Montag, 24. Juli 2017

"Und da weißt du auf einmal: das war es."


Erinnerung

von Rainer Maria Rilke

Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.


Das ist einer der schönsten Texte über das Leben im Augenblick, den ich kenne, obwohl oder weil er gar nicht davon spricht. Rilke spricht vielmehr vom Versäumen des Augenblicks. Dieses Gedicht zu lesen tut mir etwas weh. Wie viele Augenblicke habe ich mit der Erwartung von etwas Großem vergeudet? Und die Größe dessen, was ist, nicht gesehen?

Ich ziehe mich ein wenig zurück zur Sommer-Meditation. In der kleinen Pause, die hier im Blog entsteht, spricht das Gedicht von Rilke. Nicht vergessen: Dies ist es! 

Dies ist es schon.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Das Tomaten-Monster


Im April habe ich im Gartencenter ein Cocktail-Tomaten-Pflänzchen gekauft. 20 cm hoch für 2,50 EUR. Ich dachte, das sieht hübsch aus auf meinem Balkon: Zwischen blauer Hortensie, weißer Rose und Lavendel eine Handvoll leuchtend roter Tomätchen.

Das Pflänzchen misst inzwischen 1,70 m, und weil die Bambusstange, die es stützt, nicht größer ist, hat es sich entschlossen, in die Breite zu wachsen. Die unteren Zweige haben einen Durchmesser von ca. 3 cm, die Sache hält. Der dicke rechte Zweig kriecht am Boden entlang (die Balkonseite ist nicht mehr begehbar), der linke erkundet interessiert die Schlafzimmertür. Er hat schon bemerkt, dass er sich auf der Klinke gemütlich ablegen kann; aus den Blüten werden bald Früchte sprießen, da will er sich rechtzeitig eine feste Unterlage schaffen.

Sobald ich den Balkon betrete, beginnen sie zu rufen. Sie rufen sehr rot und nachdrücklich. Hier! schreien einige, nimm uns! Nein, uns! rufen andere, nimm uns! Einige springen mir in die Hand, wenn ich sie nur angucke. Die Nachbarn, mitfühlende Abnehmer, sind in Urlaub.

Kleiner Auszug aus dem Koch- und Speiseplan der letzten Wochen: Tomatensalat,Tomate mit Mozzarella und Basilikum, Pasta mit Tomatensauce, Bruschetta mit Tomaten, Tomaten-Käse-Toast, Tomaten-Cassoulet.

Man könnte sagen, ich habe da einen Kauf getätigt, der sich gelohnt hat. Ein echtes Schnäppchen.

Könnte man sagen.

(Wer auch von Tomaten heimgesucht wird, lese die Kommentare - klick auf "Kommentare" unten. Da werden Rezepte geteilt.)
 

Mittwoch, 12. Juli 2017

Adyashanti "Jesus, der Zenmeister"


Ich schätze den amerikanischen Zen-Lehrer Adyashanti sehr; von meinen Retreats mit ihm kam ich jedes Mal inspiriert und erfüllt von innerer Weite zurück. Deshalb habe ich dem Herder Verlag sein Buch "Resurrecting Jesus" zur Übersetzung vorgeschlagen. Das Lektorat hat auch sofort zugesagt, und jetzt ist "Jesus, der Zenmeister" in meiner Übertragung aus dem Amerikanischen erschienen. Ich finde, sowohl Christen als auch Buddhisten sollten dieses Buch lesen, denn es übersteigt jede religiöse Form.

Weil er in seiner Zen-Praxis etwas vermisste, wandte sich Adyashanti den christlichen Mystikern zu. Sie wiesen ihn auf Jesus hin, und in den Evangelien fand er, was er vermisst hatte: die Liebe. Und sein eigenes tief gehendes Erwachen befähigte ihn, in Jesus den erwachten Geist zu erkennen.

