Mittwoch, 15. Januar 2014

Das Leuchten und der Schmerz


Eine genaue und kluge Rezension des Buches ist in "Buddhismus aktuell" erschienen. Dort schreibt Anna Pesch: "Die "Leuchtende Stille" leuchtet nicht nur zwischen den Zeilen all der kleinen, feinen Beobachtungen zunächst oft ganz alltäglich erscheinender Dinge, die sich für mich durch den genauen respektvollen Blick der Autorin in Offenbarungen für das Wunder des Lebens und Lebendigseins verwandeln. Sie leuchtet auch, inspiriert durch die Lektüre, so meine Erfahrung, verstärkt im eigenen Alltag auf und lässt ihn erstrahlen."

Aber es wurde auch gesehen, dass das Buch sich in wesentlichen Teilen mit Schmerzhaftem auseinandersetzt: "Wie tief dieses Zen doch ist, das unseren existenziellen Schmerz als Wesen, die ihrer selbst bewusst sind, ernst nimmt und nicht in 3 Schritten oder mit leichten Übungen oder 10 Tipps wegtherapieren will."

Die ganze Rezension können Sie lesen unter www.buddhismus-aktuell.de  Menupunkt "Rezensionen".

Dienstag, 24. Dezember 2013

Stille Nacht

Foto: Almut Bieber www.pixelio.de

Über dem Schwarzwald zieht die Nacht auf, erste Sterne sind zu sehen. Die Geschäfte sind geschlossen, die Weihnachtsmarktbuden verriegelt. Der Schulhof mit dem großen Weihnachtsbaum ist verlassen. Ein paar Autos fahren noch rasch nach Hause; ein junges Mädchen mit einem Paket unterm Arm überquert die Straße. Die Nachbarin führt ihren Hund vors Haus; auf das Feld darf er an diesem Abend nicht, heute muss der Baum genügen. Dann schließt auch sie ihre Tür. Die Straßen sind leer. In den Häusern werden die Kerzen entzündet.

Das ist der Moment, in dem die Stille kommt.

Sie steigt aus den Gärten, sie schwebt vom Himmel, sie dehnt sich aus und wird ganz weit und groß. Jetzt und hier darf sie ungestört bei sich sein. Die Stille ist das Wunder dieser Nacht.

Eine Frau, warm eingewickelt in Mantel und Mütze, geht langsam durch die Straßen, absichtslos, ziellos. Sie ist ganz bei sich, und eben deshalb verbunden mit denen, die hinter den Fenstern im Kerzenschein sitzen. Sie geht, von Stille eingehüllt, durch das Wunder dieser Nacht, ein glücklicher Mensch.

Ich wünsche auch Ihnen das Glück, einem Wunder zu begegnen.

Freitag, 20. Dezember 2013

O Tannenbaum


Vor langer Zeit hast du dich geopfert, um Papier entstehen zu lassen, aus dem ein Buch geworden ist. Jetzt hat sich das Buch zurückverwandelt in einen Baum.

Bevor ich nun empörte E-Mails bekomme wegen meines brutalen Umgangs mit Büchern, hier mein Gedanke dazu: Das Buch ist nur die Erscheinungsform des Geistes, der den Autor und die Autorin beseelt. Und der Baum ist nur die Erscheinungsform des Geistes ...  ?

Vielleicht hat die Frage was mit Weihnachten zu tun.

Die Anleitung zum Falten des Buchbaumes finden Sie hier. Ein guter Rat zum Schluss: Nehmen Sie für Ihren Baum kein Buch von mir. Meine Bücher sind dafür nicht dick genug.

