Dienstag, 4. November 2014

Geistige Freiheit


"Wenn du dein Hier und Jetzt unerträglich findest und es dich unglücklich macht, dann gibt es drei Möglichkeiten: Verlasse die Situation, verändere sie oder akzeptiere sie ganz. Wenn du Verantwortung für dein Leben übernehmen willst, dann musst du eine dieser drei Möglichkeiten wählen, und du musst die Wahl jetzt treffen. Dann nimm alle Konsequenzen an. Keine Ausreden. Keine Negativität. Keine psychische Verschmutzung. Halte deinen inneren Raum sauber."

Eckhart Tolle

Das klingt für Menschen, die keine Meditationserfahrung haben, im ersten Moment etwas streng, nicht wahr? Tatsächlich ist diese Praxisanweisung der Weg in die innere Freiheit. Was tun wir im Allgemeinen, wenn wir uns in einer unangenehmen Situation befinden? Wir jammern und klagen, beschweren uns (beim Partner, beim Nachbarn, beim Chef, beim Leben), versuchen uns auf tausend Arten Glück zu beschaffen oder ignorieren unser Gefühl, machen weiter wie zuvor und werden immer unglücklicher. 

Das Sitzen auf dem Kissen in der Meditation aber erlaubt keine Ausflucht. Wir sehen die Situation, wie sie ist: Job verloren, Partnerin lässt sich scheiden, Mutter ernsthaft krank. Leugnen und Jammern raubt uns die Kraft, eine kluge Antwort auf das zu finden, womit das Leben uns konfrontiert, und es gibt immer nur drei mögliche Antworten: die Situation verändern, sie voll und ganz akzeptieren oder aufstehen und gehen.

Das nennt Eckhart Tolle "den inneren Raum sauber halten". Ich nenne es geistige Freiheit. Ein Geist, der sich nicht mit unnötigen Gedanken belastet, hat eine große Weite und Klarheit. Wir brauchen dringend Menschen, die geistig frei sind, keine Vorurteile haben, Meinungen als veränderbar erkennen, Lügen durchschauen und Einsicht in komplexe Zusammenhänge haben.

Deshalb: Halte deinen inneren Raum sauber!

Donnerstag, 30. Oktober 2014

"Leuchtende Stille" auf Niederländisch


Soeben erschienen: Mein Buch "Leuchtende Stille" auf Niederländisch. Übersetzt von Piet Hermans. Asoka Verlag, Rotterdam. ISBN 9789056703318, €19,90

"Margrit Irgang beschrijft in haar nieuwe boek de zoektocht naar en de confrontatie met de centrale vraag van zen en van het leven: Wie ben 'ik'? In Stralende Stilte heeft Margrit Irgang gekozen voor een bijzondere vorm van vertellen. Want hoe laat zen zich omschrijven? Irgang beschrijft de overeenkomsten tussen de kwantumfysica en het boeddhisme. Ze deelt haar ontmoetingen met Poolse Joden en schrijft over de jaarlijkse loop van de natuur. Margrit Irgang neemt de lezer mee op haar eigen ontdekkingsreis waarin zij de betekenis onderzoekt die zen in haar leven heeft gehad en nog steeds heeft.
Een prachtige, persoonlijke collectie van alledaagse momenten, gedachten en herinneringen. Voor degenen die zich net als de schrijfster inspannen hun eigen spiritualiteit tot ontwikkeling te brengen."

Sonntag, 19. Oktober 2014

Ein Taoist zu Besuch auf meinem Balkon


„Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“

Dschuang-Dsi Buch II in der Übersetzung von Richard Wilhelm

Samstag, 11. Oktober 2014

Die Stille stirbt nicht.


O Mosteiro de Santa Maria de Alcobaca, eines der großen Klöster im Herzen von Portugal, in der tiefen Ruhe eines heißen Spätsommertags. Ich sitze in der Zeitlosigkeit. Vor Jahrhunderten haben die Zisterzienser diesen Ort mit Stille aufgeladen, und die Stille hat überlebt, weil die Stille stärker ist als jeder Lärm, der nichts ist als ein Ausdruck unserer inneren Unruhe. Sobald wir zur Ruhe kommen, entfaltet sie sich: Die Stille, die der Urgrund des Seins ist, immer da, geduldig darauf wartend, dass wir sie endlich wahrnehmen. Die Stille, die uns trägt, weil wir die Stille sind.

Ein einziger winziger Vogel singt für mich und den claustro do sîlêncio an diesem Nachmittag. Die Mönche sind nicht gestorben, weil die Stille nicht sterben kann. Ich sehe ihre weißen Kutten durch die Schatten des Kreuzgangs wehen; die Mönche gehen sanft und lautlos, fast auf Zehenspitzen, damit wir, die Lebenden, nicht erschrecken vor so viel Stille und Zeitlosigkeit.