"In der westlichen Kultur haben die meisten von uns sich angewöhnt, Jesus als die Verkörperung der höchsten Form von Ethik und Moral zu sehen - er ist der gute Hirte, wir sind die Herde, und er zeigt uns den Weg. Das ist der Jesus der Kirche; die Kirchen sind sehr angetan von Jesus als ethischem und moralischem Priester. Das macht Sinn, denn die ethische und moralische Dimension ist Teil dessen, was jede Religion am Leben hält, was sie entwickelt und in die Kultur hinein vermittelt. Aber wenn das alles ist, was wir in der Jesus-Geschichte sehen, werden wir blind für die darunterliegende Transzendenz, für das Strahlen der Präsenz von Jesus. Ohne dieses transzendente Strahlen wird Jesus nur eine weitere Figur in der langen Geschichte moralischer und ethischer Propheten."

Adyashanti lädt uns stattdessen ein, die Jesus-Geschichte mythologisch zu lesen und jeden ihrer Aspekte auf uns selbst zu beziehen: "Wir beginnen zu fragen: 'Was meinen die Metaphern für mich?' Wenn wir Jesus nicht nur als historische Figur ansehen, die geboren wurde und gelebt hat, auf der Erde wandelte, lehrte, seine Botschaft verkündete und schließlich am Kreuz starb, sondern Jesus auch als eine zeitlose lebendige Gegenwart betrachten, als eine Metapher für die Ewigkeit in uns selbst, können wir beginnen, den inneren Raum zu betreten, in dem wir die Söhne und Töchter von Gott werden."

Adyashanti befasst sich mit der Bedeutung der jungfräulichen Geburt, den Versuchungen, den Dämonen, den Gleichnissen und erzählt, was es nach seiner eigenen Erfahrung mit der Verklärung auf sich hat. Und alles, auch die Kreuzigung, hat mit uns selbst zu tun.

Meine Lese-Empfehlung für alle, die nach einer Spiritualität jenseits der Riten und Dogmen von Religionen suchen: Adyashanti "Jesus, der Zenmeister", aus dem Amerikanischen von Margrit Irgang, Herder Verlag, ISBN 9-783-451-376894.

(Ich muss das jetzt als Werbung kennzeichnen - neues Gesetz.)

Ich habe den Klappentext, der (wie der Titel des Buches) nicht von mir ist, erst jetzt gelesen und möchte ihn korrigieren: Adya ist sehr früh zum Zen gekommen, und in der christlichen Sonntagsschule, die er gleich wieder verließ, hat er sich gelangweilt. 

Sonntag, 9. Juli 2017

Ein Sommertag

 

 Mit dem Frühzug auf den Berg. Die meisten Menschen schlafen noch. Ein paar Segler machen ihre Boote klar. Leise plätschern die Wellen ans Ufer, eine Möwe schreit. Der Geruch nach frisch geschnittenem Gras. Den Weg von Aha nach Schluchsee habe ich fast für mich allein. Ein großes Pfauenauge begleitet mich eine Weile. Ein Windchen weht. Später Kartoffelsuppe. Noch später Eiskaffee.

SOMMER!

Freitag, 7. Juli 2017

Sommernachts-Musik: Eriks Esenvalds



"Only in Sleep" des lettischen Komponisten Eriks Esenvalds, gesungen vom Trinity College Choir, Cambridge.

Am besten hört man es zwischen 22 und 24 Uhr, wenn die Welt ganz still geworden ist. Und der eigene Geist nicht mehr schwätzt. 

Dann ereignet sich die Magie der Musik von Esenvalds: Sie öffnet einen Raum, in dem wir schwerelos werden. Kleine Astronauten im All. 

Und unter uns die Erde ist blau.

Dienstag, 27. Juni 2017

Schnipp Schnapp II



Immer noch 32°.
Also noch was schnippeln.

Und kalten Marajuca-Orangen-APFELsaft trinken.

Schnipp Schnapp I findet man hier.


