Sonntag, 17. April 2022

Göttin Ostara ist da


 

Wenn die Bäume weiß zu blühen begannen, war das für die Kelten das Zeichen, dass die dunkle Göttin des Winters sich in die Lichtgöttin verwandelt hatte. Denn es war ein- und dieselbe Göttin, die eine dunkle und eine helle Seite hatte - sollten wir uns merken. Jedes Ereignis hat zwei Seiten; das Gesicht, das die Göttin in den Erfahrungen unseres Lebens gerade zeigt, ist nicht ihre einzige Wahrheit. Bei den Germanen hieß die als jung wahrgenommene Göttin in ihrer hellen Erscheinung Ostara, was in etwa bedeutet "aus dem Osten kommendes strahlendes Morgenlicht". Das Christentum hat daraus die Wiederauferstehung gemacht, die durch den Zusatz "wieder" ebenfalls ein zyklisches Geschehen andeutet. Auch der Buddhismus kennt eine Wiederauferstehung. Unsere grundlegende strahlende Lichtheit zu erfahren (zu "erwachen") bedeutet, ein völlig neues Leben zu beginnen, in ein anderes Sein wiederaufzuerstehen.

Ostern ist das Fest, an dem die Dunkelheit besiegt ist, und das Lichte, Helle mit Freudenfeuern begrüßt wird. Jetzt ist die Zeit, unser inneres Freudenfeuer zu entzünden. Ich glaube, wir alle haben in den Wintermonaten viel Dunkelheit in uns aufgenommen. Vielleicht wurden wir oder nahe Menschen krank, vielleicht haben wir uns vorsichtshalber von allen Kontakten zurückgezogen. Feste fielen aus, Chöre durften nicht singen (oder, wie meiner, mit fest versiegelten Masken vor den Mündern und 2G+), Tänzer durften nicht tanzen, und dann begann auch noch der Krieg. So viel Depressivität und Mutlosigkeit hat sich da aufgebaut. Aber jetzt ist Ostern, und wir können wiederauferstehen als die lichtvollen Gestalten, die wir im Grunde unseres Wesens sind. Das hatten wir nur verständlicherweise für kurze Zeit vergessen.

 



Die Gänseblümchen, die ich im letzten Jahr in mein Hochbeet gesät habe, sind aufgegangen. Meine Nachbarn stürzen sich grimmig mit Rasenmähern auf die kleinen Süßen, ich züchte sie und streichle sie einzeln. Wenn ich morgens auf den Balkon komme, schlafen sie noch, die Köpfchen aneinandergelegt. (Ihre Blütenspitzen sind rosa!) Gegen acht fangen sie an zu blinzeln und schauen mal, ob es sich lohnt, aufzuwachen. Auf meinem Balkon sind bereits Mitte April 28 Grad (im Schatten), also lohnt es sich für sie, und mittags stehen sie weit geöffnet da und trinken Sonnenlicht. Sie sehen aus wie winzige Spiegeleier, das puschelige Dotter in der Mitte.

Ich wünsche Euch allen, dass Ihr Euer strahlendes Wesen entfaltet.


Montag, 4. April 2022

Thich Nhat Hanh "A cloud never dies"

 


Ein schöner kleiner Film über Thich Nhat Hanh, seine Lebensgeschichte, die Entstehung von Plum Village und des Order of Interbeing und die Bedeutung von Engagiertem Buddhismus. 

Gerade jetzt sind seine Worte so wichtig. Denn seine gesamte Arbeit entstand auf Grund des Krieges in Vietnam, und der Kern seiner Botschaft war immer: Peace in yourself is peace in the world.

 

Freitag, 1. April 2022

Was dich hält



Die ukrainische Theater-Autorin Natal'ya Vorozhbit schreibt im Guardian über ihre Flucht aus Kiew. Sie floh mit Mutter, Tochter und Katze und griff in Eile das, was sie für das Nötigste hielt: ihren Pass und zwei Ringe. In ihrem Beitrag denkt sie darüber nach, was alles sie zurücklassen musste und wie ihre Pflanzen überleben werden (sie hatte sie vorher noch gegossen). Der Beitrag ist hier (klick) zu lesen.

Als meine Mutter aus Frankfurt an der Oder floh, nahm sie eine Handvoll Fotos mit. Aufnahmen ihrer Brüder, der Mutter, der Eigentums-Wohnung in dem Haus, das inzwischen unter Bomben begraben war. Sie trug die Fotos der Länge nach durchs Land, packte sie in Bayern wieder aus und betrachtete sie bis zu ihrem Tod immer wieder. An den langen stillen Abenden in den wechselnden Wohnungen in dem Land, in dem die Leute einen Dialekt sprachen, den sie nicht verstand, und Dinge aßen, die sie nicht mochte.

