Donnerstag, 21. April 2016

SWR 2: Allein und doch nicht einsam


"Allein und doch nicht einsam. Vom Glück, nicht immer Gesellschaft zu brauchen"
Feature von Margrit Irgang aus dem Jahr 2010
SWR 2

Zum Beruf der Schriftstellerin gehört es, allein sein zu können - oft über Wochen und Monate hinweg. Oder ist es vielleicht andersherum: Wer gern allein ist, wird Schriftsteller ...?

Ich habe mich mit ein paar Menschen über das Glück des Alleinseins unterhalten, unter anderem mit Bruno Baumann, der immer wieder alleine durch die Wüste wandert.


(Leider nur als Textfassung zu hören; die von mir ausgewählte schöne Musik musste aus rechtlichen Gründen herausgeschnitten werden.)


Einige meiner Features finden Sie in der Rubrik "Rundfunk" in der rechten Spalte.
 

Dienstag, 12. April 2016

Der Kater, der vom Himmel fiel


Vor sieben Jahren hat er mich adoptiert. Stand einfach vor der Terrassentür und wollte hinein. Nun muss man wissen, dass ich eine Dachwohnung habe. Dieser Kater also war vom Himmel gefallen, es gab keine andere Erklärung. Ich hatte jahrelang überlegt, wie ich es schaffen sollte, wieder mit einer Katze zu leben, obwohl ich berufsbedingt viel unterwegs bin und meine Katze niemals in eine dieser Katzenpensionen geben würde. Selbst Betreuungs-Angebote hilfreicher Menschen musste ich ausschlagen - ich hätte unterwegs keine ruhige Minute gehabt. Der Himmel also hatte mich erhört und mir die ideale Katze geschickt: Vom damals neu eingezogenen Nachbarn im Nebenhaus, der auch eine Dachterrasse hat.

Seitdem leben wir in einer amoralischen Dreiecks-Beziehung. Nein, die wird drüben nicht gern gesehen, aber hatten Sie mal eine Katze? Dann wissen Sie, wer unter allen Umständen seinen Willen durchsetzt. Er (der Kater) empfindet mich als würdig, ihm das Bauchfell zu kraulen, ihn mit weicher Bürste zu bürsten und ihm Bällchen zuzuwerfen. Ich fühle mich geehrt. Er hat das schöne große Bodenkissen aus Seide, das ich in monatelanger Arbeit gemacht habe, zu seinem erklärt, liegt, wenn ich am Computer sitze, gern auf meinen Füßen und geht im Sommer hier ein und aus, weil immer alle Türen offenstehen (Freiburg ist die Toscana Deutschlands, Sie wissen schon). Aber der Winter, ach! Noch nie durfte ich mit dem Geliebten Weihnachten feiern, auch Silvester nicht (er hat Angst vor Lärm und liegt vermutlich zitternd drüben unterm Bett). Ja, ich habe alle Probleme, die eine Geliebte eines verheirateten Mannes hat.

Sagte ich schon, dass er eine rosa Schnauze hat und unter dem Bauch kleine braungraue Felltupfen wie ein Baby-Gepard und dass er, wenn er schläft, in ein sanft wimmerndes Schnarchen verfällt und ...

Sonntag, 27. März 2016

Ostern aus der Sicht des Zen

Piero della Francesca. Quelle: wikipedia.de

Ein anderer Blick auf das Oster-Geschehen, weder biblisch noch religiös noch psychologisch: Wiederauferstehung als die Erfahrung des Erwachens zu unserem wahren Wesen. Adyashanti schreibt:

"Jesus' life ends on the cross; that death is the great release, the great transcendence of time and space. But of course, his life doesn't really end with the crucifixion; it culminates in the resurrection, as once again Jesus comes back to the world of time and space. In the journey of awakening, when self has been annihilated and dropped away, we experience a kind of resurrection. We realize a new orientation. In other words, we are no longer the center of our individual lives, and life is no longer about satisfying oneself, not even in order to arrive at some spiritual state of development. (...)