Mittwoch, 21. Juni 2017

Sara Maitland "Das Buch der Stille"


"Ich sitze auf der Eingangsstufe meines kleinen Hauses mit einer Tasse Kaffee und schaue ins Tal hinunter auf die außergewöhnliche Aussicht auf Nichts. Das ist einfach wunderbar. Virginia Woolf hat uns in ihrem berühmten Essay die Einsicht vermittelt, dass jede Autorin ein Zimmer für sich allein braucht. Was meiner Meinung nach aber längst nicht genügt. Ich brauche ein ganzes Moor für mich allein. Oder, wie eine pikierte, doch offensichtlich einfühlsame Freundin kommentierte, als sie zu Besuch kam, um sich meine neueste Marotte anzuschauen: "Das gibt es nur bei dir, Sara - zwanzig Meilen Aussicht auf praktisch rein gar nichts!" Tatsächlich ist da aber gar nicht "nichts" - da sind die Wolkengebilde und die verschiedenen Bewegungen von Schilf und Gräsern, da gibt es Heide und Farn im Wind und wechselnde Farben, nicht nur im Jahresverlauf, sondern auch im Verlauf eines Tages, während sich Sonne und Wolken verändern und weiterwandern ..."

Sara Maitland, britische Roman- und Sachbuchautorin, hat ihr Haus in der Stille gefunden. Und kann nun endlich ein Buch schreiben über ihre jahrzehntelange Reise in die Stille und durch die Stille. Sie erzählt von Wanderungen im schottischen Hochmoor, Aufenthalten auf Inseln und der absoluten Stille in der Wüste. Sie erzählt, wie und wo Eremiten, Weltumsegler und Polarforscher die Stille gefunden haben und spricht über die Freuden und Gefahren von Stille. Was für ein fundiertes, gut recherchiertes Buch. Aber Stille ist ja eins meiner Lieblings-Themen, und ich vermisse hier einen wesentlichen Aspekt von Stille.

Für Sara Maitland ist Stille von äußeren Bedingungen abhängig; deshalb sucht sie entlegene Orte auf, und Stille, Schweigen und Alleinsein sind für sie nicht zu trennen. Sie betet drei Stunden am Tag, liest, denkt nach. Sogar auf ihrer Wüstenreise saß sie, abgesondert von ihrer Gruppe, in einer Felsspalte und las. Wer jemals eine Woche in einem Schweige-Retreat verbracht hat, weiß, dass der größte Lärm nicht außen, sondern innen ist: das unablässige Kommentieren, Beurteilen, Abwägen, Hoffen und Befürchten, das im Geist abläuft. Mit Verblüffung habe ich gesehen, dass dies für Sara Maitland kein Thema ist, im Gegenteil: Sie sucht die Stille auch, um nachdenken zu können und "eine bessere Autorin" zu werden.

Einmal vergleicht sie die Stille der christlichen Mystiker mit jener der Buddhisten. Der Christ, sagt sie, stelle seine Beziehung zu Gott durch seine Persönlichkeit her, die immer erhalten bleibe; der Buddhist dagegen wolle sich im Nirvana oder der Erleuchtung auflösen. Dieses falsche Verständnis von Buddhismus begegnet mir häufig. Der Mensch mit seiner "Persönlichkeit", also seiner eigenen Ausdrucksform des Göttlichen, löst sich natürlich nicht auf; wer Zen und andere buddhistische Meditationsformen praktiziert, kann erkennen, dass er Nirvana und erleuchtetes Sein ist. Der Urgrund des Seins ist Stille - deshalb ist das tiefste Wesen des Menschen die Stille. Um das erkennen zu können, muss man nicht unbedingt allein sein; gerade eine Gruppe schweigender Menschen in einem Retreat kann ungemein tragend sein und die Stille und somit die Erfahrung vertiefen. Letztendlich ist nicht einmal Schweigen eine Bedingung: Wenn man die Praxis der Alltags-Meditation gelernt hat, steigen auch die Worte aus der Stille auf und sind von Stille durchtränkt.

Mir scheint, es ist genau diese Stille, die Sara Maitland im Tiefsten sucht, aber sie ist ihr noch nicht ganz geheuer. Denn sie hat schon bemerkt, dass das Eintauchen in die Stille sich nicht gut verträgt mit dem Erzählen von Geschichten, die einen "Plot" verlangen, eine Dramaturgie brauchen und die Existenz von Anfang und Ende suggerieren. Sie erkennt: "Ich möchte Stille schreiben", weiß aber noch nicht, wie das gehen soll.

