsch befüllen konnte. In großen Plastikeimern gab es alle Kräuter, die ein Garten so hergibt. Eine Frau füllte die Kissen, eine andere saß an der Nähmaschine und schloss die vierte Naht. Ich liebäugelte mit einem kleinen Kissen mit Beifuß, meiner liebsten Räucherpflanze. Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl sagt über den Beifuß: "Er heiligt alles, was mit ihm in Berührung kommt. Er verbindet mit den Geistern und dem Großen Geist und schützt gegen böse Einflüsse."

Ein Akkordeonspieler zog währenddessen die Falten seines Instruments auf und zu. Zwischen interessant improvisierten Läufen setzte mein Ohr die Melodie eines deutschen Schlagers zusammen. Es gab Würste, Kaffee, Kuchen und Eiskaffee, an allerlei zusammengewürfelten Tischen angeboten; im Hintergrund hing an einer langen Kabeltrommel ein Kühlschrank und wackelte brummend vor sich hin. Wahrscheinlich hatte er es satt, dauernd aufgerissen zu werden. Zu viel Gesundes ist ja auch irgendwie ungesund, da tut so ein Eiskaffee als Ausgleich richtig gut.

Eigentlich dürfen Heilkräuter ja nie mit Metall in Berührung kommen, und früher pflückten die Frauen im Schweigen - übrigens findet man dieselbe Anweisung bei den Indigenen in Amerika. Die heutigen Büschelfrauen aber plaudern gern und halfen bei Bedarf mit Scheren und Messern aus. Es war heiß, lebhaft, und es duftete hinreißend. Auf großen Tischen häuften sich die Kräuter aus den Gärten des Dorfes, und die Frauen schleppten körbeweise immer mehr Kräuter an. 

 

 

 

Wir standen um die Tische herum und wählten die Kräuter für unser Kräuterbüschel oder unseren "Wurzwisch" aus. Die klassische Zahl wäre die Neun, die Zwölf ist ebenfalls heilig, aber ich entschied mich für die nicht minder heilige Sieben, in der sich die erdhafte Symbolik der Vier mit der spirituellen Drei vereint. Die Sieben ist die Zahl der Fülle, die Vorbereitung auf die Vollendung in der Acht. Es gibt die sieben Schöpfungstage, das Buch mit sieben Siegeln, und der jüdische Leuchter hat sieben Arme. Ich wollte einen duftenden Kräuterwisch und wählte Rosmarin, Dost, Minze, Heiligenkraut, Johanniskraut, Schafgarbe und Salbei. Eine nette Büschelfrau band meine Sieben zusammen und knüpfte einen Segensspruch hinein: "Ich wünsche dir die Achtsamkeit und das Erkennen der hilfreichen Pflanzengeister um dich, damit du erkennst, wenn sie ihre Hilfe anbieten."

Mein Wurzwisch hängt nun über meinem Meditationsplatz und duftet betörend. Und ich übe eine neue Form der Achtsamkeit: auf die hilfreichen Pflanzengeister.


Samstag, 13. August 2022

Erste Male



Ich sitze gern auf Plätzen herum. Bei den Lesenden, den Plaudernden, den auf Bänken Schlafenden. Ab und an kommt eine Taube vorbei oder ein Hund.
 
Ich saß also auf dem Platz der Alten Synagoge gegenüber der Uni-Bibliothek. Dort sind um einen Baum herum mehrstufige Holzbänke gebaut. Hinter mir, also über mir, ein Paar um die fünfzig. Sie aßen Eis und blickten sich um. Schön hier, sagte sie. Hmm, sagte er. Lebendig, sagte sie. Ich drehte mich verstohlen um und fand meinen Eindruck bestätigt: Sie sahen so ratlos und ein wenig melancholisch aus, wie sie klangen. 

Jetzt kam Bewegung in die Szene. Ein junges Paar um die zwanzig stürmte über den Platz, beide warfen sich auf die Bänke hinter mir. Na, fragte die ältere Frau, wie war eure Führung? Das ist eine tolle Bibliothek! rief die junge Frau. Die haben wirklich alles, sagte der junge Mann. Also gefällt es euch? fragte der ältere Mann. Das wird ein Super-Semester, sagte die junge Frau und nahm dem Vater die Eistüte aus der Hand. 

Ja, da freue ich mich für euch, sagte die Mutter leise. Wir fahren jetzt nach Hause, sagte der Vater. Gute Fahrt, sagte der junge Mann höflich und legte der Freundin den Arm um die Schultern.



Ach, dachte ich. Da fahren sie jetzt also nach Hause, das leer sein wird ohne die Tochter. Hinter mir ging für zwei Menschen ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende, und gleichzeitig begann für zwei andere ein ganz wichtiger. Der wichtigste überhaupt: Endlich weg von zu Hause, endlich frei, endlich die Welt der großen Bibliothek entdecken in einem Super-Semester. Diese Freude am Neuen, diese vielen ersten Male, die auf die beiden warten würden! Ach.