"Das Leben Jesu endet am Kreuz; dieser Tod ist die große Erlösung, die große Überwindung von Zeit und Raum. Aber natürlich endet sein Leben nicht wirklich mit der Kreuzigung. Es findet seinen Höhepunkt in der Wiederauferstehung, als Jesus zurückkehrt in die Welt von Zeit und Raum. In der Reise des Erwachens erfahren wir eine Art Wiederauferstehung, wenn das Selbst vernichtet und aufgelöst wurde. Wir erfahren eine neue Orientierung. Mit anderen Worten: Wir sind nicht länger das Zentrum unseres individuellen Lebens, und das Leben kreist nicht mehr um die eigene Befriedigung; wir wollen nicht einmal einen Zustand spiritueller Entwicklung erreichen. (...)

"Part of the resurrection occurs when what is left in the wake of the crucifixion opens its eyes and discovers that everything it ever thought itself to be - not only ego, but all the spiritual experiences and definitions - is dead. (...) What remains is a great heartfulness, a great sense of compassion for the world. Even though the word resurrection implies a rising, it's not as if we rise above everything and everyone. Resurrection is the rising from the death of self, but there's no hierarchy in it. There's no sense of being better than, or nobler than, or more elevated than anyone else - all of that belongs to ego and self. There's just a simple, profound intimacy with all things, and with all beings, and with that which transcends all things and all beings. Life is experienced in all of its original completeness and unity.

That intimacy is the resurrected state. We see that all that we perceive is actually our own being."

"Ein Teil der Wiederauferstehung geschieht, wenn das, was im Geschehen der Kreuzigung zurückgeblieben ist, die Augen öffnet und entdeckt, dass alles, was es je geglaubt hatte zu sein, tot ist - nicht nur das Ego, sondern alle spirituellen Erfahrungen und Definitionen. (...) Was bleibt, ist eine große Herzenswärme, ein tiefes Mitgefühl für die Welt. Auch wenn das Wort Wiederauferstehung eine Aufwärtsbewegung andeutet, erheben wir uns doch nicht über alles und jeden. Wiederauferstehung ist das Aufsteigen aus dem Tod des Selbst, aber das beinhaltet keine Hierarchie. Da ist kein Gefühl, besser oder edler oder erhobener zu sein als andere. Das alles gehört zum Ego und zum Selbst. Da ist nur eine schlichte, tiefe Intimität mit allen Dingen und allen Wesen und mit dem, was alle Dinge und alle Wesen übersteigt. Leben wird in seiner Ganzheit und Einheit erfahren. Diese Intimität ist der Zustand der Wiederauferstehung. Wir sehen, dass alles, was wir wahrnehmen, tatsächlich unser eigenes Sein ist."

Aus: Adyashanti "Resurrecting Jesus. Embodying the Spirit of a Revolutionary Mystic", Sounds True, Boulder, CO

Donnerstag, 24. März 2016

Montag, 21. März 2016

Was der Tod für das Leben lehrt


"Bei dem mongolischen Tuwa-Schamanen und Schriftsteller Galsan Tschinag habe ich gelesen: 'Leben ist die andere Form des Todes'.

Wie würde es sich anfühlen, das Leben vom Tod her zu denken? Nicht das Leben absolut zu setzen und den Tod als sein gefürchtetes Ende zu sehen, sondern den Tod als Meister, der das Leben in seiner Hand hält? Mein Leben. Jedermanns Leben. In jedem einzelnen Augenblick. Würde es meinen Blick verändern? Mein Lebensgefühl? Mein Denken, meinen Tagesablauf, meine Arbeit, meine Beziehungen zu Menschen und Tieren?

Leben ist die andere Form des Todes. Das wurde mein Schlüsselsatz in jenem Winter. Wenn nicht der Tod als das außerordentliche, drohend über uns schwebende Ereignis angesehen wird, das uns dereinst erwartet, sondern das Leben als erstaunliche, auf überraschende Weise immer noch gelingende Erscheinungsform des Todes - wäre das nicht eine Revolution im Erleben, Denken und Fühlen? Ich hatte vorerst keine Ahnung, auf welche Weise ich diese neue Anschauung erproben und anwenden sollte, und noch viel weniger, wohin sie mich führen könnte. Aber es war wie im Prozess des Schreibens: Wenn ich einem stimmigen Gedanken auf der Spur bin, beginnt er in mir zu summen. Und dieser Satz summte. 