So werden auch wir einst behutsam und leise auftreten, damit jene, die wir jetzt lieben und auch dann noch lieben werden, nicht erschrecken. Denn auch wir werden nie gestorben sein, weil wir die Stille sind, die nicht stirbt.

Ich kann es sehen, hier, an diesem heißen Spätsommertag tief im Herzen des alten Portugal.

(Die Fotos zeigen die Klöster Alcobaca, Batalha und Mosteiro dos Jerónimos in Lissabon)

Dienstag, 7. Oktober 2014

The walls that separate us from others. Die Mauern, die uns von anderen trennen.


"Opening to discomfort is the basis of transmuting our so-called 'negative' feelings. There is nothing wrong with negativity per se; the problem is that we never see it, we never honor it, we never look into its heart. Instead, we are always trying to get rid of it by punching someone in the face, by punishing ourselves, or by repressing our feelings. If we just try to get rid of negative feelings, we don't realize that those feelings are our wisdom.

You can only go into the unknown when you have made friends with yourself. By beginning to look clearly and honestly at ourselves - at our emotions, at our thoughts, at who we really are - we begin to dissolve the walls that separate us from others. Somehow all of these walls, these ways of feeling separate from everything else and everyone else, are made up of opinions. They are made up of dogma; they are made of prejudice. These walls come from our fear of knowing parts of ourselves.

When we feel resentful or judgmental, it hurts us and it hurts others. But if we look into it we might see that behind the resentment there is fear and behind the fear there is a tremendous softness. There is a very big heart and a huge mind. To experience this we begin to make a journey, the journey of unconditional friendliness toward the self that we already are."

Pema Chodron
American Buddhist nun


"Sich dem Unbehagen zu öffnen ist die Basis für die Verwandlung unserer sogenannten 'negativen' Gefühle. Negativität an sich ist nicht falsch. Das Problem ist, dass wir sie nie sehen, nie wertschätzen, ihr nie ins Herz blicken. Stattdessen versuchen wir sie dauernd loszuwerden, indem wir jemandem ins Gesicht schlagen, uns selbst bestrafen oder unsere Gefühle unterdrücken. Wenn wir nur versuchen, negative Gefühle loszuwerden, erkennen wir nicht, dass solche Gefühle unsere Weisheit sind.

Du kannst nur ins Unbekannte gehen, wenn du dich mit dir selbst befreundet hast. Indem wir uns selbst klar und aufrichtig anschauen - unsere Emotionen, unsere Gedanken und den, der wir wirklich sind -, beginnen wir die Mauern aufzulösen, die uns von anderen trennen. All diese Mauern - dieses Gefühl, von allem und allen getrennt zu sein - sind aus Meinungen aufgebaut, aus Dogmen, aus Vorurteilen. Diese Mauern entstehen aus der Angst, Teile von uns selbst wahrzunehmen.

Wenn wir ärgerlich oder kritisch sind, verletzen wir uns und andere. Aber wenn wir uns darauf einlassen, sehen wir vielleicht, dass sich hinter dem Ärger Angst verbirgt und hinter der Angst eine unendliche Sanftheit. Da ist ein sehr großes Herz und ein großer Geist. Um dies zu erfahren, begeben wir uns auf eine Reise, die Reise der bedingungslosen Freundlichkeit dem Selbst gegenüber, das wir bereits sind."

Pema Chödrön
Amerikanische Buddhistische Nonne der Shambhala-Tradition 

(An dieser Stelle ein Dank an David Niblack für die großzügige Erlaubnis, seine Fotos zu verwenden.)

Mittwoch, 24. September 2014

"Wunderbare Unvollkommenheit" in 4. Auflage


Früher hieß es "Zen-Buch der Lebenskunst", seit der 3. Auflage heißt es "Wunderbare Unvollkommenheit".

Kleine Leseprobe: "Als Buddha Shakyamuni starb, baten seine Mönche ihn um ein letztes Wort, um einen Hinweis, wo sie nach seinem Tod die Lehre finden könnten. Buddha Shakyamuni soll geantwortet haben: 'Seid euch selbst eine Lampe.' Eine authentische Zen-Praxis ist unser Weg zur Befreiung. Wir suchen nicht mehr in Schriften und Lehren unser Heil, wir wenden uns an keine äußeren Autoritäten mehr. Wir begreifen mit allen Fasern unseres Seins, dass wir alles Wissen haben, das wir brauchen - wir müssen es nur berühren und es uns zunutze machen. Wir sind uns selbst eine Lampe.