Abschied und Neubeginn gleichzeitig. Ganz nah, dort über mir. Ich wurde ein wenig wehmütig. Ich überquerte den Platz und ging in die Bibliothek, die auch mich beim ersten Besuch vor vielen Jahren begeistert hatte, und holte mir etwas Neues, ein klitzekleines erstes Mal, um es mit nach Hause zu nehmen: Ein Buch, das ich noch nicht kannte. Den neuen Roman "Oh, William!" von Elizabeth Strout.


Samstag, 6. August 2022

Die Verwandten der alten Frau

 

"Einmal begegnete ein junger Mönch auf Pilgerschaft einer alten Frau, die allein in einer Hütte lebte. Der Mönch fragte: "Hast du irgendwelche Verwandten?" Sie sagte: "Ja." Der Mönch fragte: "Wo sind sie?" Sie antwortete: "Die Berge, die Flüsse, die Pflanzen, die Bäume, die ganze Erde - sie sind alle meine Verwandten." (Zen-Geschichte aus China, 9. Jh)

Ein Mönch trifft auf eine Frau, die alleine im Wald lebt. Welch unerhörte Lebensform für eine Frau im 9. Jahrhundert. (Selbst heute noch nicht selbstverständlich. Eine Frau, die alleine lebt, ruft bei manchen Menschen Misstrauen hervor.) Der junge Mönch ist also irritiert. In seiner Welt leben Frauen in Gemeinschaften. Wenn sie keinen Mann haben, finden sich immer Schwestern, Cousinen oder Nichten, die ihnen in ihren Familien Obdach bieten. Vielleicht ist der Mönch also misstrauisch. Was stimmt nicht mit dieser Alten in ihrer Hütte?

Vielleicht aber fragt er aus Besorgnis. Diese Frau könnte meine Großmutter sein; in dem Alter darf sie nicht alleine im Wald leben. Was ist, wenn sie krank wird? Jemand muss sich um sie kümmern, muss ihr Tee kochen, Feuerholz sammeln. (Er wird dieser Jemand nicht sein, er ist auf Pilgerschaft, um erleuchtet zu werden. Und außerdem ist er ja nicht mit ihr verwandt.) Vielleicht spürt er an diesem Punkt der Begegnung eine leichte Ungeduld. Er fühlt sich verpflichtet, die Alte bei ihrer Sippe abzuliefern, jetzt, wo sie ihm nun mal begegnet ist, denn er ist ein verantwortungsvoller Mensch. Eigentlich hat er keine Zeit für Umwege, wie gesagt, er ist auf Pilgerschaft, um erleuchtet zu werden.

Dumm nur, dass er nicht sieht, dass sie bereits inmitten ihrer Verwandten lebt. Sie sagt nicht: Die Berge, Flüsse und Pflanzen sind meine Freunde. Nein, sie sind ihre ihre Familie. Diese Familie ist, wie jede gute Familie, fürsorglich. Sie versorgt ihre Großmutter (die gleichzeitig, das ist das wunderbare Geheimnis, auch ihr Kind ist) mit allem, was sie braucht an Luft, Licht, Nahrung und Wärme. Die alte Eremitin lebt im beständigen respektvollen Austausch mit allem, was ist, in einem Geben und Nehmen, das sich nicht erschöpft. Im Kreislauf des Wachsens und Sterbens. Und sie weiß etwas, das sie dem jungen Mönch ganz nebenbei in ihrem Satz mitgeteilt hat: Auch sie ist ein absterbender Baum, der bald in den großen Kreislauf der Veränderung eingehen wird. Ein Baum, der zu Humus zerfällt, damit aus ihm neue Bäumchen wachsen können. Auch der junge Mönch wird in gar nicht so ferner Zeit zu Humus zerfallen. Das weiß er theoretisch natürlich, wie man so vieles theoretisch weiß in der Jugend, aber es ist für ihn noch nicht zur Gefühlsrealität geworden. In seiner Vorstellung liegt das Leben noch vor ihm, und in dieses Leben geht er auf seiner Pilgerschaft Schritt für Schritt hinein.

Weil das Leben scheinbar vor ihm liegt, er aber bereits mittendrin ist, entgeht ihm, dass die Eremitin ihm gerade ein Koan gestellt hat. Koans kennt er, mit denen arbeitet er auf dem Kissen im Zendo, aber die werden vom Abt seines Klosters gegeben, ganz sicher nicht von einer alten Frau in einer baufälligen Hütte. Er hört die Antwort der Eremitin auf der Alltagsebene, sie wurde aber auf einer anderen Ebene gegeben: Aus der absoluten Dimension heraus, der Tiefe des Seins, in der sie beide, die Alte und der Junge, nicht nur verwandt, sondern verbunden sind. Wäre der Mönch in diesem Moment wach gewesen, hätte der kurze Austausch sein Leben verändern können. Das Dharma entfaltete sich in dieser Begegnung von zehn Minuten sichtbar vor seinen Augen: Die Verbundenheit von allem, was ist, und die unentrinnbare Vergänglichkeit von allem, was ist. 

Und er begriff es nicht.

Ich nehme an, er ging immer weiter in ein Leben hinein, das ihn irgendwo zu erwarten schien, ohne dass er es erreichen konnte, und die Erleuchtung war ihm, er wusste selbst nicht wieso, immer ein paar Schritte voraus, uneinholbar.