Montag, 14. September 2020

Der Sommer, der noch nicht abtreten will

Ein Morgen im September. Über dem Kandel geht die Sonne auf, an einem perlmuttfarbenen Himmel. Seit einer Woche ist keine Wolke zu sehen, makellose Sommertage reihen sich aneinander. Auf Balkonen und Terrassen erblühen noch einmal die Sonnenschirme, die Eiscafés sind überfüllt, in der frühen Abenddunkelheit hört man Gelächter und Gläserklirren aus den Gärten. Ein letztes Mal packen meine Nachbarn die Strandtaschen und fahren mit den Kindern an den Baggersee. Aus weit geöffneten Autofenstern fliegt Musik vorüber. Die Schritte sind rascher geworden, etwas vibriert in der Luft, eine Erregung, die vom Kalender nicht vorgesehen ist: Noch einmal ist Sommer geworden, richtiger, heißer Sommer. Ein Geschenk aus Wärme und Licht ist über dem Land ausgeschüttet worden.

In den Nächten aber macht sich schon der Winter bereit. Er fängt mit seiner Arbeit immer in den Nächten an, für die Nacht reicht die Kraft des Sommers nicht mehr. Er ist müde geworden, der Sommer, seine Arbeit ist getan. Was er jetzt noch leistet, ist der letzte kleine Rest, der Überschuss, der noch nicht für das Keimen, Blühen und Erwärmen verbraucht worden ist. Den Sommer in seiner vollen Kraft hatten wir gar nicht so recht wahrgenommen. Er war uns fast ein wenig lästig geworden mit seinen nicht enden wollenden hellen Abenden, den Mücken und dem Geschrei der Frösche, und die Wohnungen hat er natürlich zu warm gemacht, und die Wiesen hat er versteppt. Aber ein sterbender Sommer, dem der Winter im Nacken sitzt, ist ein anderer Sommer. Einer, der uns ein wenig Schmerz bereitet mit seiner tapferen Widerständigkeit, seiner Weigerung, abzutreten und dem kalten Alten das Land zu überlassen.

Der Winter meines Lebens macht sich bereit in den Nächten, in denen ich liege und auf die Stille lausche. Die Stille in der Vorstadt nachts um drei ist absolut. Die Discobesucher sind heimgekehrt, die Früharbeiter noch nicht aufgebrochen. Die dritte Stunde der Nacht ist der Zustand zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht; ich liege und lausche und weiß, das ist jetzt mein Leben. Nicht mehr jung und noch nicht alt.

Und morgen vielleicht die Sonne über dem Kandel, in diesem späten Sommer, der noch nicht abtreten will.

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag)


Montag, 7. September 2020

Apollo5 "Scarborough Fair"


Ein etwas melancholisch gefärbter Montag. Seit Anfang März darf mein Chor (wie alle anderen Chöre) nicht mehr wie gewohnt proben. Gut, wir haben uns auf Zoom gesehen (aber nicht gehört); zur Klavierbegleitung unseres Chorleiters hat jede und jeder im eigenen Wohnzimmer solo vor sich hingesungen. Dreimal haben wir im Sommer zu je sechst im Garten einer Mitsängerin geprobt. Ein Konzert wurde abgesagt, ein geplantes im Herbst gleich gar nicht angekündigt. Das wird so weitergehen, bis in den Winter, vielleicht ins Frühjahr hinein. 

Ich habe gehört, dass die großen Spitzen-Chöre auf Grund dieser langen Probenpause vielleicht nie wieder ihre frühere Qualität erreichen werden. Ein Chor besteht ja nicht einfach aus hübschen Einzelstimmen, die notfalls ihre Stimmbildung selbst übernehmen können. Ein Chor ist ein homogenes Gewebe aus subtil ausbalancierten Klangfarben. 

Unsere Kultur verwelkt still und leise im Hintergrund. Auch das ist ein Grund zum Trauern.

Zum Trost die wunderbaren Apollo5 mit dem Folksong "Scarborough Fair", den ich früher mit meiner kleinen Folkgruppe so oft gesungen habe.

Donnerstag, 3. September 2020

Leicht werden, oder: Weniger ist mehr als genug


Gestern war ich - zum ersten Mal in diesem Jahr - längere Zeit in der Stadt. Ich erledigte ein paar Dinge, dann bummelte ich durch die Gassen. Es war voll. Menschen schoben sich hindurch (zeitweise setzte ich meine Maske auf), in den Straßencafés war kein Platz mehr frei. Aber: die Läden waren zwar gefüllt mit Ware, doch leer von Menschen. Und dann fiel mir auf, dass im Straßenbild die sonst üblichen prallen Einkaufstüten fehlten. 