Dienstag, 10. Dezember 2013

Begegnung mit Maha Ghosananda

Foto: Cambodian Wikipedia, Samnang
Ich begegnete ihm an einem Novemberabend in Warschau im Jahr 1993. Er saß zwischen dreißig Zuhörern auf dem Boden, die Beine in Lotosposition gefaltet, ein federleichtes Lächeln in den Augen, und sagte ganz schlichte Sätze: „Wenn du Frieden schaffen willst, beginne damit in deinem Herzen. Sorge gut für dich selbst, liebe dich selbst.“

Sie machten dann eine Pause, und Maha Ghosananda winkte mich, die einzige Deutsche im Raum, herüber. Zögernd stand ich auf und ging auf ihn zu. Er lächelte und bedeutete mir, mich zu setzen. „Deutschland ist ein wichtiges Land“, sagte er. „Deutschland hat spirituelle Kraft.“ „Aber wir lieben uns nicht“, sagte ich. Er nickte und sah in sich hinein. Er schwieg. Ich schwieg. Wir saßen in unserem Kreis aus Stille, und ich dachte an mein Land, dessen Menschen sich nicht lieben können, weil die Scham über ihre Vergangenheit sie nicht loslässt.

Erst Monate später, als ich wieder in Deutschland war, recherchierte ich und fand heraus, wem ich da einen Abend lang in kleinstem Kreis gegenübergesessen hatte. Samdech Preah Maha Ghosananda, geboren in Kambodscha, war einer der brillantesten Mönchs-Gelehrten seines Landes. Er lebte im thailändischen Klosterexil, während die Roten Khmer seine gesamte Familie ermordeten. Später kehrte er in sein Land zurück und führte 1992 den ersten Friedensmarsch in Kambodscha an. Kurz nach seiner Rückkehr überreichte er jedem, den er traf, mit einer Verbeugung einen Zettel mit den Sätzen des Buddha: „Hass wird nicht durch Hass besiegt. Hass wird durch Liebe besiegt. Dies ist ein ewiges Gesetz.“

Dieser große kleine Mann, den kennenzulernen ich die Ehre hatte, starb 2007. Maha bedeutet übrigens „großer freudvoller Verkünder“.

(Mehr über Maha Ghosananda und meine Arbeit in Warschau in meinem Buch „Leuchtende Stille“, Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4)

Freitag, 22. November 2013

Eckhart Tolle: "Jetzt!"


Ein wunderbares Buch, das wahrscheinlich schon jeder kennt, der meinen Blog liest - ich stelle es trotzdem vor. Eckhart Tolle gehört keiner "Schule" an, keiner Religion, keiner wie immer gearteteten spirituellen Richtung. Dennoch hat er, wie er sagt, von etlichen Zen-Meistern gelernt: "alle waren Katzen". Wenn das kein verwandter Geist ist!

Besonders gefällt mir sein Ansatz, unseren gesammelten Schmerz als "Schmerzkörper" zu bezeichnen, als "unsichtbares Wesen mit seiner eigenen Persönlichkeit", als "psychischen Schmarotzer". Wer einmal überraschend mit der Wut eines anderen (oder der eigenen ...) konfrontiert wurde, wird bestätigen: "Alles kann ihn aktivieren, besonders dann, wenn er mit einem Schmerzmuster aus deiner Vergangenheit in Resonanz geht. Er kann sich als Verärgerung ausdrücken, als Ungeduld, finstere Stimmung, als Wunsch zu verletzen, als Wut, Depression, als Bedürfnis nach Drama in deiner Beziehung und so weiter. Greife ihn dir in dem Moment, wo er aus seinem Ruhezustand erwacht."

Dasselbe sagt das Zen: Sei auf der Hut. Beobachte genau, was in dir vorgeht, und bemerke jedes Gefühl, jeden Gedanken bereits im Entstehen, um bewusst zu bleiben und Gefühl und Gedanken nicht blind zu folgen. Haben Gefühl und Gedanke erst ein Eigenleben gewonnen, bist du ganz in ihrer Hand und verlierst jede Kontrolle.

Nachdem so viel von Schmerz die Rede war, hier noch ein "schönes" Zitat: "Sage ja zum Leben - und schau, wie das Leben plötzlich beginnt, für dich zu arbeiten anstatt gegen dich."