Ich würde seiner Spur folgen."

Wie ich dieser Spur folgte, können Sie lesen in: Margrit Irgang "Die Kostbarkeit des Augenblicks. Was der Tod für das Leben lehrt", Kreuz Verlag, ISBN 978-3-451-61303-6. Mehr darüber mit Klick auf das Cover des Buches in der Spalte auf der rechten Seite.

Mittwoch, 16. März 2016

Frau Irgang kocht: Linsen-Kokos-Suppe


Meine Lieblings-Suppe für alle Lebenslagen. Wärmt den Magen und die Sinne und ist ganz schnell zubereitet.

Zutaten:

150 g rote Linsen
1 große Karotte
1 kleine Stange Staudensellerie oder eine halbe Fenchelknolle
Ca. 2 cm Ingwer
1 Schalotte
1 große Knoblauchzehe
2 Tl Currypulver
Ca. 600 ml Gemüsebrühe (gern auch mehr für flüssigere Konsistenz)
400 ml Kokosmilch

Alle Gemüsezutaten würfeln. Die Schalotte mit Knoblauch, Ingwer und Curry kurz in Öl andünsten. Gewaschene Linsen, Sellerie/Fenchel und Karotte dazugeben und mit Gemüsebrühe und Kokosmilch ablöschen. Ca. 15 Minuten köcheln lassen, bis das Gemüse weich ist. Alles pürieren. Einen Tl Honig einrühren, mit Cayennepfeffer, Salz und Zitronensaft abschmecken. Mit gerösteten Kokoschips anrichten.

Guten Appetit!

Montag, 7. März 2016

Thich Nhât Hanh: Die Qualität unserer Präsenz


"Manchmal tun wir eine Menge, ohne wirklich etwas zu tun. Viele Menschen arbeiten sehr viel. Andere scheinen viel zu meditieren, weil sie etliche Stunden am Tag mit Sitzmeditation verbringen, sie singen und rezitieren, verbrennen jede Menge Räucherwerk, doch verwandeln sie niemals ihre Wut, Enttäuschung und ihre Eifersucht. All unsere Handlungen entspringen der Qualität unseres Seins. Gehen wir mit der Haltung an die Dinge heran, dass wir etwas erreichen wollen, dass wir urteilen oder etwas haben wollen, dann wird alles - selbst die Meditation - davon geprägt sein. Die Qualität unserer Präsenz ist unser kostbarster Beitrag für die Welt."  Thich Nhât Hanh





Aus dem Buch Thich Nhât Hanh "Einfach sitzen", aus dem Englischen von Ursula Richard, O. W. Barth Verlag, ISBN 978-3-426-29248-8, 8,- €

Mittwoch, 2. März 2016

Künstler der Stille #3: Frederick Franck


"Let your eyes fall on whatever happens to be in front of you. It may be a plant or a bush or a tree, or perhaps just some grass. Close your eyes for the next five minutes ... Now open your eyes and focus on whatever you observed before - that plant or leaf or dandelion. Look it in the eye, until you feel it looking back at you. Feel that you are alone with it on Earth! That it is the most important thing in the universe, that it contains all the riddles of life and death. It does! You are no longer looking, you are SEEING ..."

Frederick Franck, born in Maastricht, The Netherlands, was a true Renaissance man. He had studied medicine and worked at Albert Schweitzer's hospital in Lambarene as a dental surgeon, before he followed the calling of his heart and became a painter, sculptor, and eventually author of more than 30 books. He was a catholic and a Zen student, his spiritual vision transcended every religion. In 1959, he began to create a sculpture garden adjacent to his home in Warwick, NY, which he called "Pacem in Terris". It is dedicated to Albert Schweitzer, Pope John XXIII and Daisetz Teitaro Suzuki. But to me his spirituality reveals itself best in his drawings. Delicate, subtle lines of breathtaking beauty show us the wonders of life in a single blade of grass, a wrinkle in an old face.