Wenige Wochen Shutdown haben genügt, um das System der Verführung zum Konsum durch ein ständig nachgeschaufeltes brandneues Angebot zusammenbrechen zu lassen. Unsere Gesellschaft konnte ihre prekäre wirtschaftliche Balance nur so lange aufrechterhalten, wie wir alle bereit waren, uns ständig Neues zuzulegen. Aber die einstmals so schnell Verführten hatten Zeit zum Nachdenken. Zur Besorgnis der Politik und des Handels denken sie offenbar immer noch nach, trotz Mehrwertsteuersenkung. Vielleicht haben sie ja entdeckt, dass sie eigentlich schon alles Notwendige besitzen. Sie haben sogar die Wohnung voll mit Nicht-Notwendigem. Vielleicht haben sie entdeckt, dass auch das ältere Modell von diesem oder jenem Gerät noch gut genug ist. Und dass es Dinge gibt, die man selbst herstellen kann. Ausleihen. Tauschen.

Vielleicht haben auch einige Nachdenkliche entdeckt, dass es sich lohnt, statt billigem Ramsch gute Qualität zu kaufen. Ich mag kleine inhabergeführte Läden, die besondere Dinge anbieten und jetzt die ersten sind, die sterben. Aber gerade dort gibt es schon Initiativen, in denen man sich zusammenschließt, um die Miete zu reduzieren und gleichzeitig einander im Angebot zu ergänzen. Ich liebe Stoffe und Bücher (okay, Bücher ein wenig mehr). Gestern stand ich in Freiburg in der Salzstraße vor der altehrwürdigen Buchhandlung Zum Wetzstein, die sich kreativ neu erfunden hat: Sie residiert an ihrem alten Standort in einer Nische inmitten des (auch sehr edlen) Stoffladens Etoffe & Tessuti, zwischen den Stoffrollen im Eingangsbereich und der ratternden Nähmaschine im hinteren Bereich. Übrigens: in der Buch-Nische drängten sich die Kunden. Der Stoffladen war leer.

Das Konzept der Achtsamkeit beruht vor allem darauf, zwischen einen Reiz und unsere Reaktion darauf einen Raum zu schaffen, in dem der Automatismus ausgeschaltet ist. Das kann man fabelhaft üben bei einem Schaufensterbummel. Oh wie toll, das will ich haben! Innehalten. Pause. Nachdenken. Nachspüren. Dann vielleicht die Erkenntnis: So was Ähnliches habe ich doch schon.

In diesen wenigen Sekunden beruhigt sich der Geist, er zerrt uns nicht mehr hierhin und dorthin. Eine andere Instanz in uns, die fähig ist, den Geist zu beobachten, hat wieder die Macht übernommen. Auch die über unsere Geldausgaben. Wir könnten zum Beispiel das kleine vor dem Ruin stehende Theater durch unseren Besuch unterstützen, das Streichquartett, das Mini-Literaturfestival. Was man von dort mitbringt, beschwert einen nicht mit Einkaufstüten; man kommt nach dem Besuch noch prima drei Treppen hoch.

Kunst erschafft Freiheit und Leichtigkeit im Geist, sie lüftet durch, und Lüften ist in Corona-Zeiten, wie wir inzwischen alle wissen, lebensnotwendig.


Sonntag, 23. August 2020

Morgenlicht. Abendlicht.


Ein Sommermorgen am See. Nur die Enten und ich im klaren Licht, das noch ungetrübt ist von den Abgasen der Lkw, die sich bald über die Landstraße schieben werden. Eine Stunde der Klarheit und Reinheit. Oder: Die erste Meditationsrunde an einem frühen Wintermorgen in einem meiner Retreats. Während wir sitzen, dämmert über den Bergen der Tag herauf, die Nacht weicht zurück, und das Licht füllt den Raum mit seiner Energie.

Als ich in den Bergen lebte, bin ich im Sommer um vier Uhr morgens über den Höhenweg gelaufen und habe die Kühe auf den Almen begrüßt. Am Morgen erwacht die Welt neu, alles erscheint möglich in der Klarheit und Stille. Die besten Texte schreibe ich zwischen fünf und acht Uhr; dann sind meine Gedanken luzide, die Sprache ist einfach und leicht.