Eckhart Tolle "Jetzt!", aus dem Amerikanischen von Christina Bolam und Marianne Savita Nentwig, Kamphausen Verlag

Montag, 18. November 2013

Der philosophische Kater über: Interesse


"Was macht sie da? Schreibt sie was? Was schreibt sie denn? Schreibt sie über mich? Oh, der Bleistift ist hübsch. Der rollt so schön übern Schreibtisch.

Menschen glauben immer, wir Katzen seien neugierig. Nein, nein. Wir sind interessiert! Warum sollten wir neugierig sein? Ist nicht alles immer wieder anders, also neu? Ich spiele immer mit demselben Faden, klappere immer wieder mit dem Schlüsselbund, der so einladend an der Tür baumelt, und immer wieder schimpft sie deswegen mit mir. Aber jedes Mal ist ein neues Mal. Die Menschen grübeln dauernd über Vergangenes nach und leben so selten in der Gegenwart. Und wenn sie mal auftauchen aus ihren Grübeleien, sind sie gierig nach Neuem, anstatt einfach das anzuschauen, was schon immer da war. Der Faden. Der Schlüsselbund. Ihre Finger, die über die Tasten hüpfen. Oh, jetzt ist der Bleistift vom Schreibtisch gefallen!

Ich finde das Leben wahnsinnig interessant."

Samstag, 9. November 2013

Das Wort zum Samstag


Dein heilender Einfluss ist nicht von deinem Tun abhängig, sondern von deinem Sein. Wer dir begegnet, wird von deiner Gegenwärtigkeit und von dem Frieden berührt, den du ausstrahlst, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Wenn du völlig gegenwärtig bist, hast du nicht mehr das Bedürfnis, auf das unbewusste Verhalten anderer zu reagieren, du verleihst ihm keine Realität mehr. Daran zerbricht der Kreislauf von Aktion und Reaktion. Tiere, Bäume und Blumen werden deinen Frieden spüren und ihn erwidern. 

Du lehrst durch dein Sein. Du wirst zum "Licht der Welt". Du befreist die Welt von Unbewusstheit.

Wer du bist, ist die wesentliche Lehre. Durch dein Sein verwandelst du die Welt mehr als durch dein Reden und durch dein Tun.

Eckhart Tolle

Samstag, 2. November 2013

Die Noch-nicht-Rose


Noch einmal hat mein Rosenstrauch eine Knospe ausgetrieben. Eine pralle, fest gefüllte, aufbruchsbereite Kapsel. Drinnen die komplett ausgebildete Möglichkeit einer Rosenblüte. Es brauchte gar nicht viel, um die Blüte zum Blühen zu bringen: Ein wenig Licht, ein wenig Wärme, Schneelosigkeit, Nachtfrostabwesenheit.

Wird sie es schaffen, die Knospe, zur letzten Rose des Jahres zu werden?

Ich habe noch ein paar Knospen in mir, zum Platzen gefüllt mit komplett ausgeformten Möglichkeiten. Es brauchte gar nicht viel, um die Knospen zum Blühen zu bringen ...

Dienstag, 29. Oktober 2013

Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan: "Songs of the Wanderers"


Am rechten Bühnenrand steht ein Mönch und meditiert. Er wird dort eineinhalb Stunden bewegungslos stehenbleiben, während langsam goldener Reis auf ihn hernieder rieselt. Reis auch auf dem Bühnenboden. Männer und Frauen waten durch die Körner, gestützt auf riesige knotige Äste, an deren Enden Glöckchen hängen. Der Reis wird zum Fluss, der Fluss wird zur Zeit, ständig sich verändernd und doch immer gleich. Einmal geht ein tropischer Regenschauer aus Reis hernieder, es prasselt, die Tropfen springen, die Menschen tanzen im Regen. Um die Füße des Mönchs sammelt sich langsam der Reis wie in einer Sanduhr. Die Zeit rieselt weiter, doch der Mönch ist jenseits von ihr. Er verweilt am Ort des Nicht-Denkens und Nicht-Reagierens.