Auf jeden Fall ist dies ein kundiges, eloquent formuliertes Buch über die Stille, geradezu ein Standardwerk zum Thema. Ich finde es schön, dass der kleine und feine Verlag edition steinrich das Buch jetzt auf Deutsch herausgebracht hat. Es ist wie ein Spiegel, in dem wir unsere eigene Erfahrung von Stille überprüfen können. Sara Maitland "Das Buch der Stille", übersetzt von Karin Petersen, edition steinrich. 

(Wegen Rechtsunsicherheit als Werbung gekennzeichnet.)

For my English speaking readers: Sara Maitland "A Book of Silence" has been published by Granta Books.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Eivor "On my way to somewhere"


Sie ist so jung. Und der Text ihres Liedes ist so sehr Anfang, Aufbruch. Alles ist noch möglich, auch das Scheitern. Alles ist offen. Die Fragen sind noch nicht durch Antworten zum Schweigen gebracht.

Sie erinnert mich an mich, als ich noch jünger war als sie und nur für die Musik lebte. Nächte hindurch mit Freunden sang und spielte. Auftrat, wo immer sich eine Möglichkeit bot. Mit dem Chor oder der Gruppe. Eine große Zeit; nie wieder wird es so sein. Ich bin froh, sie erlebt zu haben.

Eivor Pálsdóttir von den Färöern. Inselmusik. Nördlich und ganz klar. Gut für heiße Sommernächte.


Montag, 29. Mai 2017

Schnipp schnapp


Kleine kreative Lockerungsübung.
Oder: Die Dichterin hat hitzefrei.

Hier erzählt Taija von der Poesiekiste, die sie in München mit Schnippel-Poesie füllt.


Und hier ist die Urmutter aller poetischen Schnipsel-Collagen. Ein Wunderbuch: Herta Müller "Vater telefoniert mit den Fliegen". Erschienen bei Hanser. Es gibt noch ein zweites: "Die blassen Herren mit den Mokkatassen". Ebenfalls bei Hanser.

Herta Müller hat einen eigenen Schrank für ihre Schnipsel, die in die Tausende gehen. Ich habe nur einen Schuhkarton, und auch der ist nur halb voll. Für eine Nicht-Nobelpreisträgerin finde ich das ausreichend.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Die Welt schickt Botschaften

Eine Wolke? Keine Wolke?

"Das Universum versucht ständig, uns zu erreichen und uns etwas zu lehren oder uns etwas zu sagen, aber wir weisen es dauernd zurück. Wir sind nicht interessiert daran, die Symbole oder die Zeichen, die auftauchen oder uns geschehen, wahrzunehmen. Aber jetzt können wir die Symbole genau und direkt erfahren. (...) Die Basis der Meditationspraxis ist das Interesse und die Aufmerksamkeit für jede Aktivität, in die wir eingebunden sind, unser ganzes Leben lang, in jedem einzelnen Moment. Sobald wir aufhören, die Welt abzulehnen, stürzt sich die Welt auf uns. Symbole drängen sich uns geradezu auf. Wahrnehmungen und Erkenntnisse, die alle Arten von Wirklichkeiten betreffen, nehmen Gestalt an. Symbole sind überall, rechts und links und vorne und hinten." Chögyam Trungpa

Diese Aussagen des tibetischen Tulkus Chögyam Trungpa stammen aus Vorträgen, die er in den USA für Künstler gehalten hat. Nun muss man wissen, dass "Dharma Art", wie es in der von ihm gegründeten Shambhala Schule genannt wird, eine Lebenskunst ist, die alles umfasst: "... wie man kommuniziert, wie man spricht, wie man kocht, wie man seine Kleidung und die Nahrungsmittel im Supermarkt auswählt - jedes kleine Detail." Dieselbe Auffassung also wie mein "Zen als Lebenskunst". Um dies zu praktizieren, brauchen wir Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Moment, völlige Wachheit für das, was sich gerade zeigt. Sobald wir uns in dem Geschwätz unseres Geistes verlieren, ist die Verbindung mit der Lebendigkeit und Fülle des Augenblicks zerrissen.