Am Morgen sammle ich Licht für den Tag, diese lange Strecke bis zum Abend, die nicht immer leicht zu bewältigen ist. Ich sammle - wie ein Eichhörnchen Nüsse sammelt - Strahl für Strahl und fülle sorgfältig meinen inneren Lichtvorrat. Licht hat gegenüber Nüssen den Vorteil, sehr leicht zu sein; man kann es mühelos überallhin mitnehmen. Wenn der Tag mir dann besonders viel Lärm, Schmutz und Unfreundlichkeit beschert, erlaube ich meinem Geist, sich an dem Vorrat zu bedienen. Dann stehe ich vielleicht an irgendeiner belebten Straßenecke, um mich herum hupt es, Sirenen heulen, jemand brüllt seinen Hund an. Ich aber stehe im Geist am Ufer des Sees, in dessen klarem Wasser sich eine Ente auf einem Stein spiegelt. Im Licht.

Licht ist ansteckend; in diesem Fall ist das eine gute Nachricht. Man kann es nicht aufhalten, es fließt einfach hinaus, in den Lärm, den Schmutz, die Unfreundlichkeit. Manchmal verwandelt es die Unfreundlichkeit in Freundlichkeit, oft allerdings nicht - aber für den, der im Licht steht, ist das eigentlich gar nicht wichtig.


Wie gut, dass jeder Tag ein Ende hat, denn jetzt kommt die Zeit des Abendlichts. Es hat nicht die Klarheit und Schärfe des Morgenlichts; sein Wesen ist Sanftheit, seine Energie die der Umarmung. Am Seeufer quaken leise die Enten im Schilf; im Zendo sitzen wir bei Kerzenschein, während sich die Stille über die Stadt senkt. Das Abendlicht ist kostbar; ich sammle es für die besonderen Stunden, in denen ich seine beschützende Energie brauche. Stunden der Krankheit, der Trauer, des Abschieds.

Vergesst nicht, Licht zu sammeln. Wir brauchen viel davon, für uns selbst und für alle, die vergessen haben, was Licht ist.

Mittwoch, 19. August 2020

Freitag, 14. August 2020

Jeder Augenblick ist ein Tempel (2. Teil)


Erschienen in: EIAB Magazin, Europäisches Institut für Angewandten Buddhismus, Waldbröl, August 2019
Text und Fotos: Margrit Irgang

Dieser Text wurde in der Vor-Corona-Zeit geschrieben, aber wenn ich die abstrusen Behauptungen der Verschwörungstheoretiker, Rechten und sonstigen Egozentriker aller Seiten höre und die Bilder der Demonstrationen in Berlin und Stuttgart anschaue, erscheint mir der Text sehr aktuell.


Wahrnehmung findet statt in einem weit offenen Herzensraum, in den ich mein Gegenüber einlade, damit es sich vertrauensvoll zeigen kann mit all seinen Bedürfnissen. Aber kaum ist es eingetreten, ist es schon kein Gegenüber mehr. Wir beide sind in eine neue Beziehung eingetreten, eine ziemlich nahe, und jetzt kann ich mich nicht mehr heraushalten aus der Sache und sie nach Belieben beenden. Auf einmal geht mich alles an, was den oder die andere angeht. Das kann sehr glücklich machen und manchmal sehr wehtun. Auch diese Gefühle und viele andere, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte, nehme ich jetzt in aller Klarheit wahr. Und was für düstere Gedanken wandern da eigentlich in meinem Kopf herum?

So ist das mit der Wahrnehmung: Sie reißt alle von uns künstlich aufgerichteten Grenzzäune ein und stellt uns in eine offene Weite. Diese Weite hatte ich eigentlich gar nicht gesucht, sie verunsichert mich. Irgendwie passen meine mir liebgewordenen Meinungen nicht mehr zur Situation, meine Überzeugungen zerbröseln in Windeseile, alles in allem fühle ich mich, ehrlich gesagt, ziemlich unsicher. In diesem Moment begegnen wir hoffentlich einem Menschen oder einem Buch, die uns versichern, dass wir uns im wichtigsten aller Zustände befinden, dem Zustand des Nicht-Wissens. Jetzt, genau jetzt, kann das ganz Neue eintreten. Es kann eintreten, weil wir in unserer Praxis gelernt haben, innezuhalten und genau wahrzunehmen, was in uns und um uns herum geschieht.Wenn ich keine Trennung mehr erfahre zwischen „mir“ und „dem anderen“ - sei es ein Mensch, ein Tier oder die gefährdete Natur -, weiß ich auf einmal ohne Zweifel, was zu tun ist.