In his book "The Zen of Seeing" he says: "A non-creative environment is one that constantly bombards us, overloads our switchboard with noise, with agitation and visual stimuli. Once we can detach ourselves from all these distractions, find a way of 'inscape', of centering, the same environment becomes 'creative' again. SEEING/DRAWING is such a way of inscape from the overloaded switchboard. It establishes an island of silence, an oasis of undivided attention, an environment to recover in." And this: "That which draws in SEEING/DRAWING is that which I really am, but which I cannot possibly define and label. It simply defines itself by the way it draws. SEEING/DRAWING therefore is an impossible effort as long as the ego tries to force it. Once the ego lets go, it becomes effortless."


"Schau auf das, was gerade vor dir ist. Vielleicht eine Pflanze, ein Busch, ein Baum oder etwas Gras. Schließ deine Augen für fünf Minuten ... und jetzt öffne sie und schau das an, was du vorher gesehen hast, diese Pflanze, dieses Blatt oder diesen Löwenzahn. Schau ihm in die Augen, bis du spürst, es schaut zurück. Du hast das Gefühl, mit ihm ganz allein auf der Erde zu sein. Es ist das wichtigste Ding im Universum, es enthält alle Rätsel von Leben und Tod. Es enthält sie! Du schaust nicht länger, du SIEHST ..."

Frederick Franck, geboren in Maastricht, Niederlande, war ein wahrer Renaissance-Mensch. Er hatte Medizin studiert und am Albert-Schweitzer-Hospital in Lambarene als Kiefernchirurg gearbeitet, bevor er dem Ruf seine Herzens folgte, um Maler, Bildhauer und schließlich Autor von über 30 Büchern zu werden. Er war Katholik und Zen-Schüler, seine spirituelle Vision transzendierte jede Religion. Im Jahr 1959 begann er mit der Erschaffung eines Skulpturengartens neben seinem Haus in Warwick, NY, den er "Pacem in Terris" nannte. Der Garten ist Albert Schweitzer, Papst Johannes XXIII und Daisetz Teitaro Suzuki gewidmet. Aber ich finde, seine Spiritualität drückt sich am schönsten aus in seinen Zeichnungen. Zarte feine Striche von atemberaubender Schönheit zeigen uns die Wunder des Lebens in einem Grashalm, einer Falte in einem alten Gesicht.

In seinem Buch "The Zen of Seeing" sagt er: "Eine unschöpferische Umgebung bombardiert uns unablässig mit Lärm, Aufregung und visuellen Reizen. Wenn wir uns von diesen Ablenkungen zurückziehen können und einen Weg finden, uns in unserem Inneren zu zentrieren, wird dieselbe Umgebung wieder schöpferisch. SEHEN/ZEICHNEN ist eine Rückkehr von der Überlastung unserer Nervenbahnen ins Innere. Es erschafft eine Insel der Stille, eine Oase der ungeteilten Aufmerksamkeit, ein Umfeld, in dem wir uns erholen." Und: "Was beim SEHEN/ZEICHNEN zeichnet, ist das, was ich wirklich bin, was ich aber nicht definieren kann. Es definiert sich selbst durch die Weise, in der es zeichnet. SEHEN/ZEICHNEN ist unmöglich, solange das Ego versucht, es zu erzwingen. Sobald das Ego loslässt, wird es anstrengungslos."

Hier die Webseite www.frederickfranck.org 

Donnerstag, 11. Februar 2016

Der Glanz der Welt


"Eines Tages bügelte ich. Es war ein Sommernachmittag, das Fenster stand weit offen. Ich bügelte ein Taschentuch, das ich dreißig Jahre zuvor zur Konfirmation bekommen hatte. Es war weiß und hatte einen roten Rand mit weißen Tupfen; ein dünngewaschenes Taschentuch, an den Rändern ausgefranst. Irgendwo hupte ein Auto, Kinder riefen einander etwas zu; draußen der heiße Sommertag, drinnen ich und das heiße Bügeleisen, und da geschah es: Ich sah das Taschentuch. Ich sah es nach dreißig Jahren zum allerersten Mal. Es hatte einen Glanz, der mir den Atem nahm. Es war das Schönste, was ich je gesehen hatte.