Aber vielleicht wollt Ihr ja nicht nur Lebenskünstler sein, sondern in einem Medium künstlerische Aussagen machen. Kein Widerspruch, sagt Trungpa. Aus dieser Wachheit und Klarheit entstehe mühelos auch die klassische Kunst - das Bild, die Fotografie, die Kalligrafie, das Gedicht, das Blumengesteck. "Dann beginnen wir, mit der Wahrnehmung des Objekts einfach zu sein, ohne es zu akzeptieren oder zurückzuweisen. Das ist eine Art von Stillstand, in der Kommentare und Bemerkungen unwichtig werden; wichtig ist allein das Sehen der Dinge, wie sie sind." 

Sind das nicht zwei Aussagen, die sich widersprechen, die "Dinge, wie sie sind" und das Thema "Symbol"? Für uns Zen-Praktizierende (die wir Wahrnehmungs-Experten sind) ist das kein Widerspruch. Wenn sich im alten Griechenland zwei Freunde für längere Zeit trennen mussten, brachen sie beim Abschied einen Tonring in der Mitte durch. Jeder Freund bekam eine Hälfte dieses symbolon.. Bei der Wiederbegegnung nach vielen Jahren dienten die beiden Hälften, die zusammenpassten, als Erkennungszeichen: Ja, er ist es wirklich, mein Freund. Ein Symbol ist also laut Wikipedia "eine Sache oder ein Zeichen, das für etwas anderes steht".

In der Zen-Tradition gibt es diese bekannte Aussage: Wenn der Schüler mit der Praxis beginnt, sind die Berge einfach nur Berge. Nach langer Zeit der Übung erkennt er plötzlich, dass die Berge gar keine Berge sind. Übt er aber nach dieser Erkenntnis immer weiter, kommt der Tag, an dem die Berge wieder Berge sind.

Die "Dinge" der Welt - der Berg, die Ameise, der Apfel, der Geliebte - sind zugleich sie selbst und ein Symbol. Zuerst betrachten wir als Künstler ihre äußere Form und Beschaffenheit: das zarte Gelb des Apfels, das in kleinen grüngelben Strichen hinüberführt in eine Art rostiges Rot. Die Felsspalte hoch oben am Berg, durch die, wie wir nach einer Weile des geduldigen Schauens erkennen, ein Rinnsal fließt. Und dann - wir wissen nicht, wie und warum das geschieht - öffnet sich auf einmal die Form und schickt uns eine Botschaft in Gestalt einer fühlbaren Energie oder einer plötzlichen Erkenntnis in unserem Geist. Wir sehen: der Berg ist viel mehr als ein Berg, der Apfel viel mehr als seine äußere Form. Das ist der Moment, in dem wir zum Pinsel, zum Bleistift, zur Kamera greifen. Wir haben wirklich gesehen - und die Welt hat sich geöffnet.

Dann kehren wir zurück in unsere Alltagswelt mit unserem Bild, dem Gedicht, der Erkenntnis, und der Apfel ist wieder ein Apfel, der Berg ist wieder ein Berg. Aber wir sind nicht mehr dieselben. Wir haben das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen gesehen, haben eine Botschaft von einer anderen Wirklichkeit empfangen, die sich durch die Dinge der Welt unablässig ausspricht. Vorher hatten wir nur die eine Hälfte des symbolon, die äußere Gestalt der Dinge. Jetzt haben wir die zweite Hälfte gefunden, und sie passt.

Wie wäre es, jeden Tag oder jeden zweiten oder dritten eine Stunde dem wirklich tiefen Sehen zu widmen? Mit Bleistift oder Kamera oder einfach mit weit offenen Augen und Ohren. Sehen, ohne das Gesehene zu kommentieren, zu beurteilen oder einzuordnen. Lauschen. Spüren. Und auf die Botschaft warten, die ganz bestimmt kommen wird.

Diesen ganzen warmen Sommer lang. Wie wäre das?