Ein Künstler des Lebens also zündet sein Lämpchen an, schultert sein (inzwischen sehr leichtes) Bündel und wandert durch seine Tage, unbekümmert um das Wetter oder die Meinung anderer Menschen über ihn."

Jetzt ist die 4. Auflage erschienen, in einer kleinen Reihe in guter Gesellschaft:



Vielleicht eine Geschenk-Idee? Bald ist Weihnachten, es liegen ja schon Lebkuchen in den Läden ...

Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit. Das Zen-Buch der Lebenskunst", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-06740-2

Mittwoch, 17. September 2014

SWR 2: Gedanken gehen lassen


Meditation muss nichts mit Religion zu tun haben. Viele Menschen sehen sie einfach als Praxis, die ihnen hilft, ein bewussteres, gelasseneres Leben zu führen. Aber welche Intention auch immer jemand hat, mit der Meditation zu beginnen: Wer sich zum ersten Mal auf ein Kissen oder einen Stuhl setzt und hört, er solle "die Gedanken loslassen", wird ein wenig fassungslos sein über das Geschwätz in seinem Kopf, das er vielleicht bisher gar nicht wahrgenommen hatte. Ihm wird gesagt, er solle sich als Berg betrachten und die Gedanken als Wolken, die am Berg vorüberziehen. Er oder sie fühlt sich aber so gar nicht als Berg, eher wie eine im Wind wirbelnde Tüte voll Luft, und die Gedanken wollen keineswegs vorüberziehen, im Gegenteil: Sie lassen ihn nicht los und schleifen ihn an einer Leine hinter sich her. Der Meditationsschüler durchlebt ein Drama, in dem es um Wünsche, Hoffnungen, Wut, Neid und jede Menge Gelüste geht, obwohl er sich keinen Zentimeter von seinem Kissen weg bewegt hat.

Über das, was einem Anfänger in der Meditation (wir alle bleiben immer Anfänger!) geschehen kann, und warum es sich dennoch lohnt, dabei zu bleiben, habe ich ein Feature für SWR 2 gemacht: "Gedanken gehen lassen. Meditation jenseits von Religion". Neben anderen interessanten Gesprächspartnern habe ich Ulrich Ott gewonnen, der das Buch "Meditation für Skeptiker" (O. W. Barth Verlag) geschrieben hat.

Hier ist der Link zum Hören der Sendung.

Donnerstag, 11. September 2014

Die beiden Wölfe

Gunnar Ries Wikipedia

Draußen heulte der Sturm ums Zelt; drinnen saß der alte Cherokee-Indianer und erzählte seinem Enkel eine Geschichte.

"In mir wohnen zwei Wölfe", sagte er, "und die beiden Wölfe sind in einen schrecklichen Kampf verstrickt. Der eine Wolf ist dunkel - er ist Wut, Hass, Neid, Gier, Arroganz, Ablehnung, Minderwertigkeitsgefühl, Schuldgefühl, Lüge, Überheblichkeit und Ichsucht. Der andere Wolf ist hell - er ist Mitgefühl, Großzügigkeit, Liebe, Gelassenheit, Demut, Freude und Wahrhaftigkeit."

"Wow!" sagte der Junge beeindruckt. "Das ist ja schrecklich, Großvater."

"Nun ja", sagte der Indianer, "die beiden Wölfe kämpfen in jedem Menschen, auch in dir."

Dem Jungen wurde etwas unbehaglich. "Tatsächlich?" fragte er leise. "Und welcher Wolf gewinnt?"

Der Cherokee sagte gelassen: "Der, den du fütterst."

Samstag, 6. September 2014

Die Sommersammlerin


Beim Aufbruch noch der Morgendunst über den Weinbergen. Die Bauern sind schon auf den Feldern, einer schwenkt den Hut, als ich vorbeikomme. Ein Hund begleitet mich ein Stück Wegs, dann bin ich allein. Wind in meinem Haar, Sonne auf der Haut, ein Stein im Schuh. Stille und der Geruch nach frisch geschnittenem Gras.

Wie ein Eichhörnchen seine Nüsse sammle ich Sommer für den Winter. Ich werde auch in diesem Winter wieder viel mehr Sommer brauchen, als ich sammeln konnte. Weil ich eine nachlässige Sommersammlerin bin; mal war es mir zu heiß, und ich habe den Sommer mit Rolladen ausgesperrt, mal hatte ich zuviel zu tun, um mich ums Sommersammeln zu kümmern. Erst jetzt, wo es schon fast zu spät ist, fange ich mit der Sommervorratshaltung an. Als Eichhörnchen wäre ich schon vor Jahren verhungert.

Aber morgen, morgen gehe ich wieder los.