Zu sehen wie Gandhi, Martin Luther King, Thich Nhat Hanh oder heute vielleicht Greta Thunberg bedeutet, unmittelbar zu handeln. Und Handeln heißt: Antwort mit dem eigenen Leben geben. Das muss nichts Großartiges sein und findet bei den meisten von uns sicher nicht auf weltpolitischer Bühne statt. Vielleicht teilen wir Suppe aus im Obdachlosenheim, pflanzen einen Baum oder halten einfach schweigend die Hand des Menschen, der das gerade braucht. Wir wissen, was zu tun ist, wenn wir der Weisheit unserer inneren Stille lauschen, die uns mit der Ganzheit, dem großen Intersein verbindet.



Ich bin in dem Alter, in dem man ab und an, vorerst noch spielerisch, darüber nachdenkt, wie der Moment des Übergangs in das andere Sein sich wohl anfühlen wird. Ich hoffe, mich wird eine nie erfahrene große Stille aufnehmen. Meine innere Stille ist vorerst noch klein, aber sie spricht seit vielen Jahren zu mir und sagt mir leise, was ich tun und was besser lassen soll. In letzter Zeit ist sie etwas bedrückt. Sie findet Aktionen wie „Fridays for Future“ sehr wichtig, befürchtet aber, dass die Menschen in Gefahr sind, ihren inneren Frieden zu verlieren. Sie sehe, sagt meine Stille, viel Wut, Erschöpfung und Depression bei Aktivisten, aber wenig Freude. Die Welt brauche jedoch glückliche Menschen so nötig wie reine Luft.

Vor fast dreißig Jahren sah ich den Erntemond über Plum Village aufgehen in einer Stunde der Stille und des Friedens. Die Welt in jenem Moment war rund und vollständig, nichts fehlte ihr. Nichts fehlte mir. Heute weiß ich, wie ich diese Stille auch inmitten des äußeren Lärms jederzeit berühren kann. Dann ist die Welt für einen Moment wieder und noch immer voll Schönheit und unbegreiflicher Größe. Eine Welt, die glücklich macht.

Samstag, 1. August 2020

be a bee


Ich habe gelernt, dass jede Biene sich von ganz bestimmten Pflanzen angezogen fühlt. Nur diese Pflanzen fliegt sie an, keine anderen. Die Sehnsucht nach diesen Pflanzen ist ihr Kompass. Dort, nur dort, sammelt sie Pollen und Nektar. (Andere Bienen sammeln bei anderen Pflanzen. Es kommen alle Gattungen dran.)

Ich habe gelernt, dass auch die Pflanze Sehnsucht nach der Biene hat. Mit den Pollen am Haarkleid der Biene werden ihre Stempel bestäubt; ohne Pollen würde sie aussterben. Sie lockt die Biene an mit betörendem Duft und hofft, schneller Bienenbesuch zu bekommen als ihre Schwester nebenan. Die Bienen-Gemeinschaft wiederum sehnt sich nach den Pollen und dem Nektar, weil diese ihren Nachwuchs im Bienenstock ernähren. Muss ich ausdrücklich den Honig erwähnen, der wiederum uns ernährt?

***

So folge ich dem Kompass meiner Sehnsucht. Wo Diskriminierung, Rassismus, Verachtung, Pflicht ohne Freude herrscht, Mühsal ohne Leichtigkeit, finde ich keine Nahrung. Meine Aufgabe verbirgt sich in dem, was mich anzieht. Es lockt mich an (der Duft kann betörend sein). Es will, dass ich Nahrung aus ihm sammle, Nektar und Pollen, um beides zurück in den großen Kreislauf einzuspeisen, der die Natur im Gleichgewicht hält.

So sammle ich still und unauffällig vor mich hin, Tag für Tag. Ein Lichtstrahl auf einer Mauer, eine Bewegung im Schatten eines Tores, ein Lied aus einem offenen Fenster, eine Sommernacht mit Freunden im Garten, ein Wort, aufgefangen aus einem Gespräch Fremder im Vorübergehen. Eingesammelt. Mitgenommen. Zurückgegeben in den Kreislauf des Lebens in Form eines Bildes, eines Gedankens, eines Gedichts. 