Als ich auf meiner Indienreise mit heftigen Schmerzen von meinen Reisegefährten in aller Eile ins Government Hospital St. George in Bombay eingeliefert wurde, hatte ich nichts bei mir außer meinem winzigen Bauchgürtel mit Pass und Geld und meinen Schal, den ich in Varanasi auf dem Seidenmarkt gekauft hatte. Mein Rucksack war im Schließfach am Bahnhof. Ich lag auf der blanken Matratze auf dem eisernen Bettgestell in einem Saal mit Dutzenden Frauen, die Vögel flogen ein und aus, unter den Betten suchten magere Katzen nach Essbarem, und ich lag tröstlich eingewickelt in meinen Schal.

 

 

Was du mitnimmst, wenn es schnell gehen muss, ist keine Frage der rationalen Entscheidung. Du greifst nach irgendetwas, und die Chancen sind groß, dass es etwas ist, das dich halten wird in der langen Zeit, die folgt. Wenn wir zurückgeworfen sind auf das Elementarste - auf uns selbst, unseren Körper mit dem, was ihn gerade bedeckt -, wird dennoch irgendetwas da sein, das uns in einer Realität verankert, auf die wir uns nicht vorbereiten konnten, weil wir ohne Vorwarnung in sie hineingeworfen wurden. Du blickst dich um und erkennst nichts wieder. Nichts ist so, wie es vorher war. Du bist in der absoluten Fremde gelandet. 

Aber hier ist dein Ring. Hier ist das Foto von deinem Bruder. Hier ist dein Schal. Etwas Vertrautes weht dich an und rettet deinen Geist vor dem Wahnsinn. 

Ich schaue mir die Bilder von den ukrainischen Kindern an, die an der Grenze zu Polen ihre Kuscheltiere umklammern, und bin irgendwie froh. Inmitten des völlig Unverständlichen wissen sie: Hier ist mein Bär. Hier ist mein Hase.

Ein winziges Stück Plüsch. So fragil, und doch ...


Samstag, 26. März 2022

Fülle


So viel Schönheit und Wärme im Moment, und so viele Ängste sind unterwegs. Nicht um die Menschen in der Ukraine, die in eisigen Kellern ausharren, ohne Wasser und Lebensmittel, und nicht wissen, ob sie morgen noch leben werden. Nein, hier fürchtet man sich schon jetzt vor dem kommenden Winter in sparsam geheizten Häusern, vor knappem Öl und Gas, fehlendem Sonnenblumenöl und Weizen. Alles wird teurer, sogar die Tageszeitung hat wegen des Papierpreises erhöht, vom Benzin gar nicht zu reden! Wovon sollen wir leben, wir werden bald kein Geld mehr haben für unseren gewohnten Lebensstil!

Ich habe das Privileg, in großer Armut aufgewachsen zu sein. Wir lebten zu dritt in einem Zimmer ohne Toilette oder Bad. Ich besaß so gut wie keine Spielsachen und hatte keine Spielkameraden, weil ich als Flüchtlingskind isoliert war von zwei Seiten: Meine Mutter verbot mir den Umgang mit den Einheimischen und diese verboten ihren Kindern den Umgang mit mir. Es fehlte also an allen Ecken und Enden, aber ich richtete mich geschmeidig im Ungenügen ein. Mein Lieblings-Spielzeug war eine alte Zahnbürste, mit der ich Wasser auf dem Blechdach verteilte und zusah, wie es in der Sonne zusammenschnurrte. Und wenn Mutter und Stiefvater einander anbrüllten oder (was schlimmer war) tagelag eisig anschwiegen (und mich gleich dazu), begab ich mich in Windeseile in meine Phantasiefamilie, in der richtig tolle Leute lebten, die mich richtig gern hatten und mit mir sangen und Bilder malten, und einen Hund hatte ich da auch.

Ich habe bis heute wenig Geld. Aber das Leben hat mich früh zur Poetin gemacht. Was sollte mir fehlen?


Kalligrafie von Thich Nhat Hanh

 
Heute habe ich es nicht mehr nötig, mir eine Wunschfamilie zu erträumen. Das Schöne, Leuchtende, Erfüllende liegt direkt vor meinen Augen, ich muss es nur wahrnehmen wollen. Es steht hinter jedem Gartenzaun, hängt an jedem gewöhnlichen Straßenbaum, kommt mir an der nächsten Ecke entgegen in Form von Hunden, Kindern und ganz erstaunlichen Menschen. Neulich dieser alte Herr im hellblauen Anzug, eine Melone auf dem Kopf und einen Spazierstock in der Hand. Und das riesige Paket von Ikea, das schwankend vor mir auf dem Fahrrad fuhr, Paket auf Sattel mit zwei Frauenbeinen darunter. Wenn ich nach Hause komme, muss ich mich erst mal erholen von so vielen Eindrücken.