Es war weiß und hatte einen roten Rand mit weißen Tupfen.

Thich Nhât Hanh sagt: 'Blitzartig leuchtet der Augenblick auf, um sogleich wieder zu verschwinden. Wir haben nicht wenig erreicht, wenn es uns in unserem Leben auch nur ein einziges Mal gelingt, wirklich zu sehen. Haben wir das einmal geschafft, so können wir Sehende bleiben. Die Frage ist nur, ob wir genügend Entschlossenheit und Eifer aufbringen.'

Ein tiefer Einblick in das, was ist, geschieht uns in dem Augenblick, in dem wir uns selbst vergessen. Wir vergessen, dass unser Rock nicht der neuesten Mode entspricht und unsere Haare gewaschen werden müssten. Wir sind weder mit unserer Vergangenheit noch mit der Zukunft beschäftigt, wir planen nichts, wir bedauern nichts. Es ist, als entstünde für den Bruchteil einer Sekunde ein Vakuum, ein Raum, in dem unser bewusstes Ego nicht anwesend ist. Der Tag ist heiß, das Ego macht ein Nickerchen, während wir (wer ist eigentlich dieses Wir?) tun, was wir zu tun haben. Bügeln vielleicht. Draußen hupt ein Auto, Kinder rufen einander etwas zu. Und da ... findet Sehen statt. Es ereignet sich, einfach so, in dem Vakuum, das entstanden ist. Das Leben spricht sich aus, unerwartet, ungerufen. Es überschüttet uns mit einem Glanz, der stärker ist als alles, was wir je erfahren haben. Der Träger des Glanzes ist ein Hund mit Flöhen. Ein Torbogen, in dem eine Katze schläft. Ein Taschentuch mit einem roten Rand und weißen Tupfen."

Aus: Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-06740-2 (4. Auflage von "Zen-Buch der Lebenskunst")

Erhältlich bei der Buchhändlerin Ihres Vertrauens.
Mehr über das Buch mit Klick auf das Buch-Cover auf der rechten Seite.

Mittwoch, 3. Februar 2016

Gott aber spielt

Ein Vogel aus Gottes Spielkiste beim Landeanflug. Photo credit: David Nyblack.

"Spiel braucht kein Ziel. Darum kann das Spielen immer weitergehen, solange die Spieler es für sinnvoll halten. Schließlich tanzen wir ja nicht, um irgendwo hinzukommen. Wir tanzen im Kreis. Eine Symphonie endet nicht, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Genau genommen hat sie keinen Zweck. Es ist spielerische Sinnentfaltung, die sich in jedem ihrer Rhythmen, in jedem Satz und jedem Thema offenbart. Sinn zu feiern, darum geht es. Menzlers Kanon ist eine der großartigsten Überflüssigkeiten des Lebens. Wann immer ich ihm zuhöre, erkenne ich aufs neue, dass einige der überflüssigsten Dinge die notwendigsten für uns sind, weil sie unserem menschlichen Leben Sinn verleihen.

Diese Art von Erfahrung benötigen wir, um unsere Weltsicht zu korrigieren. Gar zu leicht neigen wir zu der Vorstellung, dass Gott diese Welt aus einem bestimmten Zweck erschuf. Wir sind dermaßen im Zweckdenken verfangen, dass wir uns sogar Gott als zweckgebunden vorstellen. Gott aber spielt. Die Vögel eines einzigen Baumes sind Beweis genug, dass Gott sich nicht mit einer göttlichen No-Nonsense-Haltung daran macht, eine Kreatur zu schaffen, die auf perfekte Weise den Zweck eines Vogels erfüllt. Was könnte dieser Zweck auch sein, frage ich mich. Es gibt Kohlmeisen, Schneefinken und Amseln, Sprechte, Rotkehlchen, Stare und Krähen. Der einzige Vogel, den Gott nie geschaffen hat, ist der No-Nonsense-Vogel. Öffnen wir unsere Augen und Herzen, dann sehen wir schnell, dass Gott ein spielerischer Gott ist, ein Gott der Muße."

David Steindl-Rast