Damit die Poesie nicht ausstirbt. Die Welt würde ihren Tod nicht überleben.   

Sonntag, 26. Juli 2020

Lee Mingwei "Sonic Blossoms"


Durch den Hinweis einer Freundin habe ich den wunderbaren taiwanesischen Künstler Lee Mingwei entdeckt. Seine Arbeit betrachtet er als ganz konkretes Geschenk an die Menschen. Er bittet sie zum Beispiel, ihm reparaturbedürftige Kleidungsstücke zu bringen, die er oder seine Mitarbeiter in der Ausstellung dann eigenhändig flicken, wobei sich ein Gespräch entspinnt zwischen den beiden Menschen: zum Beispiel über die Geschichte des Kleidungsstücks und seinen Wert für den, der es repariert haben will.

Besonders berührend ist sein Projekt "Sonic Blossoms", in dem eine Sängerin oder ein Sänger jemandem ein Lied von Schubert zum Geschenk macht. Lee Mingwei hatte gerade eine Ausstellung im Berliner Gropius-Bau, die ich gern gesehen hätte.

Mehr über ihn hier: leemingwei.com

Freitag, 10. Juli 2020

Weltreise


Ich habe gelesen, dass die Balearen ab Montag eine Maskenpflicht nicht nur in öffentlichen geschlossenen Räumen anordnen, sondern auch im Freien, "sobald die Möglichkeit besteht, auf andere Menschen zu treffen". Es ist ja ziemlich wahrscheinlich, in der frischen Luft auf andere Menschen zu treffen; vielleicht geht man auch deshalb jetzt gerne raus. Ich las weiter, dass Kreuzfahrten wieder angeboten werden, vorerst für maximal eine Woche, ohne dass ein Hafen angelaufen wird. An Bord müssen sich die Passagiere "auf Temperaturmessungen, Wegeleitsysteme und eine Maskenpflicht in Fahrstühlen, Treppenhäusern und Kabinenfluren einstellen". Es wird auch nur einen eingeschränkten Speiseplan geben (keine Völlerei an überbordenden Büffetts!).

Und das alles kostet Tausende Euro.

Ich war gestern mit einer Freundin bei herrlichen 30 Grad auf Weltreise im lauschigen Botanischen Garten. Ein paar Müßiggänger lagerten unter den Bäumen im Gras, ein paar Hunde schlürften aus Teichen; als Hintergrundgeräusch das leise Wisch-Wisch der Rasensprenger.

In Tibet machte sich ein Strauch gerade bereit, demnächst aufzublühen (siehe oben). Ich hätte nicht gedacht, dass in Tibet so etwas Fragiles wächst. Wahrscheinlich meditierten seine Ahnen seit Äonen, das stärkt die Gene. Die entblößte Schulter tibetischer Mönche übersteht ja auch die härtesten Winter.


Seerosen sind ja ganz hübsch, aber in Südostasien blühte gerade der echte Lotos! 



Und natürlich gab es viele Tiere zu sehen. 

Es war wirklich lohnend, und das Ganze zum Nulltarif. Hinterher gingen wir in Thailand essen. Ohne Völlerei und Temperaturmessung.

Das mal nur so als Vorschlag für den Sommerurlaub.

Sonntag, 5. Juli 2020

Mooooond


 4. Juli 2020, 21.30 Uhr: südbadischer Mondteller


Lied vom Monde

Wind, Wind, sause,
der Mond ist nicht zu Hause;
er ist wohl hinter den Berg gegangen,
will vielleicht eine Sternschnuppe fangen,
Wind, Wind, sause.

Stern, Stern, scheine,
der Mond, der ist noch kleine;
Stern, Stern, scheine,
er hat die Sichel in der Hand,
er mäht das Gras am Himmelsrand,
Stern, Stern, scheine.

Singe, Vogel, singe,
der Mond ist guter Dinge;
er steckt den halben Taler raus,
das sieht blank und lustig aus,
singe, Vogel, singe.

Und hell wird's, immer heller;
der Mond, der hat 'nen Teller
mit allerfeinstem Silbersand,
den streut er über Meer und Land,
und hell wird's, immer heller. 

Paula Dehmel (1862-1918)