Den Deutschen, die gerade zu jammern anfangen, möchte ich sagen: Leute, es geht euch gut. Ihr habt alles, was ihr braucht. Schaut euch um: Schönheit, Farbe, Licht ist im Überfluss vorhanden. Kostenlos. Fülle hängt nicht von Dingen ab, sie ist ein Geisteszustand. Und kleine Einschränkungen im Lebensstil sind keine Katastrophe. Von allem etwas weniger zu verbrauchen, im Ganzen etwas einfacher zu leben könnte sich als befreiend erweisen. Ein Ding, das man nicht besitzt, muss nicht geputzt und gewartet werden. Eine Zutat, die beim Kochen fehlt, setzt Kreativität frei. 

Werft die Angst in die Luft, der Wind trägt sie davon. 


Montag, 21. März 2022

"Aussichtslos"?

 

Vor ein paar Tagen las ich die Bemerkung eines sogenannten "Militär-Experten", die Verhandlungen zwischen den Ukrainern und Russen seien "von Anfang an aussichtslos" gewesen. Nun ist die Welt ja ein Bilderbuch, in dem uns alles gezeigt wird, was wir wissen müssen. Wir schauen nur nicht genau hin, und wenn wir es zufällig doch mal tun, weil wir gerade versehentlich vom Handy aufgeblickt haben, kapieren wir nicht, dass uns da eine Lektion erteilt wird. Als ich im letzten Herbst im Nachbarort mit der Kamera unterwegs war, wurde mir klar, in welchem Zustand unser Geist ist, wenn wir davon sprechen, dass eine Situation aussichtslos sei. Die "Aussicht", sagt der Duden, wurde als "Blick nach draußen" in der Gartenkunst des 17. Jahrhunderts verwendet. Damals haben die Gartenkünstler wuchernde Hecken und Bäume gnadenlos gestutzt, damit der Blick ins Weite gehen konnte.  

 



Befürchtungen und Erwartungen von Unglück aller Art sind schnellwüchsige Pflanzen, und wir düngen sie auch noch, indem wir unablässig über sie nachgrübeln. Das ist, als würden wir in unserem Garten einen zufällig herangewehten Samen des Riesenbärenklaus mit Kompost päppeln und uns nach wenigen Monaten fassungslos fragen, warum er unsere schönen Rosensträucher erstickt hat. Wenn uns also eine Situation in unserem Leben aussichtslos erscheint, müssen wir unseren Geist von dem Gedankengestrüpp befreien, das uns die Aussicht nimmt. 

Wir erklären unseren Geist zur befürchtungsfreien Zone. Sobald ein scheinbar harmloser kleiner Gedanke sich meldet, der uns die schlimmstmögliche Wendung der Situation unterjubeln will, weisen wir ihn energisch zurück. Gedanken wollen unsere unbedingte Aufmerksamkeit, das macht sie groß und stark. Wenn wir sie nicht beachten, hungern sie aus. 

Unser Geist ist ein großes, weites, lichterfülltes Land mit Aussicht. In dem jederzeit alles möglich werden kann. Man muss es nur klug kultivieren.


Samstag, 19. März 2022

"Überwintern" von Katherine May

 

Mit siebzehn fiel sie in eine Depression; an ihrem 40. Geburtstag erkrankt ihr Mann schwer, sie selbst hat möglicherweise Krebs, und dann will ihr Sohn nicht mehr in die Schule gehen. Katherine May schreibt über die „Winterphasen“ und wie wir mit ihnen umgehen können. Also ein durchaus aktuelles Buch, das ein paar kluge Gedanken vorstellt. Das Leben verläuft in Zyklen, sagt die Autorin, und wir dürfen die Dunkelheit, die dazugehört, nicht ignorieren. Die gälische Mythologie kennt die hexenartige Göttin Cailleach, die Urmutter der Welt. Sie regiert im Winter bis Anfang Mai, dann übernimmt Brighde die Herrschaft, die auch als das zweite Gesicht derselben Göttin aufgefasst wird.

Während wir vermutlich alle auf Brighde warten, in welcher Form auch immer sie uns hoffentlich irgendwann erscheinen wird, könnten wir dieses Buch lesen. Meine Rezension  wurde vor einem halben Jahr von mir produziert und wird jetzt endlich im SWR gesendet. Zu hören hier (klick)

 

Montag, 7. März 2022

Stabil bleiben


Ich war mal wieder im Wald. Der ist jetzt, so zwischen den Zeiten des Nicht-Mehr und Noch-Nicht, sehr licht. Am Wegrand stapeln sich die gefällten Stämme, anscheinend ist im Winter so einiges abgestorben. Auf den Stämmen stehen Namen wie "Kuhner", und während ich mir überlege, was Herr Kuhner wohl mit seinen Stämmen vorhat, rumpeln robuste private Fahrzeuge mit Anhängern vorbei, auf denen weitere Stämme aufgetürmt sind. Es ist Samstagnachmittag, man holt sein Holz ab, es ist alles normal und so wie immer im Wald Anfang März.