Entfesselte Bravorufe, stehende Ovationen. Auf der Bühne verbeugt sich der taiwanesische Choreograf Lin Hwai-Min, ein kleiner, ganz großer Künstler.


Er war auf den Spuren des Buddha nach Bodhgaya gereist und saß, wie einst Prinz Siddhartha, bevor er der Buddha wurde, unter einem Bodhi-Baum. "I opened my eyes and sunlight, emanating from somewhere near the top of the stupa and filtering through the branches, fell directly onto my forehead. My heart filled with joy and I felt a quietude that I had never experienced." Zurück in Taipeh, meditierte er täglich mit den Mitgliedern seiner Tanzkompanie und schuf das Stück "Songs of the Wanderers", "ein Stück darüber, wie man Askese praktiziert, über die Sanftheit des Flusses und die Suche nach Frieden".

Ich durfte Lin Hwai-Min und seine wunderbare Kompanie erleben, im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau bei Dresden. Eines meiner großen Theater-Erlebnisse.

Die DVD der Produktion gibt es zum Beispiel bei amazon.

Montag, 7. Oktober 2013

Was ist Stille?


Als ich Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom war, kam das Ensemble Modern zu einem Konzert in die Villa. Unter anderem war ein Stück von John Cage mit dem Titel 4'33" angekündigt. Der Pianist setzte sich an den Flügel und legte die Hände auf die Oberschenkel, vom Scheitel bis zur Schuhspitze Konzentration. Im Saal wurde es allmählich still, das Rascheln der Programmhefte versiegte, ein letzter Huster war zu hören. Wir warteten. Der Pianist saß am Flügel.

Wir warteten.

Der Pianist saß am Flügel.

Erste Unruhe entstand. Ein paar Füße scharrten. Die Programmhefte knisterten wieder. Jemand flüsterte. Der Pianist saß am Flügel, voll und ganz konzentriert. Er saß vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lang. Dann stand er auf, verbeugte sich vor dem verblüfften Publikum und ging ab.

John Cage, der sich intensiv mit Zen befasst hat, begab sich einst in ein schalltotes Studio, um herauszufinden, was Stille ist. Dort machte er die Erfahrung, dass es Stille im Sinn der Abwesenheit von Geräuschen nicht gibt: In dem schalltoten Raum war John Cage mit den Klängen konfrontiert, die sein eigener Körper unaufhörlich produzierte. Er hörte seinen Magen kollern, sein Blut in den Ohren rauschen. John Cage kam zu dem Schluss: "Stille sind all jene Klänge, die wir nicht beabsichtigen."

Um seinen Zuhörern das Erlebnis der Stille zugänglich zu machen, komponierte er das Stück 4'33'', in dem der Pianist keinen einzigen Ton spielt. Die Zuhörer aber hören nicht nichts, sondern ziemlich viel. Sie hören ihr Herz schlagen, das Blut kreisen, den Darm kullern. Was also hören die Zuhörer, wenn sie diesem Stück lauschen? Geräusche? Klänge? Sich selbst? Nein, sagt John Cage: Sie hören die Stille, denn "Stille ist der Zustand der Absichtslosigkeit".

Stille ist nicht die Abwesenheit von Geräusch, sondern die Abwesenheit einer persönlichen Absicht. Stille ist deshalb nicht dasselbe wie Pause, denn in der Pause warte ich auf eine Fortsetzung des soeben Gehörten. Stille ist für John Cage ein geistiger Zustand: der Zustand des Nicht-Wissens, des Nicht-Verlangens, des Verweilens im Augenblick. In dem Moment, in dem unser Geist nicht mit Planen, Hoffen, Wünschen und Ängstigen befasst ist, ist Stille anwesend - unabhängig von jedem äußeren Geräusch.

(Mein Seminar zum Thema Stille im Waldhof Freiburg Ende Oktober ist ausgebucht; wir haben eine Warteliste. Ich weise deshalb jetzt schon auf mein Seminar im Kloster Heiligkreuztal vom 15. - 17. November hin. Hier gibt es mehr Informationen.