Viel anderes als Holz in allen Stadien des Lebendigen und Toten gibt es diesmal nicht zu sehen, aber auf den Stämmen, die keine Namen tragen, ist richtig was los. Efeu! Moos! Lärm herrscht, das passt zur Weltlage. Irgendwo in den Tiefen des Waldes sind die Holzfäller unüberhörbar am Werk. Es liegt viel Zersplittertes herum, da wurde wohl dilettantisch was herausgesägt und der Rest stehengelassen, kann man nicht brauchen so was, war aber doch auch mal ein Baum. Wie traurig ist das denn. Ich gehe inzwischen über Holzboden, hier hat ein Baum-Massaker stattgefunden, und weil ich nun mal in Bildern denke und gerade ziemlich viele ratlose Mails bekomme, in denen ich gefragt werde, wie es mir geht mit der Situation und wie man damit umgehen solle, bleibe ich stehen und denke: So vielleicht nicht.



Wir werden in den Nachrichten mit Bildern und Berichten überschüttet. In den sozialen Netzwerken wird aufgeregt alles geteilt, was einem gerade so unterkommt, ein spektakuläres Video, ein Zitat, raus damit. Persönliche Freunde versuchen, uns in ihre Emotionen zu verwickeln, in die Angst, die Wut, den Pessimismus, und werden gereizt, wenn wir uns nicht hineinziehen lassen. Wir müssen jetzt ganz klar und stabil bleiben, um nicht von Emotionen überschwemmt zu werden oder uns abzuschließen und in Gleichgültigkeit zu verfallen. Ich muss nicht jeden aktuellen Film aus dem Kriegsgebiet sehen, habe mich vorerst aus meinen sozialen Netzwerken ausgeklinkt, beantworte keine Mails mehr, die in aggressivem Ton verfasst sind, und praktiziere das, was ich in meinen Retreats anbiete: Immer wieder innehalten und dreimal bewusst atmen.



Ich kehre zurück zu mir selbst, wie es in der Plum-Village-Intersein-Schule heißt. Nämlich zu meinem wahren Selbst, der Stille am Grund des Universums, die mich nährt mit ihrer Energie und Intelligenz. Ich kehre viele Male am Tag dorthin zurück, im Wald, in der Küche, im Bad, in der Fußgängerzone - auf dem Strom meines Atems, dem ich bewusst folge, sodass kein Gedanke sich einmischen und die Verbindung stören kann. Und immer wieder einmal steigt dann eine so unbändige Freude in mir auf, eine Freude am schieren Da-Sein, am reinen Sein. Ich wünsche mir sehr, dass ihr alle diese Freude empfinden könnt.

Und dass ihr gerade jetzt stabil bleibt und nicht zersplittert werdet. Und kraftvoll da sein könnt, wenn ihr gebraucht werdet. Wofür auch immer.


Mittwoch, 2. März 2022

Hilfe für ukrainische Waisenkinder

 

Während wir uns bei meinem Retreat "Der lange Schatten des Krieges" am letzten Wochenende in einem Freiburger Stadtteil oben auf dem Berg intensiv und emotional austauschten, kamen unten in der Stadt vier Busse mit 157 ukrainischen Waisenkindern und ihren Betreuern von einem Kinderheim in der Nähe von Kiew an. Erschöpft, mit Stofftieren im Arm, stiegen sie aus den Bussen. Der Leiter des Heims, der gleich wieder zu seiner Familie nach Kiew zurückfuhr, erzählte, wie sie von Drohnen beschossen worden seien, und sagte: "Diese Kinder sind in einer Nacht um zehn Jahre gealtert. Ihre Kindheit ist vorbei." 

Die Kinder dürfen in Freiburg bleiben, betreut von der Ukraine-Hilfe der Evangelischen Stadtmission. Ich habe einen kleinen Teil meines Honorars gespendet, weil ich weiß, das Geld ist dort in guten Händen. Wenn Du den Ukrainern helfen willst und nicht weißt, welche Spendenadressen vertrauenswürdig sind: Diese hier ist es: Evangelische Stadtmission: IBAN DE14 5206 0410 0100 5061 09 Stichwort "Ukrainehilfe"

Hier ist ein Bericht in der Badischen Zeitung: https://www.badische-zeitung.de/waisenkinder-aus-kiew-in-freiburg

Und hier einer im Stern: https://www.stern.de/plus/gesellschaft/freiburg--so-flohen-167-waisenkinder-von-kiew-nach-deutschland-